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meany
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Seligenstadt

Bewertungen

Insgesamt 167 Bewertungen
Bewertung vom 26.08.2025
Flitner, Bettina

Meine Mutter


sehr gut

Selten ist es so windstill

Wenn eine schon seit vielen Jahren psychisch desorientierte Mutter Suizid begeht, kann ich von den Hinterbliebenen keine objektive, abgeklärte Rückschau erwarten bei all dem Schmerz, der sich aufgehäuft hat über die Zeit und zum Teil Narben hinterließ.

Dieses Buch stellt eine Annäherung an die Gegebenheiten dar, eine Spurensuche, bei der Flitner Orte aufsucht, Menschen befragt, Dokumente und Hinterlassenschaften sichtet. Die Sprünge in Zeit und Raum machen es den Lesern nicht einfach, einen roten Faden zu finden, aber die Wurzeln in Schlesien in der Phase des Nationalsozialismus, die Flucht mit den bekannten Traumata wecken in mir die Assoziation zu den Aussagen von Sabine Bode, dass diese noch über Generationen hinweg nachwirken.

Und eben dies drückt Flitner mit ihrer an Personen reichen Familiengeschichte aus, in der keiner frei von Schuld bleibt. Sie lässt uns teilhaben an ihrem behutsamen Herantasten, am Schlüsseziehen, aber auch an ihrer Ratlosigkeit, so dass wir am Ende erschüttert vor einem ungnädigen Schicksal stehen. Dass da so manches etwas konfus erscheint, ist der ungeschönten Authentizität geschuldet.

Bewertung vom 16.08.2025
Koelle-Wolken, Patricia

Der Garten der kleinen Wunder


gut

Mein Licht am Horizont

Endlich werden in dem allgemeinen Getöse der Öffentlichkeit auch die Introvertierten einmal zur Kenntnis genommen, die Stillen im Lande voller innerem Reichtum mit Musik, Bildender Kunst, Literatur und überhaupt Sensitivität. Sie heulen nicht mit den Wölfen und gehen fast überall einfach unter. Wenn sie dann einmal ganz zufällig auf Gleichgesinnte treffen, einander erkennen, entsteht eine Resonanz.

Beim Lesen des Romans dachte ich: die Autorin muss mich kennen, denn die geschilderten Erfahrungen kann ich nur bestätigen. Ganz eindrucksvoll ist für mich, wie sie den Schulbetrieb schildert, der für die Quantität der mündlichen Mitarbeit gute Zensuren verleiht und damit für Beiträge, die manch einem von uns peinlich wären, sie zu äußern. Und glücklicherweise verharrt Koelle-Wolken nicht im Negativen, sondern setzt dem als Gegenentwurf einen paradiesischen Garten entgegen, in dem sie zwischen die wild wuchernden Pflanzen auch noch künstlerische Objekte platzieren.

Als Identifikationsfiguren dienen drei Generationen von Frauen, von denen Wille bereits ihrer Krankheit erlag und Toja sich als Tutorin der Schülerin Vica annimmt. Den Garten erkenne ich als Metapher für freies, harmonisches Leben, wobei sich für mich zwei nicht unbedingt deckungsgleiche Grundaussagen ergeben: die Toleranz für Introvertierte muss nicht zwingend die Ablehnung des strikten Ordnungsfanatismus implizieren. Und so opulent wie der Garten ist auch die Sprache, mit der sie Begeisterung für die unglaublich reiche Schöpfung weckt. Was es nur für extreme Formen von Meeresbewohnern gibt, ich habe mir immer wieder Bilder herausgesucht und schon meine Freude an den ausdrucksvollen Bezeichnungen gehabt. Um bestimmte Aspekte der psychischen Dispositionen zu illustrieren, greift sie zu einem Übermaß an synästhetischen Eindrücken.

Warum gebe ich diesem Buch trotzdem nur drei Sterne? Mit fortschreitender Seitenzahl fand ich mich immer mehr in einem Thesenroman gefangen, in dem mich gar nichts mehr überraschte. Die Situationen kamen mir vor wie aus einem Psychoratgeber, und schließlich nutzte sich all das Begeisternde für mich ein bisschen ab. Die Harmonie war für mich schließlich zu schön um wahr zu sein, und es breitete sich in mir ein etwas schales Gefühl aus. Abschließend würde ich der Geschichte eine gutgemeinte Aussage bescheinigen, aber eine etwas fade und ausgewalzte Umsetzung.

Bewertung vom 11.08.2025
Bach, Tamara

Jakob und Jelena


sehr gut

Da wächst du rein

Bei meiner Rezension muss ich differenzieren zwischen meinem eigenen Eindruck und dem, was ich von der Zielgruppe vermute.

Zunächst fällt die äußerst bibliophile Ausstattung ins Auge: richtige Bindung, die blaue Schrift, die künstlerisch ansprechenden Aquarelle. Zwei Kinder und am Rande noch ein drittes sind unterschiedlichen Schwierigkeiten ausgesetzt, die Titelhelden in einer Kleinfamilie mit je einem alleinerziehenden Elternteil, die aber alle liebevoll miteinander umgehen. Jelenas Freundin Susanne muss sich nach dem Übergang aufs Gymnasium gegenüber ihrer ambitionierten Mutter durchsetzen, wodurch ihre Kinderfreundschaft leidet zu beider Leidwesen. Man erlebt den Alltag der Haushalte mit, den Tamara Bach mit viel Empathie zu sämtlichen Personen erzählt. Das impliziert innere Konflikte, aber auch Lösungsansätze, teilweise aus eigener Kraft, teilweise mit der Unterstützung durch Freunde. Literarische Wortkreationen geben tiefen Einblick in die Psyche. Manche Fragen klärt sie nicht auf, zum Beispiel, wo der fehlende Vater und die Mutter verblieben sind.

Das pastellfarbene Gemälde der Geschichte verläuft allerdings weitestgehend ohne äußere Spannung ins Irgendwo. Aufgrund der literarischen Qualität sehe ich es das Buch als preisverdächtig, aber nicht als Publikumsrenner, gerade in heutigen Zeiten, in denen nichts sensationell genug sein kann. Bei der Zielgruppe konkurrieren da ganz andere Kaliber, von denen Bach sich wohl bewusst absetzt in all ihrer leider etwas farblosen Subtilität.

Dieses künstlerisch wertvolle Kinderbuch wird kein Selbstläufer werden, sondern der Vermittlung durch engagierte Pädagogen bedürfen, die es durchaus als diskussionswürdige Klassenlektüre nutzen können.

Bewertung vom 05.08.2025
Teich, Karsten

Jim Salabim und der Mogel-Strauß


ausgezeichnet

So macht man das im Wald

Mein kleines Publikum votierte nach dem Vorlesen mit "Daumen hoch" und "lustig!". Aus der Idee eines freiheitsliebenden Hasen, den es nicht auftragsgemäß im Zylinder eines Zauberers hält und der auf seiner Flucht noch andere involvierte Tiere anstiftet, entwickelt Karsten Teich eine aberwitzige Fluchtgeschichte mit ungeahnten Kapriolen. Dabei erfreut er die Leserschaft mit reizvollen Wortspielereien wie den Namen Mogel-Strauß für den Magier, Pick und Nick für die kollaborierenden Tauben oder auch den Bezug von "Bären-Hunger" auf "Blaubeeren". Etwas Spannung kommt schließlich ebenfalls ins Spiel durch den im Wald lauernden Fuchs, dem der schlaue Hase aber mit dreister Pfiffigkeit begegnet. Im selben Umfang wie der Text tragen die ausgeklügelten Illustrationen zur Wirkung des Buches bei, die in leicht comichafter Manier die Worte unterstreichen.

Bewertung vom 01.08.2025
Knecht, Doris

Ja, nein, vielleicht


sehr gut

Vierundzwanzig Jahre zu spät

Eine Schriftstellerin in den besten Jahren, mit erwachsenen Kindern und geschieden, überdenkt ihr gegenwärtiges Leben noch einmal neu nach einer überraschenden Begegnung im Supermarkt mit einem "lange Verflossenen". Dabei stehen ihre inneren Betrachtungen stärker im Vordergrund als die äußeren Geschehnisse, die sich vorrangig um vier Themen drehen: ihre überfällige Zahnsanierung, die Okkupation ihrer Stadtwohnung durch ihre Schwester Paula und damit verbunden die Spekulationen über den Zustand von deren Ehe, die Hochzeit ihrer Freundin Therese und ihren Anteil an deren Vorbereitung und schließlich Friedrich - soll sie oder soll sie nicht?

Vieles spielt sich, wie bei einer Autorin als Hauptfigur nicht weiter verwunderlich, auf einer Meta-Ebene ab, sie reflektiert über das Schreiben und Erzählen als solches und bezieht sich auch auf andere Literaten wie zum Beispiel Ingeborg Bachmann und Alex Capus. Entweder findet man das amüsant oder es geht einem auf die Nerven, wie sie um die spärlichen Geschehnisse Überlegungen und Erinnerungen daran rankt, was sie sich in der Vergangenheit schon alles von Männern gefallen lassen musste. Das ist überhaupt das Hauptleitmotiv der ganzen Geschichte: die Beziehung zwischen beiden Geschlechtern. Dies wohlwollend akzeptierend erfreute ich mich mehr und mehr an den eleganten Formulierungen und originellen Ausdrucksweisen.

Eine Warnung möchte ich an alle aussprechen, die unter einer Dentistenphobie leiden: die drastischen Schilderungen von zahnmedizinischen Behandlungen können diesen Leserkreis triggern!

Als die Protagonistin zeitweise vor lauter Gefühlsduseleien und Reflexionen den Boden unter den Füßen zu verlieren droht, zieht sie die nackte Realität wieder auf diesen zurück. Alleine in der Praxis kann sich eine Bindung als tragfähig erweisen, und entsprechend ist sie irgendwann in der Lage, ihre Entscheidung zu treffen.

Dieses Buch ist kein linear erzählter Spannungs- oder Liebesroman, sondern geeignet für nachdenkliche Leserinnen, denen es Freude macht, ihren Gefühlshaushalt intelligent gespiegelt zu sehen.

Bewertung vom 30.07.2025
Boese, Cornelia

Arche Boa


ausgezeichnet

Ich hoff, dass ich Asyl hier krieg

Lange hatte ich kein so rundum gelungenes Bilderbuch in Händen wie dieses. Es hat mich überzeugt in Text, Gestaltung und Botschaft.

Gereimte Geschichten wirken sich vorteilhaft auf die Sprachentwicklung aus, aber meistens klappern doch die Rhythmen und die Reime beißen sich. Hier ist das alles makellos formuliert, das fiel mir schon bei der Leseprobe auf und wird bis zum Schluss beibehalten.

Die Illustrationen sind geschmackvoll koloriert, in den Konturen plakativ, kindgerecht mit vielen einfallsreichen Details - und völlig frei von Kitsch.

Die ernsten Themen Klimawandel, Artensterben und Überfischung nimmt die Autorin keineswegs auf die leichte Schulter, benennt sie aber witzig und offensiv mit einem Blick auf Lösungsmöglichkeiten und ganz ohne pädagogische Keule. Am Ende lässt sie sich noch einen Clou einfallen, der die Kinder direkt anspricht. Schlimm eigentlich, dass wir Erwachsenen unsere Hoffnung auf diese setzen in Angelegenheiten, die wir verbockt haben!

Diesem außergewöhnlichen Kinderbuch wünsche ich ganz viel Zuspruch in der Welt der Erziehungsberechtigten.

Bewertung vom 29.07.2025
Wagner, Jan Costin

Eden


ausgezeichnet

Fels in der Brandung

Ein Ehepaar hat den gewaltsamen Tod seiner einzigen Tochter Sofie, verursacht durch einen terroristischen Anschlag bei einem Popkonzert, zu verkraften. Bald tun sich Abgünde in ihrer beider Trauerarbeit auf: Markus versucht alle Teilaspekte rational zur erfassen und ist dann doch seinen Emotionen bis hin zu Gewaltexzessen unkontrolliert ausgeliefert. Kerstin entwickelt ein Posttraumatisches Syndrom und sucht professionelle Hilfe.

Beider mentaler Zustand bricht sich im Zusammenklang mit Margot, Kerstins dementer Mutter. Sollen sie es ihr sagen oder den Zustand der Demenz als in diesem Fall wohltätig anzusehen? Auch darüber sind sich die beiden nicht einig. Überhaupt geht Markus ungewöhnliche Wege in seiner Aufarbeitung.

Ganz behutsam behandelt Wagner seine Menschen, er zerrt sie in ihrem Kummer nicht ins Rampenlicht, sondern nähert sich ihnen aus respektvoller Distanz, die Raum lässt zwischen den Zeilen für den Leser.

Bei allen Diskrepanzen differieren Markus und Kerstin jedoch nicht in einer gewissen Akzeptanz der grauenhaften Geschehnisse. Besonders Markus wehrt sich gegen Vereinnahmungsversuche gewisser politischer Richtungen. Explizit nimmt er in einer Talkshow die Gelegenheit wahr, seine Gedanken darzulegen. Insgesamt hat mich diese Schlüsselszene sehr an "Meinen Hass bekommt ihr nicht" von Antoine Leiris erinnert, aber ich musste auch an die Geste des Papsts Johannes Paul II. denken, als er seinen Attentäter im Gefängnis besuchte. Allerdings empfinde ich die erwähnten Passagen im vorliegenden Buch ein bisschen wie aus der einschlägigen Fachliteratur referiert, genauso wie bei dem Gespräch mit der Familie des Täters.

Eine wahre Lichtgestalt gelingt ihm mit Tobias, der in Sofie verliebt war und durch eine Schulaufgabe eine positive Beziehung zu Markus entwickelte, gerade weil seine häuslichen Verhältnisse unter keinem guten Stern stehen. Wie ein Katalysator kann er helfen, gewisse Verwicklungen zu entzerren.

Dieser Schleier der Melancholie, der sich über alle Werke Wagners ausbreitet, ist hier erst recht angebracht. Hinterbliebene, egal in welcher Situation, werden sich hier wiederfinden, gerade wegen der fehlenden Eindeutigkeit, denn alle müssen ihren eigenen Weg hindurch und darüber hinaus finden. Nur in einem lässt der Autor keine Kompromisse zu: in eine absolute Sackgasse führt der Hass, der immer und überall zu Eskalationen führt. Mit dem Titel "Eden" will der Schriftsteller wohl eine Vision der Welt heraufbeschwören, die entstünde, wenn endlich einmal alle einen Schritt aufeinander zu gingen. Und damit vertritt er ein ureigenstes christliches Weltbild, wenn man das auch nur indirekt herauslesen kann.

Bewertung vom 28.06.2025
Gundermann, Bettina

Zehn Eis an einem Tag


ausgezeichnet

Darf's mit Sahne sein?

Lange hatte ich nicht mehr ein derartig gutgelauntes Kinderbuch in der Hand: alle Beteiligten sind sympathisch und kooperativ. Und was für eine Idee - 10 Eis an einem Tag ist doch für Kinder die höchste Wonne. Man kann sich ja auch einfach einmal etwas Gutes tun, ohne dass der pädagogische Zeigefinger (gesunde Ernährung!) über Gebühr strapaziert wird.

Diese allgemeine Glücksatmosphäre wird lediglich konterkariert durch die missmutige Fee Huberta, die allerdings in Tusnelda, der Zahnfee, eine potente Gegenspielerin findet.

Zum Selberlesen ist das Buch für Anfänger nicht geeignet wegen der schwierigen Wörter, das Vorlesen macht Spaß gerade aufgrund der anspruchsvollen Ausdrucksweise, die gelegentlich auch das Erklären unbekannter Wörter durch die Erwachsenen fordert. Freude bereiten die lustigen Kapriolen und Sprachspielereien, vor allem die Zungenbrecher des Papageis. Alles ist geprägt von einer überschäumenden Fantasie, man erfährt alles Mögliche über das Leben der Feen, zum Beispiel, dass sie von Rotkehlchen aus Eiern ausgebrütet werden und Kröten vom Himmel plumpsen lassen können.

Die bunten Illustrationen zeugen nicht von großen künstlerischen Ambitionen, aber ergänzen und unterstützen den Text in gefälliger Weise.

Bewertung vom 28.06.2025
Dunlay, Emily

Teddy


sehr gut

In einer Müllgrube meiner imaginierten vergangenen Ichs

Auch vom Schutzumschlag mit dem Bild der mondänen Frau im Stil Grace Kellys befreit liegt das Buch edel in der Hand durch den opaken Schimmer des Einbands. Sein Inhalt hat mich dagegen vor keine geringen Herausforderungen gestellt, angefangen damit, dass ich es keinem eindeutigen Genre zuordnen konnte - und da führt uns Emily Dunlay mehrfach in die Irre. Deshalb fällt mir eine Besprechung ohne Spoiler schwer.

Das naive Geplauder der offensichtlich verwöhnten Göre nervt von Anfang an, die vor ihrer überstürzten Eheschließung schon ein bisschen in die Jahre gekommen ist. Offensichtlich aus kultivierter, politisch einflussreicher US-Ostküstenfamilie stammend hat sie Probleme mit Selbstdisziplin und Finanzverwaltung, ist jedoch sachkundig, was Kunstwerke betrifft.

Rätselhaft ist auch ihr Ehegatte David, der sich vordergründig harmlosen Geschäften widmet und bald ein ausgesprochen patriarchalisches Verhältnis zu ihr entwickelt.

Wegen der Affäre mit dem Botschafter hätte ich sie am liebsten kräftig geschüttelt. Eigentlich von ihm belästigt leidet sie unter Schuldgefühlen und verstrickt sich nach einer Erpressung immer stärker in undurchsichtige Machenschaften, in denen auch noch ein geheimnisvoller Russe eine Rolle spielt, was auf eine Geheimdiensttätigkeit hindeutet. Man nimmt die ganze Zeit Teddys extrem unterentwickeltes Selbstbewusstsein wahr, dagegen betont sie häufig ihre auffällige Schönheit, der sie sich auch exzessiv widmet.

Das Ganze spielt sich ab vor der flirrenden Kulisse der Stadt Rom im Sommer 1963, auch das damalige Zeitgeschehen bildet den Hintergrund.

Wie ein Damoklesschwert schwebt das Schicksal ihrer Tante Sister über ihr, deren Lebensweg lange verborgen bleibt abgesehen von gelegentlichen Andeutungen. Die Spannung lag für mich darin, ob den Lesern am Ende noch eine Auflösung all der erstaunlichen Sachverhalte angeboten wird, und das müssen alle Interessierten mit ein wenig Durchhaltevermögen selbst herausfinden.

Bewertung vom 23.06.2025
Myers, Benjamin

Strandgut


sehr gut

Das Langzeitproblem der unumkehrbaren Erosion

Bucky, eine Art One Hit Wonder, gelangt unversehens zu spätem Ruhm, als der US-Bürger zu einem Festival in Scarborough eingeladen wird. Gequält von Schmerzen, durch ein Missgeschick auf kalten Entzug von seiner Medikamentenabhängigkeit gesetzt und ein Jahr nach dem Tod seiner geliebten Frau in tiefer Trauer versunken hangelt er sich vor Ort von Tag zu Tag, betreut von Dinah, die familiär gesehen auch nicht gerade vom Glück verwöhnt ist.

Melancholisch plätschert die Handlung so vor sich hin. Viel passiert nicht in der gesamten ersten Hälfte des Textes, der mich nur so lange bei der Stange hielt, weil er die Bewusstseinszustände durch vorzüglich treffende Worte plastisch erscheinen lässt. Myers fasst die trübsinnigen Gedanken seines Protagonisten in eine poetische Sprache: "Bucky fühlte sich wie das leere Haus einer Krabbe, die sich davongemacht hatte ..."

Dann ertönt plötzlich der Paukenschlag, als Bucky einer Interviewerin berichtet, welches tragische Ereignis seine beginnende Gesangskarriere im Keim erstickte, und damit ein pessimistisches Licht auf die gesamte amerikanische Gesellschaft wirft: "Dass eine Geschichte wie diese unter mir und meinesgleichen keine Seltenheit ist."

Die märchenhafte Situation, dass jemand aus dem grauen Alltag herausgerissen auf ein umjubeltes Podest gestellt wird, kann man kaum glauben, aber Myers bringt seine Botschaft doch wieder einmal auf den Punkt: das einzige, was einen aus den tiefsten Löchern herausholen kann, sind Liebe und Wertschätzung.