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Bewertungen

Insgesamt 183 Bewertungen
Bewertung vom 04.08.2019
Zevin, Gabrielle

Das Verhältnis


ausgezeichnet

Klug, geschickt und packend erzählt: Kampfansage in den Zwischentönen!

„Das Verhältnis“ schreibt Autorin Gabriele Zevin unglaublich klug und gekonnt und packt vieles geschickt zwischen die Zeilen und in die Zwischentöne. Auf den ersten Blick ist „Das Verhältnis“ daher keine feministische Kampfschrift, anders als der Hinweis auf #metoo beim Klappentext vielleicht vermuten lässt. Und vielleicht finden manche das Buch daher fast etwas zahm, aber aufmerksam gelesen ist es bissig und deckt Doppelmoral und alltäglichen Sexismus ebenso auf wie strukturellen. Das ist die große Kunst von Autorin Gabrielle Zevin. „Eine smarte, feministische Meisterleistung“, hat die Washington Times über „Das Verhältnis“ geschrieben und da möchte ich mich anschließen.

Anfang der 2000er hat die junge Praktikantin Aviva ein Verhältnis mit dem Kongressabgeordneten Levin. Natürlich findet Aviva nach diesem Verhältnis nie wieder einen Job, ihr Boss, der Kongressabgeordnete behält hingegen sein Amt allerdings – auch, wenn er noch höhere Weihen danach abschreiben kann. „Das Verhältnis“ schildert Avivas Geschichte, deren Auswirkungen und die Doppelmoral im Rückblick aus der Sicht von fünf Charakteren.

Das Buch hat mich bereits mit diesen beiden grandiosen Sätzen auf der ersten Seite gepackt: „Ich möchte gar nicht unbedingt einen Ehemann. Sie machen viel Arbeit, aber ich will auch nicht den Rest meines Lebens allein verbringen, und es wäre schön mit jemandem gemeinsam Kurse zu besuchen.“
Diese lakonisch, treffenden, klugen Aussagen der fünf Charaktere machen dieses Buch für mich so besonders. Die Autorin erzählt auch den jüdischen Background der Figuren toll. Gabrielle Zevin hat das Buch in fünf Abschnitte gegliedert, die jeweils komplett aus Sicht der jeweiligen Erzählerin geschrieben sind. Mir haben auch die unterschiedlichen Erzählformen ausnehmend gut gefallen: Das Mädchen Ruby schreibt Emails an ihre pakistanische Brieffreundin. Avivas Teil wird in Form eines Entscheidungsbuchs geschrieben. Ich hatte kurz die Befürchtung, dass ich selbst diese Entscheidungen treffen muss (ich mochte solche Bücher noch nie), aber die Autorin nutzt nur sehr gekonnt die Form.

Zevins Frauen sind sehr reflektiert und ehrlich. Besonders treffend, aber auch schmerzlich, wird die Autorin, wenn diese Frauen nebenbei etwas schildern, weil sie es verdrängen oder selbst (noch) nicht erkennen können. Egal, wie reflektiert du sein magst, du kannst nicht hinter jede Misogynie blicken. Erst recht nicht, wenn du selbst sie denkst. Das macht so schmerzlich bewusst, wie sehr Frauen anderen Frauen im Weg stehen können, wenn Frauensolidarität ausbleibt.

Den Klappentext, erst recht den Spruch: „Hinfallen, aufstehen, Krone richten“ finde ich deutlich zu flapsig. Ich denke, das könnte den*die eine oder andere Leser*in auf eine falsche Fährte Richtung leichten Frauenroman und damit zu Enttäuschung führen. Zwar liest sich „Das Verhältnis“ für mich sehr leicht und beschwingt, aber das ambivalente Verhältnis aller Figuren zu Selbstbestimmung verschließt sich einer einfachen Deutung und muss andauernd dechiffriert werden. Außerdem stimmt der Satz ja genau nicht: Aviva kann nicht einfach nur die Krone richten, das verweigert die Gesellschaft ihr. Und das „Prinzessinnen“-Bild hat eh feministisch seine Tücken und das Marketing tappt damit in die selbe Falle wie Avivias Mutter, wenn sie es benutzt: „Ich finde den Begriff jüdisch-amerikanische Prinzessin beleidigend, aber wenn die Tiara passt…“ Und beim Hinweis auf #metoo könnte der*die Leser*in eben auch eine offensichtliche Kampfansage erwarten. Für mich ist „Das Verhältnis“ eine Kampfansage in den Zwischentönen.

Ein gewichtiges Buch, das sich für mich aber völlig leicht, ja stellenweise sogar beschwingt liest. Daher wird „Das Verhältnis“ sicherlich nicht das letzte Buch sein, dass ich von der Autorin Gabrielle Zevin lesen werde. Ich spreche eine absolute Leseempfehlung aus und vergebe volle 5 Sterne.

Bewertung vom 04.08.2019
Amell, Carolina

Surf Like a Girl (dt.)


ausgezeichnet

Von Meer, Schönheit, Engagement und Surfragetten

Ich bin noch nie in meinem Leben auf einem Surfbrett gestanden, aber mich hat das Surfen schon immer fasziniert: Es braucht großen Mut, sich der Naturgewalt Wasser auszusetzen, die so sanft scheint und so unerbittlich ist. Und Frauen können sich dieser Naturgewalt genauso stellen. Mit „like a girl“ werden Tätigkeiten von Frauen noch zu häufig abgetan und als minderwertig angesehen. Der Bildband „Surf like a girl“ beweist auf eindrucksvolle Weise, dass dies eine Ehrenbezeichnung ist.

Carolina Amell vereint in dem Bildband die Fotografien und Biografien von Surferinnen, die oftmals ihre Arbeit selbst mit der Kamera festhalten. Mit wunderschönen Bildern zeigt der Bildband zeigt nicht nur die Frauen – und er zeigt das Meer in vielen Facetten, in seinen Blautönen, in seiner Struktur (manchmal auch auf Schwarz-Weiß-Bildern), seine Ruhe, die Gischt, die sanften Wellen und die gigantischen.
Ich wusste bislang noch nicht, dass es Big-Wave-Fotografie gibt, aber nun liebe ich sie. In dem Bild von Maria Fernanda bricht das Licht durch einen Teil der Welle, so dass ich das Wasser in all seinen Schichten sehen kann. Wunderschön!
Neben den doppelseitigen Fotografien ist auch die Zusammenstellung von mehreren Fotos auf einer Doppelseite wundervoll gelungen. Immer wieder werden einzelne Zitate in die Bilder integriert pointiert. Der Prestel-Verlag veröffentlicht einfach tolle Bildbände.

Aber in „Surf like a girl“ geht es nicht nur um Optik. Die engagierten Frauen setzen sich für eine nachhaltige Lebensweise ein, kämpfen für Umwelt- und Klimaschutz sowie für die Gleichberechtigung und Solidarität. Die irische Surferin Easkey Britton schildert bspw., dass die Mondphasen den Lauf des Meeres genauso beeinflussen wie ihre Menstruation. Die Frauen werden in in engen Wetsuits oder Bikini gezeigt, aber den Bildern geht Voyeurismus völlig ab. Meine Lieblings-Textpassage (der Kommentar von „Surfragette“ Marta Tomasini ist auch der längste Textbeitrag des Buchs) räumt auch gleich mit den Klischees von den sexy Surferinnen auf. Mit viel Selbstironie und Pragmatismus schreibt Tomasini von Bräunungsstreifen, kaputter Frisur oder davon, dass sie den Bikini gerne gegen einen Wetsuit tauscht, um nach einem Wipeout nicht nackt aufzutauchen, weil sich gerne mal die Bikini-Teile verabschiedet haben. Frau kann mit 61 noch surfen (Anne Taravet) oder schwanger (Stéphanie Goldie) und Frauen wie Meryem El Gardoum aus Marokko haben auf mit dem Short- oder Longboards Klischee durchbrochen.
Am allerspannendsten fand ich auch die Bios der BIWoC, wie der beiden Schwestern Ikit und Aping Agudo von den Philippinen. Ihr selbstbewusstes Zitat: „We embrace our Filipino identity and skin color“ feiert Diversity.

Einige kleinere Kritikpunkte hatte ich dann doch: In den Texten fielen mir in der Übersetzung an ein paar Stellen kleine Redundanzen auf. Nach welchem Muster die wundervollen Zitate übersetzt wurden – und wann nicht, habe ich nicht ganz verstanden. Bei dem Arugam Bay Girls Surf Club hätte ich es noch schöner gefunden, wenn nicht nur die drei Gründerinnen sondern zusätzlich auch die Frauen aus Sri Lanka selbst zu Wort gekommen wären. Und wenn es im Buch schon so viel um Nachhaltigkeit geht, könnte der Verlag doch bitte, bitte mal die Folieneinschweißung weglassen. Das mindert aber meine Begeisterung nicht.

Ich hatte erst überlegt, das Buch einer Freundin zu schenken. Nun bin ich aber in „Surf like a Girl“ so verliebt, dass ich es einfach nicht mehr hergeben kann. Ich kann ihn allen empfehlen, die das Meer lieben oder das Surfen oder Frauen jenseits der üblichen Rollen sehen und die (Gender-)Diversity wichtig finden. Mit 38 Euro ist der Bildband aber kein Schnäppchen, so dass ich schlecht schreiben kann, holt ihn euch alle. Aber es ist vermutlich nicht verwunderlich, dass ich 5 begeisterte Sterne vergebe.

Nach dem Motto eines meiner Lieblingszitate im Buch:
„Catch waves, not Pokémon.“