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Benutzername: mathcomp
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Bewertung vom 26.07.2010
Stumme Gewalt
Emcke, Carolin

Stumme Gewalt


gut

Alfred Herrhausen, der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, wurde 1989 auf dem Weg zur Arbeit durch eine Bombe morgens getötet. Carolin Emcke war seine Patentochter und reiste, nachdem sie in den Nachrichten vom Attentat gehört hatte, so schnell an seinen Ort, dass sie mittags zum abgesperrten Ort des Attentats gelangte, als der zerstörte Wagen noch zerbombt dastand. Sie beschreibt einen Schock und seine Wirkung, der darin bestand, dass der Anblick, der sich ihr bot, die Nachricht vom Tod Herrhausens, die sie in der Ferne bekommen hatte, wirklich machte. Vielleicht ist Emckes spätere Berufswahl Journalismus, wo das Aufsuchen von Orten, das In-Augenschein-Nehmen und das Berichten über das Gesehene zentrale Handlungen sind, auch dem Schock an diesem Tag geschuldet, aber das ist spekulativ. Sicher ist, dass Emckes Buch assoziativ arbeitet und über die ganze Länge organisiert ist über Sprünge zwischen Themen, Perspektiven, Ebenen, Zeiten und Intentionen. Springen ist Teil der Freiheit des Schreibens, aber der Eindruck, den die Sprünge bei mir hinterliessen, war der eines unverarbeiteten Schocks. Mich hat es merkwürdig berührt, dass Emcke so sehr beklagt, dass die RAF Terroristen hinter dem Herrhausen Attentat stumm und unauffindbar geblieben sind, aber dass sie von den vielen in der RAF, die hinter den Attentaten davor standen und die nicht stumm waren und die aufgespürt und ins Gefängnis gebracht wurden, nur Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar erwähnt. Es wirkt fast so, als ginge es ihr zu allererst um ein imaginiertes Gespräch mit den unbekannten und flüchtigen Mördern ihres Patenonkels und nur am Rande darum, was man vielleicht von der RAF und ihren Mitgliedern verstehen kann durch Studium der Äußerungen derer, die frühere Verbrechen begangen hatten, gefaßt wurden und für sie verurteilt wurden . Auch diese Wahl des einen Ansatzes und Auslasssung anderer ist Teil der Freiheit des Schreibens, aber Emcke bleibt eine Antwort schuldig, warum sie mit dieser sehr eingeschränkten Perspektive glaubt, den bisher von Polizei, Bundesanwaltschaft und Richtern beschrittenen Weg der Strafverfolgung von RAF Terroristen für nutzlos, gescheitert, ja sogar falsch erklären zu können. Emcke schlägt als Weg einen Verzicht auf Anklagen gegen die Terroristen vor, um im Gegenzug von ihnen Geständnisse zu bekommen. Hier stellt sich mir die Frage, für wen alles darin ein Nutzen liegen könnte, der über die Nutzen hinaus ginge, den diese Geständnisse ohne Zweifel hätten für Personen wie Emcke, die dem ermordeten Herrhausen nahestanden.