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Benutzername: Karl Babbage
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Bewertung vom 16.01.2017
Das kurze Leben des Ray Müller
Bönt, Ralf

Das kurze Leben des Ray Müller


ausgezeichnet

Körper ohne Grenzen

Am Anfang steht eine schwangere Frau einen Tag vor dem Geburtstermin. Ihr Mann bemerkt vor ihr, dass ihr Bauch mal hart und mal weich ist. Sie gehen zum Gynäkologen, der einen leicht geöffneten Muttermund feststellt. Er sagt das in diesem bemächtigendem Ärzteton, in dem der Patient zum Ding wird, vielleicht denkt man an Moliére. Meist wird Ralf Bönts Roman ja der Geschlechterdebatte zugeschrieben, aber er ist eigentlich schon ein wenig mehr: Eine Geschichte darüber, dass und wie Körper keine Grenzen haben, eine Abrechnung mit dem extremen Individualismus, gleichzeitig aber auch ein Buch über den Versuch des Widerstandes gegen die Macht der Anderen und sein Scheitern. Ganz sicher ist es keine Programmschrift.

Was als leichter Übergriff eines Gynäkologen beginnt, entwickelt sich in der langen Eingansszene unter der Frage Kaiserschnitt oder Lageänderung zum dramatischen Beweis, wie sehr jeder vom anderen abhängt, beeinflusst und durchdrungen wird. Als das Kind – Ray Müller - nach einer langen, bewegenden und sehr spannenden Geburt endlich sicher und glücklich abgenabelt ist, heißt es, man denke ja selten daran, dass der menschliche Körper vor allem aus Flüssigkeiten bestünde. Eine Geschichte der Verflüssigung jeglicher individueller Souveränität folgt. Sie findet auf allen Ebenen statt, biologisch, sozial, gesellschaftlich, historisch, politisch, familiär. Und sexuell.

Der Icherzähler Marko Kindler leidet an einer Unterfunktion der Schilddrüse und damit der Energieversorgung. Ausgelöst durch Umweltgifte zerlegt sie sein Leben langsam und sicher in seine Einzelteile. Zum Glück ist das in Rückblenden geschildert, die einen notwendigen Abstand herstellen. Statt das übliche, auf Mitleid setzende Gejammer von Krankengeschichten findet man hier und da blitzenden Humor. Im medizinischen Betrieb, der den einzelnen eher als Rohstoff seines Funktionierens denn als Gegenstand seiner Bemühungen sieht, erfährt Kindler eine Entmündigung. So skurrile wie real anmutende Dialoge mit Ärzten und Ärztinnen gehen in perfide Unterstellungen und Missdeutungen seiner ersten Frau über, die mit der komplexen Situation überfordert ist.

Konsequent spiegelt sich diese Geschichte in der New Yorker Freundin Nele Black, die ähnliche Symptome hat. Sie hat auch ein ähnlich distanziertes Verhältnis zu ihrem Körper wie Kindler. Sie wurde, so erfährt man, vom Vater missbraucht. Jeder ist jemandes Kind, denkt man, während die Verunsicherung fortschreitet und man gebannt auf ein wie im Krimi inszeniertes Finale hin liest. So erfährt Kindler, der ein hochproblematisches Verhältnis zu seiner Mutter hat, spät von deren Rolle als Kriegsopfer 1945. Von ihrer Gefühlskälte in die Defensive gedrängt, konnte er der Freundin Nele nicht der benötigte Freund sein. Dazwischen gibt es einen so bissigen wie komischen und manchmal zärtlichen Ausflug in die Welt des kommerziellen Sex, vor dem Hintergund der nicht zueinander kommenden Freunde. Als Kindler am Ende sein Kind entführt, schließt sich der Teufelskreis der Gewalt: Opfer ist immer der schwächste.

Auch historisch und politisch gibt es einen Motivschluß über einen langen Zeitraum. Während Kindlers Unglück vom Ende des Krieges herrührt, gerät Nele Black in die Staubwolke des 11. September, was ihre gesundheitlichen Probleme verschlimmert. Es sei sehr einfach, sagt Kindler anfangs schlaflos in Manhattan, einen Verstand zu rauben. Das gilt auch für ein Leben: Nele stirbt, und zwar so, wie ein Arzt es Kindler für ihn selbst prophezeit hat.

Fantastisch schildert Bönt die anziehende Körperlichkeit. Immer ist das Abseitige auch im Normalen aufgehoben und dass es im Lauf des Buches immer schwieriger wird, beides zu unterscheiden, gehört zu seinen verblüffenden Leistungen. Ich habe es fast am Stück gelesen, das Buch ist spannend und dabei ruhig und mit beeindruckender Sicherheit im Detail geschrieben. Ich habe viel gelacht und war am Ende sehr berührt.