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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Murksy
Wohnort: Bad Krozingen
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Danksagungen: 12 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 125 Bewertungen
Bewertung vom 28.11.2021
606
Fox, Candice

606


ausgezeichnet

Ein raffiniert ausgeführter Massenausbruch überrascht sogar die meisten der 606 Verbrecher, die sich plötzlich in Freiheit befinden und die Öffentlichkeit in Panik versetzen. Wer steckt hinter dem Ausbruch? Und vor allem, wie schnell gelingt es den Behörden, die grausame Bande wieder einzufangen? Es wird ein Wettlauf gegen die Zeit, den ein paar der Flüchtlinge haben konkrete Pläne. Die Jagd hat begonnen.
Was zunächst nach einem unrealistischen Plot klingt, entwickelt sofort eine Hochspannung und Dynamik, die viele andere Thriller vermissen lassen. Statt auf sinnloses Blutvergießen oder reine Effekthascherei zu setzen, konzipiert Fox ein raffiniertes Szenario mit mehreren Strängen, das fesselt, gut unterhält und immer wieder überraschende Wendungen bringt. Wo anderen Büchern bald der Atem und die Einfälle ausgehen, fasziniert die Geschichte und die Charaktere bis zum Ende. Nicht dass die Autorin auf Brutalität verzichten würde, nein, aber sie nutzt diese nicht als Mittel zum Zweck, sondern erhöht dadurch die Brisanz und sorgt für Nervenkitzel. Fox erzählt grandios, zaubert ein durchaus glaubhaftes Bild und lässt sogar sanft versteckten Humor nicht zu kurz kommen. Meisterhaft und souverän beherrscht Fox den Thriller und hat aufs Neue einen "page turner" geschaffen.
Nett auch die Danksagung, in der die Autorin ihr millionstes, gedrucktes Wort erwähnt und dazu auffordert, trotz Kritik und Ablehnung nicht aufzugeben, ein Ratschlag, der nicht nur für das Schreiben anzuwenden ist.

Bewertung vom 01.11.2021
Ein dunkler Abgrund
French, Nicci

Ein dunkler Abgrund


weniger gut

Schade, denn obwohl das Thema eines Kindes, das Zeuge eines Verbrechens wird, nicht neu ist, wäre mehr drin gewesen. Leider agiert die Hauptperson, die zunehmend hysterische Mutter unglaubwürdig. Nachdem sie fast jeden Mann in ihrem Umfeld als verdächtig betrachtet, auf eigene Faust ermittelt, weil die Polizei wahlweise unfähig oder überlastet ist, einige Gesetzte übertritt, dies aber damit rechtfertigt, dass sie als gute Bürgerin nur einen Mörder schnappen will und dann natürlich den Fall löst, schüttelt der Krimifan nur den Kopf. Auf der einen Seite wird das Kind fast panisch vor den Männern geschützt, aber ein Hundebiss wird kaum registriert, man kann es irgendwann nicht mehr ernst nehmen. Weder authentisch noch glaubhaft, zu letzt nur noch nervend, ein Krimi, der Spannung nur zu Beginn bietet, aber dann nur noch lächerlich ist. Schade, hatte mehr erwartet.

Bewertung vom 18.10.2021
Cassius X
Cosgrove, Stuart

Cassius X


ausgezeichnet

Stuart Cosgrove führt seine Serie über die Entstehung der Soulmusik fort, beziehungsweise legt, wie er sagt, mit dem Buch Cassius X einen Vorspann dazu an. Gelungen verknüpft er die Ereignisse um eine legendäre Beziehung dreier Größen der amerikanischen Geschichte: Cassius Clay, Sam Cooke und Malcolm X. Was auf den ersten Blick kaum Zusammenhänge beinhaltet, geht tief in die politische und kulturelle Situation der damaligen Zeit hinein. Voller Anekdoten und unendlichen Wissen, liefert das Buch eine Fundgrube für Musikfreunde, aber auch für politisch Interessiert oder Sportfans. Aber selbst wer bisher gar nichts mit den Personen des Buches zu tun hatte, weder Sport- noch Soulfan ist, wird das Buch mit Spannung lesen. Lebhaft und informativ bringt Cosgrove den Umbruch in der schwarzen Bevölkerung, die Entstehung der Soulmusik im politischen Kontext und den selbstbewussten, angehenden Boxchampion in Einklang. Es ist und will keine Biografie sein. Vielmehr ein Abbild der vielleicht prägendsten Zeit um die Entwicklung des Muhammad Ali und der Befreiung der Soulmusik zu einem eigenständigen Merkmal der Popindustrie. Das Buch strotzt vor Wissen, Enthusiasten finden unzählige Anspieltipps und Hinweise auf das Souluniversum. Boxfreunde kommen an dem in jeder Beziehung beeindruckenden Leben des Cassius Clay sowieso nicht vorbei. Das alles noch in Zusammenhang mit der revolutionären Welt des Malcolm X erschaffen ein Werk von tiefgründiger, politscher Diagnose, das großartig und fesselnd erzählt wird.

Bewertung vom 15.10.2021
Gesammelte Werke
Sandgren, Lydia

Gesammelte Werke


ausgezeichnet

Eigentlich schreibt Lydia Sandgren in ihrem fulminaten Mammutdebut über 870 Seiten lang nur über ganz gewöhnliche Menschen. Aber vielleicht ist das gerade der Reiz der Geschichte um einen Verleger, seine Frau und den gemeinsamen Freund, den Künstler. Der Leser begleitet in Zeitsprüngen die Entwicklung der jungen Schein-Rebellen zu etablierten Erwachsenen, mit all ihren Sorgen und Nöten. Als roter Faden, der eine enorme Spannung aufbaut, zieht sich das plötzliche Verschwinden von Cecilia und die Suche ihrer Tochter nach der Mutter durch das Buch. Sandgren liebt die Literatur, das spiegelt sich in jedem Satz, in jedem Zitat, in jedem Bezug auf berühmte Autoren und ihre Werke wieder. Voller kluger Philosophie und Psychologie beschreibt das Buch die Protagonisten bei ihrem Versuch, das Leben zu meistern, jeder auf seine Art. Doch zum Leben gehört auch immer wieder scheitern. Und die Erkenntnis, dass man sich vielleicht in der Buchwelt verstecken kann, aber trotzdem das reale Leben andere Geschichten schreibt. Intelligent und eloquent, auf den Spuren von Irving und Updike wandelt, lässt die Autorin ihre Figuren mit jeder Pore authentisch wirken. Der Leser wird zum treuen, aber auch voyeuristischen Wegbegleiter der Protagonisten, neugierig nach der Wahrheit suchend. Fast zehn Jahre schrieb die Autorin nach eigenen Angaben an dem Werk, das mit Knausgard kokettiert, aber nicht verglichen werden sollte. Ein wort- und bildgewaltiges Lesevergnügen, das mich von Anfang bis Ende gefesselt hat, und bei dem Umfang ist das keine Selbstverständlichkeit. Als Quellenleser, so manches Buch zieht viele Folgelesungen nach sich, hätte ich mir als kleines Schmankerl eine Zusammenstellung aller Bücher und Autoren gewünscht, auf die sich die belesene und sprachgewandte (wer über gute Fremdsprachenkenntnisse verfügt, hat noch mehr Freude an dem zitatenreichen Werk) Schriftstellerin beruft. Bravo, darf man anerkennend rufen!

Bewertung vom 05.10.2021
Betongold
Weber, Tanja

Betongold


weniger gut

Ein toter Bauunternehmer ruft dessen Freund, einen Ex-polizisten auf den Plan. Im Münchner Baulöwenmilieu ermittelt der Smokey und versucht Licht in den Nebel zu bringen.
Was eine spannende Geschichte hätte werden können, verliert sich in zuviel bajuwarischem Geplänkel und einer Sprache, die verzweifelt versucht, die klüngelnde Atmosphäre der münchner Möchtegerns wiederzugeben. Doch wenn der Smokey versucht, den Tod des Schani zu klären und dabei mit dem Moni und der Aymee über vergangene Zeiten philosophiert, verliert sich die Geschichte schnell in den Lebensgeschichten der Personen und vergisst den Krimi. Die Auflösung des Falles kommt dann auch eher überfallartig, als sei der Autorin die Luft bei so viel Stammtischmelancholie ausgegangen. Von der Spannung, die andere Leser dem Buch zuschreiben, kann ich leider nichts erkennen. Das Buch war zum Glück kurz genug, um es zu Ende zu lesen. Gefesselt oder überrascht hat es mich nicht, weder Personen noch Handlung waren ausreichend überzeugend dargestellt. Eher erinnerte das Ganze an lokale Bauerntheater, die urig und kantig eine Geschichte anbieten, die nur bedingt das hält, was der Klappentext oder die Inhaltsangabe verspricht und ohne Weißbier und Leberkässemmel kaum zu verdauen ist.

Bewertung vom 17.09.2021
Reise durch ein fremdes Land
Park, David

Reise durch ein fremdes Land


ausgezeichnet

Ein Fotograf fährt durch eine verschneite Landschaft. Dabei entblößt er dem Leser nach und nach seine Seele und berichtet von einer tragischen Familiengeschichte.

Das Cover zeigt mit einer Straße, die gewunden durch einen verschneiten Pfad führt, sehr gut den roten Faden des Buches. Der Mann auf seiner einsamen Reise, ab und zu trifft er andere Personen kennen, erzählt von seinem Sohn. Die Sprünge zwischen Fahrt und Vergangenheit mögen teilweise etwas schwierig erscheinen, doch geben sie wunderbar die Essenz des Fotografierens wieder: das Festhalten eines Momentes. Poetisch schildert der Autor die Reise und schafft es, die Vergangenheitsbewältigung des Mannes wie fotografische Kompositionen zu gestalten. Das ist höchste Schreibkunst. Je näher der Fahrer seinem Sohn kommt, umso mehr offenbart er seine Dämonen, die ihn aufzufressen drohen. Eine Seelenreinigung der besonderen Art. Das Buch ist traurig, treibt mir am Schluss die Tränen in die Augen. Und gleichzeitig gelingt es dem Autor Hoffnung zu versprühen und fordert dazu auf, den eigenen Glauben nicht zu verlieren, um das Leben zu kämpfen und das wertzuschätzen, was Leben ausmacht, alle Höhen und Tiefen.
Ein stiller, bewegender Roman in wunderbarer Bildsprache.

Als besonderes Gimmick gibt es am Ende des Buches zwei links. Man findet die Playlist mit einigen Songs, die der Fahrer unterwegs gehört hat und kann sich im Netz die Fotos von Sonya Whitefield ansehen, die das literarische Werk in herrlichen Bildern umgesetzt hat.

Bewertung vom 17.09.2021
Der perfekte Kreis
Myers, Benjamin

Der perfekte Kreis


ausgezeichnet

Zwei Männer vereint in einer Mission: den perfekten Kornkreis zu schaffen. Während die Öffentlichkeit spekuliert, sogar ernsthaft an Außerirdische zu glauben scheint, planen die beiden Männer akribisch immer neue Zeichnungen in den englischen Feldern. Beide Männer sind auf ihre Art gebrochen, suchen nach Sinn und Halt in ihrem Leben. Während Redbone, ein heruntergekommener Rumtreiber und Anarchist die Pläne entwirft, kundschaftet Calvert, ein traumatisierter Ex-Soldat, militärisch genau die Orte für die nächtlichen Aktionen aus. Einem strengen Kodex folgend, arbeiten sich die Männer Richtung Herbst vor, der trostlosen, sinnfreien Zeit entgegen.
Wunderbar detailliert beschreibt Myers die Gedankenwelt der Männer, zeichnet ein ebenso feines Bild der Charaktere, wie diese es mit ihren Kornkreisen machen. Sanft schwingt eine Prise britischen Humors durch die Geschichte, doch verstärkt dieser nur die Einsamkeit der Männer in einer zunehmend materialistischer werdenden Welt, die schon die ersten Folgen des Klimawandels zu tragen hat. Trotz ihrer Bekundung, ohne eigene Absichten die Kreise zu gestalten, schwingt auch bei den Männern der Stolz auf das Projekt mit und die Einzigartigkeit ihres Seins.
Der Autor gibt in seiner gewohnt facettenreichen Sprache einen Blick auf eine Generation im Umbruch, auf eine sich wandelnde Welt und die Notwendigkeit der Menschen an etwas glauben zu dürfen, träumen zu können und eine bleibende Begründung für ihre Existenz zu haben. Das Buch ist ein Stück große Poesie, wie der perfekte Kornkreis.

Bewertung vom 23.08.2021
Shuggie Bain
Stuart, Douglas

Shuggie Bain


ausgezeichnet

Es gibt Bücher, die reißen einen mit, spülen einen davon, hinterlassen eine zerstörte Illusion des perfekten Lebens. Shuggie Bain ist so ein Buch. Wir begleiten Shuggie über einen Zeitraum von 10 Jahren durch das immer trostloser werdende Glasgow. Die Arbeiterschicht ist hoffnungslos, Alkohol und Depression sind überall. Auch Agnes, seine Mutter ist süchtig, verzweifelt auf der Suche nach Liebe und einem Mann, der sie unterstützt. Kein Leben wie aus den Illustrierten, sondern die bittere Realität.
Zeigt das Cover auch eine scheinbar glückliche Mutter-Sohn-Beziehung, so wird dem Leser schnell klar, dass hier keine heile Welt vorgegaukelt wird. Der Autor betreibt eine Seelenwaschung, indem er seine eigene Kindheit in dem Roman verarbeitet. Dank der Übersetzung wird die Tristesse der Arbeiterklasse in Glasgow auch in der Dialektik gut verarbeitet, auch wenn es immer gewagt ist, Slang und Dialekt zu transportieren. Der Stil des Autors ist beeindruckend, hebt sich um Längen von anderen Büchern ab. Ich möchte nur kurz zitieren :"Die Tage waren zu lang für einen Mann der Nacht. Das endlose Tageslicht hing herum wie ein unhöflicher Gast..". Das Buch ist voll dieser herrlichen Bilder und Metaphern, ein Fundus an kreativem Schreibstil. Und mag das Buch auch bedrückend und deprimierend erscheinen, leuchtet immer wieder ein Funke Glaube und Hoffnung durch, lässt den Leser genau wie die Protagonisten weitermachen. Ein Meisterwerk, unvergleichlich, packend, bewegend, erschütternd und doch oder gerade deshalb bis zum Schluss fesselnd.
Wer auf kitschige Romane mit dem zwingenden Happy-End und rosaroter Brille steht, Finger weg. Wer zu Depressionen neigt, fragwürdig. Wer eines der besten Bücher der letzten Zeit lesen will, absolut ja!

Bewertung vom 31.07.2021
Wild Card
Thompson, Tade

Wild Card


ausgezeichnet

Die Geschichte von Weston Kogi, der nach Westafrika reist, um an einer Beerdigung teilzunehmen und dann plötzlich in die Schusslinie rivalisierender Parteien gerät, mag manchem Leser übertrieben erscheinen. Wer aber die Verhältnisse in Westafrika kennt, weiß, dass die dortige Realität deutlich schlimmer ist, als alles, was in den blutstrotzenden Thrillern unser ach so beliebten Autoren passiert. Kogi soll den Tod eines Politikers aufklären, nachdem er sich großspurig als Polizist bezeichnet hatte. Dabei gerät er in Lebensgefahr, lernt viele falsche Freunde kennen und scheint auswegslos in den Konflikt um die Macht in seinem Heimatland zu geraten. Die Gewaltdarstellungen des Buches sind allerdings nicht so krass, wie sie durch manche Werbeaktion dargestellt wurden. Natürlich schockiert das Buch allzu naive Seelen, doch gibt es dadurch einen authentischen Blick auf Korruption und Unmenschlichkeit in ihrer perversesten Art. Raffiniert führt der Autor den Leser auf dunklen Pfaden durch den Roman, verwirrt durch immer neue Wendungen und verteilt die Sympathien wechselhaft auf die Agierenden. Das Buch ist rasant, treibt die Geschichte voran und der geneigte Leser legt das Buch nicht zur Seite. Wer realistische Bücher mag, die trotzdem überdreht daherkommen, kommt voll auf seine Kosten. Zu zart besaitete Leser sollten eher die Finger von dem Buch lassen, rauben sie vielleicht doch die eine oder andere Illusion über den schwarzen Kontinent. Ich als Afrikakenner konnte oftmals nur zustimmend nicken und war von dem Roman begeistert.

Bewertung vom 03.04.2021
Alles, was wir wissen und was nicht

Alles, was wir wissen und was nicht


sehr gut

Der englische Originaltitel Britannica All New Kids' Encyclopedia zeigt, dass das Buch eigentlich für die jüngere Generation gedacht ist. Die farbige Gestaltung und der bewusst kurz gehaltene Text führt in 8 Kapiteln querbeet durch das Wissen der Menschheit. Der deutsche Titel ist dabei natürlich sehr übertrieben, auf nicht einmal 400 Seiten lässt sich das Menschheitswissen nicht annähernd darstellen, muss aber auch nicht sein. Viele interessante Fakten sind zusammengetragen und regen an, sich weiter zu informieren. Dass die Aufmachung der Seiten eher den knalligen Darstellungen des Internets angepasst ist, soll vielleicht den Reiz erhöhen. Nur mit Text wäre das Werk nicht so begeisternd. Viele Experten haben mitgeholfen, dieses empfehlenswerte Sachbuch zu gestalten. In Zeiten der Fake-News ist es umso wichtiger Wissen so zu vermitteln, dass es im Kopf bleibt. Auch Erwachsene werden noch das eine oder andere Neue lernen, wenn auch das Meiste als Allgemeinwissen abgehakt werden kann. Ein gut gemachtes Nachschlagewerk ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Manchem werden die einzelnen Punkte willkürlich ausgewählt sein, aber irgendwie muss der Autor das Buch begrenzen. Wer Spaß am Wissen hat, wird das Buch immer wieder zur Hand nehmen.