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Benutzername: Favourite trash - favourite treasure


Bewertungen

Insgesamt 7 Bewertungen
Bewertung vom 26.11.2019
Die Ewigkeit in einem Glas
Kidd, Jess

Die Ewigkeit in einem Glas


sehr gut

Absurd und originell

Ich fange mit dem an, wodurch sich das Buch am meisten auszeichnet und das ist seine eigentümliche Sprache. „Die Ewigkeit in einem Glas“ hatte von Anfang an einen so einnehmenden und gleichzeitig irritierenden Schreibstil, dass ich mir nicht sicher war, ob es 1. genau meinen Geschmack trifft und eine kreative und sprachgewaltige Abwechslung ist oder 2. mich mit Fortschreiten der Geschichte zu Tode nerven würde. Ersteres war zum Glück der Fall. Es fällt mir nicht leicht, die Ausdrucksweise von Jess Kidd in Worte zu fassen. Erzählt wird die Geschichte im Präsens und in der dritten Person - von einem allwissenden Erzähler scheinbar, der sich subtil über die Geschichte und die meisten Protagonisten lustig macht. Er kommentiert mit Klammern, Ausrufezeichen, Kursivierungen; zuweilen wird der Leser direkt adressiert wie auf S. 33: „Schau nach oben“.

So gut mir die Sprache eigentlich auch gefallen hat, muss ich doch einiges kritisieren - an der Übersetzung. Die beiden Übersetzer haben nämlich leider eine Reihe von Entscheidungen getroffen, die vielleicht den absurd-amüsanten Stil von Jess Kidd unterstützen sollten, wobei sie leider übers Ziel hinausgeschossen sind. Englische Wörter werden teilweise direkt ins Deutsche übertragen ohne Rücksicht auf das Sprachregister: „miraculous“ ist im Englischen ein ganz normales Wort, die Wahl von „mirakulös“ (S. 20) auf Deutsch liest sich aber sehr befremdlich. Bei Sätzen wie „Die Apothekerinnung ist immer noch fassungslos.“ (S. 156) weiß man hingegen überhaupt nicht, was gemeint ist und ob es sich um einen Fehler oder ein weiteres sprachliches Hirngespinst handelt. Ein weiteres Beispiel: „Ihr dreht sich das Herz im Leibe herum.“ (S. 86). Ich finde, dass das Werk schon im Original seltsam genug ist und man nicht an der fein abgestimmten Ausdrucksweise der Autorin hätte herumpfuschen sollen.

Darüber hinaus hat mir alles andere sehr gut gefallen. Das Buch ist sowohl spannend erzählt als auch geschickt konstruiert mit Rückblicken und einer Geschichte in der Geschichte, die der entführten Christabel erzählt wird. Aus diesen Schnipseln setzt sich Schritt für Schritt ein Gesamtbild der Entführung und von Bridies Vergangenheit zusammen. Die Figuren waren interessant und glaubwürdig, wenn sie auch teilweise grotesken Karikaturen ähnelten, denn fast jeder in dem Buch wird als irgendwie unansehnlich beschrieben. Auch Bridie ist zwar nicht unattraktiv, hat dafür aber einen skandalös-schlechten Kleidungsstil. Möglicherweise soll sich in dieser allgegenwärtigen Hässlichkeit das schmutzige London des 19. Jahrhunderts widerspiegeln. In jedem Fall passte das zur Geschichte und besonders von den Nebenfiguren habe ich einige ins Herz geschlossen. Die romantischen Gefühle, die sich im Verlauf des Buches zwischen Bridie und einer weiteren Figur entwickeln, werden unglaublich schön beschrieben, wenn sie auch für den Leser (aber in gewisser Weise auch für Bridie selbst) aus dem Nichts kommen. Der Verlauf dieser Romanze hat mich zu Tränen gerührt. Ergänzt wird die tolle Erzählung durch obskure Informationen zu Medizingeschichte und Mythologie. Herrliche Situationskomik lockert die tragischen und teilweise grausamen Geschehnisse auf.

Alles in allem eine gelungene Gothic Novel.

Bewertung vom 22.11.2019
Im Schatten des Turms
Anour, René

Im Schatten des Turms


ausgezeichnet

René Anours „Die Wanifen“ gehört zu den besten Fantasy-Büchern, die ich je gelesen habe. Das liegt nicht nur daran, dass das Setting (Vorzeitfantasy in den Alpen) so innovativ ist und ich zu der Zeit dringend eine Auszeit von Elfen, Zwergen und Vampiren brauchte, sondern auch daran, dass die Bücher sprachlich meinen Geschmack getroffen haben. Als ich hörte, dass ein neues Buch von ihm erscheint, habe ich mich daher trotz des Genre-Wechsels unglaublich darauf gefreut. Auch wenn ich mittlerweile nur noch wenig historische Romane lese, war ich sicher, dass auch dieses Buch mich in den technischen Details, nämlich Ausdruck und Spannungsentwicklung, überzeugen würde. Tatsächlich habe ich aber noch viel mehr bekommen als das.
Zunächst hat das Buch alles, was einem das Lesen erleichtert: es gibt ein Personenverzeichnis, in dem jeweils vermerkt wird, welche Figuren historisch sind, und ein Glossar, auf das (ganz wichtig!) zu Beginn auch hingewiesen wird. Das Cover ist richtig schön gestaltet, es hätte auch ohne Namen und Buchtitel meinen Blick auf sich gezogen. Und da Klappentexte so oft irreführende Informationen oder gar Spoiler enthalten, muss ich auch noch positiv anmerken, dass das hier nicht der Fall ist. Man stolpert nicht über Logikfehler in der Handlung. Die Geschichte spielt in Wien und es gibt im Buch ein gelungenes Gleichgewicht zwischen Lokalkolorit und Verständlichkeit. Mehr noch, nicht ein einziges Mal habe ich mich über steife Dialoge geärgert, weil die Sprache so lebendig ist. Passend dazu sind die Figuren authentisch und interessant. Ihr Handeln hat ernste, teilweise harte Konsequenzen, Protagonisten und Leser erleben gemeinsam Verluste. Am Ende ist niemand derselbe - auch der Leser nicht. Mehr Charakterentwicklung geht nicht. Von der Liebesbeziehung zwischen Helene und Alfred fühlt man sich zunächst ein wenig überrumpelt, aber insgesamt habe ich es sehr genossen, dass es kein endloses Schmachten, keine pathetischen kaum zu ertragenden Liebesschwüre gab. Und René ist es schon bei den Wanifen gelungen mit relativ wenig Worten eine sehr intensive Liebe zu skizzieren. Ein wirklich exzellenter Roman lebt zudem von gut geschriebenen Nebenfiguren, denn dass sie Nebenfiguren sind, bedeutet nicht, dass man sich mit ihnen keine Mühe geben muss. Hier schließt man im Verlauf des Buches viele davon ins Herz, selbst die, die nur ganz kurz vorkommen. Andere lernt man zu bedauern oder sie faszinieren einen zumindest. Auch die Antagonisten bekommen im Verlauf des Buches viele Facetten. Was sie tun, ist abscheulich, aber nachvollziehbar; keiner von ihnen handelt böse, einfach, weil er/sie eben böse ist.
Der titelgebende Narrenturm kommt übrigens insbesondere zu Beginn und am Ende der Geschichte vor. Zwischendurch habe ich ihn vermisst, es passt aber zum Titel des Buches, dass er seinen Schatten über alle Geschehnisse wirft, selbst wenn er nicht Handlungsort oder Gesprächsthema ist. Wann immer er, und sei es nur am Rande, vorkam, hatte ich Gänsehaut. Medizinisch liegt 1787 gar nicht sooo weit weg… Noch in der zweiten Hälfte des 20. Jh. wurden in Nervenheilanstalten Praktiken angewandt, die man sich heute kaum vorstellen kann. In 200 Jahren werden die Menschen vermutlich auf unsere Zeit zurückblicken und erleichtert sein, dass sie nicht jetzt leben.
Dieses Buch ist voller Überraschungen, dafür weitgehend frei von Klischees. Wo man doch auf Klischees stößt, werden sie auf eine Weise eingesetzt, die funktioniert und gar nicht stört. Gerade das hat mich daran besonders fasziniert. Selbst wenn man historische Romane nicht mag, kann man von der Lektüre profitieren. Ich selbst liebe Geschichte, aber historische Romane treffen oft nicht meinen Geschmack und ich greife dann lieber zu Sachbüchern. „Im Schatten des Turmes“ kann ich aber wirklich jedem empfehlen.

Bewertung vom 16.10.2019
Meine wunderbare Frau
Downing, Samantha

Meine wunderbare Frau


sehr gut

Eine unerwartete Wendung nach der anderen

Dieses Buch ist ein spannendes und intelligent konstruiertes Thriller-Debüt von Samantha Downing, deren zweiter Thriller 2020 (auf Englisch) erscheint.

Das Interessante an diesem Buch ist, dass man es aus Täterperspektive liest. Der Erzähler und seine Frau ermorden Frauen. Die Motive hierfür sind komplex und werden nur nach und nach aufgedeckt. Ich konnte mir zunächst schwer vorstellen, dass so eine Geschichte konstant die Spannung aufrechterhalten kann. Dass es trotzdem gelingt, liegt an dem Schreibstil der Autorin und ihrer gelungenen Wahl der ersten Person Singular als Erzählperspektive, mit Präsens als Erzähltempus und mit schlichten, meist kurzen Sätzen, die das Ganze so authentisch und mitreißend wie möglich machen. So frisch und klar wie die Sprache sind auch die Charakterisierungen, man findet hier wenig Klischees. Besonders der Erzähler ist eine interessante, glaubwürdige Figur. Er beschreibt seinen Alltag, das Familienleben, das Planen und Durchführen der Verbrechen sachlich, aber sehr intensiv. Man kann ihn kaum für sein Verhalten verurteilen, stattdessen nimmt man die Erzählung einfach so hin. Die Geschichte lebt von dem Nervenkitzel, den der Gedanke verursacht, dass ganz normale Menschen die abscheulichsten Geheimnisse haben könnten und man eben nicht in seine Nachbarn oder sogar Freunde und Familie hineinsehen kann. Dagegen kommt das Buch fast gänzlich ohne blutige Beschreibung der Taten oder Tatorte aus, die Grausamkeit wird stets nur angedeutet. Der Horror spielt sich hier auf einer anderen Ebene, der der zwischenmenschlichen Beziehungen, ab. Hierzu passt, dass sogar Millicent für den Erzähler genauso undurchsichtig bleibt wie für die Leser, obwohl die beiden eine liebevolle Beziehung führen.

An dieser Stelle eine Anmerkung zum Cover: Ich finde es gelungen, man erkennt in der Mimik der Frau Millicent wieder. Was mich aber sehr stört: Immer und immer wieder wird im Buch beschrieben, dass sie rote Haare hat (wie auf dem englischen Cover auch dargestellt). Die Frau auf dem deutschen Cover ist aber eindeutig blond. Einerseits ist es nur eine Kleinigkeit, aber andererseits finde ich es umso weniger verständlich, dass man dann bei der Wahl des Models von der Beschreibung im Buch so bewusst abweicht. Wie viel mehr Aufwand wäre es gewesen eine rothaarige Frau abzubilden?

So gut mir das Buch insgesamt gefallen hat, gibt es doch noch weitere kleine Kritikpunkte. Überwiegend war die Handlung intelligent konstruiert, immer wieder gab es unerwartete Wendungen, die der Geschichte neue Facetten gegeben haben. Die Auswirkungen des Handelns des Paars auf verschiedene Menschen in ihrem Umfeld zeigen, dass die Autorin sich intensiv Gedanken gemacht hat, bevor sie das Buch geschrieben hat. Dennoch gibt es auch immer wieder Schwächen in den Plänen und kleinere Logikfehler. Am meisten haben mich die allerletzten Sätze des Buches gestört, die nochmal eine Wendung enthalten, die schockieren soll, aber für mich nicht richtig glaubwürdig war. Ich kann hier natürlich nichts dazu verraten, aber ich finde, dass die Person, um die es geht, für ihr Handeln über die ganze Geschichte hinweg etwas gegensätzliche Motive hatte und nachdem man das Gefühl hatte, dass es das eine war, das sie angetrieben hat, wird dann doch wieder das andere ins Spiel gebracht, was meiner Meinung nach nicht nötig gewesen wäre. Außerdem hat man einige große Offenbarungen lange vorausgeahnt. Sprachlich haben immer wieder kleinere Übersetzungsfehler gestört, z.B. auf S. 410f.: "Ich sehe mir die Bilder an, die ich vom Haus gemacht habe." Im Original muss "that I have taken" gestanden haben, was ambig ist; hier ist aber eindeutig gemeint, dass die Bilder aus dem Haus mitgenommen wurden.

Dennoch empfehle ich das Buch gerne weiter und freue mich schon auf den nächsten Thriller der Autorin, den ich aber vielleicht lieber im Original lesen werde.

Bewertung vom 16.10.2019
Ein anderer Takt
Kelley, William Melvin

Ein anderer Takt


sehr gut

Im Westen nichts Neues...

Was mich am meisten an dem Buch überrascht hat: Es ist 1962 erschienen. Die Wiederentdeckung des Werks hat sich aber gelohnt, denn man nimmt nur bedingt wahr, dass es in einer anderen Zeit spielt als heute. Zu ähnlich sind die Probleme, wenn sie auch an der Oberfläche anders scheinen als damals. Tatsächlich gewinnt man fast den Eindruck, dass durch die Bemühungen der letzten Jahre, eine möglichst inklusive Gesellschaft mit respektvollem Umgang miteinander zu erschaffen, nur wieder Öl ins Feuer des alten Konfliktes gegossen wurde: des Konfliktes zwischen "Weißen" und "Farbigen" - Kategorien, die eigentlich völlig sinnlos sind, da sie eine Homogenität suggerieren, die nicht existiert. Die Ähnlichkeiten sind auch darum so frappierend, weil der Autor als Setting nicht die Zeit gewählt hat, in der es noch Sklaverei in den USA gab, sondern eine Zeit, in der diese eigentlich schon abgeschafft war, in der sich aber viele Dinge kaum bis gar nicht geändert hatten. Gleichberechtigung musste noch erkämpft werden und wo sie auf dem Papier besteht, ist sie teilweise auch heute noch nicht in Köpfen und Herzen der Menschen angekommen.

Die Geschichte wird ausschließlich aus der Sicht der weißen Bewohner von Sutton erzählt, wobei diejenigen ausgewählt wurden, die der farbigen Bevölkerung gegenüber positiv eingestellt sind. Es kommen auch Tagebucheinträge und Briefe vor. Die Erzählweise ist so intim, so authentisch, dass man sich in jede Figur gut hineinversetzen kann und sich über jedes Puzzlestück ihres Lebens und diverse auftauchende Querverbindungen freut. Das Buch ist spannend zu lesen, obwohl gar nicht so viel passiert. Auch die Figur des Tucker Caliban ist gekonnt geschrieben, er bleibt unnahbar und kaum verständlich, irgendwie vage. Das passt dazu, dass Tucker selbst nicht versteht, was ihn antreibt. Vielleicht ist es ihm auch einfach egal und er tut einfach das, was sich richtig anfühlt.

Ich finde, dass das Buch eine wertvolle Aussage enthält, nicht einmal primär zu dem Verhältnis von "Weißen" und "Farbigen", im Großen und Ganzen geht es für mich auch um das Verhältnis von privilegierter Schicht und Unterschicht. Die gesamte farbige Bevölkerung des fiktiven Staates macht es Tucker gleich und wandert aus - und die Weißen bleiben zurück mit viel mehr Land als sie bebauen können und wirtschaftlichen Konsequenzen, die kaum absehbar sind. Einigen besserverdienenden Mitgliedern der Gesellschaft würde es durchaus nicht schaden, einmal darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn sie auf z.B. Reinigungskräfte, die gesamte Dienstleistungsbranche verzichten und entsprechende Arbeiten selbst verrichten müssten.

Eines hat mich aber leider gestört: Das Buch hat ein Nachwort, in dem die Lebensgeschichte des Autors von dessen Tochter kurz umrissen wird. Dieses hat mir gut gefallen. Das Vorwort hingegen war nur bedingt nützlich. Zum einen finde ich es nicht zweckdienlich, einen Text mit Spoilern an den Anfang eines Buches zu setzen, obwohl das meistens so gemacht wird. Solche Texte gehören ans Ende. Zum anderen haben mich die ganzen persönlichen Erfahrungen der Autorin des Vorworts mit Kelleys Büchern nicht interessiert. Stattdessen wäre es für deutsche Leser weitaus nützlicher, ein wenig historischen Kontext vermittelt zu bekommen, und zwar systematischer, als es im Buch der Fall war, und nicht so sehr auf den Autor fokussiert, da die entsprechende Zeit je nach Schule kaum behandelt wird. Dafür hätte man auf die biografischen Informationen, die sich mit dem Nachwort der Tochter decken, besser verzichtet. Es ist schlichtweg schade, dass dieses Buch lange in Vergessenheit geraten war. Ohne eine sinnvolle Aufbereitung, die einem möglichst breiten Publikum einen Zugang zum Buch ermöglichen, wird dies allerdings vermutlich nach der Publikation erneut passieren.

Bewertung vom 16.10.2019
Opfer / Carl Edberg Bd.1
Svernström, Bo

Opfer / Carl Edberg Bd.1


ausgezeichnet

Gekonnt konstruiert und einfühlsam beschrieben

Bei diesem Buch war ich zunächst ganz sicher einen normalen Thriller vor mir zu haben, auch wenn mit dem ersten Opfer, das sich plötzlich als doch nicht tot herausstellte, ein interessanter und düsterer Twist drin war. Im Verlauf des Buches habe ich aber den Autor wirklich zu schätzen gelernt, mein Respekt für ihn ist gewachsen. Das Buch ist alles andere als Durchschnitt, es enthält einige hochspannende und gekonnt in Szene gesetzte Charaktere.

Da das Opfer eigentlich selbst ein Täter ist und alles in allem wenig Mitleid verdient hat, ist von Anfang an klar, dass es im Buch auch um Gerechtigkeit und Selbstjustiz gehen muss. Das ist tatsächlich auch der Fall, geschieht aber nicht auf plumpe Weise, sondern ganz subtil. Man kann kaum anders als mit dem Täter mitzufühlen und lernt ihn auch auf eine ganz besondere Art kennen. Die privaten Probleme der Ermittler sind mir dagegen überhaupt nicht nahegegangen und haben eher ein wenig von der Handlung abgelenkt.

Ein Hinweis noch (und eine Warnung): Dieses Buch enthält explizite und widerliche Beschreibungen von Gewalt, ohne allerdings den Eindruck zu erwecken, dass der Autor einfach nur schockieren wollte. Der überhaupt nicht plumpe, sondern durchdachte Einsatz von Gewalt bringt den Thriller an einer Stelle schon fast dem Horror-Genre nahe. Ich stehe im Allgemeinen Vergewaltigung als Stilmittel oder Werkzeug zur Charakterentwicklung in den Medien sehr kritisch gegenüber, weil sie inflationär und unreflektiert benutzt wird, muss aber zugeben, dass "Opfer" hier eine Ausnahme darstellt und der Autor sich auch diesen Punkt sehr genau überlegt hat.

Der letzte große "Schock" und viele kleinere Wendungen waren für mich zwar vorhersehbar, der Autor hat aber auch einen Red Herring sehr gekonnt gelegt und das Ende hat mir so gut gefallen, dass ich insgesamt doch fünf Sterne geben möchte.

Bewertung vom 16.10.2019
Klartext: Impfen!
Schmitz, Thomas; Siebert, Sven

Klartext: Impfen!


sehr gut

Wichtiges Thema unterhaltsam aufbereitet

Die beiden Autoren stellen das Problem im Vorwort treffend dar: Das Thema „Impfen“ sorgt seit einiger Zeit für emotionale, hitzige Diskussionen, wo verschiedene Meinungen aufeinandertreffen. Der Grund dafür ist, dass es dabei um Kinder geht und man als Eltern natürlich das Beste für sie will, andererseits auch nicht dem Arzt blind vertrauen möchte. Die kritische Haltung ist eine gesunde Lebenseinstellung, aber: Ein paar Stunden im Internet können nicht ein Medizinstudium ersetzen. Es ist nicht möglich, den Nutzen einer Impfung durch eigene Erkenntnisse abzuschätzen. Die Autoren dieses Buches aber zeigen, wie man transparente, verlässliche, fundierte Informationen von der neumodischen Panikmacherei im Internet trennen kann. Jedes Kapitel wird mit einer kurzen Beschreibung eingeleitet, was man daraus mitnehmen soll. Es wird z.B. auf einzelne Impfungen eingegangen, in einem Kapitel wird aber auch die Geschichte des Impfens erzählt. Dieses Kapitel war für mich vielleicht das interessanteste und enthielt viele überraschende Fakten.

Die Autoren sprechen systematisch Impfmythen und Argumente der Impfgegner an und entkräften diese auf verständliche, aber nicht belehrende, sondern sehr sympathische Weise und stellenweise sogar mit Humor, überwiegend mit Gegenargumenten oder Fakten. Man erfährt z.B., dass Impfungen das Immunsystem genauso trainieren wie Impfskeptiker behaupten, dass eine Krankheit es tut, allerdings mit weniger Risiken. Tatsächlich schwächt eine Masernerkrankung sogar nachweislich auf längere Zeit das Immunsystem. Ganz hinten gibt es sogar jeweils für Deutschland, Österreich und die Schweiz Übersichten, wann welche Impfung gemacht werden sollte usw. Insgesamt ist das Buch einfach voll mit hilfreichen Informationen rund ums Impfen.

Hier meine einzige Kritik und das, obwohl mir persönlich das Buch wirklich gefallen hat: Hin und wieder liest man auch einen Satz wie „Das ist einfach kompletter Unsinn“ (S. 48). In solchen Fällen befürchte ich, dass eine weniger emotionale Einschätzung seriöser gewirkt hätte. Allgemein wäre es überzeugender gewesen, wenn die Autoren jeden ihrer Fakten in einer Fußnote mit einer konkrete Quelle belegt und nicht nur eine Auswahlbibliographie am Ende des Buches zur Verfügung gestellt hätten, aber die Frage ist, ob Leser das Buch dann nicht als zu wissenschaftlich empfinden würden. Ein wenig problematisch finde ich jedenfalls, dass sie oft erwähnen, dass etwas durch Studien widerlegt worden ist, dann aber meist nicht die konkrete Studie nennen und auch nicht im Einzelnen die kausalen Zusammenhänge erklären. Besser wäre es gewesen, das verfügbare medizinische Wissen auf laiengerechte Weise aufzubereiten, damit man als Leser selbst zu der Erkenntnis kommen kann: „Ah, okay, das kann ja dann nur so sein.“

Man sieht in diesem Buch sehr deutlich, dass die Impfskepsis, die 2019 von der WHO zu einer der zehn großen Bedrohungen der globalen Gesundheit erklärt wurde, nur Teil eines größeren Problems ist, nämlich eines generellen Anstiegs von „Anti-Wissenschaft“, zu der z.B. auch die Leugnung von Klimawandel gehört. Ich bin ein bisschen skeptisch, ob dieses Buch diejenigen erreicht, die es am nötigsten haben, weil sie vielleicht gar nicht auf die Idee kommen das Buch in die Hand zu nehmen oder es bewusst meiden werden. Ich kann es aber nur empfehlen, weil es sich nicht nur angenehm liest, sondern auch ein sehr wichtiges und aktuelles Problem auf eine Weise aufschlüsselt, die am Ende keine andere Schlussfolgerung zulässt als: Wer sein Kind liebt, der lässt es impfen. Danke an meine Eltern, dass sie das getan haben.

Bewertung vom 26.09.2019
Die Welt in allen Farben
Heap, Joe

Die Welt in allen Farben


gut

Dieses Buch hat mich sehr enttäuscht. Ich war aus zwei Gründen so gespannt auf die Geschichte: 1. es geht um eine Beziehung zwischen zwei Frauen, 2. (wichtiger) eine der Protagonistinnen ist blind und die Leseprobe hat auf wirklich tolle Weise gezeigt, wie sie ihren Alltag bewältigt, dass sie die Blindheit nicht als große Einschränkung empfindet, da sie es nicht anders kennt, dass es verschiedene Arten und Grade von Blindheit gibt, und welche unsinnigen Vorurteile Menschen, die sich mit dem Thema nicht auskennen, haben. Nachdem sie sich operieren lässt, fiebert man mit und verfolgt ihre Entwicklung, denn - und darüber denken vermutlich viele nicht nach - nur, weil man körperlich plötzlich sehen kann, heißt das noch nicht, dass man auch sofort versteht, was man da wahrnimmt. Diese Seite der Geschichte war jedenfalls wirklich fantastisch und spannend geschrieben, voll mit innovativen Metaphern und Bildern, kurz - ich war begeistert und habe wahnsinnig viel gelernt.
Hier aber das Problem: die Beziehung zwischen Nova und Kate ist so durch und durch gewöhnlich, dass ich mich wirklich fragen muss, ob es sich da noch um denselben Autor handelte. Generell finde ich auch Kate als Figur nicht wirklich gelungen. Alles, was ihr widerfährt, besonders zum Ende der Geschichte hin, bleibt leicht unglaubwürdig, weil es nicht detailliert genug ausgearbeitet wird. Kates Ehemann mutiert vom unaufmerksamen Adrenalinjunkie schnell unmotiviert zum Psycho, was sich in wirklich unrealistische Höhen steigert. Ungefähr um die Mitte des Buches herum verschiebt sich der Fokus stark von Novas Sehfähigkeiten hin zu ihrer Beziehung zu Kate und deren Problemen, sodass ab da das Buch für mich seinen besonderen Reiz verlor.
Mit einem grandiosen Start, aber einem unterdurchschnittlichen Ende ergibt sich dann leider doch nicht mehr als eine durchschnittliche Lektüre.