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Benutzername: Elfi
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Bewertungen

Bewertung vom 25.07.2013
Verführung
Kinkel, Tanja

Verführung


ausgezeichnet

Angiola Calori und Casanova begegnen sich als Kinder, verlieren sich aus den Augen und begegnen sich erst wieder, als er auf bestem Weg war, DER Casanova zu werden, sie als verkleideter Kastrat im Kirchenstaat gezwungen war, ihr Geschlecht zu verleugnen. Das pulsierende, nach Leben und Lieben schreiende Rokoko bildet die Kulisse, dazu zwei Menschen, die nach oben wollen, egal was es sie kostet.

Es ist nicht bei jedem Roman und Autor so, sicher sein zu können, das Spannung, Liebe, Erotik, Gefahr gleichberechtigt neben guter Unterhaltung und Informationen zur Zeitgeschichte stehen, aber dafür ist Tanja Kinkel schließlich bekannt.

Eines vorweg. Es ist wohl ihr erotischster Roman, aber dafür ist zweifelsfrei Casanova verantwortlich. Nur bei diesem Roman buchstabiert sich Erotik, wie es geschrieben wird, nicht mit drei Buchstaben: SEX. Sie nennt trotzdem alle die Dinge beim Namen, welche zu dieser Zeit gehören, als Venedig das Bangkok jener Zeit war, ohne jedoch jede Hautfalte zu beschreiben, wie das gerade in einigen Büchern üblich scheint.

Wenn Grausamkeit nicht vermieden werden kann, dann erfährt man aus der Handlung, wie Menschen der Willkür ihrer Dienstherrn ausgesetzt waren, oder „Herrschaften“ ohne Strafe wegkamen, selbst wenn sie töteten. Und es war schon eine verrückte Zeit, wenige Jahrzehnte vor der großen Revolution, in der ungewöhnliche Menschen mit Phantasie, wie Casanova und Angiola Calori, die außergewöhnlichsten Karrieren machen konnten, aus eigener Kraft.

Keine andere Autorin beschreibt für mich ehrgeizige, emanzipierte Frauen so deutlich wie Tanja Kinkel, ohne dass irgendetwas Weibliches an ihnen verloren geht oder etwas unlogisch erscheint. Dabei sind auch Nebenfiguren keine Schaufensterpuppen bei ihr. Jede könnte meine Lieblingsfigur sein und meine Entscheidung fiel mir auch diesmal äußerst schwer. Ich habe mich sogar für Angiola Ersatzmutter entschieden, Mamma Lanti, welche ihre Kinder zur Prostitution angehalten hat, weil Tanja Kinkel Gründe anführte, nicht den Stab über sie brach, welche diese Handlungsweise, zu jener Zeit, für mich nachvollziehbar machte. So gab es auch keine vielleicht gerechtfertigte Seitenhiebe auf die Kirche, welche ursächlich für die „Kastration von Kindern damals war: Alles zur Ehre Gottes“, war die gebräuchliche Entschuldigung, sondern eine Auseinandersetzung mit den Menschen, welche denen übel mitspielten, die unschuldig betroffen waren.

Ich habe mich auch halb tot gelacht, über die Dialoge von Tanja Kinkel und ihre Empfehlungen an Frauen, wie sie ihre Seitensprünge dem Ehemann beichten sollen, oder an Männer, wie diese andere Männer zur Handlungsunfähigkeit degradieren können, etc. etc. Aber diese Anekdoten möchte ich nicht vorwegnehmen, zumal ich unzählige Lieblingssätze und Aphorismen gefunden habe, die typisch für Casanova - und Tanja Kinkel sind. Wer aus diesem Buch nichts für sich mitnehmen kann, ist selbst schuld denn eines ist gewiss: Casanova wäre stolz auf die Schilderung seiner große Liebe zu Angiola Calori, nicht von ihm, sondern aus der Sicht von Tanja Kinkel geschrieben.