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Benutzername: Lorelei3000
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Bewertungen

Insgesamt 24 Bewertungen
Bewertung vom 05.02.2015
Jeder Tag gehört dem Dieb
Cole, Teju

Jeder Tag gehört dem Dieb


gut

Travel stories in geschliffenem Plauderton - mehr Blog als Roman

Ich gebe diesem Buch gute drei Sterne, denn es „liest sich gut weg“ mit seinem geschliffenen Plauderton, den funkelnden kulturhistorischen Einsprengseln und der Erkenntnis, dass man sich erst auf Reisen und in der Begegnung mit dem Fremden, dem Anderen wirklich selbst begreift. Nicht ohne Grund spielt Teju Cole an einer Stelle auf „Gullivers Reisen“ an.
Dieses fremde Land, dieses dunkle, auslaugende, heiße und verwirrende Nigeria, in das der Protagonist nach 15 Jahren nun erstmals als Erwachsener reist, hat er stets als sein Heimatland betrachtet und doch kann er es nun nur durch die Augen des westlich Sozialisierten ansehen, aber nicht begreifen: Warum zerstört Nigeria sich selbst durch die akzeptierte allgegenwärtige Korruption, warum ist der Schein wichtiger als das Sein, woher kommt die allgegenwärtige Gewalt, wo bleibt das historische und politische Bewusstsein?

Ich gebe diesem Buch aber auch nur drei Sterne, da es im Grunde „nur“ Stories, wenn auch gut beobachtete Stories, aus einem Reiseblog sind, die aus 2007 stammen. Und es ist bei weitem nicht der großartige zweite Roman, als den ihn manche Rezensenten bejubeln. Ich gönne Cole seinen Erfolg. Aber mal ketzerisch gefragt: Wäre dieses Büchlein acht Jahre nach seinem Erscheinen in einem kleinen nigerianischen Verlag auch dann in Deutschland und den großen englischsprachigen Ländern erschienen, wenn Nigeria nicht sowieso grade ein großes Nachrichtenthema und die Literatur junger schwarzer Stimmen nicht gerade so en vogue wären? Wenn nicht die Gräueltaten von Boko Haram uns erschüttern und die miesen Ölgeschäfte die Welt noch immer bewegen würden?
Der nigerianische Autor Ben Okri hat erst kürzlich in einem Artikel im „Freitag“ von einer „Tyrannei der Inhalte“ gesprochen und damit gemeint, dass afrikanischer Schriftsteller eher wegen ihrer Themen als wegen ihrer Sprache gelesen würden, mehr wegen ihrer Geschichte als wegen ihrer Geschichten.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 26.01.2015
Geheimer Ort / Mordkommission Dublin Bd.5
French, Tana

Geheimer Ort / Mordkommission Dublin Bd.5


ausgezeichnet

Eine messerscharf sezierende MIschung aus "Suborgatory", Enid Blyton-Sozialisation und der harten irischen Lakonie eines Ken Bruen

Zum einen ist dies ein packender Krimi um einen Mord an einem Internat (der Inhalt wurde, denke ich, nun bereits oft genug wiedergegeben).
Zum anderen - und das ist das wirklich Besondere und Berauschende an diesem Buch - ist es ein präzises und unvoreingenommenes Porträt der sogenannten Generation Y (oder - wie die heute 15- bis 30jährigen manchmal auch bezeichnet werden - der Generation Merkel, wobei sich die Zustände in Irland angesichts der heutigen globalen Vernetzung gar nicht so sehr von denen in Deutschland oder eben fast überall in der westlichen Welt zu unterscheiden scheinen).
Letztendlich geht es heute im Genre schließlich nicht mehr ums reine "Who's dunnit", Krimis dienen vielmehr als Folie der Gegenwart, und dies oft genauer als sogenannte "zeitgenössische Romane", die mit Literaturpreisen ausgezeichnet werden.

Mich hat das Buch mitgerissen. Ich habe mich atemlos durchgewühlt, nachdem ich das letzte von der von mir einst bei ihrer "Entdeckung" frenetisch gefeierten Tana dann doch leider eher mau fand.
Mein Fazit: Eine messerscharf sezierende MIschung aus "Suborgatory", Enid Blyton-Sozialisation und Hard-Boiled-Literatur.
(Also, ja, okay, Enid Blyton bezieht sich wahrscheinlich eher auf meine eigene Sozialisation, der der Generation Golf. Wahrscheinlich ist Sailor Moon das passende Pendant?)

(Anmerkung: Ich habe die englische Version gelesen, kann also die Übersetzung nicht beurteilen)

1 von 2 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 19.03.2013
Nachhinein
Kränzler, Lisa

Nachhinein


weniger gut

Was für ein sprach-pubertäres Gewürge und Geschwurbel! Mich hat bereits öfter genervt, dass in Leipzig oft Bücher gefeiert und/oder für den Buchpreis nominiert werden, die einfach UNLESBAR sind, weil sie sich zu einer Art Sprachakrobatik aufschwingen, die in der konzentrierten und gleichzeitig offenen Form der Poesie durchaus reizvoll sein kann (und dort besser aufgehoben wäre, wie in diesem Fall!). Aber so kann man doch keine Story erzählen! -
Dabei ist die Story hier total interessant, weswegen ich das Buch auch gleich als teures frisches Hardcover voller Erwartung gekauft habe. (Zum Inhalt s. bitte Info oben). Auch in den durchgängig begeisterten Rezensionen waren ganz tolle Textstellen zitiert, wie die prägnanten Beobachtungen zweier gegensätzlicher Kinder- und Erziehungswelten. "Hüben Lehrplan, drüben Schichtplan; da Eigenheim, dort Mietwohnung; rechts Standpauke, links Arschvoll. Frischobst und Frischluft und Kompost im Osten, Dosen und Kippen und Ascher im Westen." Trotz dreier Lektoren sind solche kleinen Halbedelssteine der Sprache das einzig funkelnde an diesem altklugen Roman.

8 von 12 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 17.03.2013
Gone Girl
Flynn, Gillian

Gone Girl


sehr gut

Schade, dass ausgerechnet dieses Buch wohl von David Fincher verfilmt werden wird, wo dich die früheren von Gillian Flynn viel aufregender, ikonoklastischer, verstörender sind. Im guten Sinne etwas in einem verändern und in Bewegung setzen. -- Dennoch natürlich immer noch sehr gut. --- Und außerdem: Ich mag meine Lieblingsbücher eigentlich unverfilmt, will meine Bilder nicht durch Kinoikonen überlagert sehen - also doch ganz gut, dass David Fincher diesen Roman von G. Flynn verfilm tund keinen anderen...! :-)

7 von 14 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 09.03.2013
Die Stadt der Toten / Claire DeWitt Bd.1
Gran, Sara

Die Stadt der Toten / Claire DeWitt Bd.1


ausgezeichnet

Sara Gran erzählt ihren Krimi mit verträumter Schwerelosigkeit vor einer Kulisse knallharten Elends. Vor dem Hintergrund der Sturmkatastrophe von New Orlean ermittelt Claire DeWitt im Fall eines verschwundenen Staatsanwalts. Sie bezeichnet sich selbst als "best PI in the world", doch so ganz mag man ihr nicht glauben, bei dem, was sie sich so alles an Drogen und Alk reinzieht, angesichts ihrer eigenen gescheiterten Biographie und ihrer mystischen Verehrung für eine Art Großmeister aller Detektive. Aber andererseits steht sie schließlich mit ihrer abgefuckten Existenz in guter Tradition der größten literarischen Detektive... Erinnert an Philip Marlowe wie auch an "The Mentalist", dieses Umherstreunen durch die Stadt, das Beobachten und Befragen scheint immer wichtiger zu sein als das logische Denken und Schlussfolgern, quasi die Umkehr von Sherlock Holmes, bzw. Arthur Conan Doyles Oden an die Deduktion.
Mein Fazit: Großartiger, verrückter, durchgeknallter, politischer Krimi - alles in einem und doch (fast) aus einem Guss - wouw! Hier versteht man auch, warum der Hurricane Sandy, warum diese Naturkatatsrophe vor allem eine humanitäre und politische Katastrophe war.
Man braucht ein wenig, um reinzukommen, doch wer nicht entnervt nach den ersten Seiten aufgibt, wird mit einem ganz einzigartigen Roman beschenkt. - Habe gleich im Anschluss DOPE gelesen, der um einiges leihcter zugänglich ist und noch viel mehr noir, noch stimmungsvoller. Vielleicht sollte man bei der Entdeckung dieser Autorin mit "Dope" beginnen (und ihre Horrorstory "Come Closer" eh als eine Art Fingerübung, Marginalie, glitzerndes Mosaikstück verstehen.)

0 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 09.03.2013
Vielen Dank für das Leben
Berg, Sibylle

Vielen Dank für das Leben


ausgezeichnet

Ein hartes, zynisches, zärtliches, trauriges, lebensbejahendes, lustiges, messerscharfes, episches, poetisches, melodramatisches und vor allem kluges Buch. Eine Art Gegenentwurf zu Günter Grass' "Blechtrommel", spiegelt sich hier im Schicksal von Toto, einer fast 2 Meter großen Trans-/Inter-Sexuellen, die Geschichte von BRD und DDR von 1966 bis 2030 (sic!) - über Versprechen, die sich zu erfüllen scheinen, Sehnsüchte, die unerfüllbar scheinen, Liebe, die zu Hass umschlägt, die Wut der Bürger und Scheitern des (sozialen, europäischen) Kapitalismus. Vor allem aber auch eine große Verbeugung vor den Frauen/der Frau ansich. - Hm. - Klingt in der Beschreibung vielleicht ein wenig akademisch, aber ähnlich wie als Jugendliche seinerzeit den Roman von Grass habe ich auch dieses Buch beinahe fiebrig verschlungen und in einem Zug durchlesen müssen, gefesselt wie von einem Thriller, der "unser aller" Alltag ist. - Kann nicht verstehen, warum dieses Buch nicht bereits auf Nr. 1 der Bestsellerliste ist. Pflichtlektüre. (und keineswegs "schrill", wie manchmal zu lesen - darin klingt genau jene angebliche Hysterie der Frauen an, die hier auch verhandelt wird.)

7 von 7 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 19.02.2013
Das Handwerk des Teufels
Pollock, Donald Ray

Das Handwerk des Teufels


ausgezeichnet

Packender Krimi, der einen unerbittlich in sein Geschehen reinzieht, voller fatalistischer, abgef**ckter Charaktere - die, und das ist das Erschreckende, buchstäblich Gruselige daran - dennoch nicht übertrieben oder erfunden wirken, soneern erschreckend authentisch. Nach diesem Thriller (Inhalt könnt ihr ja oben lesen, spar ich mir hier), jedenfalls, nach diesem Buch musste ich erst mal ganz lange wieder zur Ruhe kommen, atmen lernen. Mein Leben in Berlin-Neukölln erschien mir erstmal wie auf Rosen gebettet....

3 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.