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zu den Top-Rezensenten

Benutzername: Hardy
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Danksagungen: 9 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 17 Bewertungen
12
Bewertung vom 28.11.2010
Die Dienstagsfrauen / Dienstagsfrauen Bd.1
Peetz, Monika

Die Dienstagsfrauen / Dienstagsfrauen Bd.1


ausgezeichnet

Judith ist zur Witwe geworden. Ihr Mann starb an Krebs, konnte den Pilgerweg nach Lourdes nicht beenden und hinterließ als Vermächtnis ein Tagebuch. Bei einem regelmäßigen Treffen ihrer Diensttagsfrauen, einmal im Monat treffen sich die fünf Frauen zum Essen, verkündet Judith, dass sie den Pilgerweg beenden will. Während Carloline sofort ihre Mithilfe anbietet, sind andere weniger begeistert. Pilgern klingt nicht nach Prada und 5 Sterne Hotels. Trotzdem werden alle Frauen gemeinsam zu dem Abenteuer aufbrechen. Und auf dem langen Wege werden mehr Geheimnisse ans Licht kommen, als ihnen lieb ist. Das beginnt schon beim Tagebuch, das eine sehr beschönigte Version des Pilgerweges wiedergibt. Das kommt der einen oder anderen Pilgerin dann doch spanisch vor. Also wird eines Nachts das Buch kurz "ausgeliehen" und gelesen. Zur Verblüffung der Frauen stellt sich das Buch als freche Kopie diverser Reiseführer heraus. Was hatte Arne zu verbergen? Währedn Kiki sich mit ihrem Schatten Max abquält, der unaufgefordert seiner großen Liebe gefolgt ist, versuchen die übrigen Frauen Judith zu überzeugen, dass etwas nicht stimmt. Dem ist auch so. Arne scheint sich mit einer Person names Dominique getroffen zu haben. Mit dieser Neuigkeit beginnt das große Reinemachen. Die Frauen werden mit überraschenden und teilweise schmerzhaften Wahrheiten konfrontiert. Was als unüberlegte Idee begann, wird ihre weitere Freundschaft beeinflussen.

Ein bischen Humor, liebe fürs Detail, gute Erzählkunst und viel Herz und Gefühl schaffen ein wunderbares Buch, das viel hintergründiger ist, als man vielleicht erwartet hätte. Lügen haben kurze Beine, und mit kurzen Beinen pilgert es sich etwas schwerer. So tut die Wahrheit manchmal noch mehr weh. Für die Frauen wird der Trip eine besondere Art der Selbsterkenntnis. Nach Einsturz des Lügenwalls, wird die eine Frau die große Liebe finden, eine andere vielleicht erkennen, dass es in ihrem Leben nie eine große Liebe gab. Herrlich geschrieben, liest sich das sehr flott ohne den tiefgreifenden Sinn zu verlieren. Volltreffer!

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 15.11.2010
Strahlend schöner Morgen
Frey, James

Strahlend schöner Morgen


ausgezeichnet

L.A., der Glamourtraum hochglanzmagzinverliebter Friseurbesucher entpuppt sich in diesem Roman als dunkler Moloch, der sich von zerstörten Träumen und Hoffnungen der Menschen ernährt, die in Strömen in die Stadt wandern, um dort ihr Glück zu finden .In vielen kleinen Lebensgeschichten wird die Jagd nach dem Glück beschrieben, die fast ausnahmslos in Verzweiflung und Niederlage endet. Und selbst die Protagonisten, die erfolgreich zu sein scheinen, müssen erkennen, dass LA seinen Tribut fordert.

Der Autor erzählt in seinem Buch vom Leben in einer Stadt, die wir als Traum aus Sonne und schönen Menschen kennen. Doch hinter der Fassade scheint LA ein Schlund zu sein, der kein Entrinnen kennt und angefüllt ist mit tausenden verlorener Seelen. Wer zur Depression neigt, sollte das Buch besser nicht lesen. Bis auf wenige Seiten mit lustigen Tatsachen über LA, wird wenig geboten, was zum Lachen anregt. Tod, Gier, Hass, verzweifelte Liebe, Sinnlosigkeit..einige der wenig reizvollen Seiten einer Millionenstadt, die keinen Halt kennt. Das Buch fesselt, erschreckt, läßt einen hoffen mit den Darstellern, von denen eine Handvoll bis zum Ende des Buches verfolgt werden. Und immer wieder erstickt der Autor die Hoffnung mit seiner nüchternen Darstellung geplatzter Träume. Manchmal wünscht man sich, der Autor hätte etwas mehr Mitleid mit den Figuren und den Lesern bewiesen und würde ab und zu die Illusion aufrecht erhalten, der American dream könnte in LA wahr werden. Doch erbarmungslos zerbricht der Autor die Hoffnungen, reiht Schicksal an Schicksal aneinander und läßt eine düstere Vision einer Megacity zurück.

Schön ist der falsche Ausdruck für dieses Buch. Der kühlen Erzählweise folgend, verschlingt der Leser Seite um Seite und bangt mit den gefallenen Helden der Stadt. Ein wahrlich meisterhafter Roman, der in seiner Konsequenz an so manchen Episodenfilm amerikansicher Machart erinnert, die aufräumen mit der verklärten Sicht auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Habgier und Sucht regieren in LA, fordern Opfer, gehen über Leichen. In einer Stadt voll Millionen getriebener Menschen ist kein Platz für märchenhafte Träume. Das Buch ist eine Kollage der Trauer, des Verlustes und trotzdem immer wieder der Hoffnung auf den einen Glückstreffer. Und genauso blättert der Leser Seite um Seite um, wartet auf die eine Geschichte, die der Erfüllung eines Traumes nahekommt: Glück, Reichtum, Liebe. Doch gnadenlos zerbricht der Autor diese Hoffnungen und baut sie sofort wieder auf, um sie wieder einzureißen.

Kein leichtes Buch, kein fröhliches Buch...aber ein bemerkenswertes Buch.

Bewertung vom 15.11.2010
Eisiges Blut
Masello, Robert

Eisiges Blut


schlecht

Es gibt Bücher, die werden mit einer geradezu unanständigen Wollust verschlungen. Kaum hat man das Buch aufgeschlagen, sind auch schon die ersten hundert Seiten durch und der Leser fiebert nach mehr, kann sich nicht losreißen.

Und dann gibt es Bücher, da blickt man immer wieder verstohlen auf die Seitenzahl oder die verbleibende Dicke des noch zu lesenden Werkes, um sich dann wieder seufzend an die zähe Kost zu wagen. Das zu besprechende Buch gehört zu letzteren.

Eine Mischung aus Wissenschaftsroman, gruseliger Vampirgeschichte mit historischem Hintergrund, Liebesromanze...all das wollte der Autor vereinen, vielleicht um möglichst viele Leser zu erreichen. Oder vielleicht wollte er auch nur zeigen, was für ein brillianter, perfekt recherchierender Schriftsteller er ist. Doch man fühlt sich sehr schnell an weit bessere Vorbilder erinnert. Filme wie "Das Ding aus einer anderen Welt", Anne Rice und ihre Vampirromane, natürlich Crichton und Co. und einer Prise "Krieg und Frieden". Das klingt zunächst vielversprechend und spannend, eine ähnliche Geschichte hätte ein Crichton zu Lebzeiten vermutlich in einen schlafraubenden Thriller verwandelt. Im vorliegenden Fall gelang dies nicht. Die Geschichte zieht sich in über 630 Seiten wie ein zähes Band dahin, springt ständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her, ohne wirklich zu fesseln. Ohne Frage sind die Details gut recherchiert. Man erfährt nebenbei, wie ein Hundeschlitten dirigiert wird, oder einen Tauchanzug anlegt und Berge mit Seilen erklimmt. Schön, aber nicht notwendig für die Story. Es füllt die Seiten, mehr aber auch nicht. Alles wirkt aufgesetzt und erhöht nicht wirklich den Spannungsbogen. Ein wenig Spannung entsteht erst nach ca 300 Seiten, wenn

endlich die Vampire das Licht der Neuzeit erblicken. Doch selbst dann wirken die sogenannten Spannungsmomente eher blutleer. Ein Vampir taucht aus einem Eisloch auf und packt einen Wissenschaftler. Wieso kommt der Vampir aus dem Wasser, war er doch zuvor bequem an Land? Ein Horror/Gruselroman muss ja nicht glaubwürdig sein, aber auf keinen Fall einschläfernd. Des weiteren diese hochwichtigen Zeitangaben. 20.Juni 1854, 18:00 Uhr steht zu Beginn eines Kapitels. Aha. Die Angabe der Uhrzeit soll wohl den wissenschaftlichen Charakter unterstreichen, mehr aber auch nicht. Bei den Szenen im Polareis würde das vielleicht noch Sinn machen, aber gerade der Verlust des Zeitgefühls macht das Leben dort doch so unheimlich. Zeitangaben: absolut unnötig. Aber auch das rundet das Bild dieses pseudowissenschaftlichen Vampirromans ab, der einfach zu lange ist und aus zu vielen Versatzstücken besteht. Das Buch hat viele Vorbilder, allesamt sind unterhaltsamer. Die Leseprobe hatte mich nicht überzeugt, der Roman, durch den ich mich trotzdem tapfer gekämpft habe, noch weniger. Die Darsteller wirken zu blaß, die wissenschaftliche Sensation, dass zwei Vampire plötzlich im Polareis auftauchen und auftauen, scheint sogar die Wissenschaftler nur am Rande zu erstaunen. Man stelle sich das vor: eine Forschungstation im Nichts und plötzlich erscheinen zwei Wesen, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Welche Panik würde das erzeugen? Purer Schrecken und Verstörung? Doch allzu gelassen gehen die Menschen in dem Buch damit um, zu wissenschaftlich also.

Es hätte ein toller Reißer werden können, spannend und fesselnd. Chance vertan, schade. Zu viel Beiwerk, zu langatmig. Auch wenn die letzten hundert Seiten etwas auftauen, selbst das vorhersehbare Ende lassen einen das Buch enttäuscht weglegen. Kein Biss, dieser Vampirroman.

1 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 15.11.2010
Verräter wie wir
Le Carré, John

Verräter wie wir


sehr gut

Verräter wie wir, der neue Spionagethriller von Le Carre erzählt die Geschichte eines Paares, das eigentlich nur einen Tennisurlaub genießen wollte. Doch der russische Tennispartner, dem Perry, Lehrer, zugeteilt wird, entpuppt sich als schwergewichtiger Mann, der sogar Leibwächter und seine skurrile Familie mit auf den Court nimmt. Szenenwechsel: das Paar, Perry und Gail, werden vom britischen Geheimdienst vernommen. Der Russe, Dima, ist der Geldwäscher schlechthin, verwickelt in Geschäfte der russischen Mafia, die mit britischen Banken und Parlamentariern zusammenarbeiten.

Langsam erfährt der Leser, dass Perry und Gail zu Amateurspionen erkoren wurden, die Dima bei seinem Vorhaben, dem britischen Geheimdienst die komplizierten Verknüpfungen des schmutzigen Geldes zu verraten, helfen sollen. Die Geschichte wird in Rückblenden zum Inselurlaub, dem Verhör und dem Anwerben des Paares erzählt.

Noch komplizierter wird die Entwicklung durch Dimas Familie, eine geistig angeschlagene Frau, verwöhnte Zwillinge und eine schwangere, bildschöne Tochter. Ein guter Freund Dimas, Micha, wurde in Russland mit seiner Frau zusammen brutal ermordet. Nur die beiden Töchter leben noch und erwecken bei Gail tiefstes Mitleid. Aus diesem Mitleid heraus erwächst der Wunsch, dem Geheimdienst zu helfen. Die Hauptfiguren hierbei sind Hector, ein grimmiger Kämpfer für sein Vaterland, der in ein Wespennest sticht, als er einen korrupten Politiker zum Ziel wählt. Im zur Seite steht Luke, ein schon abgeschriebener Agent, der mit dem Fall Dima noch einmal ins Rampenlicht gerät.

Es beginnt ein unheiliges Katz-und Mausspiel. Gail und Perry sollen als Lockvögel dafür sorgen, dass Dima mit dem britischen Geheimdienst zusammenarbeitet und über Paris und Bern nach London gelangt. Als Gegenleistung verlangt Dima Schutz für seine Familie. Doch die Arme der Mafia reichen weit und langsam zieht sich die Schlinge um die Abtrünnigen enger zusammen. Doch Le Carre zeichnet ein schier hoffnungsloses Bild...



Spannend, aber sehr kompliziert. Schonungslos deckt Le Carre die Zusammenhänge der internationalen Schwarzgeldwäsche auf, prangert Regierungen und Banken an. Le Carre schreibt konzentriert, und diese Konzentration verlangt er von seinen Lesern. Manche Zeilen muss man schon zweimal lesen, um die ganzen Zusammenhänge zu verstehen. Oftmals kapituliert der oberflächliche Leser aber auch, wenn Le Carre das Netz der Korruption und Bestechung spinnt. Dabei jongliert Le Carre meisterhaft mit den Personen, entwirft wie immer feine Satzkonstruktionen. Für Fans von le Carre ein neues Meisterwerk. Neulinge werden sich wohl etwas schwer tun.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 14.11.2010
Mittwinternacht / Ein Merrily-Watkins-Mystery Bd.2
Rickman, Phil

Mittwinternacht / Ein Merrily-Watkins-Mystery Bd.2


schlecht

Ich sehe schon die Verfilmung als typisch britische Krimiserie vor mir. Die hübsche, alleinerziehende Pfarrerin, die gegen ihre unterdrückte Sexualität und den einen oder anderen aufdringlichen Verehrer kämpft. Nebenbei löst sie dann noch Kriminalfälle im Stile eines Bullen von Tölz. Sehr spannend...haha. Leider ist diese recht interessante Ausgangssituation nicht ausgenutzt worden. Die ersten Seiten lassen vermuten, dass sich der Roman zu einem Gruselroman mit Geistern, Teufelsaustreibungen und richtig spannenden Szenen entwickelt. Doch man hat ja immer im Hinterkopf, dass es sich laut Buchcover um einen Kriminalroman handelt. Dann wird lange erzählt, man erfährt etwas über das komplizierte Verhältnis der Geistlichen zu ihrer pupertierenden Tochter, bekommt hinweise auf mysteriöse Geistererscheinungen, einen undurchschaubaren Exorzisten, einen machtgierigen Bischof und diverse andere Personen. Doch alles wirkt oberflächlich, man wird einfach nicht warm mit den Personen. Das Ganze ist durchaus stilsicher geschrieben. Aber wo bleibt die Spannung? Wo der durchgehende Faden? Plötzlich taucht eine Leiche auf. Hier fehlt die Darstellung des Verbrechens, oder eine weitere Erläuterung. Das wirkt wie so manches einfach eingeworfen, ohne Gefühlsregung nimmt das der Leser auf und kämpft sich weiter durch die Kapitel. Natürlich wird dies am Ende alles erklärt. Doch auch dann fehlt etwas. Die Erklärung, das ein paar böse Pseudosatanisten die englische Kirche zerstören wollen wirkt aufgesetzt. Alle Schandtaten werden zwar schlüssig begründet, aber der Leser möchte doch bei einem Krimi mitraten. Eine dermaßen aufgesetzte Lösung ist weder spannend, noch irgendwie logisch, da auch ein Dutzend andere Lösungstränge möglich wären. Der Roman erzeugt keine wirklichen Spannungsmomente. Weder die merkwürdigen parapsychologischen Vorkommnisse, noch die Morde sind überzeugend strukturiert. Alles eingeworfene Abschnitte, ohne Spannungsaufbau. Enttäuschend. Wie dieses Buch zu einem Bestseller werden konnte, weiß ich nicht.

Langatmig, unlogisch, nicht spannend. Das Gesamturteil fällt nicht positiv aus. Der Autor hätte sich entscheiden müssen: Krimi mit sauberem Handlungsaufbau, Gruselroman mit richtigen Gänsehautmomenten oder einfach eine Familiengeschichte mit Pfarrersfrau. Doch es entstand nur ein Mischmasch der nicht überzeugt und nicht fesseln kann.

Kein Muss und vor allem kein Anreiz, den Nachfolger zu lesen.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 14.11.2010
Leopard / Harry Holes 8.Fall
Nesbø, Jo

Leopard / Harry Holes 8.Fall


ausgezeichnet

Wie eine Lawine rollt die Spannung auf einen zu. Ein brutaler Mord als Opener, konkurriende Ermittler, eine schöne Polizistin und jede Menge persönlicher Dämonen, wie Alkohol und Spielsucht, machen es dem Held des Buches schwer. Harry Hole, das klingt nach einem der Serienhelden aus den 50-60er des vorigen Jahrhunderts. Und genau so kauzig und ungeschliffen gibt er sich auch. Ein unbeugsamer Polizist mit unverheilten Wunden. Es bedarf der Überzeugungskraft einer hübschen Kollegin, um in aus dem Drogensumpf Hongkongs zurück nah Europa zu bringen, um einen Serienmörder zu jagen, der sich recht perfide Mordmethoden ausgedacht hat. Dann beginnt eine Jagd, die auf verschiedene Kontinente führt, verschieden Nebenschauplätze abdeckt und nebenbei noch die Rivalität verschiedener Behörden aufdeckt. Viel Stoff, ein langes Buch. Trotzdem gelingt es Nesbo, keine großen Längen entstehen zu lassen. Der Leser wird gefesselt, stellenweise etwas verwirrt. Aber das ist nun mal so, da nur der Autor weiß, vorauf das alles hinauslaufen soll. Das einzige Manko ist, das es mal wieder ein Serienroman ist. Sprich, der genannte Hole hat schon einen anderen Fall gelöst. Und auf diesen Fall wird meiner Meinung zu oft Bezug genommen. Erstleser von Nesbo haben es dann schwer, wenn sie den Vorgänger auch lesen wollen. Es wird ein wenig zu viel vom Schneemann-Fall verraten. Aber mit Serien verdient man eben gutes Geld.

Das ändert aber nichts an der durchweg gelungenen Spannungsfahrt, die einen mitreißt und bis zum Ende durchhalten läßt. Guter Thriller, und wir werden noch viel von Harry Hole zu lesen bekommen...

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 14.11.2010
Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen
Helgason, Hallgrímur

Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen


ausgezeichnet

Lakonischer Humor gepaart mit einer blutigen Gangsterbalade, man fühlt sich in einen Tarantino-Movie versetzt. Ein Mafiakiller aus dem Balkan muss nach 66 Morden aus den USA fliehen. Unfreiwilliger Fluchthelfer ist ein Prediger, der als Nummer 67 in die Geschichte eingeht. Statt nach Zagreb verschlägt es den Killer nach Island. Dort gelingt es ihm nur kurz, seine aberwitzige Tarnung aufrecht zu erhalten. Zwischen Sexfantasien, Reflektionen des Balkankrieges und den Versuchen, den Killer zum Gläubigen zu wandeln entsteht eine herrlich schräge, rabenschwarze Killer-Komödie, die es aber auch schafft, trotz des trockenen Humors die Erinnerungen an den Krieg glaubhaft und traurig erscheinen zu lassen. Ein äußerst gelungenes Buch. Teilweise musste ich prustend das Buch beiseite legen, weil der Autor knappe, brüllend-komische Sätze einfließen läßt, in denen er sich hauptsächlich über das schockgefrostete Leben in Island lustig macht.

Natürlich verliebt sich unser Held, was das Ganze nicht einfacher macht. Ein witziges Buch, das viel zu schnell gelesen ist, aber auch ein Buch, dass das Zeugs zum Kultroman hat. Ich würde sogar sechs Sterne vergeben, weil ich auf diese Art von Geschichte stehe. Flott, witzig, toxic!

Bewertung vom 14.11.2010
Die Magier von Montparnasse
Plaschka, Oliver

Die Magier von Montparnasse


weniger gut

Ein mißglücktes Zauberkunststück führt dazu, dass eine Assistentin in Tiefschlaf (ähnliches droht dem Leser) verfällt und die Zeit stehen bleibt (auch diesen Eindruck hat man durch das zähe Lesevergnügen). Um das Rätsel zu lösen treffen sich dann verschiedene Charaktere in einem Pariser Gasthaus: Der Magier und seine unglückseelige Assistentin, eine Abordnung merkwürdiger Menschen (die sich als Engel, Gnome, Hexen etc. entpuppen), ein ahnungsloser Jüngling und natürlich die Besitzer und Angestellten des Gasthauses. Nach und nach erzählt jeder der Personen einen Teil der Geschichte und der Leser muss sehr konzentriert bei der Sache bleiben, da sonst das Ganze sehr schnell verwirrt. Zu viel wird nur angedeutet und es fällt zunehmend schwerer, den Gedankengängen des Autors zu folgen. Das läßt sich vielleicht durch das Genre Fantasie entschuldigen, macht aber dem Leser nicht wirklich Freude. Es fehlt einfach etwas Logik, um der Geschichte glaubhaft folgen zu können. Der Schreibstil ist wunderbar, die Sätze sehr malerisch herausgearbeitet. Doch mir persönlich ist das Ganze zu abstrakt. Schade, das Buch ist leider auch nur ein mißglücktes Zauberkunststück, aber darauf kommt es ja beim Zaubern an: Illusion. Doch der Zuschauer muss zumindest die Möglichkeit haben, sich das Kunststück erklären zu können. Nach dem Buch bleibt allerdings nur viel Verwirrung übrig.

0 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 14.11.2010
Hüftkreisen mit Nancy
Schwarz, Stefan

Hüftkreisen mit Nancy


sehr gut

Ein Mann am Scheideweg. Beruflich in der Sackgasse, sexuell eher unbefriedigt, Midlife-Crisis in Perfektion.

Was sich zu Beginn eher wie durchschnittliche Unterhaltungsliteratur liest, entpuppt sich immer mehr als intelligente Sinnsuche eines Mannes Anfang 40. Wo führt sein Leben noch hin? Was sind seine Ziele, wo der Sinn? Beruflich im Aus, ehe-technisch am Ende flüchtet Max in ein Fitnesstudio, trifft dort Nancy, Angestellte in der Muckibude, Hobbytänzerin und Ein-Frau-Ratgeberin für krisengeschüttelte Ehemänner. Mit gezielten Hüftkreisübungen und sinnigen Lebensweisheiten krempelt sie Max um und verändert sein Leben.

Das Ganze ist sehr witzig geschrieben, sprüht vor literarischen Bonmots und geht doch tiefer, als man beim lockeren Überfliegen meinen könnte. Oft findet man(n) sich wieder in der Erzählung, grinst leise in sich hinein und fragt sich, ob nicht ein wenig Max in uns allen steckt. Flotte Unterhaltung mit Hintersinn, teilweise natürlich sprachlich etwas überspitzt, aber Max ist ein Liebhaber der Worte und man sieht es ihm nach, dass er teilweise etwas überheblich wirkt.

Herrlich entspannend das Ganze und auch für Frauen ein kleiner Ratgeber in Sachen "Wie verstehe ich meinen Mann".

2 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 14.11.2010
Die Schuld des Tages an die Nacht
Khadra, Yasmina

Die Schuld des Tages an die Nacht


ausgezeichnet

Wahrlich ein Epos. Younas erzählt seine Lebensgeschichte. Vom armen Jungen, der mit seiner Familie vor der Armut in die Stadt flüchtet. Dort hat die Armut aber nur andere Gesichter und Dimensionen. Zunächst vom Stolz geleitet, verhindert der Vater, dass der Sohn bei dessen Onkel aufwächst. Als immer mehr Träume des Vaters zerplatzen, gibt er seinen Sohn letztlich in die Hände seines Bruders. Dort wird aus Younas Jonas, ein Kind, das eine gute Erziehung und Ausbildung erhält, auf der sonnigen Seite des Lebens in Algerien aufwächst. Seine Familie und seine alte Heimat entschwindet ihm zusehends. Er findet Freunde, wächst auf, verliebt sich unglücklich und wird wie sein Onkel Apotheker. Doch er wird nicht glücklich. Aus falschem Ehrgefühl heraus verliert er seine große Liebe, wird einsam und findet nie zu sich selbst. Geplagt von Selbstzweifeln erlebt er das gespaltene Algerien mit, dass ebenso wie Younas sich selbst sucht. Die Unabhängigkeitsbewegung in Algerien versetzt Younas neue Schicksalsschläge...

Der Leser spürt die Vrzweiflung und Verbitterung des Younas, leidet mit, wenn seine große Liebe einen Anderen heiratet. Gefangen in den Zwängen seiner Kultur und den Versuchungen der neuen Welt fühlt sich Younas sein ganzes Leben als Außenseiter. Er kann und will nicht Stellung beziehen, entscheidet sich dazu, sich nicht zu entscheiden.

Vergleichbar mit dem Drachenläufer ist ein großes Buch gelungen, dass sowohl die persönlichen Dramen im Leben eines Mannes als auch die Verwirrungen eines zerrissenen Landes hervorragend beschreibt. Das Buch fesselt, läßt mitleiden und man möchte sich die Haare raufen, wenn Younas zögert, sein Leben nicht selbst in die Hand nimmt. Ein wunderbares Buch, mit Tiefe und Wärme geschrieben, wie es nur jemand kann, der in diesem Land aufgewachsen ist.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

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