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Benutzername: takabayashi
Danksagungen: 5 (erhaltene)


Bewertungen

Insgesamt 49 Bewertungen
Bewertung vom 03.07.2018
Familie und andere Trostpreise
McDonagh, Martine

Familie und andere Trostpreise


sehr gut

Spurensuche im England von Shaun of the Dead
Die ersten Seiten dieses Romans haben irgendwie genau meinen Nerv getroffen, der verschroben-witzige Stil des Ich-Erzählers Sonny gefällt mir sehr. Der deutsche Titel ist nicht so gelungen wie der Originaltitel NARCISSM FOR BEGINNERS. Auf jeden Fall hatte ich große Lust, die Familienforschung dieses kalifornisierten Briten zu verfolgen! Leider war das Buch dann insgesamt doch nicht so begeisternd, wie der vielversprechende Anfang, der bei mir etwas zu hohe Erwartungen geweckt hatte.
Der junge Sonny lebt bei seinem Ziehvater Thomas – einem Engländer – im kalifornischen Redondo Beach. Er ist ein neurotischer Junge mit vielen Idiosynkrasien, der auch schon eine Drogenkarriere hinter sich hat. An seinem 21. Geburtstag teilt Thomas ihm mit, dass er der Alleinerbe des Vermögens der Familie seines Vaters ist und schickt ihn zur Erforschung seiner Wurzeln auf eine Reise nach England, d.h. schlussendlich hofft Sonny, seine Mutter zu finden. Der zweite Grund für diesen Trip ist die Besichtigung der Originalschauplätze von Sonnys Lieblingsfilm, dem Kultfilm „Shaun of the Dead“.
Sonny sucht nun diverse Personen auf, die seine Eltern gekannt haben, die ihm von ihren Erfahrungen mit ihnen berichten. Die Ich-Erzählung Sonnys, in der er übrigens direkt seine Mutter anspricht, wechselt nun mit den Berichten anderer Leute und den langen, erklärenden Briefen von Thomas, die dieser ihm mitgegeben hat. Und allmählich entfaltet sich so das gesamte Kaleidoskop der Lebensgeschichte von Sonnys Vater, dem charismatischen Guru Bim. Sonny hat ca. die ersten zehn Lebensjahre mit seinem Vater zusammengelebt, davon mehrere Jahre in einer Kommune in Brasilien, hat daran aber nur noch ganz verschwommene Erinnerungen.
Das alles liest sich durchaus unterhaltsam, ist witzig, warmherzig und skurril, und führt am Ende bei Sonny zu der schönen Erkenntnis, dass die leiblichen Verwandten nicht gar so wichtig sind, sondern die liebgewonnenen Freunde eine selbstgesuchte Familie werden können.
Das fulminante Anfangskapitel, in dem Sonny als Ich-Erzähler selbst zu Worte kommt, war grandios, der Rest des Buches konnte dieses Niveau allerdings nicht durchhalten. Trotzdem eine lesenswerte und interessante Geschichte, deren Ausgang man entgegenfiebert.

Bewertung vom 17.06.2018
Das Jahrhundertversprechen / Jahrhundertsturm Trilogie Bd.3
Dübell, Richard

Das Jahrhundertversprechen / Jahrhundertsturm Trilogie Bd.3


ausgezeichnet

Perfekter historischer Roman!
Richard Dübell schafft es immer wieder, dem Leser eine Ära nahezubringen, indem er gut recherchierte, atmosphärisch geschilderte Informationen mit einer packenden Familiengeschichte verbindet. Geprägt sind die 3 Bände seiner Jahrhundertsturm-Trilogie von der jeweils gerade neuen technischen Entwicklung: Die Eisenbahn, das Flugzeug, und nun im dritten Band das Auto.
Weimarer Republik, Nachkriegszeit – Deutschland und die Familie von Briest machen schwere Zeiten durch: Inflation, Arbeitslosigkeit und Hunger.
Die Dienste der Berliner Detektei der von Briests sind in diesen Zeiten nicht gefragt, sie haben keine Einnahmen und können folglich ihre Kreditraten nicht zurückzahlen, es sieht so aus, als ob kein Weg am Verkauf - wenn nicht gar der Zwangsversteigerung - des Gutes vorbeiführt.
Ziehsohn Max immerhin hat eine Arbeit als Mechaniker bei einer Autofirma, die Rennwagen herstellt, er ist der Beifahrer eines Rennfahrers und möchte selbe einer werden. Tochter Luisa wird bei einer Premierenfeier von Fritz Lang „entdeckt“ und entwickelt Ambitionen, Schauspielerin zu werden.
Eine alte Familienfehde mit den von Cramms lebt wieder auf und lässt sich nicht friedlich beilegen. Sigurd von Cramm, ein rücksichtsloser Rennfahrer, und seine Mutter Magda sind die Bösewichte dieser Geschichte, die man von Herzen hassen kann. Hier liegt mein einziger Kritikpunkt: die beiden wirken etwas überzeichnet, aber wirklich gestört hat mich das nicht.
Wir bekommen kleine Einblicke in die Welt der AVUS-Rennen und der sich gerade entwickelnden Filmindustrie. Politisch machen sich schon die ersten Anzeichen der späteren Nazi-Zeit bemerkbar, Hitler formiert seine NSDAP, SA und SS beginnen ihr Unwesen zu treiben und der Antisemitismus treibt erste Blüten.
Mir gefällt es, wie Dübell seine Protagonisten mit realen Persönlichkeiten wie z.B. Walther Rathenau oder Regisseur Fritz Lang zusammentreffen lässt. Man taucht wirklich in die damalige Zeit ein. Der gebürtige Bayer schafft es auch, schriftlich den Berliner Dialekt zu treffen (bis auf winzige Kleinigkeiten, die mir als Berlinerin natürlich auffallen), ohne dass es bemüht und peinlich wirkt.
Die über 600 Seiten lesen sich äußerst spannend und unterhaltsam und bringen die Trilogie zu einem befriedigenden Abschluss, der keinen Wunsch offenlässt … außer dem nach einem vierten Band. Unbedingte Leseempfehlung!

Bewertung vom 31.05.2018
Fake
Rayburn, James

Fake


ausgezeichnet

Unputdownable!
Super spannender Polit-Thriller, der vermutlich näher an der Realität ist, als einem lieb sein kann. Habe ihn in einem Zug durchlesen müssen, musste mich aber dann erst einmal von der Lektüre erholen, denn das ist verdammt harter Tobak.
Pete Town, ehemaliger CIA-Agent im Ruhestand, wird wieder aktiviert, um an einer Vertuschungsaktion teilzunehmen: bei einem (vom US-Präsidenten nicht abgesegneten) Drohnenangriff der USA ist nicht nur - wie beabsichtigt - ein hochrangiger syrischer IS-Stratege getötet worden, sondern auch die amerikanische Geisel Catherine Finch, eine Ärztin, die für eine Hilfsorganisation in Syrien gearbeitet hatte und sich schon lange in Haft befand. Der IS benutzte sie als Propagandawaffe und postete Videos mit ihr, in denen sie sich zwar nicht auf die Seite des IS schlug, aber heftige Kritik an der amerikanischen Politik übte. Das Bekanntwerden ihres Todes als Kollateralschaden eines amerikanischen Angriffs wäre ein Mediendesaster, vor allem für die Friedespolitik des bald aus dem Amt scheidenden Präsidenten, der noch etwas für seinen Nachruhm tun will ...
Pete Town, der optisch eher an einen Universitätsdozenten erinnert, kann der Versuchung nicht widerstehen, noch einmal den Nervenkitzel der Agententätigkeit zu verspüren, sagt zu, den Tod der Ärztin zu vertuschen, und damit nimmt das Schicksal seinen fatalen Lauf. Viele Personen und viele unterschiedliche Interessen sind ineinander verstrickt und dem Leser offenbaren sich einmal mehr die menschenverachtenden Machenschaften vor allem der Geheimdienste, aber auch der Wirtschaft, hier vor allem der Waffenindustrie.
Rayburn bringt viele interessante Protagonisten ins Spiel, die Schauplätze wechseln häufig und der Schreibstil liest sich sehr gut und unterhaltsam. Alles wirkt überaus realistisch und gut recherchiert. Die kurzen Kapitel befeuern den Lesefluss, man (ich jedenfalls) liest immer weiter, will unbedingt wissen, wie es ausgeht.
Der Schluss allerdings ist etwas antiklimaktisch, wenn auch durchaus folgerichtig: es gab viele Tote und am Ende ist eigentlich keiner der Mitwirkenden mehr wirklich sympathisch. Ich war von der gnadenlosen Gewaltbereitschaft ziemlich abgestoßen. Und man fragt sich, wozu das Ganze denn notwendig, bzw. nütze war. Genauso, wie es in der politische Realität vermutlich tatsächlich häufig zugeht. Harte Realität, aber Spannung pur!

Bewertung vom 31.05.2018
Das Grab unter Zedern / Leon Ritter Bd.4
Eyssen, Remy

Das Grab unter Zedern / Leon Ritter Bd.4


sehr gut

Spannung mit Provence-Flair
Dr. Leon Ritter, der vor einigen Jahren in die Provence umgesiedelt ist, interessiert sich nicht nur für die Obduktionen, die er vornimmt, sondern auch für die Geschichten dahinter. Als ein herrenloses Boot in Le Lavandou an den Strand geschwemmt wurde, scheint es sich um einen Unfall und nicht um einen Kriminalfall zu handeln. Und dann gibt es da noch den vermeintlichen Kindsmörder, den Vater der kleinen Amélie, der mangels Beweisen wieder freigesprochen wurde, jedoch von den meisten Einwohnern von Le Lavandou für schuldig gehalten wird - sie wollen die Unschuldsvermutung nicht gelten lassen. Das kleine Mädchen war vor sechs Jahren spurlos verschwunden, ihre Leiche wurde nie gefunden. Der Fall wird wieder aufgerollt, und es gibt auch weitere Tote. In seiner üblichen, etwas forschen und seine Kompetenz überschreitenden Art klärt Leon Ritter den Fall quasi im Alleingang auf. Ich kenne die drei Vorgängerbände, die mir gut gefallen haben, wobei mir allerdings der dritte Band etwas zu sehr mit der Schilderung brutaler Verbrechen beschäftigt war. Dieser Band hat mir wieder sehr viel besser gefallen und war nicht so düster wie der Vorgänger. Hier gab es die richtige Balance zwischen Krimi, Privatleben und Lokalkolorit. Einerseits sehr spannend (gegen Ende konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen), andererseits die Reiselust beflügelnd: man möchte am liebsten gleich in die Provence fahren - oder wenigstens ein Gläschen Rosé bei der Lektüre genießen. Netter, unterhaltsamer Regionalkrimi, tendenziell eher Cosy als blutrünstig.
Das einzige kleine Manko ist, dass der Protagonist so ein "edler Ritter" ist, fast gar keine Schwächen hat und direkt einen Heiligenschein tragen könnte. Ein wenig so wie sein Kollege "Bruno - Chef de Police". Menschen mit kleinen Fehlern wirken doch etwas realistischer, sympathischer, einfach menschlicher - es müssen ja nicht gleich die problembeladenen, depressiven Gestalten sein, wie man sie teilweise aus den skandinavischen Krimis kennt

Bewertung vom 31.05.2018
Kluftinger / Kommissar Kluftinger Bd.10
Klüpfel, Volker; Kobr, Michael

Kluftinger / Kommissar Kluftinger Bd.10


ausgezeichnet

Klufti endlich wieder in Hochform!
Nachdem die Autoren bei den letzten Bänden etwas nachgelassen hatten, hat der Jubiläumsband - der auch etwas mehr Zeit für seine Entstehung zur Verfügung hatte - wieder das bekannte, hohe Niveau der Anfangszeit erreicht. Der Aufbau ist dieses Mal auch ganz anders, der Roman springt zwischen mehreren Zeitebenen hin und her, und wir erfahren viel aus Kluftingers Jugend, wobei auch endlich das Geheimnis seines Vornamens, bzw. seiner 2 Vornamen gelüftet wird. Ferner kriegen wir auch mit, dass er früher mal ein junger Rebell war, der seinen Vater ziemlich kritisch sah, dass aber im Laufe der Jahre die Prägung durch seinen altern Herrn deutlich Wirkung bei ihm gezeitigt hat.
Es geht um Kluftinger ganz persönlich, denn jemand hat zu Allerseelen ein Holzkreuz mit seinem Namen auf dem Friedhof aufgestellt, was man wohl oder übel als Morddrohung verstehen muss. Der Text auf dem Kreuz legt nahe, dass es einen Zusammenhang zu Kluftis Clique aus der Schulzeit gibt. Es gibt mehrere mögliche Täter und die Suche nach der Lösung ist äußerst spannend, auch wenn es zu großen Teilen um Kluftis Privatleben geht - er ist gerade Großvater geworden! Das stört einen als Fan der Reihe aber nicht, denn gerade diese Teile sind auch die amüsantesten. Wenn mich etwas ein wenig gestört hat, dann, dass das Buch mit einem Cliffhanger endet: ein Fall ist zwar gelöst, aber es bleiben noch reichlich offene Enden und außerdem beschließt Kluftinger am Schluss, einen dreißig Jahre alten Fall noch einmal aufzurollen - das dürfte dann der Inhalt des nächsten Bandes sein!
Ein witziges Schmankerl am Rande: Wie auch Jörg Maurer seinen Kommissar Jennerwein in seinem Jubiläumsband kurz auf Kluftinger treffen lässt, so hat auch Jennerwein in diesem Buch einen Auftritt.
Alles in allem habe ich das Buch mit großem Vergnügen gelesen, es bietet sowohl Spannung als auch Humor und ich kann es ohne Einschränkung empfehlen!

2 von 3 Kunden fanden diese Rezension hilfreich.

Bewertung vom 07.05.2018
Das korsische Begräbnis / Korsika-Krimi Bd.1
Falconi, Vitu

Das korsische Begräbnis / Korsika-Krimi Bd.1


ausgezeichnet

Spannender Korsikakrimi mit viel Lokalkolorit

Der französische Krimiautor Eric Marchand steckt in einer Schaffenskrise: Er möchte den Ermittler seiner sozialkritischen Krimis sterben lassen – aber da hat er die Rechnung ohne seinen Verlag und ohne seinen Lektor gemacht! Das heißt, er muss alles umschreiben und das geht ihm total gegen den Strich. Sein Lektor schlägt ihm eine Reise zwecks kreativer Inspiration vor, und Eric, dessen Großmutter Korsin war, beschließt, auf den Spuren seiner familiären Vergangenheit nach Korsika zu fliegen.
Er kommt bei einer sehr interessanten alten Dame im Heimatort seiner Familie unter. Sie kennt alles und jeden im Dorf. Als Eric sich beim Wandern den Knöchel verstaucht, bringt sie ihn zu einer jungen Frau namens Laurine, die sich als Heilerin bezeichnet. Und in die er sich prompt verliebt! Als neugieriger Mensch, der er ist, steckt er seine Nase in Angelegenheiten, die ihn nichts angehen und gerät mit der korsischen Mafia aneinander. Allmählich entdeckt er, was es mit der Geschichte seiner Familie auf sich hat, und warum seine Mutter so großen Wert darauf gelegt hat, niemals nach Korsika zurückzukehren. Denn in Korsika gilt noch immer das Gesetz der Blutrache, die Schuld seiner Ahnen wird einem Menschen auferlegt, auch wenn er gar nichts damit zu tun hatte.
Der Roman ist als Start einer neuen Serie angelegt, daher verrät man nicht zu viel, wenn man berichtet, dass Eric seine Abenteuer relativ unbeschadet überlebt. Sehr spannend und atmosphärisch schildert der Autor Erics Familiengeschichte, einen in jüngster Zeit als Jagdunfall kaschierten Mord und die Strukturen der korsischen Mafia. Und nicht zuletzt beschreibt er auch die wilde, archaische Landschaft dieser wunderschönen Insel und die Mentalität ihrer Bewohner. Ich habe Lust bekommen, dorthin zu fahren, und freue mich schon auf den nächsten Band von Eric Marchands korsischen Erlebnissen.

Bewertung vom 14.04.2018
Riskante Manöver / Mats Holm Bd.1
Bingül, Birand

Riskante Manöver / Mats Holm Bd.1


ausgezeichnet

Brisante Thematik: Die Machenschaften der Pharmaindustrie
Mats Holm, von Beruf Krisenmanager, genannt der "Master of Desaster", wird von einer Pharma-Firma zu Hilfe gerufen, weil eins ihrer Produkte, das speziell für Kinder konzipierte Schmerzmittel Valdolor in Misskredit geraten ist, bzw. bekannt geworden ist, dass in den letzten Tagen gehäuft negative, lebensbedrohliche Nebenwirkungen aufgetreten sind. Als Beleg dafür lernen wir die kleine Sophie kennen, deren Eltern Validolor vom Kinderarzt als völlig unbedenklich verordnet worden war, und der dann auch auf der Intensivstation leider nicht mehr geholfen werden konnte.
Auch wenn Holm der Industrie hilft, so ist er wohl doch einer von den "Guten". Er ist ziemlich elitär, aber trotzdem ein sympathischer Protagonist. Zusammen mit seiner Partnerin Laura May - eine Ex-Polizistin und außerdem die Schwester von Holms verstorbener Frau - leitet er Unternehmen aus der Krise und verlangt als einzige Bedingung die absolute Wahrhaftigkeit seiner Geschäftspartner. Leider gehört diese bei den Wirtschaftsbossen nicht unbedingt zum Repertoire ...
Eine Mitarbeiterin, die man der Industriespionage verdächtigt, ist spurlos verschwunden, ein weiterer Mitarbeiter wird tot aufgefunden. Nun ist also auch die Polizei in eine Mordermittlung im Dunstkreis von Wenner-Pharma involviert. Auch Holms und May ermitteln und versuchen herauszubekommen, ob es sich um das Werk eines Einzeltäters handelt, der sein Schäfchen ins Trockene bringen will, oder ob die ganze Führungsriege unter einer Decke steckt. Hat es Schlampereien bei den Studien zu Valdolor gegeben, und wenn ja, wer wusste alles davon?
Ferner spielt auch eine namhafte Pharma-Kritikerin - Doktor Nina Rosenthal - eine tragende Rolle und am Rande hat Holms auch noch mit den Dämonen seiner Vergangenheit zu kämpfen.
Auch wenn mir dieses Führungsetagen-Milieu reichlich fremd ist, so fand ich diesen mal so ganz anderen Krimi aus dem Bereich der Wirtschaftskriminalität sehr interessant und fesselnd. Gegen Ende steigt die Spannung, der Autor hat auch einen "Red Herring" platziert, auf den ich voll reingefallen bin, d. h. ich hatte den falschen Täter im Visier!
Der lockere Schreibstil hat mir gut gefallen, auch Ironie und Humor kommen nicht zu kurz: Holms Gesprächspartner bei Wenner überbieten sich gegenseitig im Gebrauch von modischen Anglizismen.
Alles in allem ein unterhaltsamer und spannender Krimi - hoffentlich wird es weitere Fälle für Mats Holm geben!

Bewertung vom 07.04.2018
Krokodilwächter
Engberg, Katrine

Krokodilwächter


sehr gut

Falsche Fährten, falsche Geständnisse
Raffinierter Schutzumschlag mit Schlitzen, durch die der rote Leineneinband hindurch blitzt. Auch die Autorin ist ganz fasziniert davon, wie man ihrer Danksagung am Ende des Buches entnehmen kann.
Dieser Kopenhagen-Thriller kommt zuerst ganz krimimäßig daher, wartet dann aber doch mit einem ziemlich kranken Mörder auf.
Das Ermittlergespann Jeppe Körner und Anette Werner versucht den Mord an der jungen Julie Stender aufzuklären. Diese wohnte mit ihrer Freundin im Häuschen der emeritierten Literaturprofessorin Esther de Laurenti zur Miete. Ein weiteres Stockwerk ist an einen Rentner vermietet, der die Tote zufällig entdeckt hat. Der Fall ist ziemlich unklar, die Ermittler verfolgen diverse Spuren, die alle keinen rechten Sinn ergeben. Dann stellt sich heraus, dass Esther begonnen hat, einen Krimi zu schreiben und die Story für ihre Schreibgruppe ins Internet gestellt hat. Der grausame Mord scheint genau ihrem Skript gefolgt zu sein … Und dann wird noch jemand aus Esthers Umfeld ermordet!
Die Spurenlage bleibt verwirrend, Jeppe und Anette können nicht wirklich einen roten Faden entdecken. Als Leser folgen wir ihnen bei ihrer spannenden Aufklärungsarbeit. Mit 500 Seiten ein ziemlich langer Krimi, der sich im Mittelteil etwas zieht, dann aber zum Ende hin richtig Fahrt aufnimmt und sich sehr spannend liest. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht Jeppe: er ist der typische, psychisch und physisch leicht angeschlagene, skandinavische Detektiv, während Anette als unkompliziert und wie das blühende Leben dargestellt wird. Doch werden Jeppes Probleme nur am Rande abgehandelt, im Mittelpunkt stehen immer die Mordfälle.
Spannender Auftakt zu einer neuen Kopenhagen-Serie mit einer raffinierten und verzwickten Auflösung!

Bewertung vom 07.04.2018
Das Eis
Paull, Laline

Das Eis


sehr gut

Ein brandaktueller, spannender Öko-Thriller
Von takabayashi
Luxustouristen auf einem Kreuzfahrtschiff schippern auf der Suche nach den selten gewordenen Eisbären in der Arktis umher, und als sie endlich in einem Sperrgebiet ein Exemplar gefunden haben, kalbt plötzlich ein Gletscher und ein Leichnam kommt zum Vorschein.
Es handelt sich um Tom Harding, einen bekannten Umweltaktivisten, der vor vier Jahren bei einer Expedition beim Einsturz einer Eishöhle ums Leben kam und seitdem verschollen war. Sein Freund und Kollege Sean Cawson war auch dabei, hat aber überlebt. Ihm gehört die exklusive Midgard Lodge auf Spitzbergen, die als Ausgangspunkt der Expedition diente.
Die beiden hatten sich als Studenten kennengelernt, bei einem Treffen der „Gesellschaft der verschollenen Polarforscher“, es verband sie die Begeisterung für alles, was mit der Arktis zu tun hatte. Tom war jedoch „mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden“, während Seans Familie eher am unteren Ende der Gesellschaft stand, weshalb er von großem Ehrgeiz geprägt war. Und er hat es geschafft, wähnt sich schon am Ziel aller seiner Träume, als ihm gar ein Ritterschlag in Aussicht gestellt wird.
Beide kennen den älteren millardenschweren Geschäftsmann Joe Kingsmith, den Sean als seinen Mentor betrachtet. Dieser und noch zwei weitere Personen gehören zum Konsortium der Midgard Lodge.
Tom träumte von einer harmonischen Verbindung zwischen Umweltschutz und Geschäftswelt, Sean hingegen ging es hauptsächlich um Geld und Ruhm, aber er benutzte Tom gern als Aushängeschild für seine Geschäfte.
Nachdem der Leichnam nun wiederaufgetaucht ist, wird in Großbritannien eine gerichtliche Untersuchung angesetzt, um die genauen Umstände von Toms Tod zu rekonstruieren. Sean steht im Mittelpunkt dieser Untersuchung.
Die Autorin benutzt zahlreiche Rückblenden, um den Leser mit den Personen und ihrer Entwicklung vertraut zu machen. Der Roman spielt in der Gegenwart in England, vor vier Jahren in Spitzbergen und 1988 und in der Zeit danach, als die jungen Männer sich kennenlernten. Das ist teilweise nicht deutlich gekennzeichnet und führt vorübergehend zu leichter Verwirrung, bis einem wieder klar ist, in welcher Zeit man sich gerade befindet.
Speziell zum Ende hin wird der Roman im Laufe der gerichtlichen Untersuchung sehr spannend. Allmählich erschließen sich die Zusammenhänge, es geht um Geld, Macht und Politik und verzwickte Verbindungen zwischen diesen Bereichen. Paulls Roman führt uns in die Welt der Reichen und Schönen und vor allem auch in die Welt skrupelloser Geschäftemacher, die vor nichts zurückschrecken. Themen wie Klimawandel, Nachhaltigkeit, Umweltschutz, illegale Waffengeschäfte, Korruption etc. machen diesen Ökothriller außerordentlich aktuell. Sean, der Hauptprotagonist, befindet sich irgendwo in der Grauzone, ist weder schwarz noch weiß.
Mich persönlich haben die – eigentlich durchaus interessanten – Anekdoten von historischen Arktisexpeditionen, die jedem Kapitel vorangestellt wurden, aber nicht direkt etwas mit der laufenden Handlung zu tun haben, in meinem Lesefluss gestört. Irgendwo in der Mitte des Buches habe ich aufgehört, sie zu lesen und habe weitergeblättert. Als Anhang hätte ich sie sinnvoller gefunden.
Eine etwas lange, sich manchmal etwas hinziehende, im Endeffekt aber doch sehr spannende Lektüre!

Bewertung vom 19.03.2018
Das Geheimnis der Muse
Burton, Jessie

Das Geheimnis der Muse


sehr gut

Zwei Zeiten, zwei Frauen, ein geheimnisvolles Gemälde
Spannender Schmöker, der an zwei Orten und auf zwei Zeitebenen spielt: Im London des Jahres 1967 und im Andalusien des Jahres 1936 zu Zeiten des Spanischen Bürgerkriegs.
Odelle Bastien, eine Einwanderin aus Trinidad, hat es schwer im London der sechziger Jahre: obwohl sie eine gebildete junge Frau aus dem britischen Empire ist, findet sie nur einen Job als Schuhverkäuferin und sieht sich ständig mit Rassismus und Vorurteilen gegenüber Frauen konfrontiert. Als es ihr gelingt, einen Bürojob am Skelton Institute, einem Kunstzentrum, zu ergattern, bedeutet das schon einen enormen Aufstieg für sie, auch wenn sie eigentlich nur Schriftstellerin sein möchte. Marjorie Quick, ihre dortige Chefin und eine ziemlich geheimnisumwobene Person, nimmt sie unter ihre Fittiche.
Ein Freund von Odelle bringt ein ungewöhnliches und sehr eindrucksvolles Gemälde ins Institut, um es untersuchen und schätzen zu lassen. Bald lässt sich als Schöpfer dieses Bildes der spanische Maler Isaac Robles identifizieren.
Im zweiten Handlungsstrang folgen wir kurz vor Beginn des Spanischen Bürgerkrieges im Jahre 1936 der Familie des österreichischen Kunsthändlers Harold Schloss in eine Finca in Andalusien. Seine verwöhnte englische Ehefrau Sarah – aus reicher Familie stammend, depressiv, alhohol- und tablettensüchtig – und seine 19jährige Tochter Olive sind bei ihm. Sie lernen den Maler, Lehrer und Revolutionär Isaac Robles und seine Halbschwester Teresa kennen. Isaac hilft manchmal im Haus und Teresa arbeitet fest als Haushälterin für die Familie. Olive ist insgeheim auch Malerin und wünscht sich nichts mehr als die Aufmerksamkeit und Anerkennung ihrer Eltern, besonders ihres Vaters. Doch der vertritt die Ansicht, dass Frauen nicht in der Lage seien, Kunst zu schaffen. Harold Schloss wollte eigentlich der politisch angespannten Lage in London entkommen, doch auch in Spanien brodelt es. In dieser Zeit entsteht das Bild, das 30 Jahre später im Skelton Institute auftaucht.
Die dramatischen Ereignisse, die sich damals in Anadalusien abspielten und mit dem Gemälde in Zusammenhang stehen, erschließen sich Odelle erst nach und nach. Das ist spannend zu lesen, auch wenn mir die Konflikte teilweise etwas zu konstruiert erschienen. Odelle Bastien ist eine sympathische Protagonistin, und der sie betreffende Handlungsstrang wird in der Ich-Form erzählt, wodurch ich an diesem Teil des Geschehens stärker Anteil nehmen konnte. Sowohl bei Odelle als auch bei Olive geht es um Anerkennung und künstlerische Selbstverwirklichung. Die Spannung wird vor allem auch dadurch erzeugt, dass man rätselt, in welchem Zusammenhang die Personen aus dem spanischen und dem Londoner Teil der Geschichte stehen. Am Schluss gibt es einen ziemlich unerwarteten Twist und ich fand es befriedigend, dass alles geklärt wurde und keine losen Enden übrigblieben.
Kein literarisches Meisterwerk, aber ein wirklich spannendes Lesevergnügen!