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Der große Roman über China und seine neue Rolle in der Welt Der Staatskapitalismus hat gesiegt, der Gigant des Ostens ist die Weltmacht Nummer eins, Starbucks heißt jetzt Wang Wang - doch ein Mann und eine Frau wollen den Preis für den neuen Wohlstand nicht akzeptieren. Während der Westen unter einer erneuten Wirtschaftskrise leidet, floriert der Kapitalismus chinesischer Prägung. Wie scheinbar alle Bewohner des Landes genießt auch Chen, ein erfolgreicher Schriftsteller, den Wohlstand und die Harmonie - bis er auf Xiao Xi trifft, eine Frau, in die er vor vielen Jahren verliebt war. Sie ist…mehr

Produktbeschreibung
Der große Roman über China und seine neue Rolle in der Welt Der Staatskapitalismus hat gesiegt, der Gigant des Ostens ist die Weltmacht Nummer eins, Starbucks heißt jetzt Wang Wang - doch ein Mann und eine Frau wollen den Preis für den neuen Wohlstand nicht akzeptieren. Während der Westen unter einer erneuten Wirtschaftskrise leidet, floriert der Kapitalismus chinesischer Prägung. Wie scheinbar alle Bewohner des Landes genießt auch Chen, ein erfolgreicher Schriftsteller, den Wohlstand und die Harmonie - bis er auf Xiao Xi trifft, eine Frau, in die er vor vielen Jahren verliebt war. Sie ist verbittert, wittert überall Gefahr und spricht in Andeutungen über eine Verschwörung. Ein ganzer Monat, so heißt es, sei einfach aus allen Aufzeichnungen gestrichen worden - niemand erinnere sich mehr an ihn. Chen hat keine Ahnung, wovon Xiao Xi spricht, doch als sie plötzlich untertaucht, folgt er ihr zu einer Gruppe von Dissidenten und wird gegen seinen Willen in ...
Autorenporträt
Chan Koonchung wurde 1952 in Shanghai geboren und wuchs in Hongkong auf. Er war Chefredakteur und Verleger des monatlich erscheinenden Magazins City, er hat zahlreiche Filme produziert und Bücher veröffentlicht. Außerdem war er an Finanzierung und Management mehrerer Medienunternehmen beteiligt. Er ist Gründer der Umweltschutzgruppe Green Power in Hongkong und der Bio-Produktionsfirma Produce Green sowie Vorstandsmitglied bei Greenpeace International. Im Jahr 2000 zog Chan Koonchung nach Peking, um für Die fetten Jahre zu recherchieren, seitdem konzentriert er sich ganz auf das Schreiben. Er ist einer der ganz wenigen intimen Kenner Chinas, die fließend Englisch sprechen und dennoch auf dem Festland leben, also nicht ausgewandert sind.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.09.2012

Eine ironische Verneigung vor der perfiden Intelligenz des Systems

Realsatire: Die viel diskutierte, amüsant-intelligente Abrechnung des Autors Chan Koonchungs mit Chinas kollektiver Glücksseligkeit schleicht sich von hinten an.

Was wohl in Chan Koonchung vorgehen mag, wenn er, sagen wir: in einem der Pekinger "Starbucks", die Weltnachrichten verfolgt und sieht, wie die Europäer, die ihre Politik an den Finanzsektor abgetreten und sich damit selbst versenkt haben, plötzlich alle Hoffnung darauf setzen, China möge die lahmenden Volkswirtschaften aus den roten Zahlen hebeln? Ganz Ähnliches nämlich ist vorhergesagt in der prompt in China verbotenen, aber dank des Internets dort heftig zirkulierenden Realsatire "Die fetten Jahre", die der Journalist und Unternehmer Chan vor zwei Jahren in Hongkong veröffentlicht hat.

Der Haupteinwand sei gleich vorab formuliert: Die Literarisierung verdankt sich wohl einzig der Kassiber-Absicht, den Text als Roman in den Diskurs einzuschleusen. Doch die notdürftig hineinmontierte Handlung - eine Partisanen- und Liebesgeschichte - ist strukturell wie stilistisch von solcher Plumpheit, dass Chan sie besser weggelassen hätte. Denn im Grunde handelt es sich bei dem im Jahre 2013 spielenden Buch um einen frechen, anregenden, anarchischen Essay über das Machtsystem in China, eine ironische Verneigung vor der perfiden Intelligenz des Systems, dabei allenthalben Analysen und Parodie, Rückblicke und Vorhersagen, Kritik und Anerkennung mischend.

Es beginnt mit der Ahnung, dass etwas nicht stimmt, der Witterung einer Verschwörung. Das Genre ist keineswegs neu. An "Matrix" ließe sich denken, mehr noch an Douglas Couplands Roman "Generation A", denn auch bei Chan hilft die chemische Industrie dem gesellschaftlichen Glück kräftig nach. Die farblos bleibenden Figuren dienen dem Autor indes einzig dazu, möglichst viele strittige Themen der chinesischen Zeitgeschichte anzureißen: von der Kulturrevolution und den staatlichen Repressionskampagnen über die Vetternwirtschaft, die Missachtung von Rechtsstandards, die Internetzensur, die Unterdrückung der Falun-Gong- wie der Demokratie-Bewegung bis hin zur wachsenden Zahl von christlichen Untergrundkirchen und dem Aufblühen des elitären Pekinger Kunstbezirks 798.

Als Prognostiker muss sich der intime Kenner der politischen Systeme Chinas, Hongkongs und Taiwans allerdings nicht verstecken. Vorausgesagt wird in dem Buch der endgültige Einbruch der Weltwirtschaft durch eine zweite, im Jahre 2011 durchschlagende Finanzkrise, aus der China als Gewinner hervorgeht. Nach dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft im selben Jahr, so glauben hier neunundneunzig Prozent der Chinesen, begann augenblicklich "das Goldene Zeitalter", welches - Funktionärsrhetorik parodierend - auch "das post-kontroverse Zeitalter" heißt, eine einzige Glücksperiode, die ihr eigenes Geheimnis hat: "Alle sind zu ... zu glücklich. Es ist schwer zu beschreiben, auf jeden Fall sind die Leute anders, nicht völlig abgehoben high wie auf einem Trip, eher so eine Art warmes, behagliches kleines Dauerhigh."

Der weit herumgekommene Schriftsteller Chen, Zentralfigur, Alter Ego des Autors und Stammkunde von Want-Want-Starbucks (natürlich ist die Kette aufgekauft), wundert sich zwar über die eigene Selbstzufriedenheit, zumal sie ihn vom Schreiben abhält, aber er muss erst Xiaoxi treffen, eine Internetaktivistin und sofort wieder aufflammende Jugendliebe, um den allgemeinen Taumel zu hinterfragen. Allmählich findet sich das eine Prozent zusammen, das immun zu sein scheint gegen das Happy-Syndrom. Etwas übersteuert klingt zunächst die Idee eines verschwundenen Monats zwischen Absturz und Aufstieg, dem die Protagonisten auf der Spur sind. Doch die kollektive Ausblendung dieser Tage voller Anarchie und willkommen geheißener staatlicher Gewalt ("die Hölle auf Erden") ist die kaum verschlüsselte Chiffre für das kollektive Nichtthematisieren des Aufruhrs und der Repressionen von 1989. Die Fragen wachsen den Zweiflern über den Kopf, es bleibt nur eine Möglichkeit: Die Dissidenten entführen einen hohen Parteikader, einen Bekannten Chens, der ganz zufällig persönlich den großen Staatsbetrug ersonnen hat - wie gesagt: erzählerisch kein Meisterstück - und der nun, gezwungen, allzu bereitwillig Auskunft über alles gibt, was er sonst verschweigen muss.

Die lange Rede des Funktionärs über den Segen der Einparteiendiktatur ist der Höhepunkt des Buches. Hier kann Chan Koonchungs Sinn für Ironie glänzen, denn sämtliche Argumente, aufgrund derer ein guter Teil der chinesischen Intellektuellen das eigene System dem des Westens für überlegen erachtet, werden auf die Spitze getrieben einfach dadurch, dass sie sich allesamt erfüllt haben: Der Inlandsumsatz wurde per Konsum-Erlass kräftig angekurbelt. Das prosperierende China geht Bildungs-, Gesundheits- und Umweltprobleme an und sichert seinen Wohlstand mit geschickter Diplomatie ab, tritt aber nicht als Weltpolizei auf. Die geschwächten Weltmächte Amerika und Russland sind wirtschaftlich abhängig, Anleihen werden in Renminbi ausgegeben ("Panda-Bonds"), mit dem ebenfalls ökonomisch zusammengebrochenen Japan ging man ein Bündnis ein und vollendete so Sun Yat-sens Vision des Pan-Asianismus.

Dass unter derart paradiesischen Bedingungen demokratische Reformen unterdrückt und die Volksseele in künstliche Hochstimmung versetzt werden müssten, liege vor allem daran, dass sich sonst die bereits mächtigen Faschisten durchsetzten - auch das ein argumentativer Klassiker. So überzeugend ist diese Leibniz- und Thomas-Morus-Rede des "Idealisten 2.0", dass die Oppositionellen zwar noch kurz Bevormundung, Korruption, Kolonialismus und Umweltzerstörung anprangern, doch bald vor der Weitsicht der Partei kapitulieren. Dieses kleinlaute Einknicken vor der Ansicht, Opfer müssten eben erbracht werden im Sinne des großen Ganzen, enthält so viel bittere Kritik wie sie in direkter Form kaum anzubringen wäre. Dass die chinesischen Zensoren jede Diskussion über das Buch zu unterdrücken versuchten, versteht sich da von selbst, doch eine Chance hatten sie nicht: Der Titel nämlich nimmt geschickt eine oft gebrauchte Jubelphrase staatlicher Selbstfeier auf und ließ sich im Internet nicht einfach sperren.

OLIVER JUNGEN

Chan Koonchung: "Die fetten Jahre". Roman.

Aus dem Chinesischen von Johannes Fiederling. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2011. 302 S., geb., 19,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

In China verboten, bei uns und im Internet zu haben: Chan Koonchungs Realsatire "Die fetten Jahre". Oliver Jungen liest das Buch lieber als anarchischen Essay über das System China denn als Roman. Die hineinmontierten Figuren und die Handlung hätte sich der Autor seiner Meinung nach sparen können. Lieber als mit der stilistisch plumpen Partisanen- und Liebesgeschichte befasst er sich mit Koonchungs Analysen und Parodien, seiner Systemkritik und seinen Prophetien in Sachen Repression, Vetternwirtschaft, Kulturrevolution, Zensur. Das ist zuweilen bisschen überdreht, findet er, aber auch von glänzender Ironie.

© Perlentaucher Medien GmbH