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Benutzername: Andie
Wohnort: Sauerland
Über mich: Gibt es eigentlich einen Fachbegriff für Bücher-Kaufsucht?
Danksagungen: 4 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 11 Bewertungen
12
Bewertung vom 22.08.2009
Man tut, was man kann
Rath, Hans

Man tut, was man kann


sehr gut

Paul, im Beruf erfolgreich, im Privatleben eher nicht, findet unfreiwillig Mitbewohner für seine Luxus-Wohnung: Schamski, Kollege und Freund, der von seiner Frau und seiner Geliebten gleichzeitig ein Ultimatum gestellt bekommt, Günther, der auf der Suche nach der Frau fürs Leben ist und dabei recht aberwitzige Strategien anwendet und Bronko, Chauffeur und erfolgloser Künstler. Natürlich sind mindestens ebensoviele Frauen im Spiel - Frauen für eine Nacht sowie Frauen fürs Leben - und auch beruflich schläft die Konkurrenz nicht.

Das Buch bietet zwar keinerlei Antworten auf die beruflichen oder privaten Fragen in Pauls Leben (die bleiben am Ende offen), aber immerhin einige sehr unterhaltsame Lesestunden. Die Handlung und die Charaktere sind nicht immer völlig realistisch, aber gerade die Überzeichnungen, skurillen Figuren und aberwitzigen Wendungen tragen zum Reiz des Buches bei und machen den Lesespaß aus. Dass der Protagonist alkoholisiert und später ohne Führerschein Auto fährt und gerne mal völlig belanglosen Sex hat, ist moralisch zwar nicht ganz einwandfrei, aber schließlich handelt es sich ja um einen Roman mit rein erfundenen Personen und nicht um einen Ratgeber zur Lebensführung. Insgesamt jedoch ist Paul ein sehr sympathischer Charakter mit Witz und Charme, und auch die zahlreichen Nebendarsteller, die vom Computer-Nerd bis hin zur altjüngferlichen Sekretärin so einige Klischees bedienen, sind sehr treffend und humorvoll dargestellt. Auch die lockere, flüssig zu lesende Sprache trägt zu dieser leichten, augenzwinkernden Atmosphäre bei und passt hervorragend zu Personen und Handlung. Die Handlung wird mit zunehmendem Verlauf immer aberwitziger und bietet reichlich Situationskomik - bei verschiedenen Szenen habe ich beim Lesen laut losgelacht.

Lediglich das Ende fand ich etwas unbefriedigend. Ein weiterer Kritikpunkt, der allerdings wohl kaum dem Autor anzulasten ist, ist der Preis: EUR 14,90 finde ich nicht gerechtfertigt; mich würde dieser Betrag definitiv vom Kauf einer reinen Unterhaltungslektüre mit gerade mal 250 Seiten abschrecken.

Fazit: ein Buch, das ich in einem Rutsch mit vielen Schmunzlern und einigen lauten Lachern durchgelesen habe. Es ist zwar keine "große Literatur" mit sehr viel Tiefgang, aber für vergnügliche Lesestunden an einem sonnigen Nachmittag ist es absolut perfekt.

1 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 22.08.2009
Die Fehde der Königinnen
Maaser, Eva

Die Fehde der Königinnen


sehr gut

Im Jahr 566 wird die westgotische Königstochter Brunichild aus rein politischen Erwägungen heraus mit dem Frankenkönig Sigibert verheiratet. Unmittelbar vor ihrer Abreise trifft sie zum ersten Mal auf Wittiges, der als völlig mittelloser 2. Sohn an den Hof ihres Vaters gekommen war. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder, während Brunichild zur angesehenen Königin heranreift und Wittiges im Laufe der Jahre vom Stallmeister zum Gutsherrn und Vertrauten des Königs aufsteigt und auch in die Bruderkriege zwischen den fränkischen Königen verwickelt wird.

Die Geschichte ist sehr spannend geschrieben und offensichtlich auch gut recherchiert - da ich mit diesem Zeitraum nicht so vertraut bin, bin ich allerdings nicht sicher, ob Daten und Personen so korrekt sind. Ein Personenverzeichnis und Landkarten wären für geschichtlich so ahnungslose Leser wie mich sicherlich hilfreich gewesen. Das Leben bei Hof und auch das Leben der Landbevölkerung sind auf jeden Fall sehr anschaulich und lebendig beschrieben; die Haupt- und Nebencharaktere sind interessant und sympathisch dargestellt, haben aber durchaus auch ihre Ecken und Kanten. Durch den Nebenstrang um Alexander und Aletha, der sich mit anderen Strängen und Entwicklungen abwechselt, wird die Handlung nie langweilig oder einseitig, sondern bleibt das ganze Buch über spannend. Ich kann zwar nicht beurteilen, inwieweit Sitten und Gebräuche des frühen Mittelalters korrekt wiedergegeben wurden; es ist der Autorin aber auf jeden Fall gelungen, eine Zeit lebendig werden zu lassen, die im Genre des historischen Romans sonst kaum Beachtung findet.

Zum Ende des Buches hin gibt es allerdings einen regelrechten Bruch in diesem ausführlichen, atmosphärisch dichten Erzählstil, als ein Zeitraum von ca. 10 Jahren sehr kurz und knapp, wie im Zeitraffer, geschildert wird. Aus diesem Zeitraum hätte man gut und gerne einen zweiten Band machen können, der sicherlich viele Leser/-innen gefunden hätte. Zu diesem zweiten Band hätten dann vielleicht auch der Buchtitel "Die Fehde der Königinnen" und der entsprechende Klappentext gepasst, die offensichtlich von jemandem verfasst wurden, der/die das Buch überhaupt nicht gelesen hat. Es ist schade, wenn das Lesevergnügen dadurch getrübt wird, dass Buchtitel und Klappentext völlig falsche Erwartungen wecken - damit tut man dem Buch und der Autorin wirklich keinen Gefallen.

Insgesamt ist es jedoch ein Buch, das ich mit großem Vergnügen gelesen habe: eine spannende und unterhaltsame Geschichte in mittelalterlicher Atmosphäre, sympathische Hauptpersonen mit glaubhafter Entwicklung, ein flüssig zu lesender, lebendiger Schreibstil. Als Urlaubslektüre absolut lesens- und empfehlenswert!

0 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 05.06.2009
Die Hütte
Young, William P.

Die Hütte


sehr gut

Nach dem Verschwinden seiner 10-jährigen Tochter fallen Mack und seine Familie in eine "große Traurigkeit", aus der ihn Monate später eine Einladung reißt - eine Einladung von Gott, ausgerechnet in die Hütte, in der das blutgetränkte Kleid der Tochter gefunden wurde. Mack wird hier mit einer Dreifaltigkeit konfrontiert, die rein gar nichts mit dem allgemein gültigen Bild von Gott, Jesus und Heiligem Geist zu tun hat. Lediglich Jesus, der als fröhlicher, gut gelaunter Handwerker auftritt, entspricht der allgemeinen Vorstellung; der Heilige Geist als etwas verschwommen wirkende Asiatin und Gott als dicke, schwarze Frau, die Papa genannt werden möchte, weichen dagegen völlig vom üblichen Gottesbild ab. In den tiefsinnigen Gesprächen zwischen Mack und Gott geht es um grundlegenden philosophischen bzw. religiösen Themen wie Liebe, Vergebung, Glauben und viele mehr - dabei werden die konventionellen Dogmen und Regeln von Gesellschaft und Kirche sogar als Hindernis zum wahren Glauben und zu wirklicher Liebe gesehen.

Der erste Teil des Buches, bis zu Missys Verschwinden, las sich wie ein Thriller, den man kaum aus der Hand legen konnte. Im mittleren Teil ging es bei mir nicht mehr ganz so schnell voran, einerseits, weil sich bestimmte Themen wiederholten und andererseits, weil soviel an Fragen und Antworten geboten wurde, dass ich manchmal einfach eine Verschnaufpause zum "Verdauen" brauchte.

Trotz der komplexen Themen lässt sich das Buch jedoch sehr flüssig und gut lesen; einige Beschreibungen (z.B. der Garten) sind sprachlich wirklich gelungen und es gibt auch diverse Stellen zum Schmunzeln. Vor allem Macks Gefühle wurden sehr eindringlich dargestellt - die Trauer und Wut beim Verschwinden seiner kleinen Tochter sind so einfühlsam geschrieben, dass man wirklich mitleidet. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass das Buch in schwereren Zeiten, etwa wenn man selbst gerade einen ähnlichen Verlust erlebt, eine sehr tröstliche Wirkung hat.

Teilweise merkt man dem Buch an, dass der Autor es ursprünglich als Gutenachtgeschichte für seine Kinder geschrieben hat. Zum einen ist die Liebe zu den eigenen Kindern und zur Familie sehr deutlich zu spüren und sie ist neben dem Glauben schließlich auch eines der großen Themen des Buches; zum anderen hätte ich mir manchmal aber auch mehr Tiefgang gewünscht. Trotzdem bietet das Buch sehr viele Denkanstöße und Ausgangspunkte für eine kritischere Auseinandersetzung mit den angesprochenen Fragen. Zum Glauben bekehren wird es wohl niemanden und ich gehe auch nicht davon aus, dass es in Deutschland auch nur annähernd so erfolgreich sein wird wie in den teilweise wesentlich religiöseren USA - wenn man das Buch einfach als typisches "Bible-Belt"-Produkt abtäte, würde man ihm aber nicht gerecht. Mir hat es neben spannenden Lesestunden, einigen Schmunzlern und sehr anrührenden Szenen auch viele Denkanstöße beschert und mich dazu gebracht, mich wieder mit dem Thema Glauben auseinanderzusetzen. Ein Buch, das einen zum Schmunzeln, Weinen und Nachdenken bringt, kann wirklich kein schlechtes Buch sein, sondern eher eines, das man ruhig alle paar Jahre wieder zur Hand nehmen kann/sollte....

7 von 9 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 05.06.2009
Kaltduscher
Sachau, Matthias

Kaltduscher


ausgezeichnet

5 männliche Mittzwanziger vom Typ "Ewiger Student" hausen gemeinsam in einer Berliner Altbauwohnung und ziehen dabei das volle Klischee-Pflichtprogramm durch: eine chaotische Küche, Dauerpartys rund um die Profi-Zapfanlage, Fußball, ein sich schnell drehendes Liebeskarussel, ein luxussanierender Vermieter, der mit den abenteuerlichsten Mitteln versucht, die hartnäckige WG zum Auszug zu bewegen, wöchentliche Proben der WG-Band, studentische Hilfsjobs, das Problem, das richtige Geburtstagsgeschenk für den Vater zu finden, die Frage, was man(n) denn mal werden will, wenn man(n) groß ist... Neben dem Pflichtprogramm treten als Kür noch russische Schlägertrupps, Stasi-Opas, ein nicht nachlassender Strom von Traumfrauen, wildgewordene Türklingeln, ein aus dem Versuchslabor geretteter Hund und zahlreiche andere Nebendarsteller und Nebenhandlungsstränge auf. Das alles wird aus der Perspektive von Krach erzählt, der noch sehr mit der Frage beschäftigt ist, was er denn mal werden möchte - und mit wem...

Eigentlich hatte ich vor dem Lesen einige Vorbehalte. Da das das Leben der Hauptperson mit meinem eigenen Leben rein gar keine Gemeinsamkeiten hat, war ich nicht sicher, ob die Geschichte mich wirklich über ein ganzes Buch hinweg fesseln kann. Andererseits lese ich ganz gerne Bücher über fremde Kulturen - warum nicht auch mal eines über Männer-WGs? Ich hatte auch einige Zweifel, ob man die Pointendichte im ersten Kapitel tatsächlich über ein ganzes Buch hinweg aufrecht erhalten kann oder ob die Geschichte nach einem anfänglichen Feuerwerk nicht völlig abflacht - diese Befürchtung war unbegründet. Es tauchen ständig andere, interessante Nebencharaktere auf und tragen ihren Teil zum Chaos bei, die sympathischen Hauptdarsteller geraten in immer neue, aberwitzige Situationen - das alles ist zwar leicht überzogen, aber trotzdem so lebensecht dargestellt, dass auch die skurrilsten Situationen noch realitätsnah und realistisch rüberkommen. Die Pointen - ob nun überspitzte Beschreibungen, Situationskomik ("Chef, da wohnt noch Leut!" hat das Zeug zum Kultzitat) oder skurrile, unerwartete Wendungen ("Brutus?") - sind gleichbleibend gut und dicht gesetzt, so dass auch für Nicht-WG-Erfahrene nie Langeweile aufkommt und durch den flüssigen, lockeren Schreibstil macht das Lesen wirklich Spaß.

Sicherlich gibt es auch kleinere Kritikpunkte: Es gibt einige wenige Längen - den Hosenkauf etwa hätte man auch kürzer abhandeln können - und die Smileys irritieren beim Lesen zunächst (andererseits behält man dadurch in Dialogen mit mehreren Beteiligten eher den Überblick darüber, wer nun gerade was sagt). Wenn man ein Buch mit Tiefgang sucht, das zum Nachdenken und Philosophieren anregt, sollte man von diesem Exemplar besser die Finger lassen. Der einzige Denkanstoß bzw. Lerneffekt, den ich aus diesem Buch gezogen habe, war, dass 2 Toiletten im Haus - beide mit Fenstern! - etwas sind, wofür man täglich aufs Neue dankbar sein sollte.

Wenn man jedoch eine kurzweilige, lustige, mit viel Wortwitz geschriebene Lektüre sucht, ist man mit diesem Buch sehr gut bedient - ich habe mich bestens amüsiert.

2 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 05.06.2009
Mehr als du denkst
Prinz, Alois

Mehr als du denkst


gut

Alois Prinz legt in seinem Buch "Mehr als du denkst" im Vorwort zunächst seine These von der "zweiten Geburt" dar, nach der ein Mensch erst dann endgültig geboren ist, wenn er seine wahre Bestimmung entdeckt hat. Diese These untermauert er mit 10 chronologisch angeordneten Kurzbiografien, von Jesus von Nazareth zu Beginn unserer Zeitrechnung bis hin Dorothee Sölle in der heutigen Zeit, in denen er das Hauptaugenmerk auf die Wendepunkte im Leben der jeweiligen Personen richtete, die schließlich zur "zweiten Geburt" - ihrer religiösen Bestimmung - führten.

Bei einem Buchumfang von 200 Seiten für 10 Biografien kann man natürlich nicht allzuviel Tiefgang und Hintergrundinformationen erwarten. Der weitere Werdegang nach der "zweiten Geburt" kommt leider etwas kurz, dafür werden zu Beginn jeder Kurzbio wenigstens kurz die Lebensumstände der jeweiligen Zeit/Epoche geschildert, und zwar so, dass sich auch junge Leser ohne umfangreiches historisches Hintergrundwissen ein Bild davon machen können, wie das Leben zu dieser Zeit ungefähr aussah. Dieser Aspekt hat mir sehr gut gefallen. Weniger gut gefiel mir der fehlende Tiefgang und die anspruchslose Sprache, die sehr einfach und in kurzen Sätzen gehalten ist - richtiges Lesevergnügen kam dadurch bei mir leider nicht auf, und ich würde auch älteren Kindern bzw. Jugendlichen sprachlich durchausmehr zutrauen. Auch die Beweggründe für die Hinwendung zum Glauben/zur Religion werden eher nüchtern dargestellt, die Emotionen und Gefühle dahinter bleiben blass - für mich ist beim Lesen leider kein Funke übergesprungen. Zum gelegentlichen Blättern und Lesen einzelner Kurzbios und als Ausgangspunkt für eine tiefergehende Lektüre eignet sich das Buch sehr gut und es vermittelt einige wissenswerte Fakten, die mir vorher unbekannt waren.

Fazit: Als persönliche Lektüre würde ich mir dieses Buch wohl nicht kaufen; als Geschenk für Jugendliche (z.B. zur Firmung/Konfirmation), die sich für den Themenbereich Glauben/Religion interessieren, finde ich es optimal, da es einen guten Überblick über verschiedene Persönlichkeiten und die Zeit, in der sie gelebt haben, gibt.

Bewertung vom 05.06.2009
Dem Tode nah
Barclay, Linwood

Dem Tode nah


sehr gut

Als sein Freund und Nachbar Adam in Urlaub fährt, möchte Derek das Haus eine Woche lang als Liebesnest nutzen und lässt sich einschließen. Anstatt seiner Freundin kommt jedoch Adam mit seiner Familie überraschend zurück und Derek muss kurz darauf vom Keller aus miterleben, wie die gesamte Familie erschossen wird. Sein Vater Jim ahnt zunächst nicht, wie sein Sohn und auch seine Frau in diesem Mordfall verwickelt sind. Im Verlauf des Buchs zeigt sich jedoch, dass beinahe jeder - vom 17-jährigen Derek und seiner Mutter über den Bestsellerautor/Uni-Präsidenten bis hin zum Bürgermeister - "eine Leiche im Keller" hat, auch wenn es meistens nur die sprichwörtliche ist.

Man ahnt zwar recht früh, wer denn wohl hinter den Morden stecken könnte und was das Motiv ist, der Autor wartet aber ständig mit neuen Verwicklungen und dunklen Geheimnissen auf, die den Verdacht auch auf andere lenken, so dass das Mitraten wirklich spannend bleibt. Irgendwie ist jeder in die Mordfälle verwickelt und jeder hätte entsprechende Motive. Wie sich diese ganzen Geheimnisse und bedrohlichen Situationen schließlich auflösen, ist zwar manchmal etwas dick aufgetragen, aber das Buch ist insgesamt so spannend, dass man kleine Unglaubwürdigkeiten gerne verzeiht.

Im Laufe dieser ganzen Handlungsstränge bekommen ganz im Vorbeigehen das amerikanische Kleinstadtleben, der Universitäts- und Literaturbetrieb und die Politik den einen oder anderen Seitenhieb ab. Das artet natürlich nicht in eine tiefgehende Gesellschaftskritik aus - schließlich handelt es sich ja auch um einen Thriller - und auch die Protagonisten haben keine besondere Tiefe. Lediglich über die Gedankenwelt von Jim, Dereks Vater, erfährt man einiges, da der Großteil des Buches aus seiner Perspektive geschrieben ist.

Im ersten Teil wird aus Dereks Perspektive berichtet, mit der entsprechenden unverblümten Sprache eines pubertierenden 17-Jährigen. Insgesamt ist es zwar kein literarisches Meisterwerk, aber das Buch lässt sich sehr gut und flüssig lesen - für einen Thriller, der spannende Unterhaltung bieten soll. also genau richtig.

Fazitt: eine unterhaltsame und sehr spannende Lektüre, die man kaum aus der Hand legen kann.

0 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 05.06.2009
Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht
Hein, Jakob

Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht


sehr gut

Boris ist Inhaber einer "Agentur für verworfene Ideen", der Rebecca, einer wunderschönen Frau, die eines Tages unverhofft in seine Agentur kommt und die er am Weggehen hindern möchte, seinen verworfenen Romananfang über Sophia erzählt, die nach einem Sturz im Krankenhaus im Koma liegt und telepathisch Benjamin die Geschichte vom Maulwurf erzählt, einem Blinden, für den sie gearbeitet hat und der ihr dabei die Geschichte von Heiner diktiert, der nach dem Sinn des Lebens sucht und dabei einen Handel mit Wolf abschließt.

Diese Handlungsfäden führen von einer Geschichte in die nächste und am Ende des Buches wieder zurück. In den ineinander verschachtelten Erzählebenen werden zahlreiche Fragen angeschnitten, die mit der richtigen Zubereitung von Tee und dem zeitigen Einkauf von Weihnachtsbäumen beginnen und schließlich bei der Frage nach dem Sinn des Lebens enden. Eine spannende Handlung sucht man bei diesem Buch vergebens, es ist eher ein philosophischer Streifzug durch die verschiedenen Ebenen, der manchmal zu kurz geraten und dadurch letztendlich etwas unbefriedigend ist. Viele interessante Ideen werden im Vorbeigehen angeschnitten, aber nicht weiter ausgearbeitet; das geht leider auf Kosten der Substanz.

Die angesprochenen Ideen an sich und auch die Art, wie die einzelnen Erzählstränge ineinander verschaltelt sind, sind ausgesprochen originell und wurden intelligent umgesetzt. Auch sprachlich ist das Buch auf jeden Fall ein Genuss, mit Wortwitz und leiser Ironie geschrieben und flüssig zu lesen, ohne dabei anspruchslos zu sein. Die optische Aufmachung ist ebenfalls sehr ansprechend.

Fazit: Philosophie für zwischendurch - eine angenehme, unterhaltsame Lektüre; man wird aber das Gefühl nicht los, dass es zu viel mehr gereicht hätte....

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 12.09.2008
Der norwegische Gast
Holt, Anne

Der norwegische Gast


sehr gut

Hanne Wilhelmsen, querschnittsgelähmte Ex-Polizistin, und die anderen knapp 200 Fahrgäste eines vor einem norwegischen Bergdorf entgleisten Zuges können sich vor dem Schneesturm in einem Hotel in Sicherheit bringen. Die rätselhaften Mitreisenden aus dem mysteriösen Zusatzwaggon sorgen für Rätselraten unter den Eingeschlossenen, und bereits in der ersten Nacht geschieht ein Mord. Als das Hotel völlig von der Umwelt abgeschlossen wird und noch weitere Todesfälle geschehen, nimmt Hanne Wilhelmsen widerwillig die Ermittlungen auf. Dieser Kriminalroman hat alle Zutaten eines klassischen Krimi: mehrere Todesfälle, eine Gruppe Verdächtiger, die von der Umwelt abgeschlossen ist, eine "Spürnase", die sich ganz auf ihre Beobachtungs- und Kombinationsgabe verlassen muss - auch der große "Show-Down" mit allen Verdächtigen darf natürlich nicht fehlen. Diese Mischung wirkt jedoch in keinster Weise altbacken, was sowohl einigen modernen Zutaten (Misstrauen gegen alle, die anders sind, besonders gegen vermeintlich Islamisten; Terrorismusgefahr) und dem gelegentlich aufblitzenden trockenen Humor als auch der klaren, schnörkellosen Sprache zu verdanken ist. Einige norwegische Elemente wie z.B. die Einstellung gegenüber der königlichen Familie und das Duzen völlig fremder Personen (auch die Übersetzerin fand das offensichtlich sehr gewöhnungsbedürftig, so dass ihr ab und zu ein "Sie" herausgerutscht ist) sorgen für das nötige Lokalkolorit, zu dem auch die Wetterbeschreibungen beitragen. Während draußen der Schneesturm zunimmt, "taut" die anfangs sehr eigenbrödlerische Hanne Wilhelmsen im Handlungsverlauf zunehmend auf. Ihre selbstgewählte Isolation, unter der sie dann doch zu leiden scheint, ist überzeugend dargestellt und verleiht dem Buch zusätzlich zur klassischen Kriminalgeschichte eine weitere Ebene. Auch die Beschreibung der anderen Hauptpersonen wirkt nicht überzogen oder unglaubwürdig, obwohl es sich bei gelähmten Ex-Polizistinnen, kleinwüchsigen Ärzten, durchgebrannten Jugendlichen, Fernsehpfarrern usw. um alles andere als durchschnittliche Persönlichkeiten handelt. Der Rest der Reisenden (immerhin noch stolze 190 Menschen) jedoch seltsam farb- und profillos - keine Massenpanik und auch die zahlreichen Knochenbrüchen oder sonstigen Verletzungen scheinen niemanden sonderlich zu stören. Sehr passend fand ich die Idee, jedem Kapitel die Beschreibung der entsprechenden Windstärke voranzustellen, die mit steigender Kapitelzahl und steigender Spannung entsprechend zunimmt. Auch die Ausstattung des Buches ist mit der ansprechenden Farbgestaltung in Schwarz, Rot und Weiß wirklich gelungen und das Lesebändchen mit dem Schriftzug der Serie (Piper Nordiska) ist ein schönes Detail. Fazit: Ein klassischer Krimi in bester Tradition, gut geschrieben und spannend bis zum Schluss, eine eigenwillige Ermittlerin und ein überraschendes Ende - das war bestimmt nicht mein letztes Buch von Anne Holt.
Andie aus Sauerland

0 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 12.09.2008
Firmin
Savage, Sam

Firmin


ausgezeichnet

Die Ratte Firmin, als 13. und schwächster Nachkomme einer alkoholabhängigen Mutter im Keller einer Buchhandlung im Bostoner Stadtviertel Scollay Square geboren, verliert regelmäßig das Rennen um die 12 vorhandenen Zitzen und verschlingt deshalb Bücher - zuerst buchstäblich, dann im übertragenen Sinn.
Firmin liest sich durch die Weltliteratur und hat dabei mit anderen Ratten gar keine Berührungspunkte. Stattdessen schmachtet er im Kino in den erst nach Mitternacht gezeigten Filmen leicht- bis gar nicht bekleidete Damen an und liebt zwei Menschen, ohne jedoch auf Gegenliebe zu stoßen. Seine erste Liebe versucht sogar, ihm mit Rattengift den Garaus zu machen. Das Stadtviertel und somit auch das Leben dieser beiden Menschen verfallen im Laufe des Buches immer mehr, während Firmin sich eine Fantasiewelt erträumt, in der er sich etwa als Frank Sinatra sieht.
Spannung und temporeiche Handlungen findet man in diesem Buch nicht; sprachlich ist es dafür um so schöner, was die Gedankenwelt der philosophischen und manchmal poetischen Ratte, die manchmal sehr witzig, manchmal schon fast tragisch sind, wirklich lesenswert macht. Ein kleines Juwel, dessen Ausstattung mit dem sehr schönen Cover, farblich passendem Vorsatzblatt und Lesebändchen und vor allem dem Rough-Cut einen perfekten Rahmen bietet.
Andie aus Sauerland

Bewertung vom 12.09.2008
Der nützliche Freund / Ein Fall für Jacques Ricou Bd.3
Wickert, Ulrich

Der nützliche Freund / Ein Fall für Jacques Ricou Bd.3


weniger gut

Zum Inhalt: Der Pariser Untersuchungsrichter Jacques Ricou ermittelt im Mordfall Marc Leroc, der kurz davor stand, sein Wissen über die Leuna-Affäre, bei der auch hochrangige deutsche Politiker in Geldwäsche und Schmiergeldzahlunge verwickelt waren, als Buch zu veröffentlichen. Als Co-Autorin fungierte dabei Ricous Freundin Margaux, während im Hintergrund Schweizer Bankiers alles nur Erdenkliche unternehmen, diese Enthüllungen zu verhindern. Im Laufe der Ermittlungen gerät Ricou selbst in Gefahr, und seine Zusammenarbeit mit der Leipziger Staatsanwältin setzt sich auch auf privater Ebene fort....

Meine Meinung zum Buch: Sehr gewöhnungsbedürftig war der Schreibstil von Ulrich Wickert, den ich als sehr steif und hölzern empfunden habe, besonders in den Dialogen. Die zahlreich eingestreuten französischen "Brocken" haben dabei allerdings einen Hauch von französischer Luft durch das Buch wehen lassen, was mir persönlich gut gefallen hat. Ob es auch die französische Lebensart ist, dass die Protagonisten in Liebesdingen allesamt keine Kinder von Traurigkeit sind, vermag ich nicht zu beurteilen; ich fand allerdings, dass ihre Gefühlswelt im Gegensatz zu den sonst sehr detaillierten Beschreibungen eher vernachlässigt wurde, so dass die Charaktere etwas eindimensional blieben.

Wesentlich mehr Sorgfalt hat Ulrich Wickert da bei der Erklärung der wirtschaftlichen und politischen Hintergründe und der Vermittlung zahlreicher anderer Tatsachen walten lassen, von der Schmiergeld-Affäre selbst bis hin zur Problematik der Cervela-Wurst (allerdings muss ich zugeben, dass ich nach einiger Zeit bei der Erwähnung dieser Wurst eine leichte Gereiztheit verspürte), Beschreibungen von Antiquitäten bis hin zu kurz eingeworfenen aktuellen Tatsachen (etwa der kurzen Erwähnung von Jugendlichen, die im Bistro überlegen, ob sie Deutsch lernen sollten, um die Liedtexte von Tokio Hotel verstehen zu können). In einigen Jahren könnte das glatt als zeitgeschichtliches Dokument durchgehen. Eigentlich werden zu praktisch jedem Thema irgendwelche Fakten eingeworfen, so dass sich das Buch teilweise eher wie ein Sachbuch liest (Infotainment eben) und der eigentliche Mordfall etwas in den Hintergrund gedrängt wird. Die Hintergründe und Fakten sind gut beschrieben, äußerst informativ und zeugen von großem Sachverstand und gründlicher Recherche, machen den Spannungsbogen streckenweise aber zur Fieberkurve mit vielen kleinen Ausschlägen. Da Krimis sowieso nicht zu meinen Lieblings-Genres zählen, war dieses Buch für mich trotz des durchaus vorhandenen Interesses an Wirtschaft und Politik eine zähe Lektüre.
Andie aus Sauerland

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