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Benutzername: Nach(t)lese
Wohnort: Bad Münstereifel
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Bewertungen

Insgesamt 8 Bewertungen
Bewertung vom 20.03.2016
Das Salz in der Wunde (Restexemplar)
Prévost, Jean

Das Salz in der Wunde (Restexemplar)


ausgezeichnet

Der Autor Jean Prévost (1901-1944) ist in Deutschland unbekannt. Die Übersetzung seines bereits 1934 veröffentlichten Romans „Le Sel sur la plaie“ erschien jetzt als Leinenausgabe im Verlag Manesse.
Worum geht es? Der Protagonist Dieudonné Crouzon muss Hals über Kopf seine Heimatstadt Paris verlassen, weil er von seinem Freund Dousset des Diebstahls bezichtigt wird. Zu Unrecht, wie auch der Freund wenig später zugibt, aber da haben sich bereits alle gegen Dieudonné entschieden. Widerwillig muss er in der Provinz ein neues Leben beginnen, denn auch die gesellschaftlichen und beruflichen Perspektiven sind im einst geliebten Paris nicht mehr gegeben. Eine nicht zu akzeptierende Demütigung für Crouzon, vergleichbar mit dem brennenden Salz in der Wunde. Hass und Rachegelüste bestimmen fortan sein Leben, das dennoch nicht frei von sensiblen, selbstkritischen Gedanken sein wird.
Crouzons Start im Provinznest Chateauroux ist katastrophal, zwischenzeitlich fehlt ihm sogar das Geld für eine Mahlzeit. Aufgrund seines wutgetriebenen Ehrgeizes arbeitet er sich peu à peu als Schreiber einer kleinen Zeitung hoch, wird erfolgreicher Anzeigenverkäufer und zeigt es somit scheinbar allen, die sich von ihm abgewandt haben. Dieudonné Crouzon kommt zu Reichtum und wird später Abgeordneter. Der Leser begleitet ihn bei seinem, mit zahlreichen Höhepunkten und Niederschlägen versehenen Aufstieg. Auch seine Widersprüche werden sichtbar, denn nicht immer sind Crouzons Launen nachvollziehbar. Das macht ihn interessant, aber nicht zwangsläufig sympathisch.
Was bleibt? Ein Ausflug nach Frankreich der 1920er-Jahre und ein mit geballtem Stoff versehenes, temporeiches Leseerlebnis, das man so schnell nicht missen möchte.

Bewertung vom 20.03.2016
Charlotte
Foenkinos, David

Charlotte


ausgezeichnet

Beim Aufschlagen des Buches glaubt man zunächst ein Songbuch von Bob Dylan vor sich liegen zu haben: Der Roman sieht aus wie ein endloses Gedicht. Lauter Einzeiler mit Satzende springen einem ins Gesicht. Was soll das? Der Autor erklärt später im Buch dazu, dass er beim Schreiben „beständig das Gefühl verspürte“, eine Zeile neu zu beginnen. Irgendwann begriff er, „dass ich das Buch genau so schreiben musste.“
Eine mutige Entscheidung, die Biographie der jungen Malerin Charlotte Salome (geb. 16.04.1917) optisch so ungewöhnlich zu erzählen. Aber keine Bange: Die anfängliche Verwirrung hält nicht lange an, zu schnell gewöhnt man sich an die gekonnte, einfühlsame und sehr persönliche Erzählweise von David Foenkinos, dem französischen Autor, aus dessen Feder auch „Natalie küsst“ stammt. Foenkinos erzählt dabei auch, wie er durch eine Berliner Bekannte auf Charlotte aufmerksam wurde. Bereits beim Betrachten ihrer expressionistischen Bilder, in denen sie Momente ihres allzu kurzen Daseins hinterlassen hatte, verschlug es dem Schriftsteller die Sprache. 1942 muss sie einem Bekannten einen Koffer mit den Bildern und den Worten, darin sei ihr ganzes Leben, gegeben haben.
So kurz Charlottes Leben auch gewesen war, es war dennoch ereignisreich und schicksalshaft. In ihrer Familie gab es eine geradezu zwanghafte Sucht zum Suizid. Neben anderen Verwandten hatte sich auch ihre Mutter sowie deren Schwester in die Tiefe gestürzt. So lernte die kleine Charlotte ihren eigenen Namen auf dem Grabstein der gleichnamigen Tante lesen. Später heiratete ihr Vater, ein ehrgeiziger Arzt, eine bekannte jüdische Sängerin. Für eine kurze Zeit herrschte reges Leben in der Berliner Wielandstraße 15, wo Künstler und andere Größen des gesellschaftlichen Lebens ein- und ausgingen. Mit Unterstützung des Professors Bartning wurde Charlotte 1933 noch als Jüdin an der Staatsschule für Freie und Angewandte Kunst aufgenommen, doch auch dieses Glück dauerte nicht lange an: „Scharenweise ekeln sich die Menschen vor den jüdischen Kunstwerken. Die Bücher sind bereits verbrannt, jetzt werden Bilder bespuckt.“
Ein bewegendes Buch über eine außergewöhnliche, Kraft ausstrahlende, sensible Künstlerin, die mit 26 Jahren im KZ sterben musste. Einfühlsam geschrieben und nicht minder gekonnt übersetzt von Christian Kolb.

Bewertung vom 20.03.2016
Cold Britannia
Ebner, Ira

Cold Britannia


ausgezeichnet

Nach Band 1 und 2 der „Himmel Erde Schnee“-Romane sowie „Schwalben“, meinem heimlichen Favoriten, verlässt die 38-jährige bayrische Autorin nun das Baltikum und wendet sich dem Großbritannien der Achtziger zu. Einer Zeit, in der England von harter Hand durch die „eiserne Lady“ regiert und an den Rand der Pleite geführt wurde. Zu einem Schlüsselereignis der Thatcher-Ära wurde 1984 der Streik britischer Bergarbeiter gegen die geplanten Schließungen ihrer Zechen. Der Streik dauerte ein Jahr und endete mit leeren Streikkassen der Gewerkschaften. Viele Bergleute mussten bereits zwischendurch Kredite aufnehmen, die sie später aufgrund fehlender Arbeit nicht zurückzahlen konnten.
Ira Ebners wieder einmal lesenswerter Roman spielt in dieser Zeit. Er handelt vom Streikführer James Thornton, seinen verzweifelten Kumpels, seiner komisch-verständnislosen Ehefrau (wie konnte aus denen nur ein Paar werden?) und seiner Liebe zu Hester, seiner Verbündeten. Selbstverständlich hat James, übrigens auch Red Jim genannt, viele Feinde, allen voran den einflussreichen Wirtschaftsboss Delaney und seine Tochter, die die Redaktion einer Zeitung leitet und ihrem Team zu verstehen gibt, was sie lesen will. Das Land und seine Einwohner sind zerrissen, das ist ganz offensichtlich. Es geht um Macht, Geldgier, Rachegelüste, Polizeiwillkür, Stolz und Liebe. All das erleben wir mit, spüren sogar teilweise die Stimmungen. Ira Ebner verknüpft die Geschichte geschickt mit den menschlichen Schicksalen und verschafft dem Leser einen spannenden und realistischen Einblick in das England dieser eisigen Zeit.

Bewertung vom 20.03.2016
Totgetanzt
Lamberts, Brigitte; Reiter, Annette

Totgetanzt


ausgezeichnet

Der im Düsseldorfer Süden spielende Krimi ist sauber, gekonnt und flüssig geschrieben. Gerade bei den Beschreibungen der Obduktionen ist eine große Sachkenntnis erkennbar, wie sie in der Unterhaltungsliteratur eher selten anzutreffen ist. Die Autorinnen Brigitte Lamberts und Annette Reiter verstehen es in ihrem zweiten Kriminalroman aber vor allem, Spannung aufzubauen und diese konsequent zu halten, wenn nicht gar zu steigern. Als Leser wird man bestens unterhalten und fiebert einem gleichermaßen überraschenden wie logischen Schluss entgegen. Fast ist man geneigt, dem brutalen Täter mit einer gewissen Nachsicht zu begegnen. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden … Doch lesen Sie selbst: Mit dem Kauf dieser kurzweiligen Lektüre macht man bestimmt nichts falsch.

Bewertung vom 20.03.2016
Hurentöchter
Mayer, Carmen

Hurentöchter


ausgezeichnet

Nach dem ersten Drittel war ich mir sicher, dass mein Urteil auf vier Sterne hinauslaufen würde. Teilweise zog sich die Handlung doch sehr schleppend dahin, dazu gab es einige Wiederholungen, wie z.B. die Hinweise darauf, dass der ermordete Apotheker Keller nicht aus sozialen Aspekten mehrfach nach Lampedusa gefahren ist. Die Erwähnung hätte einmal genügt – wenn überhaupt, denn den Charakter Kellers hatte man schnell durchschaut. Auch die Figur des nur allmählich in die Pötte kommenden Kommissars Stiegler fand ich lange Zeit grenzwertig. Der Leser erlebt nach einem berechtigten Anschiss seine geradezu wundersame Entwicklung von einer unbeweglichen, schwerfälligen Gleichgültigkeit hin zu einer engagierten und pfiffigen Wachsamkeit. Das hätte man vielleicht glaubwürdiger lösen können …

Allerdings versteht es die Autorin, den Kriminalroman sonst intelligent und auf sprachlich hohem Niveau zu erzählen. Carmen Mayer legt geschickt die unterschiedlichsten Fäden aus, die sich gegen Ende der Geschichte unerwartet und gut vernetzen lassen. Überhaupt nimmt der Roman spätestens da richtig Fahrt auf, wird zunehmend packender, führt zu weiteren, nicht vermuteten Opfern und liefert für den ursprünglichen Mord einen Täter, der wirklich nichts zu verlieren hatte. Für all das wären vier Sterne dann doch zu wenig gewesen!

Bewertung vom 20.03.2016
41 Rue Loubert
Ferr, Mara

41 Rue Loubert


ausgezeichnet

Was für ein einmaliger, gut geschriebener und origineller Kriminalroman! Die Österreicherin Mara Ferr entführt uns in die Pariser Rue Loubert. Das Haus mit der Nummer 41 ist seit Langem geheimnisvoll und verrucht zugleich. Dort lebt die fast sechzigjährige Louise, die sich schon früh durch Verstand und Gespür vom mittellosen, aus Marseille gekommenen Freudenmädchen zu einer großen Dame der Pariser Gesellschaft entwickelt hat, dabei aber immer bodenständig geblieben ist. 44 Jahre hat sie mittlerweile in diesem Haus gelebt, gearbeitet und getöpfert. Dass sie dort auch allerlei andere Dinge angestellt hat, versteht sich – vor allem wird viel darüber spekuliert. Kein Wunder, gehört doch auch eine Guillotine zum Inventar.
Bei der Auswahl ihrer Kunden war Louise stets wählerisch. Mehr als 20 Männer standen nie gleichzeitig auf ihrer Kundenliste. Von Anfang an dabei war Hendrik, ein erfolgreicher Spediteur mit Herz und guten Manieren, dessen Geschäfte irgendwie von selbst zu laufen scheinen. Er kümmert sich ausschließlich um seinen behinderten, längst erwachsenen Sohn Luc, dem er es ebenfalls ermöglicht, regelmäßig die Dienste der geschätzten Madame aus der Rue Loubert in Anspruch zu nehmen. Hendrik, Luc und Louise verbindet mehr als eine jahrzehntelange Freundschaft.
Marcel, ein karrieresüchtiger Kommissar, hat sich dagegen in den Kopf gesetzt, Louise auf die Schliche zu kommen. Er ist fest davon überzeugt, dass sie etwas mit dem plötzlichen Verschwinden von 18 Männern zu tun hat. Gebremst wird er durch seinen Vorgesetzten. Aus gutem Grund, gehört doch auch der Chef zu den erlesenen Besuchern von Haus Nr. 41. Marcel bleibt stur wie kein Zweiter, verzettelt sich oft und kommt, wenn überhaupt, nur langsam voran. Er unterschätzt Louises Beliebtheit und ihre Weitsicht.
All dies wird spannend, geschickt, auch humorvoll erzählt. Wären da nicht die neuzeitlichen Geräte wie Laptops oder Videokameras, fühlte man sich stellenweise auch in ein älteres Paris zurückversetzt.

Bewertung vom 20.03.2016
Die endlose Stadt
Lenze, Ulla

Die endlose Stadt


ausgezeichnet

„If you leave me, I will kill myself“, droht Celal in einer seiner vielen Mails. Doch Holle hat sich sagen lassen, dass in Istanbul „Hüzün“ weht. Das ist eine besondere Form von Melancholie. Das schwarze Gefühl eben, wie es ein großer türkischer Schriftsteller nannte – von jedem Gefühlsausdruck muss man etwas abziehen. Dieser Gedanke beruhigt Holle Schulz, die vom Fotografieren und Malen zu leben versucht. Ihr Freund Celal, Besitzer eines Dönergrills in Istanbul, würde sie am liebsten auf der Stelle heiraten. Doch Holle ist wieder in Berlin. Dort sieht sie Leute wie Deserteure vor Lokalen stehen und rauchen. Im indischen Mumbai geht es dagegen einzig ums Überleben. Und das ist in dieser Stadt eine Sache des Zufalls, wie Theresa auf einem von Holle hinterlassenen Zettel lesen kann. Mumbai hat fast wie Istanbul 13 Millionen Einwohner, die müssen sich allerdings mit weniger als einem Zehntel der Fläche der türkischen Metropolenstadt begnügen.

Der Leser erfährt viel vom widersprüchlichen Leben in der „endlosen Stadt“, unklar und belanglos ist dabei, welche Stadt überhaupt gemeint ist. Die Hauptpersonen Holle und Theresa, die eine Künstlerin, die andere Journalistin, befinden sich unabhängig voneinander auf der Suche nach Antworten. Nach echten Antworten, denn die oberflächlichen suggerieren lediglich, etwas zu kennen oder zu erahnen, von dem man doch nichts weiß. Jedenfalls fehlen die persönlichen Erfahrungen, das eigene Erleben, um es in der Gesamtheit zu verstehen. Was soll das sein, bitte schön, die Drehscheibe zwischen Ost und West, zwischen Orient und Okzident? Holle weiß damit nichts anzufangen, Wanka schon. Christoph Wanka hat Geld und Macht. Er fördert junge Künstler, ist Kunstsammler und ein erfolgreicher Geschäftsmann. Ein Baugruppen- oder Bankenmensch, so genau will Holle das gar nicht wissen, dazu ist er ihr anfangs zu suspekt. Auch hat er in Holles Augen wenig Ahnung von Kunst. Aber es entsteht so etwas wie gegenseitige Sympathie. Und ein Kräftemessen, denn natürlich verkörpert Wanka so ziemlich alles, was die Künstlerin ablehnt.

Ähnlich, aber anders, erlebt es Theresa auf einer Dachterrasse in Mumbai bei einem nächtlichen Streit mit Lorenz: „Weißt du, um welches Prinzip es wirklich geht? Man setzt ins Unrecht. Damit das Unrecht, in dem man selber steht, nicht auffällt. Das ist das Prinzip. Wir müssten uns eigentlich ständig bei diesen Leuten hier entschuldigen, statt sie zur Rechenschaft zu ziehen für Pfennigbeträge, die uns nicht wehtun, ihnen aber tatsächlich etwas bedeuten. Aber, nein, wir kommen ihnen zuvor, wir setzen sie ins Unrecht …“

Eine Erkenntnis, die sich einstellen kann, wenn man in ferne Länder reist und den Menschen begegnet, die uns den eigenen verschwenderischen Lebensstil erst ermöglichen. Auch darum geht es in dem vierten, überaus lesenswerten Roman von Ulla Lenze, der den Leser mitnimmt in besagte Länder, ihn dort selbst erleben und spüren lässt. Ein Roman, der mit Erfahrung, Intelligenz, Liebe, einer gewissen Distanziertheit und stellenweise sogar mit hintergründigem Humor erzählt wird. Auch mit einer gewissen Leichtigkeit. Ein Kunstwerk, dessen Aufgabe es nicht ist, alle Fragen zu beantworten. Denn dann würde es nur einen Zweck erfüllen. Wäre Botschaft und nicht Kunst, um Theresa zu zitieren.

Bewertung vom 20.03.2016
Tödlicher Hundekurs
Hübscher, Heike

Tödlicher Hundekurs


ausgezeichnet

Die aus Berlin kommende Kommissarin Fletscher ist neu in Köln. Nicht nur die Stadt am Rhein ist ihr fremd, sondern auch der Dialekt, die kölschen Lieder sowie der sich anbahnende Trubel vor den Karnevalstagen. Nichtsdestotrotz gelingt es der nüchtern agierenden Doris Fletscher mit ihrem Kollegen Müller innerhalb von sieben Tagen eine kleinere Mordserie im Milieu eines Hundezuchtvereins aufzuklären, der drei Menschen und noch mehr Hunde zum Opfer gefallen sind. Ihren ungeduldigen Chef und die örtliche Presse dürfte sie mit der Lösung des Falls erst einmal zufriedengestellt haben.
Interessant für den Leser sind nebenbei auch die unaufdringlich eingebauten Informationen über die Hundezucht, die Ausbildung und das Training mit den Tieren. Man erfährt zudem einiges über das Jagdwesen und die Köln umgebenden Wälder. Über das Privatleben der Kommissarin und ihres homosexuellen Kollegen hätte ich etwas mehr wissen wollen, aber die Autorin verzichtet in ihrem ersten Krimi auf derartige Ausflüge und konzentriert sich auf das Wesentliche. Dem Lesevergnügen schadet das aber nur wenig. Heike Hübscher hat einen flott zu lesenden, eindrucksvollen Krimi geschrieben. Ich war drauf und dran, die sicherlich unpräzise Überschrift „Hübscher Krimi“ zu verwenden.