Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Herbert Huber
Wohnort: Wasserburg am Inn
Über mich:
Danksagungen: 18 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 179 Bewertungen
Bewertung vom 03.03.2015
Kleist-Handbuch

Kleist-Handbuch


ausgezeichnet

Das Kleist-Handbuch will grundlegende Informationen zu Autor und Werk geben, gleichzeitig auch wissenschaftliche Ergenisse dazu präsentieren. Aus meiner Sicht des lesenden Laien gelang das hervorragend.
Der Sonderausgabe gliedert sich in diese Kapitel:
I. Leben und Werk
II. Werke
III. Konfigurationen: Epochen und Autoren
IV. Kontexte: Quellen, Diskurse, kulturelle Codes
V. Konzeptionen: Denkfiguren, Begriffe, Motive
VI. Forschungsansätze
VII. Rezeption und Wirkung
VIII. Anhang mit 1. Auswahlbibliographie, 2. Archive, Nachlässe, Institutionen, 3. Die Autorinnen und Autoren, 4. Personenregister
Die beiden ersten Kapitel sprechen für sich, ebenso VI. – VIII. Die drei dazwischen liegenden Kapitel sollen Leben und Werk aus unterschiedlichen Perspektiven weiter erschließen.
Dazu wird in III. Kleist Stellungen innerhalb bestimmter Epochen dargestellt, dazu die Einflüsse anderer Autoren. Eigene Personenabschnitte haben Kant, Wieland, Goethe und Schiller.
Im IV. Kapitel geht es um die für Kleist relevanten Diskurse seiner Zeit. Es hat folgende Abschnitte:
1. Adel und Adelskultur
2. Anthropologie
3. Ästhetik
4. Bildende Kunst
5. Medien
6. Militärwesen
7. Moralistik
8. Musik
9. Naturwissenschaften
10. Politik
11. Recht und Justiz
12. Religion und Kirche
13. Rhetorik
14. Sozietäten
15. Theater
Im V. Kapitel schließlich geht es um Begriffe und Motive, die für Kleists Werke wichtig sind.
Diese Gliederung schaut auf den ersten Blick umständlich aus, ist aber zum Nachschlagen hervorragend geeignet.
Die Kleist-Leser greifen zuerst wohl nach den Erörterungen zu den Einzelwerken in Kapitel II. Diese Artikel sind gut strukturiert und informieren ausreichen zu Entstehung, Hintergründe und Themen. Jeder Werkartikel schließt mit einer guten Detailbibliografie.
Germanisten werden ohne dieses Kleist-Handbuch nicht mehr auskommen. Doch auch für Lesefreunde bietet das Handbuch nahezu alles, das man als Hintergrund und zum Verständnis der gut konstruierten und oft rätselhaften Werke Kleists wissen will. Es macht darüberhinaus auch Laien mit der Forschung bekannt. In ihr geht es manchmal um die Aufschlüsselung und Interpretation einzelner Sätze wie diesem aus Das Bettelweib von Locarno: „Der Marchese, der, bei der Rückkehr von der Jagd, zufällig in das Zimmer trat, wo er seine Büchse abzusetzen pflegte, befahl der Frau unwillig [...] sich hinter den Ofen zu verfügen”.Genauer geht es um das eine Wort „zufällig”. Die Diskussion dazu wird vom Autor des Artikels (35. Zufall) Peter Schnyder so lebendig dargeboten, dass auch ich als Laie gefangen wurde.
Die Sonderausgabe hat ein kaum schlagbares Preis/Leistungsverhältnis.

Bewertung vom 03.03.2015
Wie gewiss ist unser Wissen? Alles nur eine Mode der Zeit?

Wie gewiss ist unser Wissen? Alles nur eine Mode der Zeit?


sehr gut

Dieser Sammelband entstand nach einer Vortragsreihe im Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart.
Das Ziel war es anhand konkreter Beispiele zu zeigen, dass sich Wissenschaft manchmal revolutionär, d.h. mit rigorosem „Bruch mit den Perspektiven, die zum Vorwissen geführt haben” vollzieht.
Die einzelnen Vorträge tragen unterschiedlich zur Beantwortung der Titelfragen bei. Meist wird indirekt eine Antwort gegeben. Aus zahlreichen Fachdisziplinen werden Grenzgebiete des jeweiligen gegenwärtigen Kenntnissstands diskutiert. Im Mittelpunkt der Diskussion steht dann wie sich das Wissen des Fachs erweiterte und wandelte und wo derzeit Vermutungen oder Lücken auftreten. Ob der pessimistischen Metainduktion der Wissenschaftstheorie zu folgen ist (wie es die Titelfragen andeuten) bleibt offen.
Argument der pessimistischen Meta-Induktion (PMI)
Das Argument der pessimistischen Meta-Induktion (PMI) geht von der folgenden Prämisse aus:
(1) Die meisten Theorien, die in der Vergangenheit für wahr gehalten wurden, gelten heute als falsch – sie wurden widerlegt.
Sie folgert:
(2) Daher sind vermutlich auch die Theorien, die wir heute für wahr halten, falsch.
Inhaltsverzeichnis
Reinhard Brandt: Die Zeitenwende der Neuzeit
Kurt Wuchterl: Kontingenz als religionsphilosophischer Schlüsselbegriff zur Klärung von Grenzen zwischen Naturwissenschaft und Religion
Armin G. Wildfeuer: Ab wann ist der Mensch ein Mensch? Das Problem der Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens von Anfang an
Ulrich Lüke: Der Mensch – planlos zufällig oder zufallsreich geplant? Anthropologie jenseits von Evolutionismus und Kreationismus
Christoph Klein: Seltene Erkrankungen. Neue Hoffnung für Patienten und eine Chance für die Medizin
Jean-Christophe Ammann: Vereinheitlichungsbestrebungen und deren Scheitern
Bernulf Kanitscheider: Über die Grenzen des Naturerkennens
Christian Hesse: Gewissheit und Schönheit am Beispiel der Mathematik
Hans Peter Nilles: Was ist Gravitation? Über die Einheit fundamentaler Wechselwirkungen
Hans Jörg Fahr: Was ist Trägheit? Anfänge und Reife des Inertialprinzipes der Mechanik
Wilhelm Kley: Was bewegt der Mond?
Auguste Meessen: Ufos und andere erstaunliche Phänomene
Hans Jörg Fahr: Die Welt der Realitäten – nur ein Spiel der Zahlen? Warum sich mit der Mathematik unsere Welterkenntnis verändert
Walter Greiner: War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb? Über Symmetrien in den Naturgesetzen, insbesondere in der Quantentheorie
Der im Vorwort erhobene Anspruch (manchmal gibt es revolutionäre Wissensumbrüche) wird an vielen Beispielen belegt. Diese These ist aber seit Thomas Kuhn (Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen 1962) in dieser abgeschwächten Form kaum strittig. Die zweite Frage im Buchtitel „Alles nur eine Mode der Zeit?” wird explizit nicht, wohl häufig implizit beantwortet: Wissenschaft ist keine Mode, sondern fusst auf strengen Prinzipien. Die Antwort auf die erste Frage im Buchtitel „Wie gewiss ist unser Wissen?” blitzt dagegen nur gelegentlich auf. Der Vortrag von Bernulf Kanitscheider: „Über die Grenzen des Naturerkennens” erscheint mir die wichtigste Ausnahme. Er geht am besten auf die Titelfragen ein. Meist werden „nur” die derzeitigen Grenzen und offenen Fragen in der jeweilig behandelten Wissenschaftsdisziplin aufgezeigt. Wer den Sammelband unter diesem Aspekt liest wird sehr viel Neues erfahren und viele spannende Grenzgebiete zwischen Wissen und Spekulation kennenlernen. Ich habe den Sammelband mit grossem Zugewinn gelesen.

Bewertung vom 20.02.2015
Metzler Lexikon moderner Mythen

Metzler Lexikon moderner Mythen


sehr gut

Die annähernd hundert Autoren greifen 123 moderne Mythen heraus. Sie beschreiben Entstehung und beleuchten ihre Wirkung. Die Leser staunen ob ihrer Vielfalt und bei der Lektüre fallen ständig neue ein. Vollständigkeit wurde mit diesem Band aber nicht angestrebt. Entgegen der fortwährenden Aufklärung vermehren sich die Mythen in Form neuer Verschwörungstheorien in unseren Tagen unübersehbar.
Die Bandbreite des Sammelbands ist gewaltig. Von den UFOs als nicht mehr ganz so moderner Mythos geht es bis zu Lady Diana und Madonna. Manche Einträge gehen geschichtlich weiter zurück wie beispielsweise König Artur und die Ritter der Tafelrunde.
Die Autoren bewältigen die Herkulesaufgabe bravourös. Die Artikel sind klar strukturiert und auch für Laien gut lesbar. Die Mythen, die ich selbst meine gut beurteilen zu können – wie über Elvis Presley – sind stimmig und erhellend dargestellt. Man lernt verborgene Funktionweisen kennen.
Das Internet ist angemessen vertreten: als eigener Eintrag (unter Computer/Internet) und durch Mythen, die erst „dank” des Internets und TV weit verbreitet wurden: Mondlandung, 9/11, Klimawandel.

Was gewinnen die Leser und Nutzer?
Vieles in Gesellschaft und Politik vollzieht sich vor dem Hintergrund zahlreicher moderner Mythen. In der Literatur wird auf zahlreiche, auch moderne Mythen Bezug genommen. Der Sammelband kann als Nachschlagewerk zur Klärung von Entstehung und Wirkungsweise beitragen. Manchmal muss man etwas aufmerksam sein und z.B. den derzeit überall kursierenden Mythos der Islamisierung unter „Kampf der Kulturen” nachlesen.

So wie die Mythen sprießen, so vergehen sie teilweise auch wieder. Den in den Fünfzigern starken Mythos um James Dean kennt man heute kaum noch. Man liest einen knappen Hinweis unter „Hollywood”.
Manches Detail vermisste ich. Im UFO-Abschnitt (unter „Außerirdische”) fehlte mir eine Jahreszahl zur Entstehung. Das habe ich dann woanders nachgelesen.

Ein einführender Artikel über Wirkungsweise, Nutzen, Nachteile oder gar Schaden der Mythen wäre willkommen gewesen.
Wie die Herausgeberinnen betonen ist Vollständigkeit weder möglich noch angestrebt. Mir scheinen zwei Bereiche völlig zu fehlen: religiöse Mythen und Mythen aus Ernährung und Medizin. Der erste Bereich ist vielleicht auf einer ganz anderen Schiene einzuordnen oder würde den Rahmen sprengen. oder vielleicht sogar Fanatiker auf den Plan rufen. Doch der zweite Bereich über Ernährung, Körperertüchtigung und Medizin hätte einige Einträge verdient. Der Artikel „Psychoanalyse” streift das Thema nur.
Keineswegs nur für Studierende sondern hilfreich für alle, die Alltag, Gesellschaft, Politik und die Geistesströmungen unserer Zeit besser verstehen wollen.

Bewertung vom 21.11.2014
Galgenheck
Giese, Madeleine

Galgenheck


sehr gut

Der Galgenheck ist eine deutsche Vorstadtsiedlung mit ein paar ganz „normalen” Paaren und Familien und ein paar Außenseitern. Im Laufe einer Woche kommen sich die Bewohner näher (eine Art Siedlungsfest wird geplant und durchgeführt). Jeden plagen andere Sorgen, wohl dosiert passiert Außerordentliches und Ungeheuerliches, aber am Ende der Woche läuft alles wie gewohnt. Die Scheiben müßten zerspringen, die Erde sich auftun, aber es regnet nur.
Bis die Personen eingeführt sind und vor allem, bis sie Konturen gewinnen, dauert es. Manche Charaktere bleiben holzschnittartig. Die Vorortkarawane nimmt nur allmählich Fahrt auf.
Der Trick mit wechselnden Erzählperspektiven ermöglicht es den Lesern sich ihre eigenen Urteile über die Darsteller zu bilden. Unzusammenhändende Bilder verdichten sich und zeigen ein Netz von Freundschaften, Ressentiments und Abneigung.
Dazwischen fügt die Autorin Ansichten des Kater Satans ein, der anscheinend niemandem gehört, zwischen den Häusern umher schleicht und die Leute beobachtet.
Die Einschübe aus der Innensicht eines Katers mögen noch angehen, zusammen mit den lehrsamen Tageseinleitungen übertrieb es die Autorin aber und schadete dem Fortgang des Romans.
Ab der Mitte des Romans verfolgt man den deutschen Siedlungsalltag mit seiner Alltäglichkeit und Absonderlichkeit mit steigendem Interesse und will erkunden wie letztlich alles zusammenhängt und ausgeht. Wem Thornton Wilder: „Unsere kleine Stadt” (bekam immerhin den Pulitzer-Preis) zusagte, kann „Galgenheck” zum Vergleich lesen.

Bewertung vom 21.11.2014
Zur Geschichte des politischen Denkens

Zur Geschichte des politischen Denkens


sehr gut

Der vorliegende Sammelband ist dem politischen Denker und akademischen Lehrer Henning Ottmann gewidmet. Er lehnt sich an dessen neunbändige Geschichte des politischen Denkens an und will sie ergänzen. Das ist gut gelungen: aus ganz verschiedenen Perspektiven werden Aspekte des politischen Denkens von Platon bis heute ausgeleuchtet.
Viele der elf Beiträge sind historisch und ideengeschichtlich orientiert. Sie greifen verschiedene Darstellungsformen auf, wie z.B. Satire, Reiseberichte und Autobiographie auf.
Markus Schütz zeigt in „Social Media vs. Wahlzettel: Demokratie als Institution” die stärkste Relevanz zur Gegenwart. Als wichtige Komponenten einer wirklichen Demokratie arbeitet Schütz heraus:
* Macht– und Herrschaftsbegrenzung
* Rechts- und Sozialstaatlichkeit
* Pluralismus
* Volkssouveränität
* Bürgerschaftliche Partizipation
Fehlen diese Merkmale ist der Staat nicht demokratisch. Jeder Leser mag selbst beurteilen, welche Merkmale in den modernen Demokratien fehlen oder nur noch rudimentär ausgeprägt sind. Auf die im Aufsatztitel versprochenen Social Media geht der Beitrag aber kaum ein.
Für Politikwissenschaftler werden sicher viele neue Sichtweisen und Zusammenhänge aufgezeigt. Für lesende Laien sind die meisten Beiträge wohl zu speziell und damit nur selektiv aufschlussreich.

Bewertung vom 18.09.2014
Alle Galgenlieder
Morgenstern, Christian

Alle Galgenlieder


ausgezeichnet

Dieser Gedichtsammlung setzte der Autor das Motto „Im ächten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen“ voraus. Viele Galgenlieder spielen mit Begriffen und Spache allgemein.
Die Sammlung erschien im März 1905 und erhielt sich großenteils ihre Frische, ja man schätzte den Wert im Laufe der Jahrzehnte immer höher. Was für den Zeitenlauf allgemein gilt kann man auch an sich selbst feststellen. Wann immer man sich ein Gedicht daraus vorliest, wird man sich erfreuen und oft neue Gedanken und Ideen schöpfen. Das gilt sogar für diejenigen Leute, die ansonsten mit Gedichten nichts am Hut haben.
Die Galgenlieder findet man auch in zahlreichen anderen Ausgaben und natürlich auch im Web. Warum dann diese Ausgabe? Sie wurde mit lustigen und ebenso nachdenklichen Zeichnung von Hans Ticha illustriert. Die Ausstattung mit Leinenrücken und Leseband ist für den Kenner und Liebhaber. Dazu gibt es keine Alternative.
Wer Morgensterns Galgenlieder kennt wird diese Ausgabe hoch schätzen.
Wer sie noch nicht kennt, hat hier die Gelegenheit und zwar in der ultimativen Ausstattung.
Das Buch enthält nicht nur Gedichte, es ist selbst eines.

Bewertung vom 18.09.2014
Epistemic Norms (eBook, PDF)

Epistemic Norms (eBook, PDF)


ausgezeichnet

Die Aufsätze dieser Sammlung antworten auf die Fragen: Was müssen wir beachten um den Normen für Glauben, Abwägung und Zusicherung gerecht zu werden? Welche Normen sind für daraus folgende Handlungen maßgeblich?
Der Sammelband beginnt mit einer Einführung in die Problematik durch die beiden Herausgeber Clayton Littlejohn und John Turri. Sie stellen jeden der folgenden Beiträge inhaltlich kurz vor. Es folgen dreizehn Aufsätze, die ganz unterschiedliche Positionen beziehen:
Clayton Littlejohn & John Turri: Introduction
1 Berit Brogaard: Intellectual Flourishing as the Fundamental Epistemic Norm
2 E. J. Coffman: Lenient Accounts of Warranted Assertability
3 Juan Comesaña and Matthew McGrath: Having False Reasons
4 Jonathan Dancy: On Knowing One's Reason
5 John Gibbons: Knowledge versus Truth
6 Jonathan L. Kvanvig: Epistemic Normativity
7 Clayton Littlejohn: The Unity of Reason
8 Duncan Pritchard: Epistemic Luck, Safety, and Assertion
9 Ernest Sosa: Epistemic Agency and Judgment
10 John Turri: You Gotta Believe
11 Matt Weiner: The Spectra of Epistemic Norms
12 Daniel Whiting: Reasons for Belief, Reasons for Action, the Aim of Belief, and the Aim of Action
13 Sarah Wright: The Dual-Aspect Norms of Belief and Assertion: A Virtue Approach to Epistemic Norms
Ein Index erschließt die Beiträge.
Für das Verständnis der Beiträge reicht die kurze Einführung nicht aus. Man sollte zumindest das Kapitel „Assertion” (S. 238–269) in Timothy Williamson (2000): „Knowledge and Its Limits” durchgearbeitet haben, besser das ganze Buch, damit man Williamsons Argumentationsgang überblickt. Vorbereitend empfehle ich noch Patrick Greenough, Duncan Pritchard, Hg. (2009): „Williamson on Knowledge”.
Alle Beiträge haben ein anspruchsvolles Niveau. Das sollte niemand von der Lektüre abhalten, da die übergreifende Frage: „Was soll ich glauben?” wirklich alle angeht, man denke nur an die Flut von Verschwörungstheorien im Web und anderen Medien. Ganz nebenbei wird dem Leser vorgeführt, wie kontrovers im philosophisch–akademischen Bereich diskutiert wird. Es gilt immer: Lasst die Argumente sprechen!
Wer an der neuesten epistemischen Forschung interessiert ist findet hier dreizehn einzeln lesbare, aufschlussreiche Beiträge. Zum Verständnis ist allerdings einiger intellektueller Aufwand unabdingbar: es lohnt sich.

Bewertung vom 08.08.2014
Schuldlos tot. Ein Hamburg-Harburg-Krimi / Taler und Seefeld Bd.1
Forster, Angela L.

Schuldlos tot. Ein Hamburg-Harburg-Krimi / Taler und Seefeld Bd.1


weniger gut

In einer Hamburger Tierarztpraxis wird Regine Carlsen tot aufgefunden, bestialisch ermordet. Ihr Mann, der Tierarzt Volker Carlsen und seine Kollegin Brigitte Made wurden schwer zusammengeschlagen leben aber noch. Auf einer Trennglasscheibe in der Praxis steht „S. Sine Culpa”. Petra Taler, aus Bayern zugezogene Kommissarin, registriert im Umfeld der Praxis heftige Demonstrationen gegen Landverbrauch. Sie stößt auch auf abscheuliche Tierexperimente.
Hervorragendes Umfeld für einen spannenden Krimi. Der sich allmählich enthüllende Hintergrund des Falls ist ja auch einigermaßen gut konstruiert. Doch Spannung kommt nur selten auf.
Die Einteilung in kurze Schnitte (148 Kapitel und Prolog und Epilog) will Tempo erzeugen, doch das gelingt nicht: die Schnitte sind oft willkürlich. Das Schneckentempo der Ermittlungen kann damit kaum kaschiert werden. Man stimmt am Ende der Lektüre Petra zu, der klar wurde, dass der Fall ebenso kompliziert endet, wie er angefangen hat (S. 284).
Das hat zahlreiche Gründe, von denen hier nur wenige genannt werden.
Die Krimihandlung verzettelt sich in zu viele Nebenschauplätze. Sie wird durch viele überflüssige oder gar unglaubwürdige Kapitel weiter zerdehnt. So wird in einem (wenn auch nur zweiseitigen) ganzen Kapitel beschrieben, wie Petra ihr Haus verläßt.
Viele Verhördialoge werden detailliert wörtlich wiedergegeben. Das erzeugt keine Spannung sondern ermüdet den Leser. Beispiele erspare ich dem Leser dieser Besprechung.
Ich weiß nicht, wie man in Hamburg alltagssprachlich redet. Mir erschienen viele Dialoge ziemlich verquer. Hierzu gebe ich ein Beispiel. Petra zu ihrem Assistenten: „Ich denke, die Täter kannten Carlsen und Made und wussten der abendlichen Machenschaften.” Selbst wenn man in Hamburg so gestelzt redet (ich bezweifle es): Petra zog vor kurzem aus Bayern zu. Das wird als lokalfremder Kolorit oft hervorgehoben. Kaum jemand in Bayern würde so reden.
Die Konstruktion des Krimifalls in bester Hamburger Gegend ist kompliziert aber gut ausgedacht. Doch zahlreiche handwerkliche Schwächen lassen den Erzählstrom zerfließen. Wenige treffende Stegreif-Szenen retten nicht.

Bewertung vom 08.08.2014
God's Country
Everett, Percival

God's Country


ausgezeichnet

Es beginnt wie in einem typischen Westernfilm. Jock Marder beobachtet aus der Ferne, wie Banditen, die sich als Indianer verkleidet hatten, sein Haus niederbrennen, seine Frau kidnappen und seinen Hund töten.
Es wird ein „running gag”, dass er – wann immer er die Geschichte später erzählt – wegen des getöteten Hunds bedauert wird.
Jock Marder will nicht so sehr seine Frau wiederfinden als die Banditen bestrafen. Dazu heuert er den besten Fährtensucher an, den Afroamerikaner Bubba. Jock erweist sich als Hasadeur: beim Pokern verliert er sein Landstück, das er eignetlich Bubba als Preis für seine Dienste versprochen hatte.
Es folgt eine Road Movie Jahrgang 1871 auf Pferden, auf Mulis und zu Fuss, sehr turbulent und mit witzigen Dialogen. Es tauchen so ziemlich alle aus dem Western bekannten Stereotypen auf.
Natürlich baut der Englisch Professor an der University of Southern California Percival Everett jede Menge literarische und historische Bezüge ein. So wird Jock Marder gezwungen, für sich und sein Pferd zwei Gruben auszuschaufeln, darin werden sie bis zum Hals eingegraben: Becketts „Happy Days” aus dem Jahr 1960 läßt grüßen.
Dem Zweigespann Jock und Bubba schließt sich der angeblich sechzehnjährige Jake an, der sich als Bub ausgibt, sich aber später als Mädchen herausstellt: ein Topos bekannt aus Film und Roman.
Die historische und schillernde Gestalt des Colonel George A. Custer gibt sich im Roman die Ehre. Das Indianerproblem formuliert er so: „Der Barbar als solcher achtet den Grundbesitz nicht, will meinen, wir eignen uns das Land an, und die wollen es zurück, lassen nicht locker.”. Die Leser lachen, aber das Lachen sollte im Hals stecken bleiben, wenn man sich an ähnliche zeitgenössische Vorurteile und Rassismen erinnert, so gab die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis in einer TV-Show bei Michel Friedmann noch im Jahre 2010 kund: "Der Schwarze schnackselt gerne!" und deshalb sollte man die Frauen besser wegsperren, wenn Bubba in der Nähe ist.
Immerhin bringt Colonel Custer seinem Gast Jock Marder das Schachspielen bei. Ein Mann von solch hoher Kultur adelt natürlich auch seine rassistischen Vorurteile. Auch das ein Stereotyp: der moralische Barbar pflegt höchste Kultur.
Wer sich auf einen echten Western eingestellt hat muss schon nach wenigen Seiten umdenken. Wem das nicht gelingt muss zum nächsten Kiosk gehen. Da gängige Western selten glaubwürdig sind ist es auch diese Persiflage konsequenterweise nicht.
Bubba ist die einzige integre Figur des Westernspektakels. Alle anderen sind allenfalls Maulhelden. Bubba ist aber der einzige, der „dank” seiner Hautfarbe kein Held sein kann. Das bringt Percival Everett in der Schlussszene auf die Spitze. Diese verrate ich hier nicht, obwohl God's Country nicht davon abhängt. Sie ist aber ein bizarres Sahnehäubchen nach vergnüglichen Lesestunden.
Es wird ständig beklagt, dass es an humorvollen Romanen mangelt. Hier ist ein kurzweiliger, witziger Klamauk im besten Sinne, hervorragend übersetzt, der zudem bewirkt, dass die Leser über das Verhältnis der unterschiedlichen Menschen, ihren Umgang miteinander und die „political correctness” in Romanen, die in der Vergangenheit spielen, nachdenken.