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Benutzername: carifrue
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Bewertungen

Insgesamt 12 Bewertungen
12
Bewertung vom 15.11.2015
Die dunklen Mauern von Willard State
Wiseman, Ellen Marie

Die dunklen Mauern von Willard State


weniger gut

1995 wurden in der ehemaligen psychiatrischen Anstalt Willard State 400 Koffer ehemaliger Insassen gefunden, die völlig unberührt schienen, seit ihre Besitzer - teilweise in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts - nach Willard State kamen.
Oft erscheinen die damaligen Gründe, warum diese Menschen nach Willard geschickt wurden, aus heutiger Sicht zweifelhaft. Es genügte ein ärztliches Gutachten und Menschen konnten auch gegen ihren Willen eingewiesen werden; viele blieben über Jahrzehnte dort oder sollten Willard State nie wieder verlassen. Gerade bei Frauen genügte von der Norm abweichendes Verhalten, um die Kriterien zur Zwangseinweisung zu erfüllen: Promiskuität, Trauer nach dem Verlust von Kindern, Homosexualität...Es kann einem eiskalt über den Rücken laufen beim Gedanken an die Menschen, die unschuldig in die Mühlen dieser Institutionen geraten sind und keine Möglichkeit hatten, sie aus eigener Kraft wieder zu verlassen.

Leider gelingt es Ellen Marie Wiseman nicht, dieses Grauen in ihrem Buch "Die dunklen Mauern von Willard State" erlebbar zu machen.
Gute Ansätze wie zwei unterschiedliche Zeitebenen sind vorhanden, doch reiht die Autorin in beiden Handlungssträngen lediglich ein abgegriffenes Klischee an das nächste. Die Hintergründe vom Mord an Izzys Vater werden nebenbei auch noch gelüftet, aber wie alle anderen Entwicklungen in "Die dunklen Mauern von Willard State" ist das Ergebnis absolut vorhersehbar und nicht im geringsten überraschend.
Mir kommt es vor, als hätte die Autorin für ihr Buch einfach gängige Klischees und Versatzstücke anderer erfolgreicher Romane zusammengeworfen - voilá , fertig.
Das, was dabei herauskommt, fühlt sich so konstruiert und unecht an, dass es mich nicht berühren konnte. Izzys Schicksal blieb mir genauso gleichgültig wie der überdramatische Leidensweg Claras. Auch das Ende war einfach zu viel des Guten. Alle Geheimnisse werden aufgeklärt (zumindest die, die der Leser nicht schon 200 Seiten vorher erraten hat), alles wird gut und es darf gekuschelt werden. So viel Harmonie tut schon körperlich weh.

Zu pathetisch waren mir auch Sprache und Stil des Buches. Als Beispiel die Gedanken Izzys beim ersten Anblick von Willard State:
"Izzy fragte sich, welche Gräuel das wuchtige Gebäude wohl erlebt hatte. Welche schrecklichen Erinnerungen hatten sich an die Backsteine, den Mörtel und die blinden Scheiben geheftet und gehörten nun für alle Zeiten zum Bauwerk, eingefressen und darin verschlossen mit Blut und Tränen? So wie Schmerz und Leid immer ein Teil von ihr sein würden, würden die Erinnerungen von Tausenden von gequälten Seelen in der Chapin Hall und den umliegenden Gebäuden des Willard State Asylums weiterleben. (S. 8)

In diesem Stil schwadroniert die Autorin weiter und sorgt damit lediglich dafür, dass sich das von ihr beschriebene Entsetzen definitiv nicht einstellen kann. Außer vielleicht über den Stil des Buches...
Die leisen Töne fehlen in "Die dunklen Mauern von Willard State" völlig; es wirkt auf mich wie eine Daily Soap, die in der Psychiatrie spielt. Mir tut es wirklich Leid um die ehemaligen Insassen von Willard State. Nach allem, was sie durchmachen mussten, werden ihre Schicksale in einem solch seichten Buch verbraten. Das haben sie wirklich nicht verdient.
Ich werde zum Vergleich noch den Roman "Runa" von Vera Buck lesen, der sich mit einem ähnlichen Thema beschäftigt, aber hoffentlich auf anspruchsvollere und sensiblere Art und Weise.

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