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Benutzername: Mara Paya


Bewertungen

Insgesamt 9 Bewertungen
Bewertung vom 20.06.2018
Children of Blood and Bone
Adeyemi, Tomi

Children of Blood and Bone


gut

Magie als natürlicher Bestandteil der Weltordnung – wer träumt nicht davon? Zumindest in literarischen Welten kann ich davon nicht genug bekommen und mich hinweg fantasieren in Dimensionen, in denen es Sprüche für jede Lebenslage, Zauberstäbe, Gedankenmagie und dergleichen gibt. Meistens hat der ganze fiktive Hokuspokus auch einen Haken – ohne Gegner der Magie, Weltmachtjäger und andere Widersacher wird so eine magische Welt schnell langweilig und dann ist man mittendrin in „mal eben die Welt retten auf Leben und Tod.“ Da lasse ich gern anderen den Vortritt und bleibe auf der Couch beim Lesen, das ist sicherer. Was zu diesen Geschichten um Harry Potter und Co gehört wie die Luft zum Atmen, ist der Glaube an die „Gute Seite“. Unsere literarischen Helden stehen meistens auf der richtigen Seite und verteidigen ihre halbwegs gerechte Welt gegen das Böse, dass immer alles unterjochen will. In Tomi Adeyemis gefeiertem Romandebüt und Auftakt einer neuen Jugendbuchreihe ist die Magie bereits vernichtet worden und alle praktizierenden Magier wurden ihrer Magie beraubt und ermordet. Übrig blieben nur die Kinder der Magier, verfemt und unterjocht, ohne Hoffnung auf eine normale Zukunft, gekennzeichnet als minderwertig geltende Diviné für jeden durch ihre weißen Haare. Eine Unterklasse in der Gesellschaft Orishas. Sie sind wie die junge Zélie traumatisiert von der „Blutnacht“, in der sie mindestens ein Elternteil verloren haben und eingeschüchtert durch den Hass, der ihnen von der übrigen Bevölkerung entgegen gebracht wird. Alles vorangetrieben vom König des Reiches, der auf die Ermordung seiner ersten Familie durch Magier mit einer all umgreifenden Blutfehde antwortete und kein Ende findet. Plötzlich taucht eine alte Schriftrolle auf, die die Magie in den Diviné erwecken kann und Zélie versucht mit ihrem unmagischen Bruder und der ausgebüchsten Prinzessin Amari die Magie für alle zurück zu bringen. Amaris Bruder und ihr Vater wollen dies natürlich um jeden Preis verhindern und die Magie endgültig aus Orisha und der Welt vertreiben.
So ungefähr zur Grundhandlung der Geschichte, die übrigens in einem Land spielt, in der die Menschen alle eine schwarze Hautfarbe haben. Es klingt alles ein wenig nach Afrika, ist aber eine Fantasiewelt mit mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Strukturen.Es stehen sich zwei Seiten gegenüber: die (vor allem adligen) Nichtmagier, die das Reich beherrschen und die Diviné, die zu Maji werden können, mit ihren Familien, die ausgegrenzt und versklavt werden. Tatsächlich erfährt man während der immerhin 600 Seiten nichts über die Historie des Reiches und den tieferliegenden Grund dieser Fehde, in der es offensichtlich um Macht und Herrschaft geht. Auf beiden Seiten ist so viel Hass und Gewalt, da wäre mir ein wenig Hintergrundgeschichte zum Verständnis sehr willkommen, um diese zerstörerischen Gefühle besser einordnen zu können. Aber die Autorin richtet ihr Augenmerk vor allem auf die Gefühlswelt ihrer jungen Protagonisten. Abwechselnd erzählt sie die Geschichte aus den verschiedenen Perspektiven der jungen Menschen. Eine Erzähltechnik, die aktuell in der Jugendliteratur verstärkt Anwendung findet. Geschickt lässt sich so das Innenleben mehrerer Protagonisten offenlegen, ohne zuviel über die Handlung zu verraten. Natürlich sollte man diese Technik auch beherrschen, um den Leser wirklich zu überzeugen. Tomi Adeyemi hat hier noch eindeutig Nachholbedarf. Ihre jungen Stimmen unterscheiden sich leider nicht unbedingt voneinander und sind sehr flach gestaltet. Das Wesentliche der verschiedenen Charaktere kommt immer mit dem Holzhammer daher. Das ist etwas nervig und wirklich schade, da die Geschichte wirklich Potential hat. Vor allem wenn man die Intention der Autorin am Ende des Buches liest, dass sie Goldener Zorn geschrieben hat als wütende Reaktion auf die Unruhen in den USA, weil immer wieder grundlos farbige Amerikaner von weißen Polizisten erschossen wurden und noch werden.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 28.09.2017
Moon Chosen / Gefährten einer neuen Welt Bd.1
Cast, P. C.

Moon Chosen / Gefährten einer neuen Welt Bd.1


gut

Bisher hatte ich ein recht klares Bild von einer postapokalyptischen, dystopischen Welt – im Zerfall befindliche Ortschaften und Städte, Autowracks, die die Straßen pflastern, auf denen der Asphalt aufgerissen ist und die Löwenzähne sich ihren Weg bahnen. Dennoch hat sich ein letzter Rest der Zivilisation bewahrt, wie ein sanftes Echo. Die verbleibenden Überlebenden haben einen Weg gefunden, Strom zu erzeugen und die letzten Rohstoffe sinnvoll zu nutzen. Sie leben in kleinen Gemeinschaften, weil man allein nur schwer überlebt und sind dabei neue Gesellschaftsformen aufzubauen. Natürlich stirbt man schneller, Medikamente sind endlich, aber das Wissen der vorangegangenen Welt kann ja nicht so schnell verloren gehen… so oder so ähnlich lief das bisher ja auch in der Literatur ab. Back to the roots bzw. ins Zeitalter der Naturvölker hatte ich eher nicht auf dem Schirm. Das Setting bei P.C. Cast ist eine Mischung aus Waldnaturvolk mit künstlerischen Fertigkeiten und einer gewissen Nachtunverträglichkeit bzw. Sonnen- und Hundeanbetung. Und dann gibt es Menschen, die in den alten ehemals zivilisierten Städten hausen und aufgrund einer rätselhaften Krankheit sich kannibalisch bei den anderen Stämmen bedienen – Haut und … ach, führen wir das mal besser nicht näher aus.
Womit wir schon beim Grundproblem dieses Buches wären: die Zusammenstückelung verschiedener erzählerischer Bausteine, die einfach kein rundes Ganzes ergeben will. Die Unterschiede sind einfach zu krass, zu unglaubhaft in die neu aufgemachte Welt eingebettet und teilweise auch erzählerisch wie sprachlich nicht miteinander verbunden. Dabei sind wirklich interessante, ja sogar spannende Ansätze da. Ein Volk, dass dem Mond nahe steht, der ihm gleichsam schadet. Ein Volk, dass eine enge Bindung zu einem Tier eingeht und aus dem Sonnenlicht Kraft schöpfen kann. Stämme, die sich nach dem Ende der Zivilisation entwickelten, eine neue Verbindung zur Natur eingingen und mittlerweile über viele Generationen neues Leben, eine neue Kultur begründeten. Die Naturszenen sind teilweise wirklich gut geschrieben und lassen die Bilder vor meinem Auge tanzen. Doch immer wieder werde ich beim Lesen aus dem Fluss heraus gerissen, weil die nächste Episode sich stolpernd anschließt.
Und es ist natürlich auch Romantik im Spiel, ein kleines bisschen Romeo und Julia. Ohne dies wäre es auch kein richtiges Jugendbuch. Dazu spielen vor allem die jungen Figuren die tragenden Rollen, wobei deren Pubertät eigentlich auch fast hinter ihnen liegen sollte, manchmal benimmt sich aber die 18jährige Mari wie ein Zwölfjährige. Es scheint eben alles nicht bis zu Ende gedacht und bedacht. Sehr schade. Die Figuren wachsen einem einfach nicht so recht ans Herz, obwohl es auch hier ganz gute Ansätze gibt. Doch es fehlt die Tiefe in den Charakteren, die Motivation einzelner Figuren wird nicht klar, ihnen fehlt die Glaubwürdigkeit. Das sollte gerade bei einem Auftaktbuch zu einer Serie etwas engagierter wirken. Sonst fehlt mir als Leser die Motivation auch zum Nachfolgeband zu greifen.

Bewertung vom 25.09.2014
Länger als sonst ist nicht für immer
Ziefle, Pia

Länger als sonst ist nicht für immer


sehr gut

Bäckereien spielen seit meiner Kindheit in meinem Alltag eine wichtige Rolle. Brötchen ist nicht gleich Brötchen und ein gutes Frühstück steht und fällt bei mir mit der richtigen Konsistenz der Morgensemmel. Außen fest und hell und innen ganz viel Teig. Noch heute belohne ich mich gern mit einem Kuchenbrötchen am Nachmittag, wenn ich denn noch einen echten Bäcker finde, der diese Kindheitserinnerung im Sortiment hat.
Pia Ziefle mag ein ähnliches Verhältnis zu Bäckereien haben. Nicht von ungefähr scheint Evis Backstube der Mittelpunkt des Romans. Evis Spezialität ist der serbische Zuckerkuchen nach Tadijas Rezept. Evis Besonderheit ist ihr großes Herz. Im Leben einer Handvoll Menschen ist sie die gute Seele, der Fels in der Brandung, die Rettung aus der Not mit süßem Kuchen und einem Schlafplatz zu jeder Zeit. Der Zuckerkuchen bringt Figuren zusammen, die zusammen gehören. Dazwischen wirft Pia Ziefle in leisen, poetischen Tönen Geschichten hinein, die mittendrin beginnen und ganz behutsam ein Anfang und eine Ende bekommen. Ira lebt mit ihrem 4jährigen Sohn John bei Evi und hilft ihr in der Backstube und dem Verkauf. Gleich gegenüber der Bäckerei steht Iras Elternhaus. Darin wartet ihr sterbender Vater und eine beklemmende Vergangenheit, deren Geheimnisse sie nur zu gern gegen Evis warme Herzlichkeit und die Hoffnung auf den Herbst, der vielleicht den Jugendfreund Fido zu Besuch bringt, eintauscht. Während Ira in dem kleinen Ort irgendwo in Deutschland gegen die ständige Müdigkeit kämpft, wartet Lew in Indien auf den Bus, der ihn zu seinem verschollenen Vater führen soll. In Ostberlin geboren wächst Lew mit seinem großen Bruder in einer neuen Familie auf. Die Eltern versuchten 1976 in den Westen zu türmen und ließen die Söhne allein zurück. Lew erreicht nach 29 Jahren die Nachricht vom Tod der Mutter zusammen mit der Adresse seines Vaters in einem indischen Ashram. Der Bruder will die Geschichten des Vaters nicht hören, doch Lew will wissen, was den Eltern damals wirklich passierte. Nun ist er in einem indischen Dorf gestrandet, der Ashram liegt in entgegengesetzter Richtung und der nächste Bus kommt vielleicht morgen. Lew sucht Gesellschaft und fühlt sich wohl mit dem Jungen Rajesh, dessen Verwandtschaft und den Dorfleuten, die ihm in einer Weise begegnen, dass es ihn den Blick auf das eigenen Leben richten und die richtige Perspektive darin finden lässt.
Erst in der Mitte des Buches bringt Pia Ziefle wie beiläufig diese zwei Welten zusammen. Ira und Lew haben sich viel bedeutet und sind doch weit voneinander entfernt. Die befangene Kindheit, die Vergangenheit der Eltern lastet auf ihnen beiden und hält sie fern von Unbeschwertheit, Zukunftsträumen und der Liebe. Die Autorin befreit ihre Figuren, schickt sie auf eine Reise zu den Wurzeln und damit zu sich selbst. Der Leser nimmt teil an dieser Reise, liest von Freundschaften, von verbotenen Wünschen, harten Menschen, träumenden Kindern und liebenden Großeltern. Pia Ziefle erzählt Geschichten, die von der Liebe handeln. Einfach, klar und dennoch poetisch findet sie dafür Worte, die jeden Ton treffen. Klug, einfühlsam und mit beeindruckender Leichtigkeit öffnet sie Türen, die in verschwundene Länder führen, von den Umwälzungen der nahen Vergangenheit sprechen und Familienstrukturen zeigen, die beklemmend wie alltäglich scheinen. Ihr Figurenensemble ist überschaubar, aber absolut glaubwürdig gestaltet. Durch Reduktion, Leerstellen und Andeutungen entwickeln die Geschichten einen Sog, dem sich nur schwer entziehen lässt.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 25.09.2014
Asphaltengel
Holmström, Johanna

Asphaltengel


sehr gut

Aggressiv kommt es daher, das Buch von Johanna Holmström. Ein kräftiges Pink auf dem Cover, in Stücke geteilt von nachlässig hingeworfenen schwarzen Streifen. Asphaltengel sind nicht romantisch, scheint das Buchcover unmissverständlich mitteilen zu wollen. Und Romantik gibt es wirklich wenig im Leben von Leila und Samira. Die Schwestern leben in schwierigen Familienverhältnissen und es ist schlimmer, als dieser nach Behörde klingende Klischeesatz es meinen kann. Nicht einmal die gleiche Erzählzeit wird ihnen gegönnt. Leilas Geschichte beginnt, als Samiras fast endet. Gut zwei Jahre umspannt die Handlung. Samira ist fast zwanzig und zieht von zu Hause aus. Sie sucht für den Absprung sogar die Hilfe eines Frauenhauses, gibt an, Angst zu haben, zwangsverheiratet zu werden. Die kleine Schwester Leila bleibt allein in der elterlichen Wohnung leben und sieht sich dem religiösen Terror ihrer Mutter immer öfter ganz allein ausgesetzt, auch der Vater ist kaum noch daheim. Farid ist in Finnalnd Busfahrer mit Migrationshintergrund, er ist Moslem und mit der Finnin Sarah verheiratet. Sarah ist für ihn zum Islam konvertiert und versucht mit der richtigen Ausübung aller Regeln des Korans und denen der islamischen Gesellschaft ihres Viertels die Familie zusammenzuhalten. Doch dies baut eine ungesunde Spannung für alle auf. Farid als geborener Moslem braucht sich und seiner Religion nichts beweisen, Bier und Fernsehen stehen für ihn in keiner Diskrepanz zu seinem Glauben. Sarah wünscht sich einen rücksichtsvollen Mann, der nicht in Kneipen versumpft und dann mit leeren Taschen nach Hause kommt. Doch je verbissener sie die Regeln des Korans umsetzt, desto energischer entzieht sich Farid ihr. Die Töchter sehen sich mit jedem Jahr immer dogmatischeren Ansichten ihrer Mutter ausgesetzt und suchen sich eigene Wege, um Dampf abzulassen. Während Samira und ihre beste Freundin Jasmina die neue Freiheit einer eigenen Wohnung auskosten, über den Islam, die Rolle der Frau darin, die Liebe und die Familie philosophieren, lebt Leila in ihrer Schule ein Außenseiterdasein. Die ehemals beste Freundin Linda Lindquist feindet sie in den Pausen Öffentlichkeitswirksam an, gern mit körperlichen Nachdruck und bestraft Leila, wenn sie nach der Schule nicht nach ihrer Pfeife tanzt. Die Mädchen rennen, springen und klettern im neuen Sport Parcour durch die Stadt, lungern herum, testen sich aus. Dann stürzt Samira die Treppe herunter und will einfach nicht wieder aufwachen. Keiner kann sagen, ob sie tatsächlich stürzte, gestoßen wurde oder vielleicht absichtlich gefallen ist. Viele Geschichten handeln von muslimischen Mädchen, die sich den Zorn der Eltern, Brüder oder Verwandten zuzogen und den Ausweg in einem einzigen, letzten Sprung sahen. Asphaltengel nennt man sie und Leila mag sich nicht vorstellen, dass ihre große Schwester freiwillig fliegen wollte. Nicht Samira.
Das Figurenensemble ist überschaubar, dennoch ist die Geschichte unheimlich dicht und verwoben. Zeitlich verschiedene Handlungsstränge, Perspektiven, die eng an Leila und Samira fokussieren und wenig Überblick über den Wahrheitsgehalt anderer Figuren vermitteln. Die Charaktere der Schwestern sind überzeugend gestaltet und dienen als spiegelnde Projektionsflächen verschiedener Themen, die unsere europäische Gesellschaft umtreibt. Rechtsradikalität, Migrantentum, Patriarchat, Glaubenskrieg – Johanna Holmström kommt ohne diese Schlüsselwörter aus und dennoch sind sie auf fast jeder Seite präsent. Doch vor allem spricht der Roman von Ausgrenzung. Die Figuren des Buches werden entweder selbst ausgegrenzt oder grenzen andere aus. Sie sind zugleich Opfer und Täter, teilen aus und stecken ein, biegen sich die Welt so hin, wie es ihnen sinnvoll erscheint oder wie es sich halbwegs aushalten lässt. Ein erschütternder literarischer Blick auf unsere Zeit.

1 von 1 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 19.09.2014
Seitenwechsel
Römling, Michael

Seitenwechsel


gut

Berlin, Sommer 1961 – während das restliche Deutschland bereits zu begreifen beginnt, dass durch das Land eine sich immer stärker manifestierende Grenze verläuft, gibt man sich in der geteilten Stadt der Illusion hin, alles würde immer so weiter laufen. Alliierte Uniformierte, in erster Linie Russen wie Amerikaner, bewegen sich frei in der Stadt und auch die Berliner sind in erster Linie Berliner bevor sie sich mehr oder weniger bereitwillig in DDR oder BRD-Bürger einteilen lassen. Bernhard und Julius stellen sich diese Frage eigentlich erst gar nicht. Sie leben im Osten der Stadt, Bernhard studiert Biologie an der Humboldt-Universität und Julius verscherbelt die neuesten Jazz-Platten an Musik-Liebhaber. Ihre besten Freunde sind der Steinmetz Georg und der Ami Jack, beide leben im Westteil der Stadt. Zwar gibt es Grenzposten in Berlin, doch wie will man eine Stadt unter Kontrolle halten, in der der Bürgersteig zur französischen Seite und die sich anschließenden Wohnhäuser zur russischen Seite gehören. Der Ost- wie Westberliner bewegte sich mehr oder weniger frei in seiner Stadt und keiner glaubte daran, dass sich dieser Zustand ändern könnte. Zwar knirschte die DDR-Obrigkeit mit den Zähnen über die Massenabwanderung der jungen, gut ausgebildeten Bevölkerung in den Westen, doch die Russen würden den jungen Staat nicht soweit unterstützen, möglicherweise sogar einen neuen Krieg heraufbeschwören, indem sie zusahen, wie die DDR eine Mauer quer durch Berlin baute. Aber ich greife vor... – während Julius und seine neue Bekanntschaft Barbara seinen Kumpel Jack aus einer äußerst misslichen Zwangslage befreien, werden Bernhard und Georg Zeuge einer unangenehmen wie tödlichen Situation zwischen Russen und Amis im brandenburgischen Wald. Unter Schock radeln sie dem Haus von Bernhards Vater entgegen und müssen dort eine grausige Entdeckung machen. Julius und Bernhards Vater baumelt an einem Strick an der Wohnzimmerdecke. Doch die Indizien unterstützen diesen ersten Eindruck des Selbstmords nicht und das großzügige Vorgehen der Volkspolizei wie Staatssicherheit gegenüber dem illegal ins Brandenburgische eingereisten Georg untermauert die Theorie von Bernhard gewissermaßen: Der Vater ist umgebracht worden und die Stasi hat dabei die Finger im Spiel. Nun beginnt ein Katz und Maus-Spiel, bei dem sogar hochrangige Offiziere beider Seiten eine Rolle spielen und in Berlin das Unglaubliche passiert – eine Mauer wird durch die gesamte Stadt gezogen und scheint Freunde wie Familie auf immer voneinander zu trennen.

Michael Römling hat das Bruderpaar Bernhard und Julius zu den Protagonisten seiner Berlin-Story auserkoren. Anschaulich, spannend und emotional schildert er aus ihrer Sicht und die ihrer Freunde wie Bekannten die letzten Wochen einer auf dem Papier geteilten Stadt bevor diese Teilung unglaubliche, nie gekannte Wirklichkeit wurde und die Situation Deutschlands bis in unsere heutige Zeit nachhaltig beeinflussen sollte. Nicht ganz gelingt ihm der authentische Tonfall des Berlins der sechziger Jahre, zu bemüht erscheint an einigen Stellen die Verwendung des realen Zeitgeschehens um Jazz, Nachtleben und Sonnenbaden am Wannsee. Dennoch stellt sich gegen Ende des Romans eine leise Gänsehaut auf: Versuchte Flucht in den Westen durch die Berliner Kanalisation, Schmuggeln von Personen im Kofferraum, russische Obere, die in den Westen überlaufen und dabei aus den eigenen Reihen bespitzelt werden, eine Liebe die im Osten begann und im Westen auf ein Happyend wartet und schließlich amerikanisches und russisches Kräftemessen am Checkpoint Charlie vor den Augen der ganzen Welt. Ein interessantes Buch über einen wichtigen Teil der deutschen Geschichte, welches historisches Wissen in einen romantisch angehauchten Spionagethriller verpackt und auf weiten Strecken damit überzeugen wie unterhalten kann.

Bewertung vom 19.09.2014
Empfindliche Wahrheit
Le Carré, John

Empfindliche Wahrheit


sehr gut

So bitterböse und zynisch der neue Carré auch anfängt – zwischendurch verliert sich mitunter der rote, böse Faden und weicht überspitzten britischem Humor, sehr zur Freude des Lesers, dem doch auch einiges abverlangt wird, um in den unterschiedlichen Zeitsprüngen den Überblick über die Handlung nicht zu verlieren. Diese welche ist an sich gar nicht arg kompliziert. Das britische Auswärtige Amt plant eine geheime Aktion in der Kolonie Gibraltar mit eigenen Leuten und einer amerikanischen Söldnertruppe, eine Zielperson soll dingfest gemacht werden, viel Geld wird fließen und ein älterer Diplomat soll vor Ort als rotes Telefon zwischen Einsatztruppe und Ministerium fungieren. Über den Ausgang der Operation Wildlife herrscht allerdings später Uneinigkeit. Offiziell kam niemand zu schaden, inoffiziell werden von einem ehemaligen britischen Soldaten daran Zweifel gesät und ernste Vorwürfe erhoben. Für Sir Christopher Probyn schien die Operation ausgestanden, doch drei Jahre später wird er mit den blutigen Zweifeln konfrontiert und kann sich nun seines Lebensabends als frisch ernannter Sir wenig erfreuen. Probyn will die Operation Wildlife aufklären und sucht bei Toby Bell Hilfe. Bell war persönlicher Referent des damaligen Ministers, Probyn will nicht glauben, dass Bell keine Ahnung von Operation Wildlife hat und hat sich instinktiv wohl genau den richtigen Mann für seine Spurensuche ausgesucht.
Der Einstieg in Carrés neuen Roman gestaltet sich schwierig. Die Handlung beginnt mit einem britischen Beamten mit Deckname Paul. Von einem geheimen Einsatz wird berichtet, der irgendwie nach Slapstick klingt und wenig zu den steifen, korrekten Briten passen will. Alles scheint gut gegangen, doch ganz überzeugt ist Paul und damit auch der Leser nicht. Die Szene wechselt, Tobey Bell kommt ins Spiel, zeitlich um einige Tage oder Wochen vor den Einsatz gesetzt. Ein schneller Abriss zur Figur und ihrem diplomatischen Werdegang folgt, irgendwie ist nun die Zeit verloren gegangen – wann war Bell in Berlin unter Giles Oakley? Unter wem dient er jetzt, Fergus Quinn? Warum ist er so interessiert an Jay Crispin und Ethical Outcomes? Die Verwirrung steigert sich als Paul alias Sir Christopher Probyn wieder zurück in die Handlung kehrt und Operation Wildlife nach drei Jahren zurück ins Foreign Office wandert. Auf fast 400 Seiten streckt Carré seine eigentlich einfache Geschichte, in der es allein um die fragwürdige Operation Wildlife und deren Hintergründe zu gehen scheint. Der Stoff mag brisant sein und aufdecken wollen, dass Korruption und Korrumpierung bis in die obersten politischen Reihen reicht. Doch neu ist dieses Thema nicht und damit verliert die vermeintliche Brisanz doch erheblich an Fahrt.
Die Figur des Tobey Bell ist interessant und recht ambivalent gestaltet. Über lange Strecken aber habe ich mich gefragt, welche Motivation ihn wohl eigentlich leitet, erst auf den letzten Seiten konnte ich mir darüber einigermaßen klar werden. Witzig und verschroben werden Sir Christopher und seine Familie dargestellt. Am Ende ist alles eben doch recht plakativ. Die Reichen und Mächtigen vertuschen wie immer zum eigenen Vorteil die Wahrheit und lassen den einfachen Handlanger über die Klinge springen, während der einfache rechtschaffende Bürger um seines Seelenheil willens einzig die Wahrhaftigkeit und die Gerechtigkeit verfolgt.
Ich bin nicht sicher, wie Carrés Empfindliche Wahrheit gelesen oder verstanden werden soll. Ich habe mich vor allem amüsiert - über die Art, wie Carré mit seinen Figuren umgeht, wie wenig ernst er sie nimmt und wie seine Beschreibungen jeden Selbstdarsteller mitleidlos entlarven.

Bewertung vom 19.09.2014
Die Illusion des Getrenntseins
Van Booy, Simon

Die Illusion des Getrenntseins


sehr gut

Zufall, Schicksal, Fügung oder Gotteswille – viele Bezeichnungen gibt es für Begegnungen, die aus der Rückschau fast nicht zustande gekommen wären. Ob man daran glaubt oder nicht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Simon van Booy will sich in seinem Roman auch nicht unbedingt auf einen dieser Begriffe festnageln lassen. Scheinbar willkürlich stellt er Personen und ihre Geschichten vor, die auf den ersten Blick gar nichts miteinander zu tun haben. Martin lebt 2010 in den USA, ist Hausmeister in einer Seniorenresidenz in Los Angeles und sieht die Menschen kommen und sterben. Allein durch seine Existenz hat er seine Eltern zusammengebracht, wäre als Baby um ein Haar in den Verfolgungen und Wirren des 2. Weltkrieges in Frankreich ums Leben gekommen. Mitten in Paris drückte ein Mann der Frau, die Martins Mutter werden sollte, das Kind in den Arm und sie ersuchte den Bäcker in der Nähe um Essen für den Kleinen. So trafen Martin und seine Mutter gemeinsam den Mann, der ihm ein Vater und ihr ein Ehemann werden sollte. Später erzählten sie dem angenommenen geliebten Sohn diese Geschichte und noch viel später verstand er, dass er ein Jude war und ihm ein Schicksal erspart geblieben war, von dem er aus so vielen Büchern und Dokumentationen erfahren wollte, wie ihm nur möglich war. Das Schicksal der Verfolgen wurde sein Spiegel, so schreibt Simon van Booy einen dieser unzähligen Sätze, die mich inne halten und staunen lassen. Seine Sprache ist voller Poesie und das Erzählen jeder Figur angemessen. Sie wachsen mir auf den wenigen Seiten, die jeder von ihnen zugedacht sind, ans Herz; feinfühlig gezeichnet und Raum für eigene Bilder lassend, habe ich das Gefühl alles und nichts von ihnen zu wissen.

Im Seniorenheim wurde Mr. Hugo willkommen geheißen und von seinem eigenen Begrüßungsempfang im Sarg wieder nach draußen getragen. Er starb in den Armen von Martin, der sich erinnerte, damals in Paris einen ähnlich entstellten Mann im Park gesehen und mit übrig gebliebenen Teilchen aus der Bäckerei versorgt zu haben. Martins Geschichte endet an diesem Punkt und ein Teil aus Mr. Hugos Leben in Manchester im Jahr 1981 wird erzählt. Von ihm geht es weiter zu Sébastien nach Frankreich ins Jahr 1968 und zurück nach Amerika, New York 1942 zu John. Noch weitere Figuren tauchen auf, teilweise verknüpft mit den bereits erwähnten. Alle Fäden scheinen im 2. Weltkrieg in Frankreich zusammen zu laufen, doch erst ganz am Ende erkenne ich den wohl komponierten Kreis und schließe ganz sacht den schmalen Band, berührt fahre ich noch einmal sanft mit den Fingern über den Einband und den Titel, wiege das Buch noch für einen Moment innehaltend in den Händen und glaube für mich an den Zufall, Schicksal, Fügung und Gotteswille.

Bewertung vom 19.09.2014
Geschenkt
Glattauer, Daniel

Geschenkt


sehr gut

Gerold Plassek arbeitet in Wien bei der Gratiszeitung „Tag für Tag“ eines großen Konzerns und betreut dort vor allem die „bunten Meldungen zum Tag“. Journalistisch ambitioniert kann man ihn nicht gerade nennen. Den Großteil seiner Arbeitszeit verbringt er mit Dösen und Bier trinken, letzteres wird nach Feierabend in der Stammkneipe mit den Kumpels fortgeführt. Frauen findet er schon toll, diese ihn immer weniger und so hat sein Alltag außer Bier und durchzechten Nächste wenig zu bieten. Das erste Geschenk erhält Gerold von einer seiner Ex-Freundinnen und die Freude darüber hält sich bei ihm zunächst stark in Grenzen. Die Ärztin Alice geht für ein halbes Jahr nach Afrika und hat ein nachmittägliches Betreuungsproblem für ihren 14jährigen Sohn Manuel. Also nimmt sie den Vater in die Pflicht, Gerold. Nur dass dieser bisher von Manuels Existenz keine Ahnung hatte. Plötzlich muss er sich sein Redaktionsbüro mit einem pubertierendem Teen teilen, dem er sich als Vater nicht offenbaren soll und der ihn offensichtlich für einen Vollidioten hält. Das zweite Geschenk geht eigentlich nicht an Gerold, aber seine Kurznotiz über die finanziellen Probleme eines Obdachlosenheims in dem Gratisblättchen animierte einen anonymen Spender zu einem Geschenk von 10.000 Euro in bar als Soforthilfe. Dem Spendenkuvert war ein Ausschnitt aus den „bunten Meldungen“ beigelegt und bei „Tag für Tag“ wird diese Tatsache sofort groß aufgezogen. Weitere anonyme Spenden gehen ein, Ursache immer ein Artikel an dem Gerold beteiligt ist und plötzlich ist ganz Wien im Spendenfieber. Gerold wird gezwungen sich aus seiner schmuddeligen Komfortzone heraus zu bewegen. Die Geschenke an andere verändern auch sein Leben und er beginnt – wenn auch gezwungenermaßen – wieder Beziehungen zu den Menschen in seinem nahen Umfeld zu knüpfen: zu Manuel, seiner Tochter Florentina, seiner Mutter, der überaus attraktiven und sympathischen Zahnärztin seines Sohnes und zu alten wie neuen Kollegen. Und er gestaltet die Spendengaben durch seine zusammen mit Manuel ausgearbeiteten Sozialreportagen maßgeblich mit. Dann erhält er eine Mail, in der ihm der anonyme Spender mitteilt, dass nur noch Geld für eine einzige Spende übrig sei und verknüpft diese mit einer Bedingung: Gerold soll sich in seiner nächsten Reportage einer Einrichtung für Alkoholkranke widmen.
Ich fühle mich von Glattauers neuem Roman ebenfalls beschenkt. So unsympathisch mir seine Figur Gerold Plassek auch auf den ersten Seiten erschien, umso mehr habe ich ihn während meiner Lektüre ins Herz geschlossen. Beeindruckend unterhaltsam wie zwischen den Zeilen nachdenklich stimmend erfährt Gerold eine positive Entwicklung, die absolut glaubhaft wirkt. Denn er mutiert nicht von heute auf morgen vom nach Bier stinkenden Loser zum perfekten Saubermann. In kleinen Schritten wirkt die Wiener Spendenserie sich auf sein Denken und Fühlen aus. Er erfährt Anerkennung und Wertschätzung für seine Arbeit, ist beeindruckt von seinem neuen Sohn und versucht auch die Beziehung zu

2 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 19.09.2014
Die Achse meiner Welt
Atkins, Dani

Die Achse meiner Welt


gut

Die Achse meiner Welt kommt ganz bescheiden und leichtfüßig daher, tiefblau mit einem großen runden Vollmond in der linken Ecke und einer auf einem Seil balancierenden, jungen Frau mitten auf dem Cover. Rachel balanciert sich tatsächlich durch ihren Alltag, doch leichtfüßig fühlte sie sich seit dem schrecklichen Unfall vor fünf Jahren an keinem weiteren Tag mehr in ihrem Leben. Eigentlich sollte ihr und ihren Freunden die Welt offen stehen, die Zukunft lag direkt vor ihnen, ein letztes gemeinsames Essen, um den Sommer ausklingen zu lassen, Abschied von der Schulzeit zu nehmen und sich der gemeinsamen Freundschaft auch für die Collegezeit zu versichern. Doch all dies sollte keinen Bestand mehr haben, nachdem ein junger Krimineller mit einem gestohlenen Wagen direkt in das Restaurant krachte und Rachel ihren besten Freund Jimmy für immer verlor. Danach stand ihr Leben still und sie trug schwer an der Last, dass er sterben musste, damit sie leben konnte. Eine lange, gezackte Narben in ihrem Gesicht erinnerte sie jeden einzelnen Tag an ihren Verlust. Den Kontakt zu ihren alten Freunden mied sie ganz, verließ die Jugendliebe Matt und begrub ihre Träume von der Zukunft als Journalistin. Einzig zu ihrer engsten Freundin Sarah hielten die in der Kindheit geknüpften Bande und so gab es keine Ausrede für Rachel, Sarahs Hochzeit in der Heimat zu versäumen. Ein Besuch, dem sie sich auch nach fünf Jahren nicht wirklich gewachsen fühlte, zusätzlich belastet von immer häufiger wiederkehrenden Kopfschmerzen. Den ersten gemeinsamen Abend mit den alten Freunden überstand Rachel irgendwie, auch Matts erneuten Avancen begegnete sie klar und ablehnend, doch am Grab von Jimmy schob sich erneut ein Riss durch ihre Welt und alles um sie herum wurde schwarz. Als Rachel im Krankenhaus erwacht, scheint sie sich in einer neuen Variante ihres Lebens zu befinden, einer viel besseren Version, denn in diesem Leben weilt Jimmy unter den Lebenden und auch ihr Vater scheint vom Krebs geheilt, Matt und sie sind verlobt und in London führt sie das Leben einer Journalistin. Doch bleibt Rachel gefangen in den schrecklichen Erinnerungen an den Unfall und die Zeit danach, will unbedingt beweisen, dass sie bisher ganz anders lebte. Jimmy ist bei der Spurensuche wie selbstverständlich an ihrer Seite und Rachel beginnt zu ahnen, dass ihre Gefühle für den Jugendfreund vielleicht nicht nur freundschaftlichen Ursprungs sind. Doch so sehr sie sich auch freut, ihn gesund und munter neben sich zu sehen, wie kann es sein, dass sie sich gleichzeitig an seinen Tod erinnert?
Die Achse meiner Welt ist ein feines, wohlklingendes Liebesmärchen mit einem traurigschönen Happyend, dass ein wenig an die Märchen von Hans Christian Andersen erinnert. Dani Atkins Debüt zeichnet sich durch eine besondere Idee aus, die die Autorin konsequent bis zur letzten Seite ausführt. Der geübte Leser mag die leisen, mit Absicht gestreuten Misstöne im Text richtig deuten und bereits ahnen, wie alles nur enden kann. Nur zu gern lässt er sich aber einfach in Rachels neues Leben fallen, ist neugierig auf die Entwicklungen und Entdeckungen und lässt sich einfangen von der träumerischen bis ans Kitschige grenzenden Liebesgeschichte. Das Echo ihres alten Lebens hilft Rachel, die Dinge im neuen, perfekt wirkenden Leben klarer zu sehen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wer wünscht sich dies nicht auch ab und zu für sich selbst?