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Benutzername: goat
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Bewertungen

Insgesamt 129 Bewertungen
Bewertung vom 10.12.2017
Der Fall Kallmann
Nesser, Håkan

Der Fall Kallmann


gut

Håkan Nesser steht für mich automatisch für gute Krimis. Aufgrund des Buchtitels, des wirklich gut gestalteten Covers und auch der Beschreibung, war ich der festen Überzeugung, dass es sich hier um einen Krimi handelt. Dem ist jedoch leider nicht so und meine Erwartungen waren, was diesen Roman angeht wohl leider etwas zu hoch.

Leon Berger tritt nach einer langen Sommerpause die Nachfolge im Schwedischunterricht für seinen verstorbenen Kollegen Eugen Kallmann an. Umstände des Todes wurden nie eindeutig geklärt. Die Polizei war sich zwar sicher, dass es sich um einen Unglücksfall handelte, aber nicht jeder war davon überzeugt. Einige Schüler und Kollegen zweifelten diesen Unglücksfall immer an. Als nun Leon Berger den Schreibtisch seines Vorgängers ausräumt, fallen ihm Tagebücher in die Hand und plötzlich beginnt auch er sich zu fragen, ob Kallmann eines natürlichen Todes gestorben ist.

In Nessers neuestem Roman wird die Geschichte aus Sicht von mehreren Charakteren erzählt. Doch das, was Romane sonst immer auflockert, bewirkt hier eher das Gegenteil. Zwar lassen sich die Charaktere gut unterscheiden, der Lesefluss wird jedoch erheblich gestört. Die Schilderungen sind sehr monoton und den Figuren fehlt es an Tiefe. Mit keiner konnte ich mich so richtig anfreunden. Auch Leons Vergangenheit wird irgendwie so nebenbei abgehandelt. Seine Frau und seine Tochter kentern im Urlaub. Während die Leiche seiner Frau gefunden wird, bleibt seine Tochter verschwunden. Hier habe ich die ganze Zeit darauf gewartet, dass sich bezüglich seiner Tochter noch irgendetwas tut. Aber außer der Tatsache, dass eine Schülerin seiner Tochter bis aufs Haar gleicht, passiert irgendwie nichts. Die Geschichte zieht sich wie Kaugummi und verliert leider von Seite zu Seite mehr an Spannung. Erst ganz zum Schluss nimmt das Ganze etwas an Fahrt auf.

„Der Fall Kallmann“ ist zwar ein solider Roman, für einen Nesser kann ich aber leider nicht mehr als drei Sterne vergeben.

Bewertung vom 30.11.2017
Der vergessene Tag
Meemken, Heiner

Der vergessene Tag


ausgezeichnet

Friesoythe im August 1983: Als die Leiche der 17-jährigen Gaby gefunden wird, geraten zunächst fünf junge Männer in Verdacht, mit denen Gaby oft ihre Freizeit verbrachte – einer davon ist ihr Freund. Doch die Beweislage ist dürftig und ein Vater der Verdächtigen ist Anwalt und somit werden die Ermittlungen relativ schnell eingestellt. Doch die junge Kommissarin Eva Simon, deren mittlerweile verstorbener Vater damals als Polizist mit ermittelte und dem der ungelöste Fall niemals Ruhe ließ, glaubt ebenso wenig an einen Unfall wie ihr Vater damals und rollt den Fall nach dreißig Jahren wieder auf. An ihrer Seite: LKA-Hauptkommissar Frank Joachim. Können die beiden die Mauer des Schweigens durchbrechen und herausfinden, was damals tatsächlich geschah?

Hier ist dem Gmeiner Verlag nicht nur bei der Auswahl des Covers wieder ein echter Volltreffer gelungen. „Der vergessene Tag“ ist mal wieder ein Krimi ganz nach meinem Geschmack. Dass dieser auch noch in „heimatlichen Gefilden“ spielt, war mir allerdings vorher nicht bekannt und so war das für mich ein zusätzliches Bonbon. Viel Lokalkolorit und ein spannender Schreibstil haben diesen Regionalkrimi zu einem wahren Lesevergnügen gemacht.

Ganz unblutig und zurückhaltend hat Heiner Meemken einen Krimi vorgelegt, der mich auf ganzer Linie überzeugt hat. Selber mitzuermitteln, weil man als Leser eben nicht sofort den Mörder präsentiert bekommt, hat unheimlich viel Spaß gemacht. Bis zum Schluss ist offen, was an diesem Tag im August vor 30 Jahren tatsächlich geschah. Fast sah es so aus, als würde uns der Autor einen Täter schuldig bleiben, aber mühsam ernährt sich bekanntlich das Eichhörnchen und so gab es über 300 Seiten Spannung pur.

Einziger Minuspunkt ist, dass die Protagonisten mir ein wenig zu blass bleiben. Da aber leider nichts auf den Beginn einer Reihe hindeutet, ist es auch nicht so tragisch. Ich vergebe für „Der vergessene Tag“ fünf Sterne.

Bewertung vom 03.09.2017
Der Sandmaler
Mankell, Henning

Der Sandmaler


gut

Nach ihrem Abitur treffen sich Elisabeth und Stefan zufällig am Flughafen. Beide haben ganz unabhängig voneinander eine 14-tägige Reise nach Afrika gebucht. Währens Elisabeth Land und Leute kennenlernen möchte, verfolgt Stefan ganz andere Ziele: Schwarze Frauen abschleppen, Party machen und am Strand faulenzen. Sollte sich etwas mit Elisabeth ergeben, wäre er auch dem nicht abgeneigt. Der Leser begleitet die beiden Schweden, die unterschiedlicher nicht sein könnten auf ihrer Reise.

In diesem Roman hat Henning Mankell seine ganz persönlichen Eindrücke seiner ersten Afrikareise verarbeitet. Damals war er nicht viel älter als seine beiden Protagonisten. In Schweden erschien dieser Roman als sein erstes Buch bereits in meinem Geburtsjahr 1974. Gut, dass die deutsche Übersetzung erst jetzt herauskam, denn wäre dies der erste Roman gewesen, den ich von ihm gelesen hätte, hätte ich definitiv seine besten Werke verpasst. „Der Sandmaler“ war für mich ok, aber mehr leider auch nicht. Ich bin mit den Protagonisten überhaupt nicht warm geworden. Sie blieben mir während der ganzen 160 Seiten viel zu blass und oberflächlich. Das war ich von seinen „Wallander-Romanen“ komplett anders gewohnt. Kurze Sätze und ein einfacher Sprachstil ließen mich das Buch schnell lesen, den Anspruch habe ich allerdings vermisst – ebenso wie die für mich wichtigen Landschaftsbeschreibungen.

Einziger Pluspunkt: Nach wie vor ist die Thematik des Buches aktuell und das Leid von Land und Leuten hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Das ist der Grund, warum ich für „Der Sandmaler“ drei Sterne vergebe.

Bewertung vom 03.09.2017
Eine von uns
Cummings, Harriet

Eine von uns


sehr gut

Im britischen Dörfchen Heathcote sorgt jemand ganz gewaltig für Unruhe. Keiner der Anwohner fühlt sich mehr sicher und jeder misstraut jedem, seitdem der Fox dort sein Unwesen treibt. Er bricht in die Häuser ein, entwendet jedoch nichts. Nur einzelne Gegenstände finden sich plötzlich an einem anderen Platz wieder. Im Grunde genommen ist nichts Bedrohliches passiert. Doch das ändert sich schlagartig, als eines Tages die schüchterne Anna spurlos verschwindet …

„Eine von uns“ ist in meinen Augen kein Krimi – auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht so scheint. Hier geht es vielmehr um das Leben der Dorfbewohner. Jeder Einzelne von Ihnen hat mit Problemen zu kämpfen. Viele von ihnen werden weder geachtet noch beachtet. Deloris, die Freundin der verschwundenen Anna z. B. führt ein Leben im Luxus, mit einem Mann, den sie eigentlich nicht so liebt, wie es in einer Ehe sein sollte. Sie langweilt sich in ihrem Luxusleben und die einzige Ablenkung ist der Abend, an dem „Dallas“ im Fernsehen läuft. Jeder der Bewohner hat seine Leichen im Keller und gerät auch irgendwie ins Visier der Polizei.

Mir ist es während des Lesens nicht gelungen, den Fox auszumachen. Harriet Cummings lenkt die Aufmerksamkeit geschickt in jede Richtung auf jede Figur. Der ganze Schreibstil ist „very british“ und hat mir auch sehr gut gefallen. Interessant ist, dass es sich bei der Geschichte um den „Fox“ um eine wahre Begebenheit handelt. Erzählt wird sie in diesem Fall aus vier unterschiedlichen Perspektiven. Und jeder Erzähler steht in irgendeiner Verbindung zu Anna. Die versprochene Hochspannung nach Art von Hitchcock wird hier zwar bei Weitem nicht erreicht. Aber die Autorin hat mit ihrem Debütroman für gute Unterhaltung gesorgt. Ich vergebe vier Sterne.

Bewertung vom 02.09.2017
Die Lieferantin
Beck, Zoë

Die Lieferantin


sehr gut

London in der Zukunft. Der Brexit ist bereits vollzogen. Ellie Johnson hat ihren Bruder durch illegale, nicht saubere Drogen verloren. Sie wählt einen etwas ungewöhnlichen Weg, um andere junge Leute davor zu schützen: Sie verkauft selber Drogen über das Darknet, allerdings nur saubere Ware und diese wird durch Drohnen ausgeliefert. Mit dieser neuen Art des Drogenverkaufs macht sie sich unter den alten Hasen keine Freunde und es dauert nicht allzu lange, bis auf sie ein Kopfgeld ausgesetzt ist …

Zoe Beck hat zugegebenermaßen einen sehr gewöhnungsbedürftigen Schreibstil. Die ganzen unterschiedlichen Figuren haben mich zunächst noch etwas verwirrt. Zumal sie augenscheinlich alle nichts miteinander zu tun haben. Es hat etwas gedauert, bis ich alles durchblickt habe. Doch nach und nach konnte ich immer weiter in die Geschichte eintauchen. Drogen, Macht und Korruption. Die Autorin versteht zu fesseln. Besonders interessant fand ich die detaillierte Beschreibung der Drohnentechnik und dass es sich hier um Drohnen handelt, die eigentlich für den Krieg konzipiert sind. Ich bin mir nicht sicher, wie viel von dem, was Zoe Beck zu ihrem Thema gemacht hat, tatsächlich schon so eingetreten ist. Weit davon entfernt sind wir in der heutigen Zeit mit Sicherheit nicht und das finde ich schon sehr beängstigend.

„Die Lieferantin“ ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Dies war zwar mein erstes aber sicherlich nicht mein letztes Buch von Zoe Beck. Von mir gibt es vier Sterne.

Bewertung vom 25.08.2017
Ostfriesenkind (Mängelexemplar)
Leimbach, Alida

Ostfriesenkind (Mängelexemplar)


ausgezeichnet

Wenn man in Ostfriesland wohnt, sind Bücher, die von Ostfriesland handeln, irgendwie Pflichtlektüre. Aus diesem Grunde bin ich auf den Roman von Alida Leimbach aufmerksam geworden. „Ostfriesenkind“ handelt von der jungen Leni, deren Traum es eigentlich ist, Friseurin zu werden. Da im Jahre 1952 das Geld jedoch knapp ist, zwingen ihre Eltern sie, als Zigarrenmacherin in der Fabrik Deimann zu arbeiten. Die Arbeit ist hart, denn sie muss an sechs Tagen in der Woche elf Stunden täglich Zigarren im Akkord wickeln. Ludwig Deimann betrachtet die Entwicklung auf dem Zigarrenmarkt mit Sorge. Auch die Hoffnung, dass sein Sohn Richard als Nachfolger in das Unternehmen einsteigt, muss er bald begraben. Diesem ist seine Malerei wichtiger und er möchte lieber Kunst studieren. Nun kann nur noch Tochter Marga die Firma vor dem finanziellen Ruin retten, und zwar durch eine Heirat mit dem Industrieellensohn Erich Kruskopp.

Auf ebendieser Hochzeit lernt Leni, die dort als Servicekraft aushilft, die beiden Geschwister kennen und verliebt sich sofort in Richard. Aber ihre Liebe steht unter keinem guten Stern und auch Erich Kruskopp, der mittlerweile in die Firma eingestiegen ist, entpuppt sich als brutaler Despot, was die Arbeitsbedingungen für alle Angestellten wesentlich verschlechtert. Schon bald kommt es zur Katastrophe …

Alida Leimbach erzählt die Geschichte von Leni auf zwei Zeitebenen. Der Leser lernt Leni zunächst im Jahr 2012 als alte Frau kennen. Diese bekommt Besuch von ihrer Tochter Kirstin, und als per Zufall der Name Richard Deimann fällt, beginnt Leni, von ihrer Zeit als Vierzehnjährige zu erzählen. Alida Leimbach hat einen unheimlich erfrischenden Schreibstil, die Geschichte fesselte mich von Beginn an. Das entbehrungsreiche Leben in der Nachkriegszeit wird von der Autorin sehr eindrücklich geschildert. Ich habe mich gut in die Lage der jungen Leni versetzen können und habe mit ihr gelitten. Eine Liebe in so kontroversen Gesellschaftsschichten kann nur selten eine Zukunft haben.

Und auch Marga bereut es zutiefst, einen Mann geheiratet zu haben, der sich als Tyrann entpuppt, der seine Frau immer wieder schlägt. Die Gründe für diese Hochzeit waren jedoch nicht ganz uneigennützig. Zum einen wollte sie die Fabrik vor dem finanziellen Ruin schützen und zum anderen konnte ihr Erich einiges mehr bieten als der Stallbursche Thies. Aber der Preis dafür war hoch, denn sie hat ihre große Liebe geopfert – auch wenn diese Liebe ebenso wenig standesgemäß gewesen wäre wie die zwischen Leni und Richard. Und doch hat Marga in all dieser Zeit die Liebe zu Thies nie losgelassen.

Mir gefallen die Charaktere in diesem Roman, weil Alida Leimbach sie sehr authentisch darstellt. Ihr Leben wird spannend erzählt und die Geschichte lässt sich sehr flüssig lesen. Die Autorin hat sehr viel Dramatik mit eingebracht und gerade das hat mir an diesem Roman so gut gefallen. Ein Buch, in dem es nicht immer nur um Friede, Freude, Eierkuchen geht, kommt bei mir grundsätzlich gut an. In „Ostfriesenkind“ ist jede Menge Lokalkolorit enthalten und es hat Spaß gemacht, durch Leer oder Weener zu streifen.

Als Bonus gibt es im Anhang der Geschichte noch ein paar Rezepte von Lenis Oma Frida wie z. B. Labskaus, Apfelpfannkuchen, Bratkartoffeln mit Schinkenspeck oder Grünkohl mit Pinkel. Die Romane von Alida Leimbach stehen nun allesamt auf meinem Wunschzettel und für „Ostfriesenkind“ gibt es von mir fünf Sterne und eine dicke Empfehlung.

Bewertung vom 25.08.2017
Mordsgrumbeere
Schneider, Harald

Mordsgrumbeere


sehr gut

Rund um die Kartoffel geht es im dreizehnten Fall von Kommissar Reiner Palzki. Ich mag Kartoffeln in allen möglichen Variationen, wobei die Mordskartoffel auf dem Cover nicht sehr appetitlich aussieht. Aber sie passt zum Krimi. Der Fall ist, wie auch sämtliche Charaktere im Buch, wieder einmal völlig abgedreht und überzogen. Neueinsteiger in die Reihe werden es eher schwer haben, für Palzki-Fans ist das jedoch nicht wegzudenken.

Als Reiner Palzki auf dem Biobauernhof „Kartoffel-Käfer“ (ich liebe diese Wortspiele) im Büro der Vorarbeiterin eine unbekannte Tote findet, steht er vor einem Rätsel. Eigentlich hat er dem Hof von Roswitha Ziemniak und ihrem Mann nur einen Besuch abgestattet, weil dort eine Vorarbeiterin als vermisst gemeldet worden ist. Doch die gefundene Tote ist nicht die gesuchte Vorarbeiterin. Aber wer ist die Tote ohne Gesicht? Wer hat sie getötet und versteckt? Wo ist die vermisste Vorarbeiterin? Verdächtig ist auf jeden Fall, dass der Inhaber des Biohofes es nicht ganz so genau mit der Treue nimmt und gleichzeitig mehr als eine Liebschaft pflegt. Eine davon ist die Neustadter Stadträtin Paula Hambacher. Durch sie lernt Palzki schließlich auch die Hobbydetektivin Avril Walters aus England kennen. Als auf dem Firmengelände eines Getränkehändlers vor seinen Augen die Vorarbeiterin des Biobauernhofs brutal ermordet wird, ist es auch die pensionierte Lehrerin, die ihm bei den Ermittlungen hilft.

Lustig und skurril, wie man es kennt, geht es in „Mordsgrumbeere“ zu. Es tauchen wieder viele Figuren auf – alte Bekannte, aber auch viele neue. Ich bin immer froh über das anhängende Personenglossar. Ansonsten wäre ich vollkommen überfordert mit den ganzen Namen. Viele Figuren geben aber auch immer viel Raum zum Spekulieren. Unter ihnen gibt es einen Täter und der will gefunden werden. Von Palzki, Dietmar Becker (dem krimischreibenden Studenten) und natürlich von mir. Das war gar nicht so einfach.

Harald Schneider hat natürlich auch wieder fleißig Recherche zum Thema betrieben und so erfährt der Leser viel Wissenswertes über die Kartoffel und deren Anbau. Auch wenn es den Krimifluss kurzzeitig unterbricht, so möchte ich auf diese Informationen in den Büchern von Harald Schneider nicht verzichten. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und das gilt in diesem Fall auch für den Anhang der Palzki-Krimis. Ein Palzki-Band ohne Kurzgeschichte oder Ratekrimi geht gar nicht. Und auch hier hat der Autor seine Leser nicht enttäuscht. Von mir gibt es vier Sterne für „Mordsgrumbeere“.

Bewertung vom 10.07.2017
Der Brief
Hagebölling, Carolin

Der Brief


ausgezeichnet

Die Journalistin Marie, die mit ihrer Lebensgefährtin Johanna in Hamburg lebt, findet eines Tages einen Brief in ihrem Postkasten. Adressiert auf ihren Namen, jedoch mit einer Pariser Adresse. Etwas irritiert öffnet sie ihn und stellt fest, dass er von ihrer alten Schulfreundin Christine ist, die über Gott und die Welt und über Marie und ihrem Mann Victor, so wie deren gerade geborenes Kind schreibt. Auch von Maries Galerie in Paris ist die Rede und einer überstandenen Krankheit. Christine selbst schreibt von ihren beiden Kindern, ihrem Mann und ihrem Leben in Berlin. Dabei weiß Marie ganz sicher, dass Christine ihre alte Heimat nie verlassen hat.

Ein Besuch Maries bei ihrer Freundin stiftet eher noch mehr Verwirrung, als dass er Aufschlussreiches zutage bringt, denn Christine hält das Ganze für einen grausamen Scherz, da sie das zweite Kind damals vorher verloren hat und niemand davon weiß. Aber wer, wenn nicht Christine hat diesen Brief geschrieben und warum? Marie möchte der ganzen Sache auf die Spur kommen und macht sich auf den Weg nach Paris und trifft dort tatsächlich auf Victor. Und zu ihrem Schrecken muss sie feststellen, dass ihr alles so vertraut vorkommt und sie plötzlich fließend französisch spricht …

Mich hat zunächst die Aufmachung des Covers von Carolin Hageböllings Roman angesprochen. Es sieht aus wie die Vorderseite einer Postkarte mit einem Pariser Motiv und der Buchtitel „Der Brief“ verleitet gleich zum Lesen des Klappentextes und genau dort hat die Falle dann zugeschnappt. Kein Thriller, sondern ein normaler Roman über die Frage der Realität und was wäre passiert, wenn? …

Der sehr angenehme und flüssig zu lesende Schreibstil der Autorin hat das Buch zu einer wundervollen Lektüre gemacht. Immer davon getrieben, erfahren zu müssen, was es mit dem Brief auf sich hat, habe ich Seite um Seite umgeblättert und mich mitreißen lassen von dem Spiel, das Carolin Hagebölling mit ihren Lesern treibt. Protagonisten, mit denen man mitfühlen - sie aber in der Ausführung ihrer Aktionen nicht immer verstehen kann. Mir ging es die ganze Zeit wie den Protagonisten, auf der Suche nach der Wahrheit, die letztlich doch keine ist oder? Am Ende bleibe ich mit weit mehr Fragen zurück und bin dennoch zufrieden mit der Geschichte, die die Autorin mir bietet. Mit dieser Realität habe ich, genau wie die Protagonisten am Ende, meinen Frieden gemacht und wurde dafür mit einigen Stunden absolutem Lesevergnügens belohnt. Daher von mir fünf Sterne für „Der Brief“ und eine Entschuldigung an die Leser meiner Rezension, dass ich mich etwas zurückhalte mit dem Schreiben über den Inhalt. Aber ich denke, hier wäre jedes weitere Wort einfach zu viel. Ich möchte keinen Leser um die wohlverdiente Spannung bringen ;-)

Bewertung vom 25.06.2017
Das Haus der schönen Dinge
Rehn, Heidi

Das Haus der schönen Dinge


sehr gut

München im Jahr 1897: Der jüdische Kaufmann Jacob Hirschvogl hat sich mit der Eröffnung seines Kaufhauses Hirschvogl am Rindermarkt einen großen Traum erfüllt. Als Jacob zum Königlich Bayerischen Hoflieferanten ernannt wird, ist sein Glück perfekt. Er und seine Frau Thea investieren viel Zeit und Kraft, um der Kundschaft stets das Beste vom Besten zu präsentieren. Den Wunsch, einer ihrer Söhne möge das Haus irgendwann einmal weiterführen, erfüllt sich jedoch nicht. Dafür interessiert sich Tochter Lily umso mehr für das prunkvolle Kaufhaus und ist ihren Eltern eine sehr große Hilfe.

Doch die Zeit des Nationalsozialismus zeigt sehr deutlich, dass auch ein jüdischer Kaufmann keinen Sonderstatus besitzt und selbst einige seiner Stammkunden stellen sich plötzlich gegen ihn. Er sieht sich einer Mischung aus Neid, Hilflosigkeit und Wut gegenüber …

Neben dem Titel „Das Haus der schönen Dinge“ ist bereits das Cover ein echter Blickfang. Genau so habe ich mir das Kaufhaus Hirschvogl bei den ausschweifenden Beschreibungen der Autorin auch vorgestellt. Die bildhaften Beschreibungen über das Kaufhaus haben mir noch am besten gefallen. Egal ob es die überbordende Dekoration oder Beleuchtung war, das fulminante Warensortiment, die Soireen, die von Zeit zu Zeit stattfanden, das große Kinderkarussell oder die Rolltreppen, die im Lichthof eröffnet wurden, waren – ich habe all das zusammen mit der Familie Hirschvogel genossen. Ich habe mich selbst mit staunendem Gesicht in der Menge der heranströmenden Kunden gesehen, als das Kaufhaus eröffnet wird. Und war ebenso fassungslos wie Lily, als sie 1952 vor den Trümmern des einstmals so imposanten Gebäudes steht.

Weit über 600 Seiten hat das neueste Werk von Heidi Rehn. Einige davon leider etwas zu langatmig und das an Stellen, wo ich mir eher weniger gewünscht hätte. Bei den Protagonisten habe ich diesen Tiefgang leider etwas vermisst. Es waren mehrere große Zeitsprünge vorhanden, bei denen ich lieber davon gelesen hätte, wie es den Protagonisten in der Zeit ergangen ist. Auch konnte ich das Handeln einiger Charaktere nicht ganz nachvollziehen, wie z. B. Bennos Weggang aus München und sein Verhältnis zu Wiggerl, denn so richtig bekannt hat er sich ja nie zu ihm.

Sehr hilfreich ist der vorne im Klappentext angegebene Stammbaum. Es tauchen aber noch weitaus mehr Charaktere in der Geschichte auf und es war nicht immer ganz einfach, die ganzen Namen zuzuordnen. Ich liebe Romane, die über mehrere Generationen hinweg spielen und Heidi Rehn überzeugt mit einem sehr bildhaften Schreibstil. Von mir gibt es vier Sterne für „Das Haus der schönen Dinge“.

Bewertung vom 05.03.2017
Perfect Girl - Nur du kennst die Wahrheit
MacMillan, Gilly

Perfect Girl - Nur du kennst die Wahrheit


sehr gut

Auf dem Rückweg von einer Party kommen an einem Winterabend drei Jugendliche ums Leben. Die Fahrerin des Wagens, Zoe Guerin, ist zum Unfallzeitpunkt erst 14 Jahre alt. Obwohl sie es bestreitet, Alkohol getrunken zu haben, fällt der Alkoholtest positiv aus. Sie verbüßt ihre Strafe im Jugendarrest und währenddessen geht die Ehe ihrer Eltern in die Brüche. Nun, drei Jahre später hat Zoes Mutter Maria einen neuen Lebensgefährten und zusammen mit dessen Sohn Lucas wohnt die Patchworkfamilie in Bristol. Zoe trägt nun den Nachnamen Maisey, weil Mutter und Tochter alles daran setzen, dass niemand sie mit diesem Unfall in Verbindung bringt. Als Zoe, die eine begabte Pianistin ist, eines Abends zusammen mit ihrem Stiefbruder ein Konzert gibt, steht plötzlich ein Mann aus dem Publikum auf und beginnt Zoe wüst zu beschimpfen. Es stellt sich heraus, dass es der Vater eines der ehemaligen Unfallopfer ist. Das Kartenhaus fällt in sich zusammen und die Vergangenheit hat die beiden Frauen wieder eingeholt. Nur Stunden später ist Zoes Mutter tot …

Mir hat „Perfect girl“ ganz gut gefallen. Als Thriller jedoch würde ich den Roman nicht unbedingt betiteln, denn dafür ist mir einfach zu wenig Spannung vorhanden. Gilly Macmillan lässt ihre Protagonisten die Geschichte aus ihrer Sicht erzählen. Und es sind nicht wenige, die etwas zu sagen haben. Zu Wort kommen Zoe selbst, ihr Strafverteidiger, Zoes Tante Tessa und ihr Onkel Richard. Die Schilderungen lassen sich sehr flüssig lesen und auch der Schreibstil der Autorin hat mir zugesagt. Meiner Meinung nach werden viele Romane jedoch aus Werbezwecken künstlich aufgebauscht. „Perfect Girl“ hat das aber nicht nötig. Es handelt sich hier zwar nicht um einen Thriller, entwickelt aber nichtsdestotrotz seinen eigenen Charme und kann als Familienroman durchaus mithalten. Wer jedoch einen Thriller erwartet, wird eher enttäuscht sein.

Das Ende war für mich jetzt keine große Überraschung – eher, dass es so schnell abgehandelt wurde. Der Titelzusatz „Nur Du kennst die Wahrheit“ ist somit auch nur Mittel zum Zweck, um den Verkauf des Buches anzukurbeln. Spätestens nach 100 Seiten hat jeder Leser zumindest eine leise Ahnung, wohin die Reise geht.

Gilly Macmillan hat mich mit ihrem Roman sehr gut unterhalten und ich würde auch ihr nächstes Werk gerne wieder lesen. Von mir gibt es vier Sterne.