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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Herbert Huber
Wohnort: Wasserburg am Inn
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Danksagungen: 18 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 179 Bewertungen
Bewertung vom 04.12.2016
Werte
Sommer, Andreas U.

Werte


sehr gut

Andreas Urs Sommer, Professor für Philosophie mit Schwerpunkt Kulturphilosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, legt mit dem Essay „Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt” eine tiefgründige philosophische Betrachtung zu den Werten und der Wertediskussion vor. Wer eine Hilfe für die Lebensführung erwartet liegt allerdings falsch.
Im Inhaltsverzeichnis fallen viele Fragen auf, die normalerweise niemand stellt, wie: „Was haben Werte?”, „Was tun sie?” Im Text folgen noch viele weitere solcher Fragen, beispielsweise gleich in der Vorrede: „Warum soll ich an Werte zu glauben genötigt sein”. Der Essay will diese Fragen, die u.a. der Begriffsklärung dienen, beantworten und bewusst machen, warum wir glauben uns über Werte definieren zu müssen.
Durch alle Kapitel ziehen sich zwei Themen:
1) Werte gibt es nicht, sie sind Fiktion
2) Die Wertediskussion wird schlampig geführt.
Wichtige Ergebnisse der folgenden Diskussionen:
Werte sind Eigenschaften, die man allen Möglichen zuschreiben kann. Sie grenzen immer gegen anderes ab, da sie immer im Vergleich zu etwas Anderem zugeschrieben werden. Wertvoll ist etwas, wenn man es ungleich besser findet als etwas anderes. Einen absolut gültigen Wert gibt es nicht, stellt Sommer fest.
Werte sind dynamisch, perspektivenabhängig, personengebunden und wandelbar.
Das Reden über Werte bleibt häufig nebulös (nicht im besprochenen Werk). Werte mutierten von der Eigenschaft zu einer „Als-ob-Substanz”.
Im letzten Kapitel dann gibt Sommer endlich die Antwort auf die Frage, die der Untertitel aufwirft: „Warum brauchen wir Werte, wenn es sie nicht gibt?” Seine Antwort enttäuschte mich (er hatte aber schon unterwegs im Text bessere anklingen lassen): „Weil wir Fiktionen brauchen. Fiktionen sind nicht starr, sondern wandelbar, anpassungsfähig an unsere Bedürfnisse”.
Ein hohes Verdienst des Essay ist es, zu zeigen, dass das Wertegerede in der Politik meist Sonntagsreden sind. Denn jeder hat Werte: auch der Ehrenmörder.
Allerdings muss man recht aufmerksam lesen um hinter der Demontage der Werte und der damit zusammenhängenden Begriffe und Diskussion die positiven Aussagen aufzunehmen.
Die Lektüre ist besonders in den ersten Kapiteln, in denen der Autor das Terrain absteckt, schwierig. Das bezieht sich auf den Inhalt (Sommer versucht Fragen zu beantworten, die einem Laien nicht einfallen würden) als auch auf die Sprache. Wenn alle Warntafeln stehen und sich der Autor selbst auf die Wertediskussion begibt wird es flüssiger und die Leser können viel mitnehmen. Wie eingangs erwähnt: Wer eine Hilfe für die Lebensführung erwartet liegt falsch. Für die Wertediskusssion erhält man aber wertvolles Rüstzeug.

Bewertung vom 11.06.2016
Reasons for Belief

Reasons for Belief


sehr gut

Dieser Sammelband enthält zwölf Aufsätze von zwölf Autor*innen zum Thema Gründe für Überzeugungen. „Belief” wird dabei epistemologisch verstanden und im Deutschen deshalb besser als Überzeugung denn als Glauben wiedergegeben. Keiner der Aufsätze versteht darunter religiösen Glauben.
Viele Probleme der Erkenntnistheorie haben normativen Charakter. Überzeugungen und Wissen werden bewertet, das heißt, es wird geprüft ob sie den Bedingungen (die sich aus der Analyse der erkenntnistheoretischen Grundkategorien ergeben) genügen. Erkenntnistheoretiker befassten sich lange mit der Rechtfertigung wenden sich aber verstärkt zu den Gründen für eine Überzeugung hin, stellen die beiden Herausgeber in der Einführung fest. In einer Besprechung stellt Alex Gregory fest: „where epistemologists used to talk about warrants and evidence, they now talk about reasons for belief”.
Die Herausgeber springen in ihrer Einführung schnell in die Debatte und geben einen kurzen Überblick zu jedem der zwölf Beiträge. Für diejenigen Leser*innen, die mitten in der Debatte sind, mag das genügen, andere vermissen wohl eine erläuternde Gesamteinführung mit einer Abgrenzung zwischen den verwandten Begriffen. Für potentielle Leser des Bandes daher hier ein knappe Darstellung des Zusammenhangs zwischen Rechtfertigung und Gründe dafür:
Eine Person S ist zum Zeitpunkt t epistemisch gerechtfertigt zu glauben, dass p, genau dann, wenn:
(i) S Gründe hat für seine Überzeugung, dass p,
(ii) die Gründe, die S für seine Überzeugung hat, adäquat (gut) sind,
(iii) diese Gründe die Überzeugung stützen.
Schon gerät man tief in die Debatte: es muss geklärt werden, was "adäquat", "gut", "stützen" und auch "relevant" in Bezug auf Gründe und Rechtfertigung bedeuten.
Für fortgeschrittene Philosophen mit Schwerpunkt der Erkenntnistheorie geben die zwölf Aufsätze den gegenwärtigen Stand der Debatte wider. Man muss jedoch mit den Details schon vertraut sein, da – wie bereits moniert – auf eine thematische Grundlegung verzichtet wird. Einige Aufsätze wären auch durch erläuternde Beispiele zugänglicher geworden. Wer also ein grundlegendes Werk zu den Gründen für Überzeugungen erwartet liegt falsch. Der Sammelband stellt sich an die Spitze der Debatte und erarbeitet für Spezialisten die Zusammenhänge zwischen Normativität, Rationalität, Rechtfertigung und Gründe aus verschiedenen Sichtweisen.

Bewertung vom 24.05.2016
Vielleicht auch träumen
Beil, Lilo

Vielleicht auch träumen


sehr gut

Eine zunächst unbekannte Ehefrau (später ergibt sich: Cornelia Waltz) sinniert über ihren Freitod, rutscht auf der Treppe aus und stürzt hinunter.
Durch die Todesanzeige wird ihre ehemalige Lehrerin (inzwischen pensioniert) Charlotte Rapp aufmerksam und es tauchen Zweifel am Unfalltod auf. Hauptkommissar Guldner schaltet sich ein. Die Fäden gehen zurück in die Schulzeit und einem mysteriösen Englandbesuch, genauer in Stratford upon Avon.
Wie in jedem ordentlichen Krimi taucht – allerdings erst nach der Mitte des Romans – unvermutet die zweite Leiche auf (es folgt noch eine dritte) und damit wird es straffer. Das den Taten unterliegende Beziehungsgeflecht verlangt Aufmerksamkeit der Leser, ist aber stimmig. Ob es zu Beginn Freitod, Unfall oder Mord war, sei nicht verraten.
Dass die wirkliche Spannung erst nach Seite 100 aufkommt, liegt an mehreren Faktoren.
Da der Abgang von Cornelia Waltz als Unfall angedeutet wird, aber offen bleibt, weiß man lange nicht, ob man wirklich einen Krimi liest. Ist es vielleicht nur ein verwirrender Lokalroman?
Beginnend mit John Keats (S. 8) vergeht kaum eine Seite, in der nicht Namedropping betrieben wird: Rilke, Händel, Jimi Hendrix, Lady Di, um nur einige herauszugreifen; darunter auch Janis Choplin [sic!].
Zu viele verzögernde Einschübe: Beispielsweise blättert eine Luisa von S. 68 bis 76 in einem Buch mit Anleitung zum Freitod. Der Einschub entpuppt sich als Kurzerzählung der Cornelia, die von Charlotte gelesen wird.
Das Gute ist, dass man auch die ersten hundert Seiten in einer Sitzung liest und dann wird‘s ja spannend (abgesehen von der sechs Seiten langen Malszene) und man bleibt dabei. Damit entsteht doch noch ein stimmiger Regionalkrimi.
Wer vorausgegangene Krimis der Autorin (oder auch von Martha Grimes) gerne gelesen hat, kommt auch bei „Vielleicht auch träumen” voll auf die Kosten.

Bewertung vom 20.04.2016
Anne Marie Jauss 1902-1991

Anne Marie Jauss 1902-1991


ausgezeichnet

Die Münchner Künstlerin Anne Marie Jauss ging 1932 aus Angst vor der politischen Entwicklung nach Portugal, 1946 wanderte sie in die USA aus. Dort traf sie Oskar Maria Graf wieder, den sie von München her kannte.
Die Biografie aus dem Allitera Verlag gliedert sich in einleitende Texte, biografische Kapitel, den biografischen Kontext (Zeitgenossen über Anne Marie Jauss, Gespräche mit der Künstlerin, ihr literarisches Werk), Chronologie und zahlreiche Register. Schon dieser erste Abschnitt ist reichlich bebildert. Aber es kommt noch besser. Ab Seite 96 folgt ein umfangreiches Werkverzeichnis in Bildern. Diese sind zwar meist klein, zeigen aber trotzdem sehr eindrücklich die Breite der dem magischen Realismus zugeordneten Malerin.
Die Balance zwischen Biografie und Werkbeschreibung wurde ausgezeichnet getroffen: kein Teil kommt zu kurz. So wird den Lesern wieder einmal eindringlich vor Augen geführt, wieviel Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle vor Nazi-Deutschland flohen und wieviel Schaden für das geistige Leben auch dadurch in Deutschland entstanden ist.
Die Register machen das Buch zu einem guten Nachschlagewerk, wenn auch das Personenregister nicht ganz zuverlässig ist. Den Ringelnatz fand ich beispielsweise auf S. 34 nicht.
Der kleine Druck machte mir Probleme. Insgesamt ein sehr schönes Buch, das einer mir unbekannte Künstlerin ein hervorragendes Denkmal setzt.
Das sehr informative Werk ist durchwegs zweisprachig, eignet sich also auch als Geschenk hervorragend.

Bewertung vom 10.04.2016
Handbuch Dirigenten

Handbuch Dirigenten


sehr gut

Das Handbuch Dirigenten ist im Wesentlichen zweigeteilt aufgebaut:
* sechs Essays
* 250 Dirigentenporträts
Einleitung
Den Essays geht eine informative Einleitung (vermutlich von den beiden Herausgebern; eine Autorenangabe fehlt hier) voraus. In ihr wird die von den 18 Autoren (darunter die beiden Herausgeber) eingenommene Zielrichtung beschrieben. Diese kommt den Laiennutzern (also mir) entgegen:
* Urteilsbildung über die Dirigenten anhand von Tonträgern
* Beschreibung der populären Charakteristika der Dirigenten.
Das erste Ziel wird wirkungsvoll erreicht. Ich holte mehrmals nach der Lektüre eines Eintrags eine CD aus dem Regal und hörte sie mit neuer Einstellung an, die getroffenen Urteile wurden überprüft. Ob das zweite Ziel angemessen erreicht wurde kann ich als Laie nicht beurteilen.
Essays
* Komponierende Kapellmeister und dirigierende Konzertmeister: Zur Vorgeschichte des "interpretierenden Dirigenten"
* Dirigenten, Komponisten und andere Diktatoren
* Der Dirigent "im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit"
* Dirigent und Probe
* Aspekte einer Kultur- und Ideengeschichte des Dirigierens
* "Werktreue" und die "Aura" des Dirigenten: Eine Einführung in ein ästhetisches Dilemma
Dirigenten A bis Z
Die Dirigentenporträts wurden von 18 Autoren verfasst. Sie folgen diesem Schema:
* tabellarischer Lebenslauf
* Essay zum Dirigenten mit Schwerpunkt der interprettorischen Leistung und Eigenart
* Diskografie
* Kompositionen des Dirigenten
* Bildmedien
* Schriften des Dirigenten
* Literatur über den Dirigenten
* Webauftritt
Die Einträge sind auch für Laien sehr verständlich und aufschlussreich geschrieben. Im Handbuch Dirigenten gibt es kein Notenbeispiel, dafür ausreichend prägnante Beschreibungen. Man lese beispielsweise zu Valery Gergiev: „er führt nur mit den Händen dieselben bis in die einzelnen Fingerspitzen zitterenden Bewegungen aus und wirkt wie jemand, der gerade das Rauchen aufgegeben hat”. Nur selten blieb mir etwas unverständlich.
Angenehm wäre am Ende des Werks eine Umsortierung der Referenzaufnahmen (sie sind im Handbuch Dirigenten nur als „Tonträger” benannt, aber anderer Stelle als Referenzaufnahmen deklariert) nach Komponisten gewesen. Hieran haben die Herausgeber aber gedacht und sie stellen diese Liste als „Verzeichnis aller Referenzaufnahmen” im Online-Zusatzangebot zur Verfügung.
Es sind nur wenige Einwände, die dem gelungenen Handbuch Dirigenten unterm Strich nichts ans Zeug flicken können.
Das Handbuch Dirigenten richtet sich an einen breiten Leserkreis und kann den bestens bedienen. Es gibt besonders für Laien eine willkommene Leitlinie und ein zuverlässiges und verständliches Referenzmaterial.

Bewertung vom 17.12.2015
55
Imbsweiler, Marcus

55


sehr gut

Kurt liegt tot am Fuße der Kellertreppe. Unfall? Herzversagen? Für Joris stellen sich schnell zahlreiche Fragen, die auf das Jahr 1955 zurückgehen. Im September 1955 verunglückte James Dean und die Saarbevölkerung stimmte über das Saarstatut ab. Im saarländischen Dorf Dürrweiler passierte ebenfalls allerhand und man vergißt dort nichts. Der einheimische Joris war erst vor kurzem aus Berlin heimgekehrt und sucht nun die Fäden der Gegenwart zurück nach 1955. In einem Steinbruch kommt es zum dramatischen Showdown.
Die vielseitige Aufklärungsarbeit der Polizei und des Protagonisten Joris deckt die Zusammenhänge für die Leser gut verfolgbar auf. Ob alles für jeden nachvollziehbar ist? Mitdenken ist jedenfalls angebracht. Nachdem beispielsweise der Landrat Kalrmann eingeführt wurde taucht Dr. Brix, ebenfalls Landrat für Dürrweiler, auf. Was geht im Saarland vor? Doppelspitze als Landrat? Allmählich dämmert es: Karlmann ist die Verballhornung von Karl-Josef Brix, die beiden sind identisch.
Der Autor bringt die aktuelle Flüchtlingsproblematik ein und setzt damit einen Gegenpunkt zu 1955, als sich nach der Saarabstimmung auch einige fremd in Deutschland fühlten. Ein Syrer zeigt eine Seite der Problematik in einem Folterexperiment, eine der stärksten Szenen des Krimis.
Die häufigen Rückblenden auf 1955 hemmen allerdings die Handlung, die Gegenwart kommt zu kurz. Die Beziehungs– und Betroffenheitsdialoge ufern aus. Das Geschehen wird theatralisch aufgeladen – so gleich die Eingangsszene – und verpufft zu oft.
Dass in einem harmlosen Dorf die Schatten der Vergangenheit durch die Straßen wabbern ist nicht neu und verhalf beispielsweise schon Philippe Claudel: Die grauen Seelen zum Erfolg.
Mir kamen beim Lesen die Polt-Romane von Alfred Komarek in den Sinn. Im Burgenland, ganz im Osten des deutschsprachigen Raums geht es aber etwas gemächlicher zu. Marcus Imbsweiler springt an den westlichen Rand und zeigt, dass es auch im saarländischen Dürrweiler unter der Oberfläche brodelt.
Von einigen Längen abgesehen ist 55 unterhaltsam, die zugespitzen Beziehungen sind gerade noch glaubhaft, die Auflösung ist stringent.

Bewertung vom 17.12.2015
Briefe!
Garfield, Simon

Briefe!


sehr gut

Simon Garfield hat schon umfassende Sachbücher über Schrifttypen und Landkarten veröffentlicht. In Briefe! geht es auf über 500 Seiten um genau diese. Durchgehender Tenor: das Briefeschreiben ist antiquiert und wird derzeit durch die digitale Kommunikation abgelöst. Bald wird der letzte Brief geschrieben sein. Garfield will durch sein Buch die eigene Sichtweise widerlegen: man sollte aufs Briefeschreiben nicht ganz verzichten. Dafür kreist der Autor durch die Jahrhunderte. Zahlreiche Briefwechsel hat er gesichtet und breitet seine Funde vor den Lesern aus.
Sie lernen die ausgefeilten Formalien der Grußformeln im Brief kennen oder wie schon durch Äußerlichkeiten wie die Lage der Briefmarke eine Nachricht an den Empfänger übermittelt wurde. Ähnliches wiederholte sich beim Telefonieren und bei den E-Mails. Garfiels Plädoyer für das Briefeschreiben ignoriert diese modernere Kommuniktaion nicht: er widmet der Mail das 15. Kapitel und erklärt einige ihrer Formalien. Viele Fragen werden beantwortet.
Simon Garfield packt sein umfangreiches Thema sowohl systematisch als auch chronologisch an. Dazu streut er als dritte narrative Zugangsweise vor jedes Kapitel einen Briefwechsel zwischen dem britischen Soldaten Chris und seiner Bessie in der Heimat ein. Dieser dreifache Spagat bekommt dem Buch nicht. Hier widerspreche ich den zahlreichen Besprechungen, die genau dies loben. Meine Lesefreude wurde durch diese Konzeptlosigkeit gedämpft. Man muss zugute halten: der Untertitel „Ein Buch über die Liebe in Worten, wundersame Postwege und den Mann, der sich selbst verschickte” läßt schon ein fehlendes durchgehendes Konzept vermuten.
Dazu kommt (oder deshalb erschien es mir so), dass Garfield sein reiches Wissen unbedingt ausbreiten will. Das war manches Mal zu weitschweifig. Er zitiert beispielsweise in Gänze einen Brief von Ted Hughes über die anstrengende Heuernte. Im letzten Absatz setzt Hughes kontrastreich die Touristen dagegen. Ich lese ihn als Allerweltsbrief über das Wetter. Der Autor paraphrasiert den Brief anschließend. Zurecht fragt er nach vier Seiten, ob wir das wissen wollen.
Erwartbar und verständlich ist, dass beim britischen Journalist und Autor der Schwerpunkt bei den Angelsachsen liegt. Der im deutschen Raum einflußreiche Briefroman Die Leiden des jungen Werthers von Johann Wolfgang von Goethe fehlt, ebenso der regionale Jozef Filsers Briefwexel von Ludwig Thoma. Geschenkt, andrerseits vermisste ich auch The Screwtape Letters von C.S. Lewis aus dem englischsprachigen Raum.
Das Register ist unzuverlässig. Goethe taucht auf Seite 5 auf, das Register nennt 6 (dort kommt Goethe nicht vor). Der Topos „Dear John Letter” (S. 118) fehlt im Register.
Ziemlich am Ende zitiert Simon Garfield die Autorin Katherine Mansfield: „Das ist kein Brief, sondern für einen kurzen Moment meine Arme um Dich” [im Original: “This is not a letter, but my arms around you for a brief moment.”]. Es wäre unfair das insgesamt auf Garfields Buch und die Welt der Briefe zu übertragen: Briefe! ist ein voluminöses Werk (dickes Papier, 539 Seiten), aber der zweite Teil trifft zu: Garfield schlingt auf all diesen Seiten seine Arme um die Briefe und will sie für die Zukunft retten. Das ist eigentlich nicht nötig, denn Garfields These, dass bald der letzte Brief geschrieben sein wird, teile ich nicht. Sein engagiertes und liebevolles Plädoyer für die Briefe ist trotz der genannten Einschränkungen amüsant zu lesen und lehrreich. Der Briefenthusiast wird es verschlingen, für andere ist es lockere bis zähe Lektüre.

Bewertung vom 15.11.2015
Thomas Mann-Handbuch

Thomas Mann-Handbuch


sehr gut

Das Thomas Mann-Handbuch der Herausgeber Andreas Blödorn und Friedhelm Marx folgt dem erfolgreichen Konzept der Reihe im Metzler Verlag über bedeutende Persönlichkeiten aus Literatur, Musik und Philosophie. Der Untertitel lautet „Leben – Werk – Wirkung”. Bei diesem Band liegt der Schwerpunkt auf Werk und Wirkung. Die Nutzer des Handbuchs sollen mit der neuesten Forschung vertraut gemacht werden. Damit wollen die Herausgeber „Grundlagen für die Auseinandersetzung mit Manns Werk im 21. Jahrhundert legen”. Allerdings geht diesem Werk das in der 3. Auflage erschienene Handbuch von Helmut Koopmann voraus. Dieses wollen die Herausgeber nicht ersetzen, sondern mit den teilweise widersprüchlichen neuen Positionen ergänzen.
Der Hauptteil ist wie folgt gegliedert:
I. Leben und Autorschaft
II. Werke
III. Kontexte, Bezüge und Einflüsse
IV. Konzeptionen, Denkfiguren, Schreibweisen
V. Neuere Forschungsansätze
VI. Rezeption und Wirkung
VII. Anhang (Zeittafel, Siglen, Autorinnen und Autoren, Werkregister, Personenregister)
Die biografische Skizze von Hermann Kurzke fesselt vom ersten Satz weg. Sie beginnt mit: „Thomas Mann war Raucher, das ist bekannt. Ein Trinker war er jedoch nicht, obgleich er ein Likörchen zum Nachtisch nicht verschmähte“. Der lockere Stil überraschte mich (positiv).
Die Werksbesprechungen sind ausführlich und – wie im Vorwort angekündigt – forschungsbezogen. Zu allen Werken werden die Quellen, Hintrergründe und Grundpsotionen der Forschung erläutert. Den Erzählungen – die wegen der Übergrösse der Romane oft zu kurz kommen – wird gebührender Raum gegeben.
In den Abschnitten III., IV. und V. werden Hintergründe und Kontexte erläutert: Judentum, Musik, Philosophie und Weimarer Klassik, um nur ein paar zu nennen. Das Werk wird nach Motiven wie Dekadenz, Ironie, Schuld und Rechtfertigung aufgeschlüsselt.
Trotz des breit gefächerten Programms vermisste ich einen Beitrag zur Thomas Mann-Gesellschaft, vielleicht aus zu großer Bescheidenheit der beiden Herausgeber, die Vizepräsidenten dieser Gesellschaft sind.
Ich vermisste auch einen eigenen Beitrag zur Thomas Mann Rezeption in der Schule.
Thomas Mann und sein Werk sind mit Geschichte, Politik und Kultur der ersten Hälfte des 20. Jhdts. eng verwoben. Es macht viele seiner Texte auch heute noch nahezu uneingeschränkt lesenswert. Thomas Mann ist einer der am meisten erforschten Schriftsteller des 20. Jhdts. Das vorliegende Thomas Mann-Handbuch bietet dazu reichlich Material und Denkanstöße.
Allerdings wendet es sich hauptsächlich an Leute, die mit Thomas Mann schon vertraut sind und sich einen Überblick über den neuesten Forschungsstand verschaffen wollen. Für sie ist dieses Handbuch unerläßlich.
Für Thomas Mann Einsteiger ist es weniger geeignet.

Bewertung vom 15.11.2015
Das Lexikon der offenen Fragen

Das Lexikon der offenen Fragen


sehr gut

Die Herausgeber dieses wunderbaren (wörtlich!) Büchleins Jürgen Kaube und Jörn Laakmann befragten namhafte Wissenschaftler und der Wissenschaft nahestehende Persönlichkeiten nach offenen Fragen.
Es geht um offene Fragen, die für uns alle oder eine Gruppe von Menschen interessant sind.
Die 95 Artikel behandeln durchweg interessante, oft sogar spannende Fragen. Nach der im Vorwort angebotenen Klassifizierung der offenen Fragen:
prinzpiell beantwortbar,
prinzipiell unbeantwortbar,
dazwischen liegende, z.B. die Goldbachsche Vermutung
gehören die meisten behandelten Fragen im Lexikon nicht zur ersten Klasse.
Die im Lexikon behandelten Fragen folgen keiner Systematik, ich war bei allen auf die Ausführungen wißbegierig. Die meisten Lexikoneinträge regen zu weiteren eigenen Überlegungen an, genau deshalb, weil sie keine Antworten geben.
Hoch aktuell ist eine der letzten (im Buch) Fragen: „Gibt es ein Menschenrecht auf Migration?”. Autor Hans-Peter Müller zerlegt die Frage in Teilfragen und plädiert für deren offene Diskussion.
Mich verblüffte, dass nicht bekannt ist, seit wann wir in der Schule nicht mehr Latein sprechen. Autor Heinrich Busse hat recht: da das kaum jemand wissen will (jedenfalls nicht genauer als es Busse ausführt), bleibt es wohl für immer eine offene Frage, wenn auch eine, die man prinzipiell beantworten könnte.
Gelegentlich bleiben Fragen nebulös. Manche Autoren werfen ganz andere Fragen auf, als in der Überschrift gestellt. So Hans Joas in „Wann glauben Religionen an sich selbst?”. Er erörtert vornehmlich die Fragen: „Kann das Christenum in der Moderne überleben?” und „Ab wann erwartete man eine fortschreitende Säkularisierung in Europa?”
Bei manchen Fragen war ich erleichtert, dass auch andere sie als diskussionswerte Frage ansehen, wie beispielsweise Wolfgang Kaschuba in „Weshalb eigentlich Boni?” Man könnte noch verschärfen: „Weshalb Boni, wenn der Manager offensichtlich Mist gebaut hat?” Eine damit verwandte Frage ist: „Warum Verdienstmedaille und Orden für Politiker, die ihren Job mach(t)en?”
Witzig, aber durchaus mit ernstem Hintergrund wird die Frage „Was soll der ganze Quatsch?” von Tobias Hürter behandelt. Sie wird täglich brennender.
Das Bändchen ist leserfreundlich aufgemacht: handlich, Lesebändchen und angenehmer Geruch! Die gelegentlich eingesetzte hellgrüne Schrift ist wenn kleinformatig, nur schlecht entzifferbar. Eine der (für mich neuen) Fragen lautet: „Welche Rolle spielt die Form in den Geisteswissenschaften?”. Die ansprechende Form des Lexikons befördert die Akzeptanz, das ist keine offene Frage.
Der Titel „Lexikon” ist ungerechtfertigt und irreführend. Es handelt sich um einen winzigen Ausschnitt. Ein umfassenderer Folgeband wäre hoch willkommen. Das breite Spektrum der hier aufgeworfenen Fragen macht das Buch für jeden, dessen Weltbild nicht schon dogmatisch abgeschlossen ist, zu einer anregenden Lektüre. Damit eignet es sich auch als Geschenk für nahezu jedefrau/jedermann.