Basis der Konsumgesellschaft - Spiekermann, Uwe
    Broschiertes Buch

Ohne Konsum keine Industriegesellschaft - ohne Einzelhandel keine Industrialisierung. Diesen einfachen Zusammenhang rückt die vorliegende Gesamtdarstellung der Geschichte des Einzelhandels im 19. Jahrhundert systematisch in den Mittelpunkt historischer Analyse. Vor dem Hintergrund eines tiefgreifenden Wandels von Zahl, Form und Betrieb erweist sich der Handelssektor als Vorreiter moderner Dienstleistungen, als unverzichtbare Basis der entstehenden Konsumgesellschaft.…mehr

Produktbeschreibung
Ohne Konsum keine Industriegesellschaft - ohne Einzelhandel keine Industrialisierung. Diesen einfachen Zusammenhang rückt die vorliegende Gesamtdarstellung der Geschichte des Einzelhandels im 19. Jahrhundert systematisch in den Mittelpunkt historischer Analyse. Vor dem Hintergrund eines tiefgreifenden Wandels von Zahl, Form und Betrieb erweist sich der Handelssektor als Vorreiter moderner Dienstleistungen, als unverzichtbare Basis der entstehenden Konsumgesellschaft.
  • Produktdetails
  • Verlag: C.H.Beck
  • Erscheinungstermin: 10. März 1999
  • Deutsch
  • Gewicht: 986g
  • ISBN-13: 9783406448744
  • ISBN-10: 3406448747
  • Artikelnr.: 07922815
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

In einer ausführlichen Besprechung feiert Paul Nolte diesen an sich so trockenen und mit Statistiken gespickten Band als Rehabilitation der Konsumsphäre in der deutschen Wirtschaftsgeschichtsschreibung, die die Sphäre der Produktion immer vorgezogen habe. Nebenbei entdecke man, wie viele der scheinbar so heutigen Probleme dieses Sektors - Handelsketten versus Einzelhandel, Barzahlung versus Kredit - von Anfang an das Spannungsfeld ausmachten, das ihn definiert. Vielfach habe man das Gefühl: „Es ist alles schon einmal da gewesen“. Spiekermann zeige auch, dass die deutsche Konsumgesellschaft keineswegs erst in der Adenauer-Ära, sondern „mindestens ein halbes Jahrhundert früher“ entstanden sei. Auch erweise sich bei Spiekermann, wie sehr die Entstehung des Ladengeschäfts eine Revolution gewesen sei. Hier hätte sich die zivilisierende Wirkung des Kapitalismus gezeigt: Im Ladengeschäft war der König Kunde, und es wurde zuerst bedient, wer zuerst eintrat, und nicht, wer sozial überlegen war.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 02.11.1999
Ich könnte ständig kaufen geh'n, kaufen ist wunderschön
Nur die Historie muss den Konsum erst wiederentdecken: Uwe Spiekermanns Geschichte des Kleinhandels stimuliert die Nachfrage / Von Paul Nolte

In der Küchenschublade liegt, sorgsam gehütet, das Heftchen mit den eingeklebten Rabattmarken, und frühmorgens findet man, neben der Zeitung, die Brötchentüte vor der Haustür. Gelegentlich klingelt es, ein Hausierer bietet Seife oder Rasierklingen feil. Erinnerungen an eine längst versunkene Welt des Kleinhandels und des Konsums im neunzehnten Jahrhundert, vielleicht noch in der Weimarer Republik? Nein, Kindheitserinnerungen um 1970, aus der Mitte der alten Bundesrepublik.

Sie werden wachgerufen durch ein Buch, dem man das auf den ersten Blick nicht zutraut, weil es sich gelehrt, nüchtern und faktengeladen präsentiert und lieber auf die Evidenz von Zahlen, von Grafiken und Tabellen stützt als auf die Sammlung persönlicher und impressionistischer Erinnerungen. Und doch leistet es, wenn man sich auf die etwas spröde Lektüre einlässt, das Beste, was man von einem historischen Buch erwarten kann: Aus der Verfremdung der modernen Lebenswelt führt es seine Leser zu ihrer Wiedererkennung.

Uwe Spiekermann hat die Geschichte des Kleinhandels in Deutschland im späteren neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert geschrieben und sieht in ihr eine überwältigende Erfolgsgeschichte: die Grundlegung unserer heute viel beschworenen "Konsumgesellschaft", ja, des Funktionierens der modernen Wirtschaft überhaupt. Mit "Kleinhandel" oder "Detailhandel" ist nicht der Krämer an der Ecke gemeint, sondern es ist der (heute meist durch den Begriff "Einzelhandel" ersetzte) Terminus technicus für den Verkauf an den Endverbraucher im Gegensatz zum Großhandel; und dieser Verkauf vollzog sich, nicht zuletzt das ist das Thema des Buches, seit dem späten neunzehnten Jahrhundert immer mehr in großbetrieblichen Formen: in Kauf- und Warenhäusern, in umsatzstarken Genossenschaften oder in den Filialbetrieben einer "Ladenkette". Das leuchtet unmittelbar ein, und diese Linie lässt sich weiterziehen bis zu den heutigen Verbrauchermärkten an den Rändern der Städte.

Aber Spiekermann will zunächst etwas anderes zeigen: Es waren gerade die traditionellen und kleineren Formen des Einzelhandels, die vor allem in der Zeit des Kaiserreichs maßgebliche Innovationen im Verkauf trugen und auf eine außerordentlich dynamische Weise die Hauptlast der Modernisierung des Einkaufens und Verkaufens übernahmen. Von der demonstrativen Pracht der Berliner Warenhauspaläste sollte man sich also nicht allzu sehr blenden lassen. Das ist die erste Hauptthese des Buches. Ein zweites Argument betrifft die Chronologie. Nicht erst in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre, nicht erst mit Ludwig Erhards Versprechen eines Kühlschranks für jeden Haushalt hielt die Konsumgesellschaft in Deutschland Einzug, sondern mindestens ein halbes Jahrhundert früher wurden ihre Grundzüge festgelegt und, das darf man nicht vergessen, in teils heftigen Konflikten erstritten, gegen die unsere jetzige Ladenöffnungsdebatte nur ein Sturm im Colabecher ist.

Drittens schließlich: Wir sollten uns abgewöhnen, so das vehemente Plädoyer des Autors, beim Stichwort "moderne Wirtschaft" nur an Produktion, oder, noch enger, an Industrie und Industrialisierung zu denken. Ohne den Konsum des Endverbrauchers, der auch erst erdacht und erfunden und in Regeln und Formen übersetzt werden musste, ist die Industrialisierung nicht denkbar. Die Konsumrevolution begleitete die Industrielle Revolution und schuf mit ihr die Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft des zwanzigsten Jahrhunderts; sie war aber auch kulturell mindestens ebenso folgenreich wie der Übergang zum industriellen Produktionsbetrieb.

Versteht sich das alles nicht von selbst? Die deutsche Geschichtswissenschaft hat sich mit dem Konsum lange Zeit besonders schwer getan; die Wirtschaftsgeschichte hat sich für Handel und Distribution wenig interessiert. In England und Amerika ist das anders. Die Anfänge der Konsumgesellschaft sind dort längst bis weit in die Frühe Neuzeit zurückverfolgt worden, und man streitet darüber, ob die Industrielle Revolution mit ihrer Produktion von Massengütern des täglichen oder periodischen Bedarfs nicht eher von einem Nachfrageboom der Konsumenten im achtzehnten Jahrhundert ausgelöst wurde als durch technische Innovationen in der Produktion.

Das hat manchmal ein wenig den Beigeschmack des "Henne-und-Ei-Problems", aber es weist, weit jenseits des wissenschaftlichen Disputs, doch sehr deutlich darauf hin, dass andere westliche Länder über ein viel tiefer verankertes Selbstverständnis als Konsumentengesellschaft verfügen, während die Deutschen sich bis heute am liebsten als ein Industrievolk sehen: Nur widerstrebend schreitet man in die Dienstleistungs- und Servicegesellschaft ein; industrielle Arbeitsplätze gelten vielen immer noch als irgendwie besser und produktiver - darin wirken längst versunken geglaubte Debatten des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts nach, in denen die volkswirtschaftliche Produktivität des Handels bestritten und moralisch bezweifelt wurde.

Das einmal in langfristiger Perspektive mentalitätsgeschichtlich zu verfolgen wäre ein Thema für sich; jedenfalls wird die Konsumgeschichte hierzulande gerade erst wieder entdeckt, nachdem sie lange Zeit nur in Nischen - etwa bei Hans-Jürgen Teuteberg in Münster, dem Doktorvater Spiekermanns - gepflegt worden war. Wiederentdeckt jedoch deshalb, weil die damit zusammenhängenden Probleme - die Versorgung einer rasch wachsenden Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, die Existenzsorgen kleiner Händler angesichts großbetrieblicher Konkurrenz, der kulturelle Umbruch einer monetarisierten Wirtschaft und vervielfältigten Warenwelt - den Zeitgenossen in der Zeit des Kaiserreichs sehr deutlich vor Augen standen und auch ihren Niederschlag in zahlreichen Denkschriften und Enqueten, Parlamentsdebatten und Verbandspamphleten gefunden haben. Aus diesem Material kann der Verfasser, obwohl er irritierenderweise immer wieder mit einer vermeintlich schlechten Quellenlage kokettiert, reichlich schöpfen, und er beweist dabei auch große Akribie und Findigkeit, wenn es beispielsweise um die Auswertung von Adressbüchern auf der Suche nach einem lokalen Netz von Ladengeschäften geht: Hamburg und München werden immer wieder, zur Verdeutlichung der nationalen Entwicklung, vertiefend und vergleichend betrachtet.

Um was geht es konkret? Die beiden Hauptteile des Buches schildern den "Wandel der Form", und den "Wandel des Betriebes" im Einzelhandel. Am Beginn steht die Innovation des scheinbar Selbstverständlichen und "Immer-schon-Dagewesenen": die Erfindung und allgemeine Durchsetzung des festen und dauerhaften Ladengeschäftes, das der Kunde betritt, um hier seine Ware zu erwerben. Es mag übertrieben sein, im Laden das "institutionelle Pendant zur Fabrik" zu sehen, aber in der Tat bedeutete das Ladengeschäft eine Revolution der herkömmlichen (handwerklichen oder manufakturmäßigen) Produktion und Versorgung der Bevölkerung. Das Verkaufen wurde stationär und dezentral; es wurde, im Vergleich zum Marktstand oder zum Hausierhandel, qualitätvoller (und damit teurer) und setzte sich dennoch rasch durch. Eine auf den ersten Blick sehr plausible Alternative wie die großstädtische Markthalle scheiterte um die letzte Jahrhundertwende sehr rasch auf dem "Markt" der Konsumenten-, aber auch der Händlerpräferenzen.

Vom Laden ausgehend, fächerte sich ein ganzes Spektrum neuer Betriebs- und Vertriebsformen aus: die noch stark produktionsorientierten Magazine, dann Kaufhäuser und Warenhäuser, bald auch Filialbetriebe wie "Kaiser's Kaffeegeschäft". Ältere Formen passten sich der veränderten Warenwelt und dem neuen Kundenverhalten an - so entstanden die zeitweise sehr populären Wanderauktionen, die wiederum direkte Vorläufer der heutigen Ramsch- und Sonderpostenverkäufe waren. Aber verbesserte Technik und Kommunikation ermöglichten auch ganz neue Formen: den Versandhandel, den die Verbesserung des Postwesens in der Reichsgründungszeit möglich machte, oder die Warenautomaten für Zigaretten und Süßwaren. Eine besondere Rolle spielten, darüber weiß man bereits recht viel, die Konsumgenossenschaften der Arbeiterbewegung, aber auch einzelner Betriebe wie Krupp oder mittelständischer Berufsgruppen wie der Beamten.

Damit veränderten sich, mit einem markanten Schub in den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, auch die Betriebsführung des Kleinhandels und, für den Kunden, überhaupt die Art und Weise des Einkaufens. Einerseits entstand jetzt das Ideal des "Königs Kunde", dem man höflich und kulant begegnete: ein Beispiel für die Zivilisierung der Sitten durch den Kapitalismus, das die schottischen Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts hoch erfreut hätte. Darin lag auch ein Stück Demokratisierung alltäglicher Verhaltensweisen. Die gnädige Frau musste notfalls warten, denn es galt: "Wer ist der Nächste?"

Andererseits verstärkten sich soziale Differenzen, und die schichtspezifische Segmentierung des Kaufens und des Konsums trat deutlicher hervor, begünstigt durch die zunehmende soziale Segregation der Wohnlagen in den Großstädten des Kaiserreiches. Zugleich wurde der tägliche Einkauf, Kulanz und Kundenwerbung zum Trotz, unpersönlicher. Nicht mehr der Kaufmann, sondern die Ware selber, womöglich als wiedererkennbarer Markenartikel, garantierte die Qualität des Produkts. Der Kaufmann wie die Ware mussten sich durch Reklame gegenüber der Konkurrenz behaupten. Für Spiekermann gibt es hier übrigens nichts im Stile der Tante-Emma-Nostalgie zu bejammern: Tante Emma, der selbstständige, nicht filialisierte Kolonialwarenladen an der Ecke, ist selber ein vergleichsweise junges Phänomen; und die Depersonalisierung des Einkaufens hat für die Kunden neue Freiheitsspielräume eröffnet.

Besonders spannend ist die Geschichte des Bezahlens von Ware im Kleinhandel: Bar oder Kredit, das war immer wieder die Frage, und während der Handel einerseits durch besondere Angebote wie Rabattmarken das Barzahlen zu fördern und das "Anschreiben lassen" zurückzudrängen versuchte, ersann er zugleich neue Kreditformen wie das Abzahlungsgeschäft als Vorläufer des heutigen, händlervermittelten Konsumentenkredits. Wie auch sonst bei der Lektüre dieses Buches hat man hier das Gefühl: Es ist alles schon einmal da gewesen, einschließlich freizügigerer Ladenschlusszeiten, und was uns heute als unerhörte Neuerung erscheint - sei es die nicht mehr aufzuhaltende Marginalisierung des Bargelds oder die Gefährdung des "stationären" Handels durch Internet und Versand -, steht in einer ganz langen historischen Kontinuität und kann deshalb viel gelassener betrachtet werden.

Nun muss natürlich auch Kritik an diesem wichtigen Buch geübt werden. Mit allzu enzyklopädischem Anspruch kommt es daher. In der Schilderung der Details geraten die Grundlinien der Entwicklung gelegentlich aus dem Blick. Auch mehr Aufmerksamkeit für den internationalen Vergleich wäre dann möglich gewesen. So findet man immer wieder sporadische Hinweise auf amerikanische Vorbilder bestimmter Vertriebsinnovationen, doch an keiner Stelle wird das Verhältnis von "Amerikanisierung" zur "autochthonen" Innovation diskutiert. Der Nexus zwischen dem Konsum und der Produktionsseite der Industrialisierung wird mehr behauptet als nachgewiesen. Und schließlich hat der Wirtschaftshistoriker Spiekermann an der sozialgeschichtlichen Dimension seiner Konsumgeschichte wenig Interesse. Konsument und Konsumentin als soziale Rollen bleiben diffus; sozialräumliche Prozesse könnte man wesentlich genauer verfolgen, in der innerstädtischen "Konsumökologie" ebenso wie im Verhältnis zwischen der Stadt und dem agrarischem Um- und Hinterland.

Dass die Konsumrevolution auch eine "Kulturrevolution" war, kann man diesem Buch kaum entnehmen. Man muss dabei gar nicht nur an die in letzter Zeit manchmal überstrapazierte Kultur der symbolischen Formen denken, die in der kommerzialisierten Warenwelt repräsentiert wird, sondern wünschte sich auch einen genaueren Blick für die moralische Bewertung des Konsums, für die in den zeitgenössischen Debatten ebenso wie im täglichen Kaufverhalten stets präsente Dimension der Wirtschaftsethik und moralischen Ökonomie. Hier liegen zunächst einmal Fakten auf dem Tisch. Wer über die Konsumgesellschaft in Deutschland diskutieren will, muss dieses Buch kennen - man wünschte sich freilich, der besseren Rezeption wegen, eine leichter zugängliche Kurzfassung. Aber auch als sperriger Wälzer könnte Spiekermanns Buch ein Signal sein - nicht nur für die Konsumgeschichte, sondern auch für die notwendige Wiedergewinnung der Ökonomie in der deutschen Sozial- und Kulturgeschichte.

Uwe Spiekermann: "Basis der Konsumgesellschaft". Entstehung und Entwicklung des modernen Kleinhandels in Deutschland 1850 bis 1914. Schriftenreihe zur Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Band 3. Verlag C. H. Beck, München 1999. 786 S., br., 198,- DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr