Einsame Wölfe - Ein slow burning Standalone-Krimi des norwegischen Erfolgsautors
"Du bist kein Wolf im Schafspelz, du bist ein Schaf im Wolfspelz." (S. 307)
Jo Nesbø zählt zu den bekanntesten norwegischen Schriftstellern. Mit seiner Harry-Hole-Serie erlangte er Weltberühmtheit und Kultstatus. Nun erschien sein neuer Roman MINNESOTA im Ullstein-Verlag. Es handelt sich nicht, wie oft vermutet, um einen neuen Reihenauftakt, sondern um einen Standalone-Krimi. Dass Nesbø sich ausgerechnet Minnesota als Schauplatz ausgesucht hat, ist kein Zufall. Fast eine Millionen Norweger sind nach Amerika ausgewandert und haben sich bevorzugt im Mittleren Westen niedergelassen. In der Rahmenhandlung reist ein norwegischer Journalist 1922 nach Minnesota, um für einen Kriminalfall zu recherchieren, der sich bereits 2016 ereignet hat. Schnell wird klar, dass er einen persönlichen Bezug zu diesem Fall hat. Die Rahmenhandlung bleibt aber Rahmenhandlung und wäre aus meiner Sicht entbehrlich gewesen.
Im Mittelpunkt des Romans steht Bob Oz, ein norwegisch-stämmiger Ermittler, der nach einem tragischen Schicksalsschlag auf der Kippe steht, und seinen Kummer mit Alkohol und Frauengeschichten (Spitzname "One-Night-Bob") betäubt, einen senfgelben Kaschmirmantel trägt und unter Impulskontrollverlust leidet. Eine Parallele zu Harry Hole, ja, doch im Gegensatz zur Hole-Reihe handelt es sich bei MINNESOTA nicht um einen Thriller, sondern um einen Spannungsroman, der dem slow-burn-Genre zuzuordnen ist. Der Fokus liegt auf starken Charakterstudien und tiefgängigen, fast schon philosophischen Dialogen. Wer actiongeladene kurze Kapitel sucht, wird mit diesem Werk nicht glücklich werden.
Nesbø beschäftigt sich in MINNESOTA eindrücklich mit dem uralten Thema der Rache, der Frage nach Gerechtigkeit und platziert dies in der zerrissenen und auseinanderdriftenden US-Gesellschaft kurz vor der ersten Präsidentschaft von Donald Trump. Die NRA (National Rifle Association) wirbt für den ungehinderten Zugang der Amerikaner zu Waffen, während täglich Menschen dieser Politik zum Opfer fallen. Während die einen in Gated Communities vermeintliche Sicherheit genießen, sind die anderem dem Terror der Straße im Stadtteil Jordan ausgesetzt, wo Drogengangs um die Vorherrschaft kämpfen. Die Atmosphäre ist bedrückend. Und doch leben hier Menschen mit ihren alltäglichen Sorgen.
Ein Krimineller wird angeschossen und Bob Oz ermittelt, obwohl er vom Dienst suspendiert wird. Wie ein Wolf beißt er sich fest, begibt sich auf die Spur des vermeintlichen Täters, der den Spitznamen "Lobo" trägt, was auf Spanisch Wolf bedeutet. Und dann ist da noch der Präparator Mike Lunde, der neben Raubtieren vor allem Haustiere präpariert. Daneben gibt es auch drei starke Frauen, Oz' Kollegin Kay Myers, seine Ex-Frau Alice und Barkeeperin Liza, die das Buch bereichern. Doch die Männer stehen im Mittelpunkt, und so ist das Cover mit der blutigen Wolfsspur im Schnee gut gewählt.
Insgesamt betrachtet, ein spannender Krimi mit psychologischem Tiefgang, langsamem Spannungsaufbau und einer komplexen Geschichte - ein Puzzle, dessen Teile sich nach und nach zusammenfügen. Ich vergebe überzeugt fünf Sterne ⭐⭐⭐⭐⭐.
Packende Fortsetzung der Serie um die Hauptkommissarinnen Maline Brass und Lou Vanheyden
Nach vier Jahren Pause erschien 2025 endlich die Fortsetzung der Reihe um die Hauptkommissarinnen Maline Brass und Lou Vanheyden. Der Titel KÖLNER VERGELTUNG ist sicherlich dem Vermarktungskonzept des emons:-Verlages geschuldet, der auf Regionalkrimis setzt. Wer hier aber einen seichten Lokalkrimi erwartet, der kennt Myriane Angelowski nicht.
Wie bereits in allen Vorgängerbänden stehen Menschen im Mittelpunkt, die sich in prekären Situationen befinden. Menschen am Rande der Gesellschaft, Frauen und Kinder, die gefährdet sind und Gewalt erfahren. Dieser gesellschaftskritische Ansatz bedingt automatisch, dass es sich auch bei KÖLNER VERGELTUNG um keinen Wohlfühlkrimi handelt. Das Buch geht unter die Haut. Das betrifft sowohl den eigentlichen Kriminalfall - eine Frau wird schwer verletzt aufgefunden, ihr kleiner Sohn ist verschwunden - als auch die Nebensträngen. Einer davon behandelt einen sehr persönlichen Schicksalsschlag, mit dem Lou Verheyden konfrontiert wird. Wer den Ort der Handlung kennt, weiß dass sich dort Vergleichbares ereignet hat. Angelowski bringt es sehr eindrücklich zu Papier.
Gewohnt schonungslos ist der Schreibstil, der mich seit Band 1 gepackt hat. KÖLNER VERGELTUNG ist ein Pageturner, den ich insbesondere gegen Ende nicht mehr aus der Hand legen konnte. Ich spreche eine 100%ige Leseempfehlung aus und hoffe, dass ich auf Band 8 der Reihe nicht zu lange warten muss.
„Du wirst dir noch wünschen, dich wieder zu langweilen. Schon bald. Glaub mir nur das.“
Sarah Trafford, geb. Tucker lebt zusammen mit ihrem Ehemann Mike gut situiert in Oxford. Während er Karriere macht und sich dabei immer weiter von den Idealen ihrer Studienzeit entfernt, führt Sarah nach gescheiterten beruflichen Versuchen das klischeehafte Leben einer gelangweilten Hausfrau. Der Glanz der Verliebtheit ist verblasst, Kinder gibt es nicht. Sarahs verrückte beste Freundin hingegen hat vier Kinder und einen neuen Ehemann, der langweilig und unsympathisch wirkt. Warum hat Sarah ausgerechnet diese beiden, Wigwam und Rufus, eingeladen, als Mike einen wichtigen Geschäftspartner und dessen aufgetakelte Frau zum Dinner erwartet? Während es drinnen immer weiter eskaliert, explodiert wenig entfernt ein Haus. Bereits in diesem Moment wüsste ich, dass ich das Buch lieben würde.
DOWN CEMETERY ROAD von Mike Herron ist im englischen Original bereits 2003 erschienen. Nun wurde der Auftakt zu einer Reihe um die Privatermittlerin Zoë Boehm erstmal in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Grund dafür ist eine Verfilmung mit Emma Thompsen, die zu dieser Ausgabe ein enthusiastisches Vorwort beiträgt. Der Untertitel „Zoë Boehm ermittelt“ ist hier allerdings noch nicht so ganz passend, denn in diesem Band spielt Frau Boehm noch keine Hauptrolle.
Die Handlung führt uns zurück in die Zeit des Irakkrieges. Großbritannien steht an der Seite der Vereinigten Staaten, und da scheint jedes Mittel recht zu sein, um militärische Erfolge zu erzielen und dreckige Geheimnisse nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Wer also bei den Stichworten Hausfrau und Privatermittlerin einen Cosy Crime erwartet, der wird mit diesem Buch nicht glücklich. DOWN CEMETERY ROAD ist ein Thriller mit Tiefgang, politisch, realistisch und dabei trotzdem nicht übertrieben bluttriefend. Gerade dadurch entsteht eine gewisse Glaubwürdigkeit. Mir hat die Komplexität der Handlung sehr gefallen, die zudem um unerwartete Plot Twists bereichert wird. Geprägt vom britischen Humor überzeugt der Erzählstil mit sarkastischen und zynischen Einschüben. Vielschichtige Gedanken bestimmen die Zeichnung der Charaktere und runden die Geschichte ab.
Fazit: Eine Lektüre, die sich lohnt. Ich vergeben gerne 5 Sterne ⭐⭐⭐⭐⭐und spreche eine eindeutige Leseempfehlung aus.
Im Märchen symbolisiert der Wolf im Wald eine Gefahr und das Böse. Grimm nannte den Wolf das böseste aller Raubtiere, und wer kennt nicht die Märchen, in denen der Übeltäter ein Wolf ist? Auch der Wald wird häufig als Gefahrenquelle beschrieben. Karin Fossum greift dieses Motiv in ihrem Roman EIN STILLES MÄDCHEN auf. Kein Rotkäppchen, aber die brave kleine Kandis, ein sechsjähriges Mädchen in einem hübschen blauen Kleid steht im Mittelpunkt der Erzählung. Ein Mann bringt sie in den Wald und warnt sie vor dem Wolf. Doch wer stellt am Ende die größere Gefahr da, der Mann oder der Wolf?
EIN STILLES MÄDCHEN ist der dritte Band der Autorin mit dem norwegischen Ermittler Eddie Feber, kann aber problemlos als Einzelbuch gelesen werden. Fossum schreibt unaufgeregt, nicht die Handlung steht im Vordergrund, sondern Dialoge und Gedanken. Dadurch erzeugt sie eine tiefgründige Atmosphäre, die gelegentlich ins Philosophische übergeht. Wieviel Leid kann ein Mensch ertragen? Was bewegt ihn dazu, Schreckliches zu tun? Und was ist das Böse?
Die düstere Atmosphäre von EIN STILLES MÄDCHEN steht in der Tradition skandinavischer Kriminalromane. Doch Fossum fokussiert sich nicht auf die Ermittlerarbeit und den Fall, sondern sie blickt tiefer. Gerade dieser tiefgehende psychologische Blick erzeugt eine literarische Qualität, die mich von diesem Buch überzeugt hat. Sicher eine anspruchsvolle, aber lohnende Lektüre.
Diesmal ist es Victor Hugo, der die Richtertochter Johanna Ahrend zu neuen Abenteuern führt. Während ihre Mutter auf der Suche nach einer guten Partie für Johanna ist, lernt diese einen jungen Mann kennen, der als schwarzes Schaf seiner Familie gilt, Malerei studiert und Les Misérable liest, als Johanna auf ihn aufmerksam wird. Durch Jan, so sein Name, gerät Johanna in sozialistische Kreise. Wie es ihre Art ist, scheut sie kein Risiko, um gegen die soziale Ungerechtigkeit zu kämpfen. Dabei beobachtet sie auf einem Fabrikgeländezufällig ein Verbrechen, welches sie natürlich auf eigene Faust aufzuklären versucht.
Zeitgleich wartet Criminalcommissar Hermann Rieker händeringend auf einen Mordfall, um nicht gegen die Sozialisten als Spitzel eingesetzt zu werden. Doch solch einen Fall wie den in der Tapetenfabrik hätte er sicherlich nicht erwartet.
Ralf H. Dorweiler setzt mit DIE FARBE DES BÖSEN die historische Krimireihe um Johanna Ahrend und Hermann Rieker fort. Dabei schildert er wie gewohnt sehr lebendig und gut recherchiert die prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen in der aufstrebenden Industrie. Dorweiler beschreibt detailreich Zustände, die wir uns heutzutage kaum noch vorstellen können. Hier zeigt sich eine Parallele zu Fantine aus Les Misérable. Gerade diese authentischen Beschreibungen der Armut und Not haben mich schon beim Vorgängerband DER HERZSCHLAG DER TOTEN fasziniert.
Doch auch der Kriminalfall ist spannend und aufwühlend zu gleich. Zwischenzeitlich konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Interessant ist auch die Begegnung mit den damals neuen wissenschaftlichen Methoden. Die kriminalistische Forensik war noch im Entstehen begriffen. Auch der damalige Stand der Zahnmedizin spielt eine Rolle und ist nichts für empfindliche Gemüter. Am Ende wurde ich durch DIE FARBE DES BÖDEN nicht nur gut unterhalten, sondern habe ganz nebenbei interessante Dinge erfahren.
Fazit: Eine Lektüre, die sich lohnt. Ich vergeben gerne 5 Sterne ⭐⭐⭐⭐⭐ und spreche eine eindeutige Leseempfehlung aus.
Der Krieg ist vorüber, aber das Leben der Menschen in Berlin im Hungerwinter 1946/47 ist kein leichtes. Kälte und Hunger bestimmen den Tag, überall herrschen Chaos und Entbehrungen. Eine neue Polizei wird gerade erst aufgebaut, doch die Bedingungen sind alles andere als gut. Kriminalkommissar Alfred König geht es nicht anders, er friert und hungert und soll nun unter widrigen Bedingungen ermitteln. Und dann ist da Lou Faber, eine Fotografin, die eine weibliche Leiche findet.
Anne Stern beschreibt die harten Bedingungen des Hungerwinters so eindrücklich, dass man die Kälte spürt. Sie erschafft eine eisige Atmosphäre, in welcher man die Strickjacke etwas enger zuzieht und gebannt die Zeilen des Romans verfolgt. Und Stern nimmt sich dafür sehr viel Zeit. Man muss sich einlassen auf dieses Buch, dass detailreich und sehr ausführlich das historische Setting beschreibt. Doch gerade dadurch wirkt der Roman unglaublich authentisch. Die Stimmung ist bedrückend und düster. Wie sollte es auch anders sein? Hier wird nichts geschönt und dennoch ist der Schreibstil oft geradezu poetisch.
Das gilt auch für die Charaktere. Es sind Menschen, die einen Krieg überlebt haben dabei Narben an ihrem Körper und auf ihrer Seele davongetragen haben. Sie haben Traumata erlitten, Verluste erlitten, haben sich oft auch schuldig gemacht, denn es gibt in der Realität selten ein einfaches gut oder böse. Besonders gelungen finde ich die gedanklichen Einblenden der Vergangenheit und der Bezug auf aktuelle Ereignisse wie die Nürnberger Prozesse oder den Film Die Mörder sind unter uns.
Sehr spannend finde ich auch das Cover, das einen Blick durch ein Objektiv gewährt. Es ist, passend zur damaligen Zeit, in schwarz-weiß gehalten. Überraschend ist das Motiv, ein eher sommerliches Kettenkarussell. Ein Ausblick auf eine bessere Zeit? Jedenfalls endet das Buch mit Cliffhangern, so dass ich den Folgeband kaum abwarten kann. Die Krimihandlung des ersten Bandes ist aber abgeschlossen, schlüssig aufgelöst und nimmt an Spannung immer mehr zu. Doch wie gesagt, man muss sich Zeit lassen und erst einmal eintauchen in die damalige Zeit.
Ich spreche eine eindeutige Leseempfehlung aus und vergebe 5 Sterne ⭐⭐⭐⭐⭐ für einen großartigen Reihenauftakt.
Düsteres Verwirrspiel in der Forensischen Psychiatrie
"Ich heiße Anna Salomon und bin hier genau am richtigen Ort. "
"In der JVA Weyer zu sein, fühlt sich gleichzeitig so richtig und so falsch an. Ich suche Heilung an einem Ort, dem die Gefahr aus jeder Pore strömt, und weiß am Ende doch nicht sicher, ob mein Plan überhaupt aufgehen wird. "
Was bewegt eine junge Frau dazu, sich um eine Anstellung in einer forensischen Psychiatrie zu bewerben? Anna, die Hauptprotagonistin des Romans tritt kurz nach Abschluss ihres Studiums eine neue Stelle in einer fiktiven JVA in der Nähe von Köln an. Sie hat sich bewusst für den Einsatz im dortigen Maßregelvollzug entschieden, und nach und nach wird klar, dass sie dafür nicht fachliche sondern persönliche Gründe hat. Sie ist geradezu besessen von einer Mission, über die ich hier nicht zu viel verraten will. Mit Anna erleben wir den Alltag des Maßregelvollzugs, die beklemmende Atmosphäre der Justizvollzugsanstalt, die Auseinandersetzung mit gefährlichen Straftätern und eine ständige Bedrohung, denn irgendjemand weiß um ihre Motivation und spielt ein perfides Spiel mit ihr.
In Rückblenden lesen wir die Tagebucheinträge von Sina, einer jungen Frau, die sich in einer toxischen Beziehung befindet und zudem noch gestalkt wird. Auch hier gelingt es der Autorin sehr gut, die psychische Anspannung von Sina darzustellen.
Und dann ist da noch Leon, ein Mann, der durch sein dysfunktionales Elternhaus geprägt wurde. Gerade in Bezug auf Leon wird die Leserin mit Szenen konfrontiert, die nichts für zarte Gemüter sind.
Der Roman trägt den Titel SAFE SPACE. Bestgen spielt wunderbar mit der Doppeldeutigkeit dieses Begriffs, denn Safe Space bezeichnet in der Psychologie das geschützte Verhältnis zwischen Therapeut*in und Patient*in. Da Anna so sehr von ihrer eigenen Motivation getrieben wird, verletzt sie diesen fachlichen Anspruch, Gleichzeitig wird ihr eigenen Safe Space, ihr Schutzraum, immer kleiner. Und das gilt gleichermaßen für Sina. So hält die Autorin durchgehend einen Spannungsbogen aufrecht, der das Buch zu einem Pageturner macht. Dabei spielt sie ein düsteres Verwirrspiel mit den Lesenden.
Typisch Psychothriller habe ich als Leserin keinen Wissensvorsprung vor der Hauptperson. Ich erlebe die Handlung durch Annas Augen, doch ich werde mit ihr nicht wirklich warm. Ihre Obsession empfand ich zunehmend als unangenehm. Überhaupt waren mir sowohl Anna als auch Sina zu eindimensional und statisch gezeichnet, es mangelt ihnen an einer charakterlichen Tiefe. Aber das macht Bestgen durch das hervorragende Setting, durch ihren gut zu lesenden Schreibstil und unerwartete Plot-Twists mehr als wett.
Sehr gut gefallen hat mir auch das Cover mit einem auffallenden orangen Farbschnitt und einem minimalistischen Cover mit einem ebenfalls orangefarbenem Stacheldraht. orange ist eine Warnfarbe und so wird direkt klar, dass hier eine Gefahr droht.
Fazit: Es hat mir Spaß gemacht zu ergründen, von wem diese Gefahr ausgeht und zu erleben, wie die Handlungsfäden miteinander verknüpft werden. Wer ein spannendes Leseerlebnis sucht und sich gerne von Plot Twists unterhalten lässt, wird hier einen Thrillergenuss erleben.
Ich vergebe ⭐⭐⭐⭐ 4 Sterne und freue mich auf weitere Bücher der Autorin.
Mit DANN RUHEST AUCH DU bringt Sandra Åslund ihre Trilogie um Maya Topelius zu einem großartigen Abschluss. Das Cover fügt sich sehr schön in die Reihe ein, der Wiedererkennungswert ist gegeben. Diesmal ist ein dunkles Rot die dominierende Farbe. Eine einsame Kirche, um die Vögel vor einem dunklen Himmel kreisen, stimmt auf eine spannende Handlung ein. Auch wenn hier eine Burgruine oder ein einsames Gutshaus besser zur Handlung gepasst hätten.
Nachdem der zweite Teil mit dem Cliffhanger geendet hat, indem Mayas Schulfreundin Clara in einem Telefonat mitteilt, dass sie die verschollene Mitschülerin Ingrid gesehen habe, will Maya einen Besuch bei ihren Eltern in der småländischen Stadt Kalmar dazu nutzen, diesem Hinweis nachzugehen. Zudem ist ein Kennenlernen zwischen ihrem Freund Christoffer und ihren Eltern geplant. Aber natürlich kommt Maya auch diesmal ein Mord dazwischen.
Der esoterische Sonderling Johann entdeckt in der Ruine von Schloss Borgholm die Leiche einer Frau. Schnell zeigt sich, dass das Opfer professionell hingerichtet wurde. Beim Opfer handelt sich um eine Journalistin und die Spur führt ins rechtsradikale Milieu. Maya und ihr Kollege Pär sollen die Ermittlungen übernehmen. Aber nicht jeder vor Ort empfängt die Verstärkung aus Stockholm mit offenen Armen.
Mit diesem Band knüpft Sandra Åslund an den ersten Band der Trilogie an, was Spannung und die Einbeziehung gesellschaftspolitischer und politischer Themen betrifft. Dabei erzeugt sie eine ungeheure Spannung. Die Charaktere werde meist sehr gut beschrieben, wobei in diesem Band neben Maya auch ihre Freundin Clara im Mittelpunkt steht. Und neben den offiziellen Ermittlungen rückt auch die Frage in den Fokus, was zur Schulzeit der Freundinnen wirklich passiert ist. Åslunds Schreibstil ist so lebendig und fesselnd, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Am Ende hätte ich mir lediglich zu zwei Personen noch mehr Informationen gewünscht, was dem Roman aber keinen so großen Abbruch tut, dass ich deshalb die Bewertung reduzieren müsste.
Ich würde mir wünschen, dass Åslund sich noch einmal überlegt, ob die Serie nicht fortgeführt werden könnte. Ich würde einen vierten Band auf diesem Niveau jedenfalls begrüßen.
Ich spreche eine eindeutige Leseempfehlung aus, würde den Band aber nicht ohne die Vorkenntnisse aus Band 1 und 2 empfehlen. Manches würde dann einfach nicht erschließen.
Elly Griffiths hat sich bereits einen Namen als britische Krimischiftstellerin gemacht. Mit MANCHE SCHULD VERGEHT NIE (im Original: THE FROZEN PEOPLE) legt sie nun einen unerwarteten Mix aus Krimi und Zeitreise vor. Während der englische Originaltitel an den Begriff der Cold Cases anknüpft, lässt der deutsche Titel eine generationsübergreifende Schuld biblischen Ausmaßes vermuten. Am Ende hat sich mir die Wahl dieses Titels dann nicht erschlossen. Vielleicht liegt es daran, dass Band 1 nicht vollständig in sich abgeschlossen ist. Es bleiben noch viele Handlungsstränge offen. Das ist schade, denn Griffith hat erzählerisch so viel zu bieten. Die Beschreibungen der ProtagonistInnen und des Settings sind einfach großartig und lebendig. Gerade beim Blick zurück in das Viktorianische England meint man die Lebensbedingungen, winterliche Kälte, hygienische Bedingungen, andere Essgewohnheiten und gesellschaftliche Rollen mit allen Sinnen wahrnehmen zu können. Das ist für mich der große Pluspunkt des Buches. Auch ein Kriminalfall in der Gegenwart sorgt für Spannung. Ali Dawsen, die Hauptprotagonistin des Romans, wird seht sympathisch und lebensecht dargestellt, so dass sie mir auf Anhieb sympathisch war. Es hat Spaß gemacht, in ihre Welt und mit ihr gemeinsam in die Vergangenheit abzutauchen. Allerdings ergriff mich eine innere Unruhe, je mehr sich das Buch dem Schluss zuneigte, denn irgendwann war klar, dass nicht mehr alle Handelsstränge auf den verbleibenden Seiten würden aufgelöst werden können. Das hat mich bei aller Sympathie für die Grundidee des Buches und den Schreibstil etwas unbefriedigt zurückgelassen. Nun bleibt Band 2 abzuwarten, in der Hoffnung, dass dieser das Geschehen abrundet.
Ich vergebe trotzdem eine Leseempfehlung für Krimifans und solche, die auch einen Touch Fantasy/Mystery mögen. Freunde von SF und naturwissenschaftlicher Erklärungen werden sich weniger angesprochen fühlen. ⭐⭐⭐⭐
STILL IST DIE NACHT ist der zweite Band der Maja-Topelius->Reihe der deutschen Krimiautorin Sandra Åslund. Das Cover mit einem blauen Holzhaus neben einer Schweden-Flagge passt hervorragend zum ersten, in grüngehaltenen Band und - wie dank der Werbung bekannt ist - ebenso gut zum in rot gehaltenen dritten Band. Sehr schön sind die im Innencover enthaltenen Karten der Schäreninsel Svartlöga, dem Schauplatz der Handlung. Wie bereits im ersten band gibt es am Ende des Buches ein Glossar mit den verwendeten schwedischen Begriffen und Rezepte, die hier aber nicht zur Handlung passen.
STILL IN DER NACHT knüpft an die Ereignisse in IM HERZEN SO KALT AN, und es sicherlich von Vorteil, dass ich den ersten Band gelesen habe. Dennoch lässt sich das Buch wahrscheinlich auch ohne diese Vorkenntnisse lesen. Allerdings waren meine Erwartungen nach Band 1 relativ hoch, und - ich sage es gleich - Sandra Åslund konnte diese leider nicht erfüllen.
STILL IN DER NACHT dreht sich in weiten Teilen um die Beziehung zwischen den Freundinnen Maja und Emily. Die Ermittlerin nimmt an einem Yoga-Retreat der Freundin auf einer kleinen Schäreninsel teil. Was Sandra Åslund wunderbar gelingt, ist die Beschreibung der Insel und ihrer Atmosphäre. Auf Svartlöga leben heutzutage vor allem Sommerfrischler, aber es gibt keine Kanalisation und keinen Anschluss ans Stromnetz. Das klingt idyllisch und ein wenig nach Bullerbü. So stellt sich eine angenehme Wohlfühl-Atmosphäre ein, zumal auch gleich noch Midsommar gefeiert wird. Åslund lässt sich Zeit, bis die eigentliche Krimihandlung in Fahrt kommt. Die Leiche lässt auf sich warten. Stattdessen präsentiert die Autorin uns viel Meditation und Om, und noch viel mehr Privates aus dem Leben von Maja und Emily. Es gibt Konflikte um das Thema Vertrauen und Geheimnisse, und irgendwann beginnt mich dieser Zwist zwischen den beiden zu nerven. Vor allem, als es endlich eine Krimi-Handlung gibt und diese immer wieder in den Hintergrund gerät. Denn ehrlich gesagt kann ich Majas Verhalten diesbezüglich nicht nachvollziehen.
Ihr Kollege Pär nimmt hier nur eine Nebenrolle ein und Maja ermittelt inkognito. Allerdings überzeugt sie mich in dieser Rolle gar nicht. Zumal sie sich weiterhin mehr mit ihren persönlichen Befindlichkeiten auseinandersetzt als mit den eigentlichen Fällen. Zudem wirkt die Dramatik einer durch Unwetter von der Außenwelt abgeschotteten Insel während einer Mordermittlung sehr gekünstelt. Es stellt sich einfach kein Locked-Room-Feeling ein. Dazu liegt der Fokus zu wenig auf der Krimi-Handlung. Täter und Opfer werden nicht annähernd so tiefgehend dargestellt wie Maja und ihre Freundin. Die Ermittlungen nehmen weniger Raum ein als das Private und das Esoterische. Während Band 1 noch ein gesellschaftspolitisches Thema mitbehandelt, fehlt so ein interessanter Ansatz hier weitestgehend.
Dennoch war es eine angenehme Lektüre und ich werde sicherlich auch den dritten Band lesen, um die Serie zum Abschluss zu bringen. Für STILL IN DER NACHT kann ich aber nur drei Sterne vergeben.
⭐⭐⭐
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