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Benutzername: Lenasbuecherlounge
Wohnort: Köln
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Bewertungen

Insgesamt 65 Bewertungen
Bewertung vom 12.06.2021
DUMPLIN'
Murphy, Julie

DUMPLIN'


sehr gut

Willowdean Dickson ist 16 Jahre alt, Schülerin an einer High School in der Kleinstadt Clover City und jobbt in einem Imbiss. Ihre beste Freundin ist Ellen, die wie sie ein Fan der exzentrischen Sängerin und Schauspielerin Dolly Parton ist. Sie akzeptiert Will genauso wie sie ist - mit ihrem Übergewicht. Auch Will hat kein Problem mit ihrem Körper. Wie ihre kürzlich an einem Herzinfarkt verstorbene, rund 250 kg schwere, Tante Lucy, die im Gegensatz zu Wills Mutter Rosie nichts von Diäten hielt, geht sie betont selbstbewusst durchs Leben.
Als sie den attraktiven Bo kennenlernt, der sie nach Feierabend sogar hinter den Mülltonnen des Imbisses küsst, ändert sich für Will alles. Sie zweifelt plötzlich an ihrem Körper und kann sich nicht vorstellen, dass Bo sich nicht an ihrem Übergewicht stört. Auch ist die Beziehung zu ihrer Freundin Ellen, die selbst einen festen Freund hat und sich immer besser mit einer ihrer Kolleginnen aus dem Bekleidungsgeschäft Sweet 16, in dem Will nie ein Kleidungsstück finden würde, versteht, gestört. Die beiden entfremden sich zunehmend. Als Will dann im Zimmer ihrer Tante ein altes Anmeldeformular für den alljährlichen Schönheitswettbewerb in Clover City findet, den ihre Mutter vor Jahren gewonnen hat und in dessen Auswahlkomitte sie sitzt, beschließt Will spontan das umzusetzen, wozu sich ihr Tante offenbar nicht getraut hat: Sie meldet sich an, auch wenn sie nicht denkt, auch nur den Hauch einer Chance zu haben, diesen Kontest zu gewinnen. Ihr schließen sich drei weitere Mädchen an, die auch nicht dafür prädestiniert sind, als Schönheitsköniginnen zu glänzen. Sie möchten den Wettbewerb revolutionieren und zeigen, dass jede das Recht hat, vorurteilsfrei daran teilnehmen zu dürften.

"Dumplin'" ist ein Jugendroman, der passend zu dem allgemeinen Bodypositivity-Trend ist. Will ist ein selbstbewusstes Mädchen, das dazu steht, dick zu sein, wie sie sich auch selbst bezeichnet. Als sie sich ausgerechnet in ihren gut aussehenden Kollegen verliebt, der zudem selbst Interesse an ihr signalisiert, fühlt sie sich jedoch nicht geschmeichelt und in ihrer Denkweise bestärkt, sondern zweifelt massiv an sich und ihrem Körper. Sie hat Angst davor, dass Bo nicht zu ihr stehen könnte, wenn andere ihre Paarkonstellation in Frage stellen würden.
Der Roman ist aus der Ich-Perspektive der 16-Jährigen geschrieben, so dass man ihre Gedanken, ihre Ängste und Unsicherheiten - egal ob im Umgang mit ihrem Freund, ihrer besten Freundin oder ihrer Mutter - sehr gut nachvollziehen kann.
Anhand des Klappentextes hatte ich jedoch erwartet, dass Will mehr zu ihrem Körper steht und durch den Schönheitswettbewerb beweisen sollte, das wahre Schönheit von Innen kommt und dass jeder Mensch auf seine eigene Art und Weise schön ist. Darum fand ich es auch sehr gut, dass sie Unterstützung von drei weiteren Mädchen mit eigenen Makeln bekommt, die an dem Wettbewerb teilnahmen.
Die Botschaft des Buches, zu sich selbst zu stehen, tolerant gegenüber anderen zu sein und sich nicht von Äußerlichkeiten ablenken oder beeinflussen zu lassen, ist deutlich, aber dennoch hatte ich beim Lesen stets das Gefühl, dass "Dicksein" gleichbedeutend mit "nicht schön sein" ist, was ich schade fand. Gleichzeitig ist dies aber vermutlich leider einfach nur ein realistisches Bild unserer Gesellschaft, in der man Dicken keinen Gewinn eines Schönheitswettbewerbs zutrauen würde.
Aber nicht nur die Unsicherheiten mit dem eigenen Körper, die vermutlich jedes Mädchen in der Pubertät erlebt, sind sehr bildhaft dargestellt. Auch die Gedanken um die erste Liebe, Eifersüchteleien unter Freundinnen, Meinungsverschiedenheiten mit Erziehungsberechtigten und vor allem die Fragen: Wer bin ich? und Wer will ich sein? sind unterhaltsam, altersgerecht und nicht oberflächlich beschrieben.

Bewertung vom 10.06.2021
Mein Sommer am See
Hall, Emylia

Mein Sommer am See


sehr gut

Nach dem Tod ihrer Mutter erhält die 30-jäirge Beth ein Päckchen aus Ungarn. Es enthält "Das Buch unserer Sommer", ein Album mit Foto und Erinnerungsstücken der Sommer, die Beth zusammen mit ihrer Mutter Marika in Ungarn verbracht hat. In einem Sommerurlaub 1990 am Balaton hatte die gebürtige Ungarin Marika, die erstmalig nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder in Ungarn war, beschlossen, in ihrer Heimat zu bleiben und damit ihren Mann und ihre Tochter verlassen. In den Jahren danach verbrachte Beth sodann ein bis zwei Wochen im Sommer in Ungarn in der Villa Serena bei Marika und ihrem Lebensgefährten, dem Künstler Zoltán. Es waren stets schöne, unbeschwerte Ferien, die viel zu schnell vorbei gingen, die Beth bei ihrer quirligen Mutter verbrachte, bis sie wieder zurück nach Devon zu ihrem Vater fuhr, der sie liebte, aber seit der Trennung sehr in sich zurückgezogen lebte. Ungarn wurde zu einem Sehnsuchtsort, an dem sich Beth trotz der kurzen Aufenthalte im Jahr bald mehr zu Hause fühlte als in dem traurigen Cottage in England.
Während Beths siebten Sommeraufenthalt in Ungarn erfährt sie eine Wahrheit, die sie in eine tiefe Identitätskrise stürzte und sie derart erschütterte, dass Beth nie wieder zurück nach Ungarn wollte und den Kontakt zu Marika abgebrochen hat.
Jahrelang hatte Beth die Vergangenheit verdrängt, doch mit dem Album kommen alle Erinnerungen wieder in ihr hoch - die schönen, aber auch die unschönen Momente, die ihr Leben für immer veränderten.

Durch Beths Erinnerungen wird man als Leser in die 1990er-Jahre versetzt und erlebt die glücklichen Sommer der jungen Beth durch die bildhaften Beschreibungen lebendig mit. Beth war immer gern in Ungarn und fühlte sich bei Marika und Zoltán wohl, die sich in dieser Zeit ganz nach ihren Wünschen richteten. Für Beth brauchte es jedoch nicht viel, um glücklich zu sein. Sie genoss es durch die umliegenden Wälder zu streunen und den Nachbarsjungen Tamás zu treffen, in den sie verliebt war. Dennoch schwingt in den Erinnerungen immer eine bedrückende Melancholie mit, denn die unbeschwerte Zeit war endlich. Bis der Leser jedoch erfährt, was im Sommer 1997 in Ungarn passierte und was und ihre Mutter entzweite, schwelgt man in den kindlichen, nostalgischen Erinnerungen.

In der Gegenwart ist spürbar, dass Beth nicht glücklich ist und diesen Teil ihrer Vergangenheit nicht verarbeitet hat. Auch das Verhältnis zu ihrem Vater, mit dem sie als Kind so eng verbunden war, wirkt gegenwärtig unbeholfen und distanziert und muss durch die Auswirkungen des Sommers 1997 erschüttert worden sein. Beths Verletzungen, Enttäuschungen und Bitterkeit treten deutlich zutage und machen neugierig darauf zu erfahren, was ihr widerfahren sein mag.

"Mein Sommer am See" ist eine bittersüße Geschichte, die in schillernden, bunten Farben die Ferien eines jungen Mädchens bei ihrer Mutter beschreibt. Die Situation in der Gegenwart, in der es Beth zunächst kaum schafft, das Album durchzublättern, das sie an den alles verändernden Sommer erinnern wird, drückt jedoch die Stimmung. Es ist kein unbeschwerter Sommerroman, sondern eine tragische Familiengeschichte mit unversöhnlichen Charakteren, die sich durch jahrelanges, beharrliches Schweigen die Chance auf Versöhnung nahmen, bis es letztlich zu spät war.

Bewertung vom 08.06.2021
Die Inselgärtnerin
Lott, Sylvia

Die Inselgärtnerin


gut

Sonja lebt in Scheidung von ihrem Ehemann Michael, der sich ein eine jüngere Frau verliebt hat. Sie hat die Trennung von ihm noch nicht verwunden, als sie auch noch ihre Anstellung als Landschaftsarchitektin verliert. Sonja steht mit 38 Jahren vor den Trümmern ihres Lebens, hat jedoch vor knapp einem Jahr überraschend von ihrer verstorbenen Tante Sandy ein Anwesen in Florida geerbt. Zur Abwicklung wurde bereits ein Nachlassverwalter engagiert, aber nun nutzt sie die Gelegenheit, um vor Ort die Dinge selbst zu klären und verliebt sich dabei in das altmodische Holzhaus und Dophin Island. Sie träumt schon bald davon, sich dort als Landschaftsarchitektin mit einer eigenen Inselgärtnerei selbstständig zu machen und erhält schon kurz nach ihrer Ankunft den Auftrag, das Anwesen eines Multimillionärs auf Juno Island umzugestalten. Während dieser unverhohlen mit ihr flirtet, ist es Philosoph und Ernest Hemingway-Double Sam, ein Bekannter ihrer Tante, der sie bei den Arbeiten tatkräftig unterstützt.
Alle Zeichen stehen auf Neuanfang, aber die Gründung der Inselgärtnerei stellt sie vor ungeahnte Schwierigkeiten, denn offenbar ist keine Konkurrenz durch eine Frau aus Deutschland gewünscht.

"Die Inselgärtnerin" ist ein Roman, der nach einem altbewährten Prinzip aufgebaut ist: Frau verliert Mann und Job, erhält ein Erbe und versucht sich daraufhin mit einem Neuanfang an einem anderen Ort. Dort findet sie schnell Freunde, hat jedoch die ein oder anderen beruflichen Probleme bei ihrem Neustart und findet nebenbei vielleicht noch einen neuen Mann fürs Leben.
So bietet auch dieses Buch nicht allzu viele Überraschungen, hat deshalb auch seine Längen, überzeugt jedoch durch die anschaulichen Beschreibungen der Insel Floridas und der dortigen Flora. Das Anwesen direkt am Meer, das Sonja, die sich schon bald "Sunny" nennt, geerbt hat sowie die Gärten, die sie zum Schutz von Umwelt und Klima nachhaltiger umgestalten möchte, sind bildlich vorstellbar. Auch die schwüle Hitze in den Frühlings- und Sommermonaten und die Abkühlungen im Golf von Mexiko sind spürbar und machen Lust darauf, diesen Ort selbst einmal zu besuchen. Der Motown-Groove, zu dem im örtlichen Kulturzentrum gesungen und getanzt wird sowie der Ernest Hemingway-Wettbewerb sorgen abseits der Pflanzenwelt für Abwechslung. Stimmiger wären diese Episoden gewesen, wenn sie mehr mit Sonja und vor allem auch mit Sandy zu tun gehabt hätten, von der man trotz bewegter Vergangenheit als schauspielende Schwimmerin an der Seite von Stars und Sternchen nur wenige Einzelheiten erfährt. Hier wären Rücklenden in die 1960er-Jahre zur Erfolgsgeschichte von Motown sehr passend gewesen.

Das Liebesdreieck von Sunny, Millionär Nick und Philosoph Sam konnte mich wenig überzeugen. Der Flirt mit Nick pinselt zwar Sonjas Selbstbewusstsein, bleibt aber auf eine reine körperliche Anziehung reduziert. Emotionen zwischen Sonja und Sam konnte ich gar nicht spüren, eine platonische Freundschaft zwischen den beiden hätte ich als authentischer empfunden.

Die beruflichen Herausforderungen als Dünengärtnerin Floridas sind etwas sehr blauäugig geschildert. Noch ohne Arbeitserlaubnis übernimmt Sonja bereits einen Auftrag und macht sich erst später Gedanken über eine Selbstständigkeit und die erforderlichen Schritte dafür. Die Folgen ihrer Unbedarftheit und die gegen sie geschmiedeten Intrigen sorgen dann am Ende aber doch noch für Spannung, wobei die Lösung letztlich sehr glücklich ausfällt.

"Die Inselgärtnerin" bietet eine wenig überraschende Geschichte über einen Neuanfang in einem anderen Land, ist dabei in Bezug auf die beruflichen Ambitionen jedoch stark vereinfacht beschrieben. Die Handlung bleibt oberflächlich, so dass das Buch im Wesentlichen durch die lebendige Beschreibung Floridas, von Land und Leuten, Flora und Fauna überzeugt.

Bewertung vom 06.06.2021
Sehnsucht in Aquamarin
Covi, Miriam

Sehnsucht in Aquamarin


sehr gut

Polly und Jette Reinhardt wurden im Alter von zweieinhalb und knapp fünf Jahren von ihrer Mutter verlassen und sind bei ihrem Vater Walter, der später wieder geheiratet hat, in Stuttgart aufgewachsen. Die ältere Jette ist rastlos, wechselt häufig ihre Jobs, ist dabei weltweit unterwegs und verliebt sich dort häufig in Männer, wobei die Beziehungen nie lange halten. Polly braucht dagegen ihr geordnetes Leben, arbeitet als Übersetzerin von Erotikromanen und Bedienungsanleitungen von Gartengeräten in Stuttgart und lässt Männer nur in Form von One-Night-Stands an sich heran.
Als Jette durch einen Zufall auf ein Foto ihrer Mutter aufmerksam mit, das in einem Hotel in Ben Harbor in Maine aufgenommen wurde, überredet sie Polly, mit ihr nach Maine zu reisen um nach ihrer Mutter zu suchen. Eva arbeitet dort als Rangerin in einem Nationalpark, was sie über ihren Kollegen Liam erfahren, den Polly schon an ihrem ersten Abend in Ben Harbor kennenlernt. Während Jette und Polly als Touristinnen getarnt im Nationalpark campen und auf diese Weise ihre Mutter näher kommen möchten, fühlt sich Polly immer stärker zu dem alleinerziehenden Vater Liam hingezogen und Polly verliebt sich in Hummerfischer Owen. Ob die beiden ungleichen Schwestern nach dem Kennenlernen und einer Aussprache mit ihrer Mutter ihren Frieden finden können und bereit für die Liebe sind?

Der Roman ist aus der Perspektive der 31-jährigen Polly geschrieben, die sich nach außen hin tough gibt, einen Schutzpanzer um sich gebaut hat und niemanden zu nah an sich heranlässt. Sie hat im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester Jette keine Erinnerungen an ihre Mutter, die sie als kleines Mädchen verlassen hat und verspürt deshalb auch kein Interesse nach dieser fremden Frau zu suchen. Jette dagegen möchte zumindest eine Erklärung dafür haben, warum ihre Mutter vor 29 Jahren einfach so gegangen ist.
Beide sind traumatisiert und haben Probleme, Beziehungen einzugehen bzw. an ihnen festzuhalten. Sie sind verletzlich, auch wenn sie es nicht zeigen. Polly hält die Menschen auf Distanz und wirkt stark, gleichzeitig aber auch verbittert und wütend. Jette ist dagegen betont fröhlich und stürzt sich geradezu ins Leben.
In Ben Harbor finden die beiden Schwestern schnell Anschluss und die familiäre Atmosphäre ist schon fast ein bisschen zu glatt. Auch die Parallelen von Pollys und Liams Leben sind etwas überzeichnet. Gut gefallen hat mir die Beschreibung des Ortes Ben Harbor an der Atlantikküste, von Natur, Land und Leuten. Mit heulenden Kojoten, Diner und Blueberry Cheesecake wird die perfekte und ein wenig klischeehafte amerikanische Kulisse anschaulich gezeichnet, was passend zur Handlung ist.

Die Geschichte ist tragisch, wird jedoch überwiegend humorvoll und vor allem sehr einfühlsam erzählt. Die Charaktere sind menschlich und nahbar, die Dialoge lebendig und gespickt mit Wortwitz, was der Geschichte eine Leichtigkeit gibt. Auch wenn die Handlung etwas vorhersehbar ist und alle Anzeichen auf eine Wende im Leben beider Schwestern stehen, ist die Geschichte nicht ganz ohne Tiefe und vor allem sehr unterhaltsam erzählt.
Es ist eine Familiengeschichte um eine verlorene Mutter, um Vertrauen Versöhnung, Familienzusammenführung, Neuanfänge und am Ende auch über die Liebe, die trotz aller Dramen unbeschwert ist und sich perfekt als sommerliche (Urlaubs-)lektüre eignet.

Bewertung vom 05.06.2021
Gute Nachbarn
Fowler, Therese Anne

Gute Nachbarn


gut

Die Ökologie-Professorin Valerie Alston-Holt lebt in einer Kleinstadt in North Carolina, wo sie nach dem Tod ihres Mannes als Alleinerziehende ihren Sohn Xavier großgezogen hat. Er ist ein guter Schüler und talentierter Musiker und wird nach dem Sommer mit Hilfe eines Stipendiums ein College in San Francisco besuchen.
Auf dem Grundstück nebenan ist die Familie Whitman eingezogen, ein Ehepaar mit zwei Töchtern. Brad Whitman ist eine lokale Berühmtheit, hat er doch als Selfmade-Man mit einer Firma für Kühlanlagen ein Vermögen gemacht. Er und auch seine Frau sind stets besorgt um das Wohlergehen ihrer Töchter und erziehen diese konservativ. Materiell fehlt es den beiden an nichts, aber ihre Freiheiten sind stark eingeschränkt, was diese jedoch bislang klaglos akzeptierten. Als sich die Älteste Juniper jedoch mit dem Nachbarsjungen Xavier, dem Sohn einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters, anfreundet, tritt der Beschützerinstinkt von Brad deutlich zutage.
Zu allem Überfluss werden die Whitmans von Xaviers Mutter Valerie auf Schadenersatz verklagt, denn beim Bau ihres Hauses haben sie die große historische Eiche in ihrem Garten beschädigt.

Der Roman ist aus der Perspektive der namenlosen Nachbarschaft geschildert, die hinter die Fassade der Alstons-Holts und der Whitmans blicken. Auf diese Weise erfährt man peu à peu Details aus dem Leben der Familien, aber auch, was sie in ihrer Vergangenheit erlebt haben und was sie bis heute prägt. Die Sichtweise ist unheilvoll, denn die Nachbarschaft blickt zurück und deutet eine nahende Katastrophe an.
Die Charaktere bleiben durch diese besondere Erzählweise auf Distanz. Auch empfand ich, dass die Rückblenden in vergangene Zeiten zu abrupt eingerückt wurden und den Lesefluss bremsten, da die Handlung in der Gegenwart zu willkürlich unterbrochen wurde. Nichtsdestotrotz sind die Rückblenden erforderlich, um das gegenwärtige Verhalten der Protagonisten einordnen und besser verstehen zu können.

Die Autorin spricht in der Geschichte wichtige Themen wie Alltagsrassismus, Privilegien der Weißen, Unterschiede von Arm und Reich und Umweltschutz an. Es sind streithafte und emotional besetzte Themen, die insbesondere die amerikanische Gesellschaft bewegen, aber auch in abgeschwächter Form auf Deutschland übertragbar sind.

Gut gefallen hat mir die Symbolik der sterbenden alten Eiche, die Brad Whitman aus Unwissenheit, Gleichgültigkeit und Egoismus zerstört. Er ist der eindringende Nachbar, der das Gleichgewicht in dem beschaulichen Oak Knoll stört. Dagegen blieben die Charaktere etwas eindimensional. Brad Whitman empfand ich zu pauschal als bösen weißen Mann dargestellt, nachdem auch noch seine sexuellen Neigungen offenbart wurden. Xavier, der "Nicht-Weiße", war mit seiner Intelligenz und Güte und dem perfekten Sohn-Image sehr idealistisch beschrieben und wurde letztlich in die typische Opferrolle eines US-amerikanischen schwarzen jungen Mannes gedrängt.
Der Roman bedient mit der Geschichte einerseits eine Reihe von Klischees, andererseits zeigen aktuelle, medienwirksame Ereignisse aber auch, dass die Handlung tatsächlich so hätte passieren können, weshalb ich am Ende zwiegespalten bin.

Der Roman umfasst wichtige aktuelle, gesellschaftlich relevante Themen und ist von einer ganz besonderen Erzählweise geprägt. Durch die langatmige und etwas wirre Schilderung in der ersten Hälfte konnte mich der Roman jedoch nicht wie erwartet fesseln, auch wenn er gegen Ende deutlich an Fahrt aufnahm und an Dramatik nicht mehr zu übertreffen war.

Bewertung vom 30.05.2021
Tag der Wahrheit
Falkenberg, Hendrik

Tag der Wahrheit


sehr gut

Zwei Leichen werden gefunden und nacheinander drei hochrangige Manager aus der Automobilbranche entführt. Gezielt wird das BKA, namentlich die Ermittler Laura Westermann und Steven Haberland, die im Referat für politische Kriminalität gegen Linksextremisten vorgehen, durch Botschaften und ein herausoperiertes Herz auf die Verbrechen aufmerksam gemacht. Eine Guerillagruppe von militanten Umweltaktivisten, die sich "Zeugen Justitias" nennt, hat die Vorstandsvorsitzenden entführt und möchte erwirken, dass das BKA endlich gegen die in ihren Augen skrupellosen und betrügerischen Umweltsünder vorgeht.
Als die Forderungen der Entführer - intern bereits als "Grüne Armee Fraktion" bezeichnet - massiver werden, gerät das BKA zunehmend unter Druck. Die Kriminalbeamten müssen nicht nur die Entführer identifizieren sondern auch den Vorwürfen gegen die Top-Manager nachgehen, in der Hoffnung, deren Leben retten zu können.

"Tag der Wahrheit" ist der Auftakt einer Krimireihe um die Meckenheimer BKA-Ermittler Laura Westermann und Steven Haberland. Der Krimi ist aus schnell wechselnden Perspektiven geschrieben, was es mir am Anfang etwas schwermachte, mich aufgrund der Vielzahl der Personen und Schauplätze in die Geschichte einzufinden. Als der Hintergrund der Entführung klar wird, kann man den Handlungssträngen problemlos folgen, auch wenn der Fall komplexer ist, als zunächst angenommen. Die Opfer der Entführung haben sich gleich mehrfach schuldig gemacht, weshalb selbst die Ermittler Verständnis für die Ziele der "Zeugen Justitias" aufbringen können, auch wenn ihre Mittel und Wege ohne Frage nicht nur moralisch verwerflich sind, sondern eine Art von Öko-Terrorismus darstellt, der nicht hinnehmbar ist und friedliche Klimaaktivisten verunglimpft.

Auch wenn im Zuge der Ermittlungen ein paar Längen auftreten, sind sie authentisch geschildert. Durch den rasanten Perspektivwechsel, die Einblicke in die laufenden Ermittlungen, aber auch das Vorgehen der Entführer bieten, ist der Krimi abwechslungs- und temporeich. Durch den Bezug auf Umweltschutz und den Skandal um manipulierte Abgaswerte ist der Roman zudem aktuell und gibt dem Fall die nötige Komplexität und Tiefe. Die beiden Protagonisten der Reihe sind sympathisch und haben Potential für weitere Teile der Krimireihe, denn insbesondere Laura hat eine bewegte Vergangenheit und ein Geheimnis, das sie selbst ihrem achtzehnjährigen Sohn nicht offenbaren kann.
Fazit: Ein spannender Politkrimi mit einem perfekt eingespielten Ermittlerduo und einer aktuellen Thematik, die jeden etwas angeht.

Bewertung vom 29.05.2021
Hannahs Lied
Uthaug, Maren

Hannahs Lied


sehr gut

Johan verliebt sich unsterblich in die flatterhafte Hannah, die von einem freien Leben in Amerika träumt. Johan kann Ørland jedoch aus Liebe zu seiner verwitweten Mutter nicht verlassen und bewirbt sich deshalb um die frei gewordene Stelle des Leuchtturmwärters. Aufgrund des einsamen Lebens im Leuchtturm ist es Voraussetzung, verheiratet zu sein, weshalb Johan 1920 notgedrungen die Pastorstochter Marie ehelicht, die schon bald schwanger ist. Johan denkt weiterhin an Hannah und zieht sich zurück in das Turmzimmer, während Marie immer mehr Zeit an Land in der Stadt Uthaug, zwei Seemeilen abseits des Leuchtturms, verbringt, denn auch sie hat Johan nicht aus Liebe geheiratet.

Die Geschichte entwickelt sich zu Beginn etwas schleppend, denn Johan ist kein Sympathieträger und auch die erwartete Liebesgeschichte mit Hannah ist weniger gefühlvoll und romantisch sondern wahnhaft. Hannah ist eine Frau, die sich im Leben das nimmt, was sie braucht, sich gleichzeitig aber auch benutzen lässt.

Die Atmosphäre des Romans ist kühl und rau und passt zu dem windigen Schauplatz im Norden, wo der Leuchtturm mehrere Monate im Jahr durch Sturm und Eis von der Zivilisation abgeschieden ist.
Die Menschen haben deshalb keine Vorstellung, was auf dem Leuchtturm passiert, ob Johan sich tatsächlich vorschriftsmäßig um die Laterne kümmert oder lieber dem Alkohol zugeneigt ist oder wie Marie und Johan mit ihren beiden Kindern Darling und Valdemar umgehen. Während der zurückgebliebene Valdemar wie ein Tier gehalten wird, geht Darling ihren Gewaltfantasien nach, freut sich, wenn sie an Land andere Kinder quälen kann und träumt insgeheim von einem anderen Leben in Amerika.

Der Roman ist zunächst aus der Perspektive von Johan geschildert, bevor die Geschichte aus der Sicht von Darling und von Marie erzählt wird. Auch wenn es in der Darstellung zu Wiederholungen kommt, ist diese Erzählweise keinesfalls ermüdend, denn alle drei haben sie eine ganz andere Sicht auf die Dinge und für den Leser schließen sich damit Erkenntnislücken, die die Geschichte erst interessant machen.

"Hannahs Lied" ist ein Buch über Einsamkeit, Abhängigkeiten, Missbrauch und unerwiderte Liebe. Auch wenn die Beziehungen zwischen Mann und Frau, die hier freiwillig oder unfreiwillig, in oder außerhalb einer Ehe, eingegangen werden, im Vordergrund stehen, handelt es sich bei dem Roman nicht um eine Liebesgeschichte, sondern um eine Familientragödie, die tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt. Feste Bindungen entstehen weniger aus Liebe sondern aus anderen praktischen Erwägungen, während die Liebe häufig nur einseitig und deshalb zum Scheitern verurteilt ist. Die Kinder, die aus so mancher Verbindung entstehen, sind die Leidtragenden, denn sie wissen häufig nicht einmal, wer ihr leiblicher Vater oder gar die leibliche Mutter ist und gehen tragischerweise von falschen Voraussetzungen aus, was fatale Folgen hat.
Es ist eine düstere, tragische Geschichte, die den Leser durch die sukzessive Aufdeckung von Geheimnissen immer weiter fesselt, gleichzeitig in den Abgrund zieht und fassungslos darüber macht, wozu verlorene Menschen in einem Mikrokosmos fähig sind.

Bewertung vom 27.05.2021
Lügen können töten
Tyce, Harriet

Lügen können töten


gut

Nachdem Sadie Roper von ihrem Ehemann Andrew verlassen wurde, tritt sie notgedrungen das Erbe ihrer Mutter Lydia an und zieht mit ihrer zehnjährigen Tochter Robin zurück nach England in das Haus der verstorbenen Mutter. Das Erbe ist allerdings an eine Bedingung geknüpft, weshalb Sadie Bedenken hatte. Robin soll die Ashams School besuchen, auf die Sadie bereits gegangen ist. Die Schule ist elitär und vor allem die ehrgeizigen Eltern üben Druck auf die Schüler aus, treiben sie an, die Besten zu sein.
Nach der Geburt ihrer Tochter hatte Sadie nicht mehr als Rechtsanwältin gearbeitet, möchte aber wieder in ihren Beruf zurückkehren. Mit Glück findet sie eine Anstellung als Junioranwältin in der Kanzlei, in der eine alte Freundin arbeitet, und soll dort die Verteidigung eines wegen sexuellen Missbrauchs angeklagten Lehrers unterstützen. Die Anschuldigung wiegt schwer, allerdings ist die Klägerin, eine 17-jährige Schülerin, wenig glaubwürdig.

Das Buch besteht aus verschiedenen Handlungssträngen rund um Sadie und ihre Tochter und man ahnt zunächst nicht, wie diese zusammengehören könnten. Fraglich ist bereits Sadies Vergangenheit, das zerrissene Verhältnis zu ihrer Mutter, das seltsame Verhalten ihres Ehemanns und die fluchtartige Trennung. Zudem bereitet ihr Robin Sorge, die sich an ihrer neuen Schule unwohl fühlt und ganz offen ausgegrenzt wird. Auch Sadie hat als Berufstätige einen schweren Stand unter den Müttern. Das schon an Mobbing grenzende Verhalten der Mütter und ihrer Kinder ändert sich erst, als sie erfahren, dass Sadie früher die Schule besuchte und damit eine "von ihnen" ist. Plötzlich wird Sadie im Kreis der Mütter willkommen geheißen und kann den Einladungen kaum entfliehen. Dennoch ebbt das Konkurrenzdenken nicht ab, wobei sich der Druck auf Robins Mitschüler erhöht, denn ihre Zensuren sind tadellos.

Ein weiterer, nur in knappen Kapiteln erzählter Handlungsstrang handelt von der verzweifelten Suche einer Mutter nach ihrer Tochter, die offenbar nach einem Wochenendausflug nicht zurückgekehrt ist.

Nach einer anfänglich eher unerklärlichen Angst Sadies entwickelt sich die Geschichte gemächlich, die Spannung wird langsam aufgebaut, bevor man sich fragt, ob für Robin eine abstrakte oder konkrete Gefahr besteht und ob diese eher von ihrem undurchsichtigen Vater oder von den neidvollen, hysterischen Müttern ausgehen könnte. Auch ist unklar, wem Sadie wirklich trauen kann, wie ihre alte Freundin Zora einzuschätzen ist und was es mit ihren neuen Freundinnen auf sich hat.
Unabhängig von Sadies Privatleben sorgt auch der Gerichtsprozess für Spannung, denn auch hier fällt es schwer einzuschätzen, wer vor Gericht lügt - die selbstbewusst auftretende Schülerin, die allerdings dazu neigt, sich in den Mittelpunkt zu drängen oder der verschüchterte junge Lehrer, der bei allen Schülerinnen äußerst beliebt ist.

Ab einem gewissen Zeitpunkt ist der Aufbau des Romans durchschaubar und die kommenden Ereignisse lassen sich bereits erahnen, weshalb die Spannung sich am Ende trotz aller Dramatik nicht steigert, sondern abflacht. Auch wie die einzelnen Erzählstränge letztlich zusammengeführt werden, überzeugt nicht so ganz. Die Auflösungen und Erklärungen sind etwas kurz gegriffen und am Ende hat man das Gefühl, dass einfach zu viel auf einmal in die Geschichte gepackt wurde, so dass kein Handlungsstrang logisch und zufriedenstellend abgeschlossen wird.

"Lügen können töten" ist ein rätselhafter Roman mit Thrillerelementen, bei dem es schwerfällt einzuschätzen, von wo die eigentliche Gefahr droht, die unterschwellig von Anbeginn vorhanden ist. Die Geschichte ist allerdings etwas überladen, weshalb die schnelle Auflösung am Ende nicht ganz befriedigend ist.

Bewertung vom 25.05.2021
Ein letzter erster Augenblick
Miller, Holly

Ein letzter erster Augenblick


ausgezeichnet

Joel ist Mitte Dreißig, hat seinen Beruf als Tierarzt aufgegeben und führt ehrenamtlich Hunde von älteren Damen aus. Er lebt zurückgezogen und versucht Menschen nicht zu nah an sich heranzulassen, denn Joe hat seit seiner Kindheit prophetische Träume. Er träumt davon, was mit Menschen passieren wird, die er liebt. Das können schöne oder neutrale Zukunftsaussichten sein, aber auch tragische Ereignisse, die er vorhersieht und besser nicht wissen wollte.
Als er in einem Café, die studierte Ökologin Callie kennenlernt, wirft er all seine Vorsätze über den Haufen und verliebt sich in sie. Wie er ist Callie eine empfindsame Person, die sich lange nicht mehr auf eine Beziehung einlassen konnte und nach dem Tod ihrer besten Freundin gehemmt ist, ihr Leben so zu leben wie sie es möchte. Beide sind sie wie Seelenverwandte, weshalb Joel Callie sein Problem anvertraut. Trotz Joels Nervosität, Unruhe und Schlafstörungen führen sie eine innige Beziehungen, bis Joel von Callies Zukunft träumt.

"Ein letzter erster Augenblick" ist eine berührende, fantastische Liebesgeschichte, die melancholisch anklingt, aber mich schon nach wenigen Seiten für mich eingenommen hat. Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von Joel und Callie geschildert, so dass man sich in beide Personen sehr gut hineinversetzen kann. Beide sind sie liebenswürdige, sympathische Menschen, die schon tragische Verluste erleiden mussten und ein Leben mit angezogener Handbremse führen. Joel kann nicht richtig arbeiten, weil er zu wenig schläft, um möglichst wenig zu träumen. Er lebt in permanenter Angst davor, Dinge über die Zukunft geliebter Menschen zu erfahren, die tragisch und katastrophal sein könnten. Callie hat das Café ihrer verstorbenen Freundin Grace übernommen, würde jedoch viel lieber in der freien Natur arbeiten und steht deshalb vor einem Gewissenskonflikt.

Die Liebe zwischen den beiden entwickelt sich zögerlich und sanft. Diese gemächliche Annäherung ist gefühlvoll und authentisch beschrieben und passt perfekt zu den zurückhaltenden, sensiblen Charakteren.
Als Leser spürt man die innige Liebe zwischen den beiden und die Harmonie, die zwischen ihnen herrscht. Sie können sich gegenseitig Halt geben verspüren eine innere Ruhe. Gleichzeitig spürt man jedoch, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm sein kann und tatsächlich ändert sich alles, als Joel von Callies Zukunft träumt.

"Ein letzter erster Augenblick" ist eine herzzerreißende Liebesgeschichte, die von Anbeginn fesselt und den Leser tief bewegt, denn die Schicksale der Protagonisten gehen einem so nahe, dass man darauf hofft, dass sie trotz aller Prophezeiungen an ihre Liebe glauben, an ihr festhalten und nur die Gegenwart zählen lassen sollen. Zudem stimmt die Geschichte nachdenklich, ob man selbst vorbereitet sein und die Zukunft kennen wollte, ob nicht schon kleinste Entscheidungen, bestimmte Ereignisse abwenden könnten oder ob es nicht doch besser ist, unbelastet alles, was kommen mag, ohne eine Möglichkeit der Einflussnahme, anzunehmen.

Bewertung vom 24.05.2021
Tage mit Gatsby
Nicolas, Joséphine

Tage mit Gatsby


ausgezeichnet

Zelda und Scott Fitzgerald sind in den 1920er-Jahren das Glamourpaar in New York, das ein ausgelassenes und zügelloses Leben führt. Scott hat bereits einen Erfolg mit seinem Roman "Diesseits vom Paradies" gefeiert und möchte diesen noch übertrumpfen. Für die Zeit des Schreibens erwartet er Ruhe und die Unterstützung durch seine Ehefrau Zelda. 1924 gehen sie deshalb gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter Scottie von New York nach Südfrankreich, Während Scott Selbstzweifel plagen und er aus Geldnot immer wieder gezwungen ist, für das Schreiben von Kurzgeschichten die Arbeit an seinem Roman zu unterbrochen, langweilt sich Zelda, fühlt sich einsam, ungeliebt, unfrei und ohne sinnvolle Aufgabe nutzlos. Von Scott vernachlässigt, geht sie eine Affäre mit einem französischen Piloten ein und verliebt sich in ihn. Die ständigen Provokationen, Streitigkeiten, Eifersucht und der massive Alkoholkonsum werden zu einer Belastungsprobe für die Ehe, sind gleichzeitig aber auch eine Inspiration für Scott und seinen Roman "Der große Gatsby".
Zeldas Ambitionen, Texte zu schreiben und zu veröffentlichen, werden von Scott niedergemacht. In seinen Augen ist er der hauptberufliche Schriftsteller und sie die Frau an seiner Seite. Dabei hat er wenig Hemmungen, schamlos aus ihren Briefen und Tagebüchern abzuschreiben und ihre Formulierungen als seine eigenen zu verwenden. Aber auch mit Zeldas Zustimmung werden ihre Texte aus der finanziellen Not teilweise unter Scotts Namen veröffentlicht, da das Honorar für männliche Autoren weitaus höher ausfällt.

Der Roman schildert die Monate des Ehepaares Zelda und F. Scott Fitzgerald, als dieses sich eine bewusste Auszeit in Europa genommen hat, damit Scott in Ruhe an seinem Roman, in den er so große Hoffnungen für einen Welterfolg setzte, arbeiten konnte. In "Der große Gatsby" beschreibt er die Entzauberung des amerikanischen Traums.

"Tage mit Gatsby" wird aus der Sicht der damals noch jungen Zelda erzählt, die es liebte, im Mittepunkt zu stehen, sich selbst als moderne Frau ansah und die so gerne gleichberechtigt wie ihr Mann ihre eigenen Texte veröffentlicht sehen wollte. Ihre innere Zerrissenheit, die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung ist spürbar.
Sowohl Scott als auch Zelda sind auf den ersten Eindruck nicht sympathisch, denn sie neigen zu Arroganz, Dekadenz und führen ein hedonistisches Leben im Hier und Jetzt. Doch beide haben sie auch eine melancholische Seite, denn Schönheit und Erfolg sind vergänglich, weshalb sie mit Selbstzweifeln kämpfen und dem Alkohol zugeneigt sind.

Durch die bildhaften Beschreibungen und die authentischen Dialoge werden Zelda und Scott Fitzgerald wieder lebendig. Auch kann man sich als Leser*in sehr gut in die Epoche der Roaring Twenties hineinversetzen, hat den Luxus und die ausschweifenden Partys, regelrechte Gelage, aber auch die schäbigen Hotels vor Augen.

Das Buch ist nah an der Lebensgeschichte des Glamourpaares geschildert, wobei das "flapper girl" Zelda Fitzgerald in den Mittelpunkt gerückt wird, die sich selbst häufig nur noch als Figur wahrnahm, wenn Wirklichkeit und Fiktion sich miteinander vermischten. Nicht nur ihre Texte wurden von Scott verwendet, auch sie als Person war seine Muse, die er literarisch verarbeitete. Während Scott für sein literarisches Schaffen berühmt wurde, zeigt die Geschichte aus Zeldas Perspektive, dass Scott tatsächlich auf seine Frau und ihre Kreativität angewiesen war und er möglicherweise auch deshalb ihre Affäre mit dem französischen Piloten zuließ und niemals in eine Scheidung eingewilligt hätte.

Diese toxische Ehe wird dramatisch und spannend erzählt und zeigt zwei schillernde Persönlichkeiten, die sich nach einer glücklichen und euphorischen Anfangszeit langsam in den Abgrund ziehen.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.