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Benutzername: pajo47
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Bewertungen

Insgesamt 41 Bewertungen
Bewertung vom 04.10.2018
Bösland
Aichner, Bernhard

Bösland


ausgezeichnet

Raffiniert und spannend

"Bösland", das ist der Dachboden, wo Ben regelmäßig von seinem Vater mit dem Gürtel geschlagen wird. Er bekommt die Schläge für Kleinigkeiten. Eigentlich sind es nur Pseudogründe, die der Vater erfindet, um vor sich selbst einen Grund zu haben, wieder zuschlagen zu können. Als Ben 13 Jahre alt ist, erhängt sich der Vater auf dem Dachboden.

Ben und sein Freund Felix Kux benutzen "Bösland", um sich da zu treffen. Mit einer alten Filmkamera halten sie Dinge ihres Alltags fest, die für sie wichtig sind. Im "Bösland" wird auch ein Mädchen mit einem Golfschläger ermordet.

Ben bleibt nach dem diesem Mord jahrelang stumm und kommt, bis er erwachsen ist, einige Jahre in die Kinder- und Jugendpsychiatrie und danach in die Erwachsenen Abteilung. Hier lernt er Therese Vanek kennen, eine Ärztin, die einen Zugang zu ihm findet und ihm dazu verhilft, wieder ein normales Leben zu führen. Er bekommt eine Stelle in einem Fotolabor.

Im Rahmen seinen Laborarbeit findet er ein Foto mit seinen alten Freund Kux. Er findet dessen Adresse heraus und macht sich auf um ihn zu treffen. Kurz darauf kommt es zu einem weiteren Mord.

Bernhard Aichner schreibt in einem sehr flüssigen Stil. Es wechseln sich jeweils zwei Arten kurzer Kapitel ab: In einem beschreibt Ben Vorgänge, Gedanken, Beweggründe. Im nächsten Kapitel ist ein Gespräch dargestellt zwischen Ben und einer der anderen Personen des Buches. Dann wieder Erzählung und wieder Gespräch. Dabei wird jedem Kapitel ein kurzes bezeichnendes Zitat aus dem folgenden Text als Überschrift vorangestellt.

Nach einigen der kurzen Kapitel beginnt man zu ahnen oder besser gesagt zu hoffen, wie das Buch ausgehen könnte. Aber trotzdem wird es nicht langweilig. Aichner versteht es, die Spannung hoch zu halten. Denn es ist bis zum Ende nicht klar, ob sich der erhoffte Schluss einstellt, oder ob Aichner doch ein anderes Ende gefunden hat.

Das Buch ist jedenfalls empfehlenswert. Ich hatte mich so fest gelesen, dass ich das Buch an einem Tag (bei Vernachlässigung anderer Dinge) ganz durchgelesen habe.

Bewertung vom 03.10.2018
Der Narr und seine Maschine / Tabor Süden Bd.21
Ani, Friedrich

Der Narr und seine Maschine / Tabor Süden Bd.21


ausgezeichnet

Kurz aber gehaltvoll

"Wenig Buch für das Geld", dachte ich zunächst, und wenig Handlung dazu. Da wird Süden, der eigentlich aussteigen wollte, von seine Chefin Liebergesell zurückgehalten. Er soll einen Schriftsteller suchen, der verschwunden ist. Süden sucht ihn und findet ihn. Das ist fast schon der gesamte Inhalt.

Gegen Ende des Buches wird eine eigentlich alltägliche Situation, Süden mit dem gefundenen Schriftsteller in einem Café, zum schriftstellerischen Höhepunkt des Buches. Ich will jedoch nicht verraten, wie es dann weiter und zu Ende geht.

Das Buch ist dünn. Es ist deshalb so dünn, weil der Inhalt quasi komprimiert worden ist auf wenige Seiten, die dadurch um so gehaltvoller sind.

Ist das jetzt endgültig der letzte Roman über Tabor Süden oder dürfen wir noch auf einen 22. hoffen?

Bewertung vom 15.09.2018
Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste
Schwenke, Philipp

Das Flimmern der Wahrheit über der Wüste


sehr gut

Herr May auf Reisen

Karl May! Das war der, dessen Bücher ich als Kind unter der Beddecke mit Taschenlampe gelesen habe, oder besser gesagt, verschlungen habe. Na ja nicht alle. Manche waren mir zu philosophisch. Zu Karl May gehörte Aktion mit Kara Ben Nemsi oder Old Shatterhand.

Bei Philipp Schenke lernen wir einen anderen Karl May kennen. Karl May auf seiner ersten(!) Reise in den Orient. Als Tourist, der sich erst mal zurecht finden muss, und der sehr erstaunt ist, dass der Orient doch so ganz anders ist, als er ihn in seinen Büchern beschrieben hat.

In diese Reisegeschichte verflochten ist eine zweite Geschichte, die ein paar Jahre später spielt. Mays Ehe mit Emma ist zerrüttet und Emmas Stelle wird immer mehr von Klara der Witwe seines Freundes Richard eingenommen.

Schon während seiner Reise in den Orient und später wieder daheim in Radebeul muss May sich der Verdächtigungen erwehren, dass er die Reisen, die er in seinen Büchern beschreibt, nicht selbst unternommen hat. Sie seien nur seiner Fantasie entsprungen.

Schwenke zeigt uns einen ganz anderen Karl May, als den, der uns aus den Büchern geläufig ist. Offensichtlich war May ein Egomane, der sich jeder Kritik an seinen Büchern vehement entgegen stemmt und sich höheren Zielen verpflichtet sieht. Raffiniert zieht er sich aus der Affäre, als die Kritik an ihm immer stärker wird.

Schwenke lässt sich leicht lesen. Man hat den Eindruck, als ob er Karl May unabsichtlich entlarvt, wenn er ihn als hilflosen Touristen beschreibt, der so gar nicht dem Kara Ben Nemsi seiner Bücher entspricht. Etwas habe ich bei Schwenke allerdings genauso gemacht, wie damals bei Karl May: Manche Stellen habe ich diagonal gelesen. Da hat Schwenke (vielleicht absichtlich) Karl May mit ausufernden Schilderungen kopiert.

Bewertung vom 05.09.2018
Mit der Faust in die Welt schlagen
Rietzschel, Lukas

Mit der Faust in die Welt schlagen


ausgezeichnet

Bleierne Hoffnungslosigkeit

Nachwendezeit in einem Dorf in der Lausitz. Wir begleiten die Brüder Philipp und Tobias 17 Jahre lang und bekommen Einblick in einige wichtige Lebensabschnitte vom Kinderhort bis zum Erwachsenenleben. Lukas Rietschel beschreibt die Situation leidenschaftslos real. Man begreift, wie auf diesem Nährboden Radikalismus entstehen kann. Philipp, der ältere der Brüder, ist zunächst offen für die Parolen von Menzel, einem Neonazi, der sich im Dorf einfindet. Nach einiger Zeit merkt er, dass ihn die Parolen nicht weiter bringen und wendet sich mehr und mehr von Menzel ab. Philipps Bruder Tobias aber geht völlig in der Parolenwelt auf. Platte Aussagen, die jeder Grundlage entbehren, werden zur Zielvorgabe. Die alte Schule, in der Flüchtlinge untergebracht werden sollen, soll brennen.

Rietschel beschreibt eine bleierne Zeit der Perspektivlosigkeit. Eine Rundumschau der Situation sozusagen. Manchmal denkt man, dass er etwas stringenter hätte schreiben können. Aber er hat schon Recht. Es kommt auf das Gesamtbild an und er beleuchtet es ausführlich von allen Seiten. Ein trostloses Buch ohne Spannung aber passend. Man begreift einige Zusammenhänge besser, als sie einem schlaue Wissenschaftler erklären könnten. Lesenswert.

Bewertung vom 30.08.2018
Stille Feinde / Isaiah Quintabe Bd.2
Ide, Joe

Stille Feinde / Isaiah Quintabe Bd.2


sehr gut

Standard Krimi

Isaiah Quintabe, genannt IQ, ist Privatdetektiv in Los Angeles. Von armen Leuten lässt er sich auch schon mal in Naturalien bezahlen. Vor Jahren wurde sein Bruder Marcus bei einem Unfall getötet. Durch Zufall entdeckt IQ das Autowrack des beteiligten Wagens. Er erkennt, dass sein Bruder nicht durch einen Unfall umgekommen ist, sondern gezielt getötet wurde. Jetzt setzt er alles daran den Mörder zu finden.

Die ehemalige Freundin seines Bruders engagiert ihn, dass er Ihre Halbschwester suchen und schützen soll, die zusammen mit ihrem Freund der Spielsucht verfallen ist.

Es ereignet sich einiges bis es zum nicht erwarteten Ende kommt. Ich hatte dieses Ende jedenfalls nicht erwartet.

Jo Ide schreibt flüssig. Der Text ist zwar leicht zu lesen, aber man hat Schwierigkeiten, die handelnden Personen und Gruppen auseinander zu halten. Da entsteht oft einfach nur Verwirrung.

Jo Ide bleibt dabei als Autor recht unbeteiligt. Er scheint zu seinen Personen keine direkte Beziehung zu haben. Und so blieben sie auch für mich recht farblos.

Thriller steht auf dem Cover. Ich meine Krimi, Standard-Krimi, reicht.

Bewertung vom 30.08.2018
Der Sprengmeister
Mankell, Henning

Der Sprengmeister


ausgezeichnet

Schnipsel ergeben ein Ganzes

Ein neuer Mankell? Ja und nein. Eigentlich ist es ein alter Mankell. 25 Jahre alt. Sein Debütroman. Aber er ist erst jetzt auf Deutsch erschienen. Eine schöne Rückschau also auf den ganz frühen Mankell, auf die Vor-Wallander-Zeit.

Worum geht es?
Oskar Johansson wird als junger Sprengmeister bei einer Sprengung stark verletzt und überlebt wider Erwarten. Seine Freundin Elly trennt sich kurz danach von ihm. Oskar heiratet später ihre Schwester Elvira. Nach der Genesung nimmt Oskar seinen Beruf als Sprengmeister wieder auf. Er engagiert sich politisch, weil er an der Situation der Arbeiter etwas ändern will.

Ungewohnt ist die Schreibweise Mankells. Man hat den Eindruck, dass es da einen Haufen Zettel mit Notizen und Aufzeichnungen gegeben hat, die auch noch etwas zeitlich durcheinander geraten sind. Manche Zettel enthalten nur einen Satz, manche lange Texte. Diese Zettel sind dann hintereinander gefügt worden zu einem Buch. Man kann sich vorstellen, dass man da zunächst etwas verwirrt ist und sich zurecht finden muss. Wer erzählt da? Ist es der anonyme Erzähler? Sind es Oskars Äußerungen (immer unvermittelt, aber daran erkennbar, dass sie in wörtliche Rede gesetzt sind)? Um wen geht es? Um welche Zeit handelt es sich?

Das liest sich jetzt verwirrend. Ich dachte auch zu Beginn, wie soll man sich da durch finden. Aber nach ein paar Seiten ist das gar kein Problem mehr. Es ist überraschend, wie Mankell die Geschichte trotz aller Zeitsprünge durchsichtig entwickelt.

Als Fazit: Ein interessanter Rückgriff auf Mankells Anfänge. Es äußert sich selbst dazu im Nachwort. Leicht zu lesen. Angenehme Lektüre mit ernstem Hintergrund.

Bewertung vom 30.08.2018
Guten Morgen, Genosse Elefant
Wilson, Christopher

Guten Morgen, Genosse Elefant


ausgezeichnet

Absurde satirisch, tragische Kommödie

Merkwürdige Überschrift! Oder? Aber auch der Roman hat merkwürdige Züge. Ist er eine Tragödie, eine Satire oder Komödie? Die Antwort lautet: Ja! Alles drei! Christoper Wilson hat einen Roman geschrieben, bei dem man oft lachen muss, einem aber das Lachen auch oft im Halse stecken bleibt.

Aber zunächst zur Handlung: Juri, die Hauptperson, ist ein zwölfeinhalb Jahre alter Junge, der vor sechs Jahren von einem Milchwagen angefahren und durch die Luft geworfen wird, um dann anschließend noch von einer Straßenbahn überfahren zu werden. Das hat einige vor allem geistige Folgen für ihn. Er leidet an sozusagen furchtloser Impulsivität. Er sagt immer das, was er denkt. Das ist eigentlich im damaligen Russland unter Stalin nicht empfehlenswert. Aber weil er ein so vertrauenerweckendes Gesicht hat und als verrückt gilt, kommt er damit durch und wird in Stalins Datscha während dessen letzten Lebenswochen zu seinem Vorkoster.

Absurd ist die Situation oft. Aber so ist auch die menschenverachtende Haltung und Handlung der Regierenden. Man könnte sie ins Reich der Fiktion stellen, wenn man nicht wüsste, dass vieles davon real war.

Das Buch ist also eine absurde satirisch, tragische Komödie. Und wirklich lesenswert.

Bewertung vom 30.08.2018
Ein Teil von ihr
Slaughter, Karin

Ein Teil von ihr


ausgezeichnet

Subtile Hochspannung

Subtile Hochspannung. Ist das ein Widerspruch? Karin Slaughter beweist in diesem Buch, dass das nicht der Fall sein muss.

Andrea lernt nach etwa 30 Jahren ihre Mutter Laura von einer ganz anderen, verstörenden Seite kennen. In einem Einkaufszentrum geraten die beiden in eine Schießerei. Laura gelingt es, den Attentäter zu töten. Wie das heute offensichtlich so üblich ist, wurde alles per Handy gefilmt und ins Internet gestellt. Damit wird ein Vorgang in Gang gesetzt, der Laura und vor allem Andrea in Gefahr bringt. Andrea muss fliehen auf einem Weg und mit Mitteln, die ihre Mutter offensichtlich schon lange dafür vorbereitet hatte.

Was gibt es da in der Vergangenheit für dunkle Punkte im Leben von Laura?

Karin Slaughter erzählt die Geschichte in zwei Erzählsträngen, einer von 1986 und der andere von 2018. Zunächst stehen die beiden Stränge etwas zusammenhanglos nebeneinander. Aber je weiter man im Buch kommt, desto klarer werden Zusammenhänge, bis am Ende die ganze Wahrheit aufgedeckt wird.

Ein Spannungsbogen, der von Anfang bis ans Ende gehalten wird. Wie Karin Slaughter das schafft? Man muss es einfach lesen.

Bewertung vom 30.08.2018
Die Tote im Wannsee / Kommissar Wolf Heller Bd.1
Kellerhoff, Lutz W.

Die Tote im Wannsee / Kommissar Wolf Heller Bd.1


sehr gut

Bekannte Namen von 68

Man kennt sie, die Namen der 68er, die hier im Krimi eine Rolle spielen.

Aber zuerst zum Inhalt: Eine Tote im Wannsee. Wolf Heller ermittelt. Bald stellt er eigenartige Verbindungen zum Staatsschutz bzw. zu seinen Kollegen bei der Inspektion M1 fest. Alte Nazi-Seilschaften spielen eine Rolle Auch die Stasi auf der anderen Seite des Zauns, der offensichtlich an einer bestimmten Stelle durchlässig ist, spielt mit.

Bekannte Namen Mahler, Ohnesorge, Dutschke, Strauß, Augstein, Schily und viele mehr. Man bekommt einen guten Einblick in die damalige Zeit und die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, die Studentenunruhen und den Beginn der RAF. Es ist ein Einblick von allen Seiten: Da ist man bei den Studentenunruhen dabei, bei den Planungen in den Kommunen. Aber auch auf der anderen Seite, der unzureichend ausgerüsteten Polizei ist man als Leser dabei. Und natürlich bekommt man einen Einblick in die Berliner Wohnverhältnisse und auch in das Berliner Nachtleben.

Ein spannender Krimi, flüssig zu lesen und ein Lehrstück der Geschichte.

Bewertung vom 30.08.2018
Die letzte Terroristin
Georgi, André

Die letzte Terroristin


ausgezeichnet

Geschichte spannen und lehrreich.

Ehrlich! Würden Sie ein Geschichtsbuch lesen, das über die Rote Armee Fraktion in den 90er Jahren handelt? Eher nicht, denke ich. Ich jedenfalls nicht.

Und da findet man ein Buch, das genau darüber handelt. Sandra Wellmann ist "Die letzte Terroristin". Ihr gegenüber beim BKA steht Andreas Kawert als Ermittler. Und eine wichtige Rolle spielt die Treuhand und die Stasi bzw. die ehemalige Stasi, die nach der Wende offensichtlich im Untergrund weiter arbeitet. Anschläge auf wichtige Leute, z. B. den Leiter der Treuhand, ist das Ziel der RAF.

Namen sind geändert. Aber anhand der Aufgaben wird klar, wer jeweils gemeint ist von den echten geschichtlichen Personen. Ich weiß nicht, wann ich jemals ein Buch gelesen habe, das geschichtlich Hintergründe auf solch spannende und leicht lesbare Weise deutlich gemacht hat.