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Benutzername: Micki
Wohnort: Köln
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Danksagungen: 3 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 27 Bewertungen
Bewertung vom 29.06.2020
Ich bleibe hier
Balzano, Marco

Ich bleibe hier


sehr gut

Ein kleines Stück italienischer Geschichte

Trina möchte nicht weg. Obwohl sie nicht als Lehrerin arbeiten darf und fast alle ihre Freunde das südtirolische Dorf Graun verlassen haben, beschließt sie: Ich bleibe hier. Der Roman erzählt den teilweise ausweglosen Kampf Trinas (und ihres Mannes) von knapp 1920 bis 1949 – der Kampf gegen den Faschismus durch Mussolini, gegen die Nazis und am Ende gegen einen großen Konzern. Dabei bringt der Autor dem Leser ein Stück italienischer Geschichte bei, die bisher kaum literarisch behandelt wurden und somit den meisten völlig unbekannt sein wird.

Der Aufbau des Romans ist dreiteilig: Im ersten Teil wird die Zeit zwischen den ersten und dem zweiten Weltkrieg behandelt. Der Leser erfährt mehr über Trina und ihre Familie, die Ausgrenzung der Deutschen, nachdem Südtirol nach dem Krieg italienisches Gebiet wurde und wie viele das Land aufgrund dessen verlassen. Im zweiten Teil des Romans geht es um den zweiten Weltkrieg. Trina und ihre Familie halten sich aus Angst vor den Faschisten und Nazis versteckt. Der letzte Teil thematisiert den Kampf gegen einen Energiekonzern, die einen Staudamm bauen wollen, der das ganze Dorf vermutlich überfluten und unbewohnbar machen wird. Der Einstieg in den Roman ist mir nicht ganz leicht gefallen, ich wurde mir Trina und den anderen Personen nicht richtig warm. Nach etwa 100 Seiten jedoch wendet sich das Blatt: Mit Abstand am spannendsten ist der zweite Teil, indem es um Leben und Tod geht. Leider wird der Roman gegen Ende hin wieder etwas schwächer, weil sich doch sehr viel wiederholt.

Alle drei Teile behandeln einen komplexen Teil der italienischen Geschichte, die sehr spannend ist. Durch die Kürze des Romans bleiben die Geschehnisse leider oftmals ein wenig oberflächlich – es gelingt kaum, wirklich tief in die Geschichte einzutauchen. Um alles zu überblicken, hilft nur eine weitere, eigenständige Recherche zur Geschichte Südtirols. Dennoch hat mir das Buch – insbesondere der zweite Teil – gut gefallen. Balzanos Sprache ist klar und präzise und man erkennt eindeutig literarisches Talent. Ich finde es immer etwas schade, wenn Autoren komplexe geschichtliche Ereignisse auf nicht mal 300 Zeiten zusammenquetschen – ich

Bewertung vom 17.04.2020
Das Reich der Grasländer 1 / Der letzte König von Osten Ard Bd.3
Williams, Tad

Das Reich der Grasländer 1 / Der letzte König von Osten Ard Bd.3


gut

Gut geschrieben, vermisse jedoch die Spannung
„Das Reich der Grasländer Bd. 1“ ist der dritte Teil einer neuen (vermutlich?) vierbändigen Reihe rund um die in den 90er Jahren erstmals erschienen Bücher „Die Saga von Osten Ard“, die ich vor einigen Jahren mit großer Begeisterung entdeckt habe. Die Handlung ist etwa 30 Jahre nach den letzten Ereignissen des „Engelsturms“ angesiedelt.
Wer zum ersten Mal ein Buch dieser Reihe in die Hand nimmt, wird wohl aufgrund der fast unzähligen, teils kaum merkbaren Namen und Orte leicht überfordert sein. Hier zeigt sich jedoch Tad Williams großes Erzähltalent: Durch kurze Einschübe, die auch den Leser mit Vorwissen nicht stören, gelingt es ihm, dass der Leser einen guten Überblick darüber behält, wer mit wem verwandt/befreundet/verfeindet ist. Und im Notfall hilft auch das praktische Verzeichnis am Ende des Buches.
Die ganze Welt Osten Ard und demensprechend die Handlung im „Das Reich der Grasländer“ ist sehr vielfältig und komplex, sodass ich hier gar nicht näher auf die Geschehnisse eingehen möchte. Durch die kurzen Kapitel gelingt es jedoch, einen Überblick zu behalten. Trotz des großen Umfangs an Seiten sind es eher Nebengeschichten, die jedoch alles in allem keine durchgehende Spannung aufkommen lassen. Dieses Hinarbeiten auf ein großes Ereignis – vermutlich der Krieg gegen die Nornen und ihre Königin – ist zwar toll erzählt und stellenweise auch recht fesselnd (insbesondere die Story rund um Morgan hat mir gut gefallen), reicht mir jedoch für einen solchen Roman nicht aus. Ich vermisse hier eine eindeutig Haupthandlung. Der gesamte Roman wirkt deswegen auf mich wie eine Art Vorgeplänkel und konnte mich deswegen nicht völlig überzeugen. Band 4 werde ich vermutlich trotzdem in der Hoffnung auf ein spannendes Finale lesen.

Bewertung vom 16.03.2020
Hannah Arendt
Sanchez Vegara, Isabel

Hannah Arendt


sehr gut

Schöne Zusammenfassung für Eltern und Kinder
Die Kinderbuchreihe Little People, BIG DREAMS beschäftigt sich in kindgerechter Art und Weise mit historischen oder berühmten Personen aus allen Lebensbereichen wie Musik, Kunst, Politik oder auch Philosophie – wie beispielsweise Hannah Arendt. Hannah Arendt war eine bedeutende Philosophin, die sich beispielsweise mit Publikationen wie „Eichmann in Jerusalem“ einen Namen gemacht hat. Auch kämpfte sie als Jüdin Zeit ihres Lebens gegen Ausgrenzung und Antisemitismus.
Die Darstellung von Hannahs Leben, welches natürlich in einem Kinderbuch nicht vollumfassend dargestellt werden kann, ist kurz und knapp gehalten und damit sehr kindgerecht. Trotz der nur ca. 30 Seiten können so alle wichtigen „Stationen“ ihres Lebens thematisiert werden – angefangen von Hannahs Liebe zur Literatur, die sie schon in jungen Jahren entdeckt, über ihre Ausgrenzung als Jüdin und bis hin zu der Flucht nach Amerika.
Gerade vor dem Hintergrund zunehmenden Fremdenhasses, finde ich es unheimlich wichtig, dass Kinder so früh wie möglich mit der deutschen Vergangenheit und Antisemitismus konfrontiert werden. Auch wenn die Zeichnungen sehr kindgerecht sind (auch wenn mir der Zeichenstil in anderen Little People Büchern wesentlich besser gefällt), finde ich die Wortwahl manchmal etwas schwierig: Die Altersangabe finde ich mit 4 Jahre etwas zu jung angesetzt. Ich denke, 6 Jahre wäre hier das geeignetere Alter. Schön finde ich auch die kurze Zusammenfassung für Eltern, sodass auch Rückfragen seitens der Kinder genauer eingegangen werden kann.
Fazit: Das Buch ist sehr liebevoll gestaltet und fasst alle wichtigen Aspekte perfekt zusammen. Auch Hannah Arendt als thematische Figur finde ich sehr wichtig und höchstaktuell. Dennoch weiß ich nicht, in wie weit 4-jährige den Inhalt wirklich verstehen können – meiner Meinung nach ist das Buch eher für etwas ältere Kinder geeignet.

Bewertung vom 16.03.2020
Dankbarkeiten
Vigan, Delphine de

Dankbarkeiten


gut

De Vigans bislang schwächstes Buch
Michka verliert jeden Tag: Wörter, aber nicht ihre Erinnerung. Auch in körperlicher Hinsicht macht ihr das Alter zu schaffen – ebenso wie die Einsamkeit, die auch die junge Marie – eine Art Ziehtochter – nicht völlig vertreiben kann. Abwechslung bildet der Besuch des Logopäden Jeromé, der Michka so gut es geht dabei hilft, dass der Sprachverlust so langsam wie möglich vonstattengeht.
Dankbarkeiten schont den Leser nicht mit schweren Themen: Altern, Demenz, Nationalsozialismus, Verlassenwerden, Misshandlung und Vernachlässigung in der Kindheit – all das bringt Delphine de Vigan auf nur etwa 160 Seiten zum Ausdruck. Insgesamt ist die Stimmung des Romans sehr traurig, selbst die eigentlich erfreulichen Dinge wie Schwangerschaft bekommen einen düsteren Unterton.
Gut hat mir bei dem Roman die feine, klare Sprache gefallen. Mit nur wenigen Worten gelingt es dem Leser so, die Emotionen und die körperliche Verfassung der Protagonisten nachzuvollziehen. Auch fand ich es sehr beeindruckend, wie gekonnt die Autorin die zunehmende Aphasie von Michka sprachlich dargestellt hat.
Trotz der sprachlichen Feinheit und der an sich sehr interessanten Hauptstory, könnte mich der Roman jedoch nicht völlig überzeugen: Ich bin eine großer Fan von Delphine de Vigans Romanen: Trotz der geringen Seitenanzahl gelingt es ihr, dass der Leser tief in die Geschichte eintaucht und für kurze Zeit völlig mit den handelnden Personen „mitlebt“ und diese intensiv begleitet. Das ist leider bei Dankbarkeiten nicht der Fall: Die Perspektiven wechseln viel zu schnell, die ganze Handlung bleibt trotz des ernsten Themas irgendwie sehr oberflächlich. Auch die Geschichte mit dem Ehepaar, die Michka als Kind bei sich aufnahmen und deren plötzliches Wiederfinden, ist sehr konstruiert und wirkt etwas gewollt. So ist beispielsweise Loyalitäten um Welten besser!

Bewertung vom 16.03.2020
Die Geheimnisse meiner Mutter
Burton, Jessie

Die Geheimnisse meiner Mutter


sehr gut

Ein fesselnder Roman – nicht vom kitschigen Cover täuschen lassen
Die 35-jährige Rose ist ohne Mutter aufgewachsen. Seit ihrer Kindheit begleitet sie das Gefühl, dass ihr dadurch etwas fehlt. Als Rose Vater ihr erzählt, dass ihre Mutter kurz vor der Geburt mit der berühmten Schriftstellerin Connie Holden zusammen war, macht sie sich auf der Suche nach ihr, um mehr über das Verschwinden ihrer Mutter Elise zu erfahren.
In „Die Geheimnisse meiner Mutter“ werden in zwei Erzählsträngen die Geschichte von Rosie und Connie im Jahr 2018 sowie die Ereignisse im Jahr 1982/83 erzählt. Rose ist dabei eine unfassbar starke, lebendige und sehr sympathische Protagonistin, die alles daran setzt, mehr über ihre Mutter zu erfahren, und für den Leser sehr greifbar wird. Parallel dazu wird die Geschichte von Elise und Connie erzählt: Im Vergleich zu Rose wirkt Elise jedoch eher schwach und ist vollständig abhängig von ihren Mitmenschen. Teilweise hat mich die Teilnahmslosigkeit wirklich wütend gemacht. Die Person, die beide Stränge miteinander verbindet, ist Connie, die leider als Figur etwas blass bleibt.
Dabei ist der Roman unglaublich fesselnd, sodass die Seiten nur so davonfliegen. Der Autorin gelingt dabei etwas, was äußerst selten ist: Beide Erzählstränge sind gleichermaßen spannend, sodass sich zwar zunächst eine kurze Enttäuschung einstellt, wenn das Kapitel endet, man jedoch bereits nach einigen Sätzen wieder in der anderen Erzählstory drin ist. Dabei entzieht sich der Roman jeder Klassifizierung – er ist sowohl Familiengeschichte und Entwicklungsroman, zeigt jedoch auch einige Elemente eines Krimis.
Die Story ist interessant und auch plausibel, ein kleiner Kritikpunkt für mich ist jedoch das Ende, das ein wenig zu kitschig geworden ist. Außerdem finde ich leider das Cover sehr unglücklich: Im Buchladen hätte ich wohl kaum zu dem Roman gegriffen, weil es optisch eher an einen gewöhnlichen Liebesroman erinnert und nicht zeigt, dass im Roman eine tiefgehende Geschichte steckt.

Bewertung vom 03.03.2020
Ein wenig Glaube
Butler, Nickolas

Ein wenig Glaube


ausgezeichnet

Ein eindringlicher Familienroman der etwas anderen Art
Das Ehepaar Lyle und Peg ist überglücklich, dass ihre einzige Tochter und ihr fünfjähriges Enkelkind Isaak so viel Zeit mit ihnen verbringen. Sie fühlen sich wieder jung und es lässt sie teilweise die Problem vergessen, die mit dem Altwerden im Allgemeinen verbunden sind. Doch schnell trübt sich das familiäre Glück, denn es wird klar: Die Glaubensgemeinschaft, der sich Tochter Shiloh verbunden fühlt, ist radikaler als Lyle und Peg dachten.
„Ein wenig Glaube“ beginnt wie ein typischer Familienroman, der auf dem Land spielt: Der Leser lernt den alternden Lyle, den lebensfrohen Isaak, den religiösen Charlie und den sturren Hood kennen. Die Idylle der kleinen Apfelbaumfarm, des Pfarrhauses und des kleinen Gartens der Eheleute zieht einen sehr schnell in den Bann und versetzt einen direkt in die Handlung mit rein. Doch schnell wird klar: irgendetwas stimmt nicht. Der Roman steuert dabei sehr subtil und ohne es direkt anzusprechen, auf eine große Katastrophe zu, wodurch die Erzählung sehr spannend wird – ohne, dass überhaupt viel passiert. Stattdessen schwebt die Bedrohung immer über dem Alltagsgeschehen – was auch sprachlich sehr gut von Butler umgesetzt wird. Zunächst noch Kleinigkeiten, werden die Anzeichen immer deutlicher.
Dabei folgt der Leser in erster Linie Lyle und seinen Gedanken, auch die anderen Personen werden in erster Linie aus seiner Sicht geschildert. Konfliktpotentiale ergeben sich auch daraus, dass Lyle überhaupt nicht glaubt: Während Peg noch versucht, ihre Tochter zu unterstützen, auch wenn sie einige Aspekte nicht gut heißt, zieht sich Lyle durch seine ablehnende Haltung immer weiter von Shiloh zurück.
Auch wenn die Beschäftigung mit dem Glauben Shilohs im Mittelpunkt steht, thematisiert der Roman auch viele weitere alltägliche Probleme und Nebengeschichten, wie christlicher Glaube, Krankheit und Tod. Besonders gut hat mir dabei die atmosphärische Sprache gefallen, sodass man fast das Gefühl hat, mit Lyle auf der Apfelplantage zu arbeiten. Auch die Story – und insbesondere das Ende –, welche zudem auch auf einer wahren Geschichte basiert, ist trotz der teilweise mageren Handlung wirklich fesselnd.

Bewertung vom 27.02.2020
Rote Kreuze
Filipenko, Sasha

Rote Kreuze


sehr gut

Ein Teil russischer Zeitgeschichte
Der 30-jährige Alexander hat einen schweren Schicksalsschlag hinter sich und zieht, um zu vergessen und Abstand zu gewinnen, mit seiner kleinen Tochter in eine neue Wohnung. Bereits am ersten Tag des Einzuges wird er von seiner an Alzheimer leidenden Nachbarin Tatjana mit deren Lebensgeschichte bedrängt. Zunächst entnervt, dann immer neugieriger, hört er ihr schließlich zu und lernt immer mehr über das Leben der alten Frau.
Rote Kreuze befasst sich mit einem Stück Zeitgeschichte, über die noch heute nur wenig gesprochen und viel mehr geschwiegen wird: Der Umgang mit russischen Kriegsgefangenen während des zweiten Weltkrieges. Wer dem Feind in die Hände fiel, galt automatisch als „Kriegsverbrecher“ und wurde von der Sowjetunion zurückgelassen. Auch die Familie galt automatisch als Landesverräter und wurde in Heime und Arbeitslager deportiert. Auf nur wenigen Seiten beschreibt der Autor diese Unglaublichkeit anhand des Schicksals der Familie von Tatjana. Besonders gelungen fand ich hier die Verknüpfung von historischen Zeitdokumenten in Form von Briefen – auch wenn hier ein paar weniger durchaus ausreichend gewesen wären – in Verbindung mit Tatjanas Vergangenheit und Alexanders Leben. Hinzu kommt die Beschreibung kleiner Alltagsschwierigkeiten, die durch den Fortlauf von Tatjanas Krankheit entstehen. Dadurch wird der Roman an keiner Stelle langweilig.
Trotz des großen Altersunterschiedes sind sich Tatjana und Alexander sehr ähnlich. Beide haben in ihrem Leben etwas sehr unterschiedlich Fruchtbares erlebt und versuchten, damit fertigzuwerden. Die Stärke von Tatjana hilft Alexander, mit seinem Schicksal umzugeben. Besonders gelungen ist dem Autor die Einbindung des Motiv des Kreuzes, welches nicht nur titelgebend ist: (Rote) Kreuze ziehen sich durch den ganzen Roman – sie kennzeichnen Gräber und Haustüren und stehen demnach nicht nur für den Tod, sondern auch gleichzeitig für die Erinnerung. Dabei handelt es sich nicht nur um die ganz persönliche Erinnerung von Tatjana, sondern auch um eine kollektive: Sasha Filipenko schreibt in Rote Kreuze ganz eindringlich gegen das Vergessen – bis heute wurde dieser Teil der Vergangenheit in keiner Art und Weise öffentlich aufgearbeitet, sondern wird bis heute verschwiegen.
Zunächst fiel es mir schwer, in den Roman reinzukommen: Sprachlich überzeugte mich der Roman erst wenig, da ich den Schreibstil als leicht flapsig und oberflächlich empfand. Mit der fortlaufenden Geschichte störte das jedoch immer weniger, da die das Spannende die Seiten nur so dahinfliegen lässt. Ein spannendes und unglaubliches Stück Zeitgeschichte!

Bewertung vom 17.02.2020
Je tiefer das Wasser
Apekina, Katya

Je tiefer das Wasser


gut

Übersteigerte Liebe, Besessenheit und Wahn
Nach dem Selbstmordversuch ihrer Mutter ziehen die beiden Teenager-Schwestern Edie und Mae zu ihrem Vater Dennis nach New York. Während Mae versucht, eine Beziehung zum verlorenen Vater wiederaufzubauen, will Edie einfach nur zurück zu ihrer Mutter Marianne nach New Orleans. Was als tragische Familiengeschichte beginnt, endet in einer Geschichte, die einen etwas ratlos zurücklässt.
Der Haupterzählstrang beschreibt die oben angerissenen Ereignisse im Jahr 1997 aus sehr vielen unterschiedlichen Perspektiven. Es kommen nicht nur Marianne, Dennis und die beiden Schwestern zu Wort, sondern auch eine Vielzahl an Freunden, Verwandten und Bekannten. Zwischendurch gibt es kurze Rückblicke, beispielsweise in Tagebuchform, die dem Leser die (toxische) Beziehung zwischen Dennis und Marianne aufzeigen, sodass der Leser einen sehr weit umfassenden Eindruck der gesamten Ereignisse bekommt.
Zentrale Themen in „Je tiefer das Wasser“ sind übersteigerte Liebe, Besessenheit und psychotischer Wahn. Während Edith nicht von ihrer Mutter lassen kann, versucht ihre Schwester Mae, den Vater für sich zu gewinnen und geht dabei sehr weit. Auch die Beziehung zwischen Marianne und Dennis, die in kurzen Rückblenden angerissen wird, scheint alles andere als gesund.
Auch wenn die wechselnden Perspektiven interessant sind und so dem Leser ganz unterschiedliche Blickwinkel der Ereignisse gezeigt werden, hat mich die Erzähltechnik nicht vollständig überzeigt. Die einzelnen Kapitel sind häufig sehr kurz (oftmals nur 1 bis 2 Seiten) und verhindern so, dass der Leser tief in die Geschichte eintauchen kann, weil er nach kurzem Lesen unterbrochen wird. Auch finde ich, dass viel zu viele Perspektiven gezeigt werden. Mae, Edie, Dennis, Marianne und eventuell noch Rose und Frank – mehr Ansichten hätte es meiner Ansicht nach nicht gebraucht, um die verschiedenen Seiten der Geschichte zu beleuchten. Gut gelungen finde ich hingegen die Einschübe in Form von Briefen, medizinischen Berichten und Gedichten.
Bereits in den ersten Seiten deutet sich die kommende Katastrophe an, der genaue Verlauf und insbesondere das Ende überraschen allerdings und haben mir gut gefallen. Allerdings fand ich die Geschichte als Gesamtes nicht völlig überzeugend. Viele Episoden fand ich überzogen und ins Absurde abdriften, wie beispielsweise die „Beziehung“ zwischen Mae und ihrem Vater im letzten Drittel des Romans. Oftmals hatte ich als Leser das Gefühl, dass die Autorin hier noch „einen draufsetzen“ wollte, etwas, was die doch sehr interessante Handlung nicht gebraucht hätte.

Bewertung vom 30.01.2020
Das Evangelium der Aale
Svensson, Patrik

Das Evangelium der Aale


sehr gut

Ein rätselhaftes Tier
In „Das Evangelium der Aale“ beschreibt der schwedische Journalist Patrik Svensson die Kindheitserinnerungen an seinen Vater und wie diese zusammen Aale angelten. Gleichzeitig verbindet er seine eigene Geschichte mit der des Aales, eines rätselhaften und unbekannten Tiers.
Lange habe ich keinen Roman mehr gelesen, der mir so viel beigebracht hat. Vor der Lektüre wusste ich so gut wie nichts über Aale. Das hat sich nun geändert, ist der Aal doch ein unglaublich faszinierendes Tier, das jedoch auch heute noch die Wissenschaft vor einige Rätsel stellt. Bereits vor über 2000 Jahren befasste sich Aristoteles mit dem mysteriösen Tier, es folgten Untersuchen durch die bekannten Psychologen Sigmund Freud und von vielen weiteren Wissenschaftler. Zwar gelang es, herauszufinden, wo der Aal sich fortpflanzt, viele weitere Aspekte seines Lebens sind jedoch weiterhin ungeklärt. Nicht nur die Geschichte des Aales selber ist unglaublich faszinierend, sondern auch wie es sein kann, dass der Mensch trotz seiner Fortschrittlichkeit immer noch so wenig weiß.
„Das Evangelium der Aale“ ist nicht nur sehr interessant zu lesen, sondern auch ziemlich traurig: Auch das Aussterben von Tieren – welches auch dem Aal droht, wird eindringlich thematisiert. Schuld ist (natürlich) der Mensch und sein Eingreifen in die Natur. Klimawandeln, Pestizide und Wasserkraftwerke bedrohen die Existenz dieses so faszinierenden Tieres, welches vermutlich seit Millionen Jahren auf der Erde lebt.
Die parallele Geschichte befasst sich mit den Kindheitserinnerungen des Ich-Erzählers, wie er gemeinsam mit seinem Vater Aale auf verschiedene Weise angelte. Der Vater ist ein stiller, in sich gekehrter Mann, der keine Gefühle zeigt. Das Angeln bringt die beiden jedoch näher aneinander und ist seine Art, seinem Sohn Zuneigung zu zeigen. Allerdings bleibt der Vater-Sohn-Erzählstrang sehr blass und wird recht unemotional erzählt. Über die Personen erfährt man nur wenig, es gibt keine Konflikte und sie bleiben alle namenlos. Stattdessen stehen hier Naturbeschreibungen und die Technik des Aalangelns im Vordergrund. Das ist sprachlich zwar sehr gelungen, jedoch wird hier Potential verschenkt. Ich hätte gerne mehr über die Beziehung von Vater und Sohn, das Familienleben oder andere Aspekte erfahren.
Patrik Svenssons Erstling ist ein sehr außergewöhnliches Buch, wobei ich hier eigentlich von dem Begriff Roman Abstand nehmen würde. Etwa zwei Drittel nimmt nämliche nicht die Vater-Sohn-Beziehung ein, sondern eben die Natur- und Kulturgeschichte des Aales. Hieran schließt sich auch ein weiterer kleiner Kritikpunkt an: Die Vorgehensweise, die Geschichte des Aales mit der eigenen zu verweben, ist zwar im Großen und Ganzen gelungen, jedoch sind die Handlungsstränge nicht ausgewogen: Die Vater-Sohn-Beziehung beeindruckt nur wenig und bleibt sehr oberflächlich.
Ich kann Patrik Svensson Erstling allen empfehlen, die gerne mal etwas anderes lesen möchten, sich für Wissenschaft interessieren und sich gerne weiterbilden möchten. Trotz kleiner Schwächen ist „Das Evangelium der Aale“ eine gelungene und faszinierende Mischung aus Roman, kulturwissenschaftlicher Abhandlung und Meeresbiologie.

Bewertung vom 15.01.2020
Knochengrab / Sayer Altair Bd.2
Cooper, Ellison

Knochengrab / Sayer Altair Bd.2


sehr gut

Der Neu-Einstieg ins Berufsleben für die lange verletzte FBI-Agentin Sayer Alstair beginnt relativ unspektakulär mit einem (auf den ersten Blick) Cold Case: In einem Grab wurden etwa 20 Jahre alte Knochen gefunden. Doch dann tauchen auch noch zwei frische Leichen auf und es gibt Vermisste…
„Knochengrab“ hat mich wirklich gut unterhalten. Der Krimi ist spannend und fesselt den Leser, sodass dieser unbedingt wissen will wie es weiter geht. Als Leser wird man sehr schnell in die Ereignisse mit reingezogen. Auch das Ermittlerteam – und insbesondere die Agentin Sayer – ist realistisch gezeichnet, nahbar und stimmig. Zwar sind mir nicht alle Protagonisten sympathisch, was sie jedoch wieder realitätsnaher macht. Die Atmosphäre im Wald und in der kleinen, einsamen Rangerstation ist bedrückend und düster und kommt entsprechend gut rüber. Auch sprachlich überzeugt der Krimi: Die Sprache ist gut gewählt und nicht so oberflächlich, wie man es von einigen anderen Kriminalromanen kennt.
Auch das Grundsetting von Knochenresten, Leichen und Vermissten stimmt an sich. Jedoch gesellen sich dieser Storylinie noch weitere Aspekte wie politische Debakel, ein Brandanschläge, eine neue Familienkonstellation und ein Psychopath hinzu, was dem Krimi etwas überladen macht. Etwas weniger Nebengeschichten hätten den Roman nicht weniger spannend gemacht.
Leider kann der Roman sein hohes Niveau nicht bis zum Schluss halten, das Ende enttäuscht dann doch ein wenig und ist – ohne spoilern zu wollen – doch etwas absurd und in meinen Augen unlogisch. Nichtsdestotrotz kann ich Knochengrab allen empfehlen, die gerne spannende Krimis mögen und die kein Problem mit kleinen Absurditäten haben. Perfekt für einen verregneten Nachmittag auf der Couch!
Ergänzend: Ich kenne den ersten Teil der Reihe rund um Sayer nicht und werde ihn auch nicht lesen, da im Roman selbst häufig spoilerhaft Bezug zu den Ereignissen aus „Todeskäfig“ genommen wird – beispielsweise warum es zu den Ermittlungen innerhalb des FBIs kam. Dennoch hatte ich nicht das Gefühl, dass mir wichtige Informationen über die Figuren fehlen, sodass man „Knochengrab“ auch unabhängig des anderen Buches lesen kann.

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