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Benutzername: Tovo


Bewertungen

Insgesamt 8 Bewertungen
Bewertung vom 08.06.2015
Böse Absichten
Higashino, Keigo

Böse Absichten


ausgezeichnet

Ein Krimi für schwindelfreie Fährtenleser

Die Handlung des Kriminalromans „Böse Absichten“ schleicht sich in den ersten beiden Kapiteln auf leisen Sohlen an das zentrale Geschehnis heran, den Mord an dem japanischen Schriftsteller Kunihiko Hidaka. Wer dann auf Tempozuwachs oder eine sich verdichtende Ereigniskette bei der Mördersuche hofft, der zählt möglicherweise zu den Erstlesern des japanischen Krimiautors Keigo Higashino. Mord und Mörder sind bei Higashino schnell abgehakte Pflicht, die Kür folgt in der wendungsreichen Aufklärung – im Falle des vorliegenden Romans liefert sich der geständige Mörder und Schulfreund des Ermordeten, Osamu Nonoguchi, aus der Haft heraus ein Motivaufklärungsduell mit dem Ermittler, Kommissar Kaga, einem weiteren Schulfreund des Mörders.

Keigo Higashino ist ein Krimipurist, der auf bluttriefende Gewaltorgien und mordende Psychopathen verzichtet und stattdessen Spannung aufbaut durch ein Feuerwerk an falsch gelegten Fährten und deren mühevoller Entlarvung durch den Ermittler. Aus der sich abwechselnden Perspektive des Ich-Erzählers darf der Leser sowohl dem Fährtenleger als auch dem Aufdecker über die Schulter schauen. Manchmal verdichtet sich dabei der Eindruck, als verlöre der Autor den Leser und sein Durchhaltevermögen abschnittsweise aus den Augen, etwa bei der nach meinem Geschmack zu langatmig geratenen Aufarbeitung der Vergangenheit des Täters durch Befragung seiner Spielkameraden, Mitschüler, Lehrer und Nachbarn. Insgesamt betrachtet lebt der Krimi neben seinem Trick- und Wendungsreichtum von seinen anschaulichen und lebendigen Dialogen.

Fazit: „Böse Absichten“ wird mit seiner ruhigen und unaufgeregten Gangart eher den Schachspielern unter den Krimilesern gefallen. Wer Thriller bevorzugt, bei denen es deftig und überschaubar zur Sache geht, der läuft bei diesem Buch Gefahr, sich im Fährtendschungel zu verlieren.

Bewertung vom 12.05.2015
Die Suche
Louth, Nick

Die Suche


sehr gut

Gut recherchiert, manchmal etwas zu detailverliebt, aber nie langweilig

Unter den Passagieren von KLM Flug 648 von New York nach Amsterdam befindet sich ein Attentäter, der einen perfiden Anschlag auf die Fluggäste in der Business-Klasse plant. Im Fortgang des Thrillers wird deutlich, dass er durch das gezielte Freilassen von Moskitos als Träger eines neuen unerforschten Malariaerregers eine Epidemie auslösen will. Ob sich dahinter Rachemotive oder wirtschaftliche Interessen verbergen, bleibt zunächst im Dunkeln.

Max Carver, ein amerikanischer Bildhauer und Sitznachbar des Attentäters bekommt von dem Anschlag nichts mit. Er fliegt nach Amsterdam, um sich dort mit der englischen Malaria-Forscherin Erica Stroud-Jones zu treffen. Die beiden sind seit einigen Monaten ein Paar und genießen gemeinsam die Tage vor Ericas großem Auftritt, einem von der Fachwelt schon im Vorfeld mit höchster Aufmerksam bedachten Vortrag. Die Wissenschaftlerin will das erste Mal von ihrem entscheidenden Durchbruch in der Malaria-Forschung berichten, der im Kampf gegen die Krankheit völlig neue Perspektiven eröffnen würde. Erica trifft sich mit einem Unbekannten und verschwindet. Max macht sich mit wenigen vagen Anhaltspunkten auf die Suche nach ihr und gerät dabei ins Visier eines untergetauchten Mörders, der vor nichts zurückschreckt. Ein mörderischer Kampf beginnt, in dem Max ungeahnte Qualitäten entwickelt, die seit seiner lange zurückliegenden Zeit bei der Küstenwache nicht mehr zum Einsatz gekommen sind.

Der Autor ist Wirtschaftsjournalist und der Leser spürt, dass Nick Louth daran gelegen ist, seinen Thriller mit journalistisch sauber recherchierten und wissenschaftlich haltbaren Fakten zu hinterlegen. Im Abspann bedankt er sich bei der Amsterdamer Polizei, die ihn auf seinen Wunsch hin eingesperrt hat. Sicherlich, um authentisch darüber berichten zu können. Übertriebene Faktenfülle und Detailgenauigkeit kann in einem Thriller den Leser erschlagen und die Spannung ersticken. Nick Louth ist nach meinem Empfinden manchmal auf dem Weg dahin, reißt aber mit den auf das Extreme ausgelegten Figuren und Handlungen, die nicht nur durch eine Protagonistin Lisbeth an Stieg Larssons Trilogie erinnern, den Leser immer wieder aus einer drohenden Lethargie.

Für den Thriller gilt die altbekannte Weisheit „Der Weg ist das Ziel“. Das spiegelt der Titel „Die Suche“ wider. Für Max geht es um Erica. Den Leser und Max verbinden die eingeschobenen Passagen aus Ericas zurückgelassenem Tagebuch, die eine Schlüsselfunktion bei der endgültigen Auflösung einnehmen. Der Schluss ist journalistisch sauber aufbereitet und lässt keine Fragen offen. Dass ein skrupelloser Pharmamanager auf den letzten Seiten noch die Hauptlast des Bösen auf sich nimmt, überrascht bei der beruflichen Herkunft von Nick Louth nicht. Gut, dass Romane nicht an ihrer Entstehungsdauer gemessen werden. Sonst müsste man im Nachgang noch überlegen, ob die zehn Jahre Entstehung dem Thriller „Die Suche“ angemessen sind oder nicht.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 07.04.2015
Der Preis der Treue
Brasseur, Diane

Der Preis der Treue


ausgezeichnet

Ein Mann liebt zwei Frauen - erfrischend anders und klischeefrei geschrieben

Unter dem Preis der Treue stellen sich monogam lebende Menschen wahrscheinlich so etwas vor wie entgangenen Gewinn für nicht genutzte Möglichkeiten abseits ihrer Beziehung. Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass Treue mangels genutzter oder vorhandener Gelegenheiten zur Untreue auch keinen Wert hat.

Im Roman "Preis der Treue" der französischen Autorin Diane Brasseur nutzt der Ich-Erzähler die sich ihm bietende Möglichkeit, zahlt aber einen hohen Preis, in dem er zwar mit Ehefrau und seiner Geliebten Alix auf getrennten Gleisen fährt, aber die Weichen im Kopf nicht stellen kann, um nach der Arbeitswoche in Paris mit Alix auf das Gleis Wochenende mit seiner Frau und Tochter in Marseille zu wechseln und zurück. Er drückt das so aus: „Meine Frau liebe ich und Alix vermisse ich“ und beschreibt damit seine innere Zerrissenheit und Unfähigkeit, sich entweder für Ehefrau oder Geliebte zu entscheiden oder die Zweigleisigkeit unbeschwert zu genießen. Ein mit seiner Familie geplanter Trip über Weihnachten und Silvester nach New York und die damit verbundene längere Trennung von Alix könnte die endgültige Weichenstellung bedeuten.

Der Roman beginnt klischeehaft. Mittfünfziger, Ehemann und Familienvater, stürzt sich auf der Flucht vor dem Älterwerden in ein Verhältnis mit einer dreiundzwanzig Jahre jüngeren Frau. Der Erfolg tritt ein. Er beginnt, sich und seine Umwelt mit anderen - verjüngten - Augen zu sehen. Um nicht auf das Abstellgleis Klischee zu geraten, stellt Diane Brasseur die Weichen um. Keine unglückliche Ehe, keine sexunlustige Ehefrau. Im Gegenteil. Als seine Frau endlich mal wieder Sex mit ihm haben möchte, versagt er – obwohl auch er ihn will. Keine Geliebte, die immer fordernder auf die Beendigung der Ehe drängt. Und kein Ende, das in irgendein Raster passt.

Der Schreibstil von Diane Brasseur ist gewöhnungsbedürftig und wird nicht jedem liegen. Ein Großteil der Ereignisse findet im Kopf des Ich-Erzählers statt. "Hätte", "könnte", "würde" und "was wäre, wenn" sind häufige Einleitungen zu Gedankenspielen, die mich in ihrer Intensität an den Protagonisten von Max Frisch "Mein Name sei Gantenbein" erinnern. Die Autorin hat in Paris ein Filmstudium absolviert und später als Script Supervisor gearbeitet. Aus dieser Zeit könnte sie mitgenommen haben, Drehbuchänderungen und immer wieder neue Ein- und Rückblendungen als Stilmittel einzusetzen.

Fazit: Gut situationsbedingt eingefühlt in die männliche Psyche. Intelligent und dramaturgisch spannend geschrieben. Ein literarisch inflationär aufgegriffenes und klischeebehaftetes Thema zu neuem Leben erweckt und es gleichzeitig entklischeesiert. CHAPEAU, Mme Brasseur!

Bewertung vom 23.02.2015
Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek
Whitehouse, David

Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek


ausgezeichnet

Eine Geschichte über Aufbruch und Ermutigung in schwierigen Zeiten

„Familie. Ein Puzzle aus Menschen.“ „Familie ist dort, wo man sie findet.“ Die Mitreisenden dieser abenteuerlichen Fahrt durch England und Schottland haben eines gemeinsam: Sie haben Familie eben nicht dort gefunden, wo man sie zuerst vermutet. Umso größer das Glücksgefühl, wenn sich das menschliche Puzzle zu einem Bild der Zugehörigkeit, der gegenseitigen Anerkennung und Liebe zusammenfügt. Dass dieses Beziehungspuzzle seine Dynamik nicht verliert, dafür sorgen die Verfolger, die eine Kindesentführerin und Autodiebin und einen ausgebrochenen Häftling jagen.

David Whitehouse bringt den Leser dazu, vom Ende her zu denken und zu fühlen. Das erste Kapitel des Romans trägt die Überschrift DAS ENDE und schildert die auf dem Buchcover abgebildete Szene, in der der Bücherbus mit seinen Insassen nach einer wilden Verfolgungsjagd mit der Polizei auf einer Klippe zum Meer zum Stehen kommt. Klar ist, dass der Bücherbus anschließend abstürzt und klar ist damit auch, dass mindestens zwei der vier Mitglieder der verschworenen Reisegemeinschaft das Abenteuer überleben. Und Bert, der Hund. Allerdings tritt die Frage, was mit den anderen beiden am Ende geschieht, bei der Fülle von Ereignissen zunächst in den Hintergrund.

Val Reed, alleinerziehende Mutter, mit ihrer behinderten Tochter Rosa. Der zwölfjährige Bobby Nusku, Halbwaise, wenn man die Hälfte seines an ihm völlig desinteressierten Vaters noch abzieht, eigentlich Dreiviertelwaise. Joseph Sebastian Wiles, genannt Joe, von seinem adligen Vater verstoßen und aus einem Militärgefängnis geflohen. Die Reise beginnt, als Bobbys einziger Schulfreund Sunny nach den Sommerferien verschwunden ist und Val erfährt, dass sie ihren Job als Reinigungskraft im Bücherbus verliert. Sie beschließt, sich mit ihrer Tochter, ihrem Hund Bert und dem Nachbarssohn Bobby in dem Bücherbus auf den Weg ins Ungewisse zu machen. Bloß weg, egal wohin. Bei einer längeren Rast treffen sie auf Joe, der das Puzzle vervollständigt und der durch seine Flucht vor der Polizei die Treibjagd auf den geklauten Bücherbus noch anheizt.

Der Autor schüttet in der Folge ein Füllhorn an kleinen ideenreichen Abenteuern und Entdeckungen, menschlichen Skurrilitäten und vor allem zwischenmenschlichen Ermutigungen, Aufmunterungen und Wertschätzungen aus, in dem die Bücher der rollenden Bibliothek eine zentrale Rolle spielen. Er ist ein außerdem ein guter Dosierer. Ein Schuss Surrealismus angereichert mit fantastischen Elementen, die der abenteuerlichen Reise ihre Würze verleihen. Nach meinem Empfinden verliert die Story nie die Bodenhaftung oder gleitet in den von mir nicht so geschätzten reinen Fantasy-Bereich ab. David Whitehouse bezeichnet seinen Roman treffend selbst als Kinderbuch für Erwachsene.

Am Ende des Romans wird das Ende neu geschrieben. Besser gesagt, mit den für ein würdiges Finale bedeutsamen Details ausgestattet. Ein inspirierendes Buch über Menschen, die sich in ihren schwierigen Lebenssituationen gegenseitig Mut machen, zum Aufbruch und Durchhalten ermuntern und in dem Klima ihrer rollenden Bibliothek wie in einem Treibhaus an menschlicher Größe gewinnen und reifen.

Der Autor hat als achtjähriger Junge selber die Atmosphäre einer rollenden Bibliothek kennen und lieben gelernt. Seine Mutter hat den Bücherbus im Heimatort Nuneaton jeden Samstag gereinigt und David zum Lesen mitgenommen. Insofern konsequent, dass die bereits geplanten Lesungen vom 9. – 12. März in Stuttgart, Mannheim und Leipzig in einem Doppeldeckerbus stattfinden.

Bewertung vom 14.01.2015
Ewige Buße / Aector McAvoy Bd.3
Mark, David

Ewige Buße / Aector McAvoy Bd.3


ausgezeichnet

Fantasieschub durch geklauten Computer

Einem Krimi-Schriftsteller wird von Einbrechern der Computer gestohlen, auf dem sich sein neuestes noch nicht abgeschlossenes Werk befindet. Nachdem er trotz der damit verbundenen Widrigkeiten seinen Kriminalroman fertiggestellt hat, bedankt er sich im letzten Abschnitt bei den Einbrechern für den Fantasieschub, den das Ereignis in Hinsicht auf die Palette an neuen, schrecklichen Todesarten in seinem Krimi ausgelöst hat.

Sie werden sich fragen, was das mit David Marks neuestem Werk „Ewige Buße“ zu tun hat. Ganz einfach. David Mark ist der Schriftsteller, dem das beim Schreiben des vorliegenden Buches passiert ist und bedankt sich wie beschrieben bei den Einbrechern im letzten Abschnitt „Danksagung“ wie auch bei all den anderen Personen, die zur Entstehung des Kriminalromans ihren Beitrag geleistet haben. Genau so erfrischend anders wie dieser Einfall ist der gesamte Kriminalroman geschrieben. Bei der Schilderung der Morde kann man sich die Wut im Bauch von David Mark gut vorstellen. Es beginnt mit dem Prolog, der unglaublich brutalen Verfolgung eines Mannes, die sich im späteren Verlauf als Schlüsselszene für die dann folgenden Morde an zwei Frauen und einem Mann herausstellt.

Ewige Buße entfaltet seine Sogwirkung nicht alleine durch die spannende Frage, wer hat warum die Morde begangen, sondern auch durch die handelnden Personen, deren Schicksal den Leser an den Krimi fesselt. Allen voran Detective Sergeant McAvoy, der in den Mordfällen ermittelt. Ein Hüne von Mann, der zur Dampframme werden kann und gleichzeitig eingeschlossenen Wespen die Freiheit schenkt und seine Frau Roisin, die er über alles liebt und die sich in einem Sekundenbruchteil mit einer fatalen und schicksalsträchtigen Fehlentscheidung selbst zur Zielscheibe des organisierten Verbrechens macht.

Zum Schluss laufen beide Spannungspfade synchron und auch die kleine Namensverwechslung auf Seite 413, wo eine bereits verweste Leiche nur scheinbar wiederaufersteht, schränkt den Lesespaß in keiner Weise ein.

Bewertung vom 13.01.2015
Still (eBook, ePUB)
Raab, Thomas

Still (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

bewegende + überraschende = zutiefst beeindruckende Chronik eines Mörders

Karl Heidemann wird als Schreikind geboren, wächst auf als stummer und zugleich hochintelligenter Sonderling und entwickelt sich schließlich zum mordenden Psychopathen. Ein Schlüssel zum Verständnis seiner Entwicklung liegt in seinem angeboren empfindlichen Gehör, das (Zitat) „in keinem Buch der Rekorde zu finden, keinem medizinischen Sammelsurium menschlicher Mutationen nachzuschlagen ist.“ Um in dieser permanenten Sinnes-Überflutung nicht zu ertrinken, sondert er sich von seiner Umwelt ab. Seine Eltern brauchen lange, um das Wesen ihres Sohnes zu verstehen und einen Weg zu finden, der ihre Nähe und eine für Karl beruhigende Distanz ausbalanciert. Das Ergebnis: Karls KInderzimmer befindet sich im ruhigen und dunklen Keller, mit einer Überwachungskamera ausgestattet.

Wer aufgrund des Untertitels ‚Chronik eines Mörders‘ eine entwicklungspsychologisch und soziologisch schlüssig aufgebaute Milieustudie im Krimijargon erwartet, den überrascht Thomas Raab schon auf der ersten Seite seines Buches S T I L L mit dem chronologisch vorangestellten Ende des Mörders und einer Sprache, die eine größere Nähe zu Theodor Fontane als zu einer nüchternen Thrillerschreibe aufweist. Karl Heidemann ist ein Sonderling, der als solcher fertig auf die Welt kommt, introvertierter als der trommelnde und schreiende Sonderling Oskar Matzerath in dem Roman ‚Die Blechtrommel‘, aber auch viel gefährlicher.

Karls Mordlogik ist des Todesengels, die auch vor dem eigenen Fleisch und Blut keinen Halt macht und die aus Kindheitserlebnissen ihre eigenen Schlüsse zieht. Das Fremdgehen seiner Mutter mit dem Hausarzt bedeutet für ihn, dass Beziehungen zwangsläufig irgendwann in eine Phase übergehen, in der die einst Liebenden sich gegenseitig nur noch Leid zufügen. Besser dem vorzeitig in friedvoller Harmonie ein Ende setzen. Die völlig unerwartet in sein Leben tretende Liebe ändert daran zunächst nichts, sorgt aber für ein interessantes und spannendes Finale, das dem Anfangssatz des Buches: „Der Tag, an dem Karl starb, war ein guter Tag“ eine weitere Bedeutung zukommen lässt als nur die des Ablebens eines Massenmörders. Das Magazin WIENER kommentiert das so: „Bei S T I L L beginnt die gepflegte Irreführung so früh wie sonst nie.“

Wer gewohnt ist, spannende Kriminalromane zu verschlingen, der wird sich an der ungewohnt dichten und substantivlastigen Sprache verschlucken oder auch Karls Morde einfach überlesen, weil sie - wie in Karls Denke – in normales Alltagsgeschehen eingebettet sind. Es gab beim Lesen durchaus Momente, in denen ich mir einen höheren Vortrieb der Handlung gewünscht hätte, wurde aber immer wieder durch die ausdrucksvollen Sprachbilder gefangen genommen. Cover, Titel, Erzählstil, Sprache und Handlung von S T I L L sind nach meinem Empfinden eine literarische Genuss-Komposition. Den Anspruch daran hat Thomas Raab in einem Interview formuliert, als er über die Titelsuche sprach: „Titel finden ist wie Trüffelsuche.“

Bewertung vom 11.01.2015
Ungeschehen
Seskis, Tina

Ungeschehen


ausgezeichnet

Emily trifft nach einem schrecklichen Ereignis die weitreichende Entscheidung, ihre Familie zu verlassen und in einer anderen Stadt ein neues Leben zu beginnen. Das allein wäre schon genug Stoff für den Fortgang einer Geschichte, die aufzeigt, wie Emily sich in ihrem neuen Leben zurechtfindet. Das reicht der Autorin aber nicht und der Leser bekommt das Geheimnis um dieses nicht näher beschriebene Ereignis und die Frage, warum eine Ehefrau und Mutter ihre Familie während sie schläft und ohne Vorankündigung verlässt, mit ins Handgepäck. Die Vergangenheit holt Emily nicht auf leisen Sohlen ein, sondern als sie völlig überraschend unter Mordverdacht gerät. Auch dann geht Tina Seskis in ihrem Roman UNGESCHEHEN nicht die Luft aus, sondern im Finale, das die lang ersehnte Auflösung bringt, wird es richtig turbulent.

Die Charaktere der handelnden Personen sind gut und anschaulich, dabei nie klischeehaft, beschrieben. Der wahre Reigen an Überraschungen, der die Lebendigkeit des Romans ausmacht, wird durch die Handlung, vor allem aber auch durch die Vielschichtigkeit der Charaktere erzeugt.

Tina Seskis liebt es offensichtlich, den Leser auf falsche Fährten zu locken. Da wird ein männliches Wesen so beschrieben, als ginge es um ein Kind. Später stellt sich heraus, dass es sich um einen Hund handelt. Selten ist mir der Zuschnitt von Kapiteln in Inhalt und Umfang so deutlich als dramaturgisches Element aufgefallen. Gegenwart und Rückblende wechseln sich ab. Wo die Handlung Fahrt aufnimmt, werden die Kapitel kürzer. Besonders die Gegenwartskapitel enden oft genau an der Stelle, wo die Neugier auf den Fortgang schwer zu unterdrücken ist. Das zeitliche Einordnen der Rückblenden überlässt die Autorin bis auf wenige Ausnahmen dem Leser, was manchmal etwas mühsam ist.

Im Abspann lüftet die Autorin ein weiteres Geheimnis. Das Buch ist ihrer Mutter gewidmet, die während Tina Seskis das Buch schrieb, schwer erkrankt ist. Das Schreiben des Buches wurde zu einem Wettlauf mit der Zeit. Ihre Mutter starb, nachdem der erste Entwurf fertig war und hatte vorher Freude daran, einzelne Kapitel zu lesen. Vielleicht auch ein Grund für diesen dramaturgisch interessanten Zuschnitt der Kapitel.

Fazit: Hochspannung und Lesevergnügen pur.