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gabiliest
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Wien

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Insgesamt 103 Bewertungen
Bewertung vom 05.01.2026
Maurer, Jörg

Kommissar Jennerwein und der tintendunkle Verdacht / Kommissar Jennerwein ermittelt Bd.16


sehr gut

Weimar im Jahr 1806. Bekannte Autoren aller Epochen flanieren durch die Straßen, alles ist lebensecht. Goethe und Kafka, Schiller und Bert Brecht unterhalten sich über Literatur. Virtual Reality macht es möglich.
Alle Beteiligten wollen etwas gegen den Niedergang der Lesekultur tun, daher sind sie Mitglieder von Salomes Lesekränzchen. Doch wie Aufmerksamkeit generieren? Unter dem Motto “LESEN HILFT” stellen sie in der Literatur beschriebene Verbrechen nach. Besonders spektakulär agieren dabei drei Influencerinnen, Ene, Mene und Muh. Dass Autor Jörg Maurer den Dreien die Figur des Konfuzius zugeschrieben hat, zeugt von leiser Ironie. Aber auch von Verachtung, denn als die alltäglichen Klarnamen der Foristen, die über die ganze Welt verstreut leben, publik werden, bleiben die drei Frauen weiterhin Ene, Mene und Muh.

Jennerwein spielt in diesem sechzehnten Fall “Kommissar Jennerwein und der tintendunkle Verdacht” eine völlig andere Rolle als in den bisherigen Bänden von Jörg Maurer. Diesmal reist er durch die Welt und hält Vorträge über den “besonderen Blick”, das sofortige Erkennen, was an einem Tatort ungewöhnlich ist. Doch Jennerwein greift ein, als ein Politiker ermordet wird, der die Sprache vereinfachen wollte. Können seine radikalen Ideen das Motiv für den Mord gewesen sein? Keine Groß- und Kleinschreibung mehr? Das geht gar nicht, findet der Autor und ich pflichte ihm bei, denn das kann den Sinn eines Satzes verändern. Zwischen “ich habe liebe Genossen” und “ich habe Liebe genossen” ist ein himmelweiter Unterschied! Und für einen zum Tode verurteilten Delinquenten kann ein Komma lebensrettend sein: “Wartet, nicht hängen!” ist etwas Anderes als “wartet nicht, hängen!”

Jörg Maurer betont in diesem Buch unter den Schlagwort “LESEN HILFT” die Wichtigkeit von Leseförderung und humanistischer Bildung. Der Erhalt der Schönheit der Sprache- wir sind ja das Land der Dichter- sowie ihrer Klarheit und Präzision- wir sind auch das Land der Denker- wird in zahlreichen Appellen betont. Allerdings meine ich, dass die Zielgruppe hier nicht erreicht wird, denn die in virtuellen Lesezirkeln Engagierten lesen sowieso mit Leidenschaft, Literaturverweigerer werden durch die Aufzählung vieler großer Namen, die den Betroffenen wenig sagen, eher abgeschreckt.

Und Jennerwein? Er hat seinen Auftritt vor allem im zweiten Teil des Buches, wo er Indizien sammelt, um den Politikermord aufzuklären. Leider wird sein Team nur in einer kurzen Sequenz erwähnt, die oft humorvollen gruppendynamischen Prozesse bleiben dabei auf der Strecke. Doch es gibt in der virtuellen Welt von Salomes Lesekränzchen humorvolle Szenen. So leidet die Figur des Shakespeare am Tourette-Syndrom und sondert ausschließlich Schimpfwörter ab. Eine künstliche Intelligenz wird ausgeknockt, indem man ihr Entscheidungsfragen stellt. Hinter phantasievollen Schilderungen verbergen sich jedoch ernste Überlegungen zum Zustand des Bildungssystems und zum Einfluss der Technik auf Sprache und Büchermarkt. Dennoch hätte ich mir von diesem Roman gewünscht, dass, wenn Jennerwein draufsteht, auch mehr Jennerwein drin ist.

Witzig ausgesucht sind die Schlussworte des Buches (da kommt sogar Uschi Obermaier zu Wort, die allerdings nur älteren Lesenden bekannt sein dürfte). Jörg Maurer zitiert Georg Christoph Lichtenberg, der Rezensionen als eine Art Kinderkrankheit bezeichnet, die neugeborene Bücher befällt. Der Büchergeburtstag dieses Romanes ist jetzt schon ein bisschen her, daher hoffe ich, dass diese Rezension nicht als Krankheitssymptom, sondern als Placebo verstanden wird, verabreicht von einem wohlwollenden Jennerwein- Fan. Wer Krimis, Literatur und virtuelle Welten mag, hat hier sicher zum richtigen Buch gegriffen.

Bewertung vom 29.12.2025
Hennig, Tessa

Lieber solo als allein


ausgezeichnet

“Dio mio” eine italienische Hochzeit! Genau darum dreht sich der Liebesroman der bekannten Autorin Tessa Hennig Schon das fröhliche Cover macht Lust, die Protagonisten nach Italien zu begleiten. Doch italienische Familienangelegenheiten haben so ihre Tücken und natürlich geht auch in diesem witzigen Liebesroman nicht alles glatt.

Leonie und Luca wollen heiraten. Leonie kommt aus Deutschland zu den zukünftigen Schwiegereltern nach Italien, die in Perugia ein in die Jahre gekommenes Hotel betreiben. Entspricht das Leonies Vorstellung von ihrer Zukunft? Luca, der aus Perugia stammt, ist ebenfalls hin und her gerissen zwischen der Möglichkeit, das Hotel seiner Eltern zu übernehmen oder mit Leonie noch die Welt zu sehen, denn beide sind Hotelfachleute. Und natürlich darf bei dieser Hochzeit die deutsche Familie nicht fehlen. So reisen Oma Gabriele, Mutter Katrin und Papa Oliver an, allerdings sind Oliver und Katrin bereits länger getrennt.

Tessa Hennig beschreibt die Charaktere der Protagonisten liebevoll und einfühlsam, ohne jedoch in Klischees abzugleiten. Für alle Generationen ist gesorgt: Oma Gabriele, die nach dem Tod ihres Mannes sehr zurückgezogen gelebt hat, blüht wieder auf. Das liegt unter anderem daran, dass ihre Kochkünste wieder gefragt sind, aber da gibt es auch noch Francesco. Katrin hinterfragt ihr Karrierefrau-Image und ist unschlüssig, ob sie Oliver noch liebt. Oliver, der eigentlich zurückhaltend ist, blüht in Italien richtig auf. Lucas italienische Familie hat auch ihre unerwarteten Geheimnisse. Und nicht zuletzt Leonie und Luca, das Brautpaar, dessen Lebensentwurf nicht so klar ist und das eine große Bewährungsprobe bestehen muss, bevor es- natürlich- ein Happy End gibt.

Dieses Buch hat alles, was man sich von einem gelungenen Liebesroman erwartet: Italienisches Temperament, grande amore, familiäre Wirrungen und Verstrickungen, porca miseria! (Das ist ein Schimpfwort und braucht nicht übersetzt zu werden.)

“Lieber solo als allein” ist ein fröhliches und entspannendes Buch, das sich gut lesen lässt. Der Schreibstil der Autorin ist realitätsnah, leichthändig und beschwingt entführt sie die Lesenden nach Perugia, in das sonnige Italien, nach dem die Sehnsucht in der Winterzeit besonders groß ist. Der Liebesroman bietet eine vergnügliche, unterhaltsame Geschichte, daher empfehle ich das Buch gerne weiter.

Bewertung vom 22.12.2025
Gelfuso, Hayley

Das Buch der verlorenen Stunden (eBook, ePUB)


sehr gut

“Das Buch der verlorenen Stunden“, der Debütroman der Autorin Hayley Gelfuso, wirft zu Anfang eine philosophische Frage auf, die heute auch Wissenschaftler noch nicht beantworten können: Was geschieht mit unseren Erinnerungen, kann man sie verändern und manipulieren? Welche sind es wert, erhalten zu bleiben? Diesem interessanten Thema entspricht die hochwertige Ausstattung des Buches mit Goldprägung des Buchumschlages und der Abbildung des Zeitraums, einer Bibliothek, in der die Erinnerungen der Menschheit aufbewahrt werden.

Der Roman hat zwei sehr unterschiedliche Handlungsstränge und Zeitebenen.

Die Geschichte beginnt 1938 in der Reichskristallnacht, als ein jüdisches Mädchen, Lisavet, von ihrem Vater, einem Zeithüter, in den Zeitraum gebracht wird. Dort ist sie vor Verfolgung sicher. Doch dort ist sie auch gefangen, denn der Vater kommt nicht zurück. In dieser Falte der Zeit gelten keine realen Regeln und Bedürfnisse, doch Lisavet gelingt es, in die Erinnerungen anderer Menschen einzutauchen und dort mitzuleben. Nur Zeithüter, meistens Agenten der jeweiligen Regierungen, können den Zeitraum betreten. Sie vernichten unliebsame Erinnerungen, doch Lisavet setzt alles daran, diese Erinnerungen zu retten. Als sie eines Tages einem amerikanischen Zeithüter, Ernest, begegnet, ändert sich Lisavets Leben und sie überlegt erstmals, den Zeitraum zu verlassen.

Im zweiten, 1952 beginnenden Handlungsstrang versucht Moira, eine in Diensten des CIA stehende Agentin und skrupellose Mörderin, ein junges Mädchen, Amelia, zu schützen. Denn Amelia soll im Zeitraum Lisavets gerettete Erinnerungen finden.

Als sich beide Handlungsstränge vereinen, entsteht eine phantastische Geschichte, die jedoch starke Brüche in Sinn und Inhalt aufweist. Der Roman, am Anfang durch die junge Protagonistin durchaus für Jugendliche und junge Erwachsene geeignet, wird zu einem, allerdings nicht mit Bedacht ausgearbeiteten, Agententhriller. Die Wandlung in den Charakteren der Figuren ist schwer nachvollziehbar, eine eingebaute schwierige Liebesgeschichte bringt einen unerwarteten Plottwist. Das Buch nimmt sowohl oberflächlich auf den kalten Krieg Bezug als auch auf historische und wissenschaftliche Fakten, die jedoch zur Erklärung des Geschehens kaum etwas beitragen können.

Haley Gelfuso hat mit “ Das Buch der verlorenen Stunden” einen Roman geschrieben, der mit einer der großen Fragen der Menschheit beginnt, eine schön ausgearbeitete Geschichte, die auf ein jüdisches Schicksal hinweist, ohne jedoch näher auf die Gräueltaten der Nazis einzugehen. Hier zeigt sich die durchaus nachvollziehbare Entwicklung der Figur von Lisavet, die von moralischen und ethischen Grundsätzen in ihren Handlungen geleitet wird. Der Schreibstil der Autorin ist in diesem Abschnitt klug, empathisch und manchmal poetisch, denn Lyrik spielt eine bedeutende Rolle.

Kalte Sachlichkeit und Gewalt prägt den Wechsel des Genres zu einem Agententhriller und zu der Figur von Moira, die dem Charakter von Lisavet diametral entgegengesetzt agiert. Zu unstimmig entwickelt sich die Handlung, zu durchsichtig sind die Argumente, mit denen Moira ihre Taten rechtfertigt.

Auch wenn des Buch einen positiven, versöhnlichen Schluss bietet, der es den Lesenden überlässt, ihn der Fiktion oder der Realität zuzuschreiben, hält für mich dieser Roman in seiner Gesamtheit leider nicht, was der gelungene Anfang der Buches versprochen hat. Doch stimme ich aus vollem Herzen der Autorin zu, die in ihrem Nachwort betont, dieses Buch für all jene geschrieben zu haben, die so gut wie vergessen sind. Daher bewerte ich den Roman mit vier Sternen.

Bewertung vom 18.12.2025
McCluskey, Laura

Wolfskälte (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Die australische Autorin Laura McCluskey hat mit “Wolfskälte” ihren ersten Roman, einen Krimi, vorgelegt. Das gelungene, stimmungsvolle Cover entführt die Lesenden nach Eilean Eadar, eine einsame Insel vor der Westküste Schottlands.

Ein Todesfall ist ungeklärt, Verbrechen oder Selbstmord? Der achtzehn Jahre alte Alan ist vom Leuchtturm der Insel gestürzt. Die Detective Inspectors Georgina - genannt George- Lennox und Richard Steward, die aus Glasgow vom Festland kommen, sollen die Umstände aufklären. Auf dieser einsamen Insel toben Stürme, die Bewohner sind auf sich selbst und einander angewiesen, vom Festland kommt keine Unterstützung. Alles erscheint wie in alter Zeit.

George und Richard werden von den Inselbewohnern vordergründig höflich aufgenommen, dennoch ist eine starke Abneigung gegen sie spürbar; es kommt zu Verwünschungen und sogar Tätlichkeiten. Dabei hat George genug mit sich selbst zu tun: Bei einem Einsatz vor einigen Monaten wurde sie schwer verletzt und hat jetzt noch an den Folgen zu tragen. Doch sie verbirgt ihre Schmerzen, auch vor ihrem Kollegen, der ihre Dienstfähigkeit mehr und mehr in Zweifel zieht. Verdächtig und verschlossen sind die Inselbewohner, die den Priester, Pater Ross, zu fürchten scheinen. Er tritt als moralische Autorität auf, gibt sich sehr um seine Gemeindemitglieder bemüht, dennoch bleibt seine Rolle undurchsichtig.

Laura McClusky beschreibt eindringlich die düstere und unheilschwangere Atmosphäre auf der abgeschotteten Insel, die von Unwettern heimgesucht wird. Der dort ohne Schule, Arzt und gängige Technik lebende Menschenschlag ist argwöhnisch und hat seine eigenen, uralten Bräuche, die den Priester nicht zu stören scheinen. Als George und Richard versuchen, den Tod von Alan aufzuklären, stoßen sie neben vielen Sagen und Legenden, denen die Dorfbewohner anhängen, auch auf das weit zurück liegende Verschwinden von drei Leuchtturmwärtern. Was ist damals geschehen? Hängt dieses in der Vergangenheit liegende Geheimnis mit Alans Tod zusammen?

“Wolfskälte” ist geprägt von ausgezeichneten Charakterschilderungen der einzelnen Protagonisten. Sowohl die Inspektoren als auch die Dorfbewohner in ihrem mittelalterlichen Aberglauben, ihrer Furcht und ihrer zusammengeschweißten Gemeinschaft, die nach archaischen Regeln lebt, werden realitätsnah dargestellt. Die Lesenden werden schnell in das Geschehen involviert, dennoch erscheint es lange unmöglich, die begangenen Verbrechen aufzuklären.

Vor allem das Verhalten von George steht im Vordergrund, die verbissen darum kämpft, nach ihrer schweren Verletzung im Außendienst zu bestehen. Sie ist ungeheuer willensstark, neigt aber immer wieder zu Alleingängen und bringt sich dadurch oft in Gefahr. Erst spät erkennt George, was der Mensch mit der Wolfsmaske, der sie durch ein Fenster beobachtet, ihr zeigen will. Dann jedoch werden ihre schlimmsten Befürchtungen und Vorstellungen durch die Realität übertroffen. Was bleibt, ist Entsetzen!

Ihr Partner Richard ist als ihr Vorgesetzter älter und gelassener. Er hat die Gabe, Menschen ins Gespräch zu ziehen, doch er ahnt nicht, was wirklich hinter den mysteriösen Todesfällen steckt. Er versucht, Georges Alleingänge zu verhindern, was allerdings nicht gelingen will. So ist es letztlich doch George, die das furchtbare Geheimnis dieser entlegenen Insel und ihrer nach alten Traditionen und Wertesystemen lebenden Bewohner entschlüsselt.

Laura McClusky beschreibt in mitreißendem Erzählstil die Engstirnigkeit und Angst der Inselbewohner sehr plastisch, es gelingt ihr hervorragend, eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen. Man wird von Kapitel zu Kapitel neugieriger auf die Auflösung dieser verworrenen Geschehnisse. Der Roman hält den Spannungsbogen bis zum Schluss und bietet eine unerwartete, jedoch glaubhafte Auflösung des Geschehens. Mir hat dieses Buch, das durchaus auch Thrillermomente zu bieten hat, sehr gut gefallen und ich empfehle es allen Krimi- und Thrillerfans gerne weiter.

Bewertung vom 12.12.2025
Rosenberg, Marc

Eliot Holtby und das Universum der Vergangenheit


sehr gut

Der bekannte Autor Marc Rosenberg erzählt mit “Eliot Holtby und das Universum der Vergangenheit” eine Geschichte, die phantasievoll und ungeheuer ideenreich ist. Das schöne Hardcover mit Goldrand sowie das Lesebändchen betonen die hochwertige Ausstattung des Buches. Am Beginn findet sich ein Personenverzeichnis, das hilfreich ist, denn in dem Jugendroman, der ab 10 Jahren empfohlen wird, wimmelt es von Personen, die sowohl in der realen Welt wie in einem Paralleluniversum beheimatet sind.

Eliot Holtby ist ein dreizehn Jahre alter Junge, der in einem Zirkus bei seinem Ziehvater Hilarius in den Niederlanden aufwächst. Doch dieser dreizehnte Geburtstag ist ein Schicksalstag, denn Hilarius verrät Eliot ein schlimmes Geheimnis: Er muss die Welt vor seiner bösen Tante Euphemia LaCroix, einer Hexe, retten. Eliot hat magische Kräfte, die er von seiner Mutter, einer guten Hexe, geerbt hat. Doch Eliot hofft, dass seine Eltern noch leben.

Eliot betritt in einer Parallelwelt die riesige Stadt Chilverse, die von Toten aller Epochen sowie lebenden Menschen bewohnt wird. Ihn empfängt nach einer etwas missglückten magischen Reise, die er gemeinsam mit seinem blinden Freund Florens und der uralten, weisen und sprechenden Schildkröte Mr. Touchdown gemacht hat, Abigail, ein sehr resolutes Mädchen. Ein blauer Saphir soll den Kindern helfen, die Landkarte des Lichts zu finden. Denn nur wenn Eliot die Lichter findet, die einen siebenarmigen Leuchter in der Kirche in Amsterdam zum Strahlen bringen, ist seine Mission gelungen.

“Eliot Holtby und das Universum der Vergangenheit” beschreibt die erste Prüfung, die Eliot bestehen muss. Bei seiner Aufgabe helfen ihm historische Persönlichkeiten wie Johann Sebastian Bach, der ihm die Vergangenheit zeigt oder Galileo Galilei, der ihn auf eine Sternenkonstellation hinweist. Eliot und seine Freunde treffen Henri de Toulouse-Lautrec in Paris zu Glanzzeiten des Moulin Rouge und besuchen den Louvre, um Antworten zu finden. Auch Jules Verne und ein Fesselballon spielen eine wichtige Rolle. Besonders aber ist die Aussage von Hilarius, dass Eliot in der Kirche in Amsterdam ein Kästchen finden wird, das alle Fragen der Menschheit beantwortet. Wird Eliot diese erste Prüfung bestehen können?

Marc Rosenberg hat mit diesem Roman eine spannende Geschichte geschrieben, die an verschiedenen historischen oder imaginären Schauplätzen spielt. Sowohl verstorbene Menschen wie sprechende, magische Tiere versuchen, Eliot bei seiner gefährlichen Mission zu unterstützen. Das Buch bindet historische Ereignisse ein und versucht auf diese Art, den jungen Lesenden geschichtliche Fakten näher zu bringen. Auch finden sich zahlreiche Anspielungen auf Entdeckungen, Bücher und Filme, die der Zielgruppe wahrscheinlich nicht bekannt sind.
Die Geschichte ist ungeheuer ideenreich und phantasievoll auch in einzelnen Details, was aber bedingt, dass der Fokus auf das eigentliche Thema des Buches- die Rettung der Welt- manchmal ins Hintertreffen gerät. So brauchen die Leser und Leserinnen eine Portion Geduld und Neugierde, wenn sie Eliot auf seiner schwierigen Reise begleiten, denn das Buch umfasst über 500 Seiten. Ich hätte mir hier eine stärkere Konzentration auf das Hauptthema gewünscht.

Das Buch lebt von gut gezeichneten Charakteren und zeigt, wie wichtig Freundschaft vor allem in schwierigen Lebenssituationen ist. Detailliert werden die Herausforderungen beschrieben, denen sich die Kinder zu stellen haben und die sie nur mit Mut, Köpfchen und Zusammenhalt bestehen können. In gut lesbarem und ungeheuer einfallsreichem Schreibstil werden Abenteuer geschildert, die zeigen, dass der Kampf gegen das Böse nicht vorbei ist. Für die leichte Lesbarkeit sorgt auch die angenehme Schriftgröße, die unterschiedliche Kapitellänge ist nicht wirklich störend.

Insgesamt kann ich das Buch für junge Lesende empfehlen, die magische Welten mögen und die mysteriöse Geschichten mit realen Elementen lieben. Denn der Kampf um die Rettung der Menschheit ist noch lange nicht vorbei!

Bewertung vom 05.12.2025
Raubaum, Lena

Als der Mond die Sterne ordnen wollte


ausgezeichnet

Die bekannte und mit dem österreichischen Kinderbuchpreis ausgezeichnete Autorin Lena Raubaum hat mit “Als der Mond die Sterne ordnen wollte” den Text für ein einfühlsames und heiteres Bilderbuch geschrieben, das dazu anregen soll, auch einmal loszulassen und dem eigenen Instinkt zu vertrauen. Die phantasievollen und liebevoll gezeichneten Illustrationen stammen von Zuzanna Kowalska.

Der Mond hat ein Problem, so viele Sterne!
Wie soll er sie am Himmel verteilen? Es soll doch alles schön aussehen!
Der Mond hat einige Ideen um die Sterne zu ordnen. Nach Gewicht- das passt nicht! Nach Helligkeit- schwierig zu sagen, welcher Stern heller leuchtet. Vielleicht nach einem geometrischen Muster? Aber das wollen die Sterne nicht. Als der Mond nicht mehr weiter weiß, geschieht plötzlich etwas Unerwartetes. Und jetzt hat jeder Stern seinen Platz gefunden. Jeder Stern? Nein, ein ganz kleiner Stern noch nicht, der bleibt ganz nah beim Mond. Kannst du ihn sehen?

Lena Raubaum erzählt in ihrem Buch “Als der Mond die Sterne ordnen wollte” eine phantastische und magische Geschichte, die dazu ermutigen soll, darauf zu vertrauen, dass sich für viele Probleme von selbst eine Lösung finden wird. Mit kindgerechten, einfachen Texten und unterstützt durch die freundlichen, farbenfrohen Illustrationen entführt das Buch in eine märchenhaft gestaltete Szenerie. Bildhaft und heiter lernen Kinder, dass es nicht immer laufen muss, wie man es geplant hat. Manchmal muss man nur gelassen abwarten! Besonders hervorzuheben ist die schöne Gestaltung des Hardcovers, die schon in der Buchhandlung dazu einlädt, in das Buch hineinzuschmökern. Die Seiten aus dickem Papier werden dazu beitragen, dass die Kinder das Buch oft zur Hand nehmen können und auch Geschwisterkinder daran noch Freude haben werden. Zusätzlich findet sich im Buch ein QR- Code, der zur von der Autorin gelesenen Hörfassung führt.

Dieses pädagogisch wertvolle Buch wird für Kinder ab vier Jahren empfohlen und soll sie dazu anregen, sich mit Farben, Formen, Größe und Gewicht auseinander zu setzen und schult so das mathematische Grundverständnis. Doch vor allem eignet sich diese Geschichte hervorragend, im Bett zum Einschlafen vorgelesen zu werden.

“Als der Mond die Sterne ordnen wollte” ist ein bezauberndes Bilderbuch, das es auch uns, den Vorlesenden, gestattet, wieder ein bisschen Kind zu werden und zusammen mit den Kindern neugierig den Himmel in dunklen Nächten zu betrachten, um zu sehen, wohin der Mond die Sterne gestellt hat. Vielleicht sehen wir sogar den kleinen Stern, der ganz nah beim Mond am Himmel steht.

Ich habe das Buch mit meinem vierjährigen Enkel gelesen, uns hat es sehr gut gefallen und wir empfehlen es allen kleinen und großen Sterneguckern gerne weiter.

Bewertung vom 05.12.2025
Klement, Johanna

Mein Leben zwischen Weihnachts-Hype und Grusel-Vibe / Kathas Katastrophen Bd.4


ausgezeichnet

Die bekannte Autorin Johanna Klement hat den vierten Band ihrer Comicroman-Reihe “Kathas Katastrophen” vorgelegt, der hervorragend in die Adventszeit passt. Das fröhliche Hardcover und die Illustrationen von Mareikje Vogler machen die witzige Geschichte zum vorweihnachtlichen Lesevergnügen.

Katha ist schon ganz aufgeregt, heute soll sie das erste Säckchen ihres Adventskalenders öffnen, ihre liebevolle, aber manchmal etwas chaotische Mutter hat ihn befüllt. Was ist denn da drinnen? Greift sich gar nicht gut an! Kathas Hoffnung richtet sich auf den Klassenadventskalender, da wird gewichtelt. Ausgerechnet sie hat Schniesi gezogen, ihre Klassenlehrerin. Was schenkt man der? Vor allem, weil sie jetzt immer eine fiese Handpuppe in den Unterricht mitbringt, die alle einschüchtert. Noch schlimmer hat es Kathas Freundin Lisi getroffen, der Adventskalender von Urchen enthält absonderliche Dinge, igitt! Alle Schüler sind im Tauschfieber, es gibt sogar einen Flüstermarkt in der Tischtennisecke. Ob Lisi ihre ekligen Sachen da auch los wird?

Doch das ist nicht das einzige Problem. Schniesi möchte, dass alle Kinder im Geist von Weihnachten eine gute Tat tun. Da weiß Katha doch etwas! Kathas Vater hat für seine Waren einen Lagerraum, aber da wohnt jetzt Bernie. Wer ist das und was macht der? Sehr verdächtig. Katha und Lisi müssen dem unbedingt auf den Grund gehen. Aber spionieren ist gar nicht so einfach, fast werden sie erwischt und plötzlich hat Lisi ein fremdes Fahrrad in der Hand. Wie soll sie das zurückgeben? Kann Katha bei Schniesi vielleicht Pluspunkte sammeln, wenn sie sich um Bernie kümmert? Oder ist es Bernie, der den Mädchen helfen muss?

Johanna Klement hat mit “Kathas Katastrophen: Mein Leben zwischen Weihnachts-Hype und Grusel-Vibe” eine Geschichte mit liebevoll gezeichneten Charakteren geschrieben. Katha zieht zwar Katastrophen richtiggehend an, aber sie findet sich in allen Situationen zurecht. Besonders wichtig ist ihre Freundschaft mit Lisi und mit Helin, einer Klassenkameradin, die nicht nur gute Ideen hat, sondern auch einen großen Bruder Elyas, der Kathas heimliches Interesse weckt. Der leicht lesbare Schreibstil, die verschiedenen Schriftarten, die große Schrift, kurze Kapitel und der Comic- Style tragen dazu bei, dass auch Lesemuffel dieser Geschichte toll finden werden. Das Buch wird für Kinder ab elf Jahren empfohlen.
Die witzigen Situationen und absurden Pannen machen das Buch aber auch für ältere Kinder und Erwachsene interessant. Als Beilage gibt es noch eine coole Weihnachtskarte.

Ich habe das Buch gemeinsam mit einem zwölf Jahre alten Mädchen gelesen und wir hatten viel zu schmunzeln. Wir können bestätigen- nicht nur bei Katha gibt es Weihnachtschaos, sondern auch wir sind schon im Weihnachtsfieber- Pannen inklusive! Daher können wird allen, die Comicromane lieben, dieses gelungene, humorvolle Buch wirklich empfehlen und wünschen fröhliche Weihnachten!

Bewertung vom 01.12.2025
Céspedes, Alba de

Was vor uns liegt


ausgezeichnet

Alba de Céspedes hat ihren Erstlingsroman “Was vor uns liegt” bereits im Jahr 1934 verfasst, zu einer Zeit, in der die gesellschaftliche Ordnung, die Moralvorstellungen und die politischen Ideen faschistisch geprägt waren und von der Ideologie der Bestimmung der Frau als Mutter, die nicht erwerbstätig sein sollte, getragen wurden. Bereits bei seinem Erscheinen 1938 wurde der Roman von der faschistischen Zensur verboten. In einer neuen Übersetzung wird die Autorin heute wiederentdeckt und nimmt die Lesenden mit in ein unglückseliges Kapitel der Geschichte. Dennoch zeigt der Buchumschlag, der teilweise in hellen Farben gehalten ist, junge Frauen, die positiv in die Zukunft blicken.

Acht junge Frauen studieren an der Universität in Rom und leben im Grimaldi Institut, das von Nonnen geführt wird. Obwohl hier eine gewisse Freizügigkeit herrscht, werden die Mädchen abends eingeschlossen und das Licht wird ausgeschaltet. Daher lernen oder unterhalten sich die Freundinnen im Schein einer Petroleumlampe.

Acht verschiedene Lebensentwürfe prallen aufeinander. Viele der Mädchen kommen aus kleinen Dörfern in Italien, aus einer Welt, in die sie nicht mehr zurückwollen. Doch stellt sich für sie die Frage, ob sie aus der patriarchalischen Struktur des Elternhauses in die Unfreiheit einer Ehe wechseln wollen. Oder ist es der Sinn des Seins, in seiner Arbeit aufzugehen? Augusta, ein Mädchen, das nicht wie die anderen Freundinnen Literatur studiert, sondern an einem Roman arbeitet, stellt die provokante Frage, ob Frauen überhaupt Männer brauchen und ist überzeugt, dass Frauen ihr Leben eigenverantwortlich und ohne Abhängigkeiten gestalten müssten. Allerdings- ihre Romane finden keinen Verlag und so scheint es, dass sie dauerhaft in dem Studentenwohnheim bleiben wird, unglücklich in ihrer Phantasiewelt gefangen.

Natürlich spielen Männer eine wesentliche Rolle im Leben der Mädchen. Vinca aus Andalusien verliebt sich in einen Landsmann, der in den Krieg gegen die Falangisten zieht und Vinca letztlich verlässt. Dennoch ist ihr Sehnen und ihre Sorge um den Geliebten so plastisch beschrieben, dass man durchaus mitfühlen kann. Emanuela hat ein Geheimnis, das letztlich ihr Leben zu zerstören droht: Ein Kind- und sie überlegt, ob es nicht besser wäre, wenn dieses Kind nicht mehr lebte. Denn Emanuela hat keine Beziehung zu den kleinen Mädchen und ist über seine Kälte verwundert.

Xenia, die ihre Prüfung an der Universität nicht geschafft hat, wird zur Geliebten mehrerer Männer, die sie letztlich verabscheut, deren Geld sie jedoch nimmt und einen sorglosen Lebenswandel genießt.

Auf diese Art führt Alba de Céspedes vor Augen, welche Möglichkeiten Frauen in der Zwischenkriegszeit hatten, auch wenn klar ist, dass diese Mädchen privilegiert waren, denn universitäre Bildung für Frauen gehörte damals nicht zur Norm. Das Buch versucht, aufzurütteln und Frauen aufzuzeigen, dass es notwendig ist, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Alle Charaktere der Protagonistinnen sind präzise und feinfühlig gezeichnet, ihre Gedankenwelt können sich die Lesenden gut zu Eigen machen. Auch wenn das Thema nicht auf Spannung angelegt ist, ist man doch interessiert und manchmal fasziniert von den Entwicklungen.

Alba des Céspedes hat zu einer Zeit, als das Frauenbild andere Entsprechungen verlangte, einen feministischen Roman geschrieben, der von klugen und interessanten Dialogen lebt und von einer Gedankenwelt, die auch den jetzt lebenden Frauen nicht gänzlich fremd ist. Ihr Buch verdient es, mit heutigen Augen gelesen zu werden und die Appelle der Autorin für Frauenrechte sind noch immer aktuell. Zeitgeschichtlich Interessierte werden den Einblick in eine unter den damaligen Umständen als gefährlich geltende Geisteshaltung schätzen und den Mut der Autorin zu würdigen wissen. So ist “Was vor uns liegt” ein auch heute noch gesellschaftspolitisch relevantes Buch, das ich gerne weiterempfehle.

Bewertung vom 22.11.2025
Funke, Cornelia

Gespensterjäger auf eisiger Spur (Band 1) - Mit 8 neu illustrierten Farbseiten


ausgezeichnet

Mit” Gespenster- Jäger auf eisiger Spur” hat Cornelia Funke eine Neuauflage ihrer bekannten Gespensterjäger-Reihe begonnen, die neben den schwarz-weiß Illustrationen der Autorin im Nachsatz auch neue, farbige Bilder zu dieser spannenden Geschichte enthält. Schon das humorvolle Hardcover stellt uns Tom vor, der ein Gespenst im Keller hat, ebenso Frau Kümmelsaft, eine erfahrene Gespensterjägerin.

Tom ist noch nicht einmal zehn Jahre alt und hasst es, wenn ihn Mama in den Keller schickt. Denn Tom ist überzeugt: Da wohnen Gespenster. Wirklich greifen eisige Finger nach seinem Hals und seine Schuhe kleben am Boden fest. Doch niemand in der Familie glaubt Tom, außer Oma. Sie hat die Adresse von Hedwig Kümmelsaft, die auch sofort Rat weiß. Um das Gespenst abzuschrecken braucht es die Farbe rot, viele Spiegel und eine Wärmeflasche. Doch das Gespenst, Hugo, ist selbst verzweifelt. Es hat sein zu Hause verloren und wohnt gar nicht gerne in Toms Keller. Werden ihm Tom und Frau Kümmelsaft helfen können?

Da es Gespenster verschiedener Kategorien gibt, erkennt Frau Kümmelsaft, dass ein “Unglaublich Ekelhaftes Gespenst” Hugo aus seinem Haus vertrieben hat. Dieses Gespenst ist ein ganz anderes Kaliber, da braucht es sogar Friedhofserde, um es zu bekämpfen. Glücklicherweise ist das schreckliche Gespenst verfressen- doch es ist lange nicht klar, ob dieser widerliche Geist besiegt werden kann.

Cornelia Funke hat auch in der zweiten Auflage ein Kinderbuch geschaffen, das nichts von seinem früheren Reiz verloren hat. In kindgerechter Sprache und mit gelungenen Illustrationen eignet sich dieses humorvolle und angenehm gruselige Buch gut sowohl zum Vorlesen als auch zum Selbstlesen. Kurze Kapitel und große Schrift machen es auch Lesemuffeln leicht, dieses Buch immer wieder zur Hand zu nehmen. Denn alle Protagonisten, ja sogar Hugo, das Gespenst, wirken sehr sympathisch. Das Buch wird ab acht Jahren empfohlen.

Besonders witzig ist eine Tabelle zur Einordnung der Gefährlichkeit der Gespenster. Hier wird genau aufgeschlüsselt, welche Eigenschaften “Mittelmäßig Unheimliche Gespenster” und “Unglaublich Ekelhafte Gespenster” haben. Das klingt richtig gefährlich und die Kinder können direkt an der Gespensterjagd teilnehmen. An der Aufzählung dieser Fähigkeiten, Vorlieben und Schwächen der Geister haben sicher auch ältere Kinder und Erwachsene ihren Spaß.

Ich habe das Buch mit meiner neun Jahre alten Enkelin gelesen, uns hat das Buch sehr gut gefallen. Daher können wir es gerne allen Gruselfans weiterempfehlen.

Bewertung vom 20.11.2025
Korn, Carmen

In den Scherben das Licht


ausgezeichnet

Die SPIEGEL Bestseller-Autorin Carmen Korn hat mit ihrem in Hamburg spielenden Nachkriegsroman “In den Scherben das Licht” eine berührende Schilderung der Zeit zwischen 1946 und 1955 geschrieben. Der Bucheinband zeigt ein tanzendes Paar in der Mode der Zeit- wobei man hier von Mode nicht sprechen kann, nicht nur Spinnstoffe waren knapp sondern alle zum Überleben erforderlichen Güter. Dennoch ist der Bucheinband in hellen Farben gehalten, denn wer überlebt hatte, überstand diese entbehrungsreiche Zeit in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Im teilweise abgebrannten Haus der ehemaligen Volksschauspielerin Friede Wahrlich lebt Gert, sechzehn Jahre alt und Teil von Hitlers letztem Aufgebot, im Keller. Aus der Kriegsgefangenschaft auf Grund seines Alters entlassen sucht Gert mit Hilfe das Roten Kreuzes nach seiner Mutter und der kleinen Schwester Barbara. Doch so viele Suchmeldungen er in Friedes Radio auch hört, seine Angehörigen werden nicht gefunden. Doch Gert wird nicht aufgeben.

Eines Tages sucht Gisela in diesem Keller Zuflucht, vierzehn Jahre alt und elternlos. Nach anfänglicher Skepsis arrangieren sich die Beiden, Überleben steht im Vordergrund. Gisela möchte ihre Eltern nicht suchen, wären sie noch am Leben, würden diese sie doch sicher finden wollen. Ein Trugschluss, wie sich später erweisen wird.

Friede hatte zu Kriegsbeginn zwei Verehrer, Palutke, einen Schwarzmarkthändler, Kriegsgewinnler und später Immobilienspekulant, der Friede noch immer verehrt, den sie jedoch nicht geliebt hat. Ihre Zuneigung galt Viktor Franke, einem feinsinnigen Theaterkritiker, der als einer der ersten Juden in das Ghetto von Lodz, ein KZ, deportiert wurde. Friede hält ihn für tot und ihr Gewissen kommt nicht zur Ruhe: Aus Furcht vor den Nazis hat sie Viktor die Tür gewiesen als er um ihre Hilfe bat. Hatte hier Palutke aus Eifersucht seine Hand im Spiel? Doch Franke hat überlebt- soll er mit Friede in Kontakt treten? Erst langsam findet Franke zurück ins Leben, traut sich zu, wieder Kritiken zu schreiben. Doch wird er eine neue Liebe leben können oder stehen seine seelischen Wunden einer festen Bindung im Weg?

In dieser von Mangel und Hunger geprägten Nachkriegszeit versuchen die Protagonisten zu überleben, Schwarzmarkthandel und Zigarettenwährung sind die Mittel dazu. In den Trümmern sucht Gert nach Verwertbarem, einem Ofen, alles, was noch gebraucht werden konnte, wurde geplündert, Stiegenholz zum Heizen oder schimmlige Decken, denn der Winter ist bitter kalt. Langsam wird aus Gert und Gisela ein Liebespaar und langsam bessern sich die furchtbaren Verhältnisse. Für Gert steht weiterhin die Suche nach seinen Angehörigen im Vordergrund, doch die Mutter ist tot. Aber die Schwester? Und wer nicht sucht, der wird gefunden- so Giselas Vater, ein Fotograf, der sich eine neue Existenz aufgebaut hat und nur zögerlich versucht, sich Gisela anzunähern.

Carmen Korn lässt in ihrem Roman, der die Verhältnisse von bitterster Not bis zum beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung nachzeichnet, durch lebendige und bildhafte Schilderungen das Leben in den Trümmern und zur Zeit des Wiederaufbaues entstehen. Kinder, auf sich selbst gestellt, die versuchen, zu überleben; die verzweifelte Suche nach vermissten Personen; die nicht besiegte Geisteshaltung der Nazis; Neid und Missgunst durch Menschen, die sich zu kurz gekommen wähnen; Freundschaft, Verrat und einen unbändigen Überlebenswillen. Langsam entwickelt sich aus der Schicksalsgemeinschaft in Friedes Haus eine Familie.

Von der Generation, die hier nachgezeichnet wird und die die zerstörten Länder und Städte wieder aufgebaut hat, lebt heute kaum mehr jemand. So hat Carmen Korn uns, die wir die Gnade der späten Geburt für uns in Anspruch nehmen können, ein Werk geschenkt, das uns das “niemals vergessen” nahebringt und das der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegsgeneration ein würdiges Denkmal setzt.