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Benutzername: Brilli
Wohnort: Hagen
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Danksagungen: 15 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 90 Bewertungen
Bewertung vom 09.06.2014
Als wir unsterblich waren
Roth, Charlotte

Als wir unsterblich waren


ausgezeichnet

Es gibt diese Zeit - da gehört dir die Welt.

"Schalten Sie um aufs Erste! Sie bekommen doch West-Fernsehen hier, oder? Da passiert ein ganz großes Ding - die Mauer ist offen. Die lassen uns rüber. Wir müssen dahin!" Als ihre Freundin Meike mit diesen Worten durch die Wohnung stürmt, weiß Alexandra Liebermann noch nicht, dass nicht nur ihr Vaterland sondern auch ihr Lebensschicksal eine komplette Wende erfahren wird. Die junge Völkerkundestudentin teilt mit ihrer Großmutter, die sie liebevoll Momi nennt, eine kleine Wohnung im Osten von Berlin und fühlt sich sicher in einem Dasein, das ihr vertraut und voraussehbar scheint. Aber dieser 9. November 1989, der die Welt verändert, der Emotionen von ungeahnter Intensität auslöst, zieht sie mit, spült ihre heimliche Angst vor plötzlicher, unbekannter Veränderung davon und lässt sie über die ehemalige Grenze hinweg auf Oliver Schramm treffen, den jungen West-Studenten, der Geschichte studiert und dessen eigene Vergangenheit viel mehr Berührungspunkte mit Alexandra hat als sie zu ahnen vermag.

Aber Momi kennt die Verbindung zu der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, zu dem charismatischen Studentenführer Clemens Kamphausen und der jungen Frauenrechtlerin Paula Thomas, die, eingebunden in einen treuen Freundeskreis, mit ihrer Liebe und einer Kraft, die unsterblich zu machen schien, gemeinsam für eine bessere Welt kämpften. Nur Momi birgt tief im Innern noch das Wissen um die leuchtenden Stunden dieser Vergangenheit, aber auch um das Dunkle, Verdorbene, Böse und um die Schuld aus jener Zeit, die erneut zur Bedrohung zu werden scheint. Kommt beendet Geglaubtes jetzt zurück, hatte ein schicksalsbelastetes Stück Leben hierfür nicht ausgereicht?

Charlotte Roth hat hier einen großen Abschnitt deutscher Zeitgeschichte meisterhaft recherchiert und als Grundlage für diesen eindrucksvollen Roman genommen. Der Bogen spannt sich vom Ende der Monarchie über den ersten Weltkrieg hinweg bis hin zur folgenschwersten Inthronisation , die je stattgefunden hat, als Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler macht, und die Machtbefugnisse der braunen Rotten damit so manifestiert, dass die hoffnungslos gespaltenen Arbeiterparteien ihnen als hilflos geschwächter Gegner keinen Widerstand entgegen zu setzen vermochten.

Lebensnahe, wunderbar charakterisierte Protagonisten, deren Schicksal der Leser voll Spannung, Anteilnahme und Bewunderung verfolgt, sind das wahrhafte Gerüst dieses herausragenden Buches. Das breite Spektrum ihrer menschlichen Verhaltensweisen, ihre so leicht nachvollziehbaren Reaktionen, Gefühle und Neigungen sind bunt und vielfältig, mit schriftstellerischer Lust und Eindringlichkeit gezeichnet.

Diesem Buch kann sich der Leser nicht entziehen, es erreicht ihn auf mannigfaltige Art - wenn es nicht das fesselnde Zeitgeschehen ist, das ihn gefangen nimmt, so sind es die Menschen, die diese Zeit unsterblich und auch schuldig zu machen vermochte.

Ein Roman, der seinen Reichtum nicht für sich behält sondern mit jeder Zeile weitergibt und lange nachklingt wie gute Musik - berührend und wunderschön.

3 von 5 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 12.05.2014
Wenn die Liebe hinfällt
Buresch, Luisa

Wenn die Liebe hinfällt


ausgezeichnet

Ein kleiner Satz, der alles in Frage stellt, das Untere nach oben kehrt und Massen von Tränen strömen lässt als sei ein mittlerer Staudamm gebrochen, sollte in Alias Leben eigentlich niemals eine Rolle spielen, aber nun war es soweit. Ihr geliebter Leander, Vater ihrer süßen Tochter Katie und bisher unbestrittener Traummann ihres Lebens begann das folgenschwerste Gespräch aller Zeiten mit den Worten: „Ich muss dir etwas sagen – es gibt da eine andere Frau ….“ und der Himmel tat sich auf und ließ eine geschockte, todunglückliche Ali in tiefe Verzweiflung stürzen, aus der kein Wiederaufstehen mehr möglich schien. Liebe, Zärtlichkeit und Vertrautheit der vergangenen Jahre waren nahezu unbemerkt von der Schleifmaschine des Alltags zunichte gemacht worden und das von allen bewunderte Traumpaar war gescheitert.

Kopflos und entwurzelt versuchte Alia mit diesem Schicksalsschlag umzugehen und ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Gute Freunde gab’s, mit wohlgemeinten Ratschlägen, oder auch Männer für's Ersatzgefühl, aber das Chaos, was sie anrichteten, wurde nur noch größer und war bestimmt nicht geeignet, Klarheit in die komplizierte Liebes – und Lebenssituation zu bringen.

Als Alia glaubte, so ganz allmählich wieder Herr ihrer Lage zu werden, versuchte Leander seine Position im gemeinsamen Leben zurückzuerobern und alle Bemühungen schienen vergeblich gewesen zu sein. Kann man überhaupt noch einmal ganz von vorn beginnen oder Zerbrochenes reparieren? Gibt' s in der Liebe so eine Art „coup de foudre“, der einer alten Bindung den Rang abläuft? Ein Wechselbad der Möglichkeiten tat sich auf und Ali, die liebenswerte Protagonistin, testete alles beherzt und brachte dadurch Herz, Gewissen und Verstand in halsbrecherische Schieflagen.

Luisa Buresch serviert dem Leser hier ein sehr ansprechendes Debüt.

Authentisch, detailliert, humorvoll und menschlich schildert sie die Gefühle und Aktionen der jungen Mutter Alia, deren fest geglaubtes Fundament urplötzlich in sich zusammenfällt und nichts zurücklässt als einen ungeordneten Berg ungelöster Probleme. Es mag verlockend klingen, wenn die Möglichkeit besteht, beides einzusetzen, sowohl den Verstand als auch das Gefühl – aber hier hat es nur eine Wirkung – das Chaos wird größer, die Lage schwieriger, die Entscheidung unlösbarer.

Alia, mit der der Leser Einiges teilen muss, um immer ihr Fan zu bleiben, ist umgeben von lebensvollen, realistischen Personen, Familie, Freundinnen und Anwärtern auf den eben freigewordenen Posten des Lebenspartners. Sie alle geben der Geschichte Energie, Lebensnähe und Esprit – mag man sie als positiv empfinden oder nicht, so basiert doch dieser gefühlvolle, abwechslungsreiche und humorvolle Roman auf ihrem Zusammenspiel Jede der zugeordneten Rollen passt und bereichert.

Die Story um diese „Chaos-Queen“ hat Beides , mal ist es eigene Schuld, mal ist's nur sehr dumm gelaufen, manchmal wünscht man ein bisschen mehr verantwortungsvolle Moral, manchmal sollte der Verstand die Oberhand behalten. Nur mit dem Gefühl hapert es nicht, davon ist reichlich vorhanden und eben das macht den Roman so liebenswert.

Und auch ein paar leise Töne schwingen noch mit, fast nur so zwischen den Zeilen, aber man weiß ja, dass – bildlich gesprochen - die Erdbeeren der Liebe nicht immer nur auf dem Sahne-Bett daherkommen.

Von mir eine Empfehlung für die Leser der unterhaltsamen, entspannenden Freizeit-Lektüre.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 09.04.2014
Als der Sommer eine Farbe verlor
Heinitz, Maria R.

Als der Sommer eine Farbe verlor


ausgezeichnet

Heureux à en mourir...sterbensglücklich sein, das heißt, eine Empfindung zu haben, die wie ein köstlicher Schmerz oder eine schmerzende Köstlichkeit den ganzen Körper erfüllt, die uns wegträgt wie eine warme Woge, in die wir gebettet sind, bis wir erwachen müssen.
Dieses Erwachen kam für Bénédicte und Marcel an einem wunderbaren, sonnengetränkten Sommertag, der erfüllt war von duftendem Jasmin und dem Gezwitscher der Vögel, der keinen Raum hatte für sorgenvolle Gedanken, nur für die Freude, die der Besuch der geliebten Großmutter Delphine, von den Enkeln zärtlich Mamique genannt, ins Leben der beiden Kinder brachte.
Ihre Mutter, Aimée, hatte sich vor Stunden in ihr Atelier zurückgezogen - wahrscheinlich beherrschte einmal wieder "Farfadetnoir" ihre Gedanken und hüllte ihren Kopf in dunkle Wolken ein. Bénédicte und Marcel waren es gewöhnt zu warten bis seine Herrschaft vorbei war und die liebevolle, heitere, strahlend schöne Aimée zum Vorschein kam und die stumme, geplagte, so verletzliche Mutter in Vergessenheit geriet.
Aber heute kam es anders. Als Bénédicte Aimées Atelier betrat, um der Mutter Mamiques frisch gebackene, fruchtige Blaubeer-Pfannkuchen zu bringen, trat ihr nackter Fuß in etwas Warmes, Rotes, das unter der Tür des kleinen Badezimmers hervorkam - es war Blut, Aimées Blut, das den Sommerzauber beenden und das Leben der Familie aus den Fugen werfen sollte.
Emil Baron zog mit den beiden Kindern von Hamburg nach Sprede, nachdem Aimée seiner Aussage nach in ein Sanatorium gebracht und dort gesund gepflegt wurde. Er selbst übernahm die Leitung der Irrenanstalt Sprede und die Kinder sollten dort zur Schule gehen und allmählich wieder ein normales Leben führen können, wenn die Schrecken der Vergangenheit verblasst sein würden.
Ob Emil die richtige Entscheidung für seine Kinder getroffen hatte, nachdem er schon Aimées Seele nicht vor Depressionen hatte bewahren können, weil er glaubte, ihre Sehnsucht gelte gemeinsamer Normalität ? Er, dessen Berufung es war, Menschen aus dem Abseits zurückzuführen, konnte seinen eigenen Kindern nicht helfen das traumatische Erlebnis und die Trennung von der Mutter zu verarbeiten, so waren sie ohne seine Hilfe auf dem Weg zu ihrer eigenen Identität.
Das Debüt von Maria Regina Heinitz ist ausdrucksstarke, gefühlsintensive Kost, die einen ganz besonderen Anspruch an den Leser stellt. Sie fordert intensives, ausführliches Lesen, möchte mit allen Sinnen erfasst werden und erwartet die bereitwillige Entgegennahme aller verborgenen Hinweise auf menschliche Schwächen und Stärken, auf Ebenen des Seins und der Vision. Bunt und vielschichtig zeichnet die Autorin die Entwicklung Bénédictes auf diesen Ebenen, so dass oft die eine sich mit der anderen vermischt. Eine Fülle von interessanten Protagonisten flankieren diese Selbstfindung, jeder besonders und eigentlich wert, eine eigene Geschichte zu haben.
Eingebunden in eine wunderbare, wortreiche Sprache erhalten diese Akteure den ihnen angemessenen Rahmen und fesseln den Leser bis zur letzten Zeile.
Ein Buch, das die Seele nicht immer froh sein lässt - aber "sterbensglücklich" ist auch eben nicht einfach nur "glücklich".
Von mir überzeugte 5 Sterne und eine Leseempfehlung für "Lieblingsbuch-Sammler".

Bewertung vom 01.04.2014
Das Herz des Sternenbringers
Lo Cascio, Priska

Das Herz des Sternenbringers


ausgezeichnet

Mit Klugheit und Übersicht meistert die Angelsächsin Alwynn stets die Obliegenheiten des Gutes Wertlyng, wenn der Thane, ihr Bruder Wigstan, seinen Pflichten als Housecarl des Königs nachkommen muss und mit seinen Männern unterwegs ist. Alwynn ist beliebt als Hausherrin, erfüllt ihre Aufgaben auf dem Gut mit Begeisterung und fühlt sich eins mit dem beschaulichen, natürlichen Leben dort, das ihrer Mentalität so ganz und gar entspricht. Ihre Welt ist im Gleichgewicht, das erbitterte Gerangel um die Thronfolge nach König Edwards Ableben findet nur zwischen Männern statt, die befürchteten Kriege sind fern und erscheinen noch nicht so bedrohlich.
Bis eines Tages ein verwundeter Fremder auf das Gut gebracht wird, der eine magische Anziehungskraft auf sie ausübt und um dessen Genesung sie sich aufopferungsvoll kümmert.
Seine Herkunft liegt im Dunkel, die auch der leuchtende Komet nicht zu erhellen vermag, der zur gleichen Zeit am Himmel entdeckt wird und die Menschen verunsichert. Niemand ahnt, dass es sich bei dem unverhofften Gast um einen Spion Herzog Williams handelt, der auskundschaften soll, in welcher Form man eine glückhafte Invasion vorbereiten kann.
Und William hat den richtigen Mann für diese Aufgabe gewählt. Girard de Belsac trägt tief im Herzen den unbändigen Wunsch nach Rache für seine Mutter Maud, die sein Vater Garrett, ein Angelsachse, verlassen und in tiefstes Unglück gestürzt hatte. Als er Arbeit und Bleibe auf Wertlyng findet, verliebt er sich jedoch in die junge Alwynn und dass auch sie ebensolche Gefühle für ihn hegt, bleibt ihm nicht verborgen. Obwohl Alwynn gezwungen wird Turoc Ingvarson, einen brutalen, ihr verhaßten Freund ihres Bruders zu heiraten, bleiben die leidenschaftlichen Bande zwischen den beiden Liebenden bestehen und ihre heimlichen Treffen sind voller Gefahr. Als der König zum Kampf aufruft verläßt Wigstan mit Turoc und den eigenen Vasallen das Gut und überträgt dem zurückbleibenden Girard die Verantwortung für den Schutz Alwynns.
Für Girard - oder Garret - wie sein Name bei den Angelsachsen heißt, kommt die Stunde der Entscheidung. Wird er das Vertrauen Wigstans rechtfertigen? Er ist ein Spion Williams, doch seine ganze Liebe, sein Herz und sein Leben gehören Alwynn. Wie wird seine Entscheidung aussehen und was wird Alwynn tun, wenn sie erkennt, dass er ein Verräter ist, dass er im Kampf auf der anderen Seite stehen muss? Wird diese Wahrheit das Ende ihrer Liebe sein?

Prisca Lo Cascio hat hier ein wunderbares Debüt vorgelegt. Mit flüssiger, schöner Sprache bringt uns das Buch in ein England um 1066 nach Christi Geburt, als die Frage nach der Thronfolge des verstorbenen Königs Edward erbitterte Machtkämpfe zwischen Normannen und Angelsachsen auslöste. Es entführt den Leser in eine andere Welt, nimmt ihn mit in eine Zeit, in der es keine Selbstverständlichkeit war, dass Frauen ihr Schicksal selbstständig in die Hand nahmen, den Mut besaßen, sich gegen einengende Gesetzmäßigkeiten zur Wehr zu setzen, andererseits aber ein nicht eingehaltenes Versprechen oder ein gebrochener Treueschwur für Gewissen und Ehre eines Mannes vernichtend sein konnten.
Mit zunehmender Eindringlichkeit bemächtigt sich dieses Buch seiner Leser, man spürt, wie intensiv man im Verlauf des Lesens am spannenden Schicksal der Protagonisten teilnimmt und wie viel stärker die Nähe zu ihnen wird. Von der Autorin liebevoll und detailliert gezeichnet, empfindet man die Personen als sehr authentisch und hat keine Schwierigkeiten, sie bildhaft vor Augen zu haben.
Ein Stück geschichtliche Vergangenheit, eingebunden in eine "Love-Story", die immer und überall passieren kann - das macht den besonderen Charme aus, mit dem dieser Roman zu punkten vermag - und das nicht nur bei der Jugend.
Zusätzlich bringt die liebevolle Gestaltung von Cover und Kapiteln dann die volle Punktzahl fürs Debüt, dem ich gern eine Leseempfehlung mit auf den Weg gebe.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 20.03.2014
Des einen Freud, des anderen Tod
Borkschert, Emlin

Des einen Freud, des anderen Tod


sehr gut

Camping - Vergnügen.

Lang erwartet und inständig erhofft, aber dann doch von einer Minute zur anderen, tat sich für Grit Loch eine neue Chance auf. Ein Telefonanruf des Polizeichefs Johannes Meier offerierte ihr ein Probetraining zum Wiedereinstieg in ihren ehemaligen Beruf als Polizistin, nachdem ihr Wechsel vom Berufsleben in eine glückliche Ehe-Verbindung gründlich daneben gegangen war. Ein neues Team aus Gruppenleiter Peter Vollmer, dem Azubi Till Brenner und dem Polizisten Ed Stenzel, dem sie zugeteilt wurde, sollte die Ermittlungen in einem Mordfall auf dem Campingplatz " Zur Sonne" am Strand von Ahlbeck auf Usedom aufnehmen, wo der fünfzehnjährige Sebastian Liebermann mit einem blutenden Loch in der Stirn von der Ehefrau des Campingbetreibers tot aufgefunden wurde.

Mit dem festen Vorsatz, diese erste Hürde zum zweiten Start exzellent zu meistern, damit unbezahlte Rechnungen und sporadisch geschickte Schecks ihres Exgatten keine Rolle mehr in ihrem Leben spielen müssten, startete Grit in Richtung Tatort. Mit dem ihr eigenen, untrüglichen feeling für Fettnäpfchen steuerte sie zwar zuerst den verkehrten Campingplatz an, landete aber letztlich doch noch zur rechten Zeit am rechten Ort. Das ermittelnde Team brach nicht in Begeisterungsstürme aus, als eine kleine, etwas dickliche Person in blauen Bermudas und gelber Bluse, luftigen Flip Flops und einer gehörigen Portion Schminke im Gesicht winkend über die Wiese auf sie zueilte und sich als die avisierte Mitarbeiterin zu erkennen gab. Mit Feuereifer widmete sie sich den Recherchen, verfolgte Spuren und durchleuchtete Personen, von denen es genug gab, die Verdacht erregten und ebenso etliche, die Verdächtiges gesehen hatten, wie das Ehepaar Hermann und Eleonore Färber, die seit Jahren ihren Urlaub hier verbrachten und deren Augen wenig verbogen blieb. Was für eine Rolle spielte die junge Natalie Zybler, eine Bekannte des Toten, die allerdings auch von Roberto Müller, dem Wirt des Campingplatzes besucht wurde? Was für ein Geheimnis teilten Silvana und Paul Liebermann, die Eltern des ermordeten Jungen? Und der Tote selbst - war er der "Engel" für den er gehalten wurde? Die Spuren waren verwirrend, aber erst als die junge Türkin Zara Aslin, die ohne Papiere auf dem Campingplatz putzte und zur Tat hätte aussagen sollen, spurlos verschwand, liefen die Ermittlungen auf vollen Touren.

Emlin Borkschert hat ein unterhaltsames Debüt abgeliefert.

Sein ausgefallenes Ermittler-Team besteht aus liebenswerten, skurrilen Typen, deren Eigenarten amüsant und menschlich herüberkommen. Nicht nur einmal ertappt sich der Leser beim Schmunzeln und erfreut sich an flüssigem Schreibstil und herrlichem Lokalkolorit, das sich besonders campenden Insidern erschließt, die mit nahezu uneingeschränkter Wahrscheinlichkeit Urlaubs-Impressionen entdecken werden.

Eine kleine Einschränkung ergibt sich meiner Meinung nach nur durch den Spannungsbogen, der in der Krimi-Geschichte etwas zu kurz kommt. Andererseits schaffen witzige Situationen und humorvolle Betrachtungen hierfür den absoluten Ausgleich. So macht der Leser einen entspannten Ostsee-Urlaub auf dem Ahlbecker Campingplatz und schaut beim Blick über den Zaun des Nachbarn einem gut aufgestellten Polizisten-Trio bei der Arbeit zu.

Empfehlenswerte Lektüre für heitere Lesestunden.

4 von 4 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 08.03.2014
Alles, was ich bin
Funder, Anna

Alles, was ich bin


ausgezeichnet

Unsere Freiheit - was sie gekostet hat. Ein Erinnern.
Es war im Januar 1933 in ihrer Berliner Wohnung am Schiffbauerdamm, als Ruth Becker und Hans Wesemann durch die Übertragung im Radio und die Rufe des Volkes, die in die geöffneten Fenster drangen, Zeuge einer tiefgreifenden Schicksalswende für ihr Vaterland wurden. Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. Die Volksbegeisterung brandete auf, ein pausenloser Redefluss von Göring und Goebbels hämmerte aus dem alten Radioempfänger auf die Hörer ein und der Kommentator bekräftigte die Aussage der Jubelnden, dass "Deutschland niemals in der Anarchie des Kommunismus untergehen wird".

" Nein, das wird es sicherlich nicht", bestätigt Ruth in diesem Moment, "der Untergangs wird uns in Reih' und Glied, mit einem gesunden Volksempfinden vorfinden."

Diese Szene, in der bereits soviel Wissen und unterschwellig vorhandene Ahnung liegt, ist der Auftakt zu Anna Funders Buch über eine Widerstandsbewegung gegen den Terrorismus des Dritten Reiches.

Es handelt von geschichtlich dokumentierten Personen, die sich verbunden durch ihre gleiche Gesinnung in der Bekämpfung von Unrecht, der Verteidigung ethischer und moralischer Menschenwürde und der Bewahrung der Freiheit von Körper und Geist zusammengefunden hatten.

Die jüdische Ärztin Dr. Ruth Becker mit ihrem Ehemann, dem Journalisten Hans Wesemann, die Frauenrechtlerin und ehemalige Reichstagsangestellte Mathilde Wurm sowie der Schriftsteller und Revolutionär Ernst Toller und dessen Geliebte, Dora Fabian, eine Freundin Mathilde Wurms und eine Cousine von Ruth Becker, bildeten eine Freundesgruppe, deren Auffassung und Ziele die Basis für einen erbitterten Widerstand gegen das Regime der Nationalsozialisten bildeten.

Die Aufgabe für die im Untergrund arbeitenden Freunde wurde jedoch so gefährlich und lebensbedrohlich, dass eine Flucht nach Großbritannien nicht zu vermeiden war. Allerdings waren die Grenzen kein Schutz vor Verrat, boten keine Sicherheit gegen die todbringenden Verknüpfungen eines Regimes, das totalitär und menschenverachtend arbeitete.

Als Dora Fabian und Mathilde Wurm 1935 tot in einem Londoner Hotelzimmer aufgefunden wurden, verbreitete man den Suizid-Verdacht und duldete keinerlei schuldhafte Verbindung zur Gestapo.

Die verschiedenen Perspektiven des Romans werden dem Leser durch Rückblicke nahe gebracht, die einerseits verstörend und beklemmend, andererseits hoffnungsvoll und bewunderungswürdig wirken und Fragen nach eigenen Verhaltensweisen aufkommen lassen.

So erlebt man die schweren Jahre der Nazi-Zeit in den Aufzeichnungen, die Ernst Toller seiner Sekretärin Clara diktierte, bevor er 1939 Selbstmord beging und Ruth Becker, die in einer Klinik in Sydney lebte, erinnert sich an diesen gewaltigen Lebensabschnitt, bevor ihre Alzheimersche Erkrankung vielleicht einmal alles mit ihren Schatten überziehen wird.

Anna Funder hat ein gut recherchiertes, eindringliches Buch geschrieben. Der Zeitabschnitt, der dies aufwühlende Geschehen in sich birgt, ist einer der bedeutendsten, grausamsten und bewegendsten Abschnitte deutscher Geschichte, zu dem - zumindest zum heutigen Zeitpunkt - noch gedankliche Bindungen bestehen, die zum Teil aus mündlichen Überlieferungen stammen. Es wird aber eine Zukunft geben, in der alle Münder schweigen müssen, weil der Tod sie verschlossen hat und dann wird die Wichtigkeit eines solchen Romans ins Unermessliche steigen. Er soll und er muss am Vergessen hindern, denn nur dann besteht die Möglichkeit, dass dieser Teil der Geschichte sich nie wiederholt.

Sehr empfehlenswertes, tiefgreifendes Buch, das auf eindringliche, ungeschriebene Fragen Antworten erwartet.

Bewertung vom 14.02.2014
Die Australierin / Auswanderer-Epos Bd.1
Renk, Ulrike

Die Australierin / Auswanderer-Epos Bd.1


ausgezeichnet

Eine faszinierende Familiengeschichte.
Durch den großen Brand in Hamburg, der vom 5.- 8. Mai 1842 in der Stadt wütete und viele ihrer Bürger um Hab und Gut brachte, weil ihre Häuser verbrannten und sie vorübergehend Bleibe bei Freunden oder Verwandten suchen mussten, wurden letztendlich auch die Pläne für Emilia Bregartners Leben auf schicksalhafte Weise gravierenden Veränderungen unterworfen.
Das sensible, gefühlvolle Mädchen lebte mit seiner Familie, den Eltern Anna und Martin, sowie den Bediensteten Inken, Mats, Ole und der Altmagd Sofie auf dem alten Bregartnerschen Besitz in Othmarschen unweit der Hauptstadt, eingebunden in die sichere Vertrautheit einer ländlichen, behaglichen Kindheit, umsorgt von der nimmermüden Liebe der jungen Magd Inken, die stets um das Kind bemüht war, vor Allem dann, wenn Anna durch oft aufeinander folgende Schwangerschaften ihrer Mutterrolle nicht gerecht werden konnte.

Die lodernden Flammen in Hamburg nun hatten Martins dort lebenden Bruder Hinrich und dessen kinderlose Frau Minna um ihr Haus gebracht, sodass sie erst einmal mit Gepäck und Dienstpersonal Einzug in Othmarschen hielten. Ihre dort entstandene Auffassung, dass Emilia eine angemessenere Schulbildung und Umgebung zuteil werden müsse, wenn sie sich eines Tages einmal standesgemäß verheiraten wolle und sich die kinderliebe Minna besonders intensiv ihrer annehmen könne, überzeugte auch die Eltern, sodass sie Emilias Umzug nach Hamburg zustimmten, als Tante und Onkel ins neu erbaute Haus zurückkehren konnten. Jedoch war es nicht nur für ein oder zwei Jahre, wie es dem unglücklichen Kind zum Trost geheißen hatte, sondern für eine viel längere Zeit, in welcher der Vater dann noch beruflich in England sein musste und Emilias Mutter und den jüngsten Sohn Julius mit in die Fremde nahm.
Emilia wuchs in die Hamburger Gesellschaft hinein, aber die Regeln, welche dort als ungeschriebene Gesetze Gültigkeit hatten, konnten ihre Gefühle nicht ausschalten und die Stimme ihres Herzens nicht zum Schweigen bringen. Das wusste sie, als sie Kapitän Carl Gotthold Lessing gegenüberstand und erkannte, dass er mehr für sie sein würde als Familie und Heimatland. Was bisher Bestand für sie hatte, würde den wechselhaften Gezeiten seines Lebens unterliegen, der Rhythmus seines Herzens würde von nun an der ihrige sein....

Ulrike Renk nimmt den Leser mit in eine Welt tiefer Gefühle und gewachsenerTraditionen, der Liebe zur Heimat und dem Drang in geheimnisvolle Ferne – eingebunden in eine große Familiengeschichte.

Die Protagonisten, deren reales Leben sie liebevoll detailliert recherchiert hat, sind ausdrucksvoll und beeindruckend gezeichnet, sind im Roman so intensiv zum Leben erweckt, dass der Leser keinerlei Schwierigkeiten hat, in ihre Geschichte einzutauchen und ihren Emotionen zu folgen. Engagiert und voller Anteilnahme nimmt man an den Höhen und Tiefen ihres Daseins teil und lässt sich durch die reiche, flüssige Sprache der Autorin wunderbare Lesestunden bereiten.

Das ist ungetrübte Freude an einem eindrucksvollen Gemälde aus Worten, dessen Autorin von mir sehr gerne eine volle Bewertungszahl und die Bitte um eine Fortsetzung dieser Familienchronik erhält.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 04.01.2014
Hundherum glücklich
Andeck, Mara

Hundherum glücklich


ausgezeichnet

Dein Hund - das hoffentlich bekannte Wesen!
"Dieses Buch war ein Experiment, ein Versuch, mit viel nützlichem aber auch unnützem Wissen den lesenden Hundebesitzer zu eigenen Gedanken anzuregen."

Das sagt die Autorin Mara Andeck von ihrem eigenen Werk, und ich muss dazu sagen, es ist ihr in vollem Umfang gelungen.

"Hundherum glücklich" vermittelt eine so unendliche Vielfalt, die mit dem Zusammenleben von Mensch und Hund zu tun hat, dass es weit über die Informationen der Sachbücher hinausgeht, die bereits in großer Zahl über Hunde geschrieben wurden. Damit hebt es sich heraus, ist vollkommen anders als der Leser es vielleicht erwartet.

Es zeigt den Hund über Generationen hinweg als Begleiter des Menschen, als seinen Beschützer, Helfer, Hüter und Freund, als Kameraden, der instinktiv das eigene Leben für seinen Menschen geben würde, wenn es gefordert wäre.

Mara Andeck plaudert in kurzweiliger Form über die Rolle des Hundes in der Natur, über den Platz, den er in der Gesellschaft einnimmt, und seine Stellung in den verschiedenen Kulturen der Völker, in denen er von alters her in der Geschichte auftaucht.

Selbst durch die unterschiedlichen Religionen ziehen sich die Erkenntnisse um ihn und in unseren Gedanken an die Zukunft hat er seinen festen Platz.

Aber auch von den Pflichten und der Verantwortung ist die Rede, die der Mensch seinem Hund gegenüber hat und die leider allzu oft in Vergessenheit geraten, sodaß sich Geben und Nehmen zwischen Mensch und Tier nicht die Waage hält. Hier bekommt die im Leben oft stumme Anklage durch sachlich-kluge Worte der Autorin ein Gesicht und rührt den Leser an.

Ein großer Teil gut recherchierter Sachkunde ist dabei, der nachhaltig informiert und Wissen erweitert ohne langweilig-theoretisch zu sein.

Wundervoll heiter und in vielen Passagen skurril und komisch sind Erlebnisse und Gedanken, die sich aus dem Zusammenleben von Mensch und Hund ergeben, sei es die Philosophie über den Hundekot oder die Ausführungen über die verschiedenen modeabhängigen Bekleidungsstücke, die mit "launigen" Aufschriften als Botschaftsübermittler fungieren können oder auch die ausführliche Anleitung zum Trainieren von publikumswirksamen Tricks, mit denen der Hund nach relativ kurzer Lernphase überall Verblüffung auszulösen vermag - ein paar wenige Beispiele nur - einfach herrlich.

Man kann beileibe nicht alles erwähnen, was in diesem Buch so lesenswert ist. Das Beste für jeden Hundebesitzer ist es, einfach selbst zu dieser Lektüre zu greifen, welche durch die flüssige Sprache und die kurzweilig behandelte Fülle der Themen zu einem "Rundherum lesenswert" - Buch geworden ist.

Ein Buch, das man liest, um einen Freund richtig kennen, lieben und schätzen zu lernen.

Natürlich läuft mein Hund jetzt mit einem "Fünf-Sterne-Halsband" herum - und ebenso viele möchte ich der Autorin schicken und ihr dazu ein herzliches "Dankeschön" sagen!