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Bewertungen

Insgesamt 130 Bewertungen
Bewertung vom 14.01.2019
Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen / Lennart Malmkvist Bd.1
Simon, Lars

Lennart Malmkvist und der ziemlich seltsame Mops des Buri Bolmen / Lennart Malmkvist Bd.1


sehr gut

Man hat ja so seine Probleme, wenn man einen Autoren kennt und eigentlich auch wegen der Art seiner Bücher liebt, und wenn er dann das Genre wechselt, ist man irgendwie irritiert. So geschehen bei Lars Simon. Ich hätte am liebsten laut geschrien, als er meinte: „Ich mach dann mal was komplett anderes.“. Gut man ist gespannt und man wünscht ihm alles Gute, aber ich blieb skeptisch.

Dann kam der große Tag. Ich fing mit dem Buch an. Die erste Feststellung war „Ok das macht Spaß, die Charaktere in dem Buch zu erleben.“. Also Lennart ist ein typischer Mann in der heutigen Zeit - ein wenig verpeilt, denkt an seine Karriere und hat „leichte“ Beziehungsprobleme, die sich bei Ihm in einer Allergie äußern, sobald es tiefer geht.

Buri Bolmen, der Nachbar von Lennart, den wir nur kurz kennenlernen, ist schon ein wenig sonderbar, aber das muss man wohl sein, wenn man einen Laden für Zauber- und Scherzartikel hat. Leider segnet er sehr früh das Zeitliche und dies auf ziemlich seltsame Art und Weise.

Lennart hat noch eine weitere herausragende Nachbarin. Maria ist eine Italienerin durch und durch, mit einem Händchen fürs Kochen. Das Herz ist auch am richtigen Fleck. Sie verschätzt sich gerne etwas in den Mengen, welche sie anderen Menschen als Paket fertig macht, aber es scheint wirklich gut zu schmecken.

Bölthorn, der Mops, ist sehr speziell. Nicht nur, dass er sprechen kann, wenn ein Gewitter in der Nähe ist – nein, auch sein Verhalten ist im Allgemeinen sehr speziell. Was er nicht will, das will er nicht und er präsentiert sich mehr oder weniger als Chef von Lennart.

Warum setze ich mich nun eigentlich hier hin und versuche mich in der Charakterisierung der einzelnen Personen? Vielleicht deswegen, weil ich versuche, das gerade gelesene irgendwie zu verarbeiten. Es ist ein Buch mit vielen Besonderheiten, mit viel Magie und viel Herz, und irgendwie nicht nur vom Thema her ganz anders wie die Tierkottrilogie, sondern auch allgemein sind die Personen wesentlich schärfer und klarer beschrieben. Es ist ein Fantasy Roman, ja, aber er spielt im hier und jetzt und nicht in einer fremden Welt. Man könnte sagen, es könnte sich irgendwie so abspielen und das mit der Magie, das könnte sich sicherlich auch genau so verhalten. Bölthorn klärt uns dabei immer wieder auf, dass Magie in dem kleinsten und unscheinbarsten Teil stecken kann. Man muss sich einfach nur darauf einlassen.

Das alles klingt logisch - ist es auch. Vielleicht ist auch die Liebe und Freundschaft etwas magisches, wer weiß dies denn schon?

Tja was soll ich nun über dieses Buch sagen? Es ist ein Lars Simon, ja, das auf jeden Fall, aber es ist auch gleichzeitig kein Lars Simon. Ich finde sogar, dass dieses Genre noch besser zu ihm passt, wie der Comedy Bereich. Es hat seine lustigen Momente aber, und das finde ich viel wichtiger, es ist nie aufgesetzt. Es ist immer „logisch“, auch wenn dies im Fantasy Bereich nicht unbedingt nötig ist. Lars Simon jongliert gekonnt mit Zauberei, ohne es zu übertreiben und kann vielleicht gerade deswegen sehr gut unterhalten. Gut, das Ende kommt dann irgendwie recht schnell, mir persönlich vielleicht ein wenig zu schnell und er erzeugt einen Clifhanger am Ende, wo ich mir dann die Augen gerieben und mich nach dem zweiten Band umgesehen habe. Ein gutes Zeichen, wie ich finde. Aber eines weiß ich, wenn man durchs Lesen zunehmen kann, dann würde ich aufgrund der Gerichte welche Maria zubereitet sicherlich 20 Kilo zugenommen haben. Freuen wir uns also auf den zweiten Band der Reise, egal ob es nun kulinarisch mit Maria ist oder fantastisch mit Lennart oder Bölthorn, beides ist gut und es gehört ja auch irgendwie zusammen.

Bewertung vom 10.01.2019
Himmelhorn / Kommissar Kluftinger Bd.9
Klüpfel, Volker; Kobr, Michael

Himmelhorn / Kommissar Kluftinger Bd.9


sehr gut

Manchmal, ja, manchmal, da wünschte ich mir, ich bekäme Interviews dann angeboten, wenn eine Buchreihe anfängt und nicht mittendrin - so wie diesmal mit Band 9. Dann würde ich eine Buchreihe auch gleich von Anfang an kennenlernen und nicht wie schon so manches Mal hören: „Sag mal Eggi, hast du schon vom Kluftinger gehört? Das ist ein Krimikommissar. Total lustig und gut.“

So ist es mir in den letzten Jahren öfter gegangen. Das Vorhaben, in die Buchhandlung zu gehen und dort sich die Taschenbücher zu kaufen, ist immer an dem Gedanken gescheitert „Der SUB ist schon so hoch, nein, keine weiteren Bücher.“

Aber dann kam die Buchmesse 2016 in Frankfurt, ich bekam das Interview mit Klüpfel & Kobr angeboten und ich konnte nicht widerstehen. Ich musste die beiden einfach kennenlernen.

Also fange ich mit Band 9 an und steige in die Reihe ein. Eines vorweg, es geht auch ohne dass man die anderen Bände kennt. Man muss sich dann nur etwas mehr Mühe mit der Rahmenhandlung geben und sich ab und zu sagen, das wird bestimmt in einem anderen Band erklärt. Ohne die Qualität und Relevanz der Rahmenhandlung herabwürdigen zu wollen muss ich sagen, zu vernachlässigen. Es ist ein Lesevergnügen, wie Klufti zusammen mit Dr. Langhammer die Leichen findet. Es ist nicht lustig, dass es da Leichen im Berg gibt, nein, das Wie ist lustig und genial beschrieben.

Man begibt sich selbst in die Waghalsige Abfahrt einen Berg hinunter mit dem Fahrrad. Es wird richtig gut beschrieben und man bekommt selbst Angst das Klufti stürzt. Das er dann auf die drei herabgestürzten Opfer findet ist dann das Sahnehäubchen auf diese Abfahrt.

Wie Klüpfel & Kobr dann die Geschichte weiter spinnen, mit einem im privaten eher verpeilten Klufti, ist einfach lesenswert. Auch was sein Team als Fortbildung betrachtet, und wie sie dies der neuen Chefin begründen, ist alleine schon das Geld für das Buch wert, da man bestimmt mehr wie einmal dabei anfängt zu lachen.

Aber auch wie Kluftinger den Fall löst und wie er einen alten Freund wiedertrifft ist einfach nur gut beschrieben und man sollte es genießen.

Alles in allem ist es ein schön geschriebener lustiger Krimi mit einem überraschenden Ende. Ich habe ja schon einige lustige Krimis gelesen, aber irgendwie schaffen es die beiden, dass es nie platt wirkt, sondern gut konstruiert. Das Buch lebt nicht nur durch die lustigen Einschübe, sondern auch davon, dass es intelligent geschrieben ist. Man kann sich vorstellen, dass es genauso passiert sein könnte. Der Leser bekommt einen kleinen Exkurs in das Bergsteigen und hat das Gefühl, das die beiden gut recherchiert haben. Ich denke aber, dass dieser Fall wahrscheinlich noch etwas besser funktioniert, wenn man die anderen Bände auch kennt, da man dann sicherlich das Verhältnis zwischen Dr. Langhammer und Kluftinger genauer kennt, wahrscheinlich auch die familiären Hintergründe noch etwas intensiver verstehen. Aber wie gesagt man kann auch mit Band 9 anfangen. Bei mir hat es auch funktioniert.

Ich für meinen Teil überlege, ob ich mir nicht zu meinem Geburtstag ausnahmsweise mal Bücher wünschen sollte. Schließlich ist es bis dahin nicht mehr so lange, aber ich denke, dass ich dies aufgrund meines SUBs nicht erfüllt bekomme.

Ich kann euch diesen Kommissar zu 100% ans Herz legen - zum Lachen und Genießen.

Bewertung vom 07.01.2019
Tod in Wacken
Denzau, Heike

Tod in Wacken


sehr gut

Ist es denn wirklich schon Oktober? Es scheint mir als wäre es gestern gewesen, dass mir dieser Roman in die Finger fiel und ich ihn auf Wacken das erste Mal aufschlug. Gut, ich habe dort nur die ersten 50 Seiten geschafft, da es doch zu viel anderes gab und auch die Heimfahrt sich nicht zum Lesen eignete, aber im Nachgang war es einfach herrlich. Ein spannender Krimi und wunderbare Erinnerungen an ein paar herrliche Tage – was will man mehr?

Heike Denzau beschreibt diese kleine friedliche Dörfchen, dass einmal im Jahr von Besucher bevölkert wird ganz toll. Ja, sie sehen oft wild aus – wollen aber wirklich nur spielen, und mitten in diesem Getummel von zehntausenden treibt sich vermutlich ein Mörder rum. Zumindest ist Wacken das einzige, was zwei der drei Opfer direkt miteinander verbindet.

Oberkommissarin Lyn Harms ist eine typische Skeptikerin, die mit dieser Musik so gar nichts am Hut hat. Sie kann die Faszination nicht nachvollziehen und belächelt ihren Kollegen Thilo, der sich für das Festival Urlaub genommen hat und nun durch die Morde um selbigen fürchtet.

Es klingt ja ein bisschen herzlos und egoistisch von Thilo, aber ich kann ihn verstehen. Dieses Festival ist etwas Besonderes. Heike Denzau schafft es, diese besondere Atmosphäre in ihrem Krimi einzufangen und in krassen Kontrast zur Schwere des Verbrechens zu stellen. Man könnte es schon fast als Kontrapunkt bezeichnen. Sie schreibt sehr humorvoll und einfühlsam. Man kann sich in jede der Figuren und ihre Beweggründe hineinversetzen. Es ist sehr logisch aber nicht vorhersagbar aufgebaut. Oft finde ich die intensive Beschreibung der Umgebung etwas langatmig in Krimis, aber hier ist es genau die richtige Dosis – genauso viel wie nötig um die Szenerie zu verstehen, und nicht mehr.

Es war ein Zufall, der mir das Buch in die Hände gespielt hat, aber es hat Lust auf mehr gemacht. Mir gefällt der humorvolle Stil von Frau Denzau und ich werde gewiss noch einige ihrer Bücher lesen. Bei diesem könnte ich mir sogar eine Filmversion gut vorstellen. Liegt wahrscheinlich daran, dass vor meinem inneren Auge genau das geschehen ist.

Bewertung vom 01.01.2019
Über Land
Dübgen, Hannah

Über Land


ausgezeichnet

Es gibt ja Bücher, die bewegen einen wirklich und man hofft, sie bewegen viel in den Menschen, die sie lesen. So auch bei diesem. Es erzählt die Geschichte der beiden Frauen Amal und Clara. Clara hat Amal angefahren, begibt sich dann auf die Suche nach ihr und findet diese dann doch relativ schnell. Daraus entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den ungleichen Frauen. Frau Dübgen schaltet immer wieder zwischen den beiden Frauen hin und her und man kann so in die Tiefe der Gedanken eintauchen ohne das es schwierig wird - zumindest wenn man sich einmal darauf eingelassen hat.

Man bekommt immer mehr auch einen Einblick in die Sorgen und Nöte eines Asylbewerbers, ohne ständig einen erhobenen Zeigefinger zu sehen. Es ist einfach so, dass man irgendwie hautnah miterlebt was Menschen fühlen, wenn sie abgeschoben werden oder was vorgehen kann, wenn der Asylantrag angenommen wurde.

Ganz nebenbei lernt man dann noch einiges über irakische Kultur und das Ischtar – Tor, welches in Berlin steht, weil es ein deutscher Archäologe abgetragen und dann über Hamburg nach Berlin hat bringen lassen.

Durch die Beziehung zwischen Tarun und Clara erlebt man außerdem, wie sich eine Beziehung entwickeln kann, wenn die Familie des Partners noch auf einem anderen Kontinent bewegt lebt und dort ihre eigenen Probleme hat.

Man könnte sagen „Oh Gott, ist der Roman überfrachtet mit Ereignissen“, denn Clara reißt wegen der Freundschaft zu Amal auch noch zu einer Beerdigung in den Irak, und um ein Versprechen von Amal zu erfüllen, aber es passiert alles so nebenbei, dass es nicht überfrachtet ist.

Die Autorin schafft es, dies alles schnell und unproblematisch auf 252 Seiten zu komprimieren und es trotzdem mit sehr viel Gefühl zu füllen, so dass ich mich des Öfteren habe rufen hören „Wie kann sie dies denn nun machen und wie kann man das ganze nur so plastisch beschreiben“. (Ok so habe ich mich nicht ausgedrückt, bei meinen entsetzten ausrufen, aber es ist wohl so, dass alles andere nicht Jugendfrei wäre.) Ich habe mich oft dabei erwischt, wie ich mit Amal und ihren Freunden im Asylbewerberheim gefiebert habe, aber auch dabei, wie ich mit Clara und ihrem Freund Tarun gefiebert habe was nun aus den beiden wird.

Wie dies die Autorin in diesem doch recht schmalen Buch geschafft hat, keine Ahnung - aber sie hat es geschafft! Sie hat bewiesen, dass ansprechende Literatur mit Herz nicht auf 800 Seiten oder mehr ausgebreitet werden muss. Es geht auch kürzer mit dem gleichen emotionalen Level. Sie hat es mit noch nicht einmal 300 Seiten geschafft.

Gut, man muss sich darauf einlassen, dass es zwei Erzählstränge gibt - einmal von Clara und dann von Amal, aber dies schafft man innerhalb der ersten 20 Seiten gut zu trennen und auch die dicken Wälzer arbeiten oft mit zwei Erzählsträngen. Man bekommt ein wenig erklärt, wie die Flucht verlaufen könnte und welche Gefahren dabei lauern.

Im Nachhinein hätte ich mir manchmal gewünscht, dass die Ruhepausen zwischen den Dingen die passieren vielleicht ein wenig länger wären, aber dies tut der Qualität des Buches keinen Abbruch. Möglicher Weise ist es gerade das, was für mich so bewegend ist und mir viele Einblicke mit Herz und Verstand vermittelt hat.

Bewertung vom 26.12.2018
Desperate Angels
Ross, E. M.

Desperate Angels


sehr gut

„Verzweifelte Engel“ – der Titel klingt erst mal spontan nach Fantasy-Literatur. Weit gefehlt! Es ist ein guter und spannender Mystery-Thriller.

FBI Agent Nathanial Caim machte auf mich anfangs den Eindruck eines arroganten Überfliegers, was sich jedoch schnell änderte. Intellektueller Überflieger – ja, aber nicht arrogant, eher verletzlich. Mit seiner Kollegin Tandra Romano ermittelt er in der Szene der okkulten Sekten auf der Suche nach einem Serienmörder, der seinen Opfern Engelsflügel tätowiert.

Ich muss gestehen, Sekten jagen mir immer wieder einen Schauer über den Rücken – genauso wie Fanatiker jeglicher Couleur. Sie sind unberechenbar und skrupellos, und somit nichts was eine friedliebende Gemeinschaft braucht, und zu letzterem zähle ich den größten Teil der Menschheit.

Neben den spannenden Fragen nach dem Mörder und seinem Motiv, ist es die Beschreibung der psychischen Situation der Hauptfigur, die den Leser fesselt und einen guten Krimi zum Thriller macht. E. M. Ross versteht es, dessen Seelenleben so zu schildern, dass es nicht langatmig wirkt. Dies geschieht leider häufig, deswegen finde ich es so erwähnenswert, dass dem Autor hier diese Gratwanderung so gelungen ist.

Nathaniel Caim befindet sich in den Fängen einer Sekte, wird gefoltert und überlebt, aber ein seelischer Knicks bleibt. Es ist sehr spannend wie er danach weiter lebt, wie sich sein Leben dadurch verändert. Auch die Frage „Was kommt jetzt noch?“ treibt die Spannung in die Höhe, es sind ja noch einige Seiten zu lesen, nachdem er aus den Fängen der Sekte herauskommt.

Interessant finde ich auch die Verbindung der Sekte mit dem Glauben an Engel. Diese symbolisieren in der Regel etwas durch und durch Gutes. Man denkt automatisch an den klassischen Schutzengel. Aber da gibt es ja auch noch die andere Seite – die gefallenen Engel. Es ist immer wieder faszinierend, worauf sich Sekten begründen können – bzw. könnten – es ist ja schließlich ein Roman und kein Tatsachenbericht. Der Autor schildert alles jedoch so plastisch, dass man das manchmal fast vergessen könnte. Fast schon gruselig.

Auch wenn Engel und Sekten ein nicht ungewöhnliches Thema im Mystery-Thriller sind, finde ich den Roman sehr gelungen. Die kleinen Schauer, die er einem über den Rücken jagt, sind gut platziert und wirken nicht plump, weil sie gut dosiert sind. Ich freue mich jetzt schon auf den zweiten Band. Im Laufe des Buches hat sich Agent Caim von einem arroganten Schnösel zu einer sehr interessanten Person entwickelt. Ich möchte wissen, wie es weitergeht, wie er sich weiter entwickelt.

Bewertung vom 20.12.2018
Wir Kassettenkinder
Bonner, Stefan; Weiss, Anne

Wir Kassettenkinder


sehr gut

Puh, ein Buch über die 80er. Eines meiner liebsten Jahrzehnte, zumal ich ja auch in dieser Zeit groß geworden bin, kann ich mich noch an verschiedene Diskussionen und Ereignisse erinnern.

Stefan Bonner und Anne Weiss schaffen es, mir bestimmte Dinge einfach noch einmal ins Gedächtnis zu rufen und ich habe mich dabei erwischt, wie ich mich fragte: Wie war das eigentlich bei mir? Wie war es eigentlich für mich, als in Tschernobyl der Reaktor geschmolzen ist? Wie sind da meine Erinnerungen?

Oder wie war das noch mit den Mix-Tapes? Bei welcher Sendung habe ich eigentlich immer aufgenommen? Und welchen Moderator fand ich damals am besten? Oder wo liegt eigentlich mein Pali - und ich muss sagen, ich habe es sogar gleich gefunden.

Das Buch hat mir so einiges in die Erinnerung zurückgerufen. Es war nicht immer alles positiv, aber doch vieles. Es war einfach wieder präsent und hat mir mein liebstes Jahrzehnt wieder etwas näher gebracht. Und was soll ich sagen, das Buch hat mir sogar irgendwie erklärt, warum ich es auch heute noch liebe, mir „Ein Colt für alle Fälle“ anzusehen, auch wenn die Stunts und der Schnitt etc. im Gegensatz zu heute eher plump sind. Aber irgendwie sehne ich mich nach den Morgen in der Schule, wo wir Jungs dastanden und uns über die genialsten Szenen vom Abend vorher unterhalten haben.

Manchmal vermisse ich den Zeitpunkt, wo das Testbild auf meinem Fernseh erschien. Ich erwische mich, wenn ich noch immer Mohrenkopf oder Negerkuss zu einem Schokokuss sage. Und ihr werdet es nicht glauben, ich musste gerade wirklich googlen, wie man heute zu Mohrenkopf sagt. Zu sehr ist das noch immer in meinem Kopf verankert und ich empfinde das weder rassistisch noch sonst irgendwie wertend. Das hieß einfach so und ist es auch heute noch für mich. Ich mache mir auch bei einem „Zigeunerschnitzel“ keinen Kopf für mich bleibt das einfach so.

Bei dem Thema Computer und die 80er, da hätte ich noch einiges dazu schreiben oder sagen können, was nicht unbedingt jeder weiß, da mich mein Vater für solche Dinge schon früh begeistert hat. Aber irgendwie war ich doch sehr viel auch draußen und habe mich nicht, wie es heute oft ist, tagelang vor der Kiste versteckt.

Auch kann ich mich noch sehr gut erinnern, dass wir kein WhatsApp oder sonstiges gebraucht haben, um uns zu verabreden. Nein, wir sind einfach raus und man wusste einfach, wo man sich trifft.

Die beiden Autoren haben es zumindest geschafft bei mir meine Erinnerungen an das genialste Jahrzehnt aller Zeiten hervorzurufen und dann doch noch einige Punkte einmal zu hinterfragen. Mit den Gedanken und wie war das nun bei mir? Wo war ich eigentlich am 9.11.1989? Wie habe ich auf das Waldsterben reagiert oder wann kam es mir ins Bewusstsein? Dies sind alles solche Fragen, die ich für mich langsam beantwortete, als ich dieses Buch gelesen habe.

Wir Kassettenkinder ist aber glaube ich ein Buch, welches auch gerne Menschen lesen sollten, die diese Zeit nicht erlebt haben, vielleicht um die Eltern oder die (noch) ältere Generation ein wenig besser verstehen zu können, wobei man Kassettenkinder ganz einfach versteht. Wenn man ihnen einen Mix aus den 80ern vorspielt, gibt es irgendwann ein Leuchten in den Augen und jeder von uns hat dann eine bestimmte Erinnerung vor Augen. Und wenn man dann fragt, was los ist, bekommt man sicherlich einen Schwank aus der Jugend erzählt. Man muss nur mal fragen. Und vielleicht versteht man dann, wenn man dieses Buch gelesen hat, warum es für die 40+ Generation so ein tolles und wahrscheinlich das beste Jahrzehnt ihres Lebens gewesen ist.

Bewertung vom 17.12.2018
Fredegar
Krätke, Olaf

Fredegar


gut

In dieser Geschichte geht es zum einen um ein Rentier, welches als Kind noch sehr klein und zierlich ist, aber es geht auch um Mut, welchen auch kleine Kinder, egal ob Mensch oder Tier, in sich haben - manchmal sogar wesentlich mehr als Erwachsene.


Die Geschichte ist sehr einfach, aber auch voller Liebe, von dem Autoren Olaf Krätke erzählt, so dass man es einem Kind prima vorlesen kann. Das Alter des Zuhörers ist eigentlich egal. Die Geschichte kann auch Erwachsenen ansprechen, die vielleicht gerade nicht so eine gute Zeit haben. Ein bisschen mehr Mut und Selbstvertrauen kann jeder Mal gebrauchen.


Der Autor beschreibt eine ungewöhnliche Freundschaft, die man nicht unbedingt so erwartet. Eine Freundschaft zwischen Bären und Rentieren ist doch sehr außergewöhnlich. Aber warum eigentlich nicht! Die beiden wagen etwas Neues und finden dabei etwas Unbezahlbares – einen guten Freund.

Die Bilder von Kerstin Mayer runden die Geschichte ab. Sie sind sehr schön gezeichnet. Egal ob dies nun die Farbgebung ist oder die einzelnen Charaktere des Buches – sie inspirieren die Phantasie.


Es ist ein Buch, welches man gerne öfters in die Hand nehmen sollte, um es vorzulesen oder um einfach die schönen Bilder zu genießen. Beides ist zu schön, um länger im Regal rum zu stehen. Die Symbiose von Geschichte und Bildern ist absolut gelungen.

Bewertung vom 13.12.2018
Die Reise nach Ägypten
Schulz, Hermann

Die Reise nach Ägypten


sehr gut

Es gibt ja Geschichten, da kann man sich vorstellen, dass man sie abends Kindern erzählt. Und diese Geschichte, kann ich mir sehr gut bei einer Waldweihnacht, oder sonstigen Treffen von Kindern oder auch Jugendlichen um die Weihnachtszeit, vorstellen.

Es ist einfach schön, wie sich diese Geschichte aufbaut. Schon alleine wie es zu dem Kinderkrankenhaus in Managua gekommen ist. Es wird nur kurz angerissen, aber immerhin soweit, dass ich mich gleich ins Netz begab, um nach dem Kinderkrankenhaus 'La Mascota' zu suchen. Und man wird sogar sehr schnell fündig. Und so wird die Geschichte, die Hermann Schulz erzählt, noch eine Stufe rührender und bewegender.

In dem Buch geht es um den kleinen schwer kranken Filemón, der auf der Treppe vor dem Krankenhaus gefunden wird und wie Fernando Silva dem Kleinen hilft. Und was noch viel wichtiger ist, wie besagter Arzt die Weihnachtsgeschichte erzählt. Man muss schon ein wenig grinsen oder teilweise lachen, wie der Autor beschreibt Doktor Silva diese Geschichte erzählt. Es sind immer wieder neue Variationen dabei, da der Arztr in jedem der fünf Zimmer im Krankenhaus die Geschichte ein wenig verändert und auch weiterspinnt.

Im letzten Zimmer ist dann Ägypten ein Thema. Er erzählt von der Reise Jesu und seinen Eltern nach Ägypten, woraufhin der kleine Filemón mit dem Doktor nach Ägypten reisen möchte.

Und gerade wie Fernando Silva diese Situation in dem Buch dann löst, hat bei mir eine kleine Träne der Rührung ausgelöst. Aber ich sage dazu: Nur selbst lesen macht klug und bildet weiter.

Zumindest was die Weihnachtsgeschichte betrifft, sollte man die Erzählung nicht ganz so ernst nehmen. Da herrsch künstlerische Freiheit auf liebenswerte Art und Weise. Man sollte jedoch die Geschichte ansonsten auf sich wirken lassen und sich vielleicht selber hinterfragen, wie man selbst ein wenig Freude in die Herzen der Kinder bringen kann, ohne jedes Mal die teuersten Geschenke unter den Baum zu legen. Vielleicht ist es besser, wenn man einfach einmal etwas Zeit mit dem Kind, oder Kindern im Allgemeinen, verbringt, ohne sie vor dem Fernseher, Computer, Playstation oder sonstigen Dingen zu parken. Es ist eine Geschichte mit viel Herz und Liebe und sollte deswegen immer wieder erzählt werden - nicht nur zu Weihnachten.

Bewertung vom 10.12.2018
Der Angstmann / Max Heller Bd.1
Goldammer, Frank

Der Angstmann / Max Heller Bd.1


ausgezeichnet

Man stelle sich einfach mal vor, es ist 1944 in Dresden. Die Ostfront und Westfront sind am bröckeln oder schon zusammengebrochen. Die Amerikaner und Engländer bombardieren zunehmend auch Dresden. Die Polizei wird immer weniger, da die Männer an der Front gebraucht werden, weil die Russen ständig näher kommen. Das alleine ist ja bereits eine Geschichte wert, aber dies gibt es ja schon etliche Male. Hier liefert die Historie einen bewegenden Hintergrund für den Kriminalinspektor Max Heller. Ein Mann, der schon 1915 einen Krieg miterlebt hat und dort in einem Schützengraben lag. Der dabei eine Kriegsverletzung erlitten hat und deswegen nun nicht eingezogen wird, der aber auch immer wieder an den Schützengraben denkt und an das Gas, welches über den Schützengraben hinwegwehte und auch eindrang. Dies passiert aber immer wieder in kleinen Dosen. Es ist also nicht gerade so, dass man sagt: Oh Gott, schon wieder ein Kriminalinspektor, der einen Schaden hat.

Max Heller ist eher ein Kriminalinspektor mit einem übersteigerten Gerechtigkeitsempfinden, der nicht in die NSDAP, SS oder SA eingetreten ist, sondern der versucht sich so im nationalsozialistischen Deutschland durchzuschlagen.

Ihm gegenüber steht sein Vorgesetzter Rudolf Klepp. Einer, der noch immer an den „Endsieg“ glaubt, und dann doch in der Bombennacht am 13. Februar 1945 verschwindet.

Genau während dieser Zeit macht der Angstmann die Straßen Dresdens unsicher. Als wäre der Krieg nicht schon schlimm genug! Dieser Angstmann gibt komische Laute von sich und er häutet die Frauen so, dass sie dabei noch am Leben sind. So etwas spricht sich natürlich sehr schnell in der Stadt rum und verbreitet zusätzlich zu den ständigen Bombenangriffen noch mehr Angst.

Nach der Bombennacht vom 13. Februar 1945 ist erstmal Ruhe und man hat das Gefühl derjenige, der diese Morde begangen hat, ist in dieser Nacht von den Bomben erwischt worden. Aber zum Kriegsende hin fängt es wieder an und es kommen weitere Morde hinzu.

Es ist ein Krimi, der einen mitreißt, man bekommt unweigerlich ein Gefühl für das Leben in Dresden in der Zeit von Dezember 1944 – Mai 1945. Man riecht teilweise die Bomben, das Feuer und spürt die Angst und die Probleme, welche es in Dresden zu dieser Zeit gegeben hat. Dies ist wesentlich eindringender, als wenn man sich eine Dokumentation im Fernsehe ansieht. Das was Herr Goldammer in diesem Buch in mir hervorgerufen hat, ist eigentlich nicht fassbar. Er schafft es, dass die Angst vor den Bomben greifbar ist, es ist auch so, dass man versteht warum der Angstmann Dresden in Atem hält, auch wenn man eigentlich andere Sorgen hat.

Es ist aber auch eine Geschichte um einen Polizisten, der sich in meinen Augen nicht verbiegen lässt - weder von den Nazis noch von den Russen. Er bleibt seinem Empfinden und seiner Richtung treu. Er versucht aus dem Mangel, der auch bei der Polizei herrschte, das Beste zu machen, pflegt seine Freundschaften und passt auf die Menschen auf, die ihm umgeben, soweit er es kann. Sicher er ist nicht perfekt. Wer ist das schon? Er hat seine Ängste und die kommen immer wieder zu Tage, genauso wie er lieber einmal wegsieht, da er weiß, dass es ansonsten für ihn zu gefährlich wird.

Aber gerade dies macht diesen Krimi so lesenswert, da man immer wieder das Gefühl hat, das ist so ein normaler Mensch - kein Supermann, aber auch keiner, der sich verbiegen lässt. Die einzige Frage, welche ich mir nun schon seit Stunden stelle, ist: Wie will der Autor diese Figur weiter auf Verbrecherjagd gehen lassen. Wie will der Autor die Latte, welche er da gesetzt hat noch mal mit dem gleichen Kriminalinspektor überspringen? Ich bin gespannt, darf aber jedem, der Geschichte und einen Menschen mit Ecken und Kanten mag, diesen Kriminalinspektor ans Herz legen. Ich hoffe und denke, dass es noch einige Krimis mit Max Heller geben wird, aber ich weiß nicht, wie Frank Goldammer dies noch mal Toppen will.

Bewertung vom 06.12.2018
Wonderland
Stein, Christina

Wonderland


sehr gut

Der erste Gedanke war bei diesem, Buch Christina Stein sagt mir mal nichts, also lasse ich mich doch schlicht überraschen. Man stelle sich doch einfach mal vor, man ist in einer Luxusvilla, wo alles perfekt ist, dazu noch ein Traumstrand und dies mit Menschen, die man einfach nur gern hat.

Klingt traumhaft und ist es auch, obwohl dieser Jacob, der die Gruppe eingeladen hat, schon ein wenig komisch ist. Er ist irgendwie so ruhig und in sich gekehrt, wobei ihn Lizzy doch sehr anziehend findet. Ob das wohl am Sixpack liegen mag, oder seinem Geruch oder dem Grübchen am Kinn?

Lizzy selbst ist herzkrank und hat zudem ein Gespür für Situationen oder Dinge die einfach nicht stimmig sind. Ihr ist z.B. die Villa einfach zu perfekt und es gibt zu wenig Privates. Es ist alles zu steril. Es ist so steril, dass es stinkt und ihr sechster Sinn sich rührt.

Aber für die anderen ist es das „Wonderland“. Es ist einfach zu schön. Sie schlafen alle ein und wachen dann zu sechst genau im Gegenteil auf. Die Freunde erwachen auf einem Gelände so groß wie ein Sportplatz aber mit einer vier Meter hohen Stacheldrahtumzäunung. In der Mitte sind drei Bunker zum schlafen. Befehle werden über Mikrophon von einer verzerrten Stimme ausgeteilt. Überall sind Kameras und Mikrofone wie bei Big Brother und über dem Eingangstor steht „Ein Opfer macht frei“. Es vermittelt ein Gefühl man sei in Auschwitz gelandet. Es wird gesagt, dass an jedem zweiten Tag einer der Freunde geopfert werden muss. Wenn sie sich nicht entscheiden, dann werden die anderen eine Wahl treffen – wer auch immer dies ist.

Die Geschichte wird abwechselnd von Jacob oder Lizzy erzählt, so dass man immer wieder in den Kopf einer anderen Person sehen kann und deren Perspektive annimmt. Es ist gut beschrieben und es hat mich von Anfang an einfach gefesselt. Irgendwie hat mich das Ganze an „Herr der Fliegen“ erinnert. Warum kann ich nicht so genau sagen, aber es war eine Intensität in dem Buch, welche mir jeden Abend Angst gemacht hat, dass ich Albträume bekomme. Es hat mich stark zum Nachdenken über die verschiedenen Charaktere gebracht, welche einen immer wieder überrascht haben. Auch wenn Jacob und Lizzy die Hauptakteure sind, so sind die anderen immer wieder auch enorm wichtig für die Geschichte.

Christina Stein schafft es eine Geschichte zu formen, welche einen mitnimmt, die mich immer wieder dazu gebracht hat die Seite umzublättern und weiter zu lesen, obwohl das Grauen fassbar war. Es macht einen süchtig nach der nächsten Seite, dem nächsten Kapitel. Man wird immer wieder überrascht und genauso, wurde es zu meinem persönlichen „Wonderland“ warum und wieso möchte ich hier nicht schreiben, denn ihr solltet dieses Buch einfach selbst lesen. Schaut einfach mal in der Buchhandlung eures Vertrauens in das erste Kapitel rein. Mir ging es so, dass mich die Autorin sofort gefangen hatte. Mich eingesperrt hat in die Mauern, die einen süchtig machen auf die nächste Seite. Ich will einfach mehr von dieser Autorin lesen, die es schafft mich von der ersten Seite an mitzureißen. Ich hoffe, euch geht es genauso und ihr könnt es genießen.