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Benutzername: thisisher


Bewertungen

Insgesamt 30 Bewertungen
Bewertung vom 18.08.2018
Manhattan Beach
Egan, Jennifer

Manhattan Beach


gut

Streckenweise fehlt der Grund weiterzulesen

Es beginnt mit der Einführung der drei Protagonisten, Anna begleitet ihren Vater als Elfjährige auf ein geschäftliches Treffen bei Dexter Styles. Sie soll mit seinen Kindern spielen während ihr Vater und Mr Styles geschäftliche Dinge klären.
Später lernen wir, dass Styles ein Gangsterboss ist, der mit organisiertem Verbrechen seinen Lebensunterhalt bestreitet und seine Familie versorgt. Sie trifft ihn als Erwachsene in einem Nachtclub wieder ohne zu erkennen zu geben, dass sie sich schon einmal begegnet sind. Ihr Vater ist mittlerweile verschwunden, sie kümmert sich zusammen mit ihrer Mutter um ihre Schwester Lydia, die sich nicht selbstständig bewegen kann und nicht sprechen kann. Sie arbeitet in einer Fabrik am Hafen und möchte Taucherin werden, was ihr entgegen aller Umstände auch gelingt. Aber erst in der zweiten Hälfte des Buchs.

Das Buch liest sich über weite Strecken spannend und durchaus mitreißend, besonders der Gangsterhandlungsstrang von Dexter Styles gestaltet sich jedoch uninteressant und langatmig. Die Dynamik zwischen Anna und Styles, die mir am Anfang noch gut gefallen hat, verkehrt sich ins Gegenteil. Die Bootshausszene hat mir das Buch und auch die Figuren extrem unsympathisch werden lassen und auch nach Beendigung verstehe ich immer noch nicht die Relevanz.
Am besten haben mir die Szenen auf See gefallen, die sehr spannend und bewegend geschrieben waren.

Mir hat manchmal der Grund weiterzulesen gefehlt, weil das Thema des Buchs oder Annas Ziel so wenig ersichtlich war. Ich weiß über weite Strecken eigentlich nicht worum es geht und warum ich das Buch überhaupt zu Ende lesen sollte.

Bei der Übersetzung hat mich vor allem Börsenkrach irritiert, die geläufige Version wäre hier sicherlich Börsencrash. Und auch das N-Wort will ich eigentlich nicht mehr lesen, auch wenn es vielleicht historisch korrekt ist.

Bewertung vom 05.08.2018
Weit weg von Verona
Gardam, Jane

Weit weg von Verona


ausgezeichnet

Geschichte eines unabhängigen und starken Mädchens

Jane Gardam erzählt von Jessica Vye, einem 9-13 jährigen Mädchen, das wegen seiner unkonventionellen Art ständig auf Hindernisse stößt. Ihre Eltern sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt um sich um sie zu kümmern. Ihre Lehrerinnen kommen mit ihrem vorlauten Wesen nicht klar und bei ihren Mitschülerinnen wähnt sie sich unbeliebt.

Der Roman spielt während des 2. Weltkriegs und ist untergliedert in 3 Teile: Der Verrückte, Der Junge und Das Gedicht. Der erste Teil ist dabei der stärkste, Der Junge fällt ein bisschen ab und Das Gedicht sammelt die losen Fäden auf und führt sie zusammen.
Die Geschichte wird aus Jessicas Sicht erzählt, wir folgen ihren Gedanken über ihr Umfeld und die Umstände unter denen sie lebt. So ist zum Beispiel die Gasmaske immer wie selbstverständlich im Gepäck dabei.

Jessica ist ein starkes, unabhängiges Mädchen, die auf dem besten Weg ist, Schriftstellerin zu werden. Weil sie sich von niemandem vorschreiben lässt, was sie zu sagen, denken, tun hat. Sie lässt sich weder von Selbstzweifeln noch von den größtenteils inkompetenten Erwachsenen beeinflussen. Sie erklärt sich, wie schon Pippi Langstrumpf, ihre Welt, auf eine sehr eigene witzige Art und Weise.
Ihr Tonfall ist wunderbar zu lesen und perfekt getroffen. Jane Gardam hat ihrer Hauptfigur Jessica eine klare, starke Stimme verliehen, die ihre Beobachtungen und (Selbst-)Erkenntnisse treffend und mit einer großen Portion englischen Humors formuliert.
Besonders hervorzuheben ist die englische Übersetzung von Isabel Bogdan, die durch die Beibehaltung von z.B. Tea oder Housemaster dem Ganzen zusätzlich englischen Charme verleiht.

Bewertung vom 29.07.2018
Uns gehört die Nacht
Libaire, Jardine

Uns gehört die Nacht


gut

So nahrhaft wie Zuckerwatte

Inhalt: Ja was ist eigentlich der Inhalt dieses Romans? Jamey und Elise treffen sich, haben Sex, essen was, entfernen sich von einander und erkennen dann doch immer wieder, dass sie ohne einander nicht leben können. Und das ganze wieder und wieder über 450 Seiten.
Jamey entwickelt sich währenddessen von einem reichen, verwöhnten, innerlich leeren Erben zu einem arbeitenden, sich sorgenden, desillusionierten, später vielleicht glücklichen jungen Mann.
Elise von einer unabhängigen, selbstständigen jungen Frau aus komplizierten Familienverhältnissen, der es immer irgendwie gelungen ist zu (über)leben, zu einer selbstbewussten Frau, die sich von niemandem sagen lässt, wie sie sein soll oder was sie zu tun hat.
Ihr einziger Schwachpunkt ist dabei Jamey, beide lieben sich auf fast schon zerstörerische Art und Weise.

Der größte Vorzug des Buches ist gleichzeitig auch seine größte Schwäche, die Sprache anfangs noch neu, aufregend und interessant wirkt irgendwann nervig, wiederholend und anstrengend. Der erste Teil des Romans liest sich wie ein Musikvideo mit lauter, schriller Popmusik und hat den Nährwert von Zuckerwatte und Cola. Er hätte locker auf die Hälfte gekürzt werden können, ich fühlte mich wie als würde ich eine riesige bunte Torte essen und essen und essen und sie würde einfach nicht weniger werden.
Nach dem Umzug nach New York ändert sich das, neue Figuren werden eingeführt, wenn auch nur kurz und die Handlung entwickelt sich weiter. Die Geschichte bleibt jedoch weitgehend oberflächlich, die Nebenfiguren erhalten in ein, zwei Sätzen angedeutet ebensoviel Tiefe wie die Hauptfiguren auf über 400 Seiten.
Elise und Jamey werden nur beschrieben, die Autorin vermeidet es in die Tiefe zu gehen und beide Charaktere fassbar zu gestalten. Die Figuren berühren mich nicht und nach der Lektüre habe ich sie sofort wieder vergessen.

Als Sammlung von Kurzgeschichten hätte dieser Roman vermutlich besser funktioniert, weil die Nebenfiguren streckenweise interessanter zu lesen sind als die Hauptfiguren und wir nicht 400 Seiten ausschließlich mit Elise und Jamey verbringen müssten.
Das Ende ist unnötig rausgezögert, aber dadurch erklärt sich vielleicht, warum es in den 1980ern spielt, was ansonsten eher willkürlich erscheint.

Ich finde weder das Cover noch den Titel besonders passend, ein buntes, knallrotes, leuchtend blaues, neongelbes Cover wäre der Sprache des Buches angemessen. Und der englische Titel „White Fur“ - Weißer Pelz passt auch deutlich besser.

Ich gebe 2,5 Sterne, so nichtssagend wie dieses Buch und seine Charaktere.

Bewertung vom 24.07.2018
Spinster Girls 01 - Was ist schon normal?
Bourne, Holly

Spinster Girls 01 - Was ist schon normal?


gut

Evie, 16, leidet unter einer Angststörung die sie dazu zwingt sich ständig zu waschen und sich bewusst zu sein, was so alles schief gehen kann im täglichen Alltag. Frisch im College gründet sie mit ihren zwei neuen Freundinnen, Amber und Lottie, einen feministischen Club, der sich mit Fragen aller Art zum Thema Feminismus auseinandersetzt. Dabei werden Pink Taxes, also Steuern auf Tampons und andere Menstruationsprodukte ebenso behandelt wie offensichtlicher und verinnerlichter Sexismus. Leider beschränkt sich die Autorin hier auf weiße, heterosexuelle, cis-gender (also Menschen die sich mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren, im Gegensatz zu transgender) Frauen und Mädchen.

Ich hätte mir mehr Diversität gewünscht, bei einem Buch das sich mit so vielfältigen, wichtigen und aktuellen Themen auseinandersetzt. Aber wenn ich Sätze lesen muss wie: „die Periode macht uns zu Mädchen“ und „ist das einzige Ding, das uns zu Frauen macht“ frage ich mich ob nur die Formulierung unglücklich ist oder ob die Autorin Transmädchen und Frauen nicht berücksichtigt hat.
Leider ist auch keine der Figuren explizit nicht-weiß, zwei sind blond, eine rothaarig und eine wird nicht näher beschrieben. Und wenn frau ein Buch, vor allem ein Jugendbuch über Feminismus schreibt, dürfen ausdrücklich diverse Charakter nicht fehlen!

Evie ist großer Filmfan, da Filme lange Zeit das einzige waren, was sie von ihrer Erkrankung abgelenkt hat. Etwas irritiert hat mich, dass Evie, die sich zu Recht über Vergewaltigungen und Gewalt gegen Frauen in Filmen beschwert, mit Woody Allen als Regisseur offenbar keine Probleme hat.

Da das Buch sich mit sehr vielen und sehr grafisch beschriebenen Aspekten von Evies Angsterkrankung auseinandersetzt und überwiegend an Jugendliche adressiert ist, hätte ich mir im Anhang eine Liste mit Internetadressen und Telefonnummern gewünscht, bei denen die Leserinnen Hilfe bekommen können, falls sie nach/bei der Lektüre des Buches Schwierigkeiten haben.

Evies Geschichte ist wohl der Auftakt zu einer mehrteiligen Serie, adressiert an junge (weiße) Mädchen, die sich mit einer Reihe von gesellschaftsrelevanten feministischen Themen auseinandersetzt. Das ist leider nur teilweise geglückt, weil die Autorin sich leider auf heterosexuelle, weiße, cis-gender Mädchen beschränkt und nur die üblichen Jungsprobleme behandelt. Entgegen der offenbar landläufigen Meinung ist nur ein Bruchteil der Gespräche zwischen Teenagermädchen über Jungs und die damit behafteten Probleme.

Für die feministischen Inhalte und Hauptfigur mit psychischer Erkrankung würde ich gerne die volle Punktzahl geben, aber leider fehlt mir komplett die Diversität der Figuren und deshalb kann ich nur 3 Sterne geben.

Bewertung vom 08.07.2018
Hyde
Wagner, Antje

Hyde


ausgezeichnet

Magic!

Nachdem ich das Buch zwei Wochen lang vor mir her geschoben hatte, weil meine Erwartungshaltung sehr hoch war und ich auch ein bisschen Angst hatte, enttäuscht zu werden, habe ich es schließlich angefangen und dann innerhalb eines Tages zu Ende gelesen.
Es geht um Katrina, eine junge Frau, die auf der Flucht vor etwas zu sein scheint, bis sie zu einem Haus kommt und dort anfängt als Verwalterin zu arbeiten. Die Geschichte besteht aus sehr vielen Handlungssträngen, die jeder aber selbst entdecken sollte, weil es viel zu einfach wäre, etwas zu verraten und das würde dem Leseerlebnis vermutlich sehr schaden.

Es herrscht eine konstante Atmosphäre der Bedrohung und der Ungewissheit, die sich durch alle Erzählstränge zieht. Das Tempo ist am Anfang sehr hoch, die ersten 200 Seiten fühlte ich mich wie gehetzt lesend, und weil es so viele Andeutungen auf Vergangenes gibt und ich unbedingt wenigstens einige wenige Details erfahren wollte, habe ich immer weiter gelesen. Das ständige Unterwegssein der Hauptfigur hat dazu auch seinen Teil beigetragen.
Erst als sie anfängt das Haus zu renovieren, wird das Erzähltempo ruhiger, aber das Rätselhafte hält die Spannung kontinuierlich auf hohem Niveau. Die Erzählstränge steigern sich gleichwertig und sind, was ungewöhnlich ist, gleichermaßen spannend zu lesen.
Die Hauptfigur Katrina war mir sofort sympathisch, sie ist unglaublich stark und unabhängig und lässt sich nie unterkriegen. Ihr Einfallsreichtum und ihre Selbstsicherheit lassen sie älter wirken, als sie ist.
Manche Dinge lassen sich erahnen und die Leserin antizipiert einige Kleinigkeiten, was aber dazu führt, dass der größte plot twist sehr überraschend kommt!

Ohne zu viel verraten zu wollen, das Ende ist wahnsinnig gut und lässt keine Wünsche offen!

Ich finde 'Hyde' schreit geradezu danach als Serie verfilmt zu werden und gegen eine Fortsetzung hätte ich auch nicht einzuwenden. Ich bin eigentlich noch nicht bereit Katrina gehenzulassen und würde das Buch am liebsten gleich nochmal lesen! Deshalb meine Empfehlung:

Lesen! Lesen! Lesen!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 03.07.2018
Die Unruhigen
Ullmann, Linn

Die Unruhigen


sehr gut

„Die Unruhigen“ ist kein einfaches Buch. Ich musste mich mehrmals während des Lesens bremsen, kurz innehalten und dann weiterlesen, sonst hätte ich zwar die Worte gelesen, aber nichts verstanden. Es ist die Geschichte einer Familie, die immer nur aus zwei Personen zur gleichen Zeit besteht: Vater + Mutter, Mutter + Tochter, Vater + Tochter, zusammengesetzt aus Gegenwärtigem und Vergangenem. Die Mutter fällt vor allem in ihrer Abwesenheit auf, der Vater mit seinen Regeln und seiner Struktur.

Linn Ullmann beschreibt ihre Beziehung zu ihrem (sterbenden) Vater, später auch zu ihrer Mutter aus wechselnden Perspektiven. Teilweise schreibt sie von sich in der dritten Person, baut Distanz auf und reißt sie im nächsten Moment wieder ein. Die Sprache bleibt dabei aber immer klar und schnörkellos, einfach, aber trotzdem elegant. Der Wechsel zwischen Er/Sie- Perspektive und Ich-Perspektive ist kaum spürbar, erfolgt fließend und stört den Lesefluss überhaupt nicht.

Die Geschichte ist zerstückelt, springt ständig zwischen den Handlungssträngen und -zeiten. Aber durch die gleichbleibende Erzählstimme und die Konstanz des Schreibstils verliert die Leserin den Faden nicht und kann jederzeit wieder in die Geschichte einsteigen.
Gegen Ende bekommt das Buch aber auch Längen, verliert sich in Wiederholungen und teilweise auch unnötigen Details. Die Beschreibung der skandinavischen Landschaft und des Ferienhauses des Vaters ist sehr gut gelungen, sie wirken greifbar und sehr anschaulich.

Ein unruhiges Buch, das aber ruhig und konzentriert erzählt wird, und auch wenn die einzelnen Bestandteile relativ unverbunden nebeneinander stehen, zieht sich das Thema des Romans, nämlich die Beziehung der Tochter zu ihren Eltern, konsequent über 400 Seiten.

Bewertung vom 03.07.2018
Naturnahes Kochen - einfach, gut, gesund
Seitz, Erwin

Naturnahes Kochen - einfach, gut, gesund


sehr gut

Wer ein normales Kochbuch erwartet, wird hier wahrscheinlich enttäuscht. Das Buch ist unterteilt in zwei Teile, im ersten Teil erklärt der Autor vor allem Warenkunde, welche Produkte am besten zum Kochen zu benutzen sind und wo man sie herbekommt. Er gibt auch Adressen zu den Bezugsquellen an und erklärt seine Philosophie des Kochens und Essens. Er legt Wert auf die Qualität der Produkte, empfiehlt Bio Produkte. Im zweiten Teil folgt dann eine übersichtliche Auswahl von traditionellen Rezepten.
Außerdem stellt er verschiedene Essensphilosophien vor, und entwickelt daraus seine eigene, nämlich möglichst viele verschiedene Produkte und so vielfältig wie möglich zu essen . Er legt den Fokus auf Gemüse, Hülsenfrüchte, Fleisch, Getreide, Fisch, Milchprodukte. Zucker ist für ihn nur in Obstform und maßvoll als Honig zulässig. Nach dem Warenkundeteil habe ich vor allem Rezepte die auf Gemüse basieren erwartet, aber der Fleisch und Fischanteil ist doch recht hoch. Für Vegetarier ist das Buch definitiv ungeeignet, für Menschen, die auf vielfältige und traditionelle Kost Wert legen, ist es jedoch empfehlenswert.

Mir hat besonders das Cover und die Haptik des Buches gefallen, das Papier ist hochwertig, leicht aufgeraute Oberfläche, naturweiß. Die Fotos sind bunt, aber zurückhaltend. Zu jedem Rezept gibt es mehrere Fotos und eine Geschichte. Die Rezepte sind ausführlich, den Zutaten kommt dabei ebenso viel Beachtung zu wie der Zubereitung.

Bewertung vom 30.05.2018
Häuser aus Sand
Alyan, Hala

Häuser aus Sand


ausgezeichnet

Häuser aus Sand ist die Geschichte einer Familie, erzählt über 50 Jahre, beginnend 1963 in Nablus. Der Fokus der Geschichte liegt auf den Frauen der Familie, es beginnt mit Salma, am Vorabend der Hochzeit ihrer Tochter Alia und endet mit Alia, als alte Frau und Großmutter von vier Enkeln.

Der Inhalt ist schwierig zu beschreiben, da mit jedem neuen Kapitel die Hauptfigur wechselt und die Leserin jedes Mal einer anderen Figur über die Schulter schaut. Der Wechsel erfolgt meistens unvermittelt, manche Dinge werden nur angedeutet und erst viele Kapitel später wieder aufgegriffen und zu Ende geführt. Trotzdem hat man als Leserin das Gefühl eine abgeschlossene Episode zu lesen.

Erzählt wird die Zerrissenheit der Familie, die Handlung wechselt immer wieder den Ort und die Zeit, es ist eine Flucht vor den Unruhen des Nahen Ostens, die mal näher, mal ferner erscheinen. Den Krieg nimmt der Leser vor allem aus dem Fernseher oder durch Erzählungen einzelner Figuren wahr, erst am Ende spürt man die direkten Auswirkungen, erzählt durch die Augen zweier Kinder. Vor allem die jüngere Generation weiß nicht mehr, was ihre Heimat ist: wo sie aufgewachsen sind oder wo ihre Eltern/Großeltern aufgewachsen sind.

Das Buch ist durchweg fesselnd geschrieben, die Figuren lassen einen nicht mehr los und auch wenn es kein Buch ist, das man am Stück verschlingt, ist es definitiv spannend und lesenswert. Die Sprache der Autorin ist klar, poetisch und wunderschön. Man liest mit allen Sinnen, kann die Hitze spüren, die Farben sehen, die Früchte schmecken, die Düfte riechen. Das Buch ist im Präsens geschrieben, aber mit vielen Rückblicken und Zeitsprüngen von bis zu zehn Jahren ausgestattet, die die Sprache abwechslungsreich machen. Es ist kein Buch zum Abschalten sondern eines zum Kennenlernen einer anderen Welt, eines das erinnert anstatt zu vergessen, ein Buch das bewusst macht.

Bewertung vom 26.05.2018
Das Grab unter Zedern / Leon Ritter Bd.4
Eyssen, Remy

Das Grab unter Zedern / Leon Ritter Bd.4


weniger gut

Der Rechtsmediziner Leon Ritter lebt und arbeitet (gelegentlich) in Südfrankreich, einem Ort an dem andere Leute Urlaub machen. Nachdem ein toter Mann aus dem Wasser gefischt wird und später noch weiter Leichen auftauchen, bei denen er als einziger davon überzeugt ist, dass sie ermordet wurden und nicht, wie offenbar die französische Polizei annimmt, durch einen Unfall oder Suizid gestorben sind, übernimmt er kurzerhand die Ermittlungen persönlich.

Er ist umgeben von inkompetenten Männern, die bei der Polizei/in der Rechtsmedizin arbeiten. Das fällt auch als erstes auf: es gibt sehr viele Männer in diesem Kriminalroman, vor allem in Führungspositionen. Ärzte, Polizeichefs, Cafébesitzer etc. Frauen existieren offenbar nur in Form der vorlauten Zieh-Tochter, Kellnerin, Sprechstundenhilfe, verrückten Alten oder eben als Opfer. Die einzige Ausnahme stellt Isabelle, seine Lebensgefährtin dar, die obwohl sie Polizistin ist, nur bedingt in seine ermittlerische Arbeit miteinbezogen wird.

Die Roman schwankt zwischen den Genres Thriller und Krimi. Für einen Thriller fehlt ihm das Tempo, aber die vielen Leichen, der kurze Zeitraum in dem die Handlung stattfindet, und dass der Ermittler am Ende selbst in Gefahr gerät, sprechen eher für einen Thriller als einen Krimi. Trotzdem plätschern die 480 Seiten so dahin, Spannung kommt nur selten auf. Der erste Tote taucht auch erst auf Seite 76 auf. Eine starke Kürzung hätte dem Buch und vor allem der Leserin gutgetan.

Leon Ritter weist, worauf sein Name schon hinweist, sehr ritterliche Eigenschaften auf: ein Gentleman, ein aufrichtiger, gerechtigkeitsliebender und treuer Ehrenmann, der Konflikte am liebsten sofort mit Worten löst, keine Vorurteile, außer vielleicht gegenüber Vegetariern, hat, seiner Frau morgens Kaffee ans Bett bringt und bis auf gelegentliche Machoanwandlungen der perfekte Arzt, Vater, (Ehe-)Mann ist. Ein Ritter eben.

Eine positive Ausnahme stellen die gerichtsmedizinischen Szenen dar. Sie sind anschaulich, verständlich und wissenschaftlich fundiert geschrieben. Sie gehören aber zu den wenigen interessanten Augenblicken des Romans.

Bei einem Krimi erwarte ich eigentlich vor allem Spannung, ich will wissen, wer wen warum umgebracht hat. Das habe ich hier leider vermisst, weder die Figuren waren interessant, noch der Fall besonders spannend. Der Handlungsort, der durchaus schön beschrieben wird, und die gerichtsmedizinischen Szenen zählen zu den Highlights des Buches. Das Leseerlebnis wäre aber durch eine Kürzung des Romans erheblich verbessert worden.

Bewertung vom 26.05.2018
Der Kreidemann
Tudor, C. J.

Der Kreidemann


sehr gut

1986: Eddie ist ein Kind und wird mit seinen Freunden Fat Gav, Mickey, Nicky und Hoppo in eine Reihe unglücklicher Ereignisse verwickelt. Alles beginnt mit einem Unfall, bei dem ein Mädchen schwer verletzt wird und endet mit mehreren Toten und mehr Fragen als Antworten. Außerdem findet er überall Kreidezeichnungen, die unmittelbar mit den Ereignissen in Verbindung zu stehen scheinen.

2016: Ed ist mittlerweile 42, arbeitet als Lehrer in der Schule und wohnt immer noch in der selben Stadt, im selben Haus, im selben Zimmer. Einer seiner alten Freunde hat sich angekündigt und plötzlich tauchen überall wieder die Kreidezeichnungen auf, die ihn seit seiner Kindheit verfolgen. Ed macht sich daran, endlich das Rätsel seiner Kindheit zu lösen und sich den Dämonen seiner Vergangenheit zu stellen.

Die Geschichte wird aus Eds Sicht geschildert, und der Leser ist seinem Blickwinkel komplett ausgeliefert. Wir sehen alles aus Eds zuerst kindlicher, später erwachsener Perspektive. Der Perspektivwechsel ist dabei gut gelungen, die Sprache des erwachsenen Ed lässt sich gut von der des jungen Ed unterscheiden. Das Buch ist in zwei Handlungsabschnitte aufgeteilt, die abwechselnd erzählt werden.

Der Stil der Autorin ist leicht lesbar, verständlich und zeichnet sich durch teilweise sehr drastische Darstellungen aus. Die Sprache ist temporeich und die Geschichte überschlägt sich fast vor Ereignissen, die Charakterzeichnung kommt dabei vor allem bei den Nebencharakteren leider zu kurz, so ist lernt der Leser vor allem Nicky, aber auch Hoppo nur wenig kennen.

Sowohl sprachlich als auch inhaltlich erinnert das Buch sehr an Stephen King: fünf Kinder, die im Sommer in den 80er Jahren mehreren schrecklichen Ereignissen ausgesetzt sind, der durch die Handlung getragene Spannungsverlauf und die sehr drastische Schilderung traumatischer Ereignisse. Mr Halloran und (Minispoiler!) die spätere Axtszene sind sicher als Hommage an King zu sehen, das Buch ist ohnehin gespickt mit popkulturellen Referenzen.

Die Bezeichnung als Thriller finde ich nicht optimal, da die Erwartungshaltung des Lesers oder zumindest meine Erwartungshaltung an das Buch eine andere war. Eine Genrebezeichnung zu finden, gestaltet sich meiner Meinung nach nur schwierig, ich würde es als eine Mischung aus Spannungs-Abenteuer-Thriller-Horror-Roman bezeichnen.

Es lässt sich zwar gut und flüssig lesen, aber das liegt vor allem an den vielen Rätseln, für die man, um sie zu lösen, weiter lesen muss. Wenn man sich auf diese Art des Schreibens einlässt, ist man innerhalb kürzester Zeit gefangen in einem Strudel aus sich überschlagenden Ereignissen, offenen Fragen und scheinbar unzusammenhängenden Todesfällen.


Für mich eine gelungene rasante Mysterystory voller Rätsel, Menschen mit Geheimnissen und Kreidemännchen. Allein das Ende lässt mich ein wenig enttäuscht zurück. 7/10 Punkte