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Bewertung vom 17.10.2011
Bruder, was hast du getan?
Obermayer, Bastian; Stadler, Rainer

Bruder, was hast du getan?


ausgezeichnet

Mich hat das Buch in doppelter Weise erschüttert. Das Erste: Als Spät-68er, der ich bin, war ich bis vor kurzem noch der Meinung, zu den paar Dingen, die wir 68er hingekriegt haben, gehört die Abschaffung der Rohrstock-Pädagogik. Und nun las ich in dem Buch von Obermayer und Stadler, dass es 1968 in Ettal erst richtig los ging mit dem Kinderverprügeln und bis 1990 anhielt. Und Ettal war nicht die einzige Elite-Institution, in der die schwarze Pädagogik bis in die 90er Jahre hinein noch praktiziert wurde.
Natürlich hatte ich das auch zuvor schon in der Zeitung gelesen, aber erst, nachdem ich durch dieses Buch in geballter Form damit konfrontiert wurde, trat dieser Erschütterungs-Effekt ein, der noch dadurch gesteigert wurde, dass es nicht nur die Gewalt gab in Ettal, sondern auch den sexuellen Missbrauch, dies oft auch miteinander verbunden und eben nicht eine seltene Ausnahme war. Von „bedauerlichen Einzelfällen“ kann man nach dem, was man heute weiß über die kirchliche Erziehung - nicht nur in Ettal, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Irland und in den USA - nicht mehr sprechen.

Im Unterricht in der Schule immer wieder Ohrfeigen, dass die Schüler zu Boden geschleudert wurden und die Trommelfelle platzten,
im Internat immer wieder Hiebe mit der Rute auf den nackten Hintern,
und dann abends und morgens im Bett die Priester, die unter die Bettdecke griffen. Oft waren es dieselben Priester, die eine Prügelstrafe in Vorfreude ankündigten und sich an der Angst der Schüler weideten.

Und das ereignete sich nicht vor dem Ersten Weltkrieg, nicht in der Zeit, in der Michael Hanekes „Weißes Band“ spielt, sondern in den siebziger und achtziger Jahren, als Prügeln an staatlichen Schulen und in den Familien längst aus der Mode gekommen war.

Wer das Buch liest, fragt sich: Waren da wirklich Mönche am Werk, die vom Gott der Liebe und Barmherzigkeit motiviert sind, oder Perverse, die sich von den Obsessionen eines Marquis de Sade inspirieren ließen?

Die Welt, in der die Schüler aufwuchsen, hatte etwas Totalitäres an sich. Sie waren eigentlich nie ohne Aufsicht, immer unter Kontrolle, sogar ihre Briefe wurden gelesen, ihre Päckchen geöffnet, und manchmal vergriffen sich die Mönche auch an dem Inhalt, nahmen für sich eine gute Leberwurst heraus, ein Päckchen Lebkuchen oder Süßigkeiten.

Den Leser beschleicht während der Lektüre das Gefühl, dieses Ausleben der sexuellen Lust an Schülern und diese ständigen Gewaltorgien wurden hingenommen wie lästige Fliegenschwärme, die man zwar eindämmen, aber nicht ausrotten kann. Man fragt sich unwillkürlich: Gehört das vielleicht einfach irgendwie dazu zum Klosterleben, vielleicht schon lange, möglicherweise schon immer?

Auf jeden Fall müssen sehr viele Menschen über sehr viele Jahre hinweg sich sehr angestrengt haben, um nichts zu sehen, nichts zu hören und nichts zu sagen. Auch die Vorgesetzten, die Kirchen- und Ordensleitungen sind nach diesem Prinzip verfahren, und die meisten Eltern und Schüler auch. Viele von denen wollen noch heute nichts davon wissen und den Mythos aufrechterhalten, von Elite-Mönchen zu Elite-Menschen ausgebildet worden zu sein. Tatsächlich befand sich diese „Elite“ mindestens ein halbes Jahrhundert hinter dem geistigen Stand ihrer Zeit.

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