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nessabo

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Insgesamt 178 Bewertungen
Bewertung vom 17.08.2025
Dröscher, Daniela

Junge Frau mit Katze


sehr gut

Eine intensive Autofiktion, für mich etwas schwächer als der Vorgänger

Ich habe „Lügen über meine Mutter“ GELIEBT! Entsprechend enorm waren meine Erwartungen an den inhaltlich anknüpfenden Nachfolger. Erfüllt werden konnten sie nicht ganz, doch es ist keinesfalls ein schlechter Roman.

Meine Präferenz für den Vorgänger liegt einfach in meinem eigenen Leben begründet. Während mir die Geschichte über Elas Mutter, deren Körper und seiner Abwertung durch den Vater einfach so krass nah ging (und ich unglaublich viele Parallelen gesehen habe), konnte ich mich mit Elas eigener Körpergeschichte weniger identifizieren. Ich finde das aber durchaus spannend und behaupte einfach mal, dass aufgrund der vielschichtigen Betrachtung von Körpern in beiden Werken eines von beiden irgendwie allen Lesenden zusagen dürfte.

Und obwohl meine Identifikation mit der erwachsenen Ela nicht so groß war, konnte mich Dröschers Schreiben wieder für sich einnehmen. Ich kenne kaum Autor*innen, die so intensiv über Körper schreiben wie sie. Die Fokussierung auf einen chronisch kranken Körper finde ich nicht nur politisch relevant, sondern auch literarisch spannend. Medical Gaslighting und die daraus resultierende psychische Belastung können dank der klaren, eindrücklichen Sprache lesend erfahren werden. Ich musste inhaltlich immer mal wieder an eines meiner letztjährigen Highlights denken: „Gratulieren müsst ihr mir nicht“.

Neben dem Kampf der Protagonistin gegen ein medizinisches System, das ihre Symptome nicht ernst nimmt, thematisiert die Autorin wie gewohnt auch Klassismus. Das ständige Gefühl Elas, als erste Akademikerin ihrer Familie irgendwie immer fehl am Platz zu sein, wird ebenso eindrücklich beschrieben wie ihre fortschreitende Loslösung von der Mutter. Wir familiäre Prägung die Beziehung zu sich selbst und anderen prägt, ist für mich immer ein spannendes und auch persönliches Feld.

Vielleicht liegt es einfach nur daran, dass ich mich weniger in der Geschichte wiedergefunden habe, aber der neue Roman erschien mir trotz aller sprachlicher Klarheit auch ein wenig konfus, was seine Erzählstruktur angeht. Phasenweise hing ich an den Seiten, dann gab es aber auch immer wieder Momente innerer Verwirrung. Das Autofiktionale der Geschichte hat einen ganz besonderen Charme und ich mag die kurzen Zwischenkapitel, wenngleich mir auch an der Stelle ein wenig mehr Klarheit gut gefallen hätte. Das Fiktionale verschwimmt schon enorm mit dem Realen und das kann Dröscher definitiv meisterinnenhaft schreiben. Ich denke, es ist einfach nicht immer mein Fall bzw. schien es mir im Vorgänger besser umgesetzt zu sein.

Zentral sind zudem (japanische) Literatur sowie eigenes Schreiben - nicht unbedingt Themen, die mich sonderlich mitreißen. Und doch hat es mich total fasziniert, wie sich über die Protagonistin so langsam der Werdegang Dröschers herauskristallisierte. Ihre persönliche Liebe für und ihr tiefes Wissen zu Yōko Tawadas Schaffen ist greifbar und wird durch die kurzen Zitate weiter unterstrichen. Auch, wenn es mich selbst nicht so interessiert, erkenne ich diese Detailliebe und tiefe Verbundenheit als etwas sehr besonderes an. Ein nettes Element finde ich zudem die Wahl der Kapitelüberschriften, welche hinten kurz erklärt werden.

Daniela Dröscher bleibt für mich eine Autorin, die sich durch ein unvergleichlich hohes Maß an Authentizität und Tiefgründigkeit auszeichnet. Sie liebt Literatur und das Schreiben - in jeder Zeile ist das spürbar. Auch, wenn mir der Vorgänger noch einmal deutlich besser gefallen hat, ist „Junge Frau mit Katze“ ein ergreifendes und wichtiges Werk. Ich freue mich schon auf weitere Romane!

Bewertung vom 16.08.2025
June, Joana

Bestie


sehr gut

Ein literarisches bemerkenswertes Debüt, charakterlich anders als erwartet

Joana June verfolge ich schon eine Weile auf Instagram und ihre Art war mir gleich total sympathisch, weswegen ich mich umso mehr auf ihr Debüt gefreut habe. Außerdem mag ich tiefgründige, vielschichtige Charakterportraits und Geschichten, die aus mehreren Perspektiven erzählt werden, richtig gern.

Der Roman lässt sich erstaunlich gut lesen. Erstaunlich deshalb, weil er literarisch auf einem ziemlich hohen Niveau ist und sprachlich experimentelle Anteile hat. Der Stil der Erzählung wechselt immer mal wieder kurzzeitig und eigentlich bin ich davon echt kein Fan, aber das Maß war hier sehr angemessen und wird Literaturbegeisterte sicher für sich einnehmen. Gleichzeitig weiß June aber auch, ihre Worte präzise zu wählen, sodass es kein elitäres Werk ist. Dennoch ist der theaterhafte Aufbau des Romans etwas, das sich von anderen Büchern abzuheben vermag.

Spannend wird es schon beim Titel: Ist damit die Bestie im Sinne von bester Freundin gemeint oder im Sinne eines Ungeheuers? Und von einer eindeutigen Beantwortung dieser Frage sieht die Autorin ganz klar ab, so viel sei schon einmal gesagt. Auch generell eignet sich dieses Werk besonders gut für ein gemeinsames Lesen oder ein wiederholtes. Denn June versteckt immer wieder erzählerische Kleinigkeiten im Text, die beim ersten Lesen vielleicht gar nicht auffallen.

Mein Haupt-Kritikpunkt betrifft die Beziehung der beiden. Meine Erwartungen waren da wahrscheinlich einfach andere. Ich habe mich vor allem auf eine Entwicklung der Beziehung zueinander gefreut und die Sezierung ebendieser. Das gab es für mich nur abgeschwächt. Die Freundinnenschaft fand ich nicht so richtig glaubwürdig geschrieben oder zumindest war ich wiederholt irritiert über die Selbstbezeichnung der beiden. Zwischen den Protagonistinnen findet relativ wenig und überwiegend oberflächliche Kommunikation statt.

Stattdessen geht es vielmehr tief rein in die Gedankenwelt beider Frauen. Anouk gefiel mir dabei recht gut, bei Lilly fand ich das wiederum ziemlich anstrengend. Obsessive Figuren, die zudem extrem um ihre eigenen Gedanken kreisen, sind für mich ein ambivalentes Feld - manchmal mag ich das total, oft ist es mir aber auch ein wenig zu viel. Zudem zeigt Lilly ein bestimmtes Verhalten, mit dem ich nicht sonderlich gut umgehen kann, sodass ich mich da emotional immer etwas distanzieren musste.

Am Ende kommt für mich einiges an Klärung und Tiefgang dazu, gleichzeitig ging es mir aber ein bisschen zu schnell. Dadurch kamen auch einige Nebenhandlungsstränge etwas zu kurz, die ich gern noch intensiver verfolgt hätte.

Der Roman ist ziemlich echt, analysiert intensiv die Leben zweier junger Frauen, die Belastungen einer Content Creatorin und thematisiert zumindest ansatzweise parasoziale Beziehungen. Dabei schafft es June, zugleich rau und sanft zu schreiben, balanciert harte Realität und Poesie elegant aus. Feministische Themen lässt sie immer wieder kurz in die Geschichte einfließen, ich würde den Roman aber nicht grundlegend als explizit feministisch bezeichnen.

Für mich war es zwar nicht das gewünschte Highlight, aber „Bestie“ bleibt ein bemerkenswertes Debüt!

Bewertung vom 10.08.2025
Jimenez, Abby

Say You'll Remember Me


sehr gut

Ein Werk in gewohntem Stil, aber schwächer als seine Vorgänger

Ich bin leidenschaftlicher Fan von Jimenez’ Romanen, weil ich ihren Humor und die starke Verhaftung im alltäglichen Leben schätze. Auch hier habe ich beides erfüllt gesehen und doch fand ich diesen Roman deutlich schwächer als die vorherigen.

Die beiden Protas sind wieder einmal vielschichtig und respektvoll miteinander. Und doch hat an der Stelle für mich dieses Mal einfach nicht alles gepasst. Einerseits finde ich es immer ausdrücklich gut, dass die männlichen Protagonisten der Autorin vulnerable Seiten haben - das trifft auch auf Xavier zu. Aber im Vergleich zu Samantha rutscht er mir viel zu stark in dieses „Ich muss mich aufopfern und alles für sie tun“-Gehabe ab, das mir ziemlich auf die Nerven geht. Genau diese Seite an ihm wird mir auch einmal zu oft betont. Er rettet Samantha vielleicht nicht im herkömmlichen Sinne, aber in Jimenez’ früheren Werken waren mir die beiden Hauptfiguren deutlich mehr auf Augenhöhe unterwegs.

Dass sich das Drama der Geschichte nicht aus den sonst so üblichen Missverständnissen und Kommunikationsschwächen speist, sondern aus der herausfordernden Lebensrealität, finde ich wieder gut gewählt. Ich muss aber auch hier sagen, dass es mir zwischen den beiden zu glatt lief und es streckenweise fast etwas zäh war. Gleichzeitig finde ich die Repräsentation von Demenzkranken und deren familiärer Pflege ganz toll. Auch interessant gezeichnete Nebenfiguren sind nach wie vor eine klare Stärke der Autorin.

Wie gewohnt und gehofft, ist der Humor der Geschichte toll geschrieben und trifft einfach meinen Geschmack. Er ist subtil, alltagsbezogen und in einem guten Maß eingebunden. Spice nimmt kaum Raum ein, aber auch das bin ich von Jimenez gewohnt. Dahingehend bin ich also auch gar nicht enttäuscht.

Schon nach den ersten paar Seiten war ich zudem begeistert von dem Tierarzt-Trope. Sanftheit gegenüber Tieren ist mein absoluter soft spot und darüber hinaus fand ich die Einblicke in den Job toll. ABER: Mir wird es nie in den Kopf gehen, wie Menschen einerseits so klar den Wert des Haustierlebens erkennen und sich dann zu jeder Mahlzeit ein totes Tier einverleiben können. Tiere zu essen ist ja leider, leider absoluter Standard in unserer Gesellschaft und damit eben auch in Büchern. Aber bei diesem Thema erwarte ich einfach ein ganz anderes Level an Sensibilität und Konsistenz. Das hat mich schon herb enttäuscht.

Super streng bewerte ich dennoch nicht, weil die Autorin ihrem Stil hier treu geblieben ist und Fernbeziehungen als Trope glaube einfach nicht mein persönlicher Fall sind. Die ernsten Themen finde ich wieder lobenswert eingebunden, sodass ich den Roman für Fans der Autorin in jedem Fall empfehle. Wer sie noch nicht kennt, sollte vielleicht eher zu einem früheren Werk greifen.

Bewertung vom 10.08.2025
Faith, Adelaide

Happiness Forever


weniger gut

Für Fans von Mariana Leky, mir aber leider zu langweilig

Ich liebe das Cover und auch der Klappentext hat mir gut gefallen. Zu Beginn fand ich diese leichte Obsession mit der Therapeutin sowie das Therapiesetting generell auch interessant. Doch im weiteren Verlauf musste ich trotz der wirklich liebenswerten Figuren feststellen, dass es mir einfach zu langweilig war.

Was ich dem Roman positiv anrechne, sind die Figuren. Sie erinnern mich recht stark an die von Mariana Leky - irgendwie besonders, vielleicht ein wenig naiv, aber so herzensgut und freundlich, dass es mich wirklich berührt. So schön ich diese Nettigkeit bei Figuren aber auch finde, bin ich kein riesiger Fan davon, weil es mir oft nicht tief genug geht. Von Sylvie erfahren wir im Laufe der Therapie zumindest einige Hintergründe, aber ihre Figur blieb mir dennoch recht blass. Dass die Therapeutin in ihrer professionellen Rolle auch den Lesenden gegenüber distanziert bleibt, finde ich authentisch geschrieben. Chloe wiederum ist eine ganz tolle, unterstützende Freundin für Sylvie, aber über sie erfahren wir mehr oder weniger nichts.

Und wenn es sich so extrem um eine Figur dreht, die im Laufe der Handlung nur wenig an Tiefe gewinnt sowie für mein Empfinden kaum Entwicklung durchläuft, bin ich leider irgendwann gelangweilt. Ich habe die Lektüre bis zum Ende durchgezogen, aber es war wirklich ein kleiner Kampf. Therapieerfahrung hab ich selbst viel und vielleicht ist das auch ein Teil des Problems. Obwohl mich manche Referenzen schon auch zum Schmunzeln gebracht haben, ist mir diese festhängende und den Umständen scheinbar ausgelieferte Protagonistin einfach zu anstrengend. Das meine ich nicht abwertend, denn Sylvies Vergangenheit macht mich auch betroffen. Aber es ist literarisch in dieser Intensität eben nicht mein Fall.

Mir fällt es daher auch schwer, zu definieren, wer hier eine bessere Zielgruppe ist. Vielleicht Menschen, die sich gern intensiv in die kreisenden Gedanken einer Figur einarbeiten und langsame Handlungen mit freundlichen Figuren mögen. Dass mit dem Schlagwort LGBTQIA+ geworben wird, finde ich nicht passend, weil es als Teil von Sylvies Identität eigentlich keine Rolle spielt - auch da waren meine Erwartungen abweichend.

Bewertung vom 07.08.2025
Berman, Ella

Before we were innocent


ausgezeichnet

Ein äußerst würdiger zweiter Roman der Autorin

Ella Berman hat bereits in ihrem Debüt gezeigt, dass sie ein Händchen hat für die subtile Wirkweise von Macht und Abhängigkeit. Auch in ihrem neuen Roman untermalt sie auf ein Neues, dass sie meisterinnenhaft unklar machen kann, wer Opfer und wer Täter*in ist. Hier geht es zwar weniger um Machtmissbrauch und doch sehe ich gewisse Parallelen zwischen den beiden Büchern.

Die Freundinnenschaft der drei ist gleichermaßen greifbar wie mir fremd. Sie sind irgendwie alle auf verschiedene Weise wohlhabend und enorm privilegiert. Und doch sind sie ebenso unsicher und eben Teenagerinnen/junge Erwachsene wie ich auch mal eine war.

Wiederholt flicht die Autorin thrillerhafte Elemente ein, die immer wieder die Spannung heben, ohne dass wir hier einen Thriller vor uns hätten. Als sensible Person ist mir dieses Maß immer genau recht, denn spannende Geschichten mag ich schon und eine solche haben wir hier in jedem Fall. Was genau passiert ist und wer für Vergangenes bzw. Aktuelles tatsächlich Schuld trägt, wird in einem guten Tempo enthüllt. Streckenweise fand ich die Handlung etwas zäh, aber insgesamt war ich überwiegend wie gebannt.

Der Roman hatte für mich auf jeden Fall auch deutlich weniger Längen als ihr Debüt, wodurch er noch einmal eine merkliche Steigerung zu ihrem Erstling ist. Die Autorin zeichnet auch hier wieder keine moralisch eindeutigen Figuren und das finde ich gut. Denn unser Mitgefühl sollte optimalerweise nicht vom Lebensstil der Betroffenen abhängig sein, sondern situationsbezogen gelten. So verdienen auch reiche, unsympathische Menschen unsere Solidarität, wenn ihnen Gewalt widerfährt.

Wie schon in ihrem Debüt thematisiert Berman die Rolle der Presse und legt nochmal eine deutliche Schippe drauf. Die Verzerrung und Obsession seitens der Medien ist klar zu verurteilen und ich finde es wichtig, sich das immer wieder bewusst zu machen. Wir sind wohl alle nicht gefeit vor den großen Storylines und umso stärker sollten wir uns daran erinnern, dass echte und vielschichtige Menschen dahinter stecken.

Ein gelungenes zweites Werk der Autorin, die ich auf jeden Fall weiter verfolgen werde.

4,5 ⭐️

Bewertung vom 06.08.2025
Knecht, Doris

Ja, nein, vielleicht (MP3-Download)


ausgezeichnet

Ein Werk mit sanfter Unterhaltung und klugen Gedanken

Ich mochte „Die Nachricht“ von Doris Knecht richtig gerne und auch ihr neues Werk reiht sich stilistisch gut ein, wenngleich es auch weniger auf Spannungsmomente und mehr auf persönliche Elemente baut.

Knecht zeigt hier, dass sie eine Meisterin der Autofiktion ist. „Das Leben mit der Erfindung vermischt“ schreibt die Autorin (oder die Protagonistin?) selbst im Text und das trifft es auf den Kopf. Immer wieder streut sie Überlegungen zu den Figuren ein, über die ein Absatz weiter oben noch ganz normal geschrieben wurde. Was Figur und was Autorin ist, verschwimmt bis zur Unkenntlichkeit. Ich finde das irritierend, aber auf eine gute Art.

Der Text plätschert zwar schon vor sich hin, strotzt aber auch nur so vor kluger Gedanken. Ich bin zwar deutlich jünger als die Protagonistin, finde es aber bereichernd, von einer solchen Figur zu lesen. Einen besonderen Fokus legt die Autorin in ihrem aktuellen Werk auf die Stellung romantischer Paarbeziehungen. Warum richten sich selbst absolut unabhängige, im Leben stehende Frauen in Bezug auf Aussehen und Verhalten plötzlich wieder so stark auf einen Mann ein, der in ihr Leben tritt? Warum gilt die monogame Zweierbeziehung als die unantastbare Königin aller Beziehungen? Und welchen Wert haben andere Lebensentwürfe?

Ich habe die Gedanken als sehr fundiert empfunden. Sie entspringen einem individuellem Umstand, das strukturelle Problem dahinter wird aber stets klar. Nebenbei geht es auch um Themen wie Machtmissbrauch, Sexismus und MeToo. Das Ende der Handlung hat mich sehr zufrieden hinterlassen und ich wünsche mir mehr Bücher wie dieses.

Ein wenig oft wurde mir das Wort „triggern“ abseits seiner eigentlichen Bedeutung verwendet. Das Hörbuch ist sehr passend eingesprochen von Nina Petri, die stimmlich perfekt zur Protagonistin passt. Für mich hätte es noch ein wenig lebhafter sein können und die Abgrenzung zu den anderen Figuren war nicht immer so klar, aber insgesamt empfehle ich auch das Hörbuch.

Der Roman ist ein Plädoyer fürs Alleinsein bei gleichzeitiger Gemeinschaft, die wiederum viel größer gedacht wird als romantische Paarbeziehungen. Eine Versicherung, dass Männer keinesfalls ein Heilversprechen sind und es doch auch okay ist, dass wir den patriarchalen Strukturen zumindest gedanklich manchmal nachgeben. Der Text liefert keine fertigen Antworten zu diesem Thema, ich konnte für mich aber klare Schlussfolgerungen mitnehmen.

4,5 ⭐️

Bewertung vom 06.08.2025
Kelly, Julia R.

Das Geschenk des Meeres


ausgezeichnet

Eine unglaublich gut konstruierte Geschichte mit geschickter Spannung und viel Menschlichkeit

Mit historischen Romanen habe ich aufgrund ihrer logischerweise älteren Sprache oft meine Probleme. Julia R. Kelly ist mit ihrem Debüt aber ein echtes Highlight gelungen, in dem sie die damalige Zeit authentisch abbildet, das Werk aber sprachlich sehr greifbar belässt. Außerdem ist die Bildsprache des Romans eine, die ihresgleichen sucht.

Ganz zentral für diesen Meeresroman ist seine Stimmung. Gefühlt spielt sich alles im eisigen, chaotischen Winter ab, sodass die Atmosphäre ebenso bedrohlich wie dicht ist. Bemerkenswert fand ich außerdem die Figurenzeichnung: einerseits für die damalige Zeit auf frustrierende Art authentisch (Aus heutiger Sicht sind so einige Handlungen der Frauen wirklich zum Haare raufen!), andererseits mit ganz viel Liebe und Tiefgang. Selbst die kleinste Nebenfigur erhält Vielschichtigkeit, was es den Lesenden unmöglich macht, klare Urteile zu fällen.

Besonders gut gelungen ist meiner Meinung nach die tragende Hauptfigur. Dorothy ist phasenweise eine etwas unzuverlässige Erzählerin (womit ich üblicherweise meine Probleme habe), doch das wird am Ende sehr einfühlsam und glaubwürdig aufgelöst. Ich war durchgängig absolut bei ihr und habe ihr jede Erzählung geglaubt - damit war ich dann manchmal auch ebenso überrascht wie sie selbst. Die Entwicklung der Figur ist makellos, während trotzdem auch nicht alles auserzählt wird. Sie wird keine moralisch perfekte Protagonistin, sondern eine Figur mit Schmerz und Freude gleichermaßen. Sie überwindet durch einen neuen Schmerz einen noch viel größeren und das war schlicht beeindruckend geschrieben. Ich habe sie unglaublich gern begleitet.

Der Verbund der Dorfgemeinschaft ist in seiner Dynamik außerdem äußerst reizvoll. Dank geschickter Rückblenden baut die Autorin nicht nur eine Spannung auf, die für einen tollen Lesesog sorgt, sondern entwickelt auch das glaubwürdige Bild einer solchen Gemeinschaft. Dabei sind die grundlegenden Aussagen des Romans absolut zeitgemäß: Wenig ist so, wie es scheint und wir sollten miteinander ins Gespräch kommen, statt uns auf unserem ersten Urteil über andere auszuruhen.

Die Autorin schafft es, auch mit wenigen Worten viel zu sagen. Immer wieder webt sie geschickt kleine Details ein, die in ihrer Tragweite für die Figuren enorm sind. Es macht richtig Spaß, gerade auch im Austausch mit anderen, diese Suche nach Handlungssegmenten zu starten. Ich bin völlig geflasht von der Vielzahl der Themen, die die Autorin dadurch in diese zu Beginn einfach erscheinende Geschichte einbaut.

Eine klare Empfehlung für dieses Buch, das in irgendeiner Form ein Familienroman ist, wenn auch nicht auf die typische Weise. Fans von vielschichtigen Figuren und einer melancholischen Bildsprache werden hier sicher auf ihre Kosten kommen. Die Handlung driftet bei allem Drama nie ins Überladene ab und sorgte bei mir gerade zum Ende hin für einen echten Kloß im Hals.

Bewertung vom 05.08.2025
Florin, Daisy Alpert

Mein letztes Jahr der Unschuld


ausgezeichnet

Ein literarisches Eintauchen in das Collegeleben der 90er mit subtilem Tiefgang

Daisy Alpert Florin hat hier einen gut lesbaren Roman geschrieben, der oft leise daherkommt, auf eine ganz subtile Art aber mit Spannungsmomenten und einigem Tiefgang aufwartet.

Ich fand es schon einmal toll, mit Isabel einer jüdischen Studierenden zu begegnen und so auch immer wieder Einblicke in jüdische Traditionen, Lebensweisen und Sprache zu bekommen. In ihrem Leben ist das Jüdischsein aber auch einfach ein Teil ihrer komplexen Identität und das finde ich insgesamt authentisch ausgearbeitet.

Ein Element, zu dem die Autorin immer wieder greift, ist eine sanfte Art des Foreshadowing. Manchmal nur in einem Nebensatz entfaltet das beim Lesen eine tolle Wirkung und ordnet das Geschehen noch einmal zusätzlich ein, ohne zu viel vorwegzunehmen. Denn immer wieder müssen wir uns hier #meToo-Fragen stellen. Den irgendwie verkrampften Sex mit dem Kommilitonen ordnet Isabel später anders ein als sie es direkt im Nachgang tut. Die gesellschaftlichen Dynamiken und das innere Zurechtreden, das in den 90ern wohl noch einmal mehr Realität war als jetzt, tun weh, obwohl oder gerade weil sie sprachlich gar nicht so laut formuliert sind.

Generell ist Subtilität ein tragendes Element der Handlung. Viele Figuren bekommen später zusätzliche Aspekte, sodass wir ihre Rolle retrospektiv noch einmal überdenken können/sollen. Die Konstellation aus Studentin und Professor sowie die damit einhergehende Machtdynamik ist literarisch natürlich nicht neu, doch Florin hat sich ihr auf eine vorsichtige und sprachlich tiefe Weise angenommen. Dass sowohl die Protagonistin angehende Autorin ist als auch die Autorin selbst logischerweise schreibt, spiegelt sich im wiederkehrenden Deep Dive zu den Themen Literatur und Schreibprozess wieder. Mein Interesse liegt da nicht unbedingt, weshalb ich das manchmal etwas langatmig fand, aber für viele ist es sicher ein spannender Einblick.

Neben der zentralen Affäre spielen aber auch andere Themen eine Rolle. Isabel befindet sich in einer fragilen Zeit des Erwachsenenwerdens und ich war wieder einmal froh, diese hinter mich gebracht zu haben. Es gibt außerdem familiäre Auseinandersetzungen, häusliche Gewalt sowie die Frage, was Männer tun, um sich gegenseitig zu schützen. Auch Depressionen werden nebenbei, aber sehr authentisch dargestellt. In all dem lotet die Protagonistin geschickt aus, was sie eigentlich vom Leben möchte und was Konsens genau bedeutet - und beantwortet das für sich manchmal erst viel später, manchmal auch gar nicht.

Wer einen Collegeroman lesen möchte, der einen leisen Tiefgang sowie politische Relevanz besitzt, kann beruhigt zu diesem Werk greifen. Er ist ganz sicher nicht DER #meToo-Roman schlechthin, greift Fragen rund um dieses Thema aber auf jeden Fall auf und hat mich dahingehend gut unterhalten. Manchmal schweift er vielleicht ein wenig ins Leben der Protagonistin ab, aber ich finde diese Darstellung nicht schlecht, sondern eine echte literarische Bereicherung.

4,5 ⭐️

Bewertung vom 02.08.2025
Carty-Williams, Candice

People Person


ausgezeichnet

Tolle Unterhaltung mit starken Figuren

Ich mochte "Queenie" bereits gern und habe mich von "People Person" ähnlich gut unterhalten gefühlt. Die Geschichte ist ein wahres Plädoyer für Zusammenhalt - in diesem Fall innerhalb einer Blutsverwandtschaft, die bis zum auslösenden Moment der Handlung keine große Rolle spielte. Als es aber hart auf hart kommt, halten die Geschwister zusammen. Für mich wirft die Geschichte einen Blick darauf, was Familie bedeutet und wie sie ausgestaltet sein kann.

Zu Beginn des Romans war ich erst ein wenig ernüchtert, weil mir die Storyline nun schon wiederholt begegnet ist und ich sie ein wenig auserzählt finde. Doch es wird zum Glück anders aufgelöst, sodass ich insgesamt versöhnt war. Sie Skurrilität der Situation und die absolute Ernsthaftigkeit, mit der die Geschwister ihr begegnen, ist unterhaltsam und trifft meinen Humor sehr gut.

Gleichzeitig fand ich die Figuren total stark geschrieben! Alle Geschwister haben ihre ganz eigenen Charakterzüge, die mir (fast) alle auch wirklich sympathisch waren. Wir bekommen hier viel sensible Männlichkeit und solidarische Frauen - genau sowas möchte ich viel öfter lesen! Mich hat der Zusammenhalt unter den Geschwistern sehr empowert. Außerdem flicht die Autorin immer wieder gesellschaftskritische Aspekte wie z. B. rassistische Polizeigewalt oder häusliche Gewalt ein.

Mein einziger Wermutstropfen ist, dass für mein Empfinden die Auseinandersetzung mit dem Vater viel zu zurückhaltend war. Seine Figur hat mich bis auf's Blut gereizt und ich sag mal so: Ich wäre ihm ganz anders begegnet! 🤬

Nichtsdestotrotz eine tolle Unterhaltung mit authentischen, liebenswerten Figuren und ganz viel Solidarität - klare Empfehlung!

Bewertung vom 01.08.2025
Espach, Alison

Wedding People


gut

Innovative Idee und guter Auftakt, dann aber mit deutlichen Schwächen

Ich fand die Figurenkonstellation des Romans wirklich äußerst reizvoll. Zwei Frauen treffen in einem Luxus-Hotel aufeinander. Während die eine ihre minutiös geplante, glamouröse Hochzeit feiern möchte, ist die andere nur für ihren Su!zid gekommen. Leider hat der Roman für mich aber zu sehr an der Oberfläche gekratzt, sodass das Potenzial der Idee für mein Empfinden nicht annähernd ausgeschöpft wurde.

Den trockenen Humor der Geschichte mochte ich wirklich gern, fand ihn im Vergleich zum emotionalen Tiefgang aber schlicht zu dominant. Phoebe ist eine richtig interessante, smarte Figur und wie über sie Depressionen dargestellt werden, hat mir gut gefallen. Dafür kann es gar nicht genug authentische Repräsentation geben! Und doch blieb sie mir bis zum Schluss einfach zu distanziert. Auch die Beziehung zwischen Phoebe und Lila wurde an ihrem Potenzial vorbei geschrieben und neben der zweifelsfrei existierenden humorvollen Ebene habe ich eine emotionale Verbundenheit sehr vermisst.

Dabei werden neben psychischer Gesundheit auch einige andere ernste Themen behandelt wie der Tod einer Beziehungsperson oder unfreiwillige Kinderlosigkeit. Und auch den Ansatz einer Sozialkritik mit dem satirischen Blick auf reiche Menschen mochte ich. Doch es fehlte mir einfach der Spark. Mit überspitzten Figuren habe ich in einer Satire kein Problem, doch das ist es irgendwie nicht, was der Roman primär vorgibt zu sein. Ihm fehlt meiner Meinung nach eine gesunde Balance zwischen ernstem Tiefgang und auflockernden Elementen.

Streckenweise ist „Wedding People“ sicherlich gute Unterhaltung und einige Male habe ich dank des gut geschriebenen Humors geschmunzelt. Aber dann gab es auch Phasen, in denen ich quergelesen habe, weil es mir zu platt und langatmig war. So ganz wusste ich bis zum Schluss nicht, wo die Geschichte eigentlich hinmöchte. Wahrscheinlich waren meine Erwartungen aufgrund des Marketings für dieses Buch auch einfach hoch angesetzt. Für einen lockeren oder packenden Summer-Read würde ich das Buch nicht wirklich empfehlen.

2,5 ⭐️