Produktdetails
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin
  • Seitenzahl: 309
  • Abmessung: 230mm
  • Gewicht: 568g
  • ISBN-13: 9783882212860
  • ISBN-10: 3882212861
  • Artikelnr.: 08960298
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 11.01.2002

Lob der Nymphe
Andrea Brambergers Versuch einer Phänomenologie der Kindfrau
Manche Bücher ersticken förmlich an sich selbst. Andrea Brambergers Monographie über die Kindfrau huldigt einer pseudostrukturalistischen Vernebelungsprosa die mit vielen Worten wenig sagt. Dabei tritt Bramberger ihren Ausflug ins Reich der Nymphchen und Nymphophilen mit edlem Vorsatz an: Jenen Moralisten, die Kindfrau und Kindesmissbrauch in einem Atemzug nennen, hält sie die Metaphysik der Kunst entgegen. Nicht Dutroux’ mörderischer Bande, sondern Dantes Beatrice gilt ihr Augenmerk.
So rückt ein ästhetisches Phänomen in den Mittelpunkt, das eine Galerie fiktiver wie lebensweltlicher Geschöpfe beseelt: Neben Mignon, Lulu und Lolita treten Nastassja Kinski, Vanessa Paradis oder Charlie Chaplins elfengleiche Gespielinnen auf den Plan. Was aber macht die „KindFrau” aus, wie lässt sie sich typologisieren? Die meisten Erkenntnisse des Buches hat man so oder ähnlich schon anderswo gelesen, zuletzt in Michael Wetzels Untersuchung über „Mignon. Die Kindsbraut als Phantasma der Goethezeit” (1999). Die Kindfrau ist, so sehen es Bramberger wie Wetzel gleichermaßen, weder Mädchen noch Frau, weder kindlich noch erwachsen, weder sexuell noch asexuell. Sie besetzt den Raum, der sich zwischen den Polen gegensätzlicher Zuschreibungen auftut.
So weit mag man Andrea Brambergers Studie folgen, wiewohl objektive und subjektive Aspekte mitunter verschwimmen. Ob die Kindfrau erst im Auge des begehrenden Betrachters entsteht, bleibt ungewiss. Was Mythos ist, was Spiegelung, was Realität, lässt die Autorin gleichfalls offen. Statt dessen zitiert sie pathetische Phrasen von Zeitgenossen der Jahrhundertwende. So kommt etwa Fritz Wittels ausführlich zu Wort, ein Schüler Freuds und Mitarbeiter der „Fackel”. Wittels erhob die Kindfrau zum Vorbild, zum Gegenmodell jenes emanzipierten „Mannweibes”, das vielen damals auf den Geist ging: Die Nymphe weise den Weg zur Lösung der Geschlechterfrage – ein ursprüngliches, unverdorbenes Geschöpf jenseits zivilisatorischer Defloration. Statt Wittels’ Entwurf historisch einzuordnen, begnügt sich Andrea Bramberger mit einer simplen Denkfigur: „Authentizität schlechthin” verkörpere die Kindfrau, die sich vom schieren „Konstrukt” zum „kollektiven Realen” entwickelt habe, zur „Kopie ohne Original”. Wie so etwas vonstatten geht und welche Authentizität hier überhaupt beschworen wird, wüsste man doch gern.
An dieser wie an anderen Stellen zeigen sich methodische und begriffliche Mängel, die das modische Etikett der Transdisziplinarität nicht retuschieren kann. So siedelt Brambergers Untersuchung im weiten Feld von historischer Anthropologie, cultural und gender studies, sie beackert ihren Gegenstand unterschiedslos von allen Seiten. Doch wo die Ordnung fehlt und die Konturen verblassen, verliert sich die Darstellung im Dunst widersprüchlicher Andeutungen.
Nicht zufällig verbannt Bramberger den womöglich spannendsten, weil unbekanntesten Teil ihrer Erkundung in einen fotografischen Anhang: Unter dem Titel „Assoziation Kindmann” versammeln sich hier rund drei Dutzend Herren von Mozart bis Adorno, von Nietzsche bis Hitchcock und Bruce Chatwin. Sie alle eint, wie die Autorin behauptet, der „Widerstand gegen die Erwachsenenwelt”. Auf einen weitergehenden Hinweis, eine schlüssige These gar muss der Leser freilich auch diesmal verzichten.
Andrea Brambergers Traktat hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Ein sachkundiges Lektorat hätte dieser Habilitationsschrift sicher nicht geschadet. Ganz abgesehen davon, dass sprachliche Entgleisungen aller Art – von „kontroversiell” bis „am meisten beachtetste” – zu finden sind. Wenn solche Fehlleistungen sogar an der akademischen Spitze anstandslos passieren, darf sich kein Ordinarius über die Ignoranz seiner Studiosi beklagen.
DORION
WEICKMANN
ANDREA BRAMBERGER: Die KindFrau. Lust Provokation Spiel. Matthes & Seitz, München 2001. 330 Seiten, Abb., 29 Euro.
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Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Ein "schaler Nachgeschmack" bleibt bei Dorion Weickmann nach der Lektüre von Andrea Brambergers Habilitationsschrift zum Phänomen der Kindsfrau zurück. Dieses Unbehagen hat verschiedene Gründe, die ihre Wurzel aber allesamt darin haben, dass die Arbeit in Weickmanns Augen methodisch und konzeptuell zu diffus ist. Begrifflichkeiten würden von der Autorin nicht richtig definiert, Objektives und Subjektives verschwimme miteinander, und darüber könne auch "das modische Etikett der Transdisziplinarität" nicht hinwegtäuschen. Bramberger "beackert" nach Weickmanns Meinung "ihren Gegenstand unterschiedslos von allen Seiten", und deshalb hält sich der Erkenntnisgewinn, den der Leser aus diesem Buch ziehen kann, auch in Grenzen. Darüber hinaus kritisiert der Rezensent auch das Lektorat, das zumindest die häufigen "sprachlichen Entgleisungen" hätte verhindern müssen.

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