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La Calavera Catrina

Bewertungen

Insgesamt 61 Bewertungen
Bewertung vom 22.07.2025
Shattuck, Ben

Die Geschichte des Klangs


ausgezeichnet

«Die Geschichte des Klangs» erzählt in zwei Teilen von Lionel und Annie. Annie sieht den 84-jährigen Lionel im Fernsehen und ist von ihm und seinen Worten beeindruckt. Er gibt zu seiner neusten Buchveröffentlichung über amerikanische Balladen ein Interview. Anni hat aus Liebe zu ihrem Mann Henry ihre Träume aufgegeben. Als sie in ihrem neuen Haus eine versteckte Kiste mit Phonographenwalzen findet, die für Lionel vorgesehen sind, bringt es sie dazu, über ihr Leben und ihre Entscheidungen nachzudenken.
Der Ich-Erzähler Lionel hat auf Anraten seines Arztes den Teil seines Lebens aufgeschrieben, über den er lieber schweigt, bis die Vergangenheit in Form eines Pakets ihn eingeholt hat. Es war der Beginn einer geheimen Liebe, als er 1916 in einer Bar David kennenlernte. „Wir blieben bis zum Morgengrauen. Er spielte Klavier, ich sang.“ Beide verbindet das musikalische Talent. Der damals 17- jährige Lionel begleitet David schließlich auf seinen Sammeltouren durch Maine. Sie sprechen Bewohner an und nehmen alte Volkslieder mithilfe einer Phonographenwalze auf. Ein unvergesslicher Sommer für Lionel, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnt, wie bedeutend diese Erinnerungen einmal für ihn sein werden. „Mein Großvater hat mir gesagt, dass Glück keine Geschichte ist. Darum gibt es über diese ersten Wochen nicht viel zu sagen (…), aber ich glaube, ich bin nie glücklicher gewesen…“

Es ist eine leise Geschichte über die erste große Liebe in jungen Jahren, wenn man das ganze Leben noch vor sich hat, die empfundene Reue, verpasste Chancen, erlittene Verluste, die Magie von Musik und das Aufbewahren kostbarer Erinnerungen. Es geht um all den Zauber, der drumherum passiert. Über die Beziehung, Gespräche oder David selbst, erfährt man wenig. Ben Shattuck findet den richtigen Ton und erzählt berührend und sanft von zwei Menschen, die über ihr Leben nachsinnen und dabei ein Stück verbunden sind, ohne sich kennengelernt zu haben. Die poetische Schreibweise macht die knapp hundert Seiten zu einem literarischen Genuss voller Gefühl und Nostalgie. Eine große Empfehlung für alle, die es sich zwei Stunden mit einem guten Buch gemütlich machen wollen, welches nachklingt.

Bewertung vom 22.07.2025
Schoeters, Gaea

Das Geschenk


ausgezeichnet

In Berlin tauchen plötzlich Elefanten auf und es werden immer mehr. Ingesamt 20. 000 Elefanten schenkt der Präsidenten von Botswana Deutschland - und Geschenke kann man nicht einfach zurückgeben. Das bringt Bundeskanzler Hans Christian Winkler in eine schwierige Situation, denn seine politische Einmischung hat dramatische Folgen für Botswana. Nun muss er diese bittere Pille schlucken und um seine Wiederwahl fürchten. Die neu ernannte Ministerin für Elefantenangelegenheiten Hannelore Hartmann soll es richten und präsentiert eine Lösung für das Klimaproblem gleich mit. Doch es müssen Opfer gebracht werden, um mit den Elefanten zusammenzuleben und nicht jeder Wähler ist bereit, diese Opfer zu bringen.

„Elefanten in Berlin, das will ich nicht verpassen.“ Dieses verlockenden Bild von Elefanten, die in der Spree baden, noch bevor der Bundeskanzler seine Zeitung aufgeschlagen hat, fand ich extrem amüsant. Was für ein tolles literarisches Setting-Geschenk an Deutschland, wo doch jedes andere europäische Land dafür hätte herhalten können. Gaea Schoeters spielt ein hypothetisches Szenario durch, bei dem sogar ein Hauch Magie zum Einsatz kommt. Ihr Roman dient als Probebühne für einen politischen Diskurs und eine irre Idee, die viel realistischer ist, als man annehmen könnte.

Dabei rückt sie diese wunderbaren Kolosse in den Fokus, die als faszinierende Nebendarsteller die Hauptrolle verdient hätten, aber neben Propaganda und Rechtsextremismus, ebenso zur Nebensache werden, wie die einzelne Bevölkerung.
Beim Lesen kann man sich über vieles, was da schief läuft, amüsieren. Ob Elefantenhaufen, die zum Staatseigentum werden oder die kreativen touristischen Einfälle, um Geld in die Kassen zu spülen. Neben anrührenden Interaktionen gibt es auch unangenehme Zwischenfälle, in die nur so tief eingetaucht wird, wie nötig (und auf so kurzer Seitenzahl möglich). Stattdessen wird die Geschichte vorangetrieben, die Probleme steigern sich und enden in einem grandiosen Finale, das leider nicht realistischer hätte sein können. Es ist eine Politsatire, zum Weinen und Lachen - machmal gleichzeitig. Eine sommerliche Gefühlsachterbahn voller aktueller Debatten, mit Fakten über Elefanten, Einblicken in die Politik und interessanten Überlegungen, während Doppelmoral, Misogynie oder Emanzipation Einzug halten.

„Elefanten sind keine Flüchtlinge“, schreibt Gaea Schoeters in ihrem Roman, aber eine Metapher für so einiges, was hier im Raum steht. Letztlich war ich überrascht, dass viel weniger in der Geschichte erfunden wurde, als gedacht. Eine wunderbar leichte Satire, absolut pointiert und prägnant. Unbedingt lesen!

Bewertung vom 22.07.2025
Lincoln, Christopher

Nachts in der Bibliothek (Band 1)


ausgezeichnet

Die zehnjährigen Zwillinge Page und Turner Reed sind mit einer seltenen Erstausgabe ihres Vaters auf dem Weg in die Bibliothek. Als das wertvolle Buch plötzlich verschwindet, tauchen sie in die nächtlichen Geheimnisse der Bibliothek ein, um es zu finden.

Erzählt wird die Geschichte von dem schüchternen Turner. Seine Schwester Page ist das Gegenteil von ihm: laut, impulsiv und spontan. Dadurch wird besonders deutlich, wie mutig Turner eigentlich ist und wie sich die Beziehung zwischen den Zwillingen vertieft. Zurückhaltende Kinder werden sich gut mit Turners Gedanken identifizieren können. Auch die Nichtbeachtung ihrer verreisten Eltern wird thematisiert. Beide beweisen, dass sie leidenschaftliche Bücherwürmer sind, ein Detektiven Gespür haben und man ihnen so leicht nichts vormachen kann.

Die New York Public Library als Setting ist einfach genial. Diese riesige ehrwürdige Bibliothek birgt eine bibliophile Atmosphäre, die nachts, wenn keine Besucher mehr da sind, an Magie gewinnt, die unbedingt entdeckt werden will. Sehr verlockend! Hier geschehen wilde Abenteuer, während die meisten Menschen schlafen, weil sich die Magie in den alten Büchern anstaut und die Figuren einfach mal Abwechslung brauchen. Das spektakuläre Cover fängt dieses Gefühl ein und macht auch Lust das Buch zu lesen, wenn man sonst keine Graphic Novels bevorzugt. Es lohnt sich! Christopher Lincoln wird nicht nur seiner Zielgruppe gerecht, sondern auch erwachsene Leseratten werden dieser abenteuerlichen Hommage, an die größten Klassiker der Weltliteratur und ihren bekanntesten Figuren, restlos verfallen.

Für Kinder ist es ein idealer Einstieg, weil es eine spannend erzählte Fantasygeschichte ist und sie die magische Welt der Bücher kennenlernen. Der Humor ist kindgerecht und superlustig. Die Seiten punkten mit einer übersichtlichen Anordnung, einem ausgewogenem Bild-Text-Verhältnis, kleinen Lesehilfen und gut lesbaren Texten. Dazu ist die Story abwechslungsreich und vielschichtig. Erwachsene können sich zudem an den Zitatenschildern, witzigen Anspielungen und aufkommenden Kindheitserinnerungen erfreuen. Ob man Alice im Wunderland oder Peter Pan schon kennt oder nicht - es macht einfach Stimmung, wenn die eigensinnigen Figuren aus den Büchern kommen und Chaos anrichten - wobei sie sich auch als sehr hilfreich erweisen.

Der Hintergrund ist farblich an die Umgebung anpasst. Das finde ich gerade für Kinder gelungen, weil es mit wenigen Details den Blick auf die Figuren lenkt. Von denen gibt es einige, aber nicht überfrachtend und man kann sie gut auseinander halten. Trotzdem gibt es viel zu entdecken und zu staunen. Immer wieder kamen gut gemachte Wendungen und Momente, die mein Herz schneller schlagen ließen. Mit Magie ist einfach alles möglich! Absolute Leseempfehlung für alle Kinder und Erwachsene, die fantastische Abenteuer lieben. Ein unverzichtbares Vergnügen für Fans von «Tintenherz» oder «Die magische Bibliothek der Buks».

Bewertung vom 22.07.2025
Flix

Immerland - Die Stadt der Ewigkeit


sehr gut

„Die Zukunft gehört denen, die an die Schönheit ihrer Träume glauben.“

Ein originelles, tiefgründiges und fantasievolles Debüt, bei dem man nie genau weiß, was als nächstes passiert und wohin die Reise führt. Was ist real? Was ist Fantasie? Werden die schlimmsten Befürchtungen wahr?

Der fast 13-jährige Beinahe-Teenager Mika erlebt ein ungewöhnliches Abenteuer, das bildgewaltig erzählt wird. Dabei lernt er ganz viel über sich selbst, seine Fähigkeiten, Freundschaft und die Freude, am Leben zu sein. Mika hat es nicht leicht: er ist klein für sein Alter und wird in der Schule gemobbt. Doch er fühlt sich nicht nur körperlich klein: kritische Trommeln schlagen in seinem Kopf, die ihn runterputzen und nie schweigen, egal wohin er geht. Nun stehen ihm langweilige Sommerferien bei seiner Oma bevor. Zocken kann er in der abgeschiedenen Gegend vergessen, aber er kann wenigstens in sein Notizbuch zeichnen und hat seine Ruhe. „Als Mika aus dem Zug steigt, ahnte er nicht, dass er heute sterben würde.“ Mit diesem krassen Satz beginnt die Geschichte und die Ankunft bei seiner Oma. Dabei fragt man sich unweigerlich, was schreckliches passieren wird… Und das ist erst der Anfang der Fragen, der Dramatik, der Absurdität und des Glücks. Als dann das spektakuläre Luftschiff in Form eines Wales auftaucht, war ich von der Unwirklichkeit fasziniert, die in bunten Ideen und verrückten Gestalten daherkommt. Es gibt einige affenstarke Schwarz-Weiß-Skizzen von Mika Thorwarth in dem Buch, die eine schöne Ergänzung waren, um sich alles besser vorzustellen. Denn atmosphärische Details gibt es nicht und auch ein Blick in Mikas Gedanken gibt es nur, wenn es relevant wird. Dabei gab es Situation, in denen ich sein gefasstes Handeln nicht gleich nachvollziehen konnte. Es steht die Handlung im Vordergrund, die Irritation mit der Wirklichkeit, das Spielerische und die neuen Möglichkeiten, die sich auftun. Ich mochte ganz viel daran. Besonders die Botschaften, die Entwicklung von Mika und die Pfannkuchen-Variationen.

«Immerland - Stadt der Ewigkeit» ist alles andere, als vorhersehbar und eine kreative und witzige aber auch tiefgreifende Coming-of-Age-Geschichte, die es in sich hat. „Alles passiert aus einem Grund. Und meistens ist es Physik!“ Es gibt keinen Cliffhanger, aber wir dürfen uns auf eine Fortsetzung im Herbst 2026 freuen.

Bewertung vom 13.07.2025
Maier, Verena

Gwin und das Herz des Drachen (Band 1) (eBook, ePUB)


sehr gut

«Gwin und das Herz des Drachen» ist ein fantasievoller Reihenauftakt für Kinder ab 9 Jahren, der von Magie, Freundschaft und Abenteuern erzählt, während man wie in die «Unendliche Geschichte» auf einem flauschig aussehenden Drachen fliegt oder wie in den Studio Ghibli-Animes in neue magische Welten eintaucht, die in der realen Welt existieren.

Gwin büxt von zu Hause aus und begegnet dem sprechenden Kater Nerowitz, der sich als Zauberlehrling einer Hexe entpuppt. Gwins Herzenswunsch führt dazu, dass Nerowitz sie in Madame Manous Zauberladen einlädt, indem sich auch ein Café befindet. Schließlich wird sie Aushilfe, bedient die Zauberwesen-Gäste und fühlt sich dort wohl.
Es ist ein Anfang voller Wärme und Glück. Gwin findet Zuflucht an diesem besonderen Ort, voller kreativer und magischer Wunder, an den jedes Kind gern reisen würde - ganz besonders, wenn es kein liebesvolles Zuhause hat. Gwin reagiert authentisch und altersgerecht auf diese Veränderung, denn sie is voller Dankbarkeit und Freude. Überall gibt es für sie etwas Neues zu entdecken und zu lernen. Schließlich eröffnen sich für Gwin ganz neue Möglichkeiten - sie lernt die kleine Flamme Ignatius und den gefräßigen Drachen Jun kennen und kann mithilfe einer Karte an Orte reisen, die sie sich selbst ausmalt. Ab diesem Punkt verändert sich die Stimmung der Geschichte und es wird etwas düsterer. Die Freunde brechen zu einem gefährlichen Abenteuer auf, um Jun zu helfen.
Die Schwarz-Weiß-Illustrationen von Indiana Acosta weisen eine Kombination aus realistischen Elementen und übertriebenen Formen auf. Sie sind sehr atmosphärisch, beeindruckend und dicht dargestellt, wie das Cover beweist, das eine berührende Szene aus dem Buch zeigt.

Verena Maier setzt auf humorvolle Neckereien, ein dialogreiches, feixendes Miteinander und träumerische Beschreibungen: „Der Mond ließ sein schneeweißes Auge über Gwins Welt wandern. Millionen Sterne funkelten wie silberne Nadelköpfe im Kleid der Nacht.“ Ihre kreativen Einfälle sind fantastisch und laden zum Träumen ein, bevor man sich in der altbekannten Heldengeschichte wiederfindet. Es liest sich leicht und kommt ohne komplizierte Wortkreationen aus. Die anfängliche Atmosphäre hat mir besonders gefallen, während die zweite Hälfte des Buches deutlich spannender und wendungsreicher war. Altersgerecht ist zudem die Begrenzung der fantastischen Wesen und handelnden Figuren und das herzerwärmende Ende, welches auf eine Fortsetzung hoffen lässt.

Bewertung vom 13.07.2025
Kloeble, Christopher

Durch das Raue zu den Sternen


ausgezeichnet

Ich-Erzählerin Arkadia Fink, genannt Moll, ist 1992 erst Dreizehn Jahre alt und lebt mit ihrem Vater in einem bayrischen Dorf in der Nähe von München. Ihr Alltag ist klanglos geworden, seit die Mutter weggegangen ist und ihr Vater sich zurückgezogen hat. Doch sie ist nicht allein, denn Arkadias beste Freundin ist Vierundachtzig Jahre alt und besteht auf wöchentliche Anrufe und Arkadias treuster Gefährte, ist der verstimmte Neo-Bechstein ihrer Mutter. Die Päckchen, die sie eines Tages von ihrer Mutter bekommt, geben ihr neuen Aufschwung und sie ist fest entschlossen, im Knabenchor aufgenommen zu werden, weil ihre Mutter immer daran geglaubt hat, dass ihre Tochter Außergewöhnliches schafft. „Ich wusste ja, was demnächst der ganze Chor wissen wird: niemand hält mich auf.“ Doch nicht nur der Glaube an ihr Talent, auch die Hoffnung, auf diese Weise ihre Mutter wiederzusehen, treibt sie an.

Arkadia sieht zu ihrer Mutter auf, die ihr alles über Musik beigebracht und sie stets ermutigt hat. „Meine Mutter ist ein Apfelbaum, der wenig von den Gesetzen der Jahreszeiten hält.“ Eine bemerkenswerte Frau, die ihre Tochter zu einem selbstbewussten Mädchen erzogen hat, weshalb sie entschlossen ihren Weg geht und auch den Erwachsenen widerspricht, wenn sie anderer Meinung ist. Dieses Lied der Unbezwingbaren scheint man seit Generationen von Frauen in der Familie hören zu können. Musik ist ihr beider Trost, die Sprache zwischen Mutter und Tochter: „Musik ist ein zweiter fester Raum für mich, indem ich mich geborgen fühle.“ Doch ihre Mutter hat auch mit sich zu kämpfen. Arkadia beobachtet klug und hört aufmerksam zu, ohne zu wissen, was genau in den Erwachsenen vorgeht. Die Schreibweise hatte einen melancholischen Ton, ein bisschen traurig, sehr hoffnungsvoll, mit ungezwungenem Humor. Ich habe öfter geschmunzelt, wenn Arkadia Anekdoten aus ihrem jungen Leben erzählt, wie die von Immanuel und der grandiosen Idee ihrer Mutter. Gleichzeitig gab es Momente, wo ich den Atem anhielt und von Wendungen überrascht war oder sehr mit Arkadia mitgefiebert habe. Es ist eine Mischung aus Gegenwart und Rückblicken im stetigen Wechsel. In meinem Exemplar befinden sich zahlreiche markierte Textstellen, denn manchmal reiht sich eine poetische Melodie an die andere und Arkadia fügt dem, was sie bisher gelernt hat, ihre eigenen Gedanken hinzu.

Ich habe dieses Buch so gern gelesen. Arkadia Fink ist einfach großartig und meine Heldin. Sie hat mich sehr beeindruckt, weil sie sich nicht den Regeln beugt, weil sie mutig und entschlossen ist, und weil es für sie keine falschen Töne gibt. Sie lässt keinen Zweifel daran, welche große Bedeutung ihre Mutter für sie hat und das ihr Verlust schwer wiegt, seit sie weggegangen ist.
Ein ganz wunderbarer Roman voller Liebe, Musik und Hoffnung. Es geht um vielfältige Themen, die sich wie ein Meer aus Noten zu einer stimmigen Komposition formen, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging. Christoper Kloeble schreibt melodisch und deutet einiges nur an, was ich konsequent und glaubhaft fand. Selten lese ich Textstellen mehrmals; selten fühle ich mich von einem Roman so inspiriert und sanft getragen. Noch nie habe ich Dirigenten aus diesem Blick heraus betrachtet und Charaktere so gemocht, über die ich so wenig wusste. Ein Meisterstück; ein großes Lesevergnügen und nun eins meiner Lieblingsstücke im Bücherregal.

Bewertung vom 13.07.2025
Wood, Benjamin

Der Krabbenfischer


ausgezeichnet

«Der Krabbenfischer» erzählt von dem zurückgezogenem 21-jährigen Thomas Flett, der, in den Sechzigerjahren, in einem englischen Küstenort lebt. Seine Arbeit als Krabbenfischer ist hart, da er an den Traditionen festhält, die sein Großvater ihm beibrachte - hier ist kein Platz für musikalische Traumgespinste, dennoch sehnt sich Thomas danach, Musik zu machen. Die Bekanntschaft mit dem amerikanischen Regisseur Edgar Acheson ist eine unerwartete Begegnung, die ihn inspiriert.

Mit der literarischer Unverfälschtheit seiner ambivalenten Protagonisten stellt Benjamin Wood das Leben eines einfachen Krabbenfischers dar, der von der Hand in den Mund lebt, und bietet ihm, durch die Begegnung mit einem Fremden, eine neue Richtung, die einen unwiederbringlichen Hoffnungsschimmer entfacht und wertvolle Lektionen bereithält. Die weiche Sprache ist zurückhaltend kraftvoll und von poetischer Schlichtheit, ungefiltert nah an der Natur und Thomas stillem Charakter, mit einer besänftigende Ruhe, melancholisch und beruhigend zugleich. Wir begleiten Thomas nah an seinem Alltag, sodass sich die Anstrengung und Entbehrung beeindruckend intensiv nachempfinden lässt. Selbstverständlichkeiten, die keine sind. Harte Realitäten, die man ausblenden möchte. Es ist ein sehr atmosphärischer Roman, gefühlsnah und tiefgründig, der nach dem Sinn des Lebens fragt - ein Leben zwischen Notwendigkeit
und Sehnsucht - und unaufdringlich zum Nachdenken anregt. Als wenn das nicht schon genug wäre, überrascht dieser Roman mit unerwarteten Wendungen und beschert somit ein nachhallendes Lesevergnügen. Den aufgenommenen Recorder-Song ‹Seascraper› kann man übrigens auf der Website des Autors anhören. Wer die Bücher von Benjamin Myers gern liest, wird auch «Der Krabbenfischer» - der sich auch optisch perfekt einfügt - mögen. Sehr empfehlenswert.

Bewertung vom 13.07.2025
Koelle-Wolken, Patricia

Der Garten der kleinen Wunder


ausgezeichnet

Die Illustratorin Victoria, genannt Toja, und der begnadete marokkanische Gewürzkoch Bär sind Freunde und leben in einem Haus mit einem berauschendem Naturgarten und einem Chamäleon auf dem Dach.
Die vierzehnjährige Victoria, genannt Vica, fühlt sich von der unkonventionellen Art ihrer Nachbarn angezogen und wird warmherzig aufgenommen. Sie fühlt sich zwischen den alten Obstbäumen und Blumenbeeten sehr wohl und ihr Gefühl, nicht richtig zu sein, schwindet zusehend, während sie aufblüht. Doch ihr Vater bevorzugt einen gepflegten Rasen und sieht es nicht gern, dass Toja seine Tochter darin ermutigt, sich nicht an die Normen zu halten.

„Wir sind einfach nur zwei Seelen, die aus den verschiedensten Gründen genau hier gelandet sind.“ Aufgrund der Probleme mit dem sozialen Umgang, fragt man sich, ob Vicas Vater einen Zugang zu seiner Tochter finden wird, und ob Vica ihre schulischen Herausforderungen meistern kann. Diese Sorgen wirken sehr authentisch und greifen reale Probleme auf. Der Roman ist voller positiver Ideen, die ein Gefühl von Hoffnung und Wohlbefinden vermitteln - gerade zum Ende hin. Sehr idealistisch, aber schön. Toja fühlt sich an ihre Vergangenheit erinnert, als sie Vica begegnet. Sie kennt all die Sorgen, die Vica plagen. Nun gibt sie das Verständnis weiter, das man ihr damals auch entgegen gebracht hat. Dabei legt Ich-Erzählerin Toja ihren Fokus nicht auf ihre eigene innere Welt, sondern auf achtsame Schilderungen, Sinneseindrücke und die tiefen Gespräche, wobei sie auch eine erklärende Funktion einnimmt, wenn es um Extrovertierte und Introvertierte und bestehende Missverständnisse geht. Das macht die Lektüre wortreich und leicht, denn man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, kann alles auf sich wirken lassen. Die Botschaft, neben vielen kleinen Lebensweißheiten, ist unmissverständlich: Introversion ist keine Schwäche.

Patricia Koelle-Wolken gibt emphatische Einblicke in die leise Kraft der Introvertierten und stärkt das Verständnis und die Toleranz - gemeinsam mit einer unerwarteten Begegnung und einem verlockendem Nautrgarten, „sinnliche Genüsse und den Wunsch, die Gegenwart zu genießen“ ergibt sich eine sommerliche Feel-Good-Athmosphäre mit sympathischen Charaktere. Wer sich für den Garten und Introversion interessiert, wird einiges mitnehmen können und mit diesem Buch eine entspannte Zeit haben.

Bewertung vom 02.07.2025
Hall, Clare Leslie

Wie Risse in der Erde


sehr gut

Es ist die Geschichte einer Frau, die zwei Männer liebte. Beth erzählt aus ihrer Sicht von dem Dreiecksverhältnis mit dem Farmer, ihrem Mann, der sie liebt, seit er dreizehn war, und dem berühmten Autor, ihrer ersten Liebe, die noch nicht auserzählt war. Ihr Leben als Farmerin, Frau von Frank und Mutter eines Sohnes ist ihr größtes Glück, doch ein tragischer Unfall ändert alles und als ihre Jugendliebe Gabriel wieder zurückkehrt, beginnt die eine Affäre, die unausweichlich schien. Sie beschreibt es als unverfälschte Nostalgie. Dabei kommt es zu einem Drama und einem Prozess, um den es immer wieder geht, wobei geschickt nicht verraten wird, was passiert ist. Für welchen Mann wird sie sich entscheiden? Welches Verbrechen führte zu dem Prozess und wer ist gestorben? Welche Tragik hat Beth heimgesucht? Das sind Fragen und Geheimnisse, die hier Weiterlesen motivieren. Während Beth von der Gegenwart 1968 erzählt, blickt sie auch zurück und berichtet von ihrem Kennenlernen mit Gabriel.

Die leichte Hörbarkeit und die durchgehend gleichbleibende Erzählperspektive macht es einfach, der Geschichte zu folgen. Zudem ist die Handlung seicht gestrickt, schon etwas klischeehaft, aber dramatisch, mitreißend und das Handeln der Charaktere wird nachvollziehbar dargestellt. Ich habe das Hörbuch gehört und Luise Helm liest sanft, gefühlvoll und hat eine sehr angenehme Stimme, der man gern zuhört. Ich konnte mir Beth gut damit vorstellen. Dadurch eignet sich das Hörbuch für Zwischendurch, wenn man etwas hören möchte, dem man gut nebenbei folgen kann und Lust auf eine tragische Geschichte hat. Auch wenn es ihr mitunter an erzählerischer Dichte und Atmosphäre fehlt, würde ich das Hörbuch empfehlen.

Bewertung vom 28.06.2025
Grandl, Peter

Reset


ausgezeichnet

Die Handlung spielt in einer nicht allzu fernen Vergangenheit, als Joe Biden noch Präsident der Vereinigten Staaten war. Die Mischung aus Realität und Fiktion ist beängstigend gut gelungen. So werden nicht nur bekannte Namen genannt, sondern auch bestehende Tatsachen berücksichtigt und katastrophal weitergesponnen, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. Es herrscht ein Cyber-Krieg und es geht um Fake News, Künstliche Intelligenz, Deepfake und Manipulation. Das Chaos bricht aus und der nationale Notstand erfordert radikale Maßnahme. Das erzwingt eine Rückbesinnung und erfordert die besten Leute, die in einer Taskforce zusammenkommen. Es ist eine Tragödie in drei Akten und beginnt mit der moralischen Diskussion, um den Abschuss einer zivilen Verkehrsmaschine in Deutschland, durch einen Kampfjet, aufgrund einer Terrorwarnung. Ein denkbares Szenario, seit dem Terroranschlägen 2001 in New York. Zu diesem Zeitpunkt herrscht bereits Chaos und so überschlagen sich die Ereignisse. Einen roten Faden gibt es dennoch und damit man den Überblick behält, ist die Liste der wichtigsten Personen, die auf den ersten Seiten zu finden ist, durchaus hilfreich.

Am Ende bleibt ein erschreckendes, aber auch überzeichnetes Szenario, was dazu anreget, sich bewusst mit technologischem Fortschritt auseinanderzusetzten. So mancher bedeutungsschwere Satz oder direkte Hinweis unternimmt den Versuch einer tiefgründigeren Erzählweise und das Vermitteln tieferer Botschaften. Gepaart mit emotionalen und actionreichen Momente ergibt sich ein unterhaltsamer Thriller, der mit unwahrscheinlichen und möglichen Szenarien spielt.


Ich hätte mir noch mehr detaillierte Eindrücke der Menschen gewünscht, denn die Handlung beschränkt sich, mit wenigen Ausnahmen, auf das Militär, die Politik, Polizei und generell die Personen, die noch bereit sind, nicht aufzugeben. Während zu Beginn die Vielfalt überwog, zieht sich zum Ende die Schlinge zu und wenige Protagonisten verbleiben im Mittelpunkt. Dafür ist für Action und Spannung gesorgt, die durch die Perspektivenwechsel noch weiter eingeheizt wird. Beim Lesen fühlte ich mich an einen Katastrophenfilm erinnert - natürlich nach bekanntem Schema mit beliebten Handlungselementen: schnelle und stetige Perspektivenwechsel, mehrere Handlungsstränge, viele handelnde Experten, dazugehörige internationale Fachbegriffe, spannungsgeladene Action, die Heldenreise eines Superintendent und ein klischeehafter Antagonist, den Hollywood nicht hätte besser inszenieren können.

Ein Thriller, der präsent bleibt, Spannung aufbaut und wichtige Themen in den Fokus rückt, aber ein paar Schwächen hat.