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Benutzername: goldtime
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Bewertungen

Insgesamt 63 Bewertungen
Bewertung vom 06.04.2015
Alles Licht, das wir nicht sehen
Doerr, Anthony

Alles Licht, das wir nicht sehen


ausgezeichnet

Die blinde Marie-Laure verlebt eine Kindheit, die trotz ihrer Behinderung behütet und glücklich ist – dank ihres Vaters, der sie nach dem Tod ihrer Mutter alleine aufzieht. Er schnitzt kleine Holzmodelle ihres Stadtviertels, die sie befühlen kann, damit sie sich in ihrer Umgebung zurechtfindet.
Die Tage verbringt Marie-Laure im Naturhistorischen Museum, in dem ihr Vater als Schlosser und Modellbauer arbeitet. Sie lernt alles über Biologie, und insbesondere über Muscheln und Schnecken. Sie ist fasziniert von den Exponaten, von wertvollen Edelsteinen und deren Geschichte. Der wertvollste Stein wird das „Meer der Flammen“ genannt – um ihn rankt sich ein Mythos: wer ihn besitzt, ist unverwundbar, doch alle Angehörigen werden vernichtet.
Doch 1944, als sie 16 Jahre alt ist, muss ihr Vater plötzlich aus der Stadt fliehen: die deutschen Truppen marschieren ein. Marie-Laure und ihr Vater fliehen nach Saint-Malo, der geheimnisumwitterten uralten Festungsstadt am Nordatlantik. Mit im Gepäck ist ein kleines Holzhäuschen, darin ein funkelnder Stein… doch ist es das echte „Meer der Flammen“, oder nur ein Imitat?

Parallel dazu verbringt der deutsche Waisenjunge Werner eine Kindheit im Ruhrgebiet, die von Mangel und Erfindungsreichtum geprägt ist. Auf einem Schrotthaufen findet er eines Tages ein kaputtes Radio, das er wieder zum Laufen bringt – und damit das Tor zu einer neuen Welt öffnet. Doch als der Krieg beginnt, wird der hochbegabte und sensible Junge eingezogen. Seine außergewöhnliche technische Begabung wird zu Kriegszwecken gefördert. Nach einigen Einsätzen in Russland wird er kurz vor Kriegsende ins „letzte deutsche Bollwerk“, ins "Fort National" nach Saint-Malo, geschickt, um per Funk Mitstreiter der Résistance aufzustöbern…

Anthony Doerr, geb. 1973, gilt in seiner Heimat, den USA, und im gesamten englischsprachigen Raum bereits als literarischer Superstar. Sein Roman „All the lights we cannot see“ wurde preisgekrönt, millionenfach verkauft und wird von der 20th Century Fox demnächst verfilmt. Bisher veröffentlichte er zwei Kurzgeschichtenbände und einen Roman. Seine immer wiederkehrenden Motive sind das Meer, seine Bewohner – und bewegende menschliche Schicksale.

Da ich den Autor nicht kannte, war ich beim Lesen völlig unvoreingenommen – und spürte von der ersten Seite an, dass es sich um ein ganz besonderes Buch handelt. Die Personen, Orte und Handlungen werden in wenigen, meist knappen, manchmal sachlichen, manchmal poetischen Sätzen wunderbar treffend beschrieben. Doerr verwendet viele starke Bilder: für Marie-Laure aus dem Bereich des Meeres, für Werner aus dem Bereich der Luft. Die Figuren sind vielschichtig, es werden keine üblichen Klischees bedient. Mehrere Handlungsstränge werden geschickt miteinander verwoben, ohne dass der Leser den Überblick verliert.
Der politische Fanatismus, die Brutalität und Menschenverachtung der NS-Ideologie werden durch die bewegende Handlung deutlich - aber auch Mitmenschlichkeit und Widerstand auf Seiten der französischen Résistance, und einzelner deutscher Andersdenkender. Die Faszination der Wissenschaften, die geheimnisvolle Welt der Sinne, der Gefühle und der Intuition, der Kampf ums Überleben und der Drang nach Glück und Liebe – all das sind die Themen dieses vielschichtigen Romans.

Ich kann die Begeisterung nur teilen und dieses wunderschöne, bewegende Buch nur weiterempfehlen! Für mich 5 von 5 Sternen – schade, dass es keine 5 Zusatzsterne gibt!

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 01.04.2015
Madame Picasso / Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe Bd.1
Girard, Anne

Madame Picasso / Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe Bd.1


sehr gut

Paris, im Jahre 1911:
Voller Träume und Hoffnungen zieht die junge Eva Gouel ins lebendige Küstlerviertel auf dem Montmartre. Anstatt einen soliden Mann zu heiraten, wie es ihre konservative Familie von ihr erwartet, nimmt sie einen Job als Näherin im berühmtesten Nachtclub der Welt an, dem Moulin Rouge. Dort flickt Eva die zerrissenen Kostüme der Tänzerinnen und trifft Berühmtheiten des Pariser Nachtlebens.
Ein häufiger Gast zieht sie in seinen Bann: ein junger Spanier mit glühenden Augen und einer geradezu animalischen Anziehungskraft – den aufstrebenden Maler Pablo Picasso. Zwischen beiden entwickelt sich eine Amour fou, die ohne Zukunft erscheint, denn Picasso ist fest mit Fernande Olivier liiert, einer vielbewunderten Schönheit. Die beiden sind Mittelpunkt einer einzigartigen Künstlerszene, die sich regelmäßig trifft und Geschichte schreibt.
Als Eva eines Abends selbst im seidenen Kimono ihrer Mutter im Moulin Rouge auftritt, weiß Picasso, dass er eine Entscheidung treffen muss…

Die US-amerikanische Schriftstellerin Anne Girard studierte neben Englischer Literatur auch Psychologie. In ihrem vorliegenden Roman setzt sie den Schwerpunkt auf Beziehungen und Persönlichkeitszüge ihrer Protagonisten – die schillernde Kulisse der Bohème verleiht dem Roman einen ganz besonderen Reiz.
Ich konnte mir beim Lesen die damalige Szenerie sehr gut vorstellen, viele Personen wurden recht lebendig dargestellt, vor allem die freiheitsliebende Vordenkerin Gertrude Stein und ihre Lebensgefährtin Alice, der Dichter Apollinaire und natürlich Picasso selbst.

Evas Geschichte beginnt mit vielen Träumen: sie beginnt, sich beruflich selbst durchzuschlagen, opfert dann aber ihre beginnende Karriere ihrer großen Liebe. Ob Picasso ihre Gefühle wirklich erwidert hat, wurde mir nicht so ganz klar – er hat es versucht, war aber als großer Künstler vielleicht zu selbstbezogen. Er konnte Krankheiten und Tod nicht in seiner Nähe ertragen, weshalb sich die Ereignisse im Lauf des Romans dramatisch zuspitzen. Das fand ich von der Autorin sehr gut herausgearbeitet.

Im Anhang beschreibt die Autorin ihre ausgiebigen Recherchearbeiten. Der Stoff hätte sehr viel Potential, um mehr in die Tiefe zu gehen, was Picasso und all die anderen Künstler betrifft – das war aber nicht das Ziel der Autorin, die einen schönen und gefühlvollen Unterhaltungsroman geschrieben hat. Manche Stellen, auch die Liebesszenen, sind dabei leider ziemlich konventionell geschrieben („Seine Liebe war Eva. Und sie würde es immer sein.“/ „Wo Du hingehst, da will auch ich hingehen.“) Andere Stellen sind originell, und viele Originalzitate und Gedichte runden das Ganze ab.
Auf jeden Fall habe ich jetzt Appetit bekommen, mal in die zahlreichen Quellentexte hineinzuschnuppern, die Anne Girard am Ende auflistet.

Fazit: ein emotional berührendes Frauenschicksal in einer interessanten Zeit – von mir gibt es 4 von 5 Sternen!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 23.03.2015
Fernsehen gernsehen
Emmerich, Alexander

Fernsehen gernsehen


ausgezeichnet

Ben Kaspari ist ein Junge, dessen Mutter alleinerziehend ist und der oft bei seinen Großeltern ist. Dort lernt er eines Tages im Jahre 1978 das Tor zu einer magischen Welt kennen, die ihn von Anfang an fasziniert: das Fernsehen. Seine erste Lieblingsserie ist „Spass am Montag“, und schon im zarten Alter von 4 Jahren lernt er die Freuden und Leiden des TV-Junkies kennen: die Begeisterung über eine neue, lustige Geschichte, und der Frust, wenn er aus irgendeinem schnöden Grund vom Fernsehen abgehalten wird…
Bens Leben weist so manche Höhen und Tiefen auf, er durch lebt seine Kindheit, die Schule, die erste Liebe, die Pubertät, er sucht nach dem richtigen Beruf, erleidet schöne und traurige Dinge, Freunde kommen und gehen – doch eine Sache bleibt immer konstant: die Liebe zur Flimmerkiste.
Jedes Lebensjahr steht für eine neue Serie oder eine neue Show, die das TV-Deutschland damals begeisterte, z.B. Ein Colt für alle Fälle, Wetten dass, Alf, Raumschiff Enterprise, Die Lindenstrasse, Tutti Frutti – bis hin zu aktuellen Serien wie „How I met your Mother“.
Ein Roman über die Anfänge des Fernsehens, von Dalli Dalli bis zu How I met your Mother – das klingt nicht nur nach flotter Unterhaltung, sondern auch nach eigener Erfahrung! Der Autor Alexander Emmerich ist nicht nur promovierter Historiker, sondern auch Drehbuchautor und Autor verschiedener Sachbücher, Hörbücher und Krimis (z.B. aus Mannheim). Seine Hörbücher sind preisgekrönt.
Für mich war dieses schöne Buch mit dem nostalgischen Cover eine sehr amüsante Zeitreise in die Anfänge der deutschen Fernseh- Unterhaltungsgeschichte. An einige Serien konnte ich mich kaum noch erinnern, andere waren mir noch detailliert im Gedächtnis, und oft geriet ich ins Schwelgen… Ich finde an diesem Roman auch sehr gelungen, wie die Lebensgeschichte des Helden Ben mit seinen aktuellen Fernseh-Highlights verknüpft wird. So beeinflusst die harmonische Cosby- Familie seine erste große Liebe – bis auf einmal der dauergenervte Al Bundy in sein Leben tritt, was fatale Folgen hat…
Fazit: eine witzige, spannende, unterhaltsame Reise in die jüngste Vergangenheit, eingepackt in eine Coming-of-Age-Geschichte. Von mir gibt´s dafür 5 von 5 Sternen!

Bewertung vom 09.03.2015
Selbstporträt mit Flusspferd
Geiger, Arno

Selbstporträt mit Flusspferd


ausgezeichnet

"Im Leben verheddert"
Julian Birk, 22 Jahre, Student der Tiermedizin, hat sich gerade von seiner Freundin Judith getrennt. Alles an ihr hatte ihn im Lauf der Jahre immer mehr gestört, zuletzt sogar ihre Art, zu essen. Doch die neugewonnene Freiheit stürzt ihn in eine völlige Haltlosigkeit: sein Leben hat keine Struktur mehr, keine Rituale, er hinterfragt alle seine bisherigen Ziele und Ansichten. Zunächst trauert er Judith hinterher, doch bei jedem Wiedersehen erkennt Julian, dass sie mit ihm längst abgeschlossen hat, und dass er nicht sie, sondern eine innere Heimat sucht.
Sein Freund Tibor bietet ihm einen ungewöhnlichen Job an: die Pflege eines Zwergflusspferds im Garten eines todkranken Professors. Der Professor hat es gerettet und aufgepäppelt - ein Vertreter einer aussterbenden Rasse, einsam und offensichtlich zufrieden mit seinem eintönigen Leben in der "stabilen Welt" des Gartens. Für Julian beginnt ein geordnetes Leben, geprägt durch die Gewohnheiten des "unergründlichen" Tieres. Da tritt auf einmal Aiko, die geheimnisvolle Tochter des Professors, in sein Leben.
Julian lernt in diesem Sommer wichtige Dinge: über Tiere und Menschen, über Leben und Sterben, über Liebe und Verlassenwerden - und über sich selbst.


Arno Geiger wurde 1968 geboren, studierte Deutsche Philologie, Alte Geschichte und Vergleichende Literaturwissenschaften. Seit 1993 lebt er als freier Schriftsteller in Wien bzw. seiner Heimatstadt Wolfurt. 2005 erhielt er für seinen Roman "Es geht uns gut" den Deutschen Buchpreis, "Der alte König in seinem Exil" erhielt den Johann-Beer-Literaturpreis.


Anfangs war ich beim Lesen etwas skeptisch, da sich der Ich-Erzähler sich beständig mit sich selbst und seinen verletzten Gefühlen zu beschäftigen scheint. Doch nach wenigen Seiten merkt man, dass es dem Autor um mehr geht: Julian befindet sich auf der Suche in einer Lebensphase, die fast jeder in seiner Jugend durchmachen muss, um erwachsen und selbstbestimmt zu werden. In dem exotischen Flusspferd-Weibchen findet er eine Art Seelenverwandte, die genau wie er auf der Durchreise ist, und ihren festen Platz in der Welt noch nicht gefunden hat. Die alte Generation welkt langsam dahin (in Gestalt des Professors), Julian wächst in seinen zukünftigen Beruf hinein, er muss sich gegenüber seinen Freunden behaupten und sich aktiv um eine Beziehung bemühen, wenn er kein "einsamer Hagestolz" bleiben möchte.

Die Erzählsprache von Arno Geiger gefällt mir sehr gut, sie ist poetisch, voller Bilder, voller Tiefgang, aber auch Humor ("Tibors Stimme brutzelte wie ein Ei in der Pfanne"). Viele schöne Sätze laden zum Verweilen und Nachdenken ein. Einziger Kritikpunkt: mir fehlte streckenweise ein wenig der Spannungsbogen, etwas mehr "action" hätte durchaus sein dürfen - aber das ist meine persönliche Sicht. Insgesamt ist das Buch für mich ein Lese-Highlight und verdient 5 Sterne!

Bewertung vom 02.03.2015
Eine Rose für Putin
Wendrich, Thomas

Eine Rose für Putin


ausgezeichnet

Geniales Mosaik!

Am 7.7.1985 spielt Boris Becker gerade sein legendäres Finale, als auf dem Parkplatz vor einem Hotel in der Nähe von Görlitz das Unfassbare geschieht: ein kleines Mädchen, gerade mal ein Jahr alt, verschwindet spurlos aus dem Auto seines Vaters. Das Unheimliche an diesem Fall, der ganz Ostdeutschland beschäftigt: alle Spuren führen nach Russland - und verlieren sich dann im Nichts.
Kommissar Alvart, der in der Sache "Rose" ermittelt, stösst an seine fachlichen und persönlichen Grenzen.

20 Jahre später: der namhafte, etwas schrullige Regisseur M. und sein junger Drehbuchautor Jakob Stadt mieten sich in einen Landsitz inmitten der Uckermark ein, um einen Film über Roses Verschwinden zu schreiben. Dabei geschehen merkwürdige Dinge. arum taucht die Postbotin mehrfach am Tag auf? Werden M. und Jakob überwacht? Sind die Schüsse in der Nacht Realität - oder nur ein Hirngespinst? Steckt womöglich der KGB dahinter? Und warum hält M. auf einmal Putins Revolver in den Händen?

M. beschließt, den Stoff aus Kosten- und Sicherheitsgründen in die Gegenwart zu verlegen. Johann schreibt die Geschichte komplett um. Seine Figuren werden immer lebendiger, die Vergangenheit rückt immer näher, bis Realität und Fiktion verschmelzen...

Thomas Wendrich, geb. 1971 in Dresden, ist Schauspieler, Drehbuchautor, Regisseur und freischaffender Schriftsteller. Seine Filme wurden mehrfach ausgezeichnet.

Wendrichs Debutroman fand ich außergewöhnlich turbulent, temporeich, witzig, unheimlich, spannend, poetisch, leicht wahnsinnig - und einfach genial komponiert! Die Hauptfiguren sind mir beim Lesen richtig ans Herz gewachsen, allen voran die Russin Sveta, die um das Überleben ihrer kleinen Tochter kämpft, oder Jakob Stadt, der immer tiefer in eine unglaubliche Geschichte eintaucht. Oder der launenhafte Regisseur M., dessen zweiter Name "Erfolg" ist - so seine bescheidene Meinung!
Das furiose Ende bringt einige düstere Geheimnisse aus Ost und West ans Licht und so mancher Abgrund tut sich auf.

Fazit: ein ganz außergewöhnliches Leseerlebnis, eine gelungene Kombination aus Krimi, Politthriller, Poesie und Wahnsinn; schwer zu beschreiben - einfach selber lesen!

5 von 5 Sternen für dieses Lesevergnügen der besonderen Art.

Bewertung vom 07.02.2015
Die Frauen der Rosenvilla
Simon, Teresa

Die Frauen der Rosenvilla


ausgezeichnet

Rosen und Schokolade – Glück pur!

Dresden, 2013: die junge Anna übernimmt die traditionsreiche Schokoladen- Manufaktur und die halb verfallene Rosenvilla ihrer Familie, die sich in einem erbarmungswürdigen Zustand befindet. Doch Anna erkennt das Potential, lässt die Villa restaurieren - und langsam kehrt der Charme der alten Zeiten zurück. Auch den verwunschenen Garten möchte sie durch alte Rosen wieder beleben und entdeckt beim Umgraben ein geheimnisvolles, altes Kästchen voller Tagebuchaufzeichnungen in mehreren verschiedenen Handschriften, die bis ins Jahr 1892 zurück reichen.
Schnell wird Anna klar: dies alles muss einst von einer ihrer Vorfahren gesammelt und versteckt worden sein – doch vor wem, und weshalb?
Unterstützt durch ihre beste Freundin, eine Buchhändlerin, setzt Anna das Puzzle aus vergangenen Tagen zusammen – und lüftet dabei das dunkle Geheimnis ihrer Familie.

Teresa Simon ist auf Anhieb ein wunderschön erzählter, spannender und zutiefst berührender Roman gelungen. Die verschiedenen Geschichten mutiger Frauen aus verschiedenen Epochen werden kunstvoll miteinander verwoben, aber immer leicht verständlich. Interessante Fakten über die Zeit der beiden Weltkriege ergänzen die Familiengeschichte.
Mich hat dieses wunderschön gestaltete Buch von der ersten Seite an gefangengenommen, und durch die verschiedenen Zeitebenen blieb die Geschichte stets spannend. Durch verschiedene Schrifttypen kann man die verschiedenen Frauen sehr gut auseinander halten. Auch in der Gegenwart passiert der sympathischen Anna so einiges – und die Liebe kommt dabei nicht zu kurz...
Ein ganz besonderes „Bonbon“ in diesem Buch: die leckeren Pralinenrezepte im Anhang! Besonders empfehlenswert zu einem Picknick in einem blühenden Rosengarten… oder beim Lesen dieses wundervollen Romans!
Fazit: ein absolut empfehlenswertes Buch für alle, die gerne in der Vergangenheit stöbern, die mutige Frauenfiguren lieben – sowie den Duft von Rosen und das unwiderstehliche Aroma von Schokolade!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 27.12.2014
Zimmer mit Aussicht
Forster, Edward Morgan

Zimmer mit Aussicht


ausgezeichnet

Die junge Lucy und ihre Cousine Charlotte unternehmen zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Bildungsreise nach Florenz. Kaum dort angekommen, treffen sie in ihrer Pension auf etliche weitere Engländer: Touristen, Aussteiger und Lebenskünstler.

Das warme Klima und das Temperament der Italiener wirkt auf die unterkühlten Briten fast wie ein Fieber: die alternde Miss Lavish inspiriert es zu fantasievollen Unterhaltungsromanen, den "Emporkömmling" Mr. Emerson zu philosophischen Betrachtungen, und sein Sohn George wie auch Lucy entdecken ihre Gefühle und Leidenschaft für einander.

Doch Lucy steckt zwischen zwei Welten fest: einerseits dem streng moralischen viktorianischen Zeitalter, verkörpert durch ihre Cousine Charlotte, und andererseits der modernen Denkweise, die die Werte anderer Kulturen und politische Ideen von der Gleichheit der Stände beinhaltet. Sie ist jedoch noch nicht selbstbewusst genug, um eigene Entscheidungen zu treffen - so überlässt sie ihrer Cousine, den unstandesgemäßen Verehrer abzuwimmeln, und sofort nach Rom weiterzureisen.

Zu Hause angekommen, verlobt sie sich mit einem reichen Snob - doch dann trifft sie wieder auf George und muss sich entscheiden...

Was sich zunächst wie eine romantische Liebesgeschichte anhört, ist in Wahrheit ein kluger und feinsinniger Roman über den Wandel des Denkens und der Werte zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Edward Morgan Forster, 1879 - 1970, britischer Erzähler, beschäftigte sich in seinen Romanen mit dem gesellschaftlichen Wandel, sowie mit damaligen Tabuthemen wie Homosexualität. Einer seiner berühmtesten, geistreichen Aussprüche: "Wie kann ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?"
Forters Werk und Leben wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem britischen Verdienstorden.

Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen, auch wenn er stellenweise nicht ganz einfach zu lesen war. Die konträren Ideen der damaligen Zeit werden durch die verschiedenen Personen wunderbar karikiert, die Handlung ist spannend, und die Beschreibungen der Schauplätze sind sehr detailliert und anschaulich. Lucys eigenes Denken erwacht - und entwickelt sich im Verlauf des Romans stetig weiter.
Fazit: ein lesenswerter Klassiker über die Entwicklung unseres modernen Denkens!
5 von 5 Sternen und eine Leseempfehlung für alle, die sich für gesellschaftlichen Wandel interessieren.

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 27.12.2014
Schwimmen mit Elefanten
Ogawa, Yoko

Schwimmen mit Elefanten


ausgezeichnet

Von der Gefahr des Wachsens

Nach dem frühen Tod seiner Mutter lebt ein siebenjähriger japanischer Junge mit verstümmelten Lippen bei seinen Großeltern. Von Gleichaltrigen wird er als Außenseiter behandelt und gequält, deshalb erfindet er sich selbst Freunde: einen legendären Elefanten, der auf einem Kaufhausdach gefangen war, und ein geheimnisvolles Mädchen, das in einem Häuserspalt lebt.
Eines Tages trifft der Junge auf einen stark übergewichtigen Mann, der seinen Wohnbus kaum noch verlässt, und der zwei große Leidenschaften hat: Naschen und Schach spielen. Der Mann bringt dem Jungen das Schachspielen bei - und eröffnet ihm den Zugang zu einer neuen Welt mit klaren Regeln und voller Harmonie. Bald zeigt sich, dass der Junge über ein außergewöhnliches Talent verfügt: er spielt Schach wie ein Großmeister, mit seiner eigenen, poetischen und zugeich kämpferischen Handschrift.

Doch eines Tages stirbt sein Lehrmeister an den Folgen seines Übergewichts. Für den Jungen wird klar: Wachsen bedeutet Gefahr, und er beschließt, für immer klein zu bleiben. In einer mechanischen Puppe verborgen, benannt nach dem Großmeister Aljechin, spielt er weiter Schach - und lebt ein außergewöhnliches Leben voller Höhen und Tiefen.

Die japanische Schriftstellerin Yoko Ogawa, geb. 1962, wurde in ihrem Heimatland bereits mit mehreren wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnet. In ihren poetischen Romanen beschäftigt sie sich u.a. mit der idealen Welt der Mathematik oder des Schach, mit der Brutalität der realen Welt, aber auch mit surrealen Traumwelten, typisch für die japanische Gegenwartsliteratur.

"Schwimmen mit Elefanten" ist ein Roman voller Bilder und Fantasie. Die äußere Handlung wird immer wieder mit den Traumbildern des Jungen und der idealen Welt des Schach verknüpft.
Mir hat dieses ungewöhnliche Buch sehr gut gefallen, da es auf einer subtilen psychologischen Ebene die Lebensgeschichte eines ganz besonderen Menschen beschreibt. Oft wiederholen sich Bilder oder Textpassagen, z.B. werden häufig Schachpartien beschrieben und mit "Schwimmen im Meer" verglichen. Das Schachspiel scheint wie ein Zufluchtsort zu sein, im Kontrast zu der oft brutalen und chaotischen Außenwelt.

Fazit: ein lesenswertes und beeindruckendes Buch - für alle, die schöne Sprache, starke Bilder und außergewöhnliche Geschichten lieben.