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Benutzername: 
Herbert Huber
Wohnort: 
Wasserburg am Inn

Bewertungen

Insgesamt 190 Bewertungen
Bewertung vom 27.03.2022
Best Ghost Stories of Algernon Blackwood
Blackwood, Algernon

Best Ghost Stories of Algernon Blackwood


sehr gut

Die Kurzgeschichten von Algernon Blackwood (1869-1951) gibt es in zahlreichen Zusammenstellungen. Empfehlenswert ist die Dover-Ausgabe mit einer Einleitung von E.F. Bleiler.
Sie enthält 12 übersinnliche Geschichten und an letzter Stelle mit „Max Hensing“ eine unheimliche Story vor dem Hintergrund des 2. Weltkriegs. Diese erschien 1945, alle anderen vorher.
Blackwood geht von einer Welt hinter/über der uns vertrauten Realität aus. Darauf muss man sich einlassen. Deshalb sind nur einige der Stories Gespenstergeschichten, Blackwood wandelt sein Hauptthema vielfach um. Er versteht es eine unheimliche Atmosphäre zu erzeugen und sie allmählich zu steigern. Exemplarisch dafür steht eine seiner berühmtesten Stoires: „The Willows“. Ihm verfügt über einen gewaltigen Wortschatz, der es ihm ermöglicht das Grauen mit immer neuen Worten und Wendungen zu erzählen. Freilich, echte Gespensterfurcht wird sich bei Leserinnen heutzutage nicht einstellen. Da dem Erzähler die Worte nicht ausgehen, dehnt er die Beschreibung oft über Gebühr. Andrerseits hat das den Vorteil, dass man Blackwoods Stories gut auch mehrfach, aus schierer Freude an seiner Sprachgewalt lesen kann.

Bewertung vom 16.03.2022
Wise Blood
O'Connor, Flannery

Wise Blood


ausgezeichnet

Was „Catch-22“ von Joseph Heller für den Krieg ist, das ist „Wise Blood“ für die Religion; ein grotesk komische Lächerlichmachung mit tragischen Zügen.
Hazel Motes wird aus dem Kriegsdienst entlassen und bekommt eine Invalidenrente, so dass er nicht mehr arbeiten muss. Er ist besessen davon für seine „Church without Christ“ zu werben und predigen. Er trifft auf die 15-jährige Tochter des Predigers … In einem Verwirrspiel wirbt er um sie oder sie will ihn verführen. Deshalb wurde „Wise Blood“ auch schon mal mit „Lolita“ von Vladimir Nabokov verglichen. Es fehlt aber die Besessenheit Humberts.
Als sich der Erfolg für die „Church without Christ“ nicht entstellt, raubt Motes sich selbst die Sehkraft, angeregt von einem Prediger einer anderen christlichen Gemeinschaft, nur - der hatte es nur vorgetäuscht.
Viele Leserbesprechungen halten „Wise Blood“ - wie ich - für anti-religiös, die Kritiker widersprechen, da O'Connor selbst im Vorwort zur 2. Auflage und in Briefen an Ben Griffith den Roman als „redemption-centered“ bezeichnet hat. Entscheidend ist aber weniger was die Autorin über ihr Werk sagt, sondern das Werk selbst und wie es auf die Leser wirkt.

Bewertung vom 13.03.2022
Hilary Hahn-The Complete Sony Recordings
Hahn,Hilary

Hilary Hahn-The Complete Sony Recordings


ausgezeichnet

CD #2: Lyrik neben Dramatik auf höchstem Niveau
Hilary Hahn war 18 Jahre jung, als sie am 15. Feb. und 8. Juni 1998 in der Symphony Hall, Baltimore, das Violinkonzert von Beethoven und eine Serenade von Leonard Bernstein einspielte. In makelloser Technik und mit viel Verve macht sich die Geigerin an das Schlachtroß aller Violinkonzerte, bei dem sie wie ein Fohlen mit dem Orchester konkurriert. Dramatik und Lyrik werden gleichermaßen bedient. Sie gewann damit 1999 zurecht ihren ersten Echo Preis Klassik als Nachwuchskünstlerin des Jahres.
Je öfter ich diese Interpretation des Violinkonzerts höre, desto mehr überzeugt und begeistert sie mich.
Die Serenade von Leonard Bernstein ist eine willkommene Repertoirebereicherung.

Bewertung vom 08.03.2022
Violinkonzert Op.61
Mutter,Anne-Sophie/Karajan,Herbert Von/Bp

Violinkonzert Op.61


sehr gut

Bei ihrer ersten, hier vorliegenden Aufnahme von Beethovens Violinkonzert von 1979 war Anne-Sophie Mutter 16 Jahre alt. Trotzdem spielte Herbert von Karajan mit den Berliner Philharmoniker ihrem Wunsch entsprechend die beiden ersten Sätze langsamer, als er es gewohnt war. Eine herausragende, einfühlsame Aufnahme war das Ergebnis. Gelegentlich trägt mir Karajan mit den Philharmonikern etwas zu dick auf. Bemerkenswert scheint mir, dass die neueste mir vorliegende Aufnahme mit Lisa Batiashvili (2009) vieles mit der Interpretation Mutters von 1979 gemeinsam hat.
Mein Favorit für Beethovens Violinkonzert bleibt Wolfgang Schneiderhan unter Eugen Jochum (zweite Aufnahme von 1962).

Bewertung vom 04.03.2022
Violin Concerto/Miniatures
Batiashvili,Lisa

Violin Concerto/Miniatures


sehr gut

Ich hörte zuerst die sechs Miniaturen und war aus mindestens zwei Gründen sehr angetan.
1) Sie sind abwechslungsreich und eingängig. Sulchan Zinzadse (1925 - 1991) war ein Komponist aus dem Heimatland der Geigerin, Georgien.
2) Mir gefiel ein Komponist der zweiten Hälfte des 20. Jhdts. auf Anhieb.
Dass die Miniaturen auf Geheiß des dritten Georgiers, Josef Stalin, entstanden sind (was ich erst später las), ist mir egal.
Das Violinkonzert kommt frisch, im Geigenanteil feinfühlig, im Orchesteranteil kammermusikalisch, an meine Ohren. Selten habe ich so Pianissimo-Stellen gehört. Stellenweise meinte ich, einem neuen, nie gehörten Werk zu lauschen.
Ich musste tagelang mit anderen Interpretationen vergleichen (Anne-Sophie Mutter, Krystian Zimerman, u.v.a.). Mein Favorit bleibt Wolfgang Schneiderhan unter Eugen Jochum (zweite Aufnahme von 1962). Die vorliegende Aufnahme ist aber eine hoch willkommene Ergänzung.
Lisa Batiashvili belegt, dass Georgien nicht nur Weltklasse-Schachspielerinnen hervorbringt, sondern auch erstklassige Geigerinnen.

Bewertung vom 03.03.2022
A Good Man is Hard to Find
O'Connor, Flannery

A Good Man is Hard to Find


ausgezeichnet

Die erste Kurzgeschichtensammlung Flannery O'Connors' erschien 1953 unter dem Titel der ersten Story A Good Man is Hard to Find. Wer sich darauf einläßt, sollte wissen, dass O'Connor sich als katholische Schriftstellerin sah. Der Antagonismus zwischen Gut und Böse und das versteckte Ringen um Gnade und Erlösung beherrscht ihre Texte. Wobei oft nicht klar ist, wer die Guten sind,wenn es sie überhaupt gibt. O'Connor vertritt die Southern Gothic Genre. Die Leser sollten sich auf skurrile bis groteske Personen und Handlungen einstellen. Ich denke, viele der Stories entlarven die bigotten und scheinheiligen Christen. Die Nihilisten und Atheisten kommen gut weg. Wie sonst soll man beispielsweise „Good Country People“ lesen, in der ein Bibelverkäufer einer Beinamputierten die Prothese stiehlt? Körperteile und zerstörte Körper spielen ein große Rolle in O'Connors Werk, darin ist es zutiefst katholisch.
Zart besaitet darf man nicht sein, das gilt auch für ihr teils rassistisches Vokabular, worüber es in literarischen Zirkeln eine Diskussion gibt.
Die Dialoge sind oft humorvoll bis witzig, nahe an den durchschnittlichen Menschen dran, die die Stories bevölkern.
Einige der Stories habe ich - mit gehörigem Abstand - mehrfach gelesen und mich erstaunt immer wieder die Kraft ihrer Sprache. Die grotesken Situationen entwickeln sich ganz natürlich, ähnlich wie bei Kafka, den sie ausgiebig gelesen hat.
„Good Country People“ und „The Life You Save May Be Your Own“ sind für mich die allerbesten der zehn Stories. „The Displaced Person“ und die Titelgeschichte stehen kaum nach.

Bewertung vom 20.02.2022
My Sister's Keeper
Picoult, Jodi

My Sister's Keeper


sehr gut

Der Bestseller „My Sister's Keeper“ (deutsch „Beim Leben meiner Schwester“) von Jodi Picoult (Ersterscheinen 2004) bringt bioethische Konflikte vor ein breites Publikum.
Bei der zweijährigen Kate Fitzgerald wird eine aggressive Leukämie festgestellt. Keiner in der Familie, auch nicht Kates älterer Bruder Jesse, ist für eine eventuelle Knochenmarkspende geeignet. Die Eltern Sara und Brian entschließen sich mittels In-Vitro-Fertilisation (IVF) ein geeignetes Geschwisterkind entstehen zu lassen: Anna. Einige Jahre verlängert Anna so das Leben ihrer Schwester Kate. Als eine Nierenspende ansteht, Anna ist mittlerweile 15 Jahre alt, rebelliert sie und will mit Hilfe des Anwalte Campbell Alexander über ihren Körper selbst bestimmen. Der klagenden Anna wird vom Gericht ein Guardian ad litem zugeteilt, Julia.
Der Roman behandelt die wenigen Tage des Prozesses bis zum gerichtlichen Entscheid. Die Ereignisse überstürzen und ganz kurz werden am Romanende die weiteren Lebensjahre der Protagonisten skizziert.
Die Autorin läßt in zahlreichen Kapiteln je eine der Protagonisten des Romans als Ich-Erzählerin zu Wort kommen, ausgenommen Kate. Der damit verbundene Perspektivenwechsel lässt die beteiligten Leute auch in Rückblenden zu Wort kommen.
Vieles im Personengefüge erscheint konstruiert. Jesse gerät auf die schiefe Bahn, Campbell und Julia waren in ihren Studienjahren ein Liebespaar und frischen das wieder auf, Julia hat zudem eine leicht verwechselbare Zwillingsschwester, Sara kann sich vor Gericht selbst vertreten, da sie Jura studiert hatte. Etwas stark aufgetragen, aber man nimmt es hin, schließlich soll der Roman mit Dramatik vollgepackt werden.
Die Autorin ist eine versierte Schreiberin und hat sich mit den zur Diskussion gestellten bioethischen Probleme sicher eingehend befasst. Rundum ein etwas langer, aber gelungener Wissenschafts- und Ethikthriller. Dieser letzte Befund könnte mit einem Ausrufezeichen, aber auch mit einem Fragezeichen versehen werden. Ich habe Einwände.
Der häufige Perspektivenwechsel könnte die verschiedenen Standpunkte herausarbeiten, tut es aber nur ungenügend. Die Ich-Erzähler*innen unterscheiden sich sprachlich, von einigen Passagen bei Jesse abgesehen, kaum. Alle reden wortgewandt und oft mit spitzen Bemerkungen, z.B. Kate zu ihrer Mutter: „Don't talk to me. You're good at that“ (S. 311). Oftmals bekunden sie Details, die nur ein auktoriale Erzähler kennen kann.
Einiges war - bei aller Professionalität der Autorin - nicht glaubwürdig für mich. So beherrscht der 14-jährige Jesse die Wiederbeatmung (S. 314), Die ersten Worte des Anwalts Alexander in seinem Büro, als er die 15-jährigen Anna zum ersten Mal trifft, sind: „I don't want any Girl Scout cookies. Although you get Brownie points for tenacity. Ha.“ (S. 17). Da wird das kreative Schreiben überstrapaziert. Die Sprachverwechslungen innerhalb des dialoglastigen Romans nehmen zu auffällig überhand.
Nahezu jedes Kapitel endet mit einer schnippischen oder überraschenden Bemerkung wohl um die Leser bei der Stange zu halten, Der Running gag mit Campbells Blindenhund kam so oft, dass er mich schon wieder belustigte. Ich wartete auf die Ausrede.
Mir erscheint Picoults Stil etwas zu glatt und konstruiert mit vielen Griffen in die Trickkiste des kreativen Schreibens. Dabei scheut sie vor alten Kamellen, wie den Versicherungsfall um eine Schachtel Zigarren oder der zerstörerischen Kraft des Colagetränks nicht zurück.
Die Thematisierung der bioethischen Dilemmata verdient großes Lob, wenngleich ich dabei etwas mehr Hintergrund erhofft hatte. So hätte die Autorin Immanuel Kant oder auch neuere Ethiker und ihre Positionen kurz einführen können um den Lesern verschiedene Standpunkte nahe zu bringen. Als Denkanstoß ist „My Sister's Keeper“ hoch willkommen. Die schriftstellerische Ausführung kommt mir zu hausbacken und routiniert herüber.

Bewertung vom 12.02.2022
The Oxford Book of Victorian Ghost Stories
Cox, Michael / Gilbert, R.A. (eds.)

The Oxford Book of Victorian Ghost Stories


sehr gut

Die versierten Herausgeber von Ghost Stories Michael Cox und R.A. Gilbert wählten 35 Ghost Stories der Viktorianischen Epoche aus und präsentieren sie chronologisch von 1852 bis 1908.
Neben vielen Glanzautoren dieser Epoche Charles Dickens, Henry James, Robert L. Stevenson (um nur einige zu nennen) sind auch, zumindest für mich, unbekannte Autoren dabei, wie J.Y. Akerman und Amelia B. Edwards, die hervorragende Stories beisteuern.
Nicht alle Stories würde ich aufnehmen, aber bei einer Anthologie mit breitem Anspruch ist das zu erwarten. Keine Story enttäuschte. Andrerseits wird bei wenigen das Genre Ghost Story etwa gedehnt: ich las von keinem Gespenst.
Man darf sich nicht daran stören, dass viele Stories nach demselben Schema ablaufen: altes Gebäude, in dem vor langer Zeit einer Person Unrecht getan wurde, die jetzt nach Ausgleich sucht.
Alle außer drei der Stories fand ich alle als freies Audio im Web. Es macht mir mehr Vergnügen zu hören und gleichzeitig zu lesen.
Unterm Strich eine glänzende Zusammenstellung, die ich allen an Gespenstern interessierten Lesern empfehle.

Bewertung vom 08.01.2022
The Oxford Book of English Ghost Stories

The Oxford Book of English Ghost Stories


sehr gut

Diese Anthologie enthält 49 Kurzgeschichten mit Gespenstern chronologisch sortiert von 1829 – 1981. Die Herausgeber geben eine kurze Einführung und sprechen über ihre Auswahlkriterien.
Vorneweg: eine Anthologie, die es allen recht machen kann, gibt es wohl nicht. Auch diese enthält Stories von unterschiedlicher Qualität.
Es waren einige Stories dabei, die neben dem Standardplot (düsteres Gebäude, schlimme Taten in der Vergangenheit, Gespenst, das zwischen Totenreich und Realität wechseln kann) auch sozialkritische und philosophische Inhalte transportieren. Diese gefallen mir besonders, z.B. Mary Elizabeth Braddon: „The Shadow in the Corner“, Diese Autorin und andere waren willkommene Entdeckungen für mich.
„The Monkey's Paw“ von W.W.Jacobs startet mit einer Schachpartie und taucht zurecht in vielen Anthologien auf.
„On the Brighton Road“ von Richard Middleton gibt Futter zum Nachdenken. Die Liste der hervorragenden Geschichten könnte ich fortsetzen.
Da die Herausgeber eine repräsentative Auswahl geben wollten, war nicht zu vermeiden, dass ich einige der Stories schon kannte und dass einige nicht auf meiner Wellenlänge liegen, z.B. das musiktheoretische Gesplauder in Vernon Lee: „A Wicked Voice“. Einige Autoren hätte ich hier nicht vermutet, da sie für andere Genres bekannt sich, wie H.G. Wells und W.S. Maugham.
Die Stories sind für uns heute nicht unbedingt gruselig, aber immer lesenswert, manche sogar ausgezeichnet unterhaltend und anregend. Starke Empfehlung.

Bewertung vom 03.01.2022
Pfisters Mühle: Ein Sommerferienheft: Der erste deutsche Umwelt-Roman: Veränderungen durch Industrielle Revolution
Raabe, Wilhelm

Pfisters Mühle: Ein Sommerferienheft: Der erste deutsche Umwelt-Roman: Veränderungen durch Industrielle Revolution


sehr gut

In der Mühle, ungefähr eine Stunde von der nächsten Stadt entfernt, betreibt Vater Pfister ein gut gehendes Ausflugslokal. Sohn Eberhard verbringt eine idyllische Kindheit. Er will aber die Mühle nicht übernehmen, sondern bevorzugt die akademische Laufbahn.
In der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. beginnt in Deutschland die Wende zum Industriestaat. An Pfisters Mühle, seinen Bewohnern und der Umgebung zeigt das Wilhelm Raabe exemplarisch.
Der Mühlenbetrieb war wohl landschaftsschonend, der Restaurantbetrieb war ein stärkerer Eingriff und die nahe Zuckerrübenfabrik bringt die Ökologie noch mehr ins Wanken.
Zurecht wird „Pfisters Mühle“ (erstveröffentlicht 1884) als erste Umwelterzählung genannt. Es ist auch eine kleine Familiensaga der Pfisters aus der Gründerzeit.
Der Stil ist behäbig und ausschweifend. Doch wer den in Kauf nimmt, liest einen gehaltvollen Übergang von der ländlichen Idylle in das Industriezeitalter.
Die Konflikte zwischen den Bürgern und dem angeblichen Fortschritt sind höchst aktuell und gigantisch angewachsen. „Pfisters Mühle“ ist daher eine lohnende Lektüre.