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Benutzername: Buchbesprechung
Wohnort: Bad Kissingen
Über mich: Ich bin freier Journalist und Buchblogger auf vielen Websites. Neben meiner Facebook-Gruppe "Bad Kissinger Bücherkabinett" (seit 2013) und meinem Facebook-Blog "Buchbesprechung" (seit 2018) habe ich eine wöchentliche Rubrik "Lesetipps" in der regionalen Saale-Zeitung (Auflage 12.000).
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Bewertungen

Insgesamt 258 Bewertungen
Bewertung vom 11.04.2021
Abels Auferstehung / Paul Stainer Bd.2
Ziebula, Thomas

Abels Auferstehung / Paul Stainer Bd.2


ausgezeichnet

REZENSION – Eine spannende und bei umfassendem historischen Informationsgehalt gut unterhaltende Lektüre sind die ersten zwei Bände der neuen Kriminalreihe von Thomas Ziebula (66) um den Leipziger Kriminalisten Paul Stainer im Jahr 1920, dessen zweiter Fall „Abels Auferstehung“ kürzlich im Wunderlich Verlag veröffentlicht wurde. Nur gut, dass zeitgleich der erste Band „Der rote Judas“ (2020) in Taschenbuchausgabe erschien, schließt doch der zweite Band in Handlung und Personen nahtlos an den ersten an. Liest man beide Bände auf einmal, verstärkt sich zweifellos die atmosphärische Wirkung.
Wir befinden uns in Leipzig zum Jahresanfang 1920, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs. Heimgekehrt von seiner „erholsamen Frankreichreise“, wie Paul Stainer seinen Fronteinsatz und die vierjährige Kriegsgefangenschaft in Frankreich zynisch nennt, wird der Ex-Kommissar als Leiter der Mordinspektion mit Beförderung zum Kriminalinspektor wieder in den Dienst der Kriminalpolizei aufgenommen. Es ist die turbulente Anfangszeit der noch ungefestigten Weimarer Republik, in der sich konservative, monarchistische Gruppen, allen voran die Schwarze Reichswehr, mit republikanischen Sozialisten und Kommunisten Straßenschlachten liefern, während Freikorpstruppen unter General Georg Maerker nur mühsam für Ordnung sorgen und die junge Republik schützen. Mit Vertretern beider Gruppierungen muss sich auch Sozialdemokrat Paul Stainer in der eigenen Dienststelle herumplagen.
Diese spannungsgeladene Situation bildet den Hintergrund jener Mordfälle, die Stainer in Ziebullas erster „historischen Erzählung“, wie er seine Krimis nennt, aufzuklären hat. Mit dem jungen Kommissar-Anwärter Junghans und dem ehrgeizigen Kommissar Heinze, beide ebenfalls Kriegsteilnehmer, kommt Stainer der „Operation Judas“, einer rechten Verschwörung, auf die Spur. Im zweiten Band „Abels Auferstehung“ stellt die Leiche eines Kriegsheimkehrers Stainer und Junghans vor ein scheinbar unlösbares Rätsel: Wurde Friedrich Sternberg, ehemals Mitglied einer jüdischen Studentenverbindung, von den radikalen Rechten ermordet? Dann wird auch noch ein deutscher Ex-Soldat bei Basel aus dem Rhein gezogen. Nicht nur Stainer interessiert sich für die Morde, sondern auch Marlene Wagner, junge Journalistin bei der liberalen Leipziger Volkszeitung.
In „Abels Auferstehung“ bilden zwangsläufig auch die politischen Spannungen, stärker aber die sozialen Alltagsprobleme in der unmittelbaren Nachkriegszeit den Rahmen der Erzählung: Während der Kriegsabwesenheit mussten die Frauen deren Arbeit verrichten. Nach Rückkehr der Männer wollen die „Granitköpfe in den Chefsesseln“ die Frauen – wie Kriegerwitwe Josephine König, erste Straßenbahnführerin Leipzigs – wieder „an ihre naturgegebenen Plätze, an Herd und Küchentisch“ zurückschicken.
Autor Thomas Ziebula, den man bisher eher als Jo Zybell und Verfasser mehrfach prämierter Fantasy- und SciFi-Romane kannte, hat mit dieser neuen historischen Krimireihe, deren erster Band auf der Shortlist für den Crime Cologne 2020 stand, einen guten Platz gefunden zwischen Alex Beer, deren Kriminalinspektor August Emmerich zur selben Nachkriegszeit in Wien sich mit ähnlichen Problemen herumschlagen muss, und Volker Kutscher, dessen Kommissar Gereon Rath in Berlin erst in den Endjahren der Weimarer Republik ab 1929 ermittelt. Ziebulas Krimireihe garantiert Spannung und macht dank gewissenhafter Recherche in den Archiven ein Kapitel deutscher Geschichte wieder lebendig. Auf den dritten Band um Kriminalinspektor Paul Stainer, der nach Verlagsauskunft im Januar 2022 erscheinen soll, dürfen wir uns freuen.

Bewertung vom 01.04.2021
Teufelsberg / Kommissar Wolf Heller Bd.2
Kellerhoff, Lutz Wilhelm;Kellerhoff, Lutz W.

Teufelsberg / Kommissar Wolf Heller Bd.2


sehr gut

REZENSION – Ein gewagter Spagat zwischen historischem Tatsachen- und spannendem Unterhaltungsroman ist dem unter dem Pseudonym Lutz Wilhelm Kellerhoff schreibenden Autoren-Trio mit „Teufelsberg“ gelungen, dem zweiten Band um den jungen Berliner Kommissar Wolf Heller, im März im Ullstein Verlag erschienen. Die Handlung ist in den Monaten Juli bis November 1969 in Berlin angesiedelt. Es ist die Zeit gesellschaftlichen Umbruchs und Kalten Kriegs, in der die geteilte Stadt im Mittelpunkt politischer Spannungen zwischen Ost und West steht. Es ist die Zeit der Auseinandersetzung zwischen der Kriegs- und der Nachkriegsgeneration, die Zeit der Studentenunruhen und der zunehmenden Radikalisierung der Linken, die Vorstufe zum Terror der Roten Armee Fraktion. Im brodelnden Schmelztiegel Berlin treffen junge sozialistische Revolutionäre auf alte Spießbürger, die bei aller Gegensätzlichkeit im Antisemitismus ideologisch verbunden sind, kritisiert doch die extreme Linke den Staat Israel „wegen der faschistischen Gräueltaten gegen die palästinensischen Araber“ als „die neuen Nazis“.
Der Roman beginnt im Juli 1969 mit der Ermordung der Jüdin Rebecca Hirsch, Ehefrau des Berliner Richters Joachim Hirsch, der schon Morddrohungen radikaler Linker um Dieter Kunzelmann, Gründer der berühmt-berüchtigten Kommune 1, erhalten hat. War der Mord an Rebecca nun politisch und antisemitisch motiviert oder war sie ein weiteres Opfer jenes Serienmörders, der zuvor schon drei Frauen gleichen Alters umgebracht hatte? Kommissar Wolf Heller beginnt zu ermitteln. Gleichzeitig versucht die Amerikanerin Louise Mackenzie, Nichte der Ermordeten, die zeitweilig in der Kommune 1 lebt, nicht nur den Mord an ihrer Tante, sondern auch ein Familiengeheimnis aufzudecken. Im Zuge der Ermittlungen bekommt der Kommissar schließlich Hinweise auf ein geplantes Attentat auf die jüdische Gemeinde, das es zu verhindern gilt: „In Deutschland sterben 25 Jahre nach Auschwitz keine Juden.“
„Teufelsberg“ ist mehr als ein spannender Unterhaltungsroman. Das wird spätestens dann offensichtlich, sobald man sich mit den drei Autoren beschäftigt, die das Pseudonym Lutz Wilhelm Kellerhoff vereint. Martin Lutz (51), Journalist im Investigativ-Team der "Welt-Gruppe", ist beruflich auf das Thema Innere Sicherheit und Kriminalität spezialisiert. Schriftsteller Uwe Wilhelm (64) ist Drehbuch-Autor bekannter TV-Krimis und Verfasser einiger Kriminalromane – zuletzt „Die Frau mit den zwei Gesichtern“ (2020). Der dritte und für diesen Roman wohl wichtigste des Trios ist der Historiker Sven Felix Kellerhoff (50), der sich bereits in vielen Sachbüchern – zuletzt „Eine kurze Geschichte der RAF“ (2020) – mit der jüngeren Geschichte Deutschlands beschäftigt hat.
Kennt man die fachlichen Hintergründe des Autoren-Trios, wird bei der Lektüre offensichtlich, wie jeder sein Spezialgebiet in den Krimi eingebracht hat. Die gesellschaftliche und politische Gesamtsituation wird im Roman gut recherchiert aufgezeigt und auch für Nachgeborene nachvollziehbar, historisch sachlich und doch recht lebendig und durchaus unterhaltsam geschildert. Die verschiedenen Handlungsstränge – das Leben und ideologische Denken der Kommunarden, die Situation jüdischer Mitbürger im Nachkriegsdeutschland, die schwierige Zusammenarbeit von Kripo und Staatsschutz in Berlin bei der Bekämpfung linken Terrors, die Unterwanderung und Agitation durch den sowjetischen Geheimdienst KGB – werden gekonnt zusammengeführt, so dass „Teufelsberg“ letztlich wie aus einer Hand wirkt. Nur beim finalen Showdown zwischen Kommissar Heller und seinem russischen Gegner hat Drehbuch-Autor Uwe Wilhelm leider allzu filmreif übertrieben.

Bewertung vom 27.03.2021
Kronsnest
Knöppler, Florian

Kronsnest


sehr gut

REZENSION – Eigentlich geschieht nicht sonderlich viel in „Kronsnest“, dem atmosphärisch und stilistisch eindrucksvollen Romandebüt von Florian Knöppler (55), das der Pendragon Verlag im Februar veröffentlichte. Doch selbst das Wenige weiß der gelernte Journalist in eindringlicher Erzählweise spannend wirken zu lassen. Die weltweite Agrarkrise der Jahre 1927/1928 mit ihren wirtschaftlichen Auswirkungen und die sich andeutende Radikalisierung der Weimarer Politik sind die dunklen Wolken über diesem gleichnamigen holsteinischen Dörfchen nahe Elmshorn an der Krückau, einem Zufluss der Elbe. Wirtschaftlicher Niedergang bestimmt den bedrückenden und arbeitsreichen Alltag der dort lebenden Kleinbauern und Handwerker. Wir erleben den Jahresverlauf aus Sicht einiger Jugendlicher im Wandel von Schülern zu Erwachsenen – allen voran Hannes, Sohn und Erbe eines gewalttätigen, vom Weltkriegseinsatz gezeichneten Kleinbauern.
In der Dorfschule wird der 15-Jährige oft von Mitschülern gemobbt, nachmittags schuftet er auf dem ärmlichen Hof, den er einmal vom Vater übernehmen soll. Doch wie wohl alle Alterskameraden träumen er und sein Freund Thies vom Auswandern nach Amerika – irgendwann, wenn sie erwachsen sind. Doch im Grunde weiß Hannes genau, dass sein Schicksal in Kronsnest vorbestimmt ist. Von seinem Vater, dem er es nie recht machen kann, hat er das bäuerliche Handwerk inzwischen gut gelernt und beginnt, eigenständig auf dem Hof zu arbeiten. Doch charakterlich gleicht er seiner Mutter, ist ein sensibler und intelligenter Junge, gutmütig und hilfsbereit. Einen Ausgleich zur Landwirtschaft, eine Zuflucht in eine bessere Welt findet er in Büchern und bei Mara, der Tochter des Großbauern von Heesen.
Nach seinem Hauptschulabschluss muss Hannes – der Vater ist gestorben – den Hof allein führen. Von der Politik hält er sich fern, obwohl dadurch die Freundschaft mit Thies zerbricht, der sich den Nazis anschließt, die sich in Holstein stark ausbreiten. Ein anderer Kumpel, Hobe, der als Knecht arbeitet, ist bei den Kommunisten, die sich mit den Braunhemden, obwohl einstige Schulkameraden, jetzt Straßenschlachten liefern.
Die wachsende Konfrontation zwischen Braun und Rot, die letztlich zum Untergang der Weimarer Republik führen wird, deutet Knöppler in seinem Roman nur an. Wichtiger sind ihm die psychischen Auswirkungen der sich verändernden Welt auf seine Protagonisten. Da ist der Großbauer von Heesen, der als gelernter Kaufmann nichts von Landwirtschaft versteht und jetzt bankrott geht. Er gibt nicht nur den Hof, sondern sich selbst auf, zumal er Opfer von Nazi-Angriffen wird. Seine Tochter Mara, eigentlich lebenslustig und voller Phantasie, verfällt immer öfter in Depression. Hannes zieht sich immer mehr in die innere Emigration zurück und muss nach dem Tod des Vaters jetzt um seine Mutter fürchten, die an Selbstmord denkt. Freundschaften und Liebschaften unter den jungen Leuten zerbrechen, weil sie dem Druck von außen nicht standhalten können.
In seiner atmosphärischen Dichte – tief dringen wir in die Gefühls- und Gedankenwelt der Hauptfiguren ein – gleicht „Kronsnest“ einem Psycho-Roman: Wir leben, lieben und leiden mit Hannes, Mara und anderen. Die klare, schnörkellose und unaufgeregte Erzählweise des Autors, der selbst in einem solchen holsteinischen Dorf lebt, macht alles realistischer und dadurch noch wirkungsvoller. Trotz vieler Detailbeschreibungen des von der Weltpolitik gebeutelten kleinbäuerlichen Lebens im Krisenjahr 1928 bleibt es an anderen Stellen im Roman bei Andeutungen, die uns Lesern Raum bieten, gedanklich in das Gelesene tiefer einzudringen. „Kronsnest“ ist ein beeindruckendes, berührendes, nachwirkendes Debüt und weit mehr als ein historischer Heimatroman.

Bewertung vom 14.03.2021
Der Solist
Seghers, Jan

Der Solist


gut

REZENSION – Mit seinem neuen Krimi „Der Solist“, im Januar beim Rowohlt Verlag erschienen, startet Jan Seghers (63) eine neue Buchreihe um den nach Berlin versetzten BKA-Ermittler Neuhaus. Seghers kennt man durch die seine „Robert Marthaler“-Krimis. Dass der „Solist“ Neuhaus keinen Vornamen hat, ist nicht der einzige Unterschied zum Frankfurter Kommissar.
Im Auftaktroman „Der Solist“ geht es um tagesaktuelle Themen wie islamistischer Terror in Deutschland, Ausländerhass, Rechtsextremismus und ihm nahestehende Parteien, für die bei Seghers „Die Aufrechten“ stehen. Die Handlung setzt im September 2017 ein, nur wenige Monate nach dem Terroranschlag von Anis Amri auf dem Berliner Breitscheidplatz (19. Dezember). Als ein jüdischer Aktivist offensichtlich Opfer eines islamistischen Kommandos Anis Amri geworden ist, tritt die kürzlich gegründete Terrorabwehreinheit SETA unter Leitung von Günther Jeschke in Aktion. BKA-Ermittler Neuhaus, der dieser Elite-Einheit zugeteilt ist, arbeitet allerdings selbstständig und ist ausschließlich dem BKA-Präsidenten verantwortlich. Unterstützt wird er von der jungen deutsch-türkischen Kollegin Suna-Marie, einer waschechten Berlinerin. Kaum hat Neuhaus seine Ermittlungen aufgenommen, gibt es ein zweites Mordopfer des Amri-Kommandos – eine bekannte muslimische Anwältin.
Positiv anzumerken ist, dass das Buch schnörkellos geschrieben ist. Die Handlung geht in raschem Tempo voran. Der Roman liest sich deshalb leicht, ist auch spannend, verliert aber noch vor dem Ende an Dramatik. Das Buch ist eine willkommene Feierabend-Lektüre. Doch leider überwiegen die negativen Punkte: Vor allem die personelle Zusammenstellung dämpfte bald meine zunächst abwartende Begeisterung beim Lesen. Den einsamen, eigenbrödlerischen Kommissar und dessen junge engagierte Kollegin kenne ich ebenso wie den findigen Computer-Nerd Naresh Khan, in Deutschland geborener Sohn von Einwanderern, der später zum Team hinzustößt, kenne ich nur zu gut aus den ebenfalls in Berlin spielenden und aktuelle Themen aufgreifende „Eugen de Bodt“-Thrillern von Christian von Ditfurth, die literarisch aber auf einem viel höheren Niveau angesiedelt sind.
Störend empfand ich auch, dass im Gegensatz zur Kollegin Suna-Marie, die vom Autor interessant, sympathisch und vielschichtig charakterisiert wird, der eigentliche Protagonist Neuhaus noch ziemlich „blass“ daherkommt. Vielleicht will der Autor seine Hauptfigur erst in den Folgebänden aufbauen? Enttäuscht hat mich dann aber schließlich eine Schlüsselszene, da durch sie ziemlich frühzeitig deutlich wurde, wer hinter den Berliner Mordanschlägen steckt.
Im Gegensatz zu anderen Rezensenten, die den Roman als einen spannenden Auftakt einer neuen Krimi-Reihe loben, kann ich mich diesem Urteil überhaupt nicht anschließen. Ich finde den Roman recht einfach, ohne großen literarischen Anspruch und „mit der heißen Nadel gestrickt“. Es scheint, als wollte der Autor die oben genannten Themen – vor allem eines, das ich hier bewusst ausgelassen habe – schnell noch verarbeiten, solange sie aktuell sind. Ob sich eine Buchreihe wirklich lohnt, muss Jan Seghers noch beweisen.

Bewertung vom 13.03.2021
Das Verschwinden der Erde
Phillips, Julia

Das Verschwinden der Erde


sehr gut

REZENSION – Nach mehrjähriger Arbeit an ihrem Debüt überraschte die Amerikanerin Julia Phillips (32) den US-Buchmarkt mit einem erstaunlichen Roman, der 2019 verdient in die Shortlist zum National Book Award kam, von der New York Times zu einem der zehn besten Romane des Jahres gekürt wurde und jetzt als „Das Verschwinden der Erde“ in deutscher Übersetzung im dtv-Verlag erschien. In einer in Episoden aufgebauten Handlung verarbeitete die Journalistin ihre Eindrücke, die sie in ihrem Forschungsjahr 2011/2012 und während eines zweiten Aufenthalts 2015 auf der Halbinsel Kamtschatka am äußersten Rand Russlands sammelte. Das Eindrucksvollste an ihrem Romandebüt ist die authentische Darstellung alltäglichen Lebens und so unterschiedlicher Gefühle der aus indigenen Volksangehörigen Nordostasiens und europäischen Russen zusammengewürfelten Einwohnerschaft einer selbst für Westrussen weit entfernten Region zu zeichnen.
Ausgangspunkt und Rahmen des Romans ist Entführung der Schwestern Aljona (12) und Sofija (8) in Petropawlowsk, der grauen, von sowjetischer Plattenbauweise geprägten Haupt- und Hafenstadt Kamtschatkas, zugleich Sitz wissenschaftlicher Einrichtungen zur Ozeanforschung, Fischereiwirtschaft und Vulkanologie. Trotz Einsatz der Polizei und eines Großaufgebots aus Einwohnern werden die Mädchen nicht gefunden. Später erfahren wir, dass drei Jahre zuvor in Esso, einem Dorf im Landesinneren mit überwiegend indigener Bevölkerung, die Jugendliche Lilja verschwand, wobei unklar bleibt, ob sie nicht nur dem tristen Dorfleben entflohen ist.
In einem wegen ständig wechselnder Personen nur anfangs irritierenden Konstrukt aus 13 Episoden lernen wir nach und nach jene Menschen kennen, die direkt oder indirekt vom Verschwinden der Mädchen betroffen sind. Durch Schilderung der sich unterscheidenden, jeweils subjektiven Sicht der wechselnden Protagonistinnen auf den Entführungsfall und die heutige gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Situation des Landes gelingt es der Autorin eindrucksvoll, die Vielschichtigkeit Kamtschatkas drei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu beschreiben, sondern uns zugleich einen Einblick in die Gegensätzlichkeit zwischen großstädtischem, russisch geprägtem Leben und dem Leben der Ureinwohner im Landesinneren Kamtschatkas, zwischen billigem Plattenbau und naturbelassener Wildnis im Landesinneren der Halbinsel aufzuzeigen. Wir erfahren von Konflikten zwischen den Alten, die im Zusammenbruch der Sowjetunion noch immer ein großes Unglück sehen und Angst vor Neuem haben, und den Jungen, die ihre neue Freiheit auskosten und hinaus in die weite Welt wollen. Erwähnt werden auch die vielen Schwachpunkte wie die Korruption im Beamtenapparat, die wirtschaftliche Misere oder die russische Intervention in der Ukraine. Wir lesen auch von gegenseitigem Misstrauen, sogar Rassismus zwischen der „weißen“ Bevölkerungsmehrheit der Russen und den indigenen Bevölkerungsgruppen wie den Ewenen.
Mit seinem episodenhaften Aufbau und den verschiedenen Sichtweisen wechselnder Protagonisten vermittelt uns die Autorin in einfühlsamer, aber klarer Sprache, verpackt in einer kurzweiligen Handlung, ein umfassendes und informatives Bild eines für deutsche Leser noch unbekannten russischen Landesteils, dessen größtenteils als Naturpark ausgewiesene Vulkanregion im Jahr 1996 von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt wurde. Genau dies macht den Roman so interessant und lesenswert.

Bewertung vom 06.03.2021
Der Zirkus von Girifalco
Dara, Domenico

Der Zirkus von Girifalco


sehr gut

REZENSION – Nach dem Überraschungserfolg des in Italien mehrfach prämierten Romandebüts „Der Postbote von Girifalco“ (2019) von Domenico Dara (50) war das Erscheinen seines zweiten Romans „Der Zirkus von Girifalco“, dessen gelungene Übersetzung von Anja Mehrmann der Kiwi-Verlag jetzt veröffentlichte, wenig überraschend. Wieder tauchen wir in dieses kalabrische Provinzdorf am Südzipfel Italiens ein, „diesen gottverlassenen Punkt auf der Landkarte des Universums“, wo man nur zwei Winde aus West und Ost kennt und dessen eintöniges Alltagsleben sich zwischen der Nervenheilanstalt im Norden und dem Friedhof im Süden abspielt.
Es ist Hochsommer in Girifalco und die Vorfreude auf das Fest zu Ehren des Patronatsheiligen San Rocco ist spürbar. Doch noch geht alles seinen gewohnten Gang, den der Stoiker Archidemu mit der unabänderlichen Bahn der Planeten vergleicht, bis Ungewöhnliches geschieht: Ein Zirkus, von seiner eigentlichen Reiseroute abgekommen, hat sich nach Girifalco verirrt und schlägt sein Zelt auf dem Festplatz auf. In der nun einsetzenden Handlung erleben wir nicht nur die Artisten in der Zirkuskuppel. Durch deren unerwartetes Erscheinen wird auch das Leben der Dörfler aus der üblichen Bahn geworfen. Wir erleben einen Jahrmarkt der Eitelkeiten und Bosheiten, treffen auf Menschen mit Abnormitäten, organischen und psychischen Verletzungen. Wir lernen Charaktere kennen, deren Nöte und Ängste, Wünsche und Träume uns der Autor in fast poetischer Sprache anrührend beschreibt, einfühlsam von Anja Mehrmann ins Deutsche übertragen.
So hat Archidemu nie verwunden, dass sein jüngerer Bruder als Kind unter seiner Aufsicht verschwand. Ihn hofft er in dem Jongleur wiedergefunden zu haben, denn der Verschwundene, so glaubt er als Himmelsbeobachter, muss doch irgendwann auf der Planetenbahn des Lebens wieder an seinen Ursprungsort zurück. Die verbitterte Mararosa, der einst der Bräutigam Sarvatùra verwehrt wurde und der dann die junge Rorò heiratete, hofft nach deren frühen Unfalltod auf eine neue Chance beim Witwer. Schneider Don Venanzìu, der mit seiner strotzenden Manneskraft alle Frauen des Ortes glücklich machte, muss plötzlich feststellen, dass auch er inzwischen älter geworden ist.
Domenico Dara setzt die Kapitel der Handlung aus jeweils wechselnder, subjektiver Sicht dieser und anderer Protagonisten zusammen, zu denen auch der Schmied Caracantulu gehört, der seine einst durch Unachtsamkeit zerschmetterte Hand vor den anderen im Handschuh verbirgt, ebenso wie der Dorftrottel Lulù, der noch immer auf die Rückkehr seiner längst verstorbenen Mutter wartet, oder der nicht nur durch seinen Blondschopf auffällige Angeliaddu, als unehelicher Sohn einer Zugereisten ein Außenseiter.
Dem Autor, der selbst in Girifalco aufwuchs, gelingt es trotz einiger Textstellen, in denen er allzu sehr ins Philosophische abdriftet, in seinem Roman dieses kleine kalabrische Dorf und das Leben seiner Einwohner mit all ihren Hoffnungen und Sehnsüchten authentisch und atmosphärisch dicht zu schildern. Wir erleben Menschen einer Welt – so formuliert es der Stoiker Archidemu im Roman –, die aus dem Weltall betrachtet nur „eine Murmel [ist], die sich immer auf dieselbe Weise drehte“ und deren Bewohner „nichts und wieder nichts“ sind „wie die Mücke, die wir auf unserem Arm zerquetschen“. Und doch nimmt sich jeder Einzelne in Girifalco wichtig und sieht sich als Mittelpunkt im irdischen Zirkus des Lebens wie die Sonne, um die alle anderen Gestirne kreisen.

Bewertung vom 21.02.2021
Die Geschichte eines Lügners
Boyne, John

Die Geschichte eines Lügners


sehr gut

REZENSION – Erst mit dreijähriger Verspätung erschien im Januar beim Piper Verlag mit „Maurice Swift. Die Geschichte eines Lügners“ der neue Roman des Bestseller-Autors John Boyne (49), der vor 15 Jahren mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“ international bekannt wurde. Diese mehrjährige Verzögerung ist bedauerlich, denn mit „Maurice Swift“ ist dem irischen Schriftsteller nach „Cyrill Avery“ (2018) erneut ein lesenswerter Roman gelungen, der nicht nur, aber vor allem Freunden des Literaturbetriebs gefallen dürfte, handelt er doch von einem gnadenlos ehrgeizigen, zeitweilig erfolgreichen, wenn auch menschlich zu verachtenden Schriftsteller und dem Wettbewerb unter Literaten.
Wir lernen den jungen Briten Maurice Swift als Aushilfskellner in einer West-Berliner Hotelbar kennen und begleiten ihn dann abschnittsweise auf seinem privaten wie beruflichen Lebensweg bis ins Alter. Swift ist seit Jugendtagen ein kaltherzig berechnender Mensch, der in grenzenlosem Ehrgeiz, ein erfolgreicher Autor zu werden, skrupellos alle Mittel bis hin zur Prostitution des eigenen Körpers einsetzt, sofern ihn dies seinem Ziel näherbringt. „Es gibt Menschen, die für den eigenen Vorteil alles und jeden opfern“, heißt es über ihn.
Swift ist zwar ein ausgezeichneter Schreiber, nur für Romane fehlen ihm die nötigen Ideen. Da es ihm an eigener Kreativität fehlt, setzt er seinen Charme sowie die Attraktivität und Wirkung seines Körpers auf Männer wie auf Frauen ein: „Ich begriff, welche Macht mir das gab. Eine Macht, aus der sich immer leicht Kapital schlagen ließ.“ Diese homoerotischen Abhängigkeiten berühmterer Autoren zu ihm nutzt Swift schamlos für seinen beruflichen Fortgang aus. Er stiehlt skrupellos die Handlungsideen anderer für eigene Romane, selbst wenn er deren Karriere oder gar Leben vernichtet. Daran hält er auch später als Herausgeber eines Literatur-Magazins und Lektor angehender Autoren fest: „Zu Hause warten 20 Erzählungen auf mich, die ich lesen muss. ... Ich will schließlich wissen, wovon mein nächster Roman handelt.“
Kaum jemand durchschaut das betrügerische und verlogene Vorgehen des einst mit einem Literaturpreis ausgezeichneten, inzwischen von einer nächsten Autoren-Generation verdrängten Autors. Nur der Literaturstudent Theo Field, der eine Biografie über Swift schreiben will, scheint etwas zu ahnen: „Die Bandbreite Ihres Schreibens ist … so außergewöhnlich, und es ist kaum zu glauben, dass all das aus der Feder eines einzigen Menschen stammt.“
Nach genau diesem Konzept seines Protagonisten Maurice Swift fügt auch Autor John Boyne die Abschnitte seines Romans wie die Sammlung gestohlener Ideen anderer Autoren - sogar mit wechselnden Erzählern - zu einer schlüssigen Handlung zusammen. Der Piper Verlag verstärkt dieses dramaturgische Konzept noch optisch, indem er - eine großartige Idee! - in seiner deutschsprachigen Ausgabe den Autorennamen John Boynes sogar durchstreicht und durch Maurice Swift ersetzt, als habe er auch diese Roman-Idee gestohlen.
Kritisch anzumerken ist, dass Maurice Swift von Beginn an als rücksichtsloser Ehrgeizling zwar nicht uninteressant, aber doch zu einseitig angelegt ist, weshalb der Ausgang der einzelnen Episoden schon bald zu durchschauen ist und kaum noch überrascht. Interessanter sind dagegen die anderen Protagonisten des Romans wie die Schriftsteller Erich Ackermann und Dash Hardy in ihrer bemitleidenswerten homoerotischen Abhängigkeit, die beide später nutzlos geworden von Swift fallengelassen werden, der bereits legendäre (reale) Schriftsteller Gore Vidal (1925-2012), der vom Leben abgeklärt als einziger den egozentrischen Schriftsteller durchschaut, oder Swifts junge Ehefrau Edith, die als literarische Debütantin wesentlich talentierter als ihr Ehemann ist. Diese Figuren sind es vor allem, die „Maurice Swift. Die Geschichte eines Lügners“ zu einem empfehlenswerten Roman machen.

Bewertung vom 17.02.2021
Orangen für Dostojewskij
Dangl, Michael

Orangen für Dostojewskij


ausgezeichnet

REZENSION – Was wäre wenn? Diese Frage stellt sich Michael Dangl (53) in seinem im Januar beim Braumüller Verlag veröffentlichten Roman „Orangen für Dostojewskij“. Der österreichische Schriftsteller erzählt von einer fiktiven Begegnung des noch unbekannten russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewskij (1821-1881) mit dem weltberühmten italienischen Komponisten Gioachino Rossini (1792-1868). Hatte Dangl uns Leser vor sechs Jahren mit seinem Bestseller „Grado abseits der Pfade“ an das äußerste Ende des Golfs von Venedig entführt, wandelt er diesmal mit uns und dem 40-jährigen Dostojewskij, der tatsächlich im Jahr 1862 seine zweimonatige Europa-Reise mit einem fünftägigen Aufenthalt in Venedig abschloss, durch die Straßen, Restaurants und Sehenswürdigkeiten der Lagunenstadt.
In einem dieser Restaurants wird er eines Abends unversehens von einem schwergewichtigen, älteren Mann zu dessen Festgesellschaft eingeladen, der sich ihm bald als Gioachino Rossini, der von ihm verehrte „Held seiner Jugend“, zu erkennen gibt. Dostojewskij, nach zehnjähriger Haft und Verbannung in Sibirien zur Erholung und literarischer Anregung im westlichen Europa, leidet unter Schwermut und kann sich der Faszination der Lagunenstadt, von deren Besuch er seit Kindheitsjahren träumte, und ihrer Leichtigkeit nicht recht erschließen. Doch dem 30 Jahre älteren „barocken Genussmenschen“ Rossini gelingt es, in den folgenden Tagen den zudem von beruflicher und privater Krise geplagten Russen mit mediterraner Lebensfreude zu verzaubern.
„Begegnen hätten sich die beiden in Venedig können und ihrer jeweiligen Natur gemäß hätte sich dann ihre Beziehung ... so entwickelt“, schreibt der Autor im Klappentext seines auf vielerlei Art faszinierenden Romans. In formvollendeter Sprache, wie man sie in modernen Texten heute nur selten findet, entwickelt Dangl atmosphärische Szenen, die je nach Protagonist zwischen Rausch und Nüchternheit schwanken. Zugleich lässt er seine beiden charakterlich so gegensätzlichen Künstler förmlich aufeinander prallen, und es fasziniert, als Leser mitzuerleben, wie sie sich erst langsam in ihren Gesprächen einander öffnen.
Der sonst so verschlossene Dostojewskij erzählt seine tragische Lebensgeschichte, lässt sich aber durch Rossini allmählich zur Leichtigkeit verführen, verliebt sich sogar in eine junge Schauspielerin - und doch alles nur mit schlechtem Gewissen: „Wie leicht es sich hier leben ließe. Aber waren das nicht unvereinbare Begriffe, 'leben' und 'leicht'? Ein Paradox?“ Auch Rossini zeigt sein wahres Ich. Der von der Öffentlichkeit umjubelte Weltstar lässt erkennen, dass seine Fröhlichkeit nur aufgesetzt ist. Der vermeintliche „Lebemann“ leidet unter Einsamkeit, an Gonorrhoe und manischer Depression. Mitten in seinen Klavierkonzerten habe er begonnen zu weinen. „Ich habe daran gedacht, mich selbst zu töten.“ So ist es am Ende der ernsthafte, 30 Jahre jüngere Russe, der dem lebensfroh scheinenden Italiener empfiehlt, statt der leichten Opera buffa als letztes Werk seines Künstlerlebens doch ein geistliches Musikstück zu schreiben.
Diese intimen, intellektuell und philosophisch großartigen Gespräche zwischen dem Schriftsteller, der vor dem Beginn seiner Weltkarriere steht, und dem weltberühmten Komponisten, der seines Weltruhms leid ist, sind es vor allem, die, in Dangls wohlklingendem Sprachstil formuliert, seinen neuen Roman zu etwas Besonderem machen. „Orangen für Dostojewskij“ wird nicht nur die Liebhaber klassischer Literatur oder Musik erfreuen, sondern ist als preiswürdiger Roman allen Freunden anspruchsvollerer Belletristik zur Lektüre empfohlen.

Bewertung vom 13.02.2021
Die Rezepte meines Vaters
Durand, Jacky

Die Rezepte meines Vaters


ausgezeichnet

REZENSION – Nur 180 Seiten lang, doch psychologisch tiefgehend ist die anrührende und warmherzige Geschichte von Julien und seinem Vater Henri, Koch und Eigentümer des kleinen Bistros „Le Relais fleuri“an einem Bahnhofsvorplatz im Osten Frankreichs, die der französische Journalist und Gastrokritiker Jacky Durand in seinem im November beim Kindler-Verlag erschienenen Romandebüt „Die Rezepte meines Vaters“ erzählt. Der im Original vielleicht missverständliche Titel „Le cahier de recettes“ (Das Rezeptbuch) wurde schon bald in „Les recettes de la vie“ (Die Rezepte des Lebens) geändert. Denn die Kochkunst des Vaters steht in diesem schmalen Buch, das in Frankreich schnell zum Bestseller und in fast 20 Sprachen übersetzt wurde, als Gleichnis für dessen Art, ohne ausreichende Schulbildung und deshalb eher ohne „Rezepte“ sein Leben meistern zu müssen, verbunden mit der sich daraus ergebenden Unfähigkeit, seinem Sohn auf dessen Weg zum Erwachsenen die von diesem sehnsüchtig erhoffte Hilfestellung, die Rezepte des Lebens, weitergeben zu können.
Julien, der inzwischen als Erwachsener gegen den ursprünglichen Willen des Vaters doch dessen Bistro weiterführt, sitzt in einem Hospiz an Henris Sterbebett, der seit drei Wochen im Koma liegt. In liebevollem Monolog spricht er mit seinem Vater über wichtige Stationen seines Lebens und seiner Entwicklung vom kleinen Jungen zum erwachsenen Mann. Wir erfahren, wie der aus dem Algerienkrieg (1954-1962) heimgekehrte Henri einst gemeinsam mit seinem Kriegskameraden Lucien, der ihm seitdem als Küchenhilfe dient, recht spontan das Bistro übernahm und vom gelernten Bäcker zum Koch wurde. Julien erinnert an Hélène, für ihn eine liebende Mutter, die aber, als er erst neun Jahre alt war, den Vater verließ, ohne sich jemals wieder gemeldet zu haben. Seitdem ist der Junge allein auf sich gestellt, denn der in seiner Einsamkeit verbitterte Henri kümmert sich nur um seine Küche, ist aber unfähig, seinem Sohn die benötigte Zuwendung zu geben. Nur Luciens Bruder Gaby und dessen Lebensgefährtin Maria schenken dem Heranwachsenden die vermisste elterliche Liebe.
Während dieser Jahre sucht Julien nach dem verschwundenen Rezeptbuch, in das nicht er selbst, sondern Hélène einst die Rezepte seines Vaters aufgezeichnet hatte. Nicht nur, dass Henri ohne ausreichende Schulbildung das Schreiben und Lesen schwerfiel. Er wollte vor allem nicht die deutliche Begeisterung seines Sohnes für den Beruf des Kochs mit dem Rezeptbuch noch fördern. Für den Sohn hatte er ganz andere Ziele: „Ich war gezwungen, mit den Händen zu arbeiten. Du hast die Chance, etwas zu lernen.“ Doch gerade diese Verweigerung des Vaters, die sich auch in Gefühlskälte dem Sohn gegenüber zum Ausdruck kam, bestärkte den Sohn, gerade das Gegenteil dessen zu tun. „Komplimente sind nicht deine Sache, es geht nur auf dem Umweg über die anderen. Aber das alles bestärkt mich in meinem Entschluss. Ich werde eine Ausbildung zum Koch anfangen.“
Der Roman „Die Rezepte meines Vaters“ ist, wie kaum anders zu erwarten, auch eine Liebeserklärung an die Kochkunst. So wundert es kaum, dass der in Frankreich als Gastrokritiker langjährig bekannte Autor seiner Erzählung noch einige typische Rezepte französischer Küche angehängt hat. Doch dieser empfehlenswerte Roman ist viel mehr, als es der Titel vermuten lässt, weshalb auch die im Französischen erst nachträglich vorgenommene Änderung in „Les recettes de la vie“ nur folgerichtig ist. Denn es ist ein psychologisch tiefgehender, berührender Entwicklungsroman über die Sehnsucht eines Jungen nach Liebe und Anerkennung, über das Verhältnis eines Heranwachsenden zu seinem in wichtigen Fragen des Lebens intellektuell überforderten Vater, dem er erst als Erwachsener verständnisvoll verzeihen kann.

Bewertung vom 07.02.2021
Lange Nacht / Darktown Bd.3
Mullen, Thomas

Lange Nacht / Darktown Bd.3


ausgezeichnet

REZENSION – Schon im achten Jahr verrichtet die 1948 gegründete Einheit der Negro-Polizisten ihren nächtlichen Streifendienst in „Darktown“, dem so von den Weißen respektlos genannten Wohnviertel der Schwarzen in der Südstaaten-Metropole Atlanta (Georgia), zugleich Titel der faszinierenden und spannenden Romantrilogie des in Atlanta lebenden Schriftstellers Thomas Mullen (47). Hauptfigur seines dritten Bandes „Lange Nacht“, im November vom DuMont Buchverlag auf Deutsch veröffentlicht, ist Ex-Cop Tommy Smith, inzwischen Reporter bei der führenden schwarzen Tageszeitung des Verlegers Arthur Bishop. Der Roman spielt im Jahr 1956, als im Nachbarstaat Alabama der durch Rosa Parks ausgelöste Busboykott der Schwarzen in Montgomery läuft, der junge Martin Luther King zum Anführer einer wachsenden Bürgerrechtsbewegung wird, alle bisher den Weißen vorbehaltenen Schulen gesetzlich verpflichtet sind, auch farbige Schüler aufzunehmen, und weiße Südstaatler sich aus Protest dagegen im White Citizens Council organisieren.
In dieser Atmosphäre sich verschärfender Rassenkonflikte wird Verleger Arthur Bishop in seinem Büro erschossen. Reporter Tommy Smith findet den Toten und ruft die Polizei. Doch statt als Zeuge vernommen zu werden, wird Smith von rassistischen Polizisten der „weißen“ Mordkommission als Tatverdächtiger inhaftiert und in Verhören misshandelt. Um sich selbst zu entlasten, beginnt Smith nach seiner Freilassung selbst mit Ermittlungen, unterstützt vom einstigen Kollegen Lucius Boggs und Sergeant McInnis. Zeitgleich arbeitet die Mordkommission am Fall, aber auch Beamte des FBI und zwielichtige Privatdetektive.
Während Thomas Mullen in den ersten beiden Bänden, „Darktown“ (2018) und „Weißes Feuer“ (2019), am Beispiel Atlantas und dessen schwarzen Polizisten alltäglichen Rassenhass und soziale Diskriminierung in den Fünfzigern schildert, wechselt er im dritten Band vom Alltag der schwarzen Polizisten zu der von Schwarzen für Schwarze gemachten Zeitungsbranche. Außerdem reicht seine Erzählung – ein weiterer Unterschied zu beiden Vorgängerbänden – in Rückblicken weit zurück in die 1930er Jahre, als viele junge Schwarze in ihrer Hoffnung auf Gleichstellung den Versprechungen des Kommunismus erlagen, weshalb während der Kommunistenjagd der McCarthy-Ära in den 1950er Jahren viele Schwarze unter der willkürlichen Beschuldigung kommunistischer Umtriebe zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt werden.
Thomas Mullen gelingt vor allem in diesem dritten Band mit ausführlichem Quellennachweis die schwierige Gratwanderung zwischen historisch interessantem Sachbuch und spannendem Kriminalroman. „Lange Nacht“ ist eine gut recherchierte Sozialstudie jener Zeit, in Einzelheiten authentisch nachvollzogen, mit glaubwürdigen Charakteren. Besonders berührend ist hier die Beschreibung der inneren Zerrissenheit des von seinen weißen Kollegen als „Nigger-Freund“ verachteten Sergeants McInnis. Nach langjährigem Ersuchen um Versetzung wird ihm endlich diese Chance geboten. Doch inzwischen hat er seine schwarzen Kollegen kennen und zu respektieren gelernt und verzichtet deshalb auf seine Versetzung.
Wer Thomas in Mullens Trilogie nur historische Romane sieht, die geschilderten sozialen Spannungen und den Rassenhass der 1950er Jahre zwischen Weiß und Schwarz längst vergangen glaubt, wird noch heute bei Einsätzen weißer Polizisten gegen Schwarze gerade in den US-Südstaaten allzu oft eines Besseren belehrt. Die Trilogie „Darktown“ ist nicht nur spannende Unterhaltung, sondern informativer, überaus lebendiger Geschichtsunterricht, zugleich eindeutige Botschaft und dringliche Mahnung an alle Nachgeborenen – nicht nur in den Vereinigten Staaten.