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Benutzername: Hedwig
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Danksagungen: 40 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 48 Bewertungen
Bewertung vom 12.09.2010
Ein ungezähmtes Leben
Walls, Jeannette

Ein ungezähmtes Leben


ausgezeichnet

Im Arizona des frühen zwanzigsten Jahrhunderts mußte schon die ganz junge Lily Casey Smith viel Pragmatismus beweisen, um sich und ihre Familie am Leben zu halten. Der Vater, durch einen Unfall (ein Pferd traf ihn am Kopf, als er noch ganz klein war) stark gehandicapt, züchtete und verkaufte mäßig erfolgreich Kutschpferde, war ansonsten allerdings eher ein Träumer und sehr konservativ eingestellt, auch was den beruflichen Werdegang seiner Töchter anging. Die Mutter weigerte sich aus Überzeugung, körperlich zu arbeiten und sah sich und ihre Töchter irrwitzigerweise im so genannten Wilden Westen dennoch lieber als feine Ladys, fand ebenfalls nur für den einzigen Sohn Buster überhaupt eine Schulbildung als sinnvoll und die Ambitionen ihrer Tochter, die sich schnell als aufgewecktes, neugieriges und äußerst zupackendes Mädchen erwies, einfach suspekt.

Schon sehr früh wurde Lily bewußt, dass alles, was Menschen mühevoll aufgebaut hatten, durch die Widrigkeiten der Naturgewalten wie Tornados, Dürre oder Überschwemmungen schlagartig zunichte gemacht werden konnten und sie lernte schnell, dem Verlorenen nicht hinterher zu weinen, sondern immer wieder neu zu beginnen. Ob ihr Zuhause nun, wie zu Beginn des Romans lediglich aus einer Erdhöhle bestand oder sie mit ihrem zweiten Mann eine riesige Rinder-Ranch als Verwalter betrieb, immer fügte Lily sich genügsam in die Gegebenheiten ein, war allerdings jeder Neuerung, wie dem Telefon, Autos, Innen-WC und fließend Wasser in der Wohnung, und jedem Fortschritt gegenüber offen, aufnahmebereit und aufgeschlossen, aber ganz gewiß nicht unkritisch.

Eine ihrer Berufungen lag ganz sicher im Unterrichten junger Menschen, die sie zwar - wie eben damals noch üblich - streng behandelte, bei denen sie sich aber gleichzeitig zutiefst verpflichtet fühlte, ihnen mitzuhelfen, frei heraus zu finden, wo ihre Stärken lagen. Nichts brachte sie mehr auf als sinnlose Beschränkungen und einengende Zwänge. Geprägt von dem Spruch, den sie selbst in einer Klosterschule, die sie als ganz junges Mädchen eine zeitlang besuchen durfte, von einer engagierten Oberin verinnerlichte: "Wenn Gott ein Fenster schließt, öffnet er eine Tür." fand sie nicht nur für sich nach herben Rückschlägen in ihrem Werdegang immer wieder den Mut, etwas Neues anzufangen, sondern gab diese Einstellung auch an ihre Kinder und die Kinder weiter, die sie unterrichtete und stellte sich mutig ihren Widersachern entgegen...zur Not unterstrich sie ihr Recht auf die eigene freie Meinungsäußerung auch mal mit dem Colt - zum Beispiel gegenüber dem Patriarchen einer Mormonensiedlung - und ließ sich nicht einschüchtern.

Weder durch den tödlichen Unfall ihrer besten Freundin, die durch ihre langen Haare in eine Maschine gezogen wurde, noch durch den Selbstmord ihrer eigenen Schwester, die von der Mutter beeinflußt durch ihre Schönheit in Hollywood nach Erfolg suchte und auf den erstbesten Süßholzraspler hereinfiel, noch die Entdeckung, dass sie selbst mit einem Bigamisten verheiratet war, brachte Lily wirklich von ihrem Weg ab, aus eigener Kraft Qualifikationen anzustreben und stets ein Ziel vor Augen zu haben, sei es ihren irgendwann unanfechtbaren Lehrerinnen-Status, eine eigene Ranch oder den Flugschein.
Kurzum: diese Frau war ungeheuer zäh, flexibel, genügsam und unglaublich beeindruckend in ihrem ganzen Wesen und ihre Enkelin hat mit "Ein ungezähmtes Leben" einen wundervollen Roman über sie geschrieben, den man nicht mehr aus der Hand legen kann, bevor man ihn durchgelesen hat.
Ein paar Fotos, die einigen Kapiteln vorangestellt sind, untermalen Phasen in Lilys Leben perfekt und runden den Roman harmonisch ab.

Sehr empfehlenswertes Leseerlebnis.

8 von 11 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 06.09.2010
Das Haus zur besonderen Verwendung
Boyne, John

Das Haus zur besonderen Verwendung


ausgezeichnet

Mein herzlicher Dank gilt zuerst dem Arche Verlag, der mir freundlicherweise ein Exemplar dieses Buches für eine Rezension zur Verfügung stellte.
Der Roman "Das Haus zur besonderen Verwendung" von John Boyne ist ein wahres Meisterstück der Erzählkunst. In zwei, zeitlich gegenläufigen Handlungssträngen beschreibt der irische Autor, der in Deutschland vor allem durch den Roman "Der Junge im gestreiften Pyjama" bekannt wurde, das Schicksal zweier Menschen aus völlig unterschiedlichen sozialen Gesellschaftsschichten und gibt uns gleichzeitig einen zwar fiktiven, aber nichtsdestotrotz tiefen Einblick in eine historisch bedeutsame Zeit: das Leben der letzten Zarenfamilie Romanow und deren gewaltsamer, blutiger Untergang im "Haus zur besonderen Verwendung".

Auf der Internetseite des Verlags findet sich unter www.zurbesonderenverwendung.de sehr viel interessantes Zusatzmaterial über die historischen Ereignisse samt Bildmaterial, Zeittafel, Leseprobe und Info über den Autor, was ich sehr bemerkens- und lobenswert finde und mir bei vielen anderen, vor allem historischen Romanen ebenfalls wünschen würde. Denn auf diese Weise kann der wissbegierige Leser doch ein wesentlich runderes Lesevergnügen erleben.

Der junge Georgi Daniilowitsch verhindert im Alter von 16 Jahren durch sein beherztes, geistesgegenwärtiges Eingreifen ein tödliches Attentat auf einen Verwandten des letzten russischen Zaren, Nikolaus II, und wird deshalb damit belohnt, aus Kasin, seinem Heimatdorf in Russland, an den Hof des Zaren geholt zu werden, wo er zum persönlichen Leibwächter des ständig kränkelnden einzigen Sohnes des Zaren, Alexej, avanchiert. Durch seine Position erhält Georgi - und der Leser natürlich ebenfalls - sehr private Einblicke in das Leben der Zarenfamilie, wie es gewesen sein könnte.
Boyne hat mit diesem Protagonisten Georgi eine Figur geschaffen, die sehr authentisch wirkt, aber als Kind zumindest immer auch einen Tick erwachsener rüberkommt als Jugendliche vergleichbaren Alters z.B. heute. Von der überschwänglichen Fülle am Zarenhof - immerhin soll Nickolaus II. der mit Abstand reichste Mann der Welt gewesen sein - beeindruckt aber nicht erschlagen, bewahrt er sich sehr wohl eine kritische, realistische Betrachtungsweise des ganzen Prunkes und frische, natürliche Neugier.

Folgerichtig verliebt er sich in die jüngste Tochter des Zaren. Auch auf ihr lastet als jüngste von vier Schwestern, durch deren Heirat mit anderen Herrschersöhnen der Zar ein Weltreich aufzubauen gedachte, am wenigsten Druck, so dass sie im Prinzip am freiesten von allen Zarenkindern war. Wunderschön arbeitet Boyne im Roman auch das übermäßige Beschütztwerden des Thronfolgers Alexej heraus, das Frömmeln bzw. den religiösen Wahn der Zarewna, den Machtwahn des Zaren, der die Zeichen der Zeit bis zum bitteren Ende geflissentlich übersieht.
Kurzum: Ohne zuviel dem eigenen Leseerlebnis vorwegnehmen zu wollen, würde ich sagen, dem Leser dieses Romans dürften einige politische Hintergründe und deren unausweichliche Folgen klarer vor Augen stehen und verständlicher geworden sein.

Leider wurde die wirkliche Anastasia - wie auch auf der Webseite des Arche Verlags dokumentiert - zusammen mit ihrer Familie im Haus zur besonderen Verwendung von den Bolschewiken ermordet und die zarte, alle Standesunterschiede überwindende, romantische Liebesgeschichte, ebenso wie die gemeinsame Flucht ins Ausland und die Reise nach St. Petersburg zu den "Weißen Nächten" bleibt nur eine Fiktion. Doch die schriftstellerische Freiheit erlaubt eben gerade dieses erdachte "Was wäre, wenn...?" und wenn das auch noch von einem wahren Meister seines Faches geboten wird, wie es John Boyne zweifelsohne ist, dann läßt man sich als Leser gerne bezaubern und in eine historische Epoche (ver)führen, die ihresgleichen sucht.

Danke für dieses wundervolle Buch.

2 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 04.09.2010
Das Labyrinth der Wörter
Roger, Marie-Sabine

Das Labyrinth der Wörter


ausgezeichnet

Mit Germain Chaze, Mitte vierzig, von der Statur her ein grober, ungeschlachter Klotz von Mann, ist das Leben bisher nicht gerade wohlmeinend umgegangen. In die Welt geworfen von einer alleinerziehenden, weil sitzengelassenen Mutter, der er immer nur lästig war, von den Lehrern als Schwachkopf abgestempelt, fristet er sein Dasein in einem Wohnwagen auf einem Stück Brachland in unmittelbarer Nähe seiner Mutter, auf dem er etwas Gemüse züchtet, hält sich mit Gelegenheitsarbeiten, die sonst keiner übernimmt, weil sie entweder zu schwer oder zu dreckig und eklig sind, über Wasser und schnitzt hin und wieder kleine Holzfiguren.
Einmal in der Woche gibt er sich - wie Germain es selbst ausdrückt, denn der ganze Roman ist aus seiner Sicht geschrieben - die Kante in der Kneipe, vögelt Annette ab und an und ist es gewohnt, von den anderen als der gutmütige, aber hoffnungslos ungebildete Bär beschmunzelt zu werden.

Nur, wenn es doch mal unerträglich für ihn wird und er Seelenfrieden benötigt, geht er in den Park. Dort zählt er die umherwuselnden Tauben und gibt ihnen sogar individuelle Namen, beobachtet ihr Verhalten und findet kurzfristig wieder Ruhe.
Da trifft er eines Tages an seinem Stammplatz eine zierliche, kleine alte Dame vor und sie beginnen, sich über unterschiedliche Bedeutungen und Interpretationen von Sätzen und Wörtern zu unterhalten. Zum ersten Mal überhaupt fühlt sich Germain als der Mensch angenommen, der er ist. Denn sie erkennt das brachliegende Potential, das in ihm schlummert, auf Anhieb.
Dies geschieht ganz allmählich und ohne Druck, bis ihm Margueritte, die ihm aus Büchern vorlas, ein Wörterbuch schenkt.
Als er das Buch ganz für sich selbst widerstrebend ausprobiert, findet er die Bedeutung des Wortes Labyrinth nicht darin, weil er einfach nicht weiß, wie es korrekt buchstabiert wird und auf die freundliche Nachfrage von Margueritte, ob ihm das Wörterbuch denn dabei helfe - wie sie es ihm gerne vermittelt hätte - neue Begriffswelten zu erschließen, bricht sein ganzer Frust aus ihm heraus. Er erzählt ihr sein bisheriges Leben und es wird klar, wie sehr er darunter gelitten hatte, von - aus seiner Perspektive gesehen - gebildeteren Menschen verachtet zu werden.

Sanft und unauffällig hilft ihm Margueritte immer weiter, sich selbst in der Welt der Wörter zurecht zu finden und Germain verändert seine ganze Einstellung und sein Selbstbewußtsein steigt. Er schreibt schon lange nicht mehr seinen Namen auf die Stele der Gefallenen, beeindruckt seine Zechkameraden durch sich ständig steigerndes Wissen und sogar seine Beziehung zu Annette wandelt sich zu einer echten Liebe.

Da eröffnet ihm Margueritte, dass sie an einer unheilbaren Augenkrankheit leidet, die die Erblindung zur Folge haben wird und sie ihm in absehbarer Zeit leider keine Bücher mehr vorlesen werden kann. Auch sonst wird die über sechzigjährige zierliche Dame sichtbar immer hinfälliger und unsicherer im Straßenverkehr.
Germain sieht sich gezwungen, seinen eigenen Stolz und seine bislang verständliche Zurückhaltung und Angst, abgewiesen und abgelehnt zu werden, aufzugeben und zu handeln.

Natürlich werde ich nicht verraten, wie es weiter geht, um den Lesern die eigene Entdeckerfreude nicht zu nehmen.
Aber mich hat an diesem Buch am meisten beeindruckt, mit welcher Achtung, Respekt und Würde man sich doch begegnen kann, wenn man nur will und wie man, ohne es direkt zu schreiben, doch beschreiben kann, dass Charakter und innere Stärke auf keinen Fall von Körpergröße, Bildung und Äusserlichkeiten abhängt.

14 von 17 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 22.08.2010
Trix Solier - Zauberlehrling voller Fehl und Adel
Lukianenko, Sergej

Trix Solier - Zauberlehrling voller Fehl und Adel


ausgezeichnet

Sergej Lukianenkos neuer Roman "Trix Solier. Zauberlehrling voller Fehl und Adel.", Originaltitel "Nedotepa", das ich vom Beltz&Gelberg-Verlag freundlicherweise als Leseexemplar bekam und wofür ich mich zunächst herzlich bedanke, ist als Jugendbuch bzw. Fantasybuch für alle Altersgruppen gedacht und ist von einem wahren Meister seines Fachs geschrieben worden.
Das Buch ist ein solide gebundenes Buch mit einem ansprechendem Coverbild und die Geschichte selbst ist sehr spannend und witzig gemacht. Zunächst allerdings bricht Trix', einziger Sohn des Herzogs Solier, Welt in tausend Scherben. Als er sich mit seinem Vater zusammen, wie jeden Tag, die Sorgen und Nöte seiner Untertanen anhören und Recht sprechen muß, wobei der 14jährige Trix die Fälle - quasi zum Üben - zugeschanzt bekommt, die Probleme aus seiner eigenen Alters-und Erfahrungsgruppe beeinhalten, muß er hilflos zusehen, wie der Co-Herzog Gris ihr Herzogtum beputscht. Sein Vater wird getötet, seine Mutter wählt den Freitod, doch er selbst wird überraschenderweise nicht getötet, sondern sogar mit nicht unbeträchtlichem Vermögen und einem Boot vom Co-Herzog Gris selbst ausgestattet.
Der sehr gewitzte Herzog möchte nämlich langfristig durch Trix einen guten Gegner für seinen eigenen Sohn schaffen, der - so der Plan - seinen etwas trägen Filius durch einen rachsüchtigen Trix auf Dauer auf Trab halten wird.
Damit bei der "Flucht" auch ja nichts schiefgeht, hat der Herzog noch weiter vorgesorgt: ein nahegelegenes Waisenhaus wird gleichzeitig aufgelöst, alle Jungen mit Trix Kleidung ausgestattet und hinaus in die weite Welt geschickt, mit der einzigen anweisung, sich selbst als Trix Solier auszugeben.
Auf einen dieser Jungen, eigentlich heißt dieser Ian, trifft nun der echte Trix Solier zufällig und durchschaut den Plan des Herzogs. An seinen Rachegedanken ändert das allerdings nicht viel, sondern bestimmt für die Zukunft seine weitere Vorgehensweise, da er nun weiß, dass er es mit einem sehr ausgebufften Gegner zu tun hat, der recht kreativ und langfristig plant.

Gemeinsam mit Ian gelingt es Trix zum Fürstentum Dillon zu kommen, wo Trix nach einigen Wirren der Knappe von Ritter Sir Paclus wird, einer seiner Vorfahren war ein Zwerg, der gegen den Zauberer Sauerampfer zu Felde zieht. Im Kampf gegen dessen Turmwächter, einem Minotaurus, wird deutlich, dass Trix Stärken nicht im rein physischen Kampf mit dem Schwert liegen, sondern dass er offenbar eher magiebegabt ist und das auf recht ungewöhnliche Weise.
Das bleibt natürlich nicht unentdeckt und so kommt es, dass Trix zum Schüler des Zauberers Sauerampfer avanchiert und mit des Zauberers Unterstützung die blutjunge Fürstin Tiana vor einer von ihr ungewollten Ehe mit dem uralten Evykait, einem Vitamanten, sprich Untotem, retten möchte. Ein turbulentes Abenteuer für unseren jungen Protagonisten, seinen treuen Gefährten Ian und einigen anderen skurrilen Freunden, die das Leben unseres jungen Helden - sagen wir mal - nicht unbedingt unkompliziert machen, aber durchaus bereichern. Kurzum mit allem, was im Fantasybereich im Stil eines Terry Pratchett dazu gehört plus einigen humorigen Einlagen und witzigen zeitgenössischen Bezügen.

Fazit: Sergej Lukianenko ist es gelungen, eine tolle, mitreißende Geschichte voller subtiler Situationskomik zu schreiben, die spannend ist und von witzigen Details und unvorhersehbaren humorigen Kontrasten lebt. Seine Charaktere sind liebevoll ausgearbeitet und haben alle eine liebenswerte kleine Macke, die die ganze Geschichte auflockern und den Leser einfach gut unterhalten. Eventuell wird man in einigen Jahren an anderen Stellen lachen oder schmunzeln als gerade zur Zeit, Jugendliche werden ebenfalls nicht immer verstehen, warum die Erwachsenen lachen, aber für alle gilt: genau richtig für alle, die Fantasy-Bücher einfach geniessen und nicht allzu tierisch ernst nehmen.

Gute Unterhaltung für alle Altersgruppen. Lachfalten garantiert!

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 20.08.2010
Rose und das Geheimnis des Alchimisten / Rose Bd.1
Webb, Holly

Rose und das Geheimnis des Alchimisten / Rose Bd.1


ausgezeichnet

Rose war als einjähriges Baby in einem Fischerkorb gefunden und in das Waisenhaus für Mädchen St. Bridget`s gebracht worden. Dort werden die Mädchen unter dem strengen Regiment von Mrs. Lockwood zu Haushaltshilfen erzogen, werden zwar mangels Geld nicht besonders gut verpflegt, müssen aber auch nicht Hungers leiden und haben ein super sauberes Heim. Sonntags findet ein gemeinsamer Kirchgang statt, ansonsten sind die Mädchen vom Leben draussen abgeschottet.
Um die Langeweile erträglicher zu machen, erzählt Rose den anderen Mädchen oft Geschichten, die diese Mädchen gerne hören wollen: z.B. dass ihr Aufenthalt im Waisenhaus auf einem schrecklichen Irrtum beruht, bald die Eltern kommen werden, um sie wieder abzuholen und dergleichen. Besonders die kleine Maisie hört Roses Geschichten zu gerne und fühlt sich durch sie getröstet. Bis eines Tages beim Erzählen einer Geschichte für Maisie das dazu passende Bild auf der glänzenden Oberfläche einer Badewanne erscheint und wie ein Film Roses Erzählung begleitet. Maisie findet das faszinierend und hinterfragt gar nicht erst großartig, wie Rose das gemacht hat. Doch Rose selbst ist entsetzt. Sie möchte mit Zauberei und sonstigen merkwürdigen Dingen gar nichts zu tun haben. Ihr einziger, recht bodenständiger Traum besteht darin, als Dienstmädchen bei einer reichen Familie angestellt zu werden und durch ihre Arbeit ihr eigenes Geld zu verdienen. Und tatsächlich beginnt dieser Traum wahr zu werden, als eines Tages die Haushälterin, Mrs. Bridges, ein zweites Dienstmädchen für den Haushalt des Alchimisten Mr Fountain sucht und Rose dafür auswählt. Sie muss zwar ebenso viel arbeiten wie bisher, wird aber vollständig neu eingekleidet, bekommt festes Gehalt, ein eigenes kleines Zimmer und darf sogar mit Billy, einem Jungen, der auch aus einem dem Waisenhaus St. Bartholomew`s für Jungen in den Haushalt von Mr. Fountain kam, auch einige Besorgungen in der Stadt erledigen. Ein großer Sprung in Richtung Freiheit für Rose und der Grundstein für ihre bescheidenen Träume. Allerdings hat sie dabei übersehen, dass ihre eigenen Fähigkeiten zur Zauberei ihr dabei im Wege stehen könnten. Zunächst fällt ihr das gar nicht auf, sondern denkt, dass das Haus des Alchimisten seltsam sei, Treppen wackeln, Teppiche sich verschieben, Figuren, die eigentlich still und stumm stehen sollten, sich bewegen. Zumal alle anderen Bediensteten offenbar nichts Ungewöhnliches zu bemerken scheinen. Für die anderen im Haushalt von Mr. Fountain ist dieser ein Zauberer, der es durch seine Kunst, Gold herstellen zu können, bei Hofe zu Ruhm und Ehren gebracht hat und für den jeder halt arbeitet, so gut er kann. Aber die vermeintlichen Zufälle häufen sich. Rose lernt den Lehrling von Mr. Fountain Freddie und den Hauskater Gustavus kennen. Mit Letzterem kann sie sich erst gedanklich, dann richtig unterhalten, die ziemlich verzogene Tochter Isabella und deren entnervte Gouvernante und schließlich auch ihren Arbeitgeber selbst, der ebenfalls sofort bemerkt, dass sie magiebegabt ist. Auch als sie Freddie und Gustavus instinktiv aus einer drohenden Gefahr durch einen Nebelzauber, den Freddie leichtsinnigerweise heraufbeschworen hat und nun nicht mehr alleine kontrollieren kann, möchte sie am liebsten dem etwas eifersüchtig gewordenen Freddie glauben, dass das alles nur purer Zufall war. Er merkt nämlich, dass Rose ihm mit ihren Fähigkeiten haushoch überlegen ist. Dann jedoch verschwinden immer mehr Kinder aus der Gegend und Mr. Fountain bekommt gleichzeitig immer öfter Besuch von einer sehr seltsamen Dame. Die Sache spitzt sich zu, als Rose bei einem Besuch im Waisenhaus erfährt, dass Maisie, Roses beste Freundin aus dem Waisenhaus, angeblich von ihrer Mutter nach Hause geholt worden ist.
Irgendetwas stimmt da ganz und gar nicht.

Bewertung vom 16.08.2010
Flutland / Bd.1
Diamand, Emily

Flutland / Bd.1


ausgezeichnet

Lilly Melkun, ein dreizehnjähriges Mädchen einer zukünftigen Generation, die nach einer Umweltkatastrophe aufgrund des durch uns Menschen hervorgerufenen Klimawandels, im Buch als Kollaps bezeichnet, die u.a. die Überflutung weiter Teile Englands zur Folge hatte, in einem ärmlichen Fischerdorf an der Südküste Englands recht eigenständig um die nackte Existenz kämpft, kommt vom Fischfang nach Hause und findet ihr Dorf von Piraten überfallen und ihrer aller Existenzgrundlage, die Fischerboote nämlich, zerstört vor. Ihre Oma hat diesen Überfall nicht überlebt und, da keine anderen Verwandten mehr da sind, die Lilly aufnehmen könnten, soll sie umgehend verheiratet werden...und das ausgerechnet mit Lun Hindle, den sie schrecklich dumm findet, überhaupt nicht mag und der ihr schon immer das geneidet hat, was sie jetzt nur noch hat: ihre Schiffskatze nämlich, die als äußerst selten und dadurch besonders wertvoll gilt. Aber auch die siebenjährige Tochter des Premierministers Randall, Alexandra bzw. kurz Lexi genannt, die in Lillys Dorf bei ihrer Tante, Mrs. Denton, lebte, haben die Piraten bei ihrem Überfall entführt. Der Premierminister, der die Dorfbewohner durch seine Soldaten eigentlich vor Unbill schützen sollte, verhält sich allerdings völlig anders als man das vermuten würde. Randall gibt im Beisein des schottischen Botschafters Jasper, der in Lillys Dorf offenbar etwas Wichtiges sucht und sich auch sonst merkwürdig benimmt, was allerdings nur Lilly selbst zufällig mitbekommt, den Dorfbewohnern selbst die Schuld an der Entführung seiner Tochter, obwohl diese sich gegen die schwerbewaffneten Piraten gar nicht angemessen hätten wehren können, läßt alle jungen, kampffähigen jungen Männer, darunter auch Lillys besten Freund Andy in seine Miliz-Truppen einziehen, um die Piraten zu bekämpfen und die anderen Männer einsperren. Randall hat handfeste politische Gründe für sein Verhalten, denn er will es sich mit den Schotten, die als einzige noch über Technologie verfügen, nicht verderben und seine eigene Tochter ist ihm im Grunde ziemlich gleichgültig, weil politisch noch nicht verwertbar. Durch deren Tante, Mrs. Denton, die ein wertvolles Artefakt, das ihr verstorbener Ehemann Eustace bei einer seiner Forschungsreisen einst fand, gerne gegen ihre verschleppte Nichte bei den Piraten auslösen lassen wollte, kommt Lilly auf die Idee, diesen Austausch heimlich auf eigene Faust zu versuchen. Nur dann sieht sie eine Möglichkeit, ihr aller Leben im Dorf, ihre Träume auch von einem Leben mit Andy in Freiheit, wieder zu bekommen. Sie stiehlt daher das Artefakt, das sie für einen wertvollen Edelstein hält und macht sich, als Junge verkleidet, mit ihrer Schiffskatze, die deswegen so wertvoll ist, weil sie ihren Besitzer - den sie sich nach Katzenart selbst aussucht - auf See vor Gefahren warnen kann, nach London auf. Die Erzählperspektive wechselt anfangs im Roman immer wieder zu einem anderen Schauplatz. Zu den Piraten nämlich, die Lexy entführten und dem Sohn des Piratenbosses Medwin, Zephaniah oder kurz Zeph genannt, der ziemlich damit zu tun hat, seinem Vater ständig beweisen zu müssen, dass er ein ganzer Kerl und damit würdiger Nachfolger ist. Er kümmert sich seit ihrer Entführung um die recht verängstigte kleine Lexy. Natürlich begegnen sich Lilly und Zeph zwangsläufig und das eigentliche Abenteuer - denn diese Geschichte ist als Trilogie geplant - beginnt nun erst richtig. Mehr soll allerdings nicht zum Inhalt verraten werden, um die Freude am eigenen Leseerlebnis nicht zu verderben. Mir hat dieser Roman, der vordergründig eigentlich eine Mischung aus Science Fiction Abenteuer und Fantasy ist, gut gefallen. Die Charaktere sind liebevoll ausgearbeitet und bieten die ganze Palette menschlicher Stärken und Schwächen und das keineswegs immer so ohne weiteres vorhersehbar. Doch, dieser Roman birgt eindeutig noch mehr. Spannend, actionreich und humorvoll gemacht, bietet er auch noch gehörig Stoff zum Nachdenken.

0 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 16.08.2010
Joran Nordwind
Thal, Lilli

Joran Nordwind


ausgezeichnet

Der Protagonist des Fantasy-Romans "Joran Nordwind"ist ein junger Schmetterling, ein Bläuling, namens Joran, der sich gerade mit seinen gleichaltrigen Freunden Jauk, Jugo, Jorn auf den ersten Rendezvous-Tag mit anderen Tagfalter-Mädchen freut und sie übermütig beeindrucken will, indem er vier Dolchwespen provoziert, die die Bläulinge in das Steinerne Reich hinter dem großen Wasserfall locken wollen. Übermütig reizt er eine Dolchwespe zu sehr und vergißt im Überschwang, dass man sich solchen, nicht ungefährlichen Insekten besser nicht alleine stellt. Und so wird ihm seine kleine Angeberei, womit er ja niemandem wirklich schaden wollte, prompt zum Verhängnis...die Dolchwespen haben ihn erfolgreich von seinen Freunden getrennt und entführen ihn in das Steinerne Reich gleich hinter dem Wasserfall, wo Käfer das Sagen haben. Es ist eine dunkle, modrige und ziemlich feuchte Welt, in der der Käferkönig despotisch über seine Untertanen herrscht und sein Volk in einem perfekt ausgeklügelten System von Intrigen, Bespitzelungen, Gewalt, Willkür und Zuweisungen von Offa, einer Nahrung, die süchtig macht, an sich bindet. Unvorsichtige Schmetterlinge wie Joran werden als Arbeitssklaven gehalten, denn sie können, einmal hinter den Vorhang aus Gischt und Wasser geraten, aus eigener Kraft nicht mehr aus seinem Reich entkommen, da ihre zarten Flügel ständig nass sind.
Joran, als zu unwichtig und zu klein für andere Arbeiten eingeschätzt, aber mit übermässig nervendem, vorlautem Mundwerk ausgestattet, bekommt den Job, als Brosche der Käferkönigin zu fungieren, wo er lediglich hübsch aussehen soll, aber stumm zu sein hat. Lediglich eine Brosche für die Königin zu sein, ist vom König Leobard als eine besondere Demütigung gedacht und zwar sowohl für seine Gattin als auch für den jeweiligen Schmetterling. Denn die Königin mag keinen Schmuck und hat auch sonst völlig andere Interessen als ihr tyrannischer Gemahl, wie sich sehr bald zeigen wird. Die Beziehung zwischen König und Königin ist von großem Misstrauen und Zwietracht geprägt und Joran erfährt, dass schon mehrmals direkte Bedienstete der Königin spurlos verschwunden sind. Der König hat überall seine Spitzel, bezeichnenderweise Stielaugen genannt, die jeden ausspionieren und Informationen an den König weitergeben. Ein straff organisierter Stab an Käferbeamten, die nach ihrer Leistung mit Offa verpflegt werden, bei schlechten Leistungen aber auch ihren Verpflegungsstatus wieder verlieren können, bis hin zu der Position, dass sie den anderen lediglich beim Fressen zuschauen dürfen, zählt der Despot ebenfalls zu seinen Errungenschaften sowie natürlich ein schlagkräftiges, gefährliches Heer von gefährlichen Käfern, Libellen und Spinnen und eine Geheimpolizei unter der Führung des Käfers Pfeifenstein, der seine Position sichtlich geniesst. Wer will in so einer ständig dunklen, feuchten und tristen Umgebung schon leben? Jedenfalls kein junger und lebensfroher Schmetterling wie unser Joran, der den Sonnenschein und die Freiheit, dorthin zu fliegen, wohin man will, über alles liebt. Aber auch nicht jeder Käfer ist mit dem Regime und dem Steinernen Reich an sich glücklich und zufrieden oder so mit dem süchtig machenden Offa zugedröhnt, dass er alles im Reich gut heißt. Es hat sich eine Gruppe gebildet, die den Exodus aus dem Herrschaftsgebiet des Käferkönigs wollen und auch schon vergeblich versucht haben zu entkommen. Dabei wurde der charismatische Führer der Widerstandsgruppe — kein geringerer als Leonil, der älteste Sohn des Käferkönigs selbst, gefangen genommen und wird seither am tiefsten Punkt des Wasserfalls, dem Labyrinth, wo der Sog des Wassers am größten ist, gefangen gehalten. Das ist in Kurzform der Stand der Dinge im Steinernen Reich, als unser kleiner Bläuling unfreiwillig die "Bühne" betritt und, da er ein helles Köpfchen ist, erfährt und begreift er ganz allmählich, worum es dem geht.
Wir dürfen dies gewaltige Abenteuer erleben und mitfiebern, ob und wie die Tyrannei ein Ende findet.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 10.08.2010
Cleo
Brown, Helen

Cleo


ausgezeichnet

Der Roman "Cleo: Wie ich das Lachen wieder lernte", Originaltitel: "Cleo. How an uppity cat helped heal a family" von Helen Brown hat mich besonders berührt und ich danke dem Verlag hiermit herzlich dafür, dass mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt wurde. Und gleich auch ein Dank, dass es solche Autoren wie Helen Brown gibt, die meiner Ansicht nach locker einige Therapeuten und Psychologen ersetzen könnte.

Außerdem ist dieser Roman autobiographisch. Helen Brown hat demnach mit mir selbst (und vermutlich ja auch noch einigen Lesern) zumindest eines gemeinsam: Sie hat ein Kind verloren, also einen der schlimmsten Schicksalsschläge erlitten, den ein Mensch u.a. nur erleiden kann und über den man im Grunde nie hinwegkommt. Fast hätte ich deshalb dieses Buch auch lieber nicht lesen wollen, tat es dann aber doch - denn ich fühlte mich der Autorin in dem Moment verbunden, als ich feststellte, dass sie selbst auch in etwa die gleiche Zeitspanne gebraucht hat, um darüber überhaupt reden bzw. schreiben zu können...und ich kann mir sehr gut vorstellen, wieviel Kraft es oft gekostet haben mag, diesen Roman zu schreiben.

Und damit bin ich auch schon beim Inhalt angelangt, der im Grunde recht schnell erzählt und an sich undramatisch ist, weil das Leben an sich halt einfach so ist, wie es Helen Brown beschreibt:
Als ihr Sohn Sam den tödlichen Unfall erleidet, stürzt die ganze Familie in jenes finstere Loch voller Depressionen, Fragen nach dem Warum, den Schuldzuweisungen, der zersetzenden Lähmung. Dass selbst der Hund seine Agilität dabei verliert, ist nicht nur ein Kunstgriff der Autorin...sondern Betroffene meinen wirklich, die Erde stünde kurzzeitig still und Hunde leiden meist solidarisch mit ihren Rudelführern.

Katzen tun dies jedoch nicht! Was man von Katzenbesitzern so hört, ist, dass eine Katze eigentlich immer ihre eigenen Wege geht. Zwar spüren diese sensiblen Tiere, wenn etwas in der Luft liegt, sind offenbar aber viel zu sehr dem Leben selbst verbunden und fordern das auch immer wieder ein.
Und genau das passiert auch der Familie von Helen Brown: das kleine und nicht gerade hübsch aussehende Katzenkind Cleo, welches Sam eigentlich zum Geburtstag bekommen sollte, drängt sich selbstbewußt, anspruchsvoll und fordernd in das Leben der Familie und läßt deren Baden im Selbstmitleid einfach nicht zu.
Sie begleitet die Familie über 24 Jahre - ich wollte erst nicht glauben, dass Katzen tatsächlich so alt werden können, habe mich aber eines besseren belehren lassen - und teilt mit ihr alle Höhen und Tiefen. Denn, auch wenn man manchmal dazu neigt, zu glauben, nach schweren Schicksalsschlägen müßte das Leben doch mal eine zeitlang sanft mit einem umgehen und man hätte doch jetzt dann mal eine Strecke Glück verdient, kommt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der nächste Hammer. Bei Helen Brown in Form einer Scheidung, wo auch hier wieder die Katze Cleo eine nicht unwichtige Rolle spielt.
Ob es nun die Katze wirklich im Leben von Helen Brown gab oder ob sie nur als Symbol steht, wie man aus den Untiefen des Lebens in kleinen Schritten wieder herauskommt, wie eine Katze eben buchstäblich wieder auf seine Pfoten fallen muß und weitergehen ... besser, warmherziger, humorvoller, feinfühliger und lebensbejahender kann man einen Roman über solche schwierigen und mit Fingerspitzengefühl zu behandelnden Themen kaum schreiben. Die ganz selten vorkommenden Überspitzungen, wie in der Szene, als Cleo einen Heiratskandidaten anpinkelt während der andere sofort akzeptiert wird, tüte ich persönlich schmunzelnd als künstlerische Freiheit ein, die auch dem Leser hilft, das ganze Buch wieder als das zu sehen, was es ist: ein Roman über das Leben.

Leben muss man halt doch einfach selber.

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