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Benutzername: Lenasbuecherlounge
Wohnort: Köln
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Bewertungen

Insgesamt 66 Bewertungen
Bewertung vom 17.07.2021
Bevor ich dich sah
Houghton, Emily

Bevor ich dich sah


sehr gut

Alice Gunnersley und Alfie Mack liegen beide nach lebensgefährlichen Unfällen im Krankenhaus. Alfie hat bei einem Verkehrsunfall sein Bein verloren, während Alice bei einem Brand in ihrem Büro fast ums Leben gekommen und schwer gezeichnet ist. Beide befinden sich körperlich auf dem Weg der Besserung und liegen Seite an Seite auf einer Rehastation.
Alfie ist ein aufgeschlossener junger Mann, der lebhaft und redselig ist und mit seiner fröhlichen Art das ganze Krankenzimmer und das Pflegepersonal unterhält. Alice ist dagegen verschlossen, schottet sich ab und möchte ihre Antlitz, das sie selbst nach dem Brand noch nicht betrachtet hat, niemandem zeigen. Sie versteckt sich hinter ihrem schützenden Vorhang, wird aber bald neugierig auf ihren Bettnachbarn, der hartnäckig den Kontakt zu ihr sucht.
Alfie schafft es, einen Zugang zu der traumatisierten jungen Frau zu finden und schon bald öffnen sie sich einander in nächtlichen Gesprächen. Alice fasst neuen Lebensmut und Alfie bewundert sie dafür. Sie schließen Freundschaft und entwickeln tiefere Gefühle für einander, obwohl sie sich noch nie gesehen haben und nur die Stimme des anderen kennen.
Sie blieben jedoch im Mikrokosmos des Krankenzimmers und als Alfie entlassen wird, wissen sie beide nicht, wie es weitergehen soll und ob ihre zarte Liebe unter den Umständen auch im Alltag Bestand haben kann.

Der Roman wird in kurzen Kapiteln abwechselnd aus der Sicht von Alfie und Alice erzählt. Beide verbindet durch die Unfälle, die sie erlitten haben, zunächst nur ein seelischer und körperlicher Schmerz und die Tatsache, dass ihre Leben nie wieder so sein werden, wie zuvor. Sie verbringen mehrere Wochen auf engstem Raum und erfahren so unweigerlich vom Schicksal des anderen.
Alfie möchte der verschlossenen Alice, die anfangs mit niemandem spricht, helfen und Alice merkt bald, dass sie die Einsamkeit, die ihr als Karrierefrau nichts ausmachte, nicht mehr erträgt. Durch viele scherzhaft neckende, aber auch tiefgründige Gespräche lernen sie den andern kennen und lieben.
Doch trotz allem scheint Alice nicht bereit zu sein, ihr Schicksal zu akzeptieren. Sie sieht sich als Monster und sieht keinen Lebenssinn mehr. Auch Alfie hat Probleme nach der Entlassung aus dem Krankenhaus seinen Alltag wieder aufzunehmen, insbesondere weil er Alice vermisst.

Der Roman schildert zwei vom Schicksal gezeichnete, ganz unterschiedliche Charaktere, die sich gegenseitig wieder aufrichten und durch die Liebe Kraft und neue Hoffnung schöpfen. Der Roman liest sich leicht und ist durch die vielen liebenswerten Nebencharaktere, die für humorvolle Dialoge und unbeschwerte Szenen im Krankenhaus sorgen, nicht deprimierend zu lesen.
Nichtsdestotrotz berühren die Schicksale von Alfie und Alice und es ist lebensnah geschildert, wie sie mit dem Folgen ihrer Unfälle und allen Höhen und Tiefen des Krankenhausalltags umgehen müssen. Alfie versucht mit seiner Fröhlichkeit viel zu überspielen, während Alice resigniert hat. Durch den Perspektivwechsel kann man sich in beide Personen gut hineinversetzen und ihre Strategien zur Bewältigung ihrer Traumata nachvollziehen.
Die Liebesgeschichte bleibt dabei etwas im Hintergrund, was angesichts der Erlebnisse authentisch wirkt. Beide müssen sich im Leben erst wieder neu zurechtfinden.
Der Roman lebt von der Leichtigkeit und wird vom Charme der Haupt- und Nebencharaktere getragen, die aus der schmerzhaften Geschichte einen Wohlfühlroman machen. Die Erzählung geht ans Herz, blieb mir jedoch in Bezug auf Alfies Umgang mit der Amputation zu oberflächlich und die geballte Kraft aus so vielen herzensguten, selbstlosen, immer positiven Nebencharakteren, die das bunt gemischte Krankenzimmer bevölkerten, empfand ich als zu märchenhaft.

Bewertung vom 15.07.2021
Die Bucht der Lupinen
Laurin, Johanna

Die Bucht der Lupinen


ausgezeichnet

Nachdem ihre Großmutter Louise gestorben ist, reisen die drei Schwestern Judith, Anna und Greta Berenberg nach Neufundland, um die Beisetzung zu organisieren und den Nachlass zu regeln. Beim Aufräumen und Ausmisten im Sea Garden House wird ihnen wieder bewusst, wie wenig sie über die Vergangenheit ihrer Großmutter wissen, die nie über ihre Flucht nach Neufundland sprechen und auch keine Angaben zu ihrem Großvater machen wollte.

Die Geschichte handelt auf zwei Zeitebenen und wechselt dabei zwischen der Vergangenheit, die aus der Sicht von Louise von 1935 bis zu ihrem Neuanfang nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges erzählt wird, und der Gegenwart aus der Perspektive der mittleren Schwester Anna, die vor ihrer Abreise überraschend einen Heiratsantrag von ihrem Freund bekommen hatte, sich aber unsicher ist, ob ihre Beziehung eine Zukunft hat.

Die drei Schwestern sind ganz unterschiedliche Charaktere, stehen sich aber nahe. Die älteste Judith ist Juristin und geht die Dinge pragmatisch an, Anna und Greta verlassen sich mehr auf ihre Gefühle und Intuition. Anna agiert jedoch mit Bedacht, während Greta spontan und impulsiv aus dem Bauch heraus entscheidet. Bei der Regelung des Nachlasses ergänzen sich sich auf diese Weise ideal.

In der Vergangenheit taucht man in die Lebens- und Leidensgeschichte von Lou ein, die als jüdisches Mädchen und heranwachsende Frau alle Gräueltaten des Nationalsozialismus in Hamburg und Umgebung erleben musste. Halt und Unterstützung gab ihr stets der Industriellensohn Carl von Hohenstetten, in den sie sich als Teenager verliebte.
Die Geschichte über Judenverfolgung, Gewalt, willkürliche Verhaftungen, Flucht und Vertreibung erzählt in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg nichts Neues, ist jedoch so einnehmend geschildert, dass sie zu keinem Zeitpunkt langweilig oder gar abgedroschen wäre. Ohne zu sehr zu dramatisieren, liest sie sich authentisch und lebendig. Man fühlt und leidet mit Louise mit und ist gespannt darauf zu erfahren, wie sie letztlich nach Neufundland gelangt ist und was am Ende mit Carl geschehen sein mag.

Die Gegenwart ist weitaus weniger tragisch und schicksalsträchtig, überzeugt jedoch durch das malerische Setting auf Neufundland und die liebevoll herausgearbeiteten Charaktere mit ihrem im Vergleich zu Louise kleineren Sorgen und Problemen. Auch hier erzeugt der Bezugspunkt zu Carl Spannung, bei dem es sich um den Großvater der drei Schwestern handeln könnte. Dabei bleibt trotz Auffinden eines Tagebuches, von Briefen und Fotos unklar, warum Louise so beharrlich geschwiegen hat.

"Die Bucht der Lupinen" ist ein Buch #gegendasVergessen, das in Bezug auf eine altbekannte Thematik eine emotional bewegende, atmosphärische und spannende Lebensgeschichte erzählt. Beide Handlungsstränge sind gleichermaßen wendungsreich und unterhaltsam, da die Geschichte zu keinem Zeitpunkt vorhersehbar ist und Lous Geheimnis um ihre große Liebe lange Zeit gewahrt bleibt.

Bewertung vom 13.07.2021
Der Junge, der ans Meer glaubte
Basile, Salvatore

Der Junge, der ans Meer glaubte


ausgezeichnet

Marco arbeitet als Reinigungskraft in einem Schwimmbad. Als er seinen Schwarm Virginia und ihre Freunde dabei beobachtet, wie sie elegant vom Turm springen, ist er so davon fasziniert, dass er selbst nachts im Schwimmbad Sprünge trainiert. Virginia lädt ihn daraufhin ein, mit ihnen ans Meer zu fahren. Im Wasser fühlt sich Marco frei und kann vergessen, dass er einsam und heimatlos ist und als Kind von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht wurde. Im Übermut und um sich vor Virginia und ihren Freunden zu beweisen, springt Marco von einer Klippe, verletzt sich zum Glück aber nicht so massiv. Die Einschränkungen, unter denen er nach dem Sprung leidet, sind vor allem psychischer und weniger physischer Natur. Seine Psychotherapeutin Lara kümmert sich engagiert um den 18-Jährigen und stellt fest, dass sie Marco von früher kennt. In der Hoffnung, ihm zu helfen und selbst ihren Frieden zu finden, nimmt sie ihn aus therapeutischen Gründen mit in ihr Heimatdorf Sarcola.

"Der Junge, der ans Meer glaubte" ist eine zunächst melancholische, fast schon beklemmende Geschichte, denn Marcos Leben ist eintönig und einsam. Als Waisenkind hat er keine Wurzeln und fühlt sich ungeliebt, er hat nie gelernt, was es heißt, Halt zu haben und Geborgenheit zu empfinden. Beim Sprung ins Wasser spürt er den Nervenkitzel und kann beim Abtauchen seine Traurigkeit vergessen. Nach seinem Unfall ist Marco wütend und resigniert und möchte sich zunächst nicht helfen lassen. Virginia und Lara sind die ersten Menschen, die sich um ihn bemühen und es schaffen, ihn langsam wieder aufzubauen. Marco weiß nicht, was ihn in dem Dorf erwartet. Er bekommt durch den Aufenthalt bei Lara in Sarcola jedoch die Chance, seine Wurzeln zu finden, zu erkennen, wer er ist, und hat damit die Chance auf einen Neuanfang ohne weiter mit der Ungewissheit seiner Vergangenheit zu hadern.

Der Roman erzählt eine tiefgründige Geschichte über zweite Chancen, die Bedeutung der Familie und über die Suche nach sich selbst. Sie ist wunderschön empathisch und feinfühlig geschrieben und mit einem Hauch von Magie unterlegt. Die Schicksale der Charaktere, neben Marco auch die der Nebencharaktere Lara und Antonio, berühren und es ist verständlich, dass sie sich nach den Ereignissen in der Vergangenheit zurückgezogen haben und die Hoffnung auf ein wenig Glück verloren haben. Es ist schön zu sehen, wie Lara und Marco in Sarcola aufblühen und auch Antonio neugierig auf den verwundeten Jungen und seine ehemalige Nachbarin Lara wird.
Die Beschreibung des Settings ist so eindrucksvoll malerisch, dass man sich selbst an und ins Meer versetzt fühlt und dessen Unberechenbarkeit erkennt. Auch das kleine Fischerdorf und Antonios Hof mit den Zitronenbäumen und Malven hat man bildhaft vor Augen.
Der Roman schenkt Hoffnung, zeigt, dass es nie zu spät ist, neu anzufangen, dass Wunder geschehen können und dass es möglich ist, eine belastende Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich und anderen verzeihen zu können. Freundschaft, Mut und der Glaube an sich selbst sind die Kräfte, die mobilisieren und die am Ende auch Herzen öffnen.

Bewertung vom 11.07.2021
Die Liebesbriefe von Abelard und Lily
Creedle, Laura

Die Liebesbriefe von Abelard und Lily


gut

Die 16-jährige Lily leidet unter ADHS, weshalb sie Konzentrationsschwierigkeiten und eine gestörte Impulskontrolle hat. Insbesondere in der Schule macht ihr die Erkrankung zu schaffen, da sie trotz ihrer Intelligenz aufgrund ihrer Unaufmerksamkeit schlechte Noten schreibt und als Sonderling gilt. Medikamente helfen zwar die Symptome zu lindern, Lily fühlt sich damit aber wie betäubt.
Als sie wegen einer demolierten Tür in der Schule nachsitzen muss, lernt sie Abelard näher kennen, der unter Asperger leidet und ähnlich wie sie ein Außenseiter ist. Die beiden finden einen Zugang über den Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloise, einem Liebespaar aus dem Mittelalter, aus deren Texten sie zitieren. Jeden Abend schreiben sich Lily und Abelard Nachrichten, denn ein persönlicher Kontakt ist aufgrund Abelards Erkrankung, durch die es ihm schwerfällt mit anderen Menschen zu interagieren, geschweige denn zu berühren, schwierig.

Der Roman ist aus der Sicht von Lily geschildert. Die Geschichte ist deshalb etwas chaotisch beschrieben, denn Lilys Gedanken sind sprunghaft. Die Erzählung wirkt deshalb sehr authentisch, denn auf diese Weise kann man sich gut in die Teenagerin hineinversetzen und wie es ist, unter ADHS zu leiden und Legasthenikerin zu sein. Ihr fällt es oft schwer, andere Menschen zu verstehen, sich länger auf eine Sache zu konzentrieren und adäquat in bestimmten Situationen zu reagieren, insbesondere wenn diese Stress auslösen. Lily ist oft überfordert, wird schnell ungehalten und würde am liebsten weglaufen. Sie richtet unfreiwillig Chaos an und schämt sich dafür.

Durch die Zuneigung zu Abelard, der wie sie besonders ist, fühlt sich Lily nicht mehr ganz so falsch. Er akzeptiert sie, wie sie ist und auch sie nimmt seine Defizite hin, auch wenn sie nicht wirklich weiß, wie sie mit ihnen umgehen soll oder wie sie Abelard helfen kann.

Die Liebesgeschichte beschränkt sich lange auf einen SMS-Verkehr und wenige Besuche Lilys bei Abelard. Es ist keine leidenschaftliche oder sonderliche gefühlvolle Erzählung, erhält aber durch die Zitate aus den mittelalterlichen Liebesbriefen etwas Originelles, was zu den besonderen Protagonisten passt. Dass beide diese doch relativ unbekannten Texte kennen, fand ich allerdings etwas konstruiert. Auch dass sich ihre Gefühle so schnell so intensiv entwickelten, fand ich nicht glaubwürdig.

"Die Liebesbriefe von Abelard und Lily" ist eine warmherzige Geschichte, die dem/ der Leser*in die Erkrankungen ADHS und Asperger und welche Folgen sich daraus für die Betroffenen, aber auch ihre Angehörigen, ergeben, näher bringt. Mit der Liebesgeschichte als solche wurde ich nicht richtig warm, eine Freundschaft zwischen den beiden sensiblen Sonderlingen wäre vor dem Hintergrund ihrer sozialen Defizite glaubwürdiger gewesen. Insbesondere in Bezug auf Abelard verspürte ich keine Emotionen, weshalb es mir mit der Verliebtheit zu schnell gibt. Lilys Sehnsucht nach Liebe war dagegen nachvollziehbar, vor allem da sich auch ihre beste Freundin Rosalind frisch verliebt hatte.
Durch die Distanz, die sich im Verlauf des Romans zwischen Abelard und Lily ergibt, wird der Fokus weiter auf Lily gerückt. Ihre persönliche Weiterentwicklung, der Umgang mit ihren familiären Problemen und der Versuch einer neuen medizinischen Behandlung, um ihr in Bezug auf ADHS zu helfen, interessierte mich dagegen weitaus mehr und konnte mich im Vergleich zur holprigen und etwas unpersönlich textlastigen Liebesgeschichte mehr fesseln.

Bewertung vom 10.07.2021
So leise wie ein Sommerregen
Lastella, Leonie

So leise wie ein Sommerregen


sehr gut

Als die 18-jährige Hope vom Tod ihres Vaters erfährt, bricht für sie eine Welt zusammen. Zeitgleich findet sie zudem heraus, dass ihre Mutter ihren Vater betrügt - und das vermutlich seit Jahren. Am Tag der Beisetzung lernt Hope Cooper kennen, der völlig unvoreingenommen einfach für sie da ist und ihr in ihrer Trauer und Wut Halt gibt und Verständnis zeigt. Er selbst gerade erst zurück zu seinem Stiefvater nach Newport/ North Carolina gezogen, um nach einem schwerwiegenden Fehler neu anzufangen. Auch wenn beide anfangs noch nicht bereit für eine Beziehung scheinen, treffen sie sich bald täglich und können ihre Verbindung nicht mehr nur auf einer freundschaftlichen Basis belassen. Gemeinsam erleben sie eine unbeschwerte Zeit und können ihre Sorgen und Probleme für den Moment ausblenden und neue Kraft schöpfen. Doch das Glück ist fragil, denn ein Geheimnis drängt sich zwischen sie, das ihre junge Liebe gefährdet.

"So leise wie ein Sommerregen" ist ein Young Adult-Roman, der abwechselnd aus der Perspektive von Hope und Cooper geschrieben ist, so dass man als Leser*in Einblicke in beider Gefühlswelten erhält und ihre Sorgen nachvollziehen kann. Hope ist voll Trauer und Wut, vermisst ihren Vater schrecklich und gibt ihrer Mutter indirekt die Schuld am Tod. Das Zusammenleben der beiden ist konfliktgeladen und als Hopes Mutter ihrer Tochter ihren neuen Lebenspartner vorstellt, wird es nicht einfacher. Cooper schottet sich dagegen von seinem Stiefvater ab, möchte niemandem zur Last fallen und bereut zutiefst, was er in jüngster Vergangenheit getan hat.

Die Liebesgeschichte zwischen Hope und Cooper entwickelt sich wenig überraschend, dafür jedoch glaubwürdig, denn die beiden nähern sich nur zögerlich an, fassen Vertrauen und kommen sich erst dann körperlich nahe. Wie sie die Zeit hinter dem Rücken ihrer Familien miteinander gestalten, ist romantisch und voller Emotionen beschrieben. Man spürt, wie die beiden aufblühen und sich gegenseitig aus ihren dunklen Löchern ziehen. Hope kann die Probleme mit ihrer Mutter bei Cooper abladen, während er Vertrauen fasst und Hope seine Vergangenheit offenbart.
Früh zeichnet sich ein Happy End ab, aber als Leser*in ahnt man, dass das noch nicht alles gewesen sein kann und dass es noch ein Detail geben muss, dass ihre noch junge Beziehung zerstören kann. Was dann jedoch zwischen ihnen steht, ist letztlich nicht so groß wie erwartet und wird für meinen Geschmack zu sehr aufgebauscht und dramatisiert. Coopers Angst, Hope zu verlieren, konnte ich nicht wirklich nachvollziehen. Seine Schlussfolgerungen empfand ich als übertrieben.
Die Geschichte ist bis zu diesem konstruierten Konflikt abwechslungsreich und vor allem sehr empathisch geschildert. Die Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit beider junger Protagonisten ist spürbar und glaubwürdig. Es sind zwei Teenager, die beide aus der Bahn geworfen worden sind und gemeinsam wieder in die Spur kommen.

"So leise wie ein Sommerregen" ist ein vielschichtiger Roman über die erste Liebe, über Trauer, Enttäuschungen, familiäre Konflikte, Lügen und Geheimnisse, der durch die vielen gemeinsamen Glücksmomente, die Hope und Cooper erleben, trotz aller Melancholie eine positive Atmosphäre vermittelt und Hoffnung schenkt.
Fazit: Ein Buch für junge Romantiker*innen, die das Drama lieben.

Bewertung vom 08.07.2021
Betreff: Falls ich sterbe
Setterwall, Carolina

Betreff: Falls ich sterbe


ausgezeichnet

Wenige Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Ivan erhält Carolina von ihrem Lebensgefährten Aksel eine verstörende E-Mail mit dem Betreff "Falls ich sterbe", in der er ihr seine Passwörter und Anweisungen im Fall seines Ablebens erteilt. Fünf Monate später stirbt Aksel tatsächlich unerwartet an Herzversagen.

"Betreff: Falls ich sterbe" ist eine autofiktionale Geschichte, in der Carolina rückblickend erzählt, wie sie Aksel kennengelernt, wie sie versucht hat, ihre Beziehung voranzutreiben und Aksel mehr oder weniger unter Druck gesetzt hat, mit ihr eine Familie zu gründen. Aksel war eher ein Leisetreter, der die Dinge langsam angehen lassen wollte und mit seinen Gefühlen hinter dem Berg hielt.
Der Tod ihres Lebensgefährten ist trotz der unterschiedlichen Vorstellungen, die sie in Bezug auf ihre Beziehung hatten, für die junge Mutter ein Schock. Sie weiß nicht, wie sie über den Verlust hinwegkommen und wie sie Ivan eine gute Mutter sein soll. Familie und Freunde werden zu einem Netz, das sie auffängt, während Carolina es als ihre Hauptaufgabe ansieht, Ivan glücklich zu machen und dabei ihre eigenen Bedürfnisse hinten anstellt.
Als Carolina Sehnsucht nach einem neuen Partner bekommt und tatsächlich einen alleinerziehenden Vater kennenlernt, der mit ihr sein Leben verbringen möchte, ist es Carolina, die sich zurückzieht und der es mit der neuen Familiengründung zu schnell geht.

"Betreff: Falls ich sterbe" ist ein eindrucksvoller Roman über Trauer und die Verarbeitung des Verlusts eines geliebten Menschen. Es ist spürbar, dass Carolina das alles selbst erlebt hat, denn der Roman ist lebensnah, ergreifend und dabei bewundernswert offen und ehrlich geschildert. Carolina wirft rückblickend auch einen kritischen Blick auf ihre Beziehung mit Aksel, beschönigt und verklärt nichts. Sie ist kritisch sich selbst gegenüber und hat mit Schuldgefühlen zu kämpfen, indem sie sich fragt, ob sie Aksel mit ihrer unnachgiebigen Art nicht überfordert hat. Sie merkt auch, dass es falsch ist, sich nach Aksels Tod abzuschotten und nur noch für Ivan zu leben, kann aber gleichzeitig nicht davon lassen, ihn als Schutzschild zu verwenden und all ihre Kraft aufzuwenden, um ihn glücklich zu machen.

Es ist ein persönliches Buch, in dem Carolina direkt Aksel anspricht, als wäre er noch bei ihr und könnte ihr sein Plazet für ihr Handeln erteilen. Die Autorin schafft es ihre Gefühle - von Trauer über Wut, Angst, Hoffnung bis hin zu Sehnsucht und Schuld - schonungslos ehrlich darzustellen und den Leser*innen ihre Geschichte zu vermitteln, als würde man ein Tagebuch lesen.
Ich konnte mich wunderbar in Carolina hineinversetzt und bewunderte ihre brutale Ehrlichkeit. Ihre Geschichte kann anderen Trauernden Kraft und Mut schenken, denn sie zeigt, dass alle widerstreitenden Gefühle erlaubt sind und dass es bei der Verarbeitung eines Verlusts kein Richtig und Falsch gibt und jeder ganz individuell seine Zeit braucht, um damit fertig zu werden.

Bewertung vom 06.07.2021
WATCH - Glaub nicht alles, was du siehst
Meisheit, Michael

WATCH - Glaub nicht alles, was du siehst


weniger gut

Nachdem ihr Vater gestorben ist und Tina in finanziellen Schwierigkeiten ist, nimmt sie ein dubioses Angebot ein, das ihr überraschend eröffnet wird. Sie soll für eine größere Summe für ein paar Wochen in London leben, ohne Bezug zu ihrem bisherigen Leben herzustellen. Tina fällt dies in ihrer Situation nicht schwer und lässt sich bereitwillig darauf ein. Schnell findet sie durch Bezirzen ihres Aufsehers heraus, dass sie das Double einer Tochter eines kriminellen arabischen Clan mimen soll, was ihr jedoch bald zu heiß wird.
Europol vermutet, dass der Clan, der von deutschen Neonazis Sprengstoff erworben hat, einen Terroranschlag plant und ist dabei, den Verdacht mittels des Überwachungssystems "Watch" aufzuklären.

Nach einem spannenden Einstieg mit dem ominösen Jobangebot, das Tina offeriert wird, war ich wenige Kapitel später kurz davor das Buch abzubrechen. Da mich die unnötig vulgäre Sprache der Charaktere nervte und ich gelangweilt von belanglosen und völlig überflüssigen Sexszenen und Sexfantasien der Protagonisten war. Da ich aber dennoch wissen wollte, was es mit der Strategie der Araber auf sich hatte, eine Doppelgängerin für Clan-Tochter Alia zu engagieren, habe ich weitergelesen.
Die Perspektive wechselte sodann weg von der schlüpfrigen Tina zu den Ermittlern von Europol, die im Rahmen ihrer Ermittlung gegen den arabischen Clan auf das Double stoßen. Dabei benutzen sie eine das System Watch eine Gesichtserkennungssoftware gekoppelt mit einem Zugriff auf offenbar alle Kameras der Welt. Sie beobachten damit, wen sie ins System einspeisen und können dabei ganze Bewegungsbilder erstellen, ohne dass der Betroffene etwas davon merkt.
Dieses Szenario, in dem Datenschutz und realistische Polizeiarbeit keine Rolle spielten, erinnerte mich mehr an einen Science-Fiction-Roman als an einen spannenden, glaubwürdigen Thriller.

Ich hatte ganz andere Erwartungen an das Buch und die Rolle von Tina, konnte mich in keine der zahlreichen handelnden Personen hineinversetzen und fand weder eines der Opfer noch einen der Ermittler sympathisch. Die Verfolgung der Doppelgängerin ist zwar spannend, aber da die Methode so an den Haaren herbeigezogen ist, konnte mich die Geschichte nicht wirklich fesseln. Die Erklärung am Ende, wie alles zusammenhängt, ist im Vergleich zum fortwährenden Terrorismusverdacht enttäuschend banal, Tinas Rolle im Showdown fernab jeder Realität.
Das Frauenbild, das vor allem zu Beginn vermittelt wird, ist zum Davonlaufen, aber auch Klischees gegenüber anderen Ethnien wie Arabern und Asiaten werden allzu plakativ plattgetreten.
Die Arbeit von Europol, kriminelle Clan-Strukturen, korrupte Ermittler - all dies hätte zu einem spannenden Kriminalfall beitragen können. Der machohafte Erzählstil hat mir aber leider gar nicht zugesagt und auch die Handlung war für mich nicht stimmig.

Bewertung vom 04.07.2021
Der beste Sommer aller Zeiten
Hilderbrand, Elin

Der beste Sommer aller Zeiten


gut

Der Sommer 1969 ist für die Familie Levin anders als die Jahre zuvor. Bisher haben sie die Ferienzeit gemeinsam auf der Insel Nantucket bei der Matriarchin Exalta verbracht, doch im April wurde der einzige Sohn Tiger in die Armee eingezogen und muss in Vietnam seinen Dienst am Vaterland verrichten. Mutter Kate ist in großer Sorge um ihr liebstes Kind und auch Nesthäkchen Jessie, die Tiger näher steht als ihren Schwestern, kann den Sommer nicht so unbeschwert verbringen. Zu zweit sind sie bei der Großmutter auf Nantucket, wo Kate ihren Kummer sehr zum Missfallen ihres Mannes David im Alkohol ertränkt und Jessie Erfahrungen mit der ersten Verliebtheit macht. Die älteste Schwester Blair ist hochschwanger und kann deshalb nicht reisen, die rebellische Kirby möchte sich von der Familie abnabeln und hat sich einen Ferienjob in einer Pension auf der Nachbarinsel Martha's Vineyard besorgt.

Der Roman ist wechselnd aus der Perspektive der weiblichen Protagonisten geschrieben. Jede von ihnen hat mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen, so dass der Sommer 1969 nicht ganz so unbeschwert ist, wie der Titel des Buches suggeriert.
Die Charaktere bleiben dabei blass, keine der Frauen hat herausragende Eigenschaften oder entwickelt sich im Verlauf des Romans weiter. Auch ihre Schwierigkeiten - von Untreue, über Schuldgefühle und Verlustängsten bis hin zur Ungleichbehandlung von Schwarzen und Weißen bzw. Männern und Frauen, Rassismus und sexueller Übergriffe - werden lediglich oberflächlich behandelt.
Das Setting auf den Inseln, das sommerliche Gefühl von Sonne, Strand und Meer ist spürbar und macht aus dem Buch die perfekte Strandlektüre, das historische Setting ist dagegen weniger anschaulich umgesetzt. Ein Gefühl für den ereignisreichen amerikanischen "Summer of '69" mag sich nicht so richtig einstellen.
Die Geschichte ist durch die verschiedenen thematisierten Probleme und den Wechsel zwischen vier Charakteren zwar abwechslungsreich, plätschert aber inhaltlich vor sich hin. Neben einer einnehmenden Persönlichkeit fehlt es mir sowohl an einem roten Faden als auch an Spannung. Einzig die Aufdeckung eines lange gehüteten Familiengeheimnisses sorgte für ein wenig Aufregung.

Die anderen Sommerromane der Autorin "Inselschwestern" und "Ein neuer Sommer" haben mir wesentlich besser gefallen.

Bewertung vom 03.07.2021
No Way Out - Es gibt kein Entkommen / Detective Inspector Adam Fawley Bd.3
Hunter, Cara

No Way Out - Es gibt kein Entkommen / Detective Inspector Adam Fawley Bd.3


sehr gut

Beim Brand eines luxuriösen Hauses in Oxford kann ein Kind nur tot geborgen werden, der ältere Bruder erliegt wenig später seinen Verletzungen im Krankenhaus. Die Eltern gelten als vermisst, bis auch die Mutter Samantha in den Trümmern des Hauses tot aufgefunden wird. Der Vater Michael meldet sich weiterhin nicht und gilt deshalb als Hauptverdächtiger und wird polizeilich gesucht. Ermittlungen bei Nachbarn, Bekannten und Familienangehörigen ergeben, dass sich die Familie Esmond seit dem letzten Sommer seltsam verhalten hat. Samantha litt offenbar an postnatalen Depressionen, der zehnjährige Sohn Matty machte sich Sorgen um sie, weil sie angeblich einen Geist gesehen hat und Michael wurde der sexuellen Belästigung bezichtigt. Ob die persönlichen Probleme etwas mit dem Brand zu tun haben, ist ungewiss, Tatsache ist jedoch, dass das Haus aus dem Familienbesitz unter der Verwaltung eines Treuhandfonds steht und die Erben nur im Falle einer Katastrophe wie eines Brande finanziell profitiert hätten.

"No Way Out - Es gibt kein Entkommen" ist der dritte Band einer Reihe um den Ermittler Detective Inspector Adam Fawley. Rund um seine Person ermitteln diverse weitere Kollegen, in dem Fall der Brandstiftung, was ich etwas unübersichtlich empfunden habe. Meiner Meinung nach empfiehlt es sich deshalb die Reihe von Anbeginn zu lesen, um mit den verschiedenen handelnden Personen vertraut zu werden.
Der Schreibstil ist sprunghaft, die Perspektiven wechseln fortlaufend. Irritierend fand ich die Ich-Perspektive des Chefermittler, der im Rahmen des Falls jedoch eher eine untergeordnete, passive Rolle hat.
Durch Zeitungsartikel, E-Mails und Verhörprotokolle ist der Krimi anschaulich und abwechslungsreich gestaltet. Die umfangreichen und vielfältigen Ermittlungen in dem schwierigen Fall wirken authentisch.
Darüber hinaus erhält man durch Rückblenden Einblicke in das Leben der Familie mehrere Monate vor dem Brand, die zeigen, dass in der Familie etwas im Argen lag, wodurch ich nicht nur Vater und Mutter, sondern auch der ältere Sohn verdächtig machen. Aber hat wirklich einer von ihnen den Brand versursacht?
Gerade die Rückblenden, die Hintergründe zur Familie und mögliche Motive offenlegen, verleihen dem Kriminalroman im Vergleich zu den aufgrund der Umstände mit wenig verwertbaren Daten und vielen Mutmaßungen zu Beginn zähen Ermittlungen Spannung. Als die Polizei immer mehr Details aus dem Leben der Esmonds in Erfahrung bringen, ergänzen sich die beiden Handlungsstränge zu einer packenden Mischung aus Kriminalfall und dramatischer Familiengeschichte.

Fazit: Ein wendungsreicher Kriminalroman mit einem komplexen, undurchschaubaren Fall, bei der mir die Anzahl der Ermittler zu groß war. Sie blieben deshalb konturlos und verwirrten mich bei der Aufklärung des Falls. Die Reihe würde ich insofern nur bei einem weiteren interessanten Fall verfolgen, nicht jedoch aufgrund der Charaktere DI Fawley und seiner Kollegen.

Bewertung vom 01.07.2021
Du und ich ein letztes Mal / New York Summers Bd.1
Oliver, Lily

Du und ich ein letztes Mal / New York Summers Bd.1


sehr gut

Drei Jahren waren Vivi und Josh zusammen glücklich, sind um die Welt gereist und haben in ihrer unbeschwerten Verliebtheit gemeinsam die verrücktesten Dinge erlebt, bis sie erkannten, dass sie trotz Liebe nie miteinander glücklich werden würden und sich letztlich schmerzvoll trennten. Zwei Jahre nach ihrer Trennung begegnen sie sich in New York wieder und haben immer noch starke Gefühle für einander. Sie möchten vernünftig sein, einander loslassen und beschließen dazu, alle ersten Momente miteinander noch einmal zu erleben - zum allerletzten Mal.

Der melancholische Roman wird abwechselnd aus der Perspektive von Vivi und Josh erzählt. Beide Charaktere sind sich in ihrem Verhalten und ihren Gedanken so ähnlich, dass die Kapitel kaum zu unterscheiden sind. In Rückblenden wird geschildert, wie sich Vivi und Josh fünf Jahre zuvor auf der Golden Gate Bridge begegnen, sich in New York ineinander verlieben und anschließend ganz spontan nach Shanghai reise. Neben Studium, Projekten und beruflichen Verpflichtungen entdecken sie gemeinsam die Welt. Auch in der Gegenwart schwelgen sie in Erinnerungen und möchten auch ganz bewusst vergangene Momente wiederherstellen.
Sehr anschaulich begleitet man ihre Reisen und kann sich die besonderen Orte, die sie miteinander verbinden, bildhaft vorstellen. Es ist zu spüren, dass es sich bei Vivi und Josh um Seelenverwandte handelt, dass sie sich aufrichtig lieben und alles miteinander teilen möchten, aber gleichzeitig ist eine Dunkelheit vorhanden, die ihre Beziehung prägt und die von Anbeginn bedrohlich wirkt.
Lange bleibt rätselhaft, was die beiden für Geheimnisse verbergen, was ihre Beziehung gefährdet und was letztlich zur Trennung und dem bedingungslosen Kontaktabbruch geführt hat.

Diese Ungewissheit sorgt für Spannung, während man sich fragt, ob es wirklich der richtige Weg ist, gemeinsame Erinnerungen hervorzuholen und noch einmal zu erleben, um sich danach endgültig voneinander zu lösen. Belügen die beiden sich damit selbst? Ist es vielleicht vielmehr ein Versuch zu entdecken, dass es mit einem zweiten Anlauf doch zwischen ihnen funktionieren kann und dass sie die Chance auf eine gemeinsame Zukunft haben, in der sie beide trotz der persönlichen Schwierigkeiten, die sie haben, glücklich sein können?
Das sind Fragen, die den/ die Leser*in unweigerlich während des Romans, der so gefühlvoll, empathisch und leidenschaftlich geschrieben ist, bewegen und den/ die Romantiker*in auf ein Happy End hoffen lassen, denn so eine intensive Liebe sollte doch alle Hindernisse überwinden können.
Die innere Zerrissenheit der Charaktere und ihre widerstreitenden Gefühle sind authentisch und nachvollziehbar dargestellt. Durch den Wechsel der Perspektiven erhält man tiefe Einblicke in beiderlei Emotionen und Gedanken. Der Roman tritt dann ein wenig auf der Stelle. Ich hätte mir früher eine Erklärung für die Trennung gewünscht, um dann auch ihre jeweiligen Probleme noch vertiefter erfahren zu können.

"Du und ich ein letztes Mal" ist ein aufwühlendes Buch über Erinnerungen, Wünsche und Hoffnung, über die große Liebe, Sehnsucht, Vergebung und Loslassen können. Es ist eine emotionale Reise, in der die Probleme, die die beiden Protagonisten trennen, erst spät gewahr werden, aber eine schlüssige Erklärung für das Hin und Her und den Schmerz, den die beiden sich immer wieder gegenseitig zufügen, liefern.