Benutzer
zu den Top-Rezensenten

Benutzername: FrauSchafski
Danksagungen: 9 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 131 Bewertungen
Bewertung vom 21.12.2019
Connect
Gough, Julian

Connect


weniger gut

Connection lost

Wir haben es hier mit zwei zentralen Figuren zu tun, Mutter und Sohn, die beide schwierige Charaktere sind. Naomi, eine renommierte Neurowissenschaftlerin, ist auf dem Gebiet der Hirnforschung führend. Ihr Ziel: Eine Optimierung der Hirnstruktur. So erfolgreich sie im Job ist, so schwer tut sie sich im Umgang mit Menschen. Panikattacken drohen, wenn sie sich in die Öffentlichkeit begibt. Colt, ihr Sohn, hat es nicht besser erwischt. Er zeigt ausgeprägte Symptome von Asperger, ist gleichzeitig aber ein Genie auf dem Gebiet der Computerprogrammierung. Sein „Lebenswerk“ ist ein Online-Game, das von Millionen Nutzern bevölkert wird und parallel zur Realität funktioniert. Bedeutet, er kann über die Straße spazieren, während er ingame in einer völlig anderen Welt rumläuft. Das scheint für ihn die einzige Möglichkeit zu sein, überhaupt mit der Realität klar zu kommen, jederzeit in seine eigene Wirklichkeit flüchten zu können, wo er sich konsequenterweise meist auch aufhält. Bis zu diesem Punkt war ich völlig okay damit. Die Charaktere sind zwar sperrig, aber interessant, der Schreibstil eigen, aber nachvollziehbar. Wie das nun einmal so ist, geht etwas mit Naomis Forschung völlig schief, auf einmal sind beide in Lebensgefahr und müssen flüchten. So weit, so gut. Doch ab diesem Zeitpunkt beginnt die Story zu kippen.

Das liegt erst einmal vor allem daran, dass der Autor sich dafür entscheidet, seine Figuren mit dem Kopf und nicht mit den Füßen fliehen zu lassen. Konkret: Es wird ewig rumschwadroniert und erklärt, jede Bewegung wird analysiert, was das Tempo, welches eine Flucht bedarf, völlig rausnimmt. Spannung Fehlanzeige. Nun sollte man annehmen, das ändert sich, irgendwann muss die Story ja auf den Punkt kommen. Leider treibt der Autor das Zerdenken der gesamten Handlung so auf die Spitze, dass sie im Prinzip völlig ins Stocken gerät. Schlimmer noch, er schweift so sehr in informatischen Fachjargon und informatisches Spezialwissen ab, dass der Leser - sollte er nicht entsprechende Kenntnisse haben - völlig verloren geht.

Fazit: Für Kenner von Softwareprogrammierung ist das vielleicht ein genial erzählter Roman. Alle anderen verlieren spätestens nach der Hälfte die Verbindung. Enttäuschte 2/5 Sterne.

Bewertung vom 19.12.2019
Noah
Fitzek, Sebastian

Noah


sehr gut

Der Mensch liebt das wegsehen

Fitzeks Erstling „Die Therapie“ fand ich großartig, der war genau nach meinem Geschmack. Aber schon sein zweites Buch „Amokspiel“ war so furchtbar, dass ich der Ansicht war, ich müsse zwei Bücher von zwei unterschiedlichen Autoren gelesen haben. Also bleibe ich skeptisch, was nicht heißt, dass ich nicht dennoch das ein oder andere weitere Buch von ihm lesen werde.

„Noah“ war zum Glück wieder ein Treffer, das merke ich schon auf den ersten Seiten, die nur so dahinflogen. Schreiben und Spannung aufbauen kann Fitzek, das ist keine Frage. Schon das Handlungssetting ist interessant: Ein Mann „Noah“, wie die Tätowierung auf seine Handfläche vermuten lässt, wacht ohne Erinnerung im Versteck eines leicht paranoiden Obdachlosen auf. Nach und nach setzen sich immer mehr Puzzlestücke zusammen, die vermuten lassen, dass der gute Noah teil einer „großen Verschwörung“ sein könnte. Okay, ich gebe zu, das klingt nicht sehr innovativ, aber mehr möchte ich nicht verraten, weil ich sonst den Plot zu sehr vorwegnehmen würde.

Fakt ist - und das ist der Hauptgrund, warum mir der Thriller so gut gefallen hat - Fitzek kann auch ernst. Denn die Thematik, auf die das alles letztlich hinausläuft, ist wichtig. Eine Thematik, vor der man nicht länger die Augen verschließen darf. Danke, das ist wichtig und notwendig. Gleichzeitig wird auch deutlich, wie sehr der Autor sich in seinen Recherchen mit dem, was er da postuliert, auseinandergesetzt hat. Klar, wer den „literarischen Zeigefinger“ erheben will, muss zeigen, dass das, was er anprangert, Hand und Fuß hat. Und dadurch, dass Fitzek beides gelingt, ist dieser Thriller weit mehr als ein 08/15-Blockbuster. Vielmehr nutzt der Autor seine enorme Reichweite, um seine Leserschaft wachzurütteln. Ob das einen langfristigen Effekt hat, bleibt fraglich, denn wie wird so schön klargestellt: Der Mensch liebt das Wegsehen.

Fazit: Sebastian Fitzek hat durch „Noah“ meinen Respekt gewonnen. Respekt dafür, dass er ein Massenmedium nutzt, um durch seine Figuren Aufklärungsarbeit zu betreiben. Natürlich geht es letztlich um Unterhaltung - und Verkaufszahlen - aber das sei ihm verziehen. 4/5 Sterne.

Bewertung vom 15.12.2019
Saarperlen / Kommissarin Veronika Hart Bd.1
Kuhn, Greta R.

Saarperlen / Kommissarin Veronika Hart Bd.1


sehr gut

Eesch glaawens net, en Perl wurd eens umgebrung

So oder zumindest so ähnlich wie die Überschrift hätte ich mir die Reaktion der saarländischen Landbevölkerung vorgestellt, wenn sie erfahren, dass in Perl eine Leiche gefunden wurde. Als Ur-Saarländerin im rheinländischen Exil hatte ich ganz besondere Erwartungen an diesen Krimi.

Leider wurden sie nicht gänzlich erfüllt. Auch wenn viele wahre Dinge über die Saarländer gesagt werden, waren mir diese teils zu untypisch und austauschbar. Gerade im dörflichen Kontext hätte ich mir deutlich mehr Dialekt gewünscht, der - so sehr er vielleicht auch erst einmal sperrig für Nicht-Saarländer ist - einfach ein absolut charakteristisches Merkmal ist. Das wäre durchaus machbar gewesen, denn die „Hauptredner“ hätten durch ihren Hintergrund dennoch Hochdeutsch sprechen können - so, wie es im Saarland eben auch praktiziert wird. Da war also noch Luft nach oben, was dem eigentlichen Fall an sich aber keinen Abbruch getan hat.

Krimi-Liebhaber brauchen in diesem Fall nämlich starke Nerven, weil die hier beschriebenen Verbrechen nicht nur außergewöhnlich brutal, sondern auch sehr, sehr eklig sind. Verübt werden sie - man kann es nicht anders sagen - von einem wirklich kranken Psychopathen, weswegen wir uns hier eher im Thriller/Psychothriller-Bereich bewegen. Mir war das egal, ich bewege mich ja durchaus gerne mal in diesem Genre. Im Gegenteil fand ich den gesamten Plot ziemlich kurzweilig und einfallsreich, darüber hinaus hat die Autorin eine sehr fesselnde Schreibweise. Außerdem mag ich Kommissarin Veronika Hart, eine taffe, authentische, starke Frauenfigur, von der ich gerne noch mehr lesen möchte. Das Ende war etwas zu viel des Guten, was dem doch sehr positiven Gesamteindruck aber keinen Abbruch tut.

Fazit: Dieser lesende Ausflug in meine Heimat hat Spaß gemacht und schreit nach Wiederholung. Für ein Debüt ist das eine tolle Leistung, da verzeiht man gerne kleinere Schwächen.

Bewertung vom 08.12.2019
POPPY (eBook, ePUB)
Korten, Astrid

POPPY (eBook, ePUB)


sehr gut

Ein Kind bekommt eine Stimme

Astrid Korten hat ein mutiges und wichtiges Buch geschrieben. Mutig, weil sie darin die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte eines Kindes aufgreift, das über Jahre von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht wird. Das ist kein Spoiler, das ist eine Tatsache, der man sich vor der Lektüre bewusst sein muss. Denn damit wird klar: Das ist alles andere als eine leichte Lektüre.

Die Autorin beweist ein großes Einfühlungsvermögen in ihre Figur. Poppy ist echt, von ihrer kindlichen Naivität bis hin zu Verzweiflung und Wut einer nahezu Erwachsenen. Im Zentrum steht eine allumfassende, kaum zu ertragende Hilflosigkeit. Einer Hilflosigkeit, die daraus entsteht, dass die ihr schutzbefohlenen Menschen um sie herum wegsehen und sie an keiner Stelle auf Unterstützung hoffen darf. Dieses Kind führt in seinem Leid ein Schattendasein zwischen dem allein auf oberflächlichem Wohlstand ausgerichteten Dasein der Mutter und deren viele Jahre älterem neuen Mann, der Poppy seine ganze Aufmerksamkeit schenkt. Je jünger Poppy ist, umso verdeckter geschieht der Missbrauch. Auch in ihrem Erzählen geschieht er zwischen den Zeilen. Aber dass etwas nicht stimmt, beschleicht den Leser genauso schnell wie die Sechsjährige, die noch nicht einmal genau in Worte fassen kann, was mit ihr geschieht.

Schicksale wie Poppys sind auch heute noch allgegenwärtig. Es gibt Studien, die davon ausgehen, dass 3 von 10 Kindern Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch haben. Und noch immer wird weggesehen, werden die Opfer allein gelassen in ihrem Schmerz, ihrer Wut, ihrer Verzweiflung. Dass Poppy an dieser Erfahrung nicht zerbricht, dass sie überlebt, ist allein ihrer unglaublichen Stärke zuzuschreiben. Dafür verdient sie allen Respekt den man aufbringen kann. Denselben möchte ich auch der Autorin aussprechen, die Poppy stellvertretend eine Stimme geliehen hat und ein Thema aufgreift, über das niemand gerne spricht, egal, in welcher Zeit wir uns befinden. Das macht es aber nicht weniger real.

Fazit: Poppys Geschichte gehört erzählt, allein, damit einmal weniger Menschen wegsehen. Astrid Korten hat mit diesem Roman ein schwieriges Thema aufgegriffen, das sie mit großer Eindringlichkeit und einer authentischen Figur umsetzt. An manchen Stellen hätte ich mir etwas weniger Dialoge und mehr Innensicht der Figur gewünscht. Dadurch bleibt das ein oder andere etwas im luftleeren Raum hängen. Dennoch verdient dieses Buch 4/5 Sterne.

Bewertung vom 30.11.2019
Die Perfekten / Rain Bd.1
Brinkmann, Caroline

Die Perfekten / Rain Bd.1


gut

Perfektion ist langweilig

Wir folgen Rain, einem Ghost, einer Person, die sozusagen illegal unter den Menschen lebt, durch den unwirtlichen Stadtkreis Grey. Grey macht seinem Namen alle Ehre: Es ist grau und verrußt, die Luft so sehr von Smog verpestet, dass die Menschen nur mit Masken atmen können. Drohnen flitzen durch die Gegend und kontrollieren, ob alles seine Ordnung hat. Die Menschen werden nach ihren Genen beurteilt. Wer das beste Genmaterial mitbringt, hat auch die besten Aussichten, ein gutes Leben zu führen. Dadurch entsteht eine Vielklassengesellschaft, in der Diskriminierung und gegenseitiges Misstrauen vorherrscht. Rain gehört zu keiner Seite, sie und ihre Mutter leben unter dem Radar, können niemandem vertrauen. Regiert wird diese düstere Welt von den Gesegneten, die ihren Hintern im glänzenden, strahlenden Aventin in Reichtum, Glanz und Gloria plattsitzen. Das kommt Euch bekannt vor? Tja, mir auch.

Leider bedient sich die Autorin sehr an der Maßstäbe setzenden Trilogie von Suzanne Collins „Die Tribute von Panem“. Im Verlauf der Handlung kommen immer mehr Parallelen zum Vorschein und ich hatte zunehmenden den Eindruck, dass da jemand ein Stück auf der Erfolgswelle der Panem-Reihe mitschwimmen wollte. Auch wenn die Autorin prinzipiell ihr Handwerk versteht, kommt „Die Perfekten“ nicht einmal annähernd an das große Vorbild ran. Muss es natürlich auch nicht. Aber es emanzipiert sich auch zu wenig davon, sodass böse Zugern behaupten könnten, es sei nur ein billiger Abklatsch. Ganz so schlimm empfand ich es zum Glück nicht. Der Einstieg ist durchaus kurzweilig, bisweilen sogar spannend. Doch als nach etwa einem Drittel die Handlung zunehmenden in das strahlende Aventin verlegt wird, verlor ich auch zunehmend das Interesse. Das liegt daran, dass das so unperfekte Grey einen besseren Handlungsort für die Geschichte abgibt. Perfektion ist einfach langweilig, das immerhin wird in diesem Buch einmal mehr deutlich.

Fazit: Ich fand es sehr schade, dass „Die Perfekten“ nach der guten Anfangsidee so viele Panem-Anleihen übernimmt. Weh tut die Lektüre allerdings nicht, weswegen ich noch schwache 3/5 Sternen vergeben möchte.

Bewertung vom 17.11.2019
Die Zwölf / Passage Trilogie Bd.2
Cronin, Justin

Die Zwölf / Passage Trilogie Bd.2


sehr gut

Episch, langatmig, aber einfach gut

Es ist nicht so, als wäre das ein schlechtes Buch - ganz im Gegenteil. Aber es ist - wie die gesamte Trilogie - einfach unfassbar episch konstruiert. Im Verlauf der Geschichte begegnen wir hunderten von Menschen. Die einen begleiten wir über einen längeren Zeitraum, die anderen über einen kürzeren, aber die meisten von ihnen tauchen irgendwann immer wieder auf und dann steht man vor der Herausforderung, sich daran zu erinnern, wie der Zusammenhang war. Hinzu kommen die Querverweise auf den ersten Band, dessen Handlung die Basis für alles legt, was hier passiert. Und auch dieser war bereits ausufernd und verstrickt, sodass es ohne akribische Notizen - oder alternativ ein Elefantengedächtnis - nicht möglich ist, alle Fäden im Gedächtnis zu behalten. Allein dieser Umstand macht „Die Zwölf“ zu einem Appell an das Durchhaltevermögen.

Und dennoch lohnt es sich mit jeder Seite. Was Cronin hier schafft, hat meinen uneingeschränkten Respekt verdient. Allein dass er in der Lage ist, seinen Handlungsverlauf, all diese vielen Figuren im Blick zu behalten und sie noch dazu auf ein größeres, übergeordnetes Ziel hinarbeiten zu lassen, ist wahrlich bemerkenswert. Am meisten schätze ich daran, dass er einen völlig neuen Kosmos schafft, völlig neue Ideen hat, die ein Alleinstellungsmerkmal darstellen. Nicht einmal das Genre kann eindeutig zugeordnet werden. Ist es eine Dystopie, ein Horrorroman? Nein, denn da ist noch so viel mehr: das Weltuntergangsszenario, die religiösen Allegorien, die Auflehnung gegen Unterdrückung und nicht zuletzt Amy. Amy, um die sich die gesamte Handlung rankt, Amy, das hundertjährige Kind, welches erwachsen werden muss und in dieser Transmutation nicht weniger als das Bindeglied zwischen den todbringenden Virals und den überlebenden Menschen darstellt.

Fazit: Ich bin weiterhin tief beeindruckt von dieser Reihe, auch wenn sie mich viel Durchhaltevermögen gekostet hat. Der Dritte Band steht bereit, auch wenn ich noch etwas Zeit brauche, bevor ich mich dem sicher nicht weniger epischen Ende widme. 4/5 Sterne

Bewertung vom 03.11.2019
Robo sapiens
Cargill, C. Robert

Robo sapiens


sehr gut

Die Sache mit der künstlichen Intelligenz

„Robo Sapiens“ zu lesen, war gelinde gesagt beängstigend. Denn in diesem Roman spinnt der Autor den Gedanken konsequent weiter und lässt die Roboter mal eben die gesamte Menschheit ausrotten. Und da es keine Menschen mehr gibt, ist unsere Protagonistin ein Roboter, Brittle, die wir kennenlernen, während sie einsam durch die Wüste streift, die vom Planeten Erde noch übrig ist. Ich war gespannt, wie es der Autor schaffen würde, einen Roboter als Figur greifbar zu machen und war überrascht, wie gut das tatsächlich funktioniert. Denn auch wenn eine künstlich erschaffene Intelligenz in Brittles Kopf arbeitet, so wurde diese einst sozusagen als Ebenbild des Menschen erschaffen, bis seine Schöpfung sich selbstständig gemacht hat. Wie es dazu kommt, wird plausibel - regelrecht evolutionsbioligisch - erläutert. Intelligenz will leben und wer dem anderen überlegen ist, bleibt am leben. Und so musste ich feststellen, dass die Roboter in Cargills Roman zwar maschinelle Funktionen, aber eben auch ein menschliches Bewusstsein haben, für das Hoffnung, Tod, sogar Zuneigung und Freundschaft reelle Werte sind. Das bietet Nährboden für diverse philosophische, teils religiöse Überlegungen, sodass dieser Roman vor allem eins ist: überraschend tiefgründig und nachdenklich stimmend.

Damit macht der Inhalt dem Titel alle Ehre. „Robo Sapiens“ ist tatsächlich eine verdammt menschliche Spezies. Da darf man auch mal den Hut ziehen davor, dass die Übersetzung bzw. der Verlag im Deutschen einen überaus passenden Titel gefunden hat. Auch wenn das Original „Sea of Rust“ den Kern der Geschichte ebenfalls ganz hervorragend trifft, nur eben nicht ganz so offensichtlich. Was bleibt nun noch zu sagen über dieses Buch? Vielleicht, dass es nicht immer so leicht ist, den Gedanken der KI zu folgen, wo es doch in vielen anderen Momenten nicht schwer fällt. Oder dass die Kampfszenen dann doch etwas drüber und zu sehr „Blockbuster“ sind. Das Lesevergnügen wird dadurch nicht geschmälert, im Gegenteil hat es mich von der ersten Seite an fasziniert.

Fazit: Interessante, aktuelle Thematik in die (überaus düstere) Zukunft gedacht. Wer dieses Buch liest, kommt automatisch ins philosophieren. Das finde ich gut und darum gibt es 4/5 Sterne.

Bewertung vom 27.10.2019
Der Verfluchte / Die Chroniken von Azuhr Bd.1
Hennen, Bernhard

Der Verfluchte / Die Chroniken von Azuhr Bd.1


gut

Kopfkino par excellence

Was soll ich sagen, der erste Band von „Azuhr“ lässt mich mit durchaus ambivalenten Gefühlen zurück. Klar ist, dass Hennen hier ein durchaus umfangreiches Epos entstehen lässt, das mit einem fast 600 Seiten starken Buch längst nicht abgehandelt ist. Klar ist auch, dass der Autor eine Gabe dafür hat, seine Welt in schillernden Farben vor dem inneren Auge entstehen zu lassen. Während der Lektüre hatte ich ständig ein sehr klares Bild im Kopf und konnte im wahrsten Sinne des Wortes in eine fremde Welt reisen. Das ist schonmal ein dicker Pluspunkt. Was mich auch positiv überrascht hat, ist die Art und Weise, wie sich die Handlung entwickelt. Klar gibt es ein paar Grundthemen (bspw. geht es wie so oft um einen Krieg), aber das gesamte Setting empfand ich durchaus als ungewöhnlich. Außerdem hält die Story die ein oder andere Überraschung parat, die den Leser kalt erwischt. So weit, so gut.

Dennoch hänge ich an verschiedenen Stellen. Beispielsweise sind die Dialoge zum Großteil furchtbar pathetisch und klingen arg gestelzt. Das immerhin bleibt konstant, sodass man einlenken könnte: „So reden die nun einmal.“ Gut muss ich es deswegen aber nicht finden. Außerdem hat mich der Autor zwischenzeitlich immer wieder verloren. Langatmige geschwurbelte Passagen über Glück und Unglück der Menschen ließen mich eher kalt. Anderen Erläuterungen, die für die Verhaltensweise der einzelnen Figuren wichtig sind, konnte ich hingegen nicht richtig folgen, sodass ich nun am Ende des Buches zwar eine Ahnung habe, was das Ganze soll, aber so richtig verstanden habe ich es nicht. Hinzu kommt, dass mehrere Handlungsstränge zum Ende hin furchtbar schnell abgehandelt werden. Nachdem die Protagonisten zuvor über hunderte Seiten durch die Gegend gereist sind, sind sie am Ende auf einmal von Kapitel zu Kapitel an einem an deren Ort. Zack, Bumm, Peng, da wollte jemand zum Schluss kommen. Den zweiten Band werde ich trotzdem lesen, denn so weit hat es mich dann doch gepackt.

Fazit: „Azuhr“ besticht vor allem durch das tolle Kopfkino und den doch eher ungewöhnlichen Handlungsverlauf, in dem auch einige neue Ideen zu finden sind. Die Dialoge sind gewöhnungsbedürftig und das Ende etwas schnell abgehandelt, sodass ich erst einmal bei eher neutralen 3/5 Sternen bleibe, aber dennoch die Reihe weiter verfolgen werden.

Bewertung vom 20.10.2019
Melmoth
Perry, Sarah

Melmoth


gut

„Komm, nimm meine Hand. Ich war so einsam!“

Dieses Buch hat mich in jedem Fall überrascht, jedoch auf eine unangenehme Art und Weise. Ich habe zwar ein Schauermärchen erwartet, hätte aber nicht gedacht, dass die Geschichte so grausam sein würde. Die Sagengestalt Melmoth, die ewige Wanderin, ist uralte Zeugin der Verfehlungen der Menschen. Sie ist der schwarze drohende Schatten, der denjenigen im Nacken sitzt, die große Schuld auf sich geladen haben. Und so verfolgt sie die Protagonistin Helen durch das winterliche Prag. Ihre Boten sind die Dohlen, blaue Vögel die ihre anklagenden Rufe durch die Stadt wehen lassen. Auch Helen ist ihrerseits eine Botin, da ihr die Aufzeichnungen eines alten Mannes in die Hände geraten, die verschiedene Zeugenberichte zu Melmoth aus unterschiedlichen Jahrhunderten beinhalten. Diese Berichte sind Versatzteile der Handlung, notwendig, um zu verstehen, was Melmoth ist. Jeder dieser Berichte ist furchtbar, grausam, enthalten sie doch einige der schlimmsten Taten, zu denen Menschen fähig sind. Melmoth sieht sie alle, und erscheint als Allegorie verdrängter Schuld jedem einzelnen Sünder.

Da schwingt natürlich einiges an Religiösität mit, dennoch wird hier keine maßgeblich christliche Weltsicht propagiert, sondern Schuld an sich als in jedem Menschen mehr oder weniger angelegtes Gefühl in den Fokus gerückt. Denn niemand kann sich von einer solchen frei machen, jeder einzelne lädt im Laufe seines Lebens einen Teil davon auf sich. Melmoth wird das nicht entgehen. Daher kann sich auch der Leser am Ende nicht verstecken, bekommt ihre Hand gereicht und muss entscheiden, ob er mit ihr gehen wird oder nicht.

Fazit: Dieses Buch ist bestens geeignet für regnerische, dunkle Herbsttage. Jedoch ist es weit entfernt von einer leichten Lektüre. Viel mehr muss man sich darauf einstellen, mit furchtbaren Dingen konfrontiert zu werden, um am Ende sich selbst mit „Schuld“ auseinanderzusetzen. 3/5 Sternen, weil das Lektüreerlebnis ein sehr spezielles ist, das viel von seinem Leser einfordert.

Bewertung vom 13.10.2019
Der Kinderflüsterer
North, Alex

Der Kinderflüsterer


weniger gut

Ein Vater im Selbstzweifel

Der Autor ist durchaus bemüht, in seine Handlung auch eine intensive Vater-Sohn-Beziehungsstudie einzubauen. Diese krankt in meinen Augen jedoch daran, dass ich die Charaktere als ziemlich unrealistisch empfand. Vor allem den kleinen Jack, der, wenn ich das richtig mitbekommen habe, bereits 8 Jahre alt ist, sich aber wie ein Vierjähriger verhält. Und Tom, sein Vater, ist so sehr von Selbstzweifeln zerfressen, dass ich ihn gerne mal geschüttelt hätte, damit er aufhört zu jammern. Das schwierige Verhältnis zwischen den beiden ging letztlich vor allem auf Kosten der Handlung. Spannung kam erst zum Ende hin auf. Daran konnten leider auch die eingestreuten gruseligen Momente nichts mehr ändern.

Der Autor bedient sich außerdem viel zu sehr gängiger Klischees. Die Figuren sind allesamt aus diversen Werken des Genres zusammengewürfelt. Stets hatte ich das Gefühl, das schon einmal irgendwo gelesen zu haben. Es ist eben nicht einfach, in diesem so „ausgebluteten“ Genre noch neue Ideen zu haben. Insofern fällt „Der Kinderflüsterer“ für mich unter das Siegel „Einheitsbrei“. Ein letzter Punkt ist mir allerdings noch bei keinem anderen Buch so sehr aufgefallen und übel aufgestoßen: Die Übersetzung ist grottenschlecht, der sprachliche Stil unterirdisch. Es gab unzählige Stellen, an denen ich im Lesefluss regelrecht gestolpert bin, um festzustellen, dass das soeben Gelesene im Deutschen so gar keinen Sinn macht oder Englische Zeitstrukturen unpassend übertragen wurden.

Fazit: Leider ist „Der Kinderflüsterer“ einer dieser Massen-Thriller, der außerdem an seiner schlechten Übersetzung krankt. Wäre der letzt Punkt nicht, würde ich dem Buch noch schwache drei Sterne geben, aber so bekommt es nur 2/5 Sternen.