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Eternal-Hope
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Österreich

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Insgesamt 122 Bewertungen
Bewertung vom 08.01.2026
Kunisch, Hans-Peter

Das Flimmern der Raubtierfelle. Rilke und der Faschismus


sehr gut

Was nehme ich aus diesem Buch mit? Rainer Maria Rilke hatte, für mich persönlich wenig überraschend, auch seine Schattenseiten, und das waren keine kleinen. So ist das ja bei vielen berühmten Menschen: wo viel Licht ist, ist oft auch so einiges an Schatten. Wer seine Gedichte bewundert, projiziert gerne so einiges in ihn hinein und meint etwa, so ein Mensch, der so feinfühlige Gedichte über die tiefsten Facetten der menschlichen Psyche und so schöne Naturbeobachtungen schreiben könne, der müsse immer empathisch sein, und politisch sowieso auf der richtigen Seite.

Nun, wie der Autor dieses Buches aufgrund von überlieferten Briefwechseln des Dichters mit einer italienischen Bekannten, aber auch weiteren Briefwechsel und Quellen klug analysiert, war Rilke keinesfalls immer sonderlich empathisch gegenüber realen Menschen, mit denen er in Austausch stand. Im Gegenteil, auf deren Sorgen und Nöte ging er teilweise kaum ein und idealisierte stattdessen den italienischen Faschismus und Mussolini. Einen großen Teil des Buches nimmt die Analyse dieser Briefwechsel zwischen Rilke und seiner italienischen Bekannten Lella ein. Diese erlebt, in Italien lebend, die Schattenseiten des aufziehenden Faschismus hautnah mit und weist Rilke darauf hin, doch seine Meinung ändert er nicht unbedingt, zu "groß und unbedingt ist mein Verlangen nach Ordnung", so schreibt er selbst in einem Brief an die Italienerin.

Auch sonst findet sich so einiges Fragwürdiges zur Persönlichkeit des großen Dichters, wenn man seinen Nachlass genauer analysiert: an sozialen Veränderungen scheint er nicht interessiert und spricht sogar dafür aus, dass die "Varietäten" der Natur, einschließlich der Bettler, bestehen bleiben, schon "um der Freude des Dichters an dieser leidenden Vielfalt" willen, denn sonst gäbe es ja weniger Material für seine Werke. In einem weiteren Austausch mit einer jungen Jüdin zu deren Volk und Religion zeigt er auch Ansichten, die heute als antisemitisch gewertet werden würden. Aufgrund seines Todes im Jahr 1926 ist zu seiner weiteren Entwicklung zu diesem Thema nicht mehr viel bekannt geworden.

Ich finde es eine wichtige Aufgabe, auch jene, die großartige und beeindruckende Werke hinterlassen haben, nicht blind zu idealisieren. Insofern sei dem Autor und dem Verlag für dieses wichtige Buch gedankt, das das Bild des Dichters Rainer Maria Rilke vervollständigt.

Stilistisch ist es ein eher anspruchsvoll zu lesendes Werk, das schon aufgrund seiner Thematik voll von Referenzen auf Rilke-Gedichte ist. Daneben erfährt man aber auch viel Interessantes über die ersten Jahre des italienischen Faschismus unter Mussolini in Italien. Es ist ein interessantes Buch, für das man Zeit braucht und am besten einiges an Rilke-spezifischem Vorwissen mitbringt, um insbesondere von den Bezügen auf sein Werk voll profitieren zu können. Ich kann es jenen, die sich sehr für diesen Dichter interessieren und auch seine problematischen Aspekte kennen lernen möchten, auf jeden Fall empfehlen.

Bewertung vom 08.01.2026
Zaki, Jamil

Hoffnung und Skepsis


ausgezeichnet

In den letzten Jahren hört man es überall: die Menschen würden immer weniger sozial werden, immer vereinzelter, immer schlechter. Man könne niemandem mehr vertrauen. Früher - wann auch immer das gewesen sein soll - sei alles besser gewesen. Weit verbreitet scheint eine zynische Haltung gegenüber anderen Menschen zu sein, geprägt von Misstrauen und Angst.

In diesem Buch geht der Autor, ein in der Forschung tätiger Psychologe, erst einmal auf die Definition des modernen Zynismus ein, der sich von den griechischen Kynikern, auf die das Wort zurückgeht, deutlich unterscheidet, und unserer Psyche und dem Kontakt mit anderen Menschen stark schadet. Wer eine zynische Einstellung zu anderen Menschen hat, geht davon aus, dass diese unehrlich und böse seien, und scheut tiefer gehende Verbindungen. Dabei zeigt Mail Zaki in seinem Buch anhand vieler Studienergebnisse auf, dass die Menschen weit besser sind, als sie voneinander annehmen: so wird systematisch stark unterschätzt, wie viele scheinbar verlorene Geldbörsen, in denen sich die Kontaktdaten des Eigentümers befinden, von den Findern an diesen zurückgegeben werden.

Auch gehen Collegestudierende davon aus, dass es sehr schwierig sei, mit anderen Studierenden in Kontakt zu kommen, weil die meisten dafür nicht offen seien - während wiederum fast alle von sich selbst sagen, sich Kontakte mit anderen zu wünschen, und sich auch experimentell zeigt, dass die meisten für Gespräche offen sind. Diese Haltung zeigt sich in vielen Bereichen: Kriminalitätsraten werden etwa stark überschätzt, auch wenn sie tatsächlich in vielen Regionen in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen sind.

Dieser verbreitete Zynismus schadet uns auf vielen Ebenen: er macht die Menschen einsamer, kränker, unverbundener. Leider wird diese Einstellung von vielen Medien noch geschürt, um ihre Auflagen- und Clickzahlen zu erhöhen. Dabei weiß man aus der Forschung, dass die Einstellung, die Menschen entgegen gebracht ist, enorm wichtig für deren Entwicklung und Selbstbild ist. Das gilt für Kinder und Jugendliche genauso wie für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Unternehmen: Menschen, denen misstraut wird, entwickeln sich wesentlich schlechter und verhalten sich deutlich unehrlicher und krimineller, als solche, denen mit einem positiven Menschenbild begegnet wird.

In diesem Buch finden sich also viele Ansätze dafür, wie wir zynische Einstellungen hinterfragen und ein hoffnungsvolleres, und dabei gleichzeitig nicht naives, realistischeres Menschenbild entwickeln und dadurch positive Beziehungen zu unseren Mitmenschen aufbauen können. Es ist möglich, skeptisch und wachsam zu bleiben, ohne dabei zynisch und abwertend zu werden, und insgesamt eine hoffnungsvolle und offene Einstellung zu kultivieren, ohne blinde Naivität. Dafür zeigt dieses inspirierende und interessante Buch viele Beispiele auf.

Besonders schätze ich auch das wissenschaftlich sehr sorgfältige Vorgehen des Autors. Nicht nur beruhen alle seine Aussagen auf wissenschaftlichen Studien, sondern im Anhang findet sich - zusätzlich zu praktischen Anwendungstipps für das persönliche Leben - eine fundierte Einstufung der präsentierten Ergebnisse danach, als wie stark gesichert diese in der Wissenschaft momentan gelten (viele oder weniger Studien, die diese belegen, eindeutige oder eher widersprüchliche Ergebnisse).

Das Buch ist sicher für alle, die sich für Psychologie interessieren und in diesem Bereich Vorwissen haben, besonders interessant, kann aber aufgrund seiner zugänglichen Schreibweise mit vielen Beispielen auch gebildeten Laien empfohlen werden.

Bewertung vom 03.01.2026
Ridzén, Lisa

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen


ausgezeichnet

Über das hohe Lebensalter und die damit verbundenen Abschiede:

Bo ist 89 Jahre alt. Vor einiger Zeit musste seine schwer demente Frau Fredrika, mit der er über 60 Jahre lang verheiratet war, in ein Pflegeheim ziehen. Wenn er sie dort mit dem gemeinsamen Sohn besucht, erkennt sie die beiden nicht einmal mehr. Selbst ist Bo geistig noch sehr fit, abgesehen von der normalen Altersvergesslichkeit. Doch sein Körper lässt ihn immer mehr im Stich: manchmal schafft er es nicht mehr rechtzeitig aufs Klo und feinmotorische Tätigkeiten wie das Öffnen eines Hosen- oder Hemdknopfes fallen ihm schwer.

Er wohnt noch alleine mit seinem geliebten Hund Sixten in seinem alten Haus und wird regelmäßig von einem ambulanten Pflegedienst besucht und unterstützt. Sein Hund ist eine seiner größten Freuden und er kann nicht vorstellen, sich von diesem zu trennen - auch wenn sein Sohn Hans immer wieder darauf drängt, den Hund herzugeben, denn Bo könne sich nicht mehr gut genug um ihn kümmern, sei nicht mehr zu langen Spaziergängen mit ihm in der Lage und außerdem fürchte der Sohn, sein Vater könne bei einem der Spaziergänge im Wald stürzen und sich schwer verletzen. Doch lange weigert sich Bo mit allen Mitteln dagegen, für den Hund ein neues Zuhause zu suchen...

Dieses Buch hat mich sehr tief berührt. Es ist aus der Sicht von Bo geschrieben, der von seinem Alltag erzählt, sich immer wieder in der Du-Form an die geliebte, demente Ehefrau wendet, und uns an den Erinnerungen an sein Leben teilhaben lässt. So viele einzelne Momente ziehen an ihm innerlich vorbei, während er sich immer mehr von der äußeren Welt abwendet und seinem Tod nähert: von dem harten, fordernden Vater und der Befreiung von diesem, von der liebevollen, aber schwachen Mutter, von vielen glücklichen Ehejahren mit Fredrika, von der Freude über den gemeinsamen Sohn und später über die Enkelin und dem Erstaunen darüber, was für eigenständige, von einem selbst ganz unterschiedliche Wesen da entstanden sind, von der Freundschaft zu einem ebenfalls alten, lebenslang alleinstehenden Freund, der mehr in der Welt herumgekommen ist als Bo selbst, und von vielem mehr. Zwischen den einzelnen Kapiteln eingefügt sind kurze Notizen des Pflegeteams, z.B. "8:15 Uhr: Medikamentengabe + Atemtrainer. Bo mürrisch, weigert sich, seinen Haferbrei zu essen. Er will, dass ich mit dem Hund rausgehe, aber ich habe keine Zeit. Eva-Lena." (S. 199)

Geschrieben von einer Autorin, die selbst noch nicht einmal 40 ist, empfinde ich die Erzählstimme als äußerst authentisch. Wahrscheinlich verfügt die Autorin über viel Einfühlungsvermögen und stand ihrem Großvater sehr nahe: die Idee für dieses Buch, ihr Debüt, entstand, nachdem sie ein Heft mit Notizen seines Pflegeteams gefunden hatte.

Es finden sich viele tiefsinnige Gedanken übers Älter-Werden, pflegebedürftig werden und den Tod in diesem Buch und darüber, was es bedeuten, ans Ende des Lebens zu kommen. Damit hilft das Buch, sich in die Perspektive von Menschen am Ende ihres Lebens hineinzuversetzen:

"Wegen der Herztabletten musste ich die Arthritismedikamente absetzen; aber zum Glück verursachen die Finger keine großen Schmerzen. "Herz oder Gelenke", sagte der Honorararzt mit einem blöden Lächeln im Gesicht. "Da fällt die Entscheidung nicht schwer, oder?" (S. 19)

"Bei Sixtens Anblick denke ich automatisch an Hans. Ich werfe die Fotos auf den Tisch. Wenn Ellinor meine Tochter und nicht meine Enkelin wäre, wenn sie anstelle von Hans das Sagen hätte, dann wäre alles besser. Sie würde mir Sixten niemals wegnehmen." (S. 111)

"Der Körper ist schwer. Schwerer als üblich. Schwankend setze ich mich auf dem Bettrand auf. Die Matratze ist so weich, dass ich Mühe habe, das Gleichgewicht zu halten." (S. 258)

"Ture war ein langes Leben vergönnt", sagt die Pastorin. Deshalb ist die Kirche auch so leer. Die meisten seiner Bekannten sind gestorben. (S. 351)

Natürlich ist es auch ein trauriges Buch, denn es sind traurige Themen, von denen es handelt: Älter werden, pflegebedürftig werden, Menschen verlieren, Tiere verlieren, Fähigkeiten verlieren, immer weniger Selbstbestimmung, Schmerzen, Abschied nehmen, Sterben. Doch sind es dabei zugleich zutiefst existenzielle Menschheitsthemen, mit denen wir alle früher oder später konfrontiert werden, und es lohnt sich sehr, sich damit auseinanderzusetzen. Dafür kann ich dieses warmherzige und berührende Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen!

Bewertung vom 25.12.2025
Lalami, Laila

Das Dream Hotel


sehr gut

Der Preis des sorglosen Umgangs mit unseren Daten:

Sara Hussein hat vor kurzem gemeinsam mit ihrem Mann Elias Babyzwillinge bekommen. Weil sie vor lauter Übermüdung kaum mehr funktionieren konnte, hat sie sich eine Neuroprothese zur Schlafverbesserung in ihren Kopf einsetzen lassen. Ihr Mann hatte so etwas schon seit längerem und sie wollte mit ihm mithalten und auch für ihre Kinder eine wache, präsente Mutter sein können. Außerdem nutzt Sara schon lange, wie so viele von uns, das Internet und Social Media, hinterlässt überall ihre digitalen Spuren und wird auch im analogen Leben oft von Videokameras aufgezeichnet. Ist ja nichts dabei, das ist ja jetzt unser Leben, oder?
Bis all diese Kleinigkeiten Sara zum Verhängnis werden: auf der Rückreise von einer Konferenz in London fällt sie bei der Einreise in die USA bei der Sicherheitskontrolle auf. Eines kommt zum anderen: durch die Neuroprothese wurden Saras Träume ausgewertet und ihr wird vorgeworfen, eine Gefahr für ihren Mann zu sein. Der Algorithmus habe durch die Analyse ihrer Träume, gemeinsam mit anderen gesammelten und willkürlich gewichteten, gegen sie verwendeten Informationen aus ihrem Leben, einen zu hohen Risikowert ausgerechnet, deshalb müsse sie vorerst für drei Wochen zur eigenen und fremden Sicherheit in einem Zentrum "einbehalten" werden. Das sei kein Gefängnis, nur eine Sicherheitsmaßnahme, und ja auch erst einmal nur für drei Wochen. Dass Sara verzweifelt versucht, sich gegen die Einweisung zu wehren, verschlechtert ihren Risikowert weiter.
Schnell stellt sich heraus, dass sich das Einbehaltezentrum nur wenig von einem Gefängnis unterscheidet und die Insassinnen kaum Rechte haben. Es gibt ein langes Regelbuch, das jede auswendig lernen muss, zusätzlich können aber ständig willkürlich neue Regeln aufgestellt oder Privilegien entzogen werden. Verlangt wird absolute Unterwerfung unter das System und Gehorsam gegenüber den Aufsehern, doch auch dann wird kaum eine Frau nach den versprochenen drei Wochen entlassen, sondern der Aufenthalt wird immer wieder verlängert, auf unbestimmte Zeit.
Parallel dazu erleben wir eine Gesellschaft, die sich damit abgefunden hat, dass die Daten von Menschen überall ausgewertet und kommerziell und politisch genutzt werden. Viele finden es sogar gut, dass damit die Gesellschaft sicherer werde, weil zukünftige Verbrechen verhindert werden würden, wenn man Menschen festnehmen könne, bevor sie diese begehen würden. Das ungerechte und menschenverachtende System dahinter wird nur von wenigen erkannt oder angezweifelt. Das muss auch Sara nach ihrer Festnahme erfahren: alle glauben an das System und seine Gerechtigkeit. Wer inhaftiert wurde, mit der muss irgendetwas nicht stimmen. Ihr Mann wirft ihr vor, sich im Zentrum offensichtlich nicht kooperativ genug zu verhalten, sonst wäre sie ja schon längst wieder frei. Auch ihr Vater – ein marokkanischer Immigrant, der sein ganzes Leben lang gelernt hat, sich dem amerikanischen System anzupassen und sich unauffällig zu verhalten – meint, sie wäre wohl nicht unterwürfig genug aufgetreten, sonst wäre sie am Flughafen nicht festgenommen worden.
Auch die Frauen, die neu in das Zentrum eingeliefert werden, glauben anfangs immer noch, dass sie sich mit Wohlverhalten eine schnelle Entlassung verdienen könnten und nur „die anderen“ die gefährlichen potentiellen Straftäterinnen seien, nicht sie selbst. So kommt es, auch verstärkt durch die ständige Überwachung, sehr lange zu kaum Solidarisierung unter den inhaftierten Frauen.
Das „Dream-Hotel“ von Laila Lalami ist eine kluge und erschreckende, sehr realistisch konstruierte Dystopie, die in einer nicht so fernen Zukunft spielt und unserer modernen Gesellschaft in vielem einen Spiegel vorhält. Abgesehen von der Träume aufzeichnenden Neuroprothese gibt es große technologische und gesellschaftliche Ähnlichkeiten zu der Zeit, in der wir uns schon jetzt befinden. Es ist also ein sehr kluges Buch, das nachdenklich darüber macht, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, aber auch, in welcher wir jetzt schon leben und welches enorme Risiko damit verbunden ist, unsere Daten gewinnorientierten Unternehmen zur Verfügung zu stellen – aber auch, wie schwierig es ist, aus diesem System auszusteigen: auch im Buch gibt es einzelne Aussteiger, aber diese müssen wie vor Jahrhunderten leben, um sicherzustellen, keine Daten von sich preiszugeben.
Geschrieben ist das Buch auf eine sehr spannende, aber auch beklemmende Art und Weise. Ich habe mich sehr mit der „einbehaltenen“ Sara und den anderen Frauen verbunden gefühlt, mit ihnen mitgefiebert, auf Entlassung gehofft und bin mit ihnen wütend über dieses zutiefst ungerechte System geworden. Die Lektüre hat also neben dem aufrüttelnden Faktor auch einen guten Unterhaltungswert.
Das Ende habe ich auch durchaus plausibel gefunden, auch wenn man inhaltlich aus einigen Themensträngen und aus dem Thema insgesamt noch ein bisschen mehr machen hätte können, deshalb in Summe 4 von 5 Sternen.

Bewertung vom 19.12.2025
Rönicke, Katrin;Lucas, Laura;Sindermann, Lena

Resist! Weich bleiben in harten Zeiten.


ausgezeichnet

Bücher über feministische Themen sind in Mode, allein in diesem Jahr sind so einige erschienen. Nun haben sich drei junge Frauen, Katrin Rönicke, Laura Lucas und Lena Sindermann, die gemeinsam mit anderen den feministischen lila Podcast betreiben, die Aufgabe gestellt, eine persönliche Positionierung zu aktuellen feministischen Strömungen zu schreiben. Herausgekommen ist ein interessantes und gut lesbares Buch, das für alle, die sich neu für das Thema interessieren, eine fundierte Einführung bietet, aber auch denen, die schon länger an dem Thema dran sind, neue Impulse zum Nachdenken liefert.

Die Autorinnen wechseln sich kapitelweise ab, manche Texte haben sie auch gemeinsam geschrieben. Insgesamt ist dabei ein sehr gut lesbarer, flüssiger Text entstanden, der ein stimmiges Ganzes ergibt und dem man kaum anmerkt, wer welches Kapitel verfasst hat. Das Buch beginnt mit dem Thema Emotionalität, das ja gerne klischeemäßig Frauen zugeschrieben wird, und stellt dieses Klischee gleich auf humorvolle und provokative Art in Frage, während aufgezeigt wird, dass alle Menschen, auch Männer, natürlich auch emotional geprägt sind, und wie Gefühle und Verstand miteinander verbunden sind.

Leider wird das Klischee der emotionalen, irrationalen Frauen aber oft gegen diese verwendet, wie sich etwa in den unfairen Angriffen Donald Trumps auf das Lachen seiner Rivalin Kamala Harris gezeigt hat, bei der er eine leider historisch tief verwurzelte Fehlverknüpfung von Weiblichkeit und Verrücktheit reaktiviert und für seine Zwecke manipulativ genutzt hat. Dabei kann ein reflektierter Zugang zu den eigenen Emotionen sogar für alle Geschlechter sehr hilfreich sein, um ein glückliches, erfülltes Leben zu führen.

In weiteren Kapiteln geht es um Themen wie gendergerechte Sprache und Sprachpolitik, sexualisierte Gewalt und das einseitige Framing der Vorfälle in der Kölner Silvesternacht (während ähnliche Vorkommnisse leider seit langem bei anderen Veranstaltungen, z.B. beim Münchner Oktoberfest, ebenfalls gang und gäbe sind), Solidarität und die Frage, wie man damit umgehen soll, Männer zu lieben, möglicherweise sogar eine nicht ganz feminismuskonforme Libido am eigenen Körper zu erleben, und dennoch feministisch Position gegen Gewalt und Ungerechtigkeiten zu beziehen. Auch intersektionale Themen wie Klassismus, Rassismus, Ableismus und Antisemitismus sind Teil des Buches.

Dabei legen die Autorinnen großen Wert darauf, eine breite Leserinnenschaft abzuholen: während es im Buch durchaus auch, in gut verständlicher Sprache, um fortgeschrittene feministische Themen geht, findet sich im Anhang ein umfangreiches Glossar wichtiger Begriffe zu dem Thema für die, die noch nicht so viele Berührungspunkte damit hatten.

Mir persönlich hat besonders gut gefallen, dass deutlich wird, dass die Autorinnen sich wirklich tiefgehend mit den behandelten Themen und ihren eigenen Positionen dazu auseinandergesetzt und diese durchaus auch kritisch hinterfragt haben. Ich muss nicht jede einzelne Position zu 100 % selbst teilen, um für diese Grundlagenarbeit Respekt zu haben. Es wird immer deutlich, wie die gerade erzählende Autorin aufgrund der Beschäftigung mit einschlägiger Literatur, aber auch mit eigener reflektierter Lebenserfahrung zu ihren jeweiligen Standpunkten gekommen ist.

Insgesamt ist es ein persönliches, angenehm lesbares und sehr unterhaltsames Buch über zeitgenössischen intersektionalen Feminismus, das ich allen, die sich neu für das Thema interessieren, aber auch jenen, die sich schon länger damit beschäftigen, empfehlen kann.

Bewertung vom 15.12.2025
Melle, Thomas

Haus zur Sonne


ausgezeichnet

Ein Mann quält sich schon seit vielen Jahren mit seiner manisch-depressiven Erkrankung ab: in den depressiven Phasen erscheint alles sinnlos und leer, aber die manischen Phasen haben sein Leben noch einmal auf ganz andere Weise zerstört: so vieles, was ihm lieb war, hat er in diesen Zeiten verloren: Freundschaften, berufliche Möglichkeiten, liebgewonnene Erinnerungsstücke, Teile der eigenen Persönlichkeit. Jede manische Episode nimmt ihm etwas, das er danach nicht mehr zurück bekommen kann, so erlebt er das, und das geht schon so lange so. Auch das Verfassen eines Memoirs über das Thema (hier sieht man die zum Teil autofiktionalen Bezüge auch in diesem Buch; der Autor hat davor in "Die Welt im Rücken" über seine bipolare Erkrankung geschrieben) hat ihn nicht retten können, er erlebt sein Leben als beschwerlich, von allen entfremdet und sinnlos. Auch kleine Lichtblicke wie die Beziehung zu einer Frau können dieses Empfinden nicht umdrehen.

Als er vom "Haus zur Sonne" erfährt, klingt das also nach einem verlockenden Deal: dort wird das Bestmögliche getan, um lebensmüde Menschen mit Hilfe von Simulationen alles erleben zu lassen, was sie sich wünschen: bewunderter Rockstar sein, neue Sportarten ausprobieren, ins Weltall fliegen, noch einmal bestimmte Situationen aus dem eigenen Leben wiedererleben oder gar Verstorbene treffen: alles ist möglich! Die Menschen dort dürfen eine nicht näher definierte Anzahl solcher Simulationen erleben und eine nicht näher bestimmte Zeit dort verbringen, während sie offiziell auf der Welt schon als tot gelten (so wird es ihnen zumindest dort von den Ärzten gesagt). Um am Ende das zu bekommen, "was sie ohnehin wollen": einen sanften, frühzeitigen Tod. Auch hier wird in Bezug auf die Modalitäten auf ihre Wünsche eingegangen, doch das Ende steht fest - und einmal im "Haus zur Sonne" scheint es keinen Weg mehr hinaus zu geben. Schließlich ist das Teil dieses gesellschaftlichen Paktes mit dem Teufel: es werden eine Menge technologische und personelle Ressourcen in den Komfort und die Wunscherfüllung der Bewohnerinnen und Bewohner investiert, zum Ausgleich dafür, dass deren baldiges Ende bevor steht und sie die Sozial- und Gesundheitskassen danach nicht länger beanspruchen werden.

Geschrieben ist das Buch auf äußerst deprimierende und herunterziehende Art und Weise: sehr authentisch dafür, dass wir uns im Kopf eines manisch-depressiven Menschen befinden, der gerade in einer depressiven Episode ist und seinem Leben ein Ende setzen will. Diese Darstellung ist unglaublich realistisch und man lernt dabei sehr viel über das Innenleben solcher Menschen. Zum Lesevergnügen macht das dieses Buch aber nicht, man muss diese Düsternis aushalten und sich davon gut distanzieren können. Deshalb empfehle ich das Buch explizit nur Menschen mit einem stabilen psychischen Zustand. Wer schon zur Depression neigt, der halte sich von diesem Buch fern, es könnte sehr triggern und eigene suizidale Tendenzen verstärken.

Es ist ein sehr kluges Buch, nicht nur aufgrund der oben erwähnten authentischen Darstellung des dahinterliegenden Störungsbildes, sondern auch aufgrund der gesellschaftlichen Fragen, die es aufwirft: ist es legitim, unser eigenes Ende zu bestimmen? Sollen Institutionen dabei unterstützen? Welcher Teil in Menschen ist es, der so unbedingt sterben möchte, und sollten wir diesem zugestehen, die alleinige Entscheidung darüber zu treffen? Und was ist, wenn der betroffene Mensch seinen Sterbewunsch wieder zu hinterfragen beginnt: nachdem er schon schriftlich zugestimmt hat, sich in der betreffenden Institution befindet und viele der Wunschsimulationen in Anspruch genommen hat?

Das Buch wurde völlig zu Recht für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert. Es ist anspruchsvolles, gut geschriebenes, originelles und sehr nachdenklich machendes Werk mit vielen klugen Gedanken, die Empathie für psychisch erkrankte Menschen fördern können.

Ich kann die Lektüre insbesondere jenen, die sich für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und für das Innenleben depressiver oder bipolarer Menschen interessieren, und kein Problem mit einem fordernden, anstrengenden und oft niederdrückenden Lektüreerlebnis voll von Dunkelheit haben, sehr empfehlen. Es lohnt sich, durchzuhalten, man kann aus diesem Buch viel mitnehmen und es hallt lange nach.

Bewertung vom 13.12.2025
Diaw, Moussa Al-Hassan

Die Radikalisierten


ausgezeichnet

Der islamische Religionspädagoge Moussa Al-Hassan Diaw hat in Österreich die staatlich unterstützte Deradikalisierungsstelle DERAD gegründet, bei der er gemeinsam mit seinen Mitarbeitern daran gearbeitet, sich für die Deradikalisierung islamistisch beeinflusster Jugendlicher und junger Erwachsener einzusetzen - eine sehr wichtige Arbeit!

In diesem Buch erzählt er anhand von vielen Fallbeispielen von den Hintergründen seiner Arbeit und zeigt auf, wie es zur Radikalisierung dafür empfänglicher junger Menschen kommt und wie die Beratungsstelle mit diesen arbeitet. Dabei zeigt sich insgesamt ein Ausmaß des Problems, das vielen in seiner Größe sicher nicht voll bewusst ist: beispielsweise geht es um junge Menschen aus bosnischen muslimischen Familien, also aus einer Region, in der ursprünglich ein sehr offener, liberaler Islam praktiziert wurde, die sich aber nun radikalisiert haben.

Die Radikalisierung geht oft so weit, dass auch andere Muslime oder sogar die eigenen Eltern als zu bekämpfende Ungläubige angesehen werden, wenn sie der eigenen extremistischen Auslegung der Religion nicht folgen. Dabei verstärken sich die radikalen Ansichten der Jugendlichen in sozialen Blasen Gleichgesinnter und sehr stark durch den Einfluss einschlägiger Social Media Kanäle, bis es zu einer totalen Ablehnung westlicher Gesellschaften (und sogar muslimischer Länder, die als nicht gläubig, also nicht radikal genug angesehen werden) und damit verbunden oft auch zu einer Gewaltbereitschaft kommt.

Es geht auch um das Attentat in Wien im November 2020, für das es erschreckend viele Anzeichen im Vorfeld gab, aber leider von den damit befassten Institutionen und der Politik nicht entschlossen genug gehandelt wurde, so wie auch in so einigen anderen Fällen. Die Tragweite des Problems scheint noch nicht bei allen Entscheidungsträgern angekommen zu sein.

Überhaupt zeigt das Buch auf, wie wichtig Deradikalisierungsarbeit ist, aber ebenfalls, wie der Autor auch ganz offen sagt, das Problem deutlich verringert würde, wenn radikalisierte Menschen erst gar nicht ins Land gelassen würden, ihnen die (manchmal sogar gewünschte) Ausreise erleichtert oder sie nach Radikalisierung oder Straftaten entschlossener abgeschoben würden: eine unbequeme Wahrheit, für die sich viele erst langsam öffnen. Denn leider gibt es Menschen, die sehr empfänglich für immer neue Propaganda sind, die in sich viel Wut und Hass tragen, keinerlei Dankbarkeit für staatliche Unterstützung empfinden und die bereit sind, allen, die ihren radikalisierten Weg nicht teilen, massiv zu schaden.

Insgesamt ist es ein wichtiges Buch, dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche - insbesondere unter denen, die in diesem Bereich wichtige Entscheidungen zu treffen haben.

Bewertung vom 08.12.2025
Leibowitz, Kari

Wintern


ausgezeichnet

Wissenschaftlich fundiertes Sachbuch für eine neue Einstellung zum Winter:

Kari Leibowitz hat Psychologie studiert und forscht in diesem Bereich zum Thema Wohlbefinden und Positive Psychologie. Für ihr Dissertationsprojekt hat sie sich das Ziel gesetzt, zu erforschen, was man gegen saisonale Depression machen kann - ein in den USA wichtiges Thema, von dem sie annimmt, dass es viel mit dem Winter zu tun hätte. Der Winter ist eine Jahreszeit, die sie und viele Menschen in ihrem Umfeld immer als äußerst unangenehm wahrgenommen haben, und deshalb nur im Sommer so richtig aufgelebt sind. Daraus folgert sie, dass saisonale Depressionen in Gegenden, die extrem lange und harte Winter erleben, noch viel stärker ausgeprägt sein müssten. Umso größer ist ihr Erstaunen, als sie bei einem Forschungsaufenthalt in Tromso in Nordnorwegen entdeckt, dass das nicht so ist. Zwar gibt es auch dort saisonale Depressionen, doch in einem weit geringeren Ausmaß, als sie erwartet hätte.

Angespornt von dieser neuen Erkenntnis macht die junge Frau sich auf die Suche nach dem, was den Unterschied macht: wie kommt es, dass für manche Menschen der Winter keine Belastung darstellt oder sie diesen gut akzeptierne können oder sich sogar auf diesen freuen oder ihn lieben? Und was können wir daraus an Erkenntnissen für unser eigenes Leben mitnehmen, gerade, wenn der Winter bisher eine schwierige Jahreszeit für uns war? Empirisch fundiert, basierend auf der Analyse bisheriger Studien sowie auf den Ergebnissen eigener Interviews mit Menschen in nördlichen Regionen, stellt die Forscherin in diesem Buch ihre Ergebnisse dar.

Wissenschaftliche Studien, deren Ablauf und Ergebnisse werden immer wieder ausführlich geschildert. Das ist speziell für einschlägig vorgebildete sowie an Wissenschaft interessierte Menschen aufschlussreich zu lesen. Zwar gibt es auch viele persönliche Erfahrungen und Praxistipps am Ende jedes Kapitels, doch empfehle ich dieses Buch eher Menschen, die gerne auch anspruchsvollere Sachbücher lesen, da es kein reiner Ratgeber ist, sondern ein Sachbuch auf höherem Niveau.

Wenn man sich darauf einlässt, kann man aber viel darüber lernen, was für einen Unterschied die Einstellung zum Winter machen kann: hilfreiche Faktoren sind zum Beispiel, es sich bewusst gemütlich zu machen, sich auch körperlich und psychisch auf mehr Ruhe einzustellen, sich mehr Schlaf zu erlauben, auch bei Kälte so viel Zeit wie möglich in Bewegung bei Tageslicht an der frischen Luft zu verbringen, den Winter nicht als große Einheit zu sehen, sondern ihn in Zwischenjahreszeiten (Herbst-Winter, Winter, Frühling-Winter) einzuteilen oder Rituale und Feste in dieser Zeit bewusst zu zelebrieren. Ich, die ich den Winter schon bisher als Ruhe- und Rückzugszeit sehr geschätzt habe, habe in den Tipps vieles von dem gefunden, was ich ohnehin schon länger praktiziere.

Auch die Rolle gesellschaftlicher und infrastruktureller Faktoren wird erwähnt: so ist es etwa in den skandinavischen Ländern selbstverständlich, auch im Winter und bei Kälte das Haus zu verlassen, die Schneeräumung funktioniert dort schnell und effizient und es gibt teilweise sogar beheizte Gehsteige, beleuchtete Langlaufloipen und erschwingliche, qualitativ hochwertige Funktionskleidung für den Winter. Zeit an der frischen Luft zu verbringen wird als gesund und selbstverständlich angesehen, gerade für Kinder und auch bei Minusgraden.

Insgesamt ist es ein interessantes und wertvolles Buch, das aufgeschlossenen und gut gebildeten, an wissenschaftlichen Ergebnissen interessierten Menschen helfen kann, mehr über dieses Thema zu lernen und gleichzeitig die eigene Einstellung zum Winter kritisch zu reflektieren.

Bewertung vom 06.12.2025
Kebekus, Carolin

8000 Arten, als Mutter zu versagen


ausgezeichnet

Was für ein Glück, dass die Komikerin Carolin Kebekus mit über 40 Jahren vor bald 2 Jahren doch noch Mama eines Kindes geworden ist. Denn dadurch hat sie Einblick in die vielen Verrücktheiten, überzogenen Ansprüche und Übergriffigkeiten bekommen, mit denen man als schwangere Frau und als neue Mama eines Babys konfrontiert wird. Humorvoll und ehrlich erzählt sie aus den ersten eineinhalb Jahren mit ihrem Kind, und das auf eine locker-flockig-leichte Art, die für andere neue Mamas sehr befreiend sein kann.

Ich habe selbst vor einigen Jahren ein Kind gewünscht und hätte sehr gerne schon damals dieses Hörbuch gehört - aber auch rückblickend auf die erste Zeit als frischgebackene Mama ist es eine große Freude, dieses Buch zu hören. Für mich fühlte es sich an, wie eine gute Freundin an meiner Seite zu haben, die ehrlich mit mir teilt, dass sie ihr Baby über alles liebt, sich auch viel Mühe gibt, aber an den übermenschlichen Ansprüchen, die an Mütter heutzutage gestellt werden, nur scheitern kann. Die humorvoll die Instagram-Momfluencerblase aufs Korn nimmt, genauso wie die übergriffigen Passanten mit ihren Ratschlägen, und die aufzeigt, dass es in Ordnung ist, einfach nur ein Mensch und eine Frau zu sein und zu bleiben, auch wenn man Mama geworden ist.

Carolin Kebekus erzählt auch von dem absolut idealisierten Mutterbild, mit dem sie groß geworden ist und das bis heute so verbreitet ist: von der selbstlosen, aufopferungsbereiten, jederzeit verfügbaren Frau und Mutter, ein dienender Engel ohne eigene Identität... und befreit uns gleichzeitig von diesem Anspruch, auch so sein zu müssen, indem sie erklärt, wie befreiend es auch für unsere Kinder sein könnte, nicht mehr mit diesem unrealistischen Bild aufzuwachsen und stattdessen Eltern zu haben, die ihnen eine gute Balance aus Fürsorge für die Kinder und Selbstfürsorge vorleben.

Ihr Werk ist sowohl als gedrucktes Buch als auch wie hier im Argon-Verlag als Hörbuch erschienen. Das Hörbuch wird von der Autorin selbst gesprochen - das ist bei einer Komikerin, die professionelles Sprechen gewohnt ist, natürlich ein Gewinn, und lässt einen sich der Autorin beim Zuhören noch näher fühlen, als wenn man es lesen würde. Carolin Kebekus erzählt ihr Buch auf eine sehr witzige Art, mit angenehmer Stimme und viele Varianten, sodass man ihr wirklich gerne zuhört. Danke für dieses angenehme Zuhörerlebnis und für die wichtige Botschaft, liebe Carolin Kebekus! Ich hoffe auf weitere Bücher und Hörbücher von Carolin Kebekus mit witzigen Erzählungen aus dem Leben einer Mama eines dann schon etwas größeren Kindes in den nächsten Jahren.

Bewertung vom 06.12.2025
Hewlett, Rosie

Medea


ausgezeichnet

Spannende, feministische Neuinterpretation des düsteren Medea-Mythos:

Wer war die sagenumwobene Medea, die Prinzessin und Hexe von Kolchis, Ehefrau des Jason und am Ende blutige Rächerin und Kindsmörderin? Wie können wir ihre Geschichte aus ihrer Perspektive ein Stück weit verstehen?

Der britischen Autorin Rosie Hewlett ist mit "Medea" eine sehr spannende, feministische Neuinterpretation des antiken Mythos gelungen. Während traditionelle Erzählungen meistens auf die männliche Perspektive fokussiert sind, lernen wir hier die sagenumwobene Medea aus der Innenperspektive kennen: in Ich-Form erzählt sie uns ihre Geschichte. Dabei beginnt Medea ganz am Anfang, in ihrer Kindheit, als sie noch ein kleines Mädchen war und gerade erst dabei, ihre mächtigen Zauberkräfte zu entdecken.

Es ist eine schwierige Kindheit: vom Vater unterdrückt und verprügelt, vom Bruder verspottet, mit einer schwachen, farblosen Mutter, sind die liebevolle Beziehung zu ihrer jüngeren Schwester und die wenigen Sommer, in denen ihre Tante Circe sie in der Zauberkunst unterweist, ihre einzigen Hoffnungsschimmer.

Medea selbst ist von Anfang an eine starke Persönlichkeit, freiheitsliebend und wild, die sich nicht unterdrücken lassen will, und ihren Bruder schon mal zur Strafe in ein Schweinchen verwandelt. Als junge Frau träumt sie von der Freiheit; etwas, was sich in der damaligen Zeit für die Prinzessin nur schwer verwirklichen lässt. Denn zusätzlich zu den rigiden Geschlechternormen in der Antike hat ihr Vater, der König, längst entdeckt, was für eine mächtige Waffe die Magie seiner älteren Tochter für ihn darstellt - eine Waffe, die er auf keinen Fall jemals verlieren will.

Und so ist Medeas besondere Gabe gleichzeitig auch ihr Gefängnis - bis sie sich in den Argonauten Jason verliebt, ihm mit Hilfe ihrer Fähigkeiten zum Sieg bei der Bewältigung eigentlich unmöglicher Aufgaben und damit zum goldenen Vlies verhilft, gemeinsam mit ihm und seinen Gefährten über das Meer fliehen möchte und dabei durch eine impulsive Handlung, angestiftet durch Jason, schwere Schuld auf sich lädt, die sie ihr Leben lang verfolgen wird.

Im Zentrum der Geschichte steht für mich neben Medeas Persönlichkeitsentwicklung die ungesunde Beziehung zu Jason. Selbst so vernachlässigt und verwundet aufgewachsen, idealisiert das junge Mädchen Medea diesen attraktiven Mann grenzenlos und schlägt alle Warnungen in den Wind. Sie fühlt sich gesehen und geliebt und beginnt sich erst sehr spät die Frage zu stellen, ob es diesem Mann wirklich um sie geht oder um etwas anderes. Diese Beziehungsdynamik ist sehr anschaulich geschildert.

Schlussendlich kommt es zum tragischen Finale, das jenen, die sich mit der ursprünglichen Geschichte befasst haben, bekannt sein dürfte. So, wie diese Geschichte überliefert wurde, ist dieses sehr tragisch und düster, und das ist es auch in diesem Buch. Doch ist es gleichzeitig sehr interessant, das Ganze vor dem Hintergrund der Persönlichkeit und Entwicklung Medeas zu betrachten und damit zumindest ein kleines Stück weit verstehen (wenn auch nicht gutheißen) zu können, wie es dazu gekommen ist.

Geschrieben ist das Buch sehr spannend und packend: ich konnte es kaum aus der Hand legen und war in einem Tag mit dem 500 Seiten dicken Buch durch, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Dabei hat es mir den antiken Medea-Mythos nähergebracht und gleichzeitig eine neue, feministische Perspektive auf diese Geschichte eröffnet. Das Buch hat mich also nicht nur ausgezeichnet unterhalten, sondern ich werde auch noch länger über die Geschichte nachdenken. Verdiente 5 Sterne für eine tolle Neuinterpretation dieser alten Geschichte!