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Bücherfreundin

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Insgesamt 231 Bewertungen
Bewertung vom 14.04.2024
Der Wind kennt meinen Namen
Allende, Isabel

Der Wind kennt meinen Namen


ausgezeichnet

Bewegender Roman
Der Suhrkamp Verlag hat "Der Wind kennt meinen Namen", den neuen Roman der erfolgreichen chilenisch-US-amerikanischen Schriftstellerin Isabel Allende, veröffentlicht.
 
Die Geschichte beginnt im November 1938 in Wien nach der Progromnacht, als der Vater des 6-jährigen Samuel Adler verschwindet und seine verzweifelte Mutter Rachel beschließt, ihr Kind in Sicherheit zu bringen. Samuel ist eines von insgesamt 10.000 jüdischen Kindern, die Großbritannien aufnehmen will. Rachels Plan ist es, Ausreisepapiere für sich und ihre Familie zu bekommen, um nach Chile auszuwandern. Mit kleinem Gepäck und seiner geliebten Geige tritt Samuel gemeinsam mit vielen weiteren Kindern die lange Reise nach London an. 
 
2019, acht Jahrzehnte später, flüchtet Marisol Diaz mit ihrer 7-jährigen Tochter Anita aus El Salvador. Bei ihrem Versuch, in die USA einzureisen, werden beide festgenommen und inhaftiert. Das verzweifelte Kind, das seit einem Unfall nahezu blind ist, wird aufgrund einer unmenschlichen Einwanderungspolitik von seiner Mutter getrennt und in wechselnden Pflegeheimen untergebracht. Selena Duran, eine junge engagierte Sozialarbeiterin eines Projektes für Flüchtlinge, kämpft gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Frank Angileri nicht nur dafür, dass Anita Asyl erhält, sie begeben sich auch auf die Suche nach der Mutter des Mädchens.
 
Auf einer weiteren Erzählebene lernen wir die 7-jährige Leticia Cordero kennen, die sich 1981 mit ihrem Vater Edgar nach dem schrecklichen Massaker in El Mozote, bei dem fast die ganze Familie umgekommen ist, auf die beschwerliche Reise in die USA begibt. In Berkeley bauen sich die beiden ein neues Leben auf.
 
Isabel Allende ist eine begnadete Erzählerin, deren großartiger Roman mich von Beginn an bis zu seinem hoffnungsvollen Ende gefesselt hat. Das Buch beschäftigt sich mit den wichtigen Themen Flucht, Flüchtlingspolitik und erlittene Traumata. Es ist aber nicht nur eine Geschichte über Flüchtlinge und ihr neues Leben in einem anderen, einem fremden Land, es ist auch eine Geschichte über Liebe, Nächstenliebe und Hoffnung. Wir begleiten die Protagonisten auf den verschiedenen Erzählebenen, die die Autorin gegen Ende des Buches gekonnt zusammenfügt.
 
Die Charaktere sind authentisch und bildhaft skizziert. Ich mochte sie sehr, ganz besonders den musikalischen Samuel und die kleine Anita, die sich in eine Fantasiewelt flüchtet und Gespräche mit ihrer imaginären Freundin Claudia führt. Auch die kämpferische Selena und Leticia habe ich sofort ins Herz geschlossen. 
 
Das Buch hat mir sehr gut gefallen, es ist herzzerreißend, fesselte und berührte mich zutiefst.
Absolute Leseempfehlung für diesen bewegenden Roman, der unter die Haut geht!
 

Bewertung vom 10.04.2024
Wir sitzen im Dickicht und weinen
Prokopetz, Felicitas

Wir sitzen im Dickicht und weinen


sehr gut

Schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen
Der Eichborn Verlag hat "Wir sitzen im Dickicht und weinen", den Debütroman der österreichischen Autorin Felicitas Prokopetz, veröffentlicht.
 
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Ich-Erzählerin Valerie Steinberg. Sie ist geschieden und alleinerziehende Mutter ihres mittlerweile 16-jährigen Sohns Tobi. Das Verhältnis zu ihrer Mutter Christina ist schwierig, die beiden Frauen sehen sich daher nur selten. Dass ihre Mutter an Krebs erkrankt ist, stellt eine große Herausforderung für Valerie dar, denn von nun an muss sie sich um ihre Mutter kümmern und für sie da sein.
Die Entscheidung ihres Sohnes, für ein Jahr eine Schule in England zu besuchen, bereitet Valerie zusätzliche Probleme. Sie möchte nicht, dass er weggeht, er ist doch noch viel zu jung. Sie macht sich Sorgen und hat große Angst, dass ihm etwas passiert.

Das Buch widmet sich nicht nur Valeries Geschichte, sondern auch dem Leben ihrer Großmütter Martha und Charlotte sowie dem ihrer Mutter Christina. Wir erfahren, wie die Kindheit der Frauen verlief und wie sich ihre Stellung als Frau innerhalb der Familie und Gesellschaft im Laufe der Jahre veränderte. Später stehen die Mutter-Tochter-Beziehungen im Fokus. Sie sind kompliziert, jede Mutter möchte es besser machen als ihre eigene Mutter, und doch sind alle gefangen in ihren familiären Strukturen. Der Roman blättert nach und nach die Familiengeschichten auf, und wir erfahren, weshalb Christina und Valerie zu den Frauen geworden sind, die sie sind. 
 
Der Roman ist in eher nüchternem Sprachstil geschrieben, er liest sich sehr flüssig und ist fesselnd. Die Autorin skizziert ihre interessanten Charaktere authentisch und bildhaft. Die Frauen sind geprägt durch schmerzliche Erfahrungen, sie sind eigenwillig und haben ihre Ecken und Kanten. Ihre Handlungsweisen konnte ich nicht immer nachvollziehen. Für Valeries liebloses Verhalten gegenüber ihrer kranken Mutter hatte ich wenig Verständnis, auch wenn die Rückblicke in die Vergangenheit ihre Beweggründe erklären.
 
Es fiel mir anfangs schwer, die zahlreichen Personen zuzuordnen, da Kapitelüberschriften und Zeitangaben fehlen. Ein Stammbaum wäre hilfreich gewesen, um die Familienstruktur jederzeit nachvollziehen zu können. 
Ich habe das Buch, in dem es neben Familie und Mutterschaft auch um Generationskonflikte und Vernachlässigung geht, gern gelesen. Die Schilderungen über Christina als Kind sowie die beiden Großmütter in unterschiedlichen Lebensphasen nehmen recht viel Raum ein, sehr gern hätte ich mehr über Valeries Beziehung zur Mutter erfahren.
 
Leseempfehlung von mir und 4 Sterne!

Bewertung vom 09.04.2024
James
Everett, Percival

James


ausgezeichnet

Packendes Meisterwerk
In seinem neuen Roman "James", der im Hanser Verlag erschienen ist, erzählt der amerikanische Schriftsteller Percival Everett, der auch als Professor für Englisch an der University of Southern California lehrt, Mark Twains "Die Abenteuer von Huckleberry Finn" aus Sicht des Sklaven Jim neu. 
 
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Sklave James, der von allen nur "Jim" genannt wird. Als ihm zugetragen wird, dass Miss Watson ihn verkaufen will, lässt er seine Frau Sadie und die gemeinsame Tochter Lizzie zurück und flieht in Richtung Norden in der Hoffnung auf Freiheit. Schon bald kreuzt sich sein Weg mit dem von Huck, der seinen eigenen Tod vorgetäuscht hat, um seinem gewalttätigen und alkoholkranken Vater zu entkommen. Wir begleiten Jim und Huck auf ihrer Reise mit einem Boot und einem Floß auf dem Mississippi. Ständig sind sie neuen Gefahren und Herausforderungen ausgesetzt, Stürme und Überschwemmungen setzen ihnen zu, sie werden getrennt, finden wieder zueinander. Jim wird zur Arbeit in einem Sägewerk und auf einem Schaufelraddampfer gezwungen und an eine Minstrelgruppe verkauft, in der er einen Weißen darstellt, der einen Schwarzen mimt.
 
Der Autor lässt den Ich-Erzähler Jim in zwei Sprachen reden. Mit anderen Sklaven unterhält Jim sich vollkommen normal, schaltet aber sofort in eine andere Sprache um, sobald Weiße in der Nähe sind. Obwohl er intelligent ist, lesen und schreiben kann, stellt er sich dumm. Die Weißen sollen sich nicht unterlegen fühlen, deshalb spricht Jim dann in einer Art Slang, den er auch die Kinder der Sklaven lehrt. Er bringt ihnen bei, wie sie sich im Beisein Weißer zu verhalten haben, dass sie Blickkontakt vermeiden sollen und nie reden dürfen, ohne gefragt worden zu sein. Nikolaus Stingl, der Übersetzer des Buches, hat diesen ganz speziellen Slang der Sklaven großartig und nachvollziehbar umgesetzt.  

Percival Everetts Buch ist in intelligenter und mitreißender Sprache geschrieben, es hat mich gefesselt und betroffen gemacht. Der Autor schildert eindrucksvoll den Rassismus des 19. Jahrhunderts in den Südstaaten Amerikas und führt dem Leser die Unmenschlichkeit und unvorstellbare Grausamkeit der Sklaverei vor Augen. Der Roman ist keine leichte Kost, er ist spannend, herzzerreißend und oft nur schwer zu ertragen. Das Ende ist hoffnungsvoll, und es kommt zu einer mich vollkommen überraschenden Enthüllung.

Absolute Leseempfehlung und 5 Sterne für diesen erschütternden Roman über eines der dunkelsten Kapitel in der amerikanischen Geschichte, der mich noch lange beschäftigen wird.

Bewertung vom 02.04.2024
Sommerhaus am See
Poissant, David James

Sommerhaus am See


ausgezeichnet

Fesselndes und tiefgründiges Familiendrama
Der btb Verlag hat den mitreißenden Roman "Sommerhaus am See" des amerikanischen Autors David James Poissant veröffentlicht. Es handelt sich um sein Debüt, das bereits 2020 in den USA unter dem Titel "Lake Life" erschienen ist.
 
Im Mittelpunkt der Handlung, die sich über die Dauer eines Wochenendes erstreckt, steht die Familie Starling, die aus den Eltern Lisa und Richard sowie den erwachsenen Söhnen Michael und Thad besteht. Wie in vielen Sommern zuvor, treffen sich alle auch in diesem Jahr im Sommerhaus der Familie in North Carolina, das aus einem umgebauten Trailer besteht. Auch Michaels Frau Diane und Thads Partner Jake sind dabei. Das Treffen im Sommerhaus wird das letzte sein, da die Eltern das mit den Jahren sichtlich heruntergekommene Haus in einer Woche verkaufen werden. Sie beabsichtigen, ihren Lebensabend in Florida zu verbringen. Diese Eröffnung kommt für ihre Söhne überraschend, besonders Michael reagiert verärgert. Am nächsten Tag kommt es am See zu einer schrecklichen Tragödie, die das Familiengefüge zutiefst erschüttert ...
 
Die Geschichte ist in kraftvoller und intelligenter Sprache erzählt und liest sich sehr flüssig. Die interessanten Figuren sind sehr bildhaft und authentisch gezeichnet. Sie alle haben ihre Probleme und müssen sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen, nach und nach werden lang gehütete Geheimnisse und alte Wunden offenbart. Beziehungen werden auf den Prüfstand gestellt, berufliche und private Konflikte treten zutage. Der Roman ist keine leichte Kost, es geht auch um Themen wie Drogen, Suizidversuche und Depressionen sowie Affären und Alkoholsucht.

Sehr gut gefallen hat mir, dass mit jedem neuen Kapitel die Perspektive wechselt. So erleben wir abwechselnd die Geschehnisse aus der Sicht nicht nur der einzelnen Familienmitglieder, sondern auch aus der Sicht von Diane und Jake. Auf diese Weise lernen wir die Personen nicht nur intensiv kennen, wir können auch ihre Handlungen besser nachvollziehen und dabei tief in ihre Gedanken- und Gefühlswelt blicken. 

"Sommerhaus am See" spiegelt auch die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie wider. Die Eltern sind angesehene Akademiker und leben in gesicherten Verhältnissen. Michael arbeitet als Schuhverkäufer, Thad hat sein Studium abgebrochen, beide sind pleite oder hoch verschuldet, es geht ihnen finanziell deutlich schlechter als ihren Eltern.   

Mir hat des Buch sehr gut gefallen, es hat mich von Beginn an bis zum hoffnungsvollen Ende emotional gefesselt und tief berührt. 
Absolute Leseempfehlung für alle, die gern Familiendramen mit Tiefgang lesen!

Bewertung vom 31.03.2024
Jede*r kann die Welt verändern! - Ich bin Leonardo da Vinci
Eliopoulos, Christopher;Meltzer, Brad

Jede*r kann die Welt verändern! - Ich bin Leonardo da Vinci


ausgezeichnet

Liebevoll gestalteter Comic für Jung und Alt
Der Verlag Egmont Bäng hat seiner Reihe "Jede*r kann die Welt verändern" einen neuen Comic hinzugefügt. Er heißt "Ich bin Leonardo da Vinci" und widmet sich dem Leben des italienischen Genies. Der amerikanische Autor Brad Meltzer hat die Texte der Biografie - teils in Sprechblasen - verfasst, die Illustrationen stammen aus der Feder von Christopher Eliopoulos.

Auf 40 schön gestalteten Seiten wird über Leonardos Leben berichtet, seine Begabungen und Leidenschaften. Schon als Kind fällt er durch seinen Wissensdurst und seine gute Beobachtungsgabe auf. Mit 14 Jahren findet er in dem Maler Andrea del Verroccio einen Lehrer und Förderer. Das spannende und unterhaltsame Buch widmet sich nicht nur Leonardo als Künstler, sondern auch seinen Erfindungen und Entdeckungen. Neben interessanten Ausführungen über unterschiedliche Zeichentechniken finden wir am Ende des Buches außer den bekanntesten Werken Leonardos einen Zeitstrahl mit wichtigen Daten und Ereignissen.

Der Comic, der sich an Kinder ab 7 Jahren richtet, ist in altersgerechter und gut verständlicher Sprache geschrieben. Die Illustrationen in eher zurückhaltenden Farben finde ich sehr ansprechend, sie passen hervorragend zur damaligen Zeit. Sehr gut hat mir gefallen, dass das Buch Kinder dazu ermutigt, immer neugierig zu sein und Fragen zu stellen.

Leseempfehlung von mir für diesen schönen und zugleich lehrreichen Comic, der auch ältere Kinder und Erwachsene begeistern wird!

Bewertung vom 22.03.2024
White Zero
Falk, Thilo

White Zero


gut

Leider nicht so spannend wie erwartet
"White Zero", das neue Buch von Thilo Falk, ist ein Klimathriller. Das auffallend schön gestaltete Cover und der vielversprechende Klappentext weckten mein Interesse, aber so richtig glücklich bin ich mit meinem ersten Klimathriller nicht geworden.
 
Die Geschichte beginnt spannend. Die Menschen in Deutschland erleben eine neue Eiszeit. Obwohl der März bereits begonnen hat, ist es immer noch eiskalt, es herrschen Temperaturen von -28 Grad. Die Straßen sind vereist, die Bevölkerung kann sich die hohen Energiepreise kaum noch leisten. Menschen erfrieren, die Versorgung mit Lebensmitteln ist gefährdet, Lieferdienste stellen ihren Betrieb ein. Niemand kennt die Ursache für diese nun bereits seit Monaten anhaltenden Tiefsttemperaturen.
 
Die wichtigsten Figuren des Buches sind die Geophysikerin Dr. Jana Hollmer, ihr Freund Clemens Bach und Titus van Dijk. Jana ist stellvertretende Leiterin des Bundeswehr-Forschungszentrums für Geophysik, Clemens betreibt einen Verlag für Grußkarten, und Titus leitet eine Reederei in den Niederlanden. Um die Ursache für die neue Eiszeit herauszufinden und eine Lösung der Probleme herbeizuführen, wird ein Krisenstab gebildet, dem neben Jana weitere Wissenschaftler, Politiker und Unternehmer angehören. 

Der Klimathriller ist in angenehmem Stil geschrieben und liest sich flüssig. Die interessanten Charaktere sind sehr gut skizziert, neben den drei wichtigsten Figuren lernen wir in weiteren Erzählsträngen zahlreiche weitere Personen aus Kiel, Freiburg, Peking, Amsterdam und Tschad kennen. Die Personen und die Schauplätze wechseln ständig, die Kapitel sind eher kurz gehalten, daher ist schon eine gewisse Konzentration erforderlich. Es dauert einige Zeit, bis sich alle Puzzleteile zu einem Ganzen fügen und die Zusammenhänge erkennbar sind. 

Leider fand ich das Buch nicht sehr spannend, es hatte zwar durchaus spannende Momente, vor allem zu Beginn, aber der Spannungsbogen konnte nicht hoch gehalten werden, flachte immer wieder schnell ab. Die Kürze der einzelnen Erzählstränge und der ständige Wechsel störten meinen Lesefluss. Sehr gut gefallen haben mir die Zeitungsartikel und Beiträge aus den Nachrichten, die der Autor immer wieder in seine Geschichte hat einfließen lassen. Was mich zunehmend genervt hat, war neben den Gendersternchen die ständige Anwesenheit von Janas Hündin. Es gibt kaum eine Szene um Jana, in der der Beagle nicht dabei ist.

Es ist so schade, aber trotz der interessanten Thematik konnte das Buch mich leider nicht so fesseln, wie ich es erwartet hatte.

Bewertung vom 22.03.2024
Schneesturm
Walsh, Tríona

Schneesturm


gut

Thriller mit Längen
Ich liebe Thriller, die vor eisiger Kulisse spielen und habe mich daher sehr auf "Schneesturm" der irischen Autorin Tríona Walsh gefreut, die den Leser auf die kleine irische Insel Inishmore entführt. 
 
Im Mittelpunkt der Geschichte steht die junge Cara. Die 34-Jährige ist als einzige Polizistin auf Inishmore für 900 Bewohner zuständig. Da sie nicht auf der Insel geboren ist und kein Gälisch spricht, begegnen ihr die Inselbewohner mit Vorsicht und Skepsis. Cara lebt mit ihren beiden Kindern bei ihrer Großmutter, einer Einheimischen. Kurz vor Silvester trifft sie sich mit ihren fünf Freunden. Sie alle waren seit Kindertagen eine verschworene Gemeinschaft, die nach einer schrecklichen Tragödie auseinanderbrach. Drei Freunde sind nicht auf der Insel geblieben. Nun sind 10 Jahre vergangen, und die Gruppe, die aus 3 Männern und drei Frauen besteht, will gemeinsam den Jahrestag des tragischen Ereignisses begehen. Bald schon tobt ein heftiger Schneesturm auf der Insel und schneidet sie völlig von der Außenwelt ab, es gibt keinen Strom, kein Telefonnetz, keinen Fährverkehr. Als eine Leiche aufgefunden wird, wachsen Angst und Misstrauen innerhalb der Gruppe. 
 
Der Thriller ist in angenehmer Sprache erzählt und liest sich sehr flüssig. Nach und nach lernen wir Cara und ihre Freunde näher kennen. Außer Cara leben noch Daithi, der Wirt des Pubs, sowie die Lehrerin Maura auf der Insel. Seamus lebt als Drehbuchautor im Hollywood, während Ferdy und Sorcha, die miteinander verheiratet sind, nach London gezogen sind und sich dort eine Existenz aufgebaut haben. Schnell ist zu erkennen, dass die Gruppe sich fremd geworden ist, die alte Vertrautheit nur noch in Teilen vorhanden ist. Vor dem Hintergrund des Verbrechens müssen die Freunde sich nun fragen, ob sich der Mörder unter ihnen befindet. 
Wir begleiten die von der Ermittlungsarbeit völlig überforderte Cara, es werden Geheimnisse aufgedeckt, Konflikte brechen auf, Lügen kommen ans Tageslicht. Cara verhält sich mehrmals nicht gerade professionell, ihre Handlungsweisen sind nicht immer logisch und nachvollziehbar. 
 
Leider war mir der Thriller nicht durchgängig spannend genug, er hatte einige Längen, auf die Anwesenheit des Filmteams und das etwas kitschige Ende hätte ich gut verzichten können. Faszinierend fand ich dagegen die Beschreibung der Insel und ihrer teilweise recht abergläubischen Bewohner, die unter extremen Wetterbedingungen leben und den Naturgewalten ausgesetzt sind. 

Bewertung vom 11.03.2024
Eine Fingerkuppe Freiheit
Zwerina, Thomas

Eine Fingerkuppe Freiheit


ausgezeichnet

Wunderbare Hommage an Louis Braille, den Erfinder der Blindenschrift
In seinem Debütroman "Eine Fingerkuppe Freiheit" widmet sich Thomas Zwerina, der 2018 sein Augenlicht vollständig verloren hat, dem Leben von Louis Braille, dem Erfinder der Blindenschrift.

Louis Braille wird 1809 in dem kleinen französischen Ort Coupray als Sohn eines Sattlers geboren. Als er drei Jahre alt ist, verletzt er sich in der Werkstatt seines Vaters mit einer Ahle am rechten Auge so schwer, dass er erblindet. Infolge von Entzündungen verliert er Monate später auch auf dem gesunden Auge seine Sehkraft. Als Louis sieben Jahre alt ist, nimmt der Priester des Orts die überdurchschnittliche Intelligenz des Jungen zum Anlass, den Dorfschullehrer zu überreden, ihn in seine Schule aufzunehmen. Louis ist ein wissbegieriger Schüler mit hervorragendem Gedächtnis und wird mit 10 Jahren in ein Blindeninternat in Paris aufgenommen. Die "Nachtschrift", eine neuartige Schreibmethode, die der ehemalige Offizier Charles Barbier für Kinder entwickelt hat, dient ihm als Grundlage für seine Blindenschrift, die aus nur 6 erhabenen Punkten besteht.

Der Autor erzählt Louis' Geschichte in einer sehr besonderen, anspruchsvollen und wunderschönen Sprache, die mich sofort begeistert hat. Es war spannend, die Entwicklung des jungen Louis zu verfolgen, der es durch seine Intelligenz, Ehrgeiz und Hartnäckigkeit schaffte, eine leicht lesbare Schrift für Blinde zu entwickeln. Es hat mich sehr beeindruckt, mit welcher Leidenschaft Louis an seiner Blindenschrift tüftelte und sie mit nur 16 Jahren fertigstellte - was für eine Leistung! 

Nicht nur Louis als Hauptperson, auch die Nebenfiguren sind sehr bildhaft und authentisch gezeichnet. Ich mochte so viele von ihnen, neben dem liebenswerten und bescheidenen Louis ganz besonders seine Eltern, die immer für ihn kämpften, denen seine Schulbildung wichtig war und die ihn vor einem Leben als Bettler bewahren wollten. Ich mochte auch den Priester und den Lehrer in Coupray sowie die beiden Pariser Freunde Hippolyte und Gabriel. Die Beschreibung des Lebens blinder Kinder im 19. Jahrhundert ist Thomas Zwerina sehr eindrucksvoll gelungen, hochinteressant fand ich auch den Einblick in die damals für Blinde übliche Technik der Reliefdrucke und die Probleme, die die Kinder damit hatten.

Der warmherzig erzählte Roman, der einen Zeitraum von 43 Jahren umfasst, hat mir sehr gut gefallen. Ich habe mitgelitten, als Louis sein Augenlicht verlor, habe mich gefreut, dass er neben seinen liebevollen Eltern auch engagierte Förderer hatte, und ich habe mitgefiebert, als er unermüdlich an seiner 6-Punkte-Schrift arbeitete, die allen blinden Menschen den Zugang zur Literatur ermöglichen sollte. 

Absolute Leseempfehlung und wohlverdiente 5 Sterne für dieses großartige Buch, das mich beeindruckt, gefesselt und zutiefst berührt hat!

Bewertung vom 08.03.2024
Der Ausflug - Nur einer kehrt zurück
Kvensler, Ulf

Der Ausflug - Nur einer kehrt zurück


ausgezeichnet

Atmosphärischer und spannender Thriller
Der Thriller "Der Ausflug - nur einer kehrt zurück" des schwedischen Autors Ulf Kvensler ist bereits 2022 unter dem Titel "Sarek"  in Schweden erschienen, wurde dort sofort zum Bestseller und ist mit dem Swedish Crime Writers Award ausgezeichnet worden.
 
Wie in jedem Jahr planen die Juristin Anna, ihr Verlobter Henrik und Annas Freundin Melina eine Wanderung in Nordschweden, um neue Energie zu tanken. Doch diesmal fragt Milena ihre Freunde, ob ihr neuer Freund Jacob dabei sein darf. Anna und Henrik sind zwar wenig davon begeistert, mit einer ihnen vollkommen fremden Person zu reisen, möchten Milenas Bitte jedoch nicht ablehnen. Am Reisetag findet die erste Begegnung mit Jacob statt, der ein erfahrener Bergwanderer ist und gleich eine Änderung der Wanderroute vorschlägt. Die neue Route birgt viele Gefahren und wird bald zur Herausforderung für die Gruppe. 
 
Die Geschichte wird auf unterschiedlichen Zeitebenen erzählt. Rückblicke auf die gemeinsame Wanderung werden unterbrochen durch Polizeiprotokolle über Zeugenbefragungen. Darüber hinaus gibt es immer wieder Rückblicke in die weiter zurückliegende Vergangenheit. Obwohl vier Personen unterwegs sind, steht doch Anna als Ich-Erzählerin deutlich im Fokus. Wir erleben die Wanderung daher vorrangig aus Annas Sicht auf die Ereignisse. 

Das Buch ist in schönem Sprachstil geschrieben und liest sich sehr flüssig. Wir lernen die vier Wanderer kennen, die sehr unterschiedlich sind: die ehrgeizige Anna, den konditionsschwachen Henrik, die sanfte Milena und den bestimmenden Jacob. Ihre Charaktere sind perfekt gezeichnet, nach und nach erfahren wir mehr über sie und ihre Vergangenheit. 

Bereits die erste Seite ist spannend, die Spannung steigert sich immer weiter und bleibt bis zum Ende auf hohem Niveau. Wir erleben, wie aus der Wanderung ein Horrortrip wird, der alle an ihre Grenzen bringt. Die Paare sind den Naturgewalten ausgesetzt, bei eisiger Kälte entsteht ein Kampf ums Überleben. Mit zunehmender Erschöpfung und Entkräftung werden falsche Entscheidungen getroffen, es kommt innerhalb der Gruppe zu Unstimmigkeiten und heftigen Auseinandersetzungen, und bald fragt sich jeder, wem er überhaupt noch vertrauen kann. Im letzten Teil des Buches kommt es zu einer vollkommen unerwarteten Wendung mit einem überraschenden Ende.

Der perfekt inszenierte Thriller mit seinen atemberaubenden Szenen hat mich vom Anfang bis zum Ende gefesselt, die Beschreibungen der rauen Bergwelt und der unberührten Natur waren faszinierend und trugen zur Spannung bei. Es gab raffinierte Wendungen, und mehrmals lockte mich der Autor auf falsche Fährten. Das Buch aus der Hand zu legen, fiel mir schwer, ich habe mitgefiebert und fühlte mich bis zum unvorhersehbaren Ende bestens unterhalten. 

Absolute Leseempfehlung für diesen atmosphärischen und spannenden Thriller! 

Bewertung vom 07.03.2024
Leute von früher
Höller, Kristin

Leute von früher


gut

Ruhig erzählte Inselgeschichte
Im Mittelpunkt von "Leute von früher", dem neuen Buch von Kristin Höller, steht Marlene. Sie ist Ende Dreißig, hat fast 9 Jahre lang Medienpraxis studiert und bisher keinen passenden Job gefunden. Daher nimmt sie für 6 Monate eine Tätigkeit auf der kleinen nordfriesischen Insel Strand an. Gekleidet wie vor 100 Jahren arbeitet sie nun vor historischer Kulisse als Verkäuferin in einem Erlebnisdorf für Touristen. Bald schon begegnet sie der Fischverkäuferin Janne, in die sie sich sofort verliebt. Janne, die auf Strand aufgewachsen ist, umgibt ein Geheimnis, und auch die Insel scheint eine mysteriöse Vergangenheit zu haben, um die nur ihre Bewohner wissen. 
 
Das Buch mit dem wunderschönen Cover ist in klarer Sprache geschrieben und liest sich sehr flüssig. Es ist eine ruhig erzählte Geschichte, langsam und behutsam entwickelt sich die Liebesbeziehung zwischen Marlene und Janne. Nach und nach wird Jannes Geheimnis, das mit der versunkenen Stadt Rungholt zusammenhängt, enthüllt. Die Autorin beschreibt neben Marlenes Alltag im Erlebnisdorf auch den weiterer Saisonkräfte, die in sehr einfachen Unterkünften untergebracht sind. Sie zeigt ihre Probleme auf und ihre streng geregelten Arbeitsbedingungen, wozu auch der Kostümzwang zählt. 
 
Der atmosphärische Roman hat mir gut gefallen, ich mochte die schönen Naturbeschreibungen und die Mystery-Elemente. Sehr interessant fand ich den Teil der Geschichte, in dem es um die versunkene Stadt Rungholt geht. Die unterschiedlichen Charaktere sind gut beschrieben, und das emotionale Ende war für mich stimmig, dennoch vollkommen überraschend.