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Benutzername: Igelmanu
Wohnort: Mülheim
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Bewertungen

Insgesamt 636 Bewertungen
Bewertung vom 09.10.2019
Die Mozarts
Lemster, Michael

Die Mozarts


sehr gut

»Diese fünfhundertjährige Geschichte der Mozarts ist reich an Höhepunkten und Krisen, Rätseln und Geheimnissen, komplexen und berührenden Figuren. War Leopold Mozart wirklich nichts als der unnachgiebige Zuchtmeister des kindlich-unbekümmerten Wolfgang? War das »Bäsle« ein Spielzeug oder die große, aber unmögliche Liebe des berühmten Komponisten? Und war Wolfgangs Frau Constanze der Ruin der Familie oder doch die Mutter ihres Nachruhms?«

Bücher über das Leben und Wirken großer Komponisten und Musiker lese ich immer gern und speziell Wolfgang Amadé Mozart war eine faszinierende Persönlichkeit und ein Ausnahmekünstler. Dieses Buch nun wirft einen Blick auf die Familiengeschichte der Mozarts von ihren Anfängen im 15. Jahrhundert bis zum Tod des letzten bekannten Nachkommens im Jahr 1965.
Schnell stellt man beim Lesen fest, dass es neben dem berühmtesten Vertreter der Familie weitere interessante Persönlichkeiten gab. Neben drei Generationen von Musikern finden sich davor und danach alle möglichen Berufe, die ersten Mozarts (damals noch Motzharts) arbeiteten sich regelrecht hoch, von einfachen Bauern über Handwerker bis hin zu Künstlern. Wie machten sie das? Stichworte wären hier: Fleiß, Begabung, die Wahl des „richtigen“ Wohnorts und/oder die Heirat mit den „richtigen“ Personen (die sogenannten günstigen Partien). All diese Dinge verraten eine deutliche Zielstrebigkeit, die man dann auch bei Vater und Sohn, Leopold und Wolfgang Amadé Mozart, beobachten kann.

Im Zentrum steht die Kernfamilie rund um den großen Komponisten und Musiker, dies macht auch den überwiegenden Teil des Buchs aus. Fesselnd zu lesen, wie alle auf dem Weg zum Ruhm zusammenarbeiteten! Leopold wird als »wirtschaftlicher Dirigent und Manager« bezeichnet, seine Familie als »Ensemble und Unternehmen«. Persönlich fand ich auch sehr interessant, wie es Mozarts Frau und seinen Kindern nach seinem Tod erging. Dieser Abschnitt hätte für mich gerne umfangreicher sein können.

Die Konzertreisen des Mozart-Familienbetriebs nehmen ebenfalls einen ordentlichen Umfang ein. Gleich zu Beginn werden die Reisen auf einer großen Übersichtskarte gezeigt. Am Ende des Buchs findet sich ein Stammbaum der Familie. So etwas mag ich sehr, bei der Betrachtung fielen mir aber kleine Ungenauigkeiten auf. Da wurden etwa einzelne Sterbedaten nicht mit dem bekannten Kreuzzeichen, sondern mit dem Sternchen aufgeführt, das üblicherweise das Geburtsdatum anzeigt.

Viel Wichtiges kann man aus den Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zueinander herauslesen, hier wird oft aus Briefen zitiert. Natürlich ist auch Mozarts persönliche Entwicklung Thema, wobei in diesem Buch tatsächlich mehr die Person als die Musik im Vordergrund steht. Die Beschreibungen gehen alle nicht sehr in die Tiefe, an nicht wenigen Stellen hätte ich mir detailliertere Infos gewünscht. Dies hätte aber vermutlich den Rahmen des Buchs gesprengt.

Bei den Schilderungen fällt auf, dass so einige aufgeworfene Fragen gar nicht richtig beantwortet werden. Der Autor stellt oft entweder Möglichkeiten vor, wie es gewesen sein könnte, er interpretiert und mutmaßt, oder er stellt schlicht eine Sichtweise vor, die aber von der in anderen Biographien abweichen kann. Er führt dabei Begründungen an, manchmal durchaus logisch, aber als richtige Beweise konnte ich sie nicht immer anerkennen. Sehr interessant fand ich seine Ansichten zu einigen bestehenden Legenden rund um Mozart, wie zum Beispiel die Mordlegende oder das angebliche Armenbegräbnis.

Bei einer fünfhundertjährigen Familiengeschichte reist man zwangsläufig durch die Zeit – und das ist hier wirklich gut gelungen. Verschiedene geschichtliche Epochen, beispielsweise der 30jährige Krieg oder die Aufklärung, werden mit Grundinfos beschrieben, die agierenden Personen der Familie sehr lebendig in ihrer jeweiligen Zeit dargestellt. Es gibt also viel Zeitkolorit, was die Lektüre besonders reizvoll macht.

Bewertung vom 30.09.2019
Die Ameisenfrau
Kiehl, Thomas

Die Ameisenfrau


gut

»So leicht werden Sie mich nicht los. … Ich musste gestern mit ansehen, wie ein Mensch gestorben ist. Ich möchte, dass Sie mir ein paar Fragen beantworten.«

Für die Biologin Lena Bondroit drehte sich im Leben bisher alles um Ameisen, mit ihren Forschungen hat sie sich bereits einen Namen gemacht. Eines Tages wird sie kurz hintereinander von zwei ihr bis dahin fremden Männern angesprochen, die ein ganz spezielles Interesse an ihren Forschungsarbeiten haben. Der eine von ihnen wird nach einem Treffen ermordet, Lena ist Zeugin. Zuvor erzählte er ihr etwas über eine bizarre Geheimorganisation, die Menschen manipuliert. Ohne den Mord hätte Lena dies lediglich als Verschwörungstheorie angesehen. Aber tatsächlich steckt sie alsbald in einem Geflecht von Lügen, Manipulationen und ungewöhnlichen Organisationen. Es wird gefährlich für sie und wiederholt muss sie sich fragen, wem sie eigentlich glauben kann.

Die Themen in diesem Buch fand ich sehr reizvoll. Eine Ameisenforscherin als Ermittlerin ist mal etwas völlig anderes und ihre Spezialkenntnisse liefern wertvolle Gedankenansätze. Immer wieder erfährt man dabei natürlich auch Interessantes über die kleinen, staatenbildenden Lebewesen.

Im Zentrum steht das Spiel mit der Angst. Zum einen die Überlegung, wie Angst in der Bevölkerung ausgenutzt wird, um eigene Ziele zu erreichen. Wenn man sich umschaut, fallen da schon viele Beispiele auf. Freiwillige Versicherungen würden ohne Angst viel seltener abgeschlossen werden. Die Angst vor Fremden und Einwanderern spielt gewissen Parteien in die Arme, die sich daher natürlich bemühen, diese Angst noch zu schüren. Zum anderen stellt sich die Frage, woher die Angst eigentlich kommt, was sie ausgelöst haben könnte und ob die Menschen heute ängstlicher sind als früher.

Das sind, wie schon erwähnt, sehr interessante Themen und die Grundidee des Buchs kann ich gut nachvollziehen. Leider trifft das nicht auf alle Handlungsstränge zu, da empfand ich so einiges als arg konstruiert. Zudem sagte mir der Schluss nicht zu, diese Art der Auflösung erschien mir zu geschönt und unpassend zu der ernsten Thematik.

Lena hat mir als Charakter gut gefallen. Neben ihr gab es für mich zwei weitere Personen, die authentisch wirkten, das waren der ermittelnde Polizist und der Innenminister. Die anderen blieben blass oder waren schlicht unglaubwürdig. Richtig gut gefiel mir, dass man lange Zeit nicht wusste, wem man jetzt eigentlich trauen kann und wem nicht. Die Frage nach Gut und Böse gestaltete sich als ordentliches Verwirrspiel, das war gelungen.

Fazit: Interessante Thematik und ein paar richtig gute Ideen, aber an anderen Stellen zu konstruiert.

Bewertung vom 23.09.2019
Märchenmorde 1

Märchenmorde 1


ausgezeichnet

»Es war einmal ein armer Mafioso, der hatte drei Söhne: Umberto, Amando und Luca, seinen jüngsten. Ihr Vater war verarmt, weil ihn Don Adriano, Boss der Bosse, zeitlebens kräftig hatte bluten lassen. Als der arme Mafioso von einer plötzlichen Bleivergiftung dahingerafft wurde, wussten seine Söhne bereits, dass ihr väterliches Erbe äußerst mager ausfallen würde.«

Tja, statt des alten Katers erbt der jüngste Sohn hier einen uralten und halbblinden Auftragskiller. Willkommen bei den Märchenmorden ;-)
Märchen und Morde? Das passt sehr gut, sind doch Märchen im Grunde allesamt Krimis. Im Märchenbuch folgt meist ein Verbrechen auf das andere, da wird gemordet, entführt, geraubt, verstümmelt, Kinder ausgesetzt und vieles mehr.

Andreas M. Sturm hat für diese Anthologie wieder Kurzkrimis verschiedener Autoren gesammelt, die in 15 Geschichten mit viel schwarzem Humor einen neuen Blick auf die alten Geschichten samt ihrer Verbrechen wagen. Ich kannte alle Märchen und hatte großen Spaß an der Umsetzung. Da steht der Wolf vor Gericht, angeklagt von den sieben Geißlein, Hänsel ist drogenabhängig und das Rumpelstilzchen hilft nicht dabei, Stroh zu Gold zu spinnen, sondern aus Mehl Kokain herzustellen.
Allerdings siegt bei den meisten Märchen am Ende das Gute…

Wie immer bei Anthologien habe ich jede Geschichte einzeln bewertet und daraus einen Schnitt ermittelt. Diesmal konnten mich die meisten Geschichten begeistern und neunmal vergab ich 5 Sterne. Fünf Geschichten waren mir 4 Sterne wert und lediglich für eine Geschichte kam ich nicht über 3 Sterne hinaus. Das ergibt einen Schnitt von 4,53 und damit aufgerundet 5 verdiente Sterne für diese überaus unterhaltsamen Märchenmorde.

Fazit: Es war einmal oder so hätte es auch sein können – diese Geschichten haben viel Spaß gemacht und ich hätte große Lust auf weitere Märchenmorde.

Bewertung vom 23.09.2019
Lassen Sie uns kennenlernen!
Veitch, James

Lassen Sie uns kennenlernen!


sehr gut

»Grüße? Erstens, ich muss mich entschuldigung für hineinplatzen in deine Mailbox. Ich suche einen Entscheidungsträger um schnappen 50 % von $ 128 Millionen. Umsonst für Dich. Habe ich Dein Interesse geweckt?«

Jeder hat sie schon mal in seinem Postfach oder bei gut funktionierendem Spamfilter im gleichnamigen Ordner gehabt. Mails, die sagenhafte Verdienstmöglichkeiten bieten (ganz umsonst), von der großen Liebe reden oder von angeblich plötzlich und unverschuldet in Not geratenen Bekannten stammen.
Wie ich werden die meisten angesichts einer solchen Mail einfach die Löschtaste betätigen. Nicht so James Veitch, der sich eines schönen Tages überlegte, doch mal zu antworten. Und daran solchen Spaß bekam, dass er es zwei Jahre lang durchgezogen hat. Einige dieser „Briefwechsel“ hat er in diesem Buch zusammengetragen, ich habe wirklich sehr gelacht!

Es fängt schon lustig an, indem er Spam in Kategorien wie „Schätze“, „Gestrandet“, „Alles nur aus Liebe“, „Gelegenheiten“ und viele mehr einordnet. Bei vielen dieser Spammails fragt man sich schon, wie irgendjemand darauf hereinfallen kann, allerdings würde nicht in einem solchen Umfang Spam erzeugt, wenn er nicht immer wieder auf fruchtbaren Boden fallen würde. Veitch‘ Intention liegt daher (neben dem Spaß) darin, dass er die Spammer beschäftigen will, damit sie weniger Zeit haben, sich um andere Opfer zu bemühen. Persönlich denke ich, dass dies eine sehr blauäugige Hoffnung ist, aber Veitch hat, das merkt man deutlich, so manchen Spammer ordentlich Nerven gekostet. Und das ist zumindest ein bisschen gerecht ;-)

Selber werde ich künftig weiter meinen Spam einfach löschen, ich habe auch schlicht nicht die Zeit, mich mit so etwas länger zu befassen. Für Leser, die ihm nacheifern wollen, hat Veitch jedoch ein paar Hinweise zum sicheren Vorgehen. An manchen Stellen weist er zudem auf gerne ausgelegte Fallen und Besonderheiten hin, das könnte ganz hilfreich sein, wenn man mal auf eine gut gemachte Spammail trifft.

Fazit: Da kommt schon Schadenfreude auf. Genervte Spammer, die an einem kreativen Opfer verzweifeln – sehr unterhaltsam!

Bewertung vom 23.09.2019
Alles ist möglich
Jornet, Kilian

Alles ist möglich


sehr gut

Ich habe ja schon einige Bücher über Bergsteiger gelesen. Also über „normale“ Bergsteiger. Die haben mir bereits reichlich Respekt abgenötigt, gehöre ich doch zu den Menschen, die zwar gerne in den Bergen unterwegs sind, aber nie einen Wanderweg verlassen würden. Und nun lese ich von einem Menschen wie Kilian Jornet, der auf Berge hinaufrennt. Gipfel erklimmt, wieder runter rennt – und alles immer möglichst schnell. Ein Mensch, für den das Training zur Lebensform geworden ist, der täglich viele Stunden auf Bergen läuft und kein Problem damit hat, einen Wettkampf nach dem anderen zu absolvieren. Ist schließlich auch Training. Und der innerhalb weniger Tage zweimal auf den Mount Everest läuft. Natürlich ohne zusätzlichen Sauerstoff. Wie bitte kann ein Mensch das schaffen?

Das Buch gibt mir einige Antworten. Jornet erzählt über sich und ist dabei durchaus selbstkritisch. Seine hohe Verbundenheit mit den Bergen zeigte sich seit früher Kindheit. Und ebenfalls früh merkte er, wie wichtig das Ausloten seiner körperlichen Grenzen für ihn ist. In diesem Zusammenhang berichtet er von bizarren Experimenten. Da wollte er zum Beispiel mal austesten, wie lange er leistungsfähig bleibt, ohne die kleinste Kleinigkeit zu essen. Nach fünf Tagen mit normalem Trainingsprogramm ist er dann beim Laufen zusammengebrochen. Experiment erfolgreich abgeschlossen.
Bei den vielen Berichten von Touren, die er im Buch schildert, kommen weitere solcher in meinen Augen höchst grenzwertigen Aktionen heraus. Da läuft er zum Beispiel eine über 56 Stunden dauernde Monstertour, irgendwann natürlich völlig übermüdet und nur mit gelegentlichen halbstündigen Schlafpausen. Beim Lesen erfährt man dann, dass er sich außerdem nur drei Wochen zuvor bei einem Sturz das Wadenbein gebrochen hat und selber zugibt, dass dieser Lauf sicher nicht das Beste für sein Bein ist.
Höchst widersprüchlich betont er, dass jeder für seinen Körper verantwortlich sei und sagt, dass er auf dem Berg „nicht den Tod sucht, sondern das Leben“. Wenn er da mal nicht eines Tages eine böse Überraschung erlebt. An anderer Stelle erklärt er, dass Bergsteigen für ihn keine Heldentat und der Einsatz des Lebens mehr Dummheit als Mut, schlicht eine „egoistische Handlung, gefährlich und teuer“ sei. Dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen.

Die Selbstkritik geht noch weiter. Jornet gesteht, dass er große Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen hat. Er erkennt klar, wie sehr seine Lebensgefährtin unter seinen gefährlichen Aktionen leiden muss, aber die Frage nach der Priorität „Sport oder Privatleben?“ hat er schon längst für sich beantwortet.

Jornets Schilderungen sind durchaus fesselnd, da man (siehe Buchtitel) immer wieder staunt, was so alles möglich ist. Dazu kommen herrliche Natur- und Landschaftsbeschreibungen – er liebt halt die Berge mehr als alles andere.
Sehr interessant fand ich auch die kritischen Worte über die allgemeinen Entwicklungen im Bergsport. Schon oft las ich in diesem Zusammenhang von Massentourismus, sah Bilder von Basislagern, die Zeltstädten gleichen. Der Schaden, den die Natur dadurch nimmt, ist groß. Zumal die vielen Touristen oft enorme Müllberge hinterlassen. Und so mancher dieser Bergfreunde hat im Grunde gar nicht die benötigte körperliche Fitness für die Gipfeltour, sondern geht große Risiken ein. Bergretter können davon ein Lied singen. Ob sich solche Menschen nicht womöglich durch einen Buchtitel wie „Alles ist möglich“ noch bestätigt fühlen?
Was mir noch nicht bekannt war, ist der hohe Erfolgsdruck, der auf Bergsportlern lastet. Jornet erzählt vom Druck der Sponsoren, die nach immer neuen Rekorden und Höchstleistungen verlangen und damit schon so manchen Sportler dazu gebracht haben, hohe Risiken einzugehen. Es reicht wohl nicht mehr aus, einen Berg „nur“ zu besteigen, man muss sich offenbar immer etwas Neues, Spektakuläres, einfallen lassen. Ein bedauerlicher Trend.

Bewertung vom 22.09.2019
Helter Skelter
Bugliosi, Vincent; Gentry, Curt

Helter Skelter


ausgezeichnet

Der Sommer von 1969. Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Mond, in Woodstock feierten 400.000 Menschen ein großes Fest mit Love & Peace. Und in Los Angeles schockierten Charles Manson und seine „Family“ die Welt mit mehreren Morden von unglaublicher Brutalität, zu ihren Opfern zählte auch die hochschwangere Ehefrau von Roman Polanski, Sharon Tate.

Vincent T. Bugliosi, stellvertretender Bezirksstaatsanwalt in Los Angeles, war Anklagevertreter in den Fällen Tate/LaBianca gegen vier der Täter: Charles Manson, Susan Atkins, Patricia Krenwinkel und Leslie van Houten. In diesem Buch beschreibt er chronologisch und sehr detailliert die Morde, die Mörder, die Ermittlungen, die Suche nach dem Motiv und den Prozess. Sämtliche Untersuchungen, Verhöre und überhaupt der Prozessverlauf werden akribisch dargestellt, das wird in dieser Ausführlichkeit nicht für jeden etwas sein, wer aber (so wie ich) nichts spannender findet als wahre Verbrechen, sollte begeistert sein. Ich war es auf jeden Fall. Überhaupt habe ich hier wieder festgestellt, was ein wirklich spannend geschriebenes Buch ausmacht. Wenn man nämlich genau weiß, wie es ausgeht und trotzdem den Atem anhält – hier passierte mir das beim Urteilsspruch der Geschworenen.

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1974. Im Nachwort von 1994, damals lagen die Morde 25 Jahre zurück, beschreibt der Autor u.a., was aus den Tätern, Zeugen und anderen Beteiligten geworden ist. Damals konnte er vermelden, dass alle Haupttäter nach wie vor inhaftiert waren. Leider war es ihm nicht vergönnt, ein erneutes „Update“ nach jetzt 50 Jahren zu schreiben, da er bereits 2015 verstarb. Es hätte ihm vermutlich gefallen, dass die Täter immer noch im Gefängnis sind. Bis auf Charles Manson und Susan Atkins, die 2017 bzw. 2009 in Haft verstarben.

Fazit: Die bizarre Faszination von Charles Manson und seiner Family wirkt noch heute nach. Ausgezeichnete Darstellung der damaligen Ereignisse einschließlich Motiv- und Erklärungssuche. Fast 750 Seiten, die mich wirklich gefesselt haben.

Bewertung vom 22.09.2019
Wenn der Mond stirbt / Mollel Bd.1
Crompton, Richard

Wenn der Mond stirbt / Mollel Bd.1


ausgezeichnet

»Mollel sieht hinunter auf ein junges, ovales Gesicht, das aschige Grau der Haut muss zu Lebzeiten ein leuchtendes, fast blau schimmerndes Schwarz gewesen sein. Ausgeprägte Wangenknochen, hohe Stirn. Auf beiden Wangen ist vor langer Zeit ein kleines flaches »o« eingeritzt worden.
Es ist ein vertrautes Gesicht. Er kennt die Person nicht, aber er kennt ihr Volk. Es ist sein eigenes.«

Nairobi, im Dezember 2007. Die Präsidentschaftswahl steht kurz bevor. In wenigen Tagen wird der amtierende Präsident neu vereidigt werden, Wahlbetrug wird im Raum stehen und das Land von schweren Protesten und Ausschreitungen erschüttert werden. Ein Zentrum besonders schlimmer Gewaltausbrüche werden die Slums von Nairobi sein. Man schätzt heute, dass zwischen 800 und 1.500 Kenianer ihr Leben verloren.
Nairobis Bevölkerung ahnt, was kommen wird und rüstet sich mit Hamsterkäufen. Währenddessen versucht Mollel den Tod der jungen Frau aufzuklären, die wie er zu den Massai und damit zu einer ethnischen Minderheit in Kenia gehört.

Dieser Kenia-Krimi hat mir ausgesprochen gut gefallen! Der besondere Reiz liegt natürlich im Schauplatz und den damit verbundenen Besonderheiten. So erfährt der Leser viel über das Verhältnis der einzelnen Volksgruppen zueinander, ich war schon schwer erstaunt, wie viele es da überhaupt gibt! Und erschüttert las ich von den zahlreichen gegenseitigen Vorurteilen und Ablehnungen, die leider existieren und das Leben der Bevölkerung zusätzlich erschweren. Besonders dramatisch ist dies, da das Land auch so schon mit mehr als genug Problemen zu kämpfen hat. Neben Armut und Arbeitslosigkeit sind da natürlich Korruption der wirtschaftlich und politisch Mächtigen zu nennen, die Vorkommnisse aus Dezember 2007 sind da ganz typisch. Dazu kommen weitere speziell für Frauen schlimme Probleme, wie die regional immer noch existierende weibliche Genitalverstümmelung, Zwangsheirat oder Prostitution aus schierer Not.

Vor diesem Hintergrund also ermittelt Mollel. Er ist ein interessanter und vielschichtiger Charakter, mit dessen Handlungsweisen (vor allem im privaten Bereich) ich mich nicht immer anfreunden konnte. Was aber andererseits den Reiz des Charakters erhöhte! Auch bei der Polizei war er in Ungnade gefallen und wird nur deswegen hinzugezogen, weil die Ermordete so wie er Massai ist.

Das Buch liest sich flott, die Auflösung ist schlüssig und passt in den Gesamtkontext. Es gibt noch einen weiteren Band dieser Reihe, den möchte ich kurzfristig auch noch lesen.

Fazit: Toller Kenia-Krimi, intelligente Handlung und anspruchsvoller Hintergrund.

Bewertung vom 22.09.2019
Maigret und der gelbe Hund
Simenon, Georges

Maigret und der gelbe Hund


sehr gut

»Und irgend jemand lauert mir auf, irgend jemand, den ich nicht kenne … Weswegen? Sagen Sie es mir! Weswegen? … Er wird herkommen mit seinem entsetzlichen Hund, der den Blick eines Menschen hat…«

Concarneau, eine kleine französische Hafenstadt, in der jeder jeden kennt. Viele Fischer, aber auch einige Männer der besseren Gesellschaft treffen sich hier regelmäßig im Hôtel de l’Amiral, zum gemeinsamen Trinken und Kartenspiel. Eines Abends wird einer von ihnen auf dem Heimweg von einer Kugel getroffen – eine Reihe weiterer Verbrechen schließt sich an. Gleichzeitig taucht ein mysteriöser gelber Hund auf, den niemand kennt und der niemandem zu gehören scheint. In der Stadt kommt, angeheizt durch entsprechende Pressemeldungen, Panik auf. Und Einzelne scheinen sich besonders bedroht zu fühlen…

Kürzlich las ich meinen ersten Maigret und da er mir gut gefallen hatte, musste natürlich ein weiterer her. Auch hier hat mich die besondere Atmosphäre gleich eingefangen. Ich liebe diesen Schreibstil, sehe alles ganz genau vor mir und habe beim Lesen das Gefühl, mit durch die kleinen Straßen zu laufen.

Auch Kommissar Maigret sagte mir wieder sehr zu. Er ist halt der klassische Detektiv, der ruhig ermittelt und mit Hilfe seiner scharfen Beobachtungen, einer Kombination aus Erfahrung und Bauchgefühl und seinen umfangreichen handschriftlichen Notizen letztlich zum Erfolg kommt. Sehr amüsant fand ich, wie er herrlich cool blieb, wenn sich vor ihm der wütende Bürgermeister aufplusterte und mit Drohungen um sich warf. Bei den Ermittlungen muss Maigret sich mit den Besonderheiten einer Kleinstadt auseinandersetzen, der Leser lernt einige recht interessante Charaktere kennen. Die Furcht mancher Menschen vor dem Hund konnte ich allerdings nicht nachvollziehen, das Tier hat mir von Anfang bis Ende nur leidgetan.

Die Auflösung war letztlich schlüssig, aber auch sehr ungewöhnlich. Das gefiel mir. Auch das Ende war mir sympathisch. Ich denke, diesem zweiten Maigret werden weitere folgen ;-)

Fazit: Ruhige Detektivgeschichte mit toller Atmosphäre. Gerne mehr davon!

Bewertung vom 22.09.2019
Geschichten aus Nian 04. Erzbrenner
Belt, Paul M.

Geschichten aus Nian 04. Erzbrenner


ausgezeichnet

»Sei du einfach diejenige, die du bist; wenn du eine Bestimmung in dir erkennst, dann folge ihr nach deinem Gutdünken.«

Auch in diesem Band, dem vierten aus der auf sieben Bände angelegten Reihe „Geschichten aus Nian“ entdecken wieder einige Charaktere ganz besondere Fähigkeiten an sich und müssen lernen, damit zu leben und den eigenen Weg zu finden.
Da ist zum einen Zeg, Hauer in einem Bergwerk. Bei einem dramatischen Arbeitsunfall tritt seine Gabe erstmals auf. Vergebens wünscht sich Zeg danach eine Rückkehr zur Normalität, sein Weg scheint aber in eine ganz andere Richtung zu führen.
In einem weiteren Handlungsstrang treffen wir den Federer Kai wieder. Nachdem er die Federin Saia getroffen hat, wird ihm klar, dass es in Nian noch mehr von ihrer Art geben muss. Die beiden machen sich auf die Suche.

Zur gleichen Zeit wird deutlich, dass sich an anderer Stelle Nians etwas Bedrohliches zusammenbraut. Was geschieht da nur in diesem eigentlich so freundlichen Land? Und wer wird sich der Bedrohung entgegenstellen?

Ich hatte mich ja gleich mit Band 1 dieser Reihe in Nian verliebt. Ein Land mit winzig kleinen Lebewesen, die auf Blättern reiten und mit Bäumen und Gräsern sprechen können. Ein Land voller wunderbarer Besonderheiten, das gleichzeitig aber auch viele Parallelen zu unserer eigenen Welt aufweist. Einige Probleme im Umgang miteinander wirken dabei leider nur zu vertraut (Vorurteile, Ablehnung und Angst vor Fremdem).

Während der letzte Band „Atalan“ zum größten Teil in der Welt der Riesen spielt und dadurch nüchterner ist, entfaltet sich hier wieder der ganze Charme und Zauber Nians. Wie habe ich mich gefreut, als ich wieder Baumsprache las! Oder die säuselnde Sprache des Grases! Sofort waren wieder viele Bilder in meinem Kopf und ich genoss einfach die Lektüre. An anderen Stellen hatte ich ordentlich was zu schmunzeln, denn in Nians Bergwerksregionen spricht man einen mächtigen Ruhrpott-Dialekt. In diesem Ausmaß habe ich so etwas zuletzt als Kind erlebt (ich bin ein Ruhri). Sehr unterhaltsam!

Fazit: Wieder ein zauberhafter Lesespaß! Außerdem baut sich Spannung auf – was wird wohl geschehen? Ich rate mal, dass unsere liebgewonnenen Protagonisten vermutlich jeder mit seinen Fähigkeiten und alle gemeinsam gegen die noch unbekannte Bedrohung antreten werden. Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Band!

Bewertung vom 12.08.2019
Der Preis des Lebens
Kreutner, Bernhard

Der Preis des Lebens


sehr gut

»Zwei Millionen Euro für ein neues Herz ohne weitere Fragen?«
»Exakt, Frau Duval. Wie Sie wissen, leiden Sie an einer Herzinsuffizienz der Stufe IV. Ihre Wartezeit auf ein reguläres, oder wie ich es vorziehe zu sagen, gewöhnliches Spenderherz beträgt derzeit rund drei Jahre. Aber so lange hält Ihr altes Herz nicht mehr durch. Bei mir bekommen Sie ein neues Herz und, wenn Sie so wollen, ein neues Leben.«

Michael Lenhart und Sabine Preiss, beides Polizisten aus Wien und strafversetzt in eine neu gegründete Abteilung für Ungewöhnliches und Altfälle bekommen es mit einem brandaktuellen, dafür aber wirklich höchst ungewöhnlichen Fall zu tun. Durch eine Panne fällt auf dem Wiener Zentralfriedhof ein Sarg auf, in dem nicht nur eine Leiche liegt, sondern gleich zwei. Und Nummer Zwei ist ganz offensichtlich keinen natürlichen Tod gestorben.

Ein brisantes Thema wird mit diesem Krimi angepackt und spannend verarbeitet. Jeder weiß, dass die Anzahl schwerkranker Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, sehr groß ist und bei weitem die Anzahl verfügbarer Organe übersteigt. Die Wartelisten sind endlos lang und viele werden sterben, bevor sie an der Reihe sind. Vermutlich die meisten. Was wäre aber nun, wenn man nicht nur krank, sondern auch reich wäre? Und es eine Organisation gäbe, die einem das rettende Organ samt perfekt organisierter Abwicklung ohne Fragen und Probleme gegen eine gewisse Summe zur Verfügung stellen würde?
Wer jetzt spontan sagt, dass er niemals damit leben könnte, den Tod eines anderen Menschen für das eigene Überleben verursacht zu haben, der sollte sich noch mal die Frage stellen, wie es aussehen würde, wenn das eigene Kind betroffen wäre. Und man die finanziellen Mittel hätte, ihm das Notwendige zu beschaffen. Ich gestehe, ich bin an dieser Stelle ins Grübeln gekommen.

Genau diese Situation nutzen zwei skrupellose Mediziner hier aus und haben für die große Nachfrage ein passendes Angebot geschaffen. Bei der Beschreibung, wie mehrere Fälle von Organraub angegangen werden, verschlug es mir ob der eiskalten Planung und Umsetzung den Atem. Eine sehr spannende Ausgangslage, bei der man sich fragt, wie eine solch anscheinend perfekte Organisation geknackt werden kann. Zunächst mal fragt man sich jedoch, wie die unfreiwilligen Spender so zielsicher gefunden werden können. Hierzu ein paar Stichwörter: Big Data, gläserner Mensch und nicht selten sorgloser Umgang mit den eigenen Daten im Netz.

Diesen Tätern ist nur mit Kreativität, Intelligenz und einem ebenfalls hohen Maß an Technik beizukommen. Es entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel, das mir sehr gefallen hat. Nicht so begeistert haben mich die Charaktere, sie waren mir schlicht zu glatt. Die beiden Hauptermittler benehmen sich zwar nicht immer regelkonform, vertreten aber auch bei Ausfällen stets die gute Seite. So hat man reinweiße Ermittler und pechschwarze Verbrecher, das hätte ich mir vielschichtiger gewünscht. Außerdem hat mir Lenhart ein wenig zu viel philosophiert, das nahm mir persönlich Spannung raus. Einen Lieblingscharakter hatte ich trotzdem, die wirklich herrliche Sekretärin Frau Wolf. Wenn es Folgebände gibt, darf sie auf keinen Fall fehlen!

Fazit: Ein Alptraum-Szenario, das nachdenklich macht. Flott zu lesende und kurzweilige Unterhaltung.