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Benutzername: wosoe
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Bewertungen

Insgesamt 3 Bewertungen
Bewertung vom 20.04.2017
Vergeltung
Ledig, Gert

Vergeltung


sehr gut

Den Roman stand lange bei mir im Regal, ohne dass er mich zum Lesen reizte. Der Grund war, dass ich einmal einen kurzen Blick hineingeworfen und ihn angelesen hatte, aber dieser erste Eindruck ließ mich vor ihm zurückschrecken. Die Schreibweise erschien mir zu direkt, zu brutal, die Handlung ohne Hinführung und Einleitung zu unvermittelt und abrupt einsetzend; es fehlte mir der Zusammenhang.

Ich habe ihn nun doch hervorgeholt und gelesen, habe mich in seine Darstellungsweise allmählich hineingefunden und erkannt, dass sie dem Inhalt völlig angemessen ist und …bin von ihm sehr beeindruckt.
Es gelingt Ledig, das Grauen eines etwa siebzig Minuten dauernden Bombenangriffs (natürlich im Zweiten Weltkrieg) auf eine ungenannte deutsche Großstadt und damit den Wahnsinn des Krieges mit ungeheurer sprachlicher Intensität, Wucht und mit erbarmungslosen Realismus dem Leser zu vermitteln, dass es diesem pausenlos eiskalt den Rücken hinunterläuft. Jeder der eine leichte, angenehme Lektüre erwartet, sei gewarnt! Er muss sich vielmehr darauf gefasst machen, dass die ganze Brutalität, Grausamkeit und sinnlose Menschenschlächterei des Krieges ihm – völlig schonungslos und ungeschminkt – 200 Seiten lang unentwegt „um die Ohren“ gehauen wird! Nach einem Schlupfloch oder nach Trost wird er vergeblich suchen!
Aber nicht nur der Inhalt ist harte Kost, auch die Darstellungsweise verlangt dem Leser einiges ab. Er darf keine – ich habe es schon angedeutet – zusammenhängend und fortlaufend erzählte Handlung erwarten. Das Geschehen wird in kurze Bruchstücke, meist kaum länger als eine oder eineinhalb Seiten, zerhackt, die eine bestimmte Situation der Bombardierung und deren Auswirkung auf einzelne oder mehrere Personen beschreiben. Dann schwenkt der Verfasser unvermittelt – und sozusagen mit hartem Schnitt – um auf eine andere Situation mit anderen Personen. Die jeweiligen Personen werden aber dann im Verlaufe des Romans immer wieder aufgegriffen und in späteren Situationen (wiederum in kurzen Erzählepisoden und –splittern) gezeigt. Es herrscht somit keineswegs – wie man vielleicht zu Beginn der Lektüre glaubt – absolute Willkür und Regellosigkeit, sondern es kommt durchaus eine Kontinuität und Abfolge der Handlung zumindest für diese einzelnen Personen und Personengruppen zustande, so dass man ihr hartes Schicksal während des Bombenangriffs verfolgen kann. Dennoch stellt diese Form der Darstellung an den Leser beträchtliche Anforderungen.
Die dreizehn Kapitel des Buches bestehen aus lauter solchen Einzelepisoden mit einer Ausnahme: Am Beginn jedes Kapitels wird von jeweils einer wichtigen Person, die in mehreren Episoden auftaucht, eine Art knapper Lebensabriss entworfen.
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Ein absolut lesenswertes Buch, wenn man sich darauf einlassen will!

Bewertung vom 07.04.2017
Das Café der Existenzialisten
Bakewell, Sarah

Das Café der Existenzialisten


sehr gut

Das Buch ist ganz und gar keine abstrakt-philosophische Abhandlung, sondern es macht den Leser auf höchst lebendige Weise mit den Philosophen des Existenzialismus und ihren Auffassungen bekannt, indem es von ihrem Leben erzählt, ihren Begegnungen, ihren Auseinandersetzungen, aber auch ihre wesentlichen philosophischen Auffassungen - allerdings in einfacher und jedermann verständlicher Weise - darlegt.
Es lässt sich leicht – ohne geistige Verrenkungen – lesen. Man erfährt dadurch auch sehr viel über die einzelnen Philosophen, eben nicht nur als Philosophen, sondern auch als Menschen, zum Beispiel, dass Heidegger menschlich ein ziemliches Ekel und charakterlos war, Sartre dagegen „ein guter Mensch“, seinen vielen Freunden gegenüber großzügig und freigebig und von einer wahren Schreibwut besessen.
Die Vorgehensweise ist chronologisch-historisch. Es zeigt also auf, welche Entwicklung der Existenzialismus genommen hat, wie die einzelnen Denker und Philosophen sich gegenseitig beeinflusst haben und wie ihre Philosophie von der historisch-politisch Entwicklung jeweils geprägt wurde und sich auch verändert hat.
Der Begriff Existenzialismus wird sehr weit gefasst: Er reicht von Husserl über Heidegger, Sartre, Camus, Merleau-Ponty, Jaspers und und und … Es werden auch eine Reihe weniger bekannter Namen genannt, die sich mit dieser Philosophie in irgendeiner Weise befasst haben oder von ihr tangiert wurden..
Außerdem ist es ein sehr persönliches Buch: Die Verfasserin macht deutlich, warum sie sich mit dem Thema beschäftigt hat und wie sie von dieser Philosophie beeinflusst wurde.
Mir selbst gab es auch einen neuen Zugang zum Existenzialismus. Vieles wurde mir durch seine Lektüre klarer. Für mich entscheidend ist, dass er die freie Entscheidung des Einzelnen und damit auch seine Verantwortung für sein Tun und Handeln so stark betont und in den Vordergrund rückt und sich damit Tendenzen, die den Menschen nur als Produkt der sozialen Umstände sehen und ihn damit im Grunde entmündigen, entgegenstellt.
Allerdings glaube ich auch, dass manches am Existenzialismus zeitbedingt ist und sich die Welt seitdem nicht unbedingt zum Besten (wie es zum Beispiel Sartre erhoffte) weiterentwickelt hat und die gegenwärtigen Probleme leider solche sind, bei denen uns der Existenzialismus nicht sehr viel weiterhelfen kann.

Bewertung vom 28.05.2016
Terror
Schirach, Ferdinand von

Terror


weniger gut

Das Drama kommt als fiktive Gerichtsverhandlung etwas bieder daher. Es erinnert stark an die früheren Pro-und-Contra-Sendungen im Deutschen Fernsehen.
Letztlich geht es darum, wie wir mit der Bedrohung des Terrorismus umgehen und uns gegen ihn schützen können. Verhilft uns dieses Theaterstück zu größerer Einsicht darüber? Nein. Dazu erscheint mir der dort dargestellte Fall viel zu konstruiert und zu platt. Die Realität ist leider wesentlich komplexer. Es will uns glauben machen, dass der Umgang mit Terrorismus letztlich auf zwei sich völlig konträr gegenüberstehende und sich gegenseitig ausschließende Alternativen hinausläuft. Festhalten an der Rechtsstaatlichkeit oder Bekämpfung des Terrors mit allen, wenn notwendig auch nicht rechtsstaatlichen Mitteln.
Natürlich dürfen wir im Kampf gegen den Terrorismus Rechtsstaat und Menschenwürde nicht aufgeben. Aber es wäre naiv und eine Illusion zu glauben, wir könnten die Terroristen allein durch unser freiheitliches und rechtstaatliches System beeindrucken oder gar besiegen. Um ihn zu besiegen, sind leider auch – wie ja jeder sofort einsieht, wenn er z. B. an den IS denkt – „knallharte“, natürlich auch militärische Mittel notwendig. Über den Einsatz dieser Mittel ist von Fall zu Fall und unter Abwägung aller Umstände zu entscheiden. Man kann den arabischen Terrorismus durchaus mit dem Nationalsozialismus vergleichen. Ohne militärischen Kampf der westlichen Demokratien (zusammen mit der Sowjetunion) bis zum Äußersten mit dem erklärten Ziel, ihn völlig niederzuwerfen, wäre er nie besiegt worden!