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Benutzername: Sikal
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Bewertungen

Insgesamt 366 Bewertungen
Bewertung vom 02.02.2019
Begeisterung
Kaltenstein, Micky

Begeisterung


ausgezeichnet

Porträts abseits des Mainstreams

Wenngleich die Tageszeitungen oder die Nachrichtensendungen überquellen vor lauter schrecklichen, dramatischen Geschehnissen, darf man sich auch mal zurücknehmen und die Welt vorüberziehen lassen. Daran denken, dass es Menschen gibt, die sich für ihr Tun dermaßen begeistern, dass deren Welt reicher wird.

Die Autorin Micky Kaltenstein stellt in ihrem Buch neun Porträts begeisterter Menschen vor. Dabei treffen wir auf Persönlichkeiten, die sich von der Masse abheben – nicht nur dadurch, WAS sie tun, sondern vor allem WIE, wieviel Engagement und Enthusiasmus ständige Begleiter sind.

Wir begegnen:
Dem Chansonnier, Schauspieler und Regisseur Georg Clementi;
der jüngsten Solo-Weltumseglerin Laura Dekker;
dem Keramikkünstler Gerald Tusch;
der Dirigentin und Orchester-Gründerin Elisabeth Fuchs;
der Maßschuhmacherin Gabriele Gmeiner;
dem TV-Moderator, Autor und Schauspieler Ralph Caspers;
der ehemaligen Opernsängerin, Gesangslehrerin und Boutique-Besitzerin Barbara Bonney;
der ehemaligen Gewandmeisterin und aktiven Musik-Liebhaberin Hildegard Neumann;
und dem Neurobiologen sowie Hirnforscher Gerald Hüther.

Diese Menschen geben einen Einblick in ihr Tun, erzählen über ihre Anfänge, ihren Weg dahin, über Umwege, ihre Intention. Wobei Gerald Hüther von der Begeisterung als kurzes Aufflackern spricht und die Freude über die Begeisterung stellt, weil diese intensiver und länger anhaltend ist. Gut gefiel mir der Vergleich zwischen der Begeisterung und dem Verliebtsein, während die Freude mit Liebe verwandt ist.

Die Porträts sind sehr unterschiedlich durch die breite Auswahl der Personen und doch findet sich der rote Faden, der alle auf einem gemeinsamen Nenner vereint.

Ich würde mir wünschen, dass in den Schulen und im Elternhaus den Kindern ein breiter Tisch an Möglichkeiten angeboten wird, aus denen sie wählen können. Jedes Kind hat ein besonderes Talent, muss es für sich finden und dies gilt es zu unterstützen. Nur diese Vielfalt ist ein wertvoller Motor unserer Gesellschaft.

Bewertung vom 27.01.2019
Giorgio Locatelli - Italy. Made at Home
Locatelli, Giorgio

Giorgio Locatelli - Italy. Made at Home


ausgezeichnet

Für Liebhaber der italienischen Küche ein Muss

Giorgio Locatelli ist Koch. Ein Spitzenkoch. Einer, für den sein Beruf eine Berufung ist. Ob die Welt jetzt noch ein Kochbuch braucht, lass ich jetzt mal so dahingestellt … Auf jeden Fall wäre es schade, wenn es dieses Buch nicht gäbe. Locatelli gibt hier einen Einblick in seine private Küche, stellt uns einfache aber raffinierte Rezepte vor – welche für den Alltag, jedoch auch für die Bewirtung von Gästen.

In der Einleitung beschreibt er seine Intention, denkt über die Ressourcen der Erde und noch einiges andere nach. Während Locatelli in seiner Wahlheimat London aus einer Vielzahl an Zutaten wählen kann, sein Geschmackshorizont erweitert wurde, reduziert sich in seinem Urlaubsdomizil Apulien die Zutatenliste auf einige qualitativ hochwertige Produkte, wie beispielsweise frischen Fisch aus dem Hafen oder frisches Gemüse vom Markt.

Das Buch ist gut strukturiert und es findet sich für jeden Geschmack etwas:

Saisonale Salate und Gemüsesorten
Einfache Suppen
Panini, Crostini, Pasteten und andere Snacks
Pasta, Reis und Pizza
Lieblingsgerichte mit Fisch und Meeresfrüchten
Gegrilltes Fleisch, Braten und Eintöpfe
Kuchen, Leckereien und Eiscremes

Viele leckere Rezeptideen machen Lust darauf, sofort den Kochlöffel zu schwingen und die Rezepte selbst auszuprobieren. Wobei man die Qual der Wahl hat, welches man wohl zuerst der eigenen Familie kredenzen sollte – Schinken-Mozzarella-Calzoncini oder eine Brasse in der Salzkruste, Orecchiette mit Tomate und Ricotta salata oder doch eher Ossobuco und als Nachtisch eine Honig-Vanille-Rolle.

Neben einer übersichtlichen Zutatenliste finden sich ausführliche Beschreibungen der Zubereitungsschritte, ergänzt durch Bilder und viele persönliche Geschichten.

Positiv finde ich auch, dass gewisse Themen besonders hervorgehoben werden. Hierzu gibt es erst eine Geschichte und im Anschluss 4 spezielle Zubereitungsmethoden, beispielsweise „Riccota-Nocken x 4“ mit den Varianten „mit Erbsen“, „Spinat“, „Pilzen“ oder „Schwarzen Trüffeln“.

Das Buch ist sehr hochwertig gestaltet, hat ein angenehmes Format und lädt dazu ein, den Italien-Urlaub nach Hause zu verlegen. Viele Tipps und Tricks machen das Nachkochen relativ einfach und was spricht dagegen, die ganze Familie zu einem gemeinsamen Kochabenteuer einzuladen, um im Anschluss daran einen wunderbaren italienischen Abend zu genießen. Gerne vergebe ich für dieses besondere Kochbuch 5 Sterne.

Bewertung vom 26.01.2019
Das Teenager-Gehirn
Blakemore, Sarah-Jayne

Das Teenager-Gehirn


sehr gut

„Mein Gehirn ist nicht kaputt“

Teenager sind launisch, aggressiv, unzuverlässig, sie sind risikobereit, unvernünftig, antriebslos – dieses stereotype Schubladendenken wird hochgehalten. Die Autorin und Neurowissenschaftlerin Sarah-Jayne Blakemore räumt in diesem Buch mit solchen Mythen auf und gibt Einblick in eine enorme Umbauphase, die das Gehirn in der Adoleszenz zu bewältigen hat: „Aber wie wir mittlerweile wissen, ist das typische Verhalten von Heranwachsenden weder gedankenlos noch destruktiv. Es hat seine Gründe. Risikobereitschaft, übersteigerte Unsicherheit und mehr Zeit in Gesellschaft von Freunden – all das sind Symptome eines wichtigen Stadium der Gehirnentwicklung.“

Mittlerweile weiß man, dass das Gehirn nicht bereits in den ersten Lebensjahren fertig ausgebildet ist, sondern weiß aufgrund neuerer technischer Möglichkeiten und erfolgreicher Langzeitstudien um laufende Umbauphasen (besonders während der Pubertät) bis zum Erwachsenenalter.

Die Autorin beschreibt sehr detailliert und für den Laien verständlich wie dieser Umbauprozess vonstattengeht, veranschaulicht durch Fallbeispiele und verdeutlicht durch unzählige Studien. Sie erklärt auch, warum Jugendliche im Beisein von Freunden beispielsweise risikobereiter sind oder wie sich der Gemeinschaftssinn nach der Kindheit bis ins Erwachsenenalter entwickelt.

Teilweise schildert Blakewell die Studien sehr ausgiebig, sodass es schon einiges an Motivation braucht, diese so genau zu verfolgen. Viele Grafiken und Diagramme ergänzen und machen so einiges verständlich und aussagekräftig.

Außerdem berichtet sie über ein Theaterstück, welches Jugendliche erarbeitet haben und wer es bis dahin noch nicht verstanden hat, wird nun mit der Nase drauf gestoßen: „Mein Gehirn ist nicht kaputt. … Ich werde, wer ich bin.“

Tolle Einblicke in die Welt der Forschung, interessante Ansätze und viel Neues – dies alles wird deutlich dargeboten. Ein wertvolles Buch. Ich würde allen Teenagern wünschen, dass sich deren Eltern nicht damit beschäftigen, in Wutausbrüche zu verfallen oder entnervt die Augen zu verdrehen, sondern mal einen Blick in dieses Buch werfen – vieles wird verständlicher…

„… Die Adoleszenz ist eine Lebensphase, in der das Gehirn wichtige Veränderungen durchmacht: Das sollten wir verstehen, fördern – und uns darüber freuen.“

Bewertung vom 25.01.2019
Wer spinnt, gewinnt!
Gutmann, Johannes

Wer spinnt, gewinnt!


ausgezeichnet

Ein Spinner oder ein Visionär?

Johannes Gutmann, der Gründer von Sonnentor, ist – zumindest in Österreich – den meisten ein Begriff. Oft als Spinner hingestellt, hat er sich vor nunmehr 30 Jahren dazu aufgerafft, seine Idee von Regionalität und einer lebenswerten Umwelt umzusetzen. Bio-Kräuter aus dem Waldviertel waren damals wohl wirklich noch für viele ziemlich utopisch, drei Kräuterbauern glaubten an den Visionär Gutmann und starteten mit ihm dieses gewagte Experiment. Heute ist Sonnentor ein international anerkanntes Unternehmen, alleine im Waldviertel Arbeitgeber für mehr als 300 Menschen und immer noch geprägt von Johannes Gutmann, seinen Ideen, seinem Bauchgefühl und seinem gesunden Hausverstand.

„Den Jammerern und Krisenpropheten sollen wir ins Gesicht lachen und mit der Veränderung, die wir wollen, selbst anfangen.“

In dem Buch „Wer spinnt, gewinnt“ erzählt er seine Geschichte, wie es zum Startschuss kam, warum die Lederhose sein Glücksbringer ist und wie es sich mit Handschlagqualität leben lässt. Man unternimmt mit ihm Ausflüge in die nähere Umgebung des Waldviertels, besucht dort seine Kräuterlieferanten ebenso wie in Tansania oder Albanien.

Welche Stolpersteine er zu bewältigen hatte, wie oft er auf die Nase fiel und auch Einblicke in sein Privatleben erzählt Gutmann offen und ehrlich. Er zeigt seinen Betrieb in Sprögnitz, das Restaurant, die neue Übernachtungsmöglichkeit und erzählt über die Permakultur am Frei-Hof.

Im Anschluss findet man noch einige Rezepte, die es Wert sind ausprobiert zu werden. Beispielsweise findet man die Waldviertler Gute-Laune-Knödel oder Sieglindes Erdäpfelpizza (die gibt es bei uns immer wieder, weil alle begeistert sind) sowie die Flower-Power-Mohntorte und noch einige mehr.

„Wir sind nicht die Firma, die morgen die Welt retten wird. Aber wir tragen Kleinigkeiten bei, die zählen.“

Man darf sich wünschen, dass Johannes Gutmann mit seinem Betrieb weiterhin Erfolgt hat, dass seine Ideen auch in Zukunft von den Menschen angenommen werden und dass ihm sein Respekt und die Wertschätzung den Menschen und der Umwelt gegenüber bleiben. Darauf ein Handschlag – und wir glauben ihm …

Bewertung vom 23.01.2019
Im Bann der wilden Tiere
Kieling, Andreas

Im Bann der wilden Tiere


ausgezeichnet

Beeindruckende Geschichten und tolle Hintergrundinformationen

Dass der Autor des Buches „Im Bann der wilden Tiere“ nicht nur Deutschlands berühmtester Tierfilmer ist, sondern seine Erfahrungen bereits drei Jahrzehnte zurückreichen, wird in diesem eindrucksvollen Bildband deutlich.

Von den Grizzlybären Alaskas über die Wildkatzen Brasiliens, nach Asien und Afrika bis hin zu den Gewässern Australiens spannt sich der Bogen der Bilder und die dazugehörigen Geschichten des Autors tun das übrige.

Unzählige Bilder von Tieren, Menschen und Landschaften verteilt auf beinahe 300 Seiten geben dem Betrachter und Leser dieses Buches einen Einblick in die Arbeit eines Experten, der seit 1990 dieses Handwerk zu seiner Profession erklärt hat.

Die Erzählungen des Autors sind aber nicht nur Schilderungen seiner abenteuerlichen Reisen durch die ganze Welt – seine Geschichten sollen uns auch zu denken geben. Zu denken geben, wie wir mit unserer Umwelt umgehen. So begegnen wir beispielsweise den vom Aussterben bedrohten Sibirischen Tiger – der bezeichnender Weise bereits als sibirischer Geist beschrieben wird – und erfahren einiges über die illegale Jagd wie auch über diese Menschen, welche mit dem Tiger leben.

Andreas Kieling zeigt das Leben der Anti-Wilderer-Brigade in der russischen Taiga und deren Bemühen um die bedrohten Tierarten neben seinen Bildern des sibirischen Tigers, ebenso wird auch die Mutprobe mit Krokodilen nicht auszulassen…

In Australien mit den größten Krokodilen der Welt um die Wette zu tauchen ist sicher nicht jedermanns Sache. Die Geschichten, die bei solchen Abenteuern entstehen, sind da schon eher für Otto Normalverbraucher geschrieben – und werden diese mit den Bildern des Filmemachers und Fotografen untermalt, entstehen viele weitere Geschichten und Bilder im Kopf des Lesers.

Dass die Fotografie eine der großen Leidenschaften des Autors ist, lässt sich an vielen seiner Bilder erkennen. Das Wichtigere an diesem Buch ist es jedoch aufzuzeigen, mit welcher Artenvielfalt wir uns den Planeten Erde teilen dürfen und darauf hinzuweisen, dass wir für diese Arten auch eine Schutzfunktion übernehmen müssen.

Es wäre schade, würden für unsere Kinder und Enkel die von Andreas Kieling gefilmten und fotografierten Tiere alle zu Geistern - wie für uns bereits der sibirische Tiger.

Andreas Kieling bringt seinem Sohn bereits das Handwerk des Filmens und Fotografierens bei, indem dieser ihn bei seinen Abenteuern begleiten darf. Sohn Erik hat somit Gelegenheit, die Artenvielfalt auf eine Weise kennen zu lernen, wie es nur wenigen Menschen beschieden ist. Geben wir unseren Kindern zumindest die Chance, zu wissen, dass wir mit diesen Tieren die Welt teilen und nehmen wir uns die Aussage des Buches zu Herzen.

Bewertung vom 23.01.2019
Warum es uns noch nie so gut ging und wir trotzdem ständig von Krisen reden
Schröder, Martin

Warum es uns noch nie so gut ging und wir trotzdem ständig von Krisen reden


sehr gut

Geht das Land den Bach runter oder versinkt der gesamte Planet im Chaos?

Diesen beiden Fragen geht der Autor Martin Schröder in zwei Teilen seines Buches nach. Und eines vorweg - auch wenn wir täglich meinen, es ginge uns immer schlechter, sollten wir gerade dieses Buch zur Hand nehmen.

Der Professor für Soziologie, der seine Laufbahn am Max-Plank-Institut in Köln begonnen hatte und über Harvard nach Marburg wechselte, zeigt uns in diesem Buch, dass nicht alles so schlecht ist, wie es uns oft von den Medien gezeichnet wird. Horrornachrichten von Krieg und nicht zu lösenden Einwanderungsproblemen beherrschen die täglichen Debatten in den Medien. Ausländer, die die Kriminalität in unseren Ländern in die Höhe treiben, Terroristen, welche an jeder Ecke lauern und der Rückzug der Demokratie, machen das Leben auf diesem Planeten kaum noch lebenswert. Wir müssen um unseren Wohlstand kämpfen – so die Botschaften, die uns jeden Tag erreichen.

Dass uns vieles von dem, was wir täglich aus den Medien erfahren, in einem falschen Kontext erzählt wird, das erfahren nur die wenigsten. Fake-News könnte man jetzt meinen – aber ganz so einfach ist es nicht. Es werden nicht immer Unwahrheiten verbreitet, sondern wichtige Schlagzeilen werden so aufbereitet, dass sich vieles wie Horrorszenarien liest.

Kein Mensch liest eine Zeitung, wenn darinsteht, dass es in den meisten Ländern der Welt keinen Krieg gibt, kein Mensch interessiert sich dafür in wie vielen Ländern der Erde Menschen NICHT hungern. Die Tatsache aber, dass es Krieg gibt und Menschen Hunger leiden und in beiden Fällen daran sterben, ist es, woraus die Medien ihre Nachrichten kreieren – und sie müssen dabei immer kreativer werden.

Die Welt wird nämlich immer besser. Anhand anschaulicher Beispiele erläutert Martin Schröder wie gut es uns geht und wie unser Wohlstand, unsere Zufriedenheit oder unsere Einkommen steigen.

Der Autor zeigt auch, wie die Medien mit den ihnen zur Verfügung stehenden Daten – beinahe „fahrlässig“ – umgehen. Martin Schröder gelingt es, ein Verständnis zu schaffen, dass man hinter die Aussagen der Medien blicken soll. Nicht alles, was uns selbstverständlich erscheint, ist das bei genauerer Betrachtung auch wirklich.

Kein Mensch möchte heute noch mit Ludwig XIV tauschen, wenn man die damalige Gesundheitsversorgung betrachtet, die ihm zur Verfügung stand– und der Sonnenkönig war zu seiner Zeit einer der vermögendsten Menschen auf diesem Planeten. Die Ausführungen zu diesem Thema sind dem Autor sehr anschaulich gelungen – und betrachtet man die weiteren Themen, so bemerkt man auch als unbedarfter Leser: Es geht uns immer besser.

Leider finden sich immer wieder gravierende Grammatik- und Sinnfehler in dem Buch, was das Lesen einiger Stellen erschwert – nur deshalb gibt es einen Stern Abzug – dies kann ja in der nächsten Auflage behoben werden.

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Bewertung vom 21.01.2019
Der vergessene Weltkrieg
Borodziej, Wlodzimierz; Górny, Maciej

Der vergessene Weltkrieg


ausgezeichnet

Ein außergewöhnliches Werk

Während in Deutschland vielerorts Gedenktafeln erinnern sollen, Großbritannien und Frankreich den „Großen Krieg“ durch Gedenkfeiern im Gedächtnis behalten, ist der Erste Weltkrieg im Osten und Südosten Europas beinahe in Vergessenheit geraten. Diesem „Vergessen werden“ wollen die beiden Autoren Borodziej und Górny mit diesem großartigen Werk entgegen wirken.

Bereits in der Einleitung stellen sie klar, dass es kein klassisches Geschichtsbuch sein soll, sondern ein Mittelweg zwischen der Militärgeschichte einerseits sowie der Entwicklung von Kultur und Wissenschaft andererseits, so werden viele Zeitzeuge zitiert, die einen eigenen Blick auf das Kriegsgeschehen oder das ganze Drumherum legen.

Der erste Teil beschäftigt sich mit den Imperien von 1912 – 1916 und behandelt den Kampf der Monarchien und Reiche auf dem Boden Osteuropas. Das Buch gibt Einblicke in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, schildert den Auslöser und viele andere historische Fakten. Auch die davor stattfindenden Balkankriege werden ausführlich behandelt, die als „Präludium des Ersten Weltkrieges“ bezeichnet werden. Die bereits dort erreichten Grenzverschiebungen lassen Minderheiten entstehen, die allgemein als „Ballast“ betrachtet werden. Pogrome und Flüchtlingsströme, die Verfolgung einzelner Volksgruppen werden ebenso herausgearbeitet wie die jeweiligen Frontlinien, der Materialeinsatz, die verlustreichen Schlachten und vieles mehr.

Der zweite Teil „Nationen“ behandelt den Zeitraum 1917 bis 1923 und schildert den Zusammenbruch der alten Reiche und das Aufkommen der neuen Staatenwelt. Dieser Band beschreibt die Russische Revolution, die Entstehung der Nationen, wie beispielsweise die baltischen Staaten oder Ungarn, viele Einzelschicksale, der Krieg gegen Juden und soziale Konflikte. Natürlich wird der Bogen bis zum Kriegsende gespannt, Sieger und Verlierer gegenübergestellt, der Vertrag von Versailles analysiert.

Das Buch ist großartig geschrieben, fesselt mit umfangreichen Fakten und ist ergänzt durch viele persönliche Einblicke in das Kriegsgeschehen – viele Beobachter oder auch Soldaten haben ihre Perspektive klargelegt und wissen von so mancher Anekdote zu berichten.

Die beiden Historiker Wlodzimierz Borodziej und Maciej Górny haben umfassend recherchiert, geben einen Einblick in einen wichtigen Bereich der jüngeren Geschichte Europas und bieten Anlass für spannende Diskussionen. Dieses Werk ist für Geschichtsinteressierte ein absolutes Muss, die hochwertige Ausführung der beiden Bücher in einem Schuber machen auch als Geschenk was her. Das Buch verdient sich auf jeden Fall 5 Sterne und eine Leseempfehlung.

Bewertung vom 20.01.2019
Entgleisung
Newman, Omarosa Manigault

Entgleisung


sehr gut

Eine mutige Abrechnung

Eine starke Frau an der Seite des amerikanischen Präsidenten wird kurzerhand durch einen hochrangingen Mitarbeiter der amerikanischen Regierung gefeuert. Omarosa Manigault Newman beschreibt in diesem Buch ihren Werdegang. In einer der ärmsten Gegenden der Vereinigten Staaten aufgewachsen und ständig mit der dort vorherrschenden Kriminalität konfrontiert, erkämpft sich Omarosa ihren Weg bis ins Weiße Haus.

Auf diesem Weg lernt sie Donald Trump kennen, der als einer ihrer größten Mentoren und Fürsprecher agiert. Im Wahlkampf engagiert sich Omarosa in den Vorwahlen noch für Hillary Clinton, wird aber von deren Administration fallen gelassen. Omarosa beschließt, die Seite zu wechseln und ein entsprechendes Angebot der Republikaner lässt auch nicht lange auf sich warten – der Einzug in das Weiße Haus hat für Omarosa somit begonnen.

Die Autorin beschreibt bereits einige Ausschweifungen Donald Trumps, zu Zeiten, als dieser noch nicht einmal an die Kandidatur zum Präsidenten dachte. Immer wieder geht sie auf sein rassistisches Verhalten ein und beschreibt anhand von Beispielen seine frauenverachtende Haltung.

Wer sich mit Politik auseinandersetzt und die Nachrichten (kritisch) verfolgt, für den wird es in diesem Buch nur wenig Neues geben. Lediglich die Hintergründe für so machen Fauxpas, den sich Donald Trump, vor, während und nach seiner Kandidatur erlaubt hat, werden ein wenig deutlicher.

Wenn Omarosa das Verhalten Trumps aber bereits bekannt war, bevor ihre enge Zusammenarbeit im Wahlkampf begonnen hat, warum hat sie dann nicht längst den Hut genommen? So ganz kann ich ihre Ausführungen nicht nachvollziehen. Sie selbst beschreibt dieses Verhalten als ihren blinden Fleck, der ständig größer wurde und aus anfänglicher Bewunderung heraus entstanden ist…

Als Leser des Buches hat man jedoch den Eindruck, dass Omarosa selbst zu einem „weiblichen Trump“ werden wollte. Ihre Selbstbeschreibungen lassen sie zum Großteil in einem guten Licht erscheinen. Sie selbst beschreibt sich als eine starke Frau mit Prinzipien und prangert nicht nur Donald Trump an.

Man mag vom amerikanischen Präsidenten halten was man mag, in diesem Buch bekommt man jedoch den Eindruck, dass es sich hier mehr um eine persönliche Abrechnung als um eine wirkliche Anklage handelt.

Auch wenn Vieles aus diesem Buch bereits durchgesickert ist, so ist es doch eine zusätzliche Bestätigung, mit welcher Arroganz der amtierende amerikanische Präsident seinem Volk und dem Rest der Welt auf der Nase herumtanzt.

Dennoch möchte ich der Autorin ihren Mut nicht absprechen, sich gegen einen der mächtigsten Männer der Welt zu stellen und aufzuzeigen, was im Weißen Haus schiefläuft. In dieser Hinsicht ist Omarosa mit Sicherheit eine starke Frau und wird noch stärker werden müssen. Ich glaube nämlich nicht, dass Trump ihr diesen Verrat so leicht verzeihen wird. Dafür hat sich das Buch unbedingt 4 Sterne verdient.

Bewertung vom 20.01.2019
Kampf oder Untergang!
Chomsky, Noam; Feroz, Emran

Kampf oder Untergang!


ausgezeichnet

Regt zum Nachdenken an …

„Die menschliche Natur macht es möglich, zum Heiligen oder zum Sünder zu werden. Jeder von uns hat diese Kapazität in sich.“

Noam Chomsky, der bereits mehr als 90 Jahrzehnte auf dieser Erde verbringen durfte, zeigt in diesem Gespräch mit Emran Feroz auf, worauf es wirklich ankommt – und nicht nur das, er zeigt Zusammenhänge auf, die einem selbst bei einer passablen Kenntnis des Weltgeschehens nicht immer geläufig sind.

Ein langes Leben auf diese Erde ist wohl Grundvoraussetzung, um so einiges mitansehen (zu müssen). Wenn man das Geschehen aber nicht nur an sich vorbeiziehen lässt, sondern aktiv daran teilnimmt, kann man daraus auch immer seine Lehren ziehen. Dies hat Noam Chomsky mit Sicherheit bis zur Vollendung betrieben und somit den Grundstein für eine Betrachtungsweise der Welt gelegt, wie es nur wenige schaffen.

Das Buch spannt einen Bogen über die Weltgeschichte vom Imperator Konstantin über die Vertreibung der indigenen Bevölkerung in Amerika, bis hin zum Erstarken des Islamischen Staates. Ebenso bindet Noam Chomsky in seinen Antworten die aktuellen Entwicklungen Richtung Rechtsextremismus oder häufiger werdendem Rassismus ein.

Chomskys Antworten auf die geschickt ausgewählten und aktuellen Fragen Feroz‘ sind dabei alles andere als das, was man sonst oft zu hören bekommt. Fluchtbewegungen, Klimawandel oder die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten werden nicht einfach im aktuellen Kontext beantwortet. Chomsky gibt bei der Beantwortung seinen Lesern einen Einblick auf historische Hintergründe, die oft sehr weit in die Vergangenheit zurückreichen.

Interessanterweise greift Chomsky gerade bei den Themen Einwanderung, Rechtsextremismus oder Rassismus unter anderem auch die aktuelle österreichische Politik an – ob zu Recht oder Unrecht, sollte jeder selbst für sich entscheiden. Natürlich konzentrieren sich die Antworten nicht nur auf Österreich – von Europa, Amerika oder Südamerika über den Nahen Osten bis nach China oder Japan erstrecken sich die Gedanken eines der wichtigsten Denkers unserer Zeit.

Im Zwiegespräch der Beiden gelingt es dem Leser, einen Einblick in das Weltgeschehen zu gewinnen, wie es kaum ein Geschichtsbuch zu Stande bringt.

„Ich versuche lediglich, eine Art der intellektuellen Selbstverteidigung näherzubringen. Ich meine damit kein akademisches Studium […]. Es geht mir vielmehr um die Entwicklung unabhängigen Denkens […].“

Gerade dieses unabhängige Denken sollten wir uns alle aneignen. Noam Chomsky und Emran Feroz machen auf alle Fälle nicht nur Lust darauf, sondern fordern dazu regelrecht auf. 5 Sterne und eine Leseempfehlung für dieses beeindruckende Gespräch.

Bewertung vom 20.01.2019
Iwan Turgenjew und Pauline Viardot
Keller, Ursula; Sharandak, Natalja

Iwan Turgenjew und Pauline Viardot


sehr gut

Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Als die Sopranistin Pauline Viardot mit 22 Jahren zum ersten Mal in Russland auf der Bühne steht, sitzt der angehende Schriftsteller Iwan Turgenjew im Publikum. Die Sängerin fasziniert ihn dermaßen, dass er sein künftiges Leben zum Großteil nach ihr ausrichtet und eine tiefe Verbundenheit ein Leben lang anhält.

"Seit jenem Augenblick, seit jener schicksalhaften Minute, gehörte ich nur noch ihr."

Dass Pauline Viardot zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem viel älteren Louis Viardot verheiratet ist, dürfte die beiden nicht sonderlich gekümmert haben. Eine Ménage à trois entwickelt sich im Laufe der Zeit und bleibt zeitlebens. Turgenjew bezeichnet die Viardots als seine Familie, geht mit Louis beispielsweise auch auf die Jagd, während er dessen Frau den Hof macht.

Die beiden Autorinnen Ursula Keller und Natalja Sharandak haben eine lesenswerte Doppelbiographie geschrieben, in der die Verbindungen der beiden Künstler aber auch der jeweilige künstlerische Werdegang behandelt wird.

Pauline Viardot hätte ihren Mann für Turgenjew nie verlassen, sie konnte aber wohl auch nicht ohne den Schriftsteller leben. Für diese Zeit damals möchte man meinen, dass ein großer Skandal daraus erfolgte. Doch irgendwie scheint es, dass dieses Liebesverhältnis eine Selbstverständlichkeit hatte. Man begegnet vielen bekannten Namen, wie beispielsweise Clara Schumann, Chopin, Liszt, Flaubert, Tolstoj, Dostojewski, … - alle haben die Verbindung der beiden offensichtlich als gegeben hingenommen.

Man darf sich hier keine umfassende aufschlussreiche Biographie erwarten – das wäre in diesen knapp 250 Seiten auch nicht machbar. Was mich etwas gestört hat, waren viele Wiederholungen von Ereignissen und so manche Zeitensprünge, die den Lesefluss etwas gehemmt haben. Ansonsten ein sehr diskreter Einblick in diese ungewöhnliche Liebe.

Alles in allem ein interessant zu lesendes Doppelporträt, dem ich gerne 4 Sterne gebe.