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Bücherbummler

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Insgesamt 136 Bewertungen
Bewertung vom 04.01.2026
Yueran, Zhang

Schwanentage (eBook, ePUB)


sehr gut

Yu Lin arbeitet als Kindermädchen für eine wohlhabende und einflussreiche Familie, bis sie eines Tages mit ihrem Freund beschließt, ihren Zögling Kuan Kuan zu entführen, um ein hohes Lösegeld zu erpressen. Doch noch während der Entführungsaktion erfährt sie, dass der Vater des Jungen verhaftet wurde und die Mutter flüchtig ist. Sofort kehrt sie in das Haus zurück, wo sie nun diejenige ist, die die Entscheidungen treffen muss. Und nicht alle werden die richtigen sein.

Mit „Schwanentage“ hat Zhang Yueran einen interessanten Roman über die Labilität der oberen Schichten in China geschrieben. Ich habe es nur zufällig entdeckt, zumindest in meinem Umfeld scheint es nicht sehr präsent zu sein, und das ist schade. Dieser Zufallsfund hat sich durchaus gelohnt, obwohl ich mir vorstellen kann, dass dieses Buch sehr unterschiedliche Besprechungen bekommen wird, es scheint mir eines jener zu sein, bei denen die Chemie halbwegs stimmen muss.

Mir hat, neben der Tatsache, dass die Geschichte in einer anderen Kultur spielt, die Zeichnung der Figuren besonders gefallen. Man kommt nicht zu nah an sie heran, aber jede einzelne ist auf ihre Weise originell und interessant, ohne übertrieben zu wirken. Und trotz dieser Distanz vermittelt die Geschichte eine Unmittelbarkeit, die einem das Gefühl gibt, dabei gewesen zu sein.

Allein die Story ist für mich gegen Ende ein wenig abgeflacht. Ich muss zugeben, da hätte ich mir zwar auf einer Ebene weniger erhofft, auf einer anderen aber doch mehr erwartet. Yueran lässt einen ziemlich unvermittelt mit fast schon metaphorischen Bildern stehen.


Insgesamt war „Schwanentage“ ein Buch, das ich immer wieder gerne zur Hand genommen habe, weil ich gespannt war, wie es weitergeht. Und ja, ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht, aber trotzdem möchte ich mehr von Yueran lesen, die ihren eigenen Weg, über ihre Themen zu erzählen, gefunden zu haben scheint. Und darum gibt es eine Leseempfehlung.

Bewertung vom 04.01.2026
Marfutova, Yulia

Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel


gut

Mäuse sind es, die Marinas drei Töchtern vom Leben ihrer Mutter erzählen. Marina wuchs, anders als ihre Kinder, nicht in Deutschland auf, sondern in der Sowjetunion. In einer Zeit, in der gerade bei jungen Menschen der Drang nach Freiheit immer größer wurde.


Yulia Marfutovas Idee, den Plot in ihrem Roman „Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel“ von Mäusen erzählen zu lassen, oder besser gesagt von der ältesten Tochter, die es wiederum von den Mäusen erfährt, hat schon seinen Charme. Der durch seinen naiven Anstrich allerdings ein wenig kindlich daher kommt. Diese kleinen Nager waren mit Abstand die eindeutigsten unzuverlässigen Erzähler, die mir seit Larifari Mogelzahn je begegnet sind und haben durchaus Spaß gemacht. Warum die Autorin diese Wahl getroffen hat, konnte sich mir allerdings nicht erschließen.


Und das korrespondiert eigentlich mit meinem Gesamteindruck dieses Buches. Es war nett, ich habe mich unterhalten gefühlt, die Seiten flogen recht flott vorbei, aber mitgenommen habe ich am Ende nicht allzu viel. Eben ein weiterer autofiktionaler Roman, in dem jemand das Leben seiner Familie verarbeitet. Nicht uninteressant, aber auch nicht herausstechend. Jedenfalls nicht, wenn wir die Mäuse außen vor lassen.

Was mir gefallen hat, ist, dass Marfutova ihre eigene Stimme gefunden hat. Sie mag nicht laut und eindrucksvoll daherkommen, aber gerade das kann ja auch eine Qualität sein. Vielleicht passt für andere dazu auch der Titel perfekt, der mich persönlich weniger angesprochen hat, mir zu sehr am Rande der Gefühlsdusseligkeit vegetiert.


Fazit: Marfutovas „Der Himmel vor hunderten Jahren“ hat mir um einiges besser gefallen als der „spatzengroße Vogel“, aber trotzdem ist letzterer ein Roman, mit dem man gut seine Zeit verbringen kann. Bei mir selbst hat er zwar wenig Eindruck hinterlassen, aber als Leseerlebnis für den Augenblick taugt er durchaus.

Bewertung vom 20.12.2025
Dinic, Marko

Buch der Gesichter


sehr gut

Dies ist eine meiner seltenen Rezensionen, bei denen ich auf eine Inhaltsangabe verzichte. Aus Gründen, die sich aus meiner weiteren Besprechung erschließen lassen, könnte ich höchstens den Cover-Text wiederholen. Aber diesen werden Leser und Leserinnen höchstwahrscheinlich schon kennen oder zumindest wissen, wo er zu finden ist.

Ich habe mich schwergetan mit dem „Buch der Gesichter“ von Marko Dinić. Zum einen lag das sicherlich daran, dass der Roman zu einem ungünstigen Zeitpunkt in mein Leben getreten ist, in dem ich ihm nicht die richtige Aufmerksamkeit zukommen lassen konnte, deren es bedarf. Was ich bedauere, denn es ist eindeutig ein gutes und vor allem wichtiges Werk, das einem Einblicke in einen Aspekt der Nazi-Zeit und die Geschichte Serbiens gibt, über die zumindest ich überhaupt nichts wusste.

Zum anderen lag der Mangel an Zugang aber auch daran, dass Dinić es einem nicht einfach macht. Nicht nur weil sein Roman sehr grausame Stellen hat, die nur schwer auszuhalten sind – auch wenn er es schafft, ihre Notwendigkeit überzeugend zu vermitteln, einen spüren lässt, dass es ihm nicht einfach um das Ködern einer größeren Leserschaft geht.
Das weitaus größere Problem lag für mich in der Strukturierung der Geschichte. Acht Personen lässt er in acht Kapiteln ihre Blickwinkel darstellen. Was grundsätzlich erstmal fantastisch ist, ich bin ein großer Liebhaber verschiedener Perspektiven. Aber im Detail hat sich mir das große Ganze nur schwer offenbart. Zwar hat sich am Ende auch für mich der Kreis geschlossen und ich habe das Buch durchaus mit einem Hauch von Befriedigung zur Seite legen können. Aber im Verlauf habe ich ständig den roten Faden verloren, wusste nicht mehr, wer wer ist, wo wir sind, wann wir sind und warum wir dort sind. Die Folge waren Frust und gelegentliche Langeweile.

Ich kann mich nur wiederholen: „Buch der Gesichter“ ist ein Roman, der Aufmerksamkeit verlangt, Konzentration und Mitdenken. Ich habe ihm die nötige Zuwendung nicht gegeben, aber ich wünsche ihm viele Leser, die genau das tun. Und bin mir sicher, dass sie dafür reich belohnt werden.

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025.

Bewertung vom 30.11.2025
Dröscher, Daniela

Junge Frau mit Katze


sehr gut

Ela ist in ihren 30ern und steht kurz vor der Promotion, als ihr Körper plötzlich verrückt zu spielen scheint. Probleme mit dem Herzen, der Haut, Halsschmerzen, Ärzte, die keine Diagnose finden. Lügen, die Ela in ihrer Verunsicherung und dem Wunsch, alles richtig zu machen, zu spinnen beginnt, und Freundschaften, die zu zerbrechen drohen, führen schließlich dazu, dass sie ihren ganzen aktuellen Lebensweg infrage stellen muss.

Drei Jahre nach ihrem autofiktionalen Roman „Lügen über meine Mutter“, der es damals auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft und der mir sehr gefallen hat, legt uns Daniela Dröscher jetzt mit „Junge Frau mit Katze“ eine Art Fortsetzung aus dem Leben ihrer Protagonistin Ela vor. Oder etwa nicht? Mir jedenfalls war bei der Lektüre nur selten bewusst, dass ich mich hier in einem Universum bewege, das mir schon bekannt sein sollte. Das liegt nicht nur daran, dass Ela nun erwachsen ist und das dörfliche Leben, das so eine große Rolle spielte, gegen die Stadt getauscht hat. Der Vater, der vorher so herrschsüchtig präsent war, ist jetzt nur noch eine Randfigur, die Mutter hat sich – zu ihrem Vorteil – in einen ganz anderen Menschen verwandelt und die Schwester … ist auf wundersame Weise auf einmal ein Bruder (und nein, es scheint sich nicht um eine Geschlechtsanpassung zu handeln).

Mich hat das überhaupt nicht gestört. Ich habe „Junge Frau mit Katze“ nicht nur fast vollständig losgelöst von mit dem Vorgänger verbundenen Erwartungen gelesen, sondern auch auf einer sehr persönlichen Ebene, die allerdings eine Besprechung deutlich erschwert. Ich denke, der Charme liegt in erster Linie daran, dass Ela als Protagonistin extrem zugänglich ist. Man leidet mit ihr mit, man ist von ihr genervt, man freut sich für sie oder ist auch mal empört über das, was ihr zustößt. Sprich, man ist einfach sehr nah dran.
Das Einzige, was ich kritisch anzumerken hätte, ist, dass der Roman sich gegen Ende ein wenig zieht. Für mein Gefühl war ab einem bestimmten Punkt die Geschichte zu Ende erzählt, zog sich dann aber noch ein ganzes Weilchen hin, bis alle Fäden zusammengeführt waren. Aber das hat das Gesamturteil nur wenig trüben können.

Kurz gefasst: Wer eine direkte Fortsetzung zu „Lügen über meine Mutter“ erwartet, könnte ein wenig enttäuscht sein, aber sicher nicht für lange. Zwar fand ich persönlich diesen Roman nicht ganz so eindrücklich wie sein Vorgänger, aber trotzdem ist „Junge Frau mit Katze“ in sich ein ausgesprochen lesenswertes und unterhaltsames Buch, das die Vorfreude auf weitere Werke der Autorin am Leben hält. Leseempfehlung!

Bewertung vom 09.11.2025
Hagena, Katharina

Flusslinien


sehr gut

102 Jahre alt ist Margrit, die in einer Seniorenresidenz an der Elbe lebt. Zu ihren Mitbewohnern gehören Cornelius, eine alte Liebe Margrits, und Gregor, der seine Gefühle für sie kaum verbergen kann. Margrit verbringt ihre Tage in den Römischen Gärten, denn die ehemalige, schon lange verstorbene Gärtnerin war einst die große Liebe von Margrits Mutter.
Luzie ist Margrits Enkelin, die nach einer Vergewaltigung in Australien nach Deutschland zurückgekehrt ist, die Schule geschmissen hat und sich nun das Tätowieren selbst beibringt. Ihr erstes Studio richtet sie in der Seniorenresidenz ein.
Und dann ist da noch Arthur, der Fahrer, der Margrit täglich zu den Römischen Gärten fährt und sie wieder abholt. Nach außen wirkt er in sich ruhend und kompetent, aber an ihm nagt ein tief sitzendes Schuldgefühl.

Katharina Hagenas neuer Roman „Flusslinien“ gehört in die Kategorie jener Bücher, die ich sehr gerne und mit einer gewissen Andacht lese, die sich nach der Lektüre aber ins emotionale Vergessen zurückziehen. Heißt, ich erinnere mich noch grob an die Geschichte, weiß aber nicht mehr, warum es mir über einen mittelmäßigen Grad hinaus gefallen haben könnte. Mein Verdacht ist, dass mich in solchen Fällen das Geschehen so durch die Seiten trägt, dass ich durchaus neugierig bin, wie es weitergeht, mich mit den Figuren aber nicht richtig angefreundet habe.

Dabei hat Hagena eine illustre Runde an originellen Charakteren erschaffen. Aber gerade das hat auf mich oft eine negative Wirkung, weil es einfach zu viel des Guten ist. Wenn eine Geschichte nur von außergewöhnlichen Menschen bevölkert ist, dann sind sie zum einen eben nicht mehr außergewöhnlich, und zum anderen bekommt die Handlung sehr schnell einen konstruiert wirkenden Anstrich. Darüber hinaus gibt mir eine derartige Konstellation oft das Gefühl, zu sehr vom Autor oder von der Autorin manipuliert zu werden, dass er oder sie zu eifrig darauf abzielt, mir Gefühle der Rührung und Ergriffenheit entlocken zu wollen.

Stilistisch hat mir der Roman gut gefallen. Hagenas Ton und die Ereignisse harmonieren ausgezeichnet miteinander und ergeben ein rundes Bild. Auch die Rückblenden fand ich sehr gut eingearbeitet, sie haben sich nicht mal wie Zeitsprünge angefühlt, sondern wie ein homogener Teil der Geschichte, wenn natürlich auch deutlich erkennbar war, dass es sich um die Vergangenheit handelt.

Und natürlich ist das Cover wunderschön. Passend zu den atmosphärischen Abschnitten über das Flussleben, die jeden der 12 Tage, von denen erzählt wird, einleiten.

Ich möchte es noch einmal wiederholen: Ich habe „Flusslinien“ sehr gerne gelesen und die Lektüre hat auch in mir den Wunsch geweckt, Hagenas andere Romane ebenfalls zu lesen. Die Dringlichkeit, dieses zu tun, ist im Nachhinein ein wenig verblasst, aber da ich eher zu denen gehöre, die für das Erlebnis des Moments lesen, als für langfristige Gewinne, spreche ich, trotz oben genannter Einwände, eine Leseempfehlung aus.

Bewertung vom 02.11.2025
Adhikari, Dambar Bahadur;Brühwiler, Barbara

Der Himmel über Kathmandu


weniger gut

Eigentlich ist Dambar hinduistischer Priester in seiner Heimat Nepal, als ein einschneidendes Ereignis ihn das Christentum für sich entdecken lässt. Eine Wahl, die in Nepal nicht gerne gesehen wird. Dambar beschließt, in die USA zu flüchten, landet aber in Deutschland, wo er versucht herauszufinden, welche Pläne Gott für ihn hat.

Ich finde es nicht einfach, Bücher, in denen es um Religion und Glauben geht, zu bewerten, aber die Autobiografie „Der Himmel über Kathmandu“ von Dambar Bahadur Adhikari war für mich in vielerlei Hinsicht fragwürdig. Die Einblicke in seine Kindheit in Nepal sind durchaus interessant und auch sein Verständnis von Glauben, in dem er eine Beziehung zu Jesus den starren Strukturen einer institutionalisierten Kirche vorzieht, ist mir sympathisch. Aber da ist dann leider auch schon Schluss mit meinem Wohlwollen.

Schon rein literarisch war das Buch eine Herausforderung. Stilistisch hat es mich an Berichte in der Kirchenzeitung über Karnevalsfeiern im Seniorenheim oder Ähnliches erinnert. Ich habe sehr lange gebraucht, es durchzulesen, weil ich einfach nie Lust hatte, es wieder in die Hand zu nehmen. Wir haben es hier auch nicht wirklich mit einer stringent erzählten Geschichte, sondern eher mit einer – immerhin chronologisch weitestgehend geordneten – Anhäufung von Anekdoten, die allerdings schon ein, wenn auch einseitiges, Gesamtbild ergeben.

Diese Einseitigkeit ist vor allem damit zu erklären, dass Adhikari hauptsächlich sich selbst im Fokus hat, und das auf eine Weise, die fast unangenehm ist, und alle anderen Menschen in seinem Umfeld zu Pappfiguren degradiert. Für sich selbst erlangt er allerdings auch nicht viel an Tiefe, da er konsequent auf jede Art von Reflexion verzichtet. Das ist nicht nur langweilig, sondern auch unangenehm bis an den Rand des Fremdschämens.

Was nun die Botschaften des Buches betrifft: Ja, es gibt durchaus einige, die von Wert sind, das kann ich nicht abstreiten. Es gibt aber auch einiges, das in den kritischen bis gefährlichen Bereich hineingeht. Da möchte ich nur die „Heilung“ eines Freundes von der Homosexualität erwähnen, mehr muss man wohl nicht sagen … Insgesamt scheint es unserem eifrigen Missionar mehr um Quantität als um Qualität zu gehen; es fallen viele Zahlen über Orte, an denen er war, Erfolge, die er erzielt, und Menschen, die er mehr oder weniger für seinen Gott „rekrutiert“ hat.

Ich möchte hier aber nicht über die Person Adhikari urteilen. Ich habe Ausschnitte aus einem Interview mit ihm gesehen und dort einen ganz anderen Eindruck von ihm gewonnen als während des Lesens seiner Autobiografie. Wie das zustande kommt, kann ich nicht sagen. Vielleicht liegt es an dem Stil, vielleicht wurde er bei der Überarbeitung nicht gut beraten, wer weiß. So oder so, für dieses Buch gilt: Für mich hat Glaube jeder Art auch ganz viel mit Bescheidenheit, Respekt, Reflexion und Innenleben zu tun. Und gelungene Lektüre mit gutem Stil. Diese Punkte habe ich in diesem Buch nur in sehr geringem Maße gefunden. Darum kann es von mir leider keine Leseempfehlung geben.

Bewertung vom 25.10.2025
Boie, Kirsten

Das Ausgleichskind


sehr gut

Eigentlich findet Margret es ziemlich blöd, dass ihr bester Freund Akki sie als „Ausgleichskind“ bezeichnet. Als das Kind, das, wenn Zuhause bei den Eltern nicht alles so läuft, wie diese es sich wünschen, diejenige sein muss, die funktioniert und gute Ergebnisse vorweisen kann. Aber wenn sie das nicht ist, warum übt sie dann so fleißig Klavier, obwohl das Klavierspielen doch eigentlich der Traum ihrer Mutter war? Warum lässt sie ihre Klassenkameraden im Stich, und dazu noch gerade dann, wenn es um wichtige Aktionen für die Umwelt geht? Und warum ertappt sie sich immer öfter dabei, sowohl ihre Familie, als auch ihre Freunde anzulügen, nur damit alle zufrieden sind? Vor allem aber: Wie soll sie aus diesem Netz aus Lügen wieder herauskommen?

Kirsten Boie sagt es im Vorwort zur Neuauflage ihres Romans selbst: „Das Ausgleichskind“ ist nicht sonderlich gut gealtert. Jedenfalls oberflächlich nicht. Gefühlt versetzt einen die Geschichte umstandslos in die 1980er Jahre zurück. Für mich, die ich selbst in dieser Zeit aufgewachsen bin, war das kein Problem (auch wenn mir die Kommunikationsebene der Eltern sogar für diese Zeit schon etwas angestaubt vorkam). Aber inwieweit sich junge Leser von heute davon angesprochen fühlen und sich identifizieren können, kann ich nicht sagen.

Auf der wesentlichen Ebene bleibt Boies Buch aber (leider) immer noch sehr aktuell. Umweltzerstörung ist nach wie vor unser größtes Problem, auch wenn sich in den speziellen Punkten, die in der Geschichte angegangen werden, ein wenig was verändert haben mag. Aber bei weitem nicht genug, dass besonders die Eigenverantwortung eine wichtige Botschaft bleibt.
Und natürlich gibt es auch immer noch Eltern, die ihre Träume und Wünsche auf ihren Nachwuchs projizieren. Und Kinder, die mit diesen Ansprüchen irgendwie umgehen müssen. Vielleicht ist es auch gerade spannend, zu vergleichen, wie ähnlich sich manche Situationen in den unterschiedlichen Generationen bleiben.

Vor allem aber hat „Das Ausgleichskind“ das, was ich an allen Boie-Büchern schätze und liebe: Sie versteht es einfach – unabhängig von der Schwere der Thematik – ein Gefühl zu erzeugen, das sagt, dass im Grunde alles gut ist. Einen unerschütterlichen Kern heiler Welt, den die Kinderbücher, die mich am meisten geprägt haben, alle in sich hatten, und der mir noch als Erwachsene Halt geben kann.

„Das Ausgleichskind“ ist vielleicht nicht mein Lieblings-Boie-Buch, aber es hat einen besonderen Wert, weil es zum Nachdenken und vor allem zum Aktivwerden einlädt. Darum eine Leseempfehlung von mir.

Bewertung vom 07.10.2025
Melle, Thomas

Haus zur Sonne


ausgezeichnet

Unser Ich-Erzähler will nicht mehr. Den Großteil seines Lebens hat er sich mit seiner bipolaren Störung auseinandersetzen müssen. Hat unter den Tiefs gelitten und sich in den manischen Phasen zu Taten aufgeschwungen, die im Nachhinein zu Scham und einem immer kleiner werdenden sozialen Umfeld geführt haben. Darum beschließt er, das Angebot anzunehmen, das das Haus zur Sonne anbietet: Ihm werden seine größten Wünsche erfüllt, wenn er sich im Gegenzug bereit erklärt, danach aus dem Leben abzutreten.

„Haus zur Sonne“ ist meine erste Begegnung mit Thomas Melle und das Erste, das mich beeindruckt hat, war die Atmosphäre, die er zu schaffen versteht. Man muss nicht selbst bipolar sein, um die Beklemmung seiner Schilderung zu spüren, um zumindest eine, wenn auch natürlich niemals ganz greifbare, Vorstellung davon zu bekommen, wie die Krankheit die Herrschaft über das Leben ergriffen zu haben scheint. Wie nicht nur das Innenleben des Menschen davon betroffen ist, sondern wie sie auch das Äußere überschattet, das soziale und berufliche Feld minimiert oder gänzlich zerstört.

Dabei ist der Roman aber nicht einfach ein tiefes Tal aus Seufzern und Tränen. Im Gegenteil, ich fand die Ereignisse im Haus zur Sonne oft amüsant und durchaus auch lebensbejahend. Man findet viel Schönheit in den Details, vor allem in den Begegnungen mit den anderen Patienten. Und auf bizarre Weise auch in der Trauer selbst.

Und dann sind da die großen Fragen, die einem als Leser kommen können. Ich reflektiere eher selten über mich selbst, wenn ich Bücher lese, aber hier konnte ich gar nicht anders, als mich zu fragen, was ich mir wünschen würde, wäre ich in der Position des Protagonisten. Und was mir die Erfüllung dieser Wünsche am Ende tatsächlich brächte. Oder auch ob das Versprechen des Todes es einem erleichtern kann, wieder mehr Freude am Leben zu finden. Beziehungsweise ob es nicht in der Natur des Menschen liegt, dass die Unausweichlichkeit des Todes den Wunsch nach Leben in uns weckt. Und was, bitte, ist von einer Regierung zu halten, die ihren kranken Bürgern Wunscherfüllung im Tausch gegen ihr (für den Staat zu kostspieliges) Leben anbietet?

Es scheint, wie ich in anderen Rezensionen gelesen habe, relativ nahezuliegen, „Haus zur Sonne“ in Beziehung zu Manns „Der Zauberberg“ oder auch Tokarczuks „Empulsion“ zu setzen. Ich habe dieses Bedürfnis aber nicht. Mir ist der Gedanke auch während der Lektüre nicht gekommen. Für mich steht dieses Buch für sich, hat seine eigene Aussage und Stimmung, die sich bei mir gänzlich anders anfühlen als bei den oben genannten Werken.

Man sollte auch nicht den Fehler machen, zu denken, dass „Haus zur Sonne“ nur etwas für jene ist, die sich für bipolare Störungen interessieren. Der Roman ist einfach für sich gut. Punkt. Und darum gibt es von mir eine große Leseempfehlung und gedrückte Daumen für den Deutschen Buchpreis 2025.

Bewertung vom 28.09.2025
Sauer, Anne

Im Leben nebenan (MP3-Download)


sehr gut

Antonia, jetzt Toni genannt, ist eigentlich zufrieden mit ihrem Leben. Sie ist der Enge des Dorfes ihrer Kindheit entkommen und lebt mit ihrem Partner Jakob in der Stadt. Nur der Wunsch nach einem Kind, der eigentlich eher auf einer spontanen „Warum eigentlich nicht jetzt?“ Entscheidung fußt, anstatt auf einem tiefen Sehnen, nimmt immer mehr Platz in Beider Leben ein. Vor allem, da er sich nicht so einfach umsetzen lässt, wie gedacht.
Doch dann wacht Toni – jetzt wieder als Antonia – eines Tages in einer ihr völlig fremden Wohnung auf. Aber nicht alles ist unbekannt. Die Wohnung befindet sich in ihrem Heimatdorf und Adam, ihre alte Jugendliebe, scheint ihr Ehemann zu sein. Und dann ist da noch das Baby. Das Baby, dessen Mutter sie zu sein scheint …

Vorneweg: Ich habe „Im Leben nebenan“ von Anne Sauer ziemlich gerne gehört. Die Geschichte hatte mich schnell am Haken und, wäre es zeitlich möglich gewesen, ich hätte es vermutlich an einem Stück runtergehört. Es war zwar keine komplette Begeisterung (die wäre eventuell größer gewesen, wenn ich selbst in dem Alter wäre, in dem Mutterschaft, Kinderwunsch oder eben auch die Abwesenheit eines solchen eine Rolle spielen), aber dass man sowohl gefühlsmäßig mitgehen, sich aber auch gleichzeitig interessanten grundlegenden Fragen aussetzen konnte, hat mir gut gefallen.

Dass es dann doch keine pure Begeisterung war, lag vor allem daran, dass ich den logischen Aufbau nicht immer als rund empfunden habe. So mag es durchaus clever sein, dass Sauer ihre Protagonistin unvorbereitet im Leben als Mutter ankommen lässt. Denn nur so kann dieselbe Person, Antonia/Toni, die Unterschiede zwischen dem kinderlosen Leben und dem einer Mutter empfinden. Hätte sie die Vorgeschichte Antonias durchlebt, wäre sie ja eben Antonia und nicht Toni. Auf der anderen Seite ist aber auch da gerade der Haken, weil man in der Regel ja eben nicht aufwacht und ein mehrere Wochen altes Baby besitzt. Dass Mutterschaft anstrengend, fordernd und unter Umständen beängstigend sein kann, steht gar nicht zur Debatte. Überraschend kommt sie aber normalerweise nicht. Ein Beispiel von mehreren, dass mein Logik-Zentrum die Nase hat rümpfen lassen.

Zu Chantal Busse als Leserin kann ich gar nicht so viel sagen. Sie macht ihre Sache gut, aber mich begeistern diese jüngeren Frauenstimmen, die so viele Bücher in den letzten Jahren einlesen und alle irgendwie gleich klingen, nicht so sehr. Da hätte ich mir mehr Wiedererkennungswert und Charakter gewünscht.

Aber alles in allem hat mich „Im Leben nebenan“ gut unterhalten, mir Stoff zum Nachdenken geliefert und ich hätte auch nichts dagegen gehabt, wenn es noch weitergegangen wäre. Das ist selbstverständlich eine Leseempfehlung wert.

Bewertung vom 30.08.2025
Kitamura, Katie

Die Probe


ausgezeichnet

Schauspielerin ist die Ich-Erzählerin und glücklich verheiratet mit Tomas. Eine Abtreibung und eine Fehlgeburt hat sie hinter sich, weswegen sie sich sehr sicher ist, dass der junge Xavier, der ihr erklärt, dass er vermutet, ihr Sohn zu sein, sich nur irren kann. Xavier scheint diese Offenbarung nicht weiter zu betrüben. Anstatt der Sohn der Schauspielerin wird er der Assistent ihrer Regisseurin.

So die Ausgangssituation in „Die Probe“ von Katie Kitamura und viel mehr möchte ich auch gar nicht verraten. Nur so viel sei gesagt: Realitäten und Grundannahmen werden sich verschieben, und das nicht zu knapp.

„Die Probe“ ist mein zweiter Roman von Katie Kitamura. Während mir „Intimitäten“ ganz gut gefallen hat, fand ich ihren neuen Roman großartig. Er ist nicht so einfach zu greifen, wie man am Anfang vermuten könnte, hat mich verwirrt und teilweise ein wenig erschüttert. Ich habe mich oft gefragt, wo das ganze hinführen soll, befürchtet, dass es keinen befriedigenden Ausgang oder -weg geben kann. Aber als ich mit der letzten Seite durch war, war ich einfach nur angetan. Angetan wie jemand, der gerade einem sehr cleveren Kunststück beigewohnt hat, einem Twist der anderen Art.

Aber der Roman bietet darüber hinaus noch viel mehr. Er geht auch gewichtige Themen an, die viel Material zum Nachdenken bieten. Obwohl diese bei mir, muss ich zugeben, hinter meinem Entzücken ein wenig ins Abseits geraten sind.

Ganz generell ist mir sicherlich einiges entgangen, vermutlich habe ich Tiefen und Symbolik in diesem Roman komplett überlesen. Ich weiß nicht, ob man wirklich so viel hineininterpretieren kann, wie ich es in einigen Besprechungen gesehen habe. Vielleicht ja. Aber ehrlich gesagt ist mir das recht egal. Ich habe dieses Buch genau so geliebt, wie es bei mir angekommen ist. Hätte es ein bisschen weniger wild sein können im letzten Drittel? Durchaus, aber auch hier hat sich zumindest in meinem eigenen Verständnis alles zusammengefügt und ein rundes Ganzes ergeben. Wobei ich mir bewusst bin, dass meine Deutung wohl nur eine von vielen ist.

Ich nehme an, dass diese Rezension eher verwirrend als hilfreich ist. Und ich würde unglaublich gerne mehr sagen. Aber da das nicht geht, ohne das Leseerlebnis zu stören, werde ich mich zurückhalten. Dafür aber eine große Leseempfehlung aussprechen.

Nominiert für den Booker Prize 2025.