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Benutzername: goldtime
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Bewertungen

Insgesamt 63 Bewertungen
Bewertung vom 03.10.2014
In den Gangs von Neukölln
Stahl, Christian

In den Gangs von Neukölln


ausgezeichnet

Yehya E. ist der Sohn palästinensischer Flüchtlinge, die kurz vor seiner Geburt in den Libanon und danach nach Deutschland kamen - vor über 20 Jahren. Da die deutschen Behörden davon ausgingen, dass Menschen wie Familie E. nach wenigen Monaten wieder in ihre Heimat zurückkehren können, ist ihr Status nur ein vorläufiger: sie bekommen kein Recht, auf Dauer in Deutschland zu bleiben und haben es schwer, sich eine gesicherte Existenz aufzubauen.
Aus dem schüchternen Jungen wird schnell ein harter Kämpfer, der nur eines will: kein "Opfer" zu sein. Schon bei den brutalen Spielen auf den Strassen Neuköllns wird Yehya zum Anführer, durch seine gewinnende Art sammelt er Menschen um sich, die ihn bewundern, aber auch fürchten. Eine Gewalttat folgt der nächsten, der Weg in die Kriminalität ist scheinbar vorprogrammiert. Doch in Yehya schlummert auch etwas anderes: die Sehnsucht nach einem sinnvollen, gesellschaftlich angepassten Leben. Doch dieses scheint für ihn unerreichbar, da er so früh zum "Intensivtäter" wurde.


Sein Nachbar ist der Reporter, ARD-Korrespondent und Autor Christian Stahl, der die ganze Familie kennt und zu Yehya eine Art Freundschaft aufbaut. Über 10 Jahre hinweg begleitet er ihn, diskutiert mit ihm stundenlang über seine Probleme, über Recht und Moral - immer in dem Glauben, dass der gute Kern in Yehya siegt, und er die kriminelle Karriere aufgibt. Doch Yehya wird mehrfach rückfällig: weil sich unter seinen Freunden fast nur andere Kriminelle befinden, weil immer wieder das große schnelle Geld lockt, weil die Wut auf die Gesellschaft Überhand nimmt.
Die Opfer sind schwer traumatisiert, die Taten sind unverständlich - und der Preis ist sehr hoch, nämlich die Freiheit.

Wer trägt letztlich die Schuld? Diese Frage wird in Christian Stahls Buch ausgiebig diskutiert.

Mich hat das Buch hin- und hergerissen: am Anfang erkennt man viele positive Ansätze bei dem Flüchtlingsjungen, der um Anerkennung kämpft und auf die schiefe Bahn gerät. Er wandelt sich zum Berater, erhält viele Chancen auf Jobs - doch die Versuchungen sind zu groß, das Ich nicht gefestigt genug, um zu widerstehen. Die Gesetzeslage trägt dazu bei, dass es nicht einfach ist, in der deutschen Gesellschaft Fuß zu fassen. Und doch gibt es immer wieder Menschen, denen dies gelingt. Was können wir tun, wo kann jeder einzelne von uns helfen? Es bleiben viele Fragen offen, auch, wie es mit Yehya nach seiner aktuellen Haftstrafe weitergeht.

Ergänzend zum Buch ist sehr empfehlenswert, den Film "Gangsterläufer" desselben Autors zu sehen, um ein umfassenderes Bild von der Persönlichkeit und dem Umfeld Yehyas zu erhalten.

Für mich ein richtig fesselndes Buch mit aktuellem Bezug, das viele Menschen - auch Politiker - lesen sollten, um Vorurteile abzubauen, und offener auf Flüchtlinge in unserem Land zuzugehen.
5 von 5 Sternen!

Bewertung vom 03.10.2014
Die Löffel-Liste (eBook, ePUB)

Die Löffel-Liste (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Die „Löffelliste“ – welch rätselhafter Titel! Dahinter verbirgt sich eine interessante Idee: eine Liste aller Dinge, die man sehen/ erleben/ tun will, bevor man „den Löffel abgibt“!
13 Autorinnen und Autoren haben sich in dieser abwechslungsreichen Anthologie hierzu Gedanken gemacht und diese in eine Kurzgeschichte verpackt. Sie handeln von Reisen zum Sehnsuchtsort, von einer abenteuerlichen Rallye durch den Regenwald, von der großen Liebe zu Walen und Delfinen, aber auch von Wut, Rache und Vergeltung. Von Reisen in die Zukunft, von Mondstaub und dem Flug der Schwalben.
Mir hat das Lesen dieses Bandes, den die Autorin Manuela Wirtz liebevoll zusammengestellt und mit einem passenden Cover versehen hat, sehr viel Freude bereitet. Einige Geschichten gingen mir sehr unter die Haut und regten zum Nachdenken an: was möchte ich noch erleben, was mit wem klären, wohin möchte ich gerne reisen? In einigen Geschichten konnte ich mich sehr gut wiederfinden, andere blieben mir eher fremd, aber interessant und anregend waren sie alle.
Fazit:
Das Lebensmotto „Carpe Diem – Fange den Tag“ wird uns hier auf unterhaltsame Weise nahe gebracht. 5 von 5 Sternen und eine Leseempfehlung an alle, die nicht nur wie eine Roboter ihre Pflichten erfüllen, sondern ihr Leben bewusst gestalten möchten…

Bewertung vom 11.09.2014
Paul ist tot
Schneider, Regine

Paul ist tot


ausgezeichnet

Ein Buch über den Tod und das Trauern - das muss nicht deprimierend und traurig sein. Das beweist Regine Schneider: sie ist Publizistin, Soziologin und Chefredakteurin einer Familienzeitschrift. In diesem umfassenden Buch lässt sie zahlreiche Frauen zu Wort kommen, die eins gemeinsam haben: sie wurden Witwe. Wie sie damit umgehen, ist äußerst unterschiedlich: da wird geweint, gelacht, geschimpft, gelobt; die Gefühle werden in Trauergruppen ausgesprochen, der Verstorbene wird im Mausoleum oder in einer simplen Dropsdose bestattet.
Die Witwen ziehen sich nicht mehr zurück, sondern schließen sich speziellen Reisegruppen an, ziehen als Granny-Au pair in die Welt - und gehen wieder auf Partnersuche.
Jedes Kapitel handelt von einem anderen Thema und wird von der Autorin in einem Fachbeitrag kommentiert. Hier findet die Leserin wertvolle Informationen und Anregungen, um den Tod des liebsten Menschen individuell zu verarbeiten.

Mich hat dieses Buch sehr überrascht - mit dieser Vielfalt an Informationen und berührenden Geschichten hätte ich nicht gerechnet. Ein Buch, das ich mit Sicherheit in Ehren halten werde, und das sich nicht nur auf den Tod des Ehemanns anwenden lässt. Es ist darüber hinaus eine Anregung, sich diesem tabuisierten Thema offen und angstfrei zu nähern, und für sich wichtige Antworten zu finden.

Bewertung vom 11.09.2014
Christiane F. - Mein zweites Leben
Felscherinow, Christiane V.;Vukovic, Sonja

Christiane F. - Mein zweites Leben


ausgezeichnet

Kein Buch hat mich in meiner Teenagerzeit so beeindruckt, wie Christiane F.´s „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ – die schonungslos ehrliche Biographie führte unsere Generation (und die weiteren) dazu, über sich selbst, die eigene Herkunftsfamilie, die eigene Zukunft nachzudenken, und das Thema Drogen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Was ist seitdem aus Christiane Felscherinow geworden? Wie hat sie weitergelebt, nachdem ganz Deutschland über sie Bescheid wusste, sie durch ihr Buch vermögend und berühmt wurde?
In ihrem neuen Buch „Mein zweites Leben“, das sie gemeinsam mit der preisgekrönten Journalistin Sonja Vucovic schrieb, gibt Christiane erneut Einblick in ihr außergewöhnliches Leben.

Aufgrund ihrer Kontakte zu Wave-Musikern wie Blixa Bargeld und Produzenten lebte sie in den 80ern als Sängerin, verbrachte einige Jahre in Griechenland bei ihrem Traummann Panagiotis, erlitt Rückfälle, durchlitt Entzüge, und ging immer wieder durch extreme Höhen und Tiefen. Nach einer harten Zeit im Gefängnis war sie zunächst clean und diszipliniert, vagabundierte wieder durch Griechenland, wurde wieder abhängig, kehrte zurück, fand Unterstützung, eine neue Beziehung – und wurde Mutter. Durch ihren Sohn lernte sie, konstant Regeln einzuhalten, zuverlässig für ihn zu sorgen, ihm Liebe und Schutz zu geben. Doch die Vergangenheit wurde ihr immer wieder zum Verhängnis – schließlich verlor sie das Sorgerecht und fast jeglichen Lebensmut. Doch Christiane gibt bis heute nicht auf, kämpft sich durch und sorgt inzwischen besser für sich selbst. Heute lebt sie in einer kleinen Berliner Wohnung, nimmt an einem Substitutionsprogramm teil und möchte ihre extremen Erfahrungen erneut weitergeben.

Mich hat auch dieses zweite Buch sehr berührt. Ich habe Christiane hierbei als eine außergewöhnlich sensible, feinfühlige und verletzbare Frau kennengelernt – aber auch als knallharte Kämpferin. Sie zeigt all ihre extremen Seiten und den Kampf um Unabhängigkeit. Sie braucht viel Freiheit, lässt sich auch durch die disziplinierte Journalistin nicht einengen, und ist auf ihre Weise doch unglaublich zuverlässig. Für mich ist aus der Antiheldin der 70er eine Frau geworden, die – obwohl gesundheitlich stark angeschlagen - die Kraft und den Mut hat, uns aufzuklären und zu warnen, ohne zu belehren. Ich bin sehr betroffen, zu lesen, wie schwer der Kampf gegen die Sucht war – und noch immer ist.

Ergänzt wird die Autobiographie durch Einschübe der Journalistin zu aktuellen Zahlen, Fakten und Hintergründen, z.B. zur Drogenszene, zu Folgeerkrankungen und zur Substitutionstherapie. Was mir hierbei allerdings fehlt, ist ein Kapitel zur Psychotherapie bei Suchterkrankungen.

Ich wünsche Christiane, dass sie den Kampf gegen die Sucht doch noch gewinnt, vor allem seelisch. Das Buch zu schreiben, ist vielleicht ein Schritt dorthin.
5 von 5 Sternen und eine Leseempfehlung für alle, die sich ohne Tabus mit dem Thema Sucht auseinandersetzen möchten, und denen diese außergewöhnliche Frau mit den sehnsuchtsvollen grünen Augen nie aus dem Kopf gegangen ist.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 10.09.2014
Hättest halt kein Kind gekriegt!
Steger, Karin

Hättest halt kein Kind gekriegt!


ausgezeichnet

Eine Mutter zwischen Kind und Karriere

Karin Steger ist eine vielbeschäftigte und gefragte Moderatorin und Sängerin, als sie ihr erstes Kind bekommt. Mit einem Schlag ist alles ganz anders: sie schafft das branchenübliche Pensum nicht, die Aufträge bleiben aus, das Bankkonto schrumpft dahin – und das Mutterglück gerät gefährlich ins Wanken. Als alleinerziehende Mutter treibt sie in Riesenschritten auf ein Burn-out zu. Am Tiefpunkt ihrer Krise erkennt sie, dass sie nicht alleine mit ihren Problemen ist: fast alle Mütter in unserer heutigen Gesellschaft reiben sich auf, um eine vorbildliche Mutter und eine ebenso flexible, belastbare Mitarbeiterin wie alle anderen zu sein. Die anderen zeigen oft wenig Verständnis, wenn Störungen auftreten: da sagen der eigene Partner, die Kollegin oder der Chef schon mal den Killer-Satz: „Hättest halt kein Kind gekriegt!“…

Die Autorin Karin Steger, geb. 1968, beschreibt auf sehr persönliche, emotionale Weise ihren Weg in die Krise hinein - und wie sie auf Umwegen wieder hinaus kam. Dabei steht immer wieder die Frage im Raum: was läuft schief in unserer Gesellschaft, in unserem Denken über die unbezahlte Leistung der Eltern, in unserer Wertschätzung Kindern gegenüber?


Ich konnte mich beim Lesen in vielen Bereichen wiederfinden, fand die Schilderungen der Autorin großteils nachvollziehbar und sehr sensibel beobachtet. Etwas schade fand ich, dass der Blick über ihre persönlichen Situation kaum hinausgeht. Die Autorin findet einen goldenen Mittelweg für sich und ihre Familie, gibt jedoch kaum Anregungen für erziehende Frauen oder Männer, deren Situation ganz anders gelagert ist (z.B., weil sie alleinstehend, auf eine Vollzeitstelle oder auf Sozialhilfe angewiesen sind, oder weil sie besondere Kinder haben). Das hätte ich mir von diesem Buch erwartet – siehe Untertitel: „Auf der Suche nach mütterlicher Identität in der Leistungsgesellschaft“!

Trotzdem gute 4 von 5 Sternen und eine Leseempfehlung für alle Frauen, die sich tagtäglich in der stressigen und dennoch wunderbaren Welt zwischen Kind und Karriere befinden!

Bewertung vom 10.09.2014
Ausgerechnet Mallorca
Nentwig, Selma

Ausgerechnet Mallorca


ausgezeichnet

Selma Nentwig, geb. 1968, beschreibt in diesem autobiographischen Buch eine Reise - um die halbe Welt, und schließlich zu sich selbst. Aktuell lebt sie auf Mallorca. Doch wie kam es dazu?

Im Anfangsteil schildert sie sehr anschaulich ihre Kindheit und Jugendzeit im "Kokon" der DDR, in einem Dorf "ohne die geringste Charme-Offensive". Da sie ein "keckes" Kind und ein (relativ) rebellischer Teenager ist, erwacht in ihr bald die Neugierde auf ein Leben jenseits von Warteschlangen und Wartburg-Autos. Gemeinsam mit drei Freunden wagt sie einen Fluchtversuch, der kläglich scheitert. Doch zum Glück wandelt sich die politische Lage, und einer großen Reise steht bald nichts mehr im Wege...
Selma gelingt der große Sprung vom Tellerrand eines spiessigen Lebens in Westdeutschland: sie bereist all die Länder, von denen sie schon immer geträumt hat. Sie lebt in Wohngemeinschaften, Familien, bei Freunden, unter Palmen... überall sammelt sie wichtige Lebenserfahrungen und lernt sich selbst immer besser kennen.

Am Ende dieser Phase erkennt sie, dass auch ein Speedboot einen schützenden Hafen sucht... für Selma liegt dieser bei ihrer kleinen Familie - und auf der besagten sonnigen Insel im Mittelmeer.
Mir hat dieses ehrliche, teils poetische, teils witzige, teils besinnliche und teils atemlose Buch sehr gut gefallen. Es liest sich sehr leicht, ist abwechslungsreich und steckt voller weiterer Geschichten rund um die liebenswerten Menschen, die sie in verschiedenen Ländern kennenlernt.
Dieses Buch macht Lust aufs Reisen - aber auch aufs Heimkommen!

Von mir 5 von 5 Sternen und eine Leseempfehlung für alle, die auf Reisen nicht nur Länder, sondern auch sich selbst entdecken können...

Bewertung vom 05.09.2014
Die Ratsherrentochter
Waldherr, Petra

Die Ratsherrentochter


ausgezeichnet

Ein wahrer Lese- Leckerbissen!
Im badischen Wympfen, 1523: in einem mörderisch kalten Winter zieht Anna Eblin mit ihrer Mutter Amalia und ihrem Bruder Peter in die Reichsstadt, um ein neues Leben anzufangen: die verwitwete Amalia hat den reichen Rastherren Steffen Brel geheiratet, um ihren Kindern und sich selbst eine gesicherte Existenz zu schaffen. Anna lernt viele Menschen kennen, die in ihrem neuen Umfeld leben und arbeiten, allen voran den geächteten jungen Henker Michael Kremer und den jungen Rat Feit Morstett, dessen draufgängerisches Gehabe die unerfahrene junge Frau beeindruckt. Ist er der geheimnisvolle und leidenschaftliche Maskierte, mit dem sie einen unvergesslichen Fasnachtsabend verbringt? - Als sich der angesehene Stiefvater als jähzorniger, trunksüchtiger Tyrann entpuppt, spitzt sich die Lage dramatisch zu: Steffen Brel wird heimtückisch ermordet, und Anna gerät unter Verdacht. Nun kann nur einer sie retten...

Petra Waldherr hat mit diesem historischen Roman ihr zweites Buch geschrieben. Sie lebt selbst in der Nähe des heutigen Bad Wimpfen und hat sich intensiv mit der Geschichte dieser wunderschönen kleinen Stadt in der Nähe Heidelbergs befasst.

Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen, weil er sich sehr gut lesen lies, weil die Handlung spannend war, und weil ich - so ganz nebenbei - jede Menge lernen konnte: verschiedene neuzeitliche Berufe wurden erklärt, das interessante Leben der Henkersfamilien und ihre Nöte wurden bestens beschrieben, außerdem ist die Sprache konsequent der damaligen Zeit angepasst. Dadurch konnte ich so richtig in die Handlung eintauchen und mit der Heldin Anna mitfiebern. Die Charaktere sind recht vielschichtig dargestellt, so dass die Helden und Heldinnen immer wieder für Überraschungen sorgten!

Fazit: ein absolut lesenswerter 5-von5-Sterne- Roman - für alle, die sich für außergewöhnliche Schicksale in den bewegten Zeiten der Reformation interessieren!