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Benutzername: 93hexe
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Bewertungen

Insgesamt 3 Bewertungen
Bewertung vom 15.08.2016
Bühlerhöhe
Glaser, Brigitte

Bühlerhöhe


sehr gut

Fiktion mit realem geschichtlichem Hintergrund, so könnte man diesen Roman mit einem Stichwort zusammenfassen. Und das Ganze unglaublich spannend auf höchstem Niveau. Genau so mag ich Romane, voller interessanter Fakten und gleichzeitig wird eine fesselnde Geschichte erzählt.

Wir schreiben den Beginn der 50er Jahre, Adenauer ist Bundeskanzler und setzt sich für Wiedergutmachungszahlungen an den jungen Staat Israel ein. Damit macht er sich nicht nur Feinde im eigenen Land, auch einige jüdische Gruppen wollen dieses Geld nicht haben, sie sehen es als „Blutgeld“, als Freikaufen von Schuld.

Deshalb schickt der Mossad zusätzlich zum deutschen Geheimdienst zwei seiner Agenten zum Schutz des Kanzlers auf die Bühlerhöhe, wohin der Kanzler ein paar Tage zur Kur kommen wird.
Die Wahl fällt auf Rosa und Ari. Rosa ist eine junge Kibbuznik, die wenig begeistert ist von diesem Auftrag, viel lieber würde sie weiter ihrer Arbeit im Kibbuz nachgehen. Noch dazu erscheint Ari nicht beim ersten Treffen und scheint verschollen. Sie ist auf sich alleine gestellt.

Wird es Rosa gelingen, den Kanzler zu schützen, taucht Ari noch auf und was hat es mit dem Verschwinden des Arabers Nouridine auf sich, welche Rolle spielt der windige Verlobte der Hausdame des Hotels und weshalb ist die junge Angestellte Agnes so verschreckt?

Es geht um Waffengeschäfte, Wiedergutmachung, offene Wunden auf beiden Seiten, Gewalt gegen Frauen und eine Gesellschaft, die Normalität vortäuscht, aber unter der Oberfläche noch immer an Schuld, Kriegstraumen und Enttäuschungen leidet. Es ist faszinierend, wie es der Autorin gelingt all das in einen spannenden Roman zu packen.

Ich war von der ersten Seite an begeistert, habe wieder etwas Neues über das traurige Kapitel des zweiten großen Krieges des 20. Jahrhunderts erfahren und hatte gleichzeitig großes Lesevergnügen!

Bewertung vom 12.06.2016
Die Canterbury Schwestern
Wright, Kim

Die Canterbury Schwestern


sehr gut

Mehr als nur eine Wanderung
Dieser Schicksalsschlag steht uns allen einmal bevor. Irgendwann werden wir, wie Che in Kim Wrights Roman, unsere Mutter verlieren und irgendwann werden wir versuchen müssen, damit umzugehen. Che hat damit ihre Schwierigkeiten. Sie kann ihre Trauer nicht wirklich zulassen, schiebt das auf das komplizierte Verhältnis zu ihrer Mutter, auf ihre schwere, turbulente Kindheit in einer Hippie-Kommune. Und doch entscheidet sie sich, den letzten Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen und nach England zu reisen, um ihre Asche im Pilgerort Canterbury zu verstreuen. Was genau sie zu dieser Reise bringt, ist jedoch unklar - ob es nun die Trauer um ihre Mutter ist oder aber die um ihren Ex-Freund, der sie per Brief abserviert hat. Che verlässt also ihre Wohlfühlzone, lässt alles stehen und liegen, fliegt nach London, um sich dort einer Reisegruppe anzuschließen, die von der Hauptstadt nach Canterbury pilgert. Das heißt, so ganz sicher ob sie sich anschließen wird ist sie noch nicht. Doch als sie sich entschließt, macht sie die Bekanntschaft mit acht spannenden Persönlichkeiten - allesamt Frauen, die diese Pilgerreise aus einem anderen Beweggrund auf sich nehmen. Sie erwecken eine alte Tradition, indem sie den anderen auf ihrer Wanderung jeweils ihre persönliche Liebesgeschichte preisgeben. Che, gefangen in ihren Vorstellungen, Ideen, ihrer eigenen Welt, wird erst während der Pilgerreise klar, für wen sie diesen Weg auf sich nimmt. Dass sie selbst diese Auszeit braucht und sie ihrer Mutter dankbar ist, dass sie sie auf diesen Weg gebracht hat. Mir hat das Buch wahnsinnig gut gefallen. Wie bei jedem Buch über einen Pilgerweg packte mich das Reisefieber und ich konnte dank des offenen und herzlichen Schreibstils die Veränderungen der einzelnen Frauen wahnsinnig gut nachempfinden. Die Geschichten sind so unterschiedlich, wie sie nur sein können - die einen absurd, die anderen verlogen, manche rührend und manche einfach nur komisch! Je näher man Canterbury kommt, desto mehr scheint auch Che sie zu berühren und sich auf den Pilgergedanken einzulassen. Dass sie das ganze eigentlich für ihre Mutter tut, scheint in den Hintergrund zu geraten.

Bewertung vom 03.04.2016
Eine Therapie für Aristoteles (Restexemplar)
Sumner, Melanie

Eine Therapie für Aristoteles (Restexemplar)


ausgezeichnet

Als 12 1/2 jährige hat man es nicht leicht. Man ist noch kein richtiger Teenager, aber aus dem Kindesalter ist man auch schon heraus gewachsen. Wenn man dann auch noch mit einer nicht ganz so durchschnittlichen Familie gesegnet ist, dann wundert es einen nicht, warum Aristoteles, auch Aris genannt, eigentlich eine Therapie bräuchte. Da ihr Bruder Max auch schon wegen seiner Hyperaktivität therapiert wir, reicht das Geld nicht und Aris muss sich mit dem Ratgeber "Romane schreiben in 30 Tagen" begnügen. Mithilfe dieses Buches analysiert sie ihre Familie, die aus ihrer Mutter Diane und ihrem jüngeren Bruder besteht, sowie ihren Großeltern, kurz Oma und Opapa genannt. Ihr Vater dagegen existiert nur noch als Geist und so ist es an Aris, ihren Bruder mit zu erziehen und sich nach einem neuen Mann für Ihre Mutter umzusehen. Das alles verarbeitet sie in ihrem Roman, denn sie ist sich sicher, dass dieses Buch die Existenz ihrer Familie retten wird.
Wie schon erwähnt steckt Aris mitten in der Pubertät. Sie ist sehr intelligent und feinfühlig, nicht auf den Mund gefallen und mischt sich gerne in Dinge ein, die sie eigentlich noch nichts abgehen oder für die sie noch zu jung ist. Aber man merkt auch das sie und ihr Bruder darunter leiden, keine dauerhafte männliche Bezugspersom in ihrem Leben zu haben. Zwar kümmert sich Penn MacGuffin immer wieder um die beiden, Aris würde es aber noch viel besser gefallen, wenn aus ihm und ihrer Mutter ein Paar würde. Ihre Mutter Diane hat den Tod ihres Mannes noch immer nicht ganz verwunden. Zwar ist sie immer wieder auf der Suche nach einem neuen Mann, hat dabei aber bisher kein Glück gehabt. Sie ist ihren Kindern eine gute Mutter, wenn auch etwas verschoben und zeitweise sehr unorganisiert. Aris behandelt sie deshalb manchmal wie eine gleichaltrige Person, weshalb Aris oft so altklug wirkt. Max dagegen ist das "Sorgenkind" der Familie, denn unter seiner Hyperaktivität leidet die ganze Familie. Er reagiert sehr sensibel auf alle neutralen bis negativen Nachrichten und fühlt sich in seiner Existenz bedroht. Seine Mutter fehlt einen Tag in der Arbeit? Schon sieht er die Familie am Existenzminimum, denn Diane würde ja ihren Job verlieren, wenn das raus kommt. Trotzdem ist er ein sehr liebenswerter Charakter und sehr sensibel, was die Probleme in seiner Umwelt betrifft.

Melanie Summer hat mit "Eine Therapie für Aristoteles " einen ungewöhnlichen und zugleich unterhaltsamen Roman geschrieben, den ich gerne weiterempfehle.