Benutzer
Benutzername: 
Kwinsu
Wohnort: 
Salzburg

Bewertungen

Insgesamt 142 Bewertungen
Bewertung vom 22.01.2026
Marshall, Kate Alice

Eisnebel (MP3-Download)


gut

Hörbuch: Theo ist frisch verliebt und schon verlobt: sie ist sich sicher, dass Connor der Richtige ist. Zweifel kommen allerdings auf, als sie seiner Familie vorgestellt wird: die stinkreichen Angehörigen sind ihr gar nicht geheuer. Als sie schließlich Warnungen erhält, sie solle sich von Connor fern halten, ist die Verunsicherung perfekt. Auch das seltsame Verhalten der meisten Familienangehörigen Connors mit Anspielungen auf Theos Vergangenheit lassen sie schaudern, dazu kommt das unheimliche, abgelegene Bergdomizil, das sie zusätzliche Bedrohung fühlen lässt. Schnell stellt sich hieraus, dass ihr Bauchgefühl auf der richtigen Fährte ist...

Grundsätzlich ist der Spannungsaufbau der Geschichte gut. Von Anfang an spürt man eine Unwohlsein und das Gefühl, das irgend etwas nicht stimmt mit diesem Winterdomizil und Connors Familie. Lange war ich mir auch nicht sicher, ob nicht Connor selbst ein falsches Spiel spielt, was noch dadurch verstärkt wird, dass Theo gewisse Geheimnisse entdeckt. Ein großes Rätselraten beginnt auch damit, als Theo die Fernhalte-Warnungen bekommt. Es gibt viele Verstrickungen, die anfänglich noch gar nicht erahnt werden können, weder von Theo selbst, noch von den Leser*innen, was zusätzliche Spannungsmomente schafft.

Nun das Aber: die Figurenzeichnung empfinde ich als sehr oberflächlich. So richtig konnte mir nicht vermittelt werden, was Theo so toll an Connor findet und was die beiden tatsächlich verbindet. Die Familienangehörigen und sonstigen Figuren empfinde ich als ziemlich (US-amerikanisch) klischeehaft und platt. Das Thema der extrareichen Familie, die keine zukünftige Ehefrau Connors dulden mag, die aus der unteren "Schicht" stammt, weil sie ohnehin nur auf das Geld aus ist, zieht sich von Anfang bis Ende durch und wirkt für mich nicht sonderlich glaubwürdig und ehrlich gesagt auch ziemlich unkreativ. Obwohl Theo schon einiges durchgemacht hat in ihrem Leben, ist sie erstaunlich naiv. Das hat mich teilweise so geärgert, dass es mich komplett aus der Spannung herauskatapultiert hat. Ebenso die einseitige Darstellung der Charaktere - es scheint nur Gut und Böse zu geben, Zwischenschattierungen sind rar gesät. Leider wird auch nur aus der Sicht der Protagonistin erzählt, ein Perspektivenwechsel zwischendurch hätte der Geschichte bestimmt mehr Tiefe und zusätzliche Spannung gegeben.

Zur Hörbuchumsetzung: ich mag die Stimme der Sprecherin wirklich sehr gerne, sie ist tief und rau, was besonders gut passt um die unheimliche Stimmung im Winterdomizil wiederzugeben und die Spannung aufrecht zu erhalten. Wozu sie aber m.E. nicht passt, ist Theo: die Protagonistin ist 24 Jahre alt, die Stimme klingt aber viel älter, das war für mich leider nicht stimmig und hat mich bis zum Schluss irritiert. Was ich aber wirklich nicht gut und teilweise unerträglich fand, war die Aussprache der US-amerikanischen Namen: während einige Namen, wie Theo oder Connor noch absolut erträglich ausgesprochen wurden, tat es bei Alexis (Aläksis) und Paloma (Palouma) schon dezent weh, bei dem zahlreich vorkommenden Sebastian (Sebesstschn) trieb es mir aber ziemliche Aversionen auf, was dazu führte, dass ich die Geschichte regelmäßig unterbrechen musste und ich teilweise schon gar nicht mehr weiterhören wollte. Auf so etwas reagiere ich aber extrem, das geht anderen bestimmt anders, ich weiß ob meiner Monkischheit. Ich habe mich trotzdem gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, die Namen mit dieser Sprecherin deutsch auszusprechen (wovon ich eigentlich auch kein Fan bin).

Mein Fazit: wer einen spannenden Thriller sucht, dem es nicht stört, dass die Figuren klischeehaft us-amerikanisch und ohne Tiefgang sind, wird hier sicher gut unterhalten. Beim Hörbuch ist die Stimme toll, auch wenn sie nach meinem Dafürhalten nicht zur jungen Hauptfigur passt und die Aussprache der US-amerikanischen Namen einem klaren Denglisch zugeordnet werden kann.

Bewertung vom 21.01.2026
Sternbaum, Nico

Hilf den Tierkindern


ausgezeichnet

Katze, Schaf, Huhn, Hase und Hund bekommen in diesem entzückenden Mitmachbuch für Kinder ab 1,5 Jahren ihren großen Auftritt - ob mitmiauen, Kopfwackeln, Farben erkennen oder Streicheln, das Büchlein regt die Kleinsten an, mit verschiedenen Sinnen mitzumachen. Die Illustrationen sind sehr süß und kindgerecht, wobei ich sagen muss, dass sie mir persönlich auch sehr, sehr gut gefallen und sehr lustig sind - hier in Österreich würde man liebevoll sagen, dass die Tiere teilweise "schaßaugat" dreinschauen ;)

Ich habe das Buch mit meinem kleinen zweijährigen Neffen durchgeblättert, vorgelesen und nachgemacht - und er hat begeistert mitgemacht und viel dabei gelacht. Sogar seine fünfjährige Schwester hat sich aktiv beteiligt und ihm vorgezeigt was zu tun ist, wenn er nicht schnell genug reagiert hat :D

Die Texte sind auch angenehm kurz und sprechen die Kleinen direkt an, in einer adäquaten Sprache. Mir gefällt auch gut, dass immer nett erklärt wird, was passiert, nachdem man den Tieren "geholfen" hat. Hier wird auch untereschwellig vermittelt, dass gemeinsames Tun etwas schönes ist und Positives bewirkt. Die Seiten sind wie bei solchen Büchlein für die ganz kleinen Kinder aus dickem Karton und fühlen sich sehr wertig und langlebig an.

Ich kann "Hilf den Tierkindern" von Nico Sternbaum nur wärmstens für die kleinsten Mitmachkinder empfehlen!

Bewertung vom 21.01.2026
Ólafsdóttir, Auður Ava

Eden


ausgezeichnet

Alba, Sprachwissenschaftlerin an der Uni in Reykjavík, begegnet einem Haus am Land, mit dem sich ihr Leben ändert. Kurzerhand beschließt sie, es zu kaufen, sie lässt sich ein auf die Dorfgemeinschaft und beginnt langsam ihr Leben zu verändern. Und wir Leser*innen dürften in Ausschnitten dabei sein.

Gleich vorweg: Auður Ava Ólafsdóttirs "Eden" ist eines meiner Jahreshighlights aus dem Jahr 2025! Ich liebe das Sprunghaftige an diesem Buch, die vielen Auslassungen, die einen stets überraschen, manchmal auch überrumpeln, die vielen Fragezeichen, die beim Lesen aufkommen, die offensichtliche Verdrängung diverser Tatsachen der Protagonistin, die Übergriffigkeit der Dorfgemeinschaft, die Alba völlig egal zu sein scheint, die Interaktion der Charaktere, die distanziert und gleichzeitig voller Inniglichkeit ist, die Atmosphäre der Landschaft, die in keinem isländischen Buch fehlen darf und das stimmige Ende. Es hat alles, was isländische Literatur ausmacht, es ist ein wenig schräg, teilweise unzugänglich (vor allem wenn man das Land nicht kennt), voller Philosophie, die Figuren sind zutiefst menschlich, schrullig und nachvollziehbar, fügen sich in die karge aber wunderschöne Landschaft, sind mit Tieren verbunden und dann gibt es auch noch dieses Etwas, was nicht zu beschreiben ist.

Wenn ich so darüber sinniere, merke ich, dass ich das Buch gleich wieder lesen will und eigentlich auch sonst alles von dieser Autorin. Die Geschichte ist voller schöner Begegnungen, einer ungewöhnlichen Normalität und Selbstverständlichkeit, fein beobachtet und festgehalten. Was nicht unerwähnt bleiben darf, ist der ganz eigene Humor, der immer mitschwingt, vor allem wenn Alba von der Presse immer und immer wieder auf einen Literaten hingewiesen wird, mit dem sie offensichtlich eine spezielle Verbindung hat und dies geflissentlich ignoriert und einfach unkommentiert stehen lässt.

Eden ist ein Leseerlebnis, das aufgrund seiner Schrulligkeit und bloßen Besonderheit bestimmt nicht jedem gefällt. Wer aber eine Vorliebe für fein Beobachtetes, Schräges, Schwarzhumoriges und kein Problem mit bewusst eingesetzten Auslassungen hat, sollte dieses Buch unbedingt lesen. Ich muss sagen: ich liebe es!

Bewertung vom 21.01.2026
Häffner, Hannah

Die Riesinnen


ausgezeichnet

"Was haben sie daran geglaubt, dass sie zusammengehören, nur um festzustellen, dass nichts für die Ewigkeit sein kann, was menschlich ist." (S. 277)

Drei Frauen, so groß, so rothaarig, so anders - und trotzdem gehören sie dazu. Nach Wittenmoos, einem kleinen Dorf im Schwarzwald, borniert, konservativ, jeder weiß über jeden Bescheid. Sie brechen aus in ihrer Haltung, ohne den Ort wirklich lange zu verlassen. Liese übersteht eine langweilige und trostlose Ehe, die von Gewalt gezeichnet ist. Halt gibt ihr ihre Tochter Cora, die bereits als Kind zur Außenseiterin wird. Im jungen Erwachsenenalter flieht sie aus dem engen Korsett der Dorfgemeinschaft, nur um kurze Zeit später in schwangerem Zustand und resigniert wieder zurückzukehren. Ihre Tochter Eva will eigentlich gar nicht weg aus Wittenmoos, studiert kurz in einer größeren Stadt, um danach, sowie die beiden anderen Frauen auch, ihre Bestimmung zu finden.

Hannah Höffner ist mit "Die Riesinnen" ein grandioser, literarisch anspruchsvoller Roman gelungen, der drei Generationen von Frauen portraitiert, die anderes für sich gewollt hätten, das Leben aber so nehmen, wie es kommt, um das beste daraus zu machen. Der Schreibstil der Autorin ist sehr poetisch, teils nüchtern, oft philosophisch, was einem durchaus etwas abverlangt. Ihr Sinn, eine dichte und eindrückliche Atmosphäre zu schaffen, ist feinfühlig und atemberaubend zugleich. Die Geschichte wirkt aus der Zeit gefallen und ist deshalb umso einnehmender. Das gesellschaftliche Korsett der Dorfgemeinschaft ist eng geschnürt, deshalb ist es umso erstaunlicher, dass sie trotzdem ein schier unüberbrückbarer Anziehungspunkt ist, dem die Protagonistinnen nur halbherzig entfliehen mögen.

Der Roman hat einen beeindruckenden Tiefgang, zahlreiche Themen werden verhandelt. Zentral ist aber immer die Frage nach der Heimat, nach den Wurzeln, auch jene des eigenen Selbst. Neben den drei Frauen ist der Schwarzwald und seine betörende Natur ein wesentlicher Protagonist, er scheint für alle ein essentielles Lebenselixier zu sein, genauso wie die familiäre und intensive Bindung zueinander - und das alles ohne jeglichen Kitsch, mit einer Klarheit, die oft im Versteckten lauert, aber irgendwann sicher zum Vorschein kommt. Besonders schön herausgearbeitet ist meines Erachtens die Unterschiedlichkeit der drei Frauen, die aber niemals ohne einander können und unmissverständlich zueinander gehören. Wie sie mit den vielfältigen Herausforderungen des Lebens umgehen, trotz vieler Schicksalsschläge, ist nachvollziehbar und strotzt vor innerlicher Stärke, die ihnen aber so gar nicht bewusst ist. Einer der besonderen Aspekte des Buches ist es auch, dass wirklich die drei Frauen im Mittelpunkt stehen und alle anderen Figuren, so sehr sie sie beeinflussen oder auch nicht, nur peripher steuernde Charaktere sind, die nie eine so zentrale Rolle spielen, als dass die Protagonistinnen aus ihrem Mittelpunkt fallen würden.

Mein Fazit: "Die Riesinnen" ist ein unvergleichliches Lesehighlight, das durch poetische, nüchterne und philosophische Sprache und der feinen Beobachtungsgabe von familiärer Bindung besticht. Zentral sind drei starke Frauen, tief verbunden mit dem Schwarzwald, die trotz Widrigkeiten und Enge der Dorfgemeinschaft für sich selbst kämpfen, um ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Ein sehr besonderes Buch, das wohl in den nächsten Jahren immer als eins meiner Lieblingsbücher gelistet werden wird.

Bewertung vom 06.01.2026
Faith, Adelaide

Happiness Forever (eBook, ePUB)


sehr gut

Sylvie ist eine Person der Extreme: entweder sie widmet sich etwas mit Haut und Haar, oder gar nicht. Momentan gilt ihre komplette Aufmerksamkeit ihrer Therapeutin - in die sie nicht nur verliebt, sondern von der sie förmlich besessen ist. Mit ihr arbeitet sie ihr bisheriges Leben auf und als Lesende erkennt man bald: hier ist einiges schief gelaufen. Das scheint Sylvie gar nicht so zu stören, denn wichtig ist nur: die Therapeutin samt ihren dazugehörigen Phantasien. Als Chloe in ihr Leben tritt, findet sie eine Gleichgesinnte, die das Leben für sie erträglicher macht.

So außergewöhnlich das Cover, so außergewöhnlich das Buch. Adelaide Faiths "Happiness Forever" ist ein Text, der sich nicht so leicht kategorisieren lässt. Die Protagonistin Sylvie ist mehr als schräg: besessen, zwänglerisch, aber auch irrsinnig liebenswert. Eigentlich hat sie die Hölle auf Erden durchgemacht, wurde von Ex-Partnern in einer Tour gedemütigt und ausgenutzt, doch das scheint sie gar nicht weiters zu stören. Oder sie verdrängt es geschickt. Und man ertappt sich immer wieder bei dem irrgeleiteten Gedanken: kein Wunder, Sylvie ist doch eine irrsinnig anstrengende Person, da sind doch viele Schrauben locker. Klarerweise rechtfertigt dies in keiner Weise, wie mit ihr umgegangen wurde und zeigt das Problem: nur weil ein Mensch gesellschaftlich schwer ertragbar ist, rechtfertigt das noch lange nicht, schlecht mit ihm umzugehen.

Fast schon bewundernswert ist Sylvies Art mit Problemen umzugehen: sie lächelt sie schlicht weg. Sie wirkt naiv, doch sie verdrängt, um nicht alles aushalten zu müssen. Wie sie von ihren psychisch oft sehr grausamen Erlebnissen spricht, bricht einem teilweise das Herz, aber sie strotzt dem mit ihrer Besessenheit und bestimmt absichtlich zugelegten Naivität. Was noch sehr schräg, aber umso liebenswerter ist, ist Sylvies Ehrlichkeit gegenüber ihrer Therapeutin. Sie gesteht ihr ihre teils abstrusen Phantasien und die Professionistin nimmt alles mit Gelassenheit hin. Sylvie interpretiert jeden Wort, jede Geste der Therapeutin bis zum Umfallen. Ihre neue Freundin Chloe nimmt alles so hin, nimmt Sylvie so, wie sie ist, auch wenn sie selbst kaum Raum einnehmen kann in der Freundschaft. Aber so genau wissen wir das auch nicht, wird uns doch nur Sylvies Sichtweise geschildert. Tiere spielen ebenfalls eine wichtige Rolle im Leben der Protagonistin, ist sie doch auch spätberufene Tierpflegerin und hat selber einen Hund mit Beeinträchtigung. Allerdings halten sich ihre Emotionen gegenüber den Tieren in Grenzen, muss sie diese ja ganz für ihre Besessenheit aufsparen.

Der Schreibstil der Autorin ist einnehmend, aber da die Protagonistin viele anstrengende Charakterzüge aufweist und diese sehr detailliert beschrieben werden, konnte ich das Buch nicht am Stück lesen, weil ich zwischendurch immer wieder ziemlich genervt war. Trotzdem wird mir das Buch ob der Schrägheit und Ehrlichkeit aber sich noch lange in Erinnerung bleiben.

Mein Fazit: "Happiness forever" ist ein sehr spezielles Buch, das einem ob der Schrägheit der Protagonistin einiges abverlangt. Es lohnt sich aber, wenn man dranbleibt, denn irgendwie hält uns die nervige Sylvie mit ihrer Naivität einen großen gesellschaftlichen Spiegel vor die Nase und regt so zum Reflektieren und Nachdenken über den Umgang miteinander an.

Bewertung vom 06.01.2026
te Marveld, Saskia

Blutwild (eBook, ePUB)


sehr gut

Anka ist noch immer traumatisiert: vor sechs Jahren wurde sie Opfer eines Psychopathen, der sie qualvoll in den Tod schicken wollte. Doch die ehemalige Polizistin entkam in letzter Sekunde, der Täter wurde inhaftiert. Oder war es doch nicht der richtige Täter? Das fragt sich Anka nun, nachdem mysteriöse Vorfälle passieren und sie sich wieder im Zentrum einer Verfolgung sieht, die ihr erst keiner glauben will. Dass die Fakten dann doch so anders sind, als sie sich je vorstellen hätte können, werfen sie nicht nur aus der Bahn, sondern lassen sie ums bittere Überleben kämpfen.

Saskia te Marvelds Thriller "Blutwild" ist ein höchst spannendes und rasantes Debut, das viele unerwartete Ereignisse hervorbringt, viel Rätselraten auslöst und dann doch ganz anders ist, als vermutet. Die Protagonistin Anka wirkt anfänglich paranoid, schnell stellt sich aber heraus, dass sie sich sehr gut auf ihre Instinkte verlassen kann. Des Öfteren dachte ich mir: ok, das ist jetzt aber unglaubwürdig, jedoch schafft es die Autorin sehr gut, die Vorkommnisse nachvollziehbar aufzuklären und immer wieder für neue Überraschungen zu sorgen. Der Schreibstil ist sehr eingänglich, sodass sich das Buch sehr schnell lesen lässt. Sehr schön und ein zusätzlicher Spannungsmoment ist die Erzählperspektive: größtenteils werden die Vorkommnisse um Anka geschildert, einige Kapitel jedoch verfolgen einzelne Momente des Täters: so können wir erahnen, weshalb er zu dem geworden ist, was er ist, ohne über lange Zeit jedoch zu wissen, wer er tatsächlich ist. Zudem wird man immer wieder in die Vergangenheit geschickt, um auch genauer zu erfahren, was mit Anka passierte. Im Laufe der Zeit kommen die Erlebnisse von Izzy, Ankas bester Freundin, die ebenfalls eine entscheidende Rolle in dem Thriller spielt, hinzu.

Grundsätzlich braucht man beim Lesen wirklich gute Nerven, denn es ist äußerst spannend, das Tempo ist hoch und die Art, wie der Täter mordet ist wirklich sehr, sehr grausam. Auch wird Tierquälerei nicht ausgelassen, was mich immer besonders erschüttert. Das führte auch dazu, dass ich das Buch etliche Male weglegen musste, obwohl ich grundsätzlich schon einiges gewohnt bin. Insgesamt war mir das Tempo auch etwas zu rasant, ich hätte es angenehm empfunden, wenn man sich zwischendurch auch einmal erholen hätte können. Das ist aber natürlich Geschmacksache.

Mein Fazit: Blutwild ist ein rasanter und höchst spannender Thriller, der mit vielen unerwarteten Wendungen aufwarten kann. Für meinen persönlichen Geschmack war das Tempo teilweise zu hoch, denn es ist kein Platz für eine Atempause. Zudem greift der Täter auf enorme Grausamkeiten zurück, die den Magen flau werden lassen. Leseempfehlung für alle, die eine hohe Spannungs- und Grausamkeitstoleranz haben und sich beim Lesen verausgaben möchten.

Bewertung vom 05.01.2026
Schubert, Helga

Luft zum Leben


gut

In Helga Schuberts "Luft zum Leben - Geschichten vom Übergang" lesen wir 38 verschiedene Texte der renommierten Autorin, manche wurden bereits andernorts veröffentlicht, viele finden in diesem Erzählband ihre erste Publikation.

Die Texte sind unterschiedlich was ihre Länge und ihre Themenwahl betrifft, aber allesamt sind sie sehr persönlich. Wir lesen über ihre Familie, ihr Schriftstellerinnen-Dasein, Schicksalsschläge, das Leben in der DDR, erahnen politische Haltung und emotionale Achterbahnfahrten, auch wenn diese nur äußerst nüchtern betrachtet werden.

Um ehrlich zu sein: mit vielen der Texte konnte ich nichts anfangen, mir fehlte zu vielen Themen der Bezug, beispielsweise wenn sie über ihr Schriftstellerinnentum berichtet. Und auch wenn manche Themen interessant waren, fand ich den Schreibstil zu nüchtern, fand keinen Zugang. Lediglich wenn Schubert über das Fremde schreibt, die Beobachtungen, die sie hatte, wenn sie in den Westen reisen durfte, empfand ich sowas wie Emotionalität und es entstanden entsprechende Bilder in meinem Kopf. Dies geschah auch bei zwei Erzählungen, von denen ich einigermaßen begeistert war: Einerseits "Knoten" - ein Text über familiäre und persönliche Krebserkrankungen, der hinter der nüchternen Fassade Emotionalität hervorschauen, die Krankheit und den Umgang damit reflektieren ließ, verknüpft mit Sinnbildern, die der Geschichte abstrakten Raum geben. Der zweite Text: "Die Diktatur ist die Täterin. Oder?!". Hier verarbeitet Schubert ihr Verhältnis zum Regime der DDR, setzt ihre eigene Akte ein, die über sie geführt wurde und hält ihre Standpunkte fest, ihre Gedanken zur Partei. Hier ist sie explizit politisch, zeigt, wie unmöglich es war, der Partei genüge zu tun. Zwar ist die Sprache auch hier nüchtern und kaum emotional, aber sie gibt Einblick in ein Stück Zeitgeschichte, dessen Miterleben eng korsettiert war. In dem namengebenden "Luft zu Leben" berichtet die Autorin über ihr Muttersein, ein für mich eher verstörender Text, der "das Kind" mehr als Sache als ein Spross aus eigenem Fleisch und Blut erscheinen lässt.

Zweifelsohne ist Helga Schubert eine literarische Erzählerin, sie konnte mich im Gesamten aber nicht abholen, auch wenn einzelne Texte in Erinnerung bleiben werden. Wer sich schon intensiver mit der Autorin beschäftigt hat und den nüchternen Erzählstil mag, könnte von "Luft zum Leben" begeistert sein.

Bewertung vom 05.01.2026
Fosse, Jon

Vaim


ausgezeichnet

Eline nimmt sich die Männer, wie sie sie braucht. Erst Jatgeir, dann Olav, den sie aber immer nur Frank nennt, dann wieder Jatgeir und genau: sie landet wieder bei ihrem Frank. Aber so genau wissen wir das alles nicht, wird die punktlose Geschichte doch rein aus der Innenschau von Männern erzählt wird: Kapitel 1 folgt Jatgeir, Kapitel 2 Elias - ein Freund des erstgenannten, dem Eline mutmaßlich einen Keil in die Freundschaft mit Jatgeir getrieben hat, Kapitel 3 aus Olavs Sicht. Sie alle scheinen wehrlos gegen die dominante Frau, nur: Abwehrhaltung sieht anders aus.

Literaturpreisträger Jon Fosse liefert mit "Vaim" den ersten Teil einer Trilogie, der einen sofort vereinnahmt, sei es durch die atemlose Erzählweise ohne einen einzigen Punkt oder durch die rätselhafte Erscheinung einer Frau, der sich Männer schier ungefragt unterordnen. Rätselhaft ist in "Vaim" vieles, so ganz durchschaut man nicht, was an Eline so besonders ist. Aber wahrscheinlich ist nicht sie die Besondere, sondern die Männer selbst - sie erscheinen über weite Strecken willenlos, schaffen es nicht, ihre Zweifel ordentlich zu artikulieren. Sie wirken gefangen in sich selbst und gefangen in gesellschaftlichen Werten und Normen, die es um jeden Preis zu erfüllen gilt. Da lässt sich Mann schon einmal - oder besser gesagt zweimal - einen benötigten Garn samt Nadel zu einem Wucherpreis aufschwatzen und obwohl der offensichtliche Betrug an ihm nagt, kann er doch sein Gesicht nicht verlieren und als Knauserer dastehen. Wenn einer so wissentlich übers Ohr gehauen wird, kann er sich dem mutmaßlichen Begehr einer Frau folglich keinesfalls entziehen.

Auf den ersten Blick könnte es so wirken, als wär die Frau das dominierende Feindbild, ein pechbehaftetes Schicksal, dem sich Mann nicht entziehen kann. Doch die Männer sind sich selbst Feind, lassen geschehen, lassen sich fremdbestimmen, zumindest mutet es so an. Denn wie eingangs erwähnt lernen wir das Zentrum der Männerwelt nur aus der männlichen Innenschau kennen und darin sind selbsterklärend viel patriarchal geprägte Weltbilder vorhanden. Das ist natürlich nur die eigene Interpretation, möglich und wahrscheinlich, dass es hierzu andere Sichtweisen gibt. Aber das ist das Schöne an diesem literarischen Text: er lässt viel Raum zur Interpretation, aber nicht zu viel, um auszuufern und dadurch unbefriedigt zu hinterbleiben. Vielmehr weiß man, dass es zwei weitere Teile geben wird, die eventuell weitere Andeutungen und Interpretationen liefern, um das Gesamtbild des bislang recht konturlosen, fiktiven Dorfes "Vaim" zu schärfen.

Es war mein erstes Buch (und sicher nicht das letzte), das ich von Literaturnobelpreisträger Fosse gelesen habe und ich liebe den punktlosen Stil, auch wenn es mir am Anfang schwer gefallen ist, nicht auf das Atmen zu vergessen, so rasant wirken die Gedankenströme des Erzählten, die eben nicht durch Punktsetzen begrenzt sind. Fosse hat es für mich vorzüglich geschafft, mich direkt in die Köpfe der Männer zu versetzen, direkt heimisch habe ich mich darin gefühlt ob der Intensität und Ausschweifungen ihrer Gedanken. Geschüttelt hätte ich sie gerne des Öfteren, hätte gerne nachgefragt, warum sie so schwach sind, warum es kein Aufbegehren gibt, wo denn überhaupt die Emotionen bleiben, den diese sind rar gesät. Fasziniert hat mich auch die Tatsache, dass der Text so zeitlos ist: Zeit spielt kaum eine Rolle, nur im Vergänglichen ist sie andeutungsweise zu finden, doch deren Bedeutung ist nicht wesentlich. Symbolik hingegen scheint für Fosse wichtig zu sein, es gibt wiederkehrende Motive wie einen Koffer, Gedankenkreisel, das Meer, Schiffe, Namen, denen man eine tiefere Bedeutung zuweisen könnte und anderes. Ich als Unfähige der Symboldeutung enthalte mich diesbezüglich einer Interpretation, kann mir aber vorstellen, dass diese für viele ein zusätzliches Schmankerl in dieser Lektüre sein könnte.

Mein Fazit: "Vaim" ist ein rasantes, mitreißendes Gedankenspiel eines Literaturnobelpreisgewinners, das den perfekten Raum zur Interpretation zulässt, ohne darin auszuufern. Die Geschichte ist trotz ihrer Rauheit und Einseitigkeit mitreißend und hinterlässt ein angenehmes Maß an Fragezeichen. Durch Vaim wurde ich Fosse-Fan und kann es kaum abwarten, die beiden Folgeteile zu lesen! Absolute Leseempfehlung und ein Highlight des Jahres 2025!

Bewertung vom 31.12.2025
Ralf M. Ruthardt

Polarisierung - Dialog - Perspektivwechsel


ausgezeichnet

Welch wunderbare Zusammenstellung vielfältigster Meinungen hat Autor Ralf M. Ruthardt hier zusammengetragen! Viele Stimmen sind hier vertreten: aus dem Gesundheitsbereich, der Bildung, dem IT- und AI-Sektor, Wirtschaftswissenschaften, Politologie, Philosophie, Coaching, Kunst, Religion und so weiter. So unterschiedlich die Professionen, so unterschiedlich auch die Meinungen und Haltungen. Aber nicht nur - ebenso gibt es Beiträge, die wissenschaftliche Erklärungen liefern, andere, die Erfahrungswissen weitergeben. Es gibt Texte, die sehr konservativ sind, genauso wie linksgerichtete, wissenschaftsbasierte, objektivierte, aber auch emotionale, persönliche und manchmal nicht ganz nachvollziehbare Aufsätze. Und das ist nicht selbstverständlich: hier kommen Argumente aus den unterschiedlichen Wertehaltungen zu Wort. Das ist nicht immer leicht auszuhalten, aber umso mehr regt es an, die Perspektive zu wechseln, sich zu reflektieren, sich anzusehen: was stimmt für mich, was kann man gesellschaftlich gelten lassen, ändere ich vielleicht meine Meinung, überdenke ich Positionen neu oder fühle ich mich in dieser gefestigt und bestärkt?

Im Kern wollen alle das selbe: dazu aufrufen, einander zuzuhören, auch andere Meinungen gelten zu lassen, auf Dialog zu setzen, die Perspektiven zu wechseln. Es ist auch wenig die Sehnsucht vieler, als Gesellschaft wieder mehr zusammenzurücken, dem anderen wieder mehr Aufmerksam zu geben, das Uns in der Gemeinschaft zu finden. Die Kurzaufsatzband bietet ein geistiges Feuerwerk an Ursachen für Polarisierung, an Anregungen, was unsere Gesellschaft spaltet, was Lösungsansätze dagegen sein könnten.

Die Autor*innen sind allesamt Menschen aus dem gebildeten Milieu, was ich etwas schade finde, da Alltagswissen und -Erleben deshalb größtenteils ausgeblendet wird. Trotzdem kann ich dieses Buch nur allen ans Herz legen, die offen dafür sind, sich mit dem Status Quo unserer Gesellschaft zu befassen, die sich für andere interessieren und verstehen wollen. Die Anregungen, die ich mitnehmen konnte, sind vielfältig und ich habe mir eine riesige, inspirierende und nachdenklich stimmende Zitatesammlung mitgenommen - und werde ganz bestimmt noch oft zu "Polarisierung. Dialog. Perspektivwechsel." greifen, denn eines ist gewiss: es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern die Vielfältigkeit der Menschen glänzt in allen Farb- und Meinungsnuancen.

Bewertung vom 21.12.2025
Schoenwald, Sophie

Komm mit, Weihnachtseselchen


ausgezeichnet

Die Geschichte ist wirklich herzerwärmend: das Eselchen erwacht in einer kalten Winternacht und ein Stern führt den Weg in den warmen Stall. Am Weg begegnet er einem Täubchen und einem kleinen Ochsen, im Stall wartet ein neugeborenes Lämmchen. Gemeinsam mit dem Eselchen freunden sich die kleinen Lesekinder mit diesen und noch weiteren Tierchen an.

Der Text ist passend einfach und auf jeder Seite gibt es kleine Dinge, die die Kinder dazu ermutigen, dem Eselchen und seinen Freunden behilflich zu sein. Die Illustrationen sind wunderschön, einfach, aber es gibt niedliche Kleinigkeiten zu entdecken. Die Geschichte erinnert an die Weihnachtsgeschichte, ohne, dass die heilige Familie darin vorkommt. Ich empfinde es als ersten Schritt für die ganz Kleinen, um sie an die Weihnachtsgeschichte heranzuführen, statt Personen sind es halt Tierkinder. Das schöne daran ist, dass es meines Erachtens auch für Eltern und Kinder ohne oder mit anderem Glauben geeignet ist, weil es eben nicht explizit die Geburt Jesu erzählt, sondern viel mehr den Kern der Geschichte: Zusammenhalt, sich umeinander kümmern, Freundschaft und Geborgenheit.

Ich kann das kleine Mitmach-Büchlein nur wärmstens empfehlen, es ist ideal für die Weihnachtszeit mit unseren ganz Kleinen.