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Benutzername: Herbert Huber
Wohnort: Wasserburg am Inn
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Danksagungen: 18 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 179 Bewertungen
Bewertung vom 01.11.2015
Darwin heute
Beyer, Andreas; Gaßner, Josef; Kaiser, Peter-Michael; Kanitscheider, Bernulf; Lesch, Harald; Neukamm, Martin

Darwin heute


ausgezeichnet

Der Sammelband „Darwin heute: Evolution als Leitbild in den modernen Wissenschaften” will offensichtlich zeigen, dass das Konzept der Evolution in viele Disziplinen eingezogen ist. Das wird in acht fundierten Beiträgen erfolgreich ausgeführt. Mir drängte sich bei der Lektüre aber auch eine weitere Absicht des Sammelbands auf: zu zeigen, dass das Gerede über die Evolution als „nur eine Theorie” zwar prinzipiell richtig, aber durch die Wirklichkeit in den Wissenschaft schon längst obsolet geworden ist.
Der Herausgeber Martin Neukamm führt den Siegeszug des Konzepts der Evolution auf die folgenden Punkte zurück. Das Evolutionskonzept
1. zeigt die Veränderung aller Systeme der empirischen Welt
2. erklärt die Veränderung ganz natürlich aus der Vergangenheit
3. kommt darin ganz ohne Hexenmeister aus
4. unterstützt damit ein naturalistisches Weltbild, in dem – grob vereinfachend – alles mit rechten Dingen zugeht.
Der Sammelband umfasst acht Beiträge aus ganz unterschiedlichen Disziplinen, geschrieben von namhaften Vertretern ihres Fachs. Das Konzept der Evolution wird dabei in vielen Disziplinen verortet: Philosophie, Kosmologie, Molekularbiologie, Biochemie, Biotechnologie, Verhaltensbiologie, Medizin und neuen Unterdisziplinen der Biologie, wie der Lebensgeschichtenevolution. Sie untersucht, wie Umweltbedingungen die Lebensbereiche Selbsterhalt, Wachstum und Reproduktion beeinflussen.
Wer von Evolution wenig Ahnung hat ist mit dem Sammelband „Darwin heute” allerdings zunächst eindeutig überfordert. Wer sich aber etwas kundig fühlt oder kundig gemacht hat, kann Dietrich Schwanitz und Ignoranten trotzen und mit „Darwin heute” sein Weltbild erweitern und Hintergründe erkunden. Die Lektüre ist nicht immer einfach, daher der Rat vorher ein Einführungswerk zu studieren.
Winziger Wermutstropfen: Das Stichwortverzeichnis ist besonders bezüglich Personenverweise mehr als lückenhaft.

Bewertung vom 01.11.2015
Das Labyrinth des Malers / Fin O'Malley Bd.3
Römer, Carolin

Das Labyrinth des Malers / Fin O'Malley Bd.3


gut

Fin O'Malley gerät versehentlich in einen verwickelten Fall. Der Wohnwagen des Males Seamus Le Brun explodiert, kurz nachdem O'Malley ihn kennenlernte. Eigentlich ein guter Ausgangspunkt: Le Brun scheint sich mittellos zurückgezogen zu haben und ist dennoch – so dämmert es O'Malley mit der Zeit – Opfer gieriger Attacken. Leider läßt die Autorin kaum eines der derzeit die Krimis beherrrrschenden Klischees aus: privater Hauptermittler Fin O'Malley
– wurde vom Polizeidienst suspendiert
– lebt in Scheidung
– trinkt so übermäßig, dass er wegen Fahrens unter Alkohol verurteilt wird
– hat stets eine leere Geldbörse.
Die Polizei glaubt zunächst an Unglücksfälle ohne kriminellen Hintergrund: der Ex–Polizist muss auf eigene Faust ermitteln. Auch das ist gängige Praxis in Krimis: doofe Polizei gegen hellwachen Ermittler. Über hundert Seiten braucht es um den Lesern klar zu machen: Wer hinter den merkwürdigen Vorfällen steht meinte es ernst.
Im Wesentlichen geht es um Bilderdiebstahl zwecks Spurenbeseitigung, doch der Täter schreckt auch vor Mord nicht zurück. Die Story und ihr Hintergrund wird immer verworrener. Ab Seite 217 wird es dann richtig spannend. Ohne Irland zu kennen, glaube ich, dass die Autorin das Flair der Insel und seiner Bewohner gut trifft. Jedem Aberglaube abhold, überraschte mich positiv wie geschickt und glaubwürdig die Autorin irischen Koboldkult sinnvoll in die Handlung einbaute.
Der Roman läuft etwas zu stationenhaft ab. Nahezu jedes Kapitel bringt einen Ortswechsel, wobei sich meist Fin mit jemanden verabredet hat. Die ersten zwei der mehr Seiten der Kapitel kann man ohne Informationsverlust überspringen.
Unterm Strich: ein brauchbarer Krimi, doch davon gibt es viele; Irland-Liebhaber werden – so vermute ich – Land und Leute wiedererkennen.

Bewertung vom 01.11.2015
E. Galaxien
Wagener, Nora

E. Galaxien


weniger gut

Die E. Galaxien sind drei Erzählungen, drei Zustandsbeschreibungen von Erwin, Edgar und Eleonore.
In der ersten Erzählung „Erwins Galaxy” lesen wir den Gedankenstrom des Ich-Erzählers Erwin. Er beschäftigt sich mit dem Kaufhaus Galaxy und der Vermarktung des Erbes der Eltern, die vor kurzem verstorben sind. Wie langweilig er dabei vorgeht zeigt sich daran, dass die Eltern schon zwei Jahre tot sind, in denen sich nichts getan hat.
Alles Belanglose wurde in „Erwins Galaxy” gesagt, zuversichtlich beginne ich daher die zweite Erzählung „Edgar Adieu”: es konnte nur aufwärts gehen. Das dachte ich und wurde eines anderen belehrt. Edgar übertrifft Erwin an Erwartungslosigkeit noch. Nur einmal flammt Edgars Rebellentum auf: er überlegt, ob er im Hotel die Seifenspender leerpumpen soll. Er macht es nicht. Das ist so ziemlich die Handlung. Edgars Selbstbeschreibung mündet in der Anweisung: „atmen, Edgar, atmen”.
Die dritte Erzählung „Eleonores Fuchsbau” lese ich nur noch, damit mir niemand vorwerfen kann: „Ja, die beiden ersten Erzählungen sind matt, aber die dritte! Die hättest Du lesen müssen!” Hätte ich nicht. Eleonore reiht sich gut an Erwin und Edgar an. Sie beschreibt ebenso gewissenhaft ihren langweiligen Alltag.
Das „Galaxien” im Titel ist reichlich übertrieben, es sind eher Schrebergärten. Erwin, Edgar und Eleonore vegetieren ungestört vor sich hin (wie es in der Verlagsankündigung zutreffend formuliert wird). Wer sich darin wiederfindet und darüber lesen will, greife zu. Allen anderen rate ich ab.

Bewertung vom 01.11.2015
Handbuch Sprachphilosophie

Handbuch Sprachphilosophie


ausgezeichnet

Das Handbuch Sprachphilosophie gibt einen kompetenten und umfassenden Einblick in diese faszinierende Disziplin der neueren Philosophie.
Die Herausgeberin Nikola Kompa gliedert ihr Mammutprojekt in acht Abschnitte:
I Einleitung
II Historische Stationen
III Strömungen der Sprachphilosophie
IV Ausdrücke und ihre Funktion
V Analytische Sprachphilosophie
VI Phänomene der Sprache
VII Schnittstellen
VIII Anhang
Der Abschnitt II Historische Stationen hat nur geringen Umfang, da der Schwerpunkt des Werks auf der systematischen Darstellung der Fragen und Antworten der zeitgenössischen Sprachphilosophie in analytischer Tradition liegt.
Dazu wurden 47, ausschließlich deutschsprachige Autorinnen und Autoren herangezogen. Obwohl derzeit englischsprachige Autoren die philosophische Diskussion dominieren, zeigt der Sammelband, dass auch kompetente deutschsprachige Autoren die sprachphilosophischen Sachverhalte gut den Lesern vermitteln können. Der Herausgeberin gelang es ausgesprochene Kenner der jeweiligen Thematik für die einzelnen Themen zu gewinnen.
Soweit ich die Aufsätze studiert habe, wurden alle Sachverhalte klar formuliert, so dass auch aufmerksame Laien ihnen folgen können. Dabei vertritt kein Autor nur einen (seinen eigenen) Standpunkt, sondern erklärt zahlreiche kontroverse Auffassungen. Damit eignen sich die Kapitel hervorragend als Einstieg und Ausgangspunkt für eigene Forschung.
Für alle Studenten der Philosophie und sprachlicher Wissenschaften, aber auch für alle anderen an Fragen der Bedeutung und Funktion der Sprache Interessierten kann dieser Sammelband sehr empfohlen werden.
NB: die Beschreibung hier "Broschiertes Buch" ist falsch. Es ist gebunden (Hardcover).

Bewertung vom 01.08.2015
Erkenntnistheorie
Baumann, Peter

Erkenntnistheorie


ausgezeichnet

Autor und Verlag legen hier die dritte aktualisierte Auflage des Einführungswerks zur Erkenntnistheorie vor. Das Lob für die Erstauflage aus dem Jahre 2002 gilt unvermindert. Die Druck– und Flüchtigkeitsfehler wurden weitgehend ausgemerzt.
Beim erneuten Vertiefen fiel mir besonders das aufschlussreiche Kapitel „Der Begriff des Begriffs” auf. Damit kann man nicht nur Außenstehende verblüffen oder gar verärgern, sondern es ist andrerseits eine wichtige Grundlegung für die philosophische Diskussion, die in anderen Werken meist zu kurz kommt.
Für viele Lernende ist es vorteilhaft, dass Peter Bauman auf einen formalen Apparat weitgehend verzichtet. Er wird dadurch an kaum einer Stelle ungenau.
Allerdings fehlt in der Neubearbeitung ein Beitrag zur Formalen Erkenntnistheorie, die in den letzten Jahren mächtig an Bedeutung gewann. Ebenso fehlt ein Abschnitt über die „Wissen zuerst”–Richtung, die seit Timothy Williamson: Knowledge and Its Limits (2000) die erkenntnistheoretische Diskussion beherrscht. Dieses epochale Werk wurde zwar im Literaturverzeichnis berücksichtigt, Baumann bezieht sich aber nur einmal kurz darauf (S. 35).
Das überschwängliche Lob der Erstauflage gilt daher nur reduziert, für fünf Sterne langt es aber.

Bewertung vom 01.06.2015
Relictio (eBook, ePUB)
Nomus, Jacob

Relictio (eBook, ePUB)


weniger gut

Vier Hauptpersonen: Philipp Smiddlethorp und Daniel Treaghus in der Gegenwart und Giordano Bruno und Dante Alighieri in der Vergangenheit. Es beginnt sehr verstörend mit einer Vermenschlichung oder Beseelung von Philipps Oberlippenbehaarung, die seit Generationen das Spiegelproblem diskutierte. Das muss man schlucken, damit der Roman starten kann.
Der Start – nach kurzer Fehlzündung – ist dann verheißungsvoll: Philipp und Daniel sollen eine Hausarbeit über Giordano Bruno und Dante Alighieri schreiben. Doch die Verheißung läßt auf sich warten, Als die vom Autor gezündeten Vernebelungskerzen sich verflüchtigten und die Handlung allmählich Fahrt gewinnt wird Daniel das Computerspiel Relictio vorgeschlagen und er willigt (leider) ein. Nun folgt seitenweise die Beschreibung der Action innerhalb des Computerspiels. Sie enthält vieles, was ich an Computerspielen dieser Art nicht mag und so manche Science Fiction für mich schlecht macht:
– haufenweise neue Namen wie Ba'ak, Thorg, Achairon, ...
– ständig werden neue Regeln nachgeschoben
– alles dreht sich um gewaltsame Auseinandersetzung.
Quantität kaschiert beim Spiel Relictio fehlende Qualität: die Kriegsgeräte treten in hoher Stückzahl auf, z.B. 10 Millionen Kriegsschiffe.
Die Beschreibung des Schlachtengetümmels wird unterbrochen durch ausgiebige Zitierung der das Spiel Relictio begleitenden Forumseinträge mit „geistreichen” Einträgen wie „Manipulatives Arschloch!”
Auch die übrige Sprache des Autors ist mehr als gekünstelt (der künstlichen Umgebung angepasst?). Beispielsweise die Personenbeschreibung eines der beiden Gegenwarts-Protagonisten: „zweifelsfrei kann gesagt werden, dass das Konstrukt »Philipp Smiddlethorp« in puncto Nahrungsaufnahme wesentlich vorteilhafter war als hinsichtlich der Ästhetik” (S. 23). Wenn ich diesen verschnörkelten Satz richtig verstehe, dann wollte der Autor sagen: Philipp aß aus der Chipstüte gekonnter (besser, schöner) als er aussah.
Weit über der Mitte des Buchs setzte ich dem langweiligen Treiben ein Ende und klappte das Buch enttäuscht zu.

Bewertung vom 01.06.2015
Knowledge First? (eBook, PDF)
McGlynn, Aidan

Knowledge First? (eBook, PDF)


ausgezeichnet

Seit dem Erscheinen von Timothy Williamson: Knowledge and Its Limits (2000; alle folgenden Zitate von Williamson beziehen sich darauf) gibt es zahlreiche Verfechter der These, dass Wissen die grundlegende propositionale Einstellung ist. Konsequent wird dann auch die Wissensnorm der Versicherung (Behauptung) vertreten:
„(The knowledge rule) One must; assert that p only if one knows that p.” (Williamson S. 243, auch S. 238-269)
Aidan McGlynn argumentiert dagegen und rannte bei mir offene Türen ein. Das erschwert eine objektive Besprechung von Knowledge First? Ich hoffe, es gelang mir trotzdem. Die wichtigsten Standpunkte der Pro-Wissen-zuerst-Verfechter sind:
1.Wissen als die unerklärte Erklärung („unexplained explainer”, Williamson S. 10). Wissen ist der Ausgangspunkt und nicht ein zusammengesetzes Produkt. Es kann nicht weiter erklärt und nicht analysiert werden. Die zahllosen Versuche Wissen als gerechtfertigte, wahre Überzeugung zu analysieren sind verfehlt.
2.Wissen ist die grundlegende propositionale Einstellung, ein grundlegender mentaler Zustand. Wissen hat deshalb Vorrang vor Glauben und Überzeugung als andere mentale Zustände. Glauben und Überzeugung sind Arten von verkorkstem Wissen (”botched knowledge”, Williamson S. 47).
Wenn ich es richtig sehe, sind das keine sich gegenseitig ausschließende Positionen, sondern zwei verschiedene aber kompatible Sichtweisen.
Entsprechend gliedert McGlynn seine Argumentation:
Teil 1 Wissen als die unerklärte Erklärung: Kap. 2–6
Teil 2 Wissen als grundlegender mentaler Zustand: Kap. 7–8
McGlynn geht auf die Argumente der Pro-Wissen-zuerst-Verfechter ein und zeigt, dass sie nicht plausibel sind. Die Wissensnorm der Versicherung erweist sich als verfehlt.
Der Autor strukturiert den Stoff gut nachvollziehbar. Er formuliert oft Gedanken und Einwände gegen die Pro-Wissen-zuerst-Position, die man selbst beim Studieren von Aufsätzen der Verfechter hat. Nicht nur das, auch die Kritiken an dieser Position werden klarer.
Wie ich eingangs erwähnte hoffe ich, dass mir meine Voreingenommenheit für McGlynns Position nicht den Blick verstellt hat. Andrerseits kommt man sich derzeit schon als Schwimmer gegen den Strom vor, wenn man eine der tradionellen Positionen vertritt und weiterhin Wissen als komplexe, zusammengesetzten Zustand ansieht. Man hat keinen Sinn dafür, wahre Aussagen von unwahren an sich zu unterschieden und braucht deshalb andere Hilfsmittel, wie eine angemessene Rechtfertigung, um Wissen zusprechen zu können.
Aufgrund des sehr speziellen Themas sollte man vor der Lektüre von Knowledge First? mit Williamson 2000 vertraut sein. Das Werk richtet sich an fortgeschrittene Studierende der Philosophie und Kognitionswissenschaften und an Forscher, auf dem Gebiet der Erkenntnistheorie. Für sie gibt McGlynn zahlreiche gut formulierte und überzeugende Argumente gegen die Wissen-zuerst Position.

Bewertung vom 23.05.2015
Kampuchea
Deville, Patrick

Kampuchea


gut

Während der Erzähler in den Jahren 2010-2011 den Mekong befährt und in vielen Episoden auf die Geschichte Indochinas zurückblickt, läuft der Prozess gegen den Genossen Duch, ein wichtiges Mitglied der Roten Khmer. Die maoistisch-nationalistische Guerillabewegung der Roten Khmer übernahm ab 1975 in Kambodscha die Macht und herrschte mit Schrecken, Folter und Tod.
In über fünfzig kleinen Kapiteln mäandert Autor Patrick Deville durch die Geschichte Indochinas, die für den Autor damit beginnt, dass der Franzose Henri Mouhot 1860 die Ruinen von Angkor entdeckt. Er skizziert dabei zahllose Biografien, die sich nur mit viel geistiger Eigenarbeit zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Nur ein Beispiel für die Sprünge: das Kapitel „In Ventiane” beginnt im Jahr 2010, springt in den März 1867, dann nach Ende 1975, wieder in die Erzählgegenwart, dann nach 1896 und dann noch mehrmals hin und her.
Seine Absicht benennt Deville so: ich möchte „den Prozess gegen die Roten Khmer aus der Perspektive eines Zeitraums von etwa eineinhalb Jahrhunderten betrachten, angefangen bei Mouhot, der sich bei der Verfolgung eines Schmetterlings den Kopf anstößt, aufblickt und die Tempelanlagen von Angkor entdeckt”.
Den Lesern ergeht es dabei ungefähr wie Nali, der Übersetzerin des Erzählers: sie blättert in einem Bildband, der von einem Thema zum anderen springt.
Es hilft, wenn man einige der literarischen Vorläufer kennt, auf die der Autor immer wieder zurückkommt:
Joseph Conrad: Lord Jim, 1900, Herz der Finsternis [Heart of Darkness] 1899
Graham Greene: Der stille Amerikaner [The Quiet American] 1955
Pierre Loti: Eine Pilgerfahrt nach Angkor, 1926
André Malraux: Der Königsweg [La Voie royale] 1930
Trotz farbiger Schilderungen ergab sich für mich nur bedingt ein schlüssiges Gesamtbild. Wer schon mehr von der Geschichte Indochinas kennt, erhält vielleicht neue Aufschlüsse.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 22.04.2015
Die Reise des Engels
Beil, Lilo

Die Reise des Engels


gut

Bei windigem Regenwetter passiert ein Mord auf dem Friedhof von Schwanweiler in der Pfalz. Wieder einmal ist der pensonierte Kriminaler Friedrich Gontard zur Stelle und beginnt mit seinem einstigen Mitarbeiter, dem jetzigen Kommissar Manfred Berberich, die Ermittlungen. Die beiden (schwerpunktmäßig aber Gontard) fördern zunächst verzweigte und komplizierte Familienaffären zu Tage. Viele im Ort erinnern sich an Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse, aber auch an Namen oder Merkmale – die Leser merken es längst – die kurz zuvor erwähnt wurden.
Ungeklärte Mordfälle aus der Vergangenheit stehen im Mittelpunkt und erschweren durch ihre zeitliche Ferne, dass in der Erzählgegenwart wirklich Spannung aufkommt. Allmählich rundet sich das Bild und Gontard liegt wieder einmal mit seinen Vermutungen richtig.
Wie bei allen Gontard-Krimis erhält das Umfeld der Kriminaler breiten Raum. Damit sich die gezogenen Strippen zusammenfügen muss die Autorin gelegentlich stark nachhelfen.
Manchmal hackt Gontard solange nach, bis sich die Leute an das erinnern, was er schon längst vermutet hatte. Nach Jahrzehnten kann sich der Befragte nicht erinnern, welche Person er in einer diffusen Szene gesehen hat. Doch Gontard befragt ihn nochmals und plötzlich flutscht es: „Die Person war, glaube ich, eine Frau.” „Sie sind sich sicher?” (Ist er nicht, er sagte doch: „glaube ich”). „Ja, jetzt, wo sie [sic] mich so direkt fragen, muss ich sagen: ja.” Das müssen die Leser schlucken.
Ganz dick wird es bei der Interpretation eines uralten kolorierten Gruppenfotos. Dreimal erkennt Gontard Fallentscheidendes aus den Blicken und Augen der Fotografierten. Mit so hoch auflösenden Fotos, die sogar die geheimen Befindlichkeiten und sexuellen Vorlieben der Fotografierten festhalten, wird die Lösung einfach: „Fotos lügen nicht”. Das scheint mir doch etwas weit herbeigeholt.
Die Reise des Engels besticht – wie alle Krimi um Friedrich Gontard – durch ein klug ausgedachtes Netz an Beziehungen und Antipathien des Romanpersonals und durch das Regionalkolorit. So erwartet die Leser ein anregende, kurzweilige Lektüre. Mitfiebern werden wohl nur die Wenigsten.

Bewertung vom 05.03.2015
Guerra!
Webster, Jason

Guerra!


gut

Dem Reisebericht gelingt es einige Fakten und Facetten dieses Bürgerkriegs zu transportieren, wirklich gepackt hat er mich nicht.
Jason Webster, ein kalifornischer Krimiautor, bereiste wichtige Orte des Bürgerkriegs und schrieb darüber 2006 den Bericht Guerra!. Er wechselt kapitelweise Szenen der Reise mit Szenen aus dem Bürgerkrieg. So besuchte er das Grab García Lorcas und Guernica, besonders für uns Deutsche eine unrühmliche Stadt.
Die zeitgeschichtlichen Kapitel zeigen, dass die Schatten des Kriegs in Spanien noch präsent sind, dass aber eine Aufarbeitung anscheinend noch nicht erfolgte. Unter der bis 1975 andauernden Diktatur Francisco Francos galt der Krieg als ein Befreiungskrieg nationaler Kräfte gegen den internationalen Kommunismus.
Der Leser erfährt einiges über die Unterstützung oder Nichtunterstützung der Putschisten unter Francisco Franco und der Republikaner, über Ernest Hemingway und seine Einsätze als Kriegsberichterstatter, über das Ende des spanischen Dichters Federico García Lorca und einiges mehr.
Leider ließ weder die Konstruktion des Berichts, noch die Sprache, noch der Inhalt den zündenden Funken bei mir springen. Ich habe einiges über diesen vielleicht ersten Stellvertreterkrieg erfahren, über seine Grausamkeit und Nachwirkung bis heute. Grossen Eindruck hinterließ die Lektüre jedoch nicht.