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Benutzername: thisisher


Bewertungen

Insgesamt 30 Bewertungen
Bewertung vom 10.11.2018
Mulans Töchter
Vriesekoop, Bettine

Mulans Töchter


sehr gut

Man sollte sich vom eher schlichten Cover dieses Buchs nicht davon abhalten lassen, einen Blick hinein zu riskieren.
Bettina Vriesekoop schildert ihre persönlichen Erfahrungen und Eindrücke, die sie bei einem Besuch in Peking mit verschiedenen Interviewpartnerinnen gesammelt hat. Begleitet wird sie dabei immer von ihrer Assistentin Hu Ye. Sie interviewt u.a. eine ehemalige Sexarbeiterin, die eine NGO gegründet hat, eine lesbische und eine bisexuelle Frau, die beide für Durex arbeiten, eine Ärztin, die über Sexualität aufklärt und eine Frau, die mit 27 noch unverheiratet ist und deshalb als Essensrestchen „Shengnü“ gilt.

Sie reden mit den Frauen über Sexualität, die Rolle der Frau und vor allem über den Erwartungsdruck dem alle Chinesinnen und Chinesen ausgesetzt sind. Der Staat übt Kontrolle aus, ebenso die Eltern, die in den Kindern nur ein Mittel sehen um den gesellschaftlichen Erwartungen gerecht zu werden.

Vriesekoop schreibt dabei überraschend fesselnd und unterhaltsam, auch wenn es Wiederholungen gibt. Sie beschreibt ihre persönlichen Eindrücke von der Umgebung und den Frauen selbst, fügt gelegentlich ihre eigenen Gedanken hinzu. Außerdem bezieht sie sich oft auf Pearl S. Buck, die sie offenbar stark in ihrer Sichtweise auf China beeinflusst hat.

Ich war ziemlich überrascht wie flüssig sich das Buch liest. Ich hatte von der Leseprobe eher eine sachliche und sehr nüchterne Sprache erwartet, aber als die Autorin anfängt, die Frauen zu interviewen, entwickelt sich ein Lesefluss, der sich durch das ganze Buch zieht.
Es gelingt ihr die Geschichte der Frauen in China spannend und interessant zu erzählen, sie mit genügend Details zu untermalen und ihren eigenen Blickwinkel darzustellen.
Ein spannender Einblick in die Geschichte der Frauen in China!

Bewertung vom 02.11.2018
No More Bullshit

No More Bullshit


sehr gut

Das Frauennetzwerk Sorority hat eine Sammlung von 19 eigenständigen Beiträgen zum Thema Feminismus herausgegeben. Diese beschäftigen sich damit, sexistische Bullshit Phrasen zu entlarven und die genannten dann zu entkräften. Die Lesenden erhalten einen guten Überblick über die gängigsten sexistischen Sprüche und Vorurteile und was man ihnen am besten entgegensetzt.

Die Themen werden dabei auf unterschiedliche Art und Weise behandelt und bieten einen unterschiedlich tiefen Einblick in verschiedene feministische Ansätze. So wird zum Beispiel der Unterschied zwischen Feminismus und Humanismus erklärt, deutlich gemacht, dass Frauen in vielen Bereichen Männern (immer noch) nicht gleichgestellt sind und gezeigt, dass auch Männer vom Feminismus profitieren.
Die Sprache ist dabei überwiegend gut verständlich, modern und einfach zu lesen, nur einzelne Beiträge verlieren sich in sehr wissenschaftlicher Ausdrucksweise. Die grafische Gestaltung gefällt mir gut, Grafiken und Listen lockern den Fließtext auf, der Kontrast zwischen Gelb und Schwarz wirkt wie ein Alarmsignal, was bei dem Thema auch gut passt. Die Kapitel sind sehr kurz gefasst, umfassen meist nur 4-6 Seiten.

Leider vermisse ich bei den durchaus überzeugenden Fakten, die als Argumente angeführt werden, die Quellenangaben, die zusammen mit einer allgemeinen Liste von weiterführenden Links und Büchern das Buch bereichern und die selbstständige Suche erleichtern würden.
Außerdem fehlt mir eine Erklärung für das nicht durchgehend nachvollziehbare Gendern der Begriffe Männer* und Frauen*, ob diese sich jetzt auf das biologische Geschlecht beziehen oder auf das empfundene, wird den Lesenden zur eigenen Interpretation überlassen.
Beim Blick auf die Porträts der jeweiligen Verfasser*innen fällt außerdem recht deutlich auf, dass auf Diversität wenig Wert gelegt wurde, was bei einer eigentlich so vielfältigen Auseinandersetzung mit Feminismus wirklich schade ist.

Mir hat vor allem der Beitrag der Wissenschaftlerin, Rapperin, Performance-Künstlerin und Autorin Reyhan Sahin aka Lady Bitch Ray gefallen, die ihre explizite Kritik auch sprachlich sehr überzeugend und mit Nachdruck vermittelt.
Auch die Darstellung verschiedener Strategien, die entsprechende Gesprächspartner*innen nutzen, um sich jeder sachlichen Diskussion zu entziehen, wirkt aufschlussreich. Die angebotenen Tipps, wie man sich dagegen wehren kann, bedürfen aber noch der praktischen Überprüfung.

Die Sammlung der Stammtischweisheiten zeigt, dass Feminismus immer noch negativ behaftet ist; dass Feminismus nicht nur für Frauen, sondern alle Menschen da ist und dass Menschen miteinander reden und sich vor allem zuhören müssen, um Vorurteile und Diskriminierung hinter sich zu lassen. Insofern bietet das Buch gute Diskussions- und Denkanstöße, die daraufhin selbstständig vertieft werden müssen. Aber die Vielfältigkeit der Beiträge bietet einen guten Einstieg in das Thema Feminismus.

Bewertung vom 21.10.2018
Queen Victoria
Baird, Julia

Queen Victoria


sehr gut

Queen Victoria hat die britische Geschichte geprägt, ein ganzes Zeitalter ist nach ihr benannt worden. Die Biografie beginnt mit ihrer Geburt 1819 und endet mit ihrem Tod 1901. Wir erhalten Einblick in das Leben der Königin vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Situation, ihre Beziehung zu ihrem Mann Albert und nach dessen Tod zu ihrem Freund John Brown.
Dabei wird Alberts fragwürdiges Frauenbild genauso dargestellt, wie Victorias Liebe zu ihrem Mann und ihr schwankendes Selbstvertrauen in Bezug auf ihre Fähigkeit zu regieren.

Der Stil der Autorin Julia Baird gefiel mir gut, sie schreibt weitgehend sachlich und trotzdem flüssig. Trotzdem fehlte mir an manchen Stellen eine Klarheit und Straffheit, die politischen Erklärungen waren mir zeitweise zu weitschweifig und mir fehlte auch ein bisschen mehr Struktur. Vieles wiederholt sich und ist umständlich beschrieben.
Die unfassbare Menge an Informationen macht es anstrengend die Biografie am Stück zu lesen und ich musste öfter Pausen einlegen um das Gelesene wirken zu lassen.

An manchen Stellen hätte ich mir mehr Detail gewünscht, zum Beispiel zu den lebensgefährlichen Umständen unter denen jede Geburt stattfand, zu anderen weniger, zum Beispiel, wenn mir erzählt wird, welcher Onkel gestorben ist oder welcher Bruder, von welcher Nichte, wen geheiratet hat.

Die Übersicht über den gesamten Familienstammbaum zu Beginn ist sehr hilfreich. Victoria hatte neun Kinder, die alle quer durch Europa geheiratet haben und Kinder bekommen haben, da ist es schwierig den Überblick zu behalten.

Die Leserin erfährt viel über Victorias Innenleben, ihre Zweifel, ihren trotzigen, eisernen Willen. Es gelingt dieser Biografie, die fast 500 Seiten Text umfasst, sehr gut, ein umfassendes Bild über diese mächtige Frau zu geben und darzustellen, dass hinter der Monarchin auch nur eine Frau steckt.

Bewertung vom 11.10.2018
Ca. 750 g Glück - Das kleine Buch über die große Lust sein eigenes Sauerteigbrot zu backen
Stoletzky, Judith; Geißler, Lutz

Ca. 750 g Glück - Das kleine Buch über die große Lust sein eigenes Sauerteigbrot zu backen


sehr gut

Wie backe ich mein erstes eigenes Sauerteigbrot und warum sollte ich überhaupt Brot backen? Das erklären uns Judith Stoletzky und Lutz Geißler in Form dieses kleinen Buchs.
Es ist unterteilt in verschiedene Kapitel, die übers Brotbacken philosophieren und ganz viel Lust darauf machen, Teig anzurühren, dem eigenen Sauerteig einen Namen zu geben (zum Beispiel Susi) und dann den Teig in den Ofen zu schieben und darauf zu warten einen duftenden, warmen Laib Brot aus der Röhre zu ziehen.

So wunderbar dieses kleine Buch geschrieben ist und so wertvoll auch manche Erkenntnisse sind, so unpassend finde ich die Aufmachung des Buchs.
Die Seiten sind strahlend weiß und glatt, die Haptik, die beim Brotbacken als so wichtig beschrieben wird, passt hier gar nicht zum Inhalt des Buchs. Auch wenn das Papier aufgrund der Fotos gewählt wurde, hätte ich mir für den Text, der doch überwiegt, eine leicht raue, matt weiße Papierart gewünscht.
Der Einband, überzeugt mich ebenfalls nicht, er fühlt sich beschichtet an, mir hätte ein Einband aus Stoff besser gefallen. Das Format hingegen ist schön, klein und handlich.
Auch die Schrift will so gar nicht in dieses Plädoyer für Achtsamkeit und Langsamkeit passen, die serifenlose, moderne Schrift steht im Gegensatz zu dem auf Tradition und Nostalgie (Stichwort Fotografie/Photographie) beruhenden Gesamtkonzept.
Die Fotos von Hubertus Schüler sind toll, gerade weil sie analog und mit Lochkamera hergestellt wurden. Sie zeigen auch wie mit einem Rezept und mehreren Bäckern die verschiedensten Brote entstehen können. Und wie hat schon Bob Ross gesagt: Es gibt keine Fehler, nur glückliche kleine Zufälle.

Der Tonfall, in dem Judith Stoletzky das Brotbacken beschreibt ist geglückt und liest sich angenehm locker und gut. Mir hat besonders die ausführliche Beschreibung des Rezepts gefallen. Die häufigsten Fehler können von Anfang an vermieden werden, wenn man den Text genau liest und lassen obengenannte Zufälle fast verschwinden.

Deswegen jetzt gleich anfangen, Sauerteig anrühren und schon bald ein selbstgebackenes Brot aus dem Ofen ziehen, das laut Lutz Geißler nur 9 Minuten und 20 Sekunden Arbeitszeit kostet. Und wenn das kein Argument ist, dann hilft wohl nur in dem Büchlein blättern und Motivation sammeln!

Bewertung vom 11.10.2018
Deutsches Haus
Hess, Annette

Deutsches Haus


sehr gut

Eva ist Übersetzerin für Polnisch und wird beauftragt die Aussage eines ehemaligen KZ-Häftlings zu übersetzen. Sie ist Mitte 20, lebt mit ihren Eltern, die das Gasthaus „Deutsches Haus“ betreiben, ihrer älteren Schwester und ihrem jüngeren Bruder zusammen und hat vorher noch nie von Auschwitz gehört oder dem Ausmaß der Verbrechen die dort und in anderen Lagern geschehen sind. Der Roman spielt in Frankfurt, Anfang der sechziger Jahre, zwanzig Jahre nach Ende des 2.Weltkriegs.

Als Eva gegen den Willen ihres Verlobten beginnt im Prozess als Übersetzerin zu arbeiten, schlägt ihr aus ihrem Umfeld nur Widerwillen und Abweisung entgegen. Alle versuchen den Krieg und seine Auswirkungen zu verdrängen, sich ihrer Schuld zu entziehen und nicht darüber nachzudenken, was in den Lagern geschehen ist.
Evas Bruder spielt Krieg, ihre Schwester macht absichtlich Neugeborene krank, nur um sie gesund pflegen zu können und ihre Eltern haben den Krieg und ihre eigene Täterrolle verdrängt.

Der Einstieg in die Geschichte ist mir erst schwer gefallen, der Schreibstil erinnert am Anfang an ein Drehbuch, eher kalt, sachlich und nüchtern werden die Personen und ihre Handlungen, die Szenerie beschrieben. Das ändert sich jedoch im Verlauf des Romans. Wir folgen Eva im Prozess und in ihrer schwierigen Situation mit ihrem Verlobten Jürgen, den sie liebt, aber der selbst eine Vergangenheit nicht verarbeitet hat und seine Launen an Eva auslässt.

Das Buch wird zunehmend beklemmender, je mehr Eva und die Leserin über die Verbrechen der NS-Zeit erfährt und erreicht seinen Höhepunkt, als Evas eigene Vergangenheit unmittelbar im Prozess zu Tage tritt.

Evas Konflikte mit ihrer Familie und ihrem Verlobten und die Auseinandersetzung mit der größtenteils verdrängten Vergangenheit sind sehr gelungen. Das Ausmaß der Verdrängung ist erschreckend und heute kaum noch vorstellbar. Wenn davon geredet wird, dass die Vernichtung von so vielen Menschen logistisch gar nicht möglich sei oder dass die Zeugen lügen würden, weil der, der das meiste Unglück erfahren hat, „gewinnt“, bleibt einem schon mal die Spucke weg.

Annette Hess ist mit ihrem Roman die Darstellung eines bedeutsamen Stücks deutscher Zeitgeschichte gelungen. Sie zeigt wie wichtig es ist, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und sich bewusst zu werden, was während des zweiten Weltkriegs in Deutschland geschehen ist und wie jeder der weggeschaut zum Täter wird. Sie zeigt auch die Folgen der Verdrängung und wie fehlende Aufarbeitung zur Verfestigung von Angst und Vorurteilen und damit zu Gewalt und Ausgrenzung alles Fremden führt.

Bewertung vom 22.09.2018
Mexikoring / Chas Riley Bd.8
Buchholz, Simone

Mexikoring / Chas Riley Bd.8


ausgezeichnet

Wer hätte gedacht, dass man dem Genre Krimi noch neue Facetten entlocken könnte, aber siehe da: Es geht doch!

Es brennt ständig und überall in diesem Kriminalroman, in Hamburg, Bremen, Berlin, München, auf der ganzen Welt brennen Autos. Und in einem dieser Autos in Bremen wird Nouri Saroukhan gefunden. Er stirbt kurze Zeit später im Krankenhaus und Staatsanwältin Chastity Riley und ihre Polizeikollegen beschäftigen sich mit den Umständen unter denen Nouri zu Tode kam. Sein Tod führt sie in die Welt der kriminellen Familienclans und Versicherungsgesellschaften.

Es geht gar nicht hauptsächlich darum, wer Nouri umgebracht hat. Die Geschichte entwickelt eine ganz eigene Dynamik und fesselt durch die Nähe zu den Hauptcharakteren. Es geht eigentlich um Chastity Riley, die auf ihre rotzige, direkte, schnoddrige Art durch den Roman führt oder uns einfach so reinschmeißt ins Geschehen (wie sie jetzt schreiben würde) und wir können dann selber kucken wie wir da wieder rausfinden.

Dies gelingt Simone Buchholz überzeugend und konsequent, der Roman liest sich sehr schnell, gut und trotzdem eindrucksvoll. Manche Sätze sind derart auf den Punkt geschrieben, dass man sie sich ausdrucken und an die Wand hängen möchte, andere sind haarscharf dran vorbei.

Ich mochte den Schreibstil sehr und er bietet auch eine sehr angenehme Abwechslung zu den üblichen Krimis. Ich bin gespannt, wie es weitergeht mit Riley und ihren Kollegen und hoffe auf mehr Polizistinnen in den nächsten Bänden!

Am besten hat mir übrigens die Widmung gefallen, in diesem Sinne: Für Carrie Fisher ❤

Bewertung vom 13.09.2018
Der Abgrund in dir
Lehane, Dennis

Der Abgrund in dir


ausgezeichnet

Ich will gar nicht so viel zum Inhalt sagen, sonst verrate ich noch alles Spannende an diesem Thriller. Und es ist tatsächlich ein Thriller, einer, der diese Bezeichnung auch verdient hat!

Also nur ganz kurz: Rachel Childs ist auf der Suche nach ihrem Vater, nachdem ihre Mutter bei einem Autounfall gestorben ist. Im Verlauf dieser Suche lernt sie einen Mann kennen, der sie liebt und den sie später heiratet.
Rachels Leben wird von Katastrophen bestimmt, sie ist Reporterin für einen Fernsehsender und berichtet über eine Unwetterkatastrophe auf Haiti, die sie später nicht mehr loslässt und ihr Leben mit Panikattacken beeinträchtigt. Und auch ihr Mann entpuppt sich langsam als ganz anders, als es den Anschein hatte.

Der Thriller ist sehr dicht und extrem spannend erzählt. Er lebt von den unvorhergesehenen Wendungen und der bedrohlichen Atmosphäre. Am Anfang der Lektüre hat man noch gar keine Ahnung, worauf man sich da eingelassen hat. Die schlimmsten Katastrophen passieren hier ganz beiläufig im Nebensatz.

Mir gefällt besonders, dass keine der Figuren eindimensional ist. Rachels Mann hat seine guten Seiten und auch Rachel hat ihre Abgründe. Die Stimmung ist fast durchgehend düster. Der andauernde Regen und Rachels Angstzustände vermitteln eine unheilvolle, beklemmende Atmosphäre, die für einen Thriller sehr passend ist!

Das Cover gefällt mir überhaupt nicht; die typischen Diogenes Cover sind mir zu weiß, zu einfallslos, zu monton. Das trifft auch hier zu, obwohl es sich schon von den üblichen Diogenes Covern abhebt. Leider nicht im Positiven. Das Bild lässt an einen Thriller im Schnee, abgeschieden in einer Waldhütte denken und das ist hier ganz klar nicht der Fall. Ich würde mir mehr Mut zu Farbe und Kontrasten wünschen!

Nichtsdestotrotz steckt hinter diesem blassen Cover ein aufregender und mitreißender Thriller, der sehr stimmig und dicht erzählt wird und mit vielschichtigen Charakteren zu einer runden Geschichte wird.

Bewertung vom 10.09.2018
Man muss auch mal loslassen können
Bittl, Monika

Man muss auch mal loslassen können


sehr gut

Kurzweilige Komödie über drei lebensmüde Frauen

Drei Frauen treffen sich in der Beratungsstelle für Suizidgefährdete „Dare it“. Charlotte um sich Tipps für ihren Abgang zu hole, Jessy um wenigstens zu versuchen sich Hilfe zu holen und Wilma um aktenkundig zu werden, weil sie das Rauchverbot beeinflussen will.
Sie beschließen gemeinsam ihr Ableben zu planen und durchzuführen. Nachdem mehrere Versuche scheitern, sehen sie ihre Chance in einem Überfall als Geiseln ohne eigenes Zutun ihr Ziel zu erreichen.
Stattdessen beginnt jedoch eine lustige, aufschlussreiche Reise mit den beiden Gaunern, an deren Ende, zugegebenermaßen erwartungsgemäß, ein Happy End steht.

Die Kapitel werden abwechselnd aus der Perspektive der Figuren erzählt, sie sind dabei gut zu unterscheiden, weil jede Figur einen unverwechselbaren Tonfall hat. Jessy zum Beispiel streut immer wieder englische Redewendungen und Wörter ein, die sie gelernt hat, indem sie sich Serien immer im Original anschaut.

Monika Bittl gelingt mit ihrem Roman ein warmherziges, witziges Buch über Freundschaft und die Kraft, die entstehen kann, wenn sich Menschen gegenseitig helfen. Sie setzt sich dabei auch mit aktuellen gesellschaftlichen Themen auseinander, fordert zum Nachdenken auf und bleibt dabei doch optimistisch und selbstironisch.

Eine runde, kurzweilige Komödie, die ein schweres Thema humorvoll und lebensfroh umsetzt, dabei noch aktuelle Ereignisse und mit 'Despacito' auch aktuelle Popkultur miteinbezieht.

Bewertung vom 01.09.2018
Slow Horses / Jackson Lamb Bd.1
Herron, Mick

Slow Horses / Jackson Lamb Bd.1


weniger gut

300 Seiten zu lang

Slow Horses ist eine Abteilung des MI5 in der die ausgemusterten Agenten ihre Zeit absitzen sollen. Sie dient keinem anderen Zweck, als dass die Agenten hier ihre Zeit verbringen und sinnlose Sichtungsarbeiten erledigen, bis sie von selbst kündigen. River Cartwright ist hier gelandet, nachdem er bei einer Verfolgungsjagd dem Falschen hinterhergerannt ist und dafür verantwortlich gemacht wurde, dass King's Cross explodierte. Zumindest in der Theorie.
Jetzt wird ein Jugendlicher pakistanischer Herkunft von einer rechten Terrorgruppe gefangen genommen und soll vor laufender Kamera ermordet werden. River und die anderen Slow Horses sind so von der Inkompetenz des MI5 überzeugt, dass sie beschließen den Jugendlichen selbst zu retten, mit der Hoffnung wieder ins Hauptgebäude einzuziehen.

Der Agentenkrimi von Mick Herron beginnt langsam und steigert sich im Verlauf auch nur unwesentlich. Die vielen Figuren, die trotz ausführlicher Hintergrundbeschreibung eher blass bleiben, erschweren es den Überblick zu behalten. Sie bleiben weitgehend uninteressant und austauschbar. Dies wird zusätzlich erschwert, weil die Figuren alle ähnlich aufgebaute Namen haben.
Die Handlung entwickelt sich nicht organisch, sondern plätschert so vor sich hin; ein Spannungsbogen entsteht nicht, da oft einfach so Dinge aus dem Nichts passieren und keine Erwartungshaltung aufgebaut werden kann, die dann widerlegt werden würde.

Der Plot könnte interessant sein, weil er durchaus aktuelle Ereignisse aufgreift, schaltet sich aber durch das extrem langsame Voranschreiten quasi selbst aus.

Das Frauen-Männerverhältnis ist für einen Spionageroman schon relativ ausgeglichen, es kommen zumindest mehrere Frauen vor, sogar eine in einer Führungsposition, aber der Fokus liegt leider auf den männlichen Charakteren.

Ein Lesefluss entwickelt sich überhaupt nicht, die unterschiedlichen Handlungsstränge sind nicht klar unterscheidbar und ich habe oftmals mehrere Seiten gelesen, bevor ich überhaupt gemerkt habe, um wen und was es gerade geht. Es gibt viele nichtssagende Dialoge, deren Nutzen sich mir nicht erschlossen hat und deren Fehlen nicht bemerkt werden würde.
Ich hätte jederzeit aufhören können zu lesen und hätte das Buch einfach vergessen. Außerdem musste ich unzählige Male neu ansetzen, Seiten doppelt oder dreifach lesen, bis ich aufgenommen habe, worum es geht, weil das Buch überhaupt nicht fesselnd geschrieben ist.

Bewertung vom 24.08.2018
Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte
Khong, Rachel

Das Jahr, in dem Dad ein Steak bügelte


ausgezeichnet

Wie ein Indiefilm

Ruth, 30, zieht nach der Trennung von ihrem Ex-Freund für ein Jahr wieder bei ihren Eltern ein um ihrer Mutter zu helfen auf ihren demenzkranken Vater aufzupassen. Dabei kommen alte Konflikte wieder hoch, Ruth muss die Krankheit ihres Vaters und das Ende ihrer Beziehung verarbeiten.

Der Roman wird im Präsens erzählt, über weite Strecken auf den Tag genau datiert. Dies verschwimmt im Laufe des Buchs mit zunehmender Schwere der Demenz des Vaters aber und die zweite Hälfte des Jahres wird nur noch in Monate unterteilt. Vieles bleibt unausgesprochen, nur angedeutet oder wird einfach beschrieben ohne Erklärung oder Wertung.
Der Stil ist modern, die Sprache wunderschön zu lesen, sehr atmosphärisch und hallt auch nach dem Ende der Lektüre lange nach. Die Stimmung ist melancholisch, aber nicht traurig, eher wehmütig, sie gleicht der eines Indiefilms mit bunten Farben, sanftem, melodischem Soundtrack und kurzen Momentaufnahmen des Glücks und des Unglücks.

Das Thema des Romans sind Abschiede. Ruths Vater führt ein Notizbuch, in dem er Momente aus ihrer Kindheit festgehalten hat und diese zeigt er ihr ab und zu fast nebenbei . Dabei wird die Beziehung der beiden immer deutlicher, wie sie sich im Laufe ihres Lebens verändert hat und wie beide fast unmerklich von einander Abschied nehmen. Neben der Krankheit ihres Vaters muss Ruth auch die Trennung von ihrem Ex-Freund bewältigen und rekapituliert in der manchmal verwirrenden Zeitachse diese und andere Beziehungen.

Ein rundes Buch. Die Sprache unterstreicht die Art und Weise auf die die Geschichte erzählt wird, die Charaktere sind liebenswert, sehr nah am Leben und Humor und Melancholie wechseln sich hier, wie auch im echten Leben ab.