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Amke
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Erfurt

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Insgesamt 34 Bewertungen
Bewertung vom 09.01.2026
Schröder, Alena

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel


ausgezeichnet

Leise zwischenmenschliche Töne
Bereits die beiden Vorgängerbücher von Alena Schröder und um Hannah, ihre Mutter Silvia und deren pflichtbewusste Mutter Evelyn haben mich in ihren Bann gezogen. Immer habe ich ich mich gefragt, was aus dem Gemälde geworden ist, das in einer alten Schublade eines Forsthauses in der Nähe von Güstrow versteckt war und schließlich verloren gegangen ist. Alena Schröder schreibt die Geschichte um die Suche nach dem Bild „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“, das auch Titel ihres zweiten Romans ist, in „Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel“ fort. Ein Bild, das auch im 3. Teil eng mit den Protagonisten verbunden ist. In zwei Zeitebenen baut Alena Schröder den Roman auf. Sie begleitet Hannah in ihren Dreißigern in den Zwanziger-Jahren des 21. Jahrhunderts, die sich in einer Lebenskrise wiederfindet und plötzlich mit ihrem Zeit ihres Lebens abwesenden Vater konfrontiert wird, und entwirft gleichzeitig ein Bild von Marlen und Wilma in Güstrow nach dem 2. Weltkrieg und den darauffolgenden Jahren. Wilma ist eine Malerin, die sich dem Sozialistischen Realismus verpflichtet fühlt und lange brauchte, um der Gewalt ihres despotischen Mannes zu entkommen, der selbst ein bekannter Maler war, nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft aber in Bedeutungslosigkeit versank. Sie übermalt seine Leinwände und erfindet sich neu. Aber auch Wilma ist nicht frei von Gewalt. Sie bindet das Flüchtlingsmädchen Marlen an sich, erschüttert das Selbstbewusstsein der künstlerisch begabten jungen Frau bis in die Grundfesten und degradiert sie zu ihrer Assistentin, die irgendwann die einzige ist, die Wilmas Bildversionen noch umsetzen kann, denn Wilma ist dabei, zu erblinden. Ein Geheimnis, das Wilma vor der Welt verbergen will.
Wieder sind es die leisen Töne, die Alena Schröder anschlägt, sie beleuchtet die Perspektiven der verschiedenen Figuren, schafft Verständnis, gibt Einblicke in das Innere der handelnden Personen, die alle auf ihre ganz eigene Art allein und zerrissen sind. Schnörkellos baut Alena Schröder die Handlung auf, in einfachen Worten und schafft es, eine persönliche Betroffenheit aufzubauen, animiert den Leser indirekt dazu, über den eigenen Horizont zu schauen und Verständnis für das Gegenüber zu entwickeln, egal, wie schroff oder verhärtet der andere wirken mag.

Bewertung vom 04.01.2026
Lalami, Laila

Das Dream Hotel


ausgezeichnet

Düstere Ästhetik der Moderne
„Dream Hotel“ entfaltet sich wie ein schillerndes, beunruhigendes Spiegelbild unserer Zeit: Ein Cover, das einen verschwommen wirkenden Raum zeigt, der sich aufzulösen droht, führt den Leser direkt in eine Welt, in der Realität und Traum zu einer verstörenden Dämmerung verschmelzen.
Hauptfigur Sarah führt ein scheinbar gewöhnliches Leben, das im Lauf der Handlung in eine gefährliche Abwärtsspirale gerät. Es beginnt mit einer abrupten Zäsur an einer Flughafenkontrolle: Risikowerte zu hoch, eine neue, durchdringende Definition dessen, was „gefährlich“ bedeutet. Was folgt, ist kein klassischer Spannungsbogen, sondern ein langsamer, klimatisierter Verlust der Selbstverständlichkeit. Im „Dreamhotel“ wird sie interniert, ohne zu wissen, was sie verbrochen hat.
Das „Dream Hotel“ selbst präsentiert sich zunehmend im Stil eines absurden Alptraumhotels, in dem sie aufgrund ihrer „gefährlichen Träume“ isoliert wird, ohne klare Begründung, gefangen in einer Routine, die ihr Sinngefühl aushebelt und sich zunehmend bizarrer anfühlt. Die Story entwickelt sich weniger durch spektakuläre Enthüllungen als durch das stille, verstörende Verlangen, zu verstehen, was mit ihr geschieht und vor allem warum.
Bezüge zu Kafka sind unausweichlich. „Das Schloss“ und „Der Prozess“ hängen wie drohende Schemen über der Handlung, die Laila Lalami konzentriert entwickelt: unerreichbare Autoritäten, unausgesprochene Regeln, ein System, das jede Bewegung überwacht und jedes Motiv interpretiert. Die kafkaeske Stimmung verstärkt das Gefühl, in einer Struktur gefangen zu sein, die größer ist als das Individuum.
Aktuelle Bezüge zu KI und zunehmender Überwachung drängen sich auf. Zwischen den Zeilen fragt die Autorin: Wer kontrolliert die, die kontrollieren?
Algorithmen, die Risikoprofile erstellen, zunehmender Kontrollverlust – all das wird zu einem leisen, unaufhaltsamen Druck, der Sarahs Welt in sich zusammenbrechen lässt, die Würde des Einzelnen immer mehr fragmentieren.
„Dream Hotel“ reiht sich ein in Dystopien wie Samjatins „Wir“ und Huxleys „Schöne neue Welt“. Laila Lalamis Roman präsentiert sich als moderner Nachfahre düsterer Zukunftsvisionen des 20. Jahrhunderts. Es ergänzt die Fragen, die bei „Wir“ gestellt werden: Was ist Menschlichkeit in einer von Maschinen, Überwachung und algorithmischer Vorbestimmung dominierten Gesellschaft? Und wie viel Freiheit bleibt, wenn jeder Gedanke, jede Sehnsucht und jeder Traum sich in Datenpunkte verwandeln lässt? Lalami antwortet darauf mit einer sensibel gezeichneten Protagonistin, deren innerer Widerstand gegen die unsichtbare, aber allgegenwärtige Kontrolle poetisch, nervös und ehrfürchtig zugleich bleibt.
Insgesamt ist Dream Hotel eine beeindruckende Mischung aus düsterer Ästhetik, psychologischer Tiefe und zeitgenössischer Relevanz. Es ist mehr als eine dystopische Geschichte über Überwachung; es ist ein Stillleben der Träume, ein Kommentar zur Macht der Systeme rund um die Einschränkung individueller Freiheiten durch moderne Technologien und Überwachungsstrukturen.

Bewertung vom 04.01.2026
Meyer, Kai

Das Antiquariat am alten Friedhof


ausgezeichnet

Poetischer Blick in die Welt dunkler Mächte und Bücher
Eher zufällig bin ich über Kai Meyer und den Roma den Roman „Das Antiquariat am alten Friedhof“ gestolpert. Kai Meyer sagte mir bis dahin gar nichts und hatte doch schon über 70 Romane geschrieben, bevor ich das erste Mal von ihm las.
Was mich sofort fesselte, war das Cover. Noch verblüffter war ich, als ich vom Graphischen Viertel in Leipzig, der Stadt der Bücher, las, in der ich in meiner Jugend fünf Jahre meines Lebens verbrachte. Regelmäßig saß ich dort nicht nur in den Lesesälen der Uni Leipzig, sondern auch der Deutschen Bücherei, die heute den stolzen Namen „Deutsche Nationalbibliothek“ trägt, später beantragte ich dort ISBN-Nummern für archäologische Neuerscheinungen und blieb der Welt der Bücher über Jahrzehnte verbunden. Vom Graphischen Viertel aber hatte ich bis dato zu meiner Schande noch nie gehört. Sofort war ich elektrisiert und wollte mehr über das Viertel wissen, das einst über 2.000 Buchhandlungen, Druckereien und Verlage beherbergte und sich im grauen Nebel der Fabriken versteckte. In den 1940er-Jahren wurde es durch zwei Bombenangriffe fast vollständig zerstört. Kai Meyer schließlich hat es aus dem Nebel des Vergessens gerissen – auf eine großartige, sehr poetische Weise.
Der Roman hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen, trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Zeitebenen, die erst unvermittelt wirken, sich am Ende aber doch zu einem sehr stimmigen großen Ganzen zusammenfügen. Kai Meyer versteht es, den Finger mit einer satirischen Leichtigkeit in die Wunde der Gesellschaft zu legen.
Ein großartiges Buch: aufwendig recherchiert, in wunderbaren poetischen Bildern geschrieben, über die ich noch immer staune. Ein Netz aus Lügen, Verrat und gefährlichen Büchern – die Geheimnisse des Graphischen Viertels

Bewertung vom 04.01.2026
Ware, Ruth

The Woman in Suite 11


weniger gut

Schwach
Da ich ein Fan von Ruth Ware bin und natürlich auch „Woman in Cabin 10“ gelesen habe, war für mich klar, dass ich „Woman in Suite 11“ unbedingt auch lesen muss. Doch, was soll ich sagen: Der Roman um eine zehn Jahre ältere Lo Blacklock, die inzwischen zwei Kinder hat und versucht, wieder in ihrem alten Job Fuß zu fassen, ist nicht mehr als ein müder Abklatsch der unglaublich spannenden Story um das Verschwinden einer Frau auf einem Schiff in der norwegischen See. Zunächst beginnt auch das neue Buch vielversprechend, atmosphärisch baut Ruth Ware die Stimmung auf, es fällt leicht, Lo Blacklock auf dem Weg in die Schweiz zu begleiten - in ein neues Schweizer Luxushotel der obersten Klasse. Doch spätestens, als sie die Frau in Suite 11 trifft, die unbedingt mit ihr sprechen will, wird es seltsam, wenig authentisch, unglaubwürdig. Die einst taffe Journalistin lässt sich einwickeln und hilft der Frau, die sie von früher kennt, das Land zu verlassen (sorry, will nicht spoilern). Und ab da wird es immer merkwürdiger, geradezu enttäuschend setzt sich die Story fort. Ich nehme Ruth Ware den folgenden Handlungsverlauf nicht ab, die Figuren handeln unglaubwürdig. Wer am Ende der Mörder ist, steht für mich schon sehr zeitig fest - und die letzten 20 Prozent des Buches wirken am Ende zusammengeschustert, als wäre die Deadline schon überschritten worden. Ich liebe die Bücher von Ruth Ware und habe wirklich alles von ihr gelesen, was es aktuell auf dem Markt gibt. Aber mit dieser Fortsetzung um Lo Blacklock hat sich die Autorin keinen Gefallen getan. Ähnlich wie bei „Zero Days“, auch das war mir zu konstruiert und gefiel mir nicht wirklich. „Woman in Suite 11“ ist für mich ein Tiefpunkt im schriftstellerischen Wirken der Autorin. Ja, mit Sicherheit ist es riskant, der Figur eine Folgegeschichte zu geben, aber schon der Titel weist mehr oder weniger darauf hin, dass es nur ein müder Abklatsch sein kann. Schade.

Bewertung vom 10.12.2025
Marshall, Kate Alice

Eisnebel


sehr gut

Gänsehautfeeling
Ein Buch, das für Albträume sorgt. Es hat mich bis in die Nacht verfolgt. Spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Und erschreckend, wie weit Menschen mit Macht und Geld gehen, wenn sich ihnen jemand in den Weg stellt. Das erlebt auch Theodora, als sie die Familie ihres Verlobten in Idlewood besucht. Auf einem einsamen Anwesen mitten in den Bergen verbringt die Familie die Weihnachtsfeiertage, die sich für Theodora, nicht nur, weil sie nicht standesgemäß ist, zum Albtraum entwickeln. Abgeschottet von der Außenwelt, ohne Handyempfang, hat sie zunehmend das Gefühl, in Gefahr zu sein. Ist sie schon einmal hier gewesen? Wer ist das Monster, das sie in ihren Träumen in Angst und Schrecken versetzt. Langsam lichtet sich der bleierne Vorhang über ihrer Vergangenheit. Kann sie ihrem Verlobten Connor vertrauen oder spielt er ein perfides Spiel? Warum hat er sie nach Idlewood gebracht und warum hasst die Familie sie so sehr? Fragen über Fragen, die die Autorin immer wieder aufgreift und die Spannung bis zur letzten Seite aufrecht erhält. Spannend für alle Liebhaber von Thrillern, die sich von Seite zu Seite steigern und ein extremes Handlungsszenario entwickeln.

Bewertung vom 27.10.2025
Garcia, Jessie

The Business Trip


weniger gut

Interessante Story, holprig umgesetzt
Die Story von „Der Business-Trip“ von Jessie Garcia ist durchaus interessant: ein Spannungsbogen und Motive, die neugierig machen, wie sich alles entwickelt. Leider bleibt die Umsetzung hinter dem Potenzial zurück. Der Schreibstil wirkt plump, was den Lesefluss hemmt und eher distanziert, statt zu fesseln. Drei Viertel des Romans dümpelt die Handlung vor sich hin, wodurch man sich fragt, wohin das alles führen soll. Erst im letzten Teil nimmt die Geschichte Fahrt auf und versucht, die offenen Fäden zu einem Abschluss zu bringen.
Der Versuch, die Handlung aus mehreren Perspektiven zu erzählen, empfinde ich persönlich als wenig hilfreich. Statt Mehrwert zu liefern, wirkt es eher wie ein Stilmittel, das darauf abzielt, Seiten zu füllen. Dadurch entstehen Wiederholungen und eine gewisse Ermüdung beim Lesen. Die Figuren bleiben dadurch oft oberflächlich und bleiben an den Rand der eigentlichen Handlung gebunden, statt tiefer zu überzeugen.
Die Grundidee und der Spannungsaufbau haben durchaus Potenzial, doch die Umsetzung lässt aus meiner Sicht zu wünschen übrig. Wer eine kompakte, tight erzählte Geschichte bevorzugt, könnte hier enttäuscht werden. Wer sich jedoch auf eine geduldige Lektüre einlässt und dem letzten Kapitel eine Chance gibt, könnte eine gewisse Befriedigung finden, auch wenn der Weg dorthin holprig bleibt.

Bewertung vom 03.09.2024
Thorogood, Robert

Mrs Potts' Mordclub und der tote Bürgermeister / Mord ist Potts' Hobby Bd.3


ausgezeichnet

Typisch britischer Humor
Mrs. Potts Mordclub zeichnet sich auch im dritten Mordfall durch trockenen Humor, kleine Seitenhiebe auf die britische Gesellschaft und spannende Ermittlungen aus. Was wäre die Kommissarin ohne die Endsiebzigerin Judith Potts und ihre beiden Freundinnen Suzie und Becks? Hoffnungslos verloren! Denn das ungewöhnliche Ermittlertrio, bestehend aus einer Rätselautorin mit messerscharfem Verstand, Hundeausführerin Suzie und Pfarrersfrau Becks, und hält sich einfach an keine Konventionen. Wie immer bringen die drei die Ermittlungen nicht nur ordentlich auf Trab, sondern am Ende sorgen sie – wie jedes Mal – auch im Alleingang für die Lösung des Mordfalls. Das ist auch im Teil „Mrs. Potts Mordclub und der tote Bürgermeister“ nicht anders. Falsche Fährten, kurze knackige Kapitel, alte Geheimnisse, die ans Licht kommen. All das hat auch der dritte Mordfall von Robert Thorogood zu bieten. Schnell ist er durchgelesen, gut formuliert, flüssig geschrieben. Das Städtchen Marlow ist interessant dargestellt, Parallelen zu Mrs. Marple drängen sich auf, was das Lesevergnügen jedoch nicht schmälert. Allerdings hat mich die Auflösung am Ende doch sehr enttäuscht. Die Motive des Mordenden – ob männlich oder weiblich will ich hier nicht im Vorfeld verraten – sind doch sehr an den Haaren herbeigezogen.

Bewertung vom 26.08.2024
Raabe, Melanie

Der längste Schlaf


ausgezeichnet

Schlaflose Schlafforscherin stolpert in ungeahntes Drama
Auf den ersten Blick hat mich das eher schwülstig erscheinende Cover abgeschreckt. Da ich Melanie Raabe und ihre Art zu schreiben aber sehr schätze, habe ich mich dazu durchgerungen, dem nicht zu viel Bedeutung zuzumessen. Und was soll ich sagen: Am Ende fügt es sich. Nicht nur die Handlung, auch das farbenfrohe Cover macht durchaus Sinn und bringt die Essenz der Geschichte um die Schlafforscherin Mara Lux, die ihre Heimat Deutschland schon vor langer Zeit gegen London eingetauscht hat, selbst unter schwerer Schlaflosigkeit leidet und erschöpft, aber dennoch fokussiert, durch ihre Tage taumelt, auf den Punkt.
Schnell wird klar, mit ihrer Insomnie hat es eine besondere Bewandtnis, denn was sie träumt – wird wahr, zumindest manchmal. Auf eine so erschreckende Weise, dass sie – von Kindheit an – versucht, Schlaf weitestgehend zu vermeiden.
Melanie Raabe hat wieder einmal einen raffiniert konstruierten Roman geschrieben, der den Leser von der ersten Seite an in Atem hält. Nur zu gern habe ich Mara in meinen Gedanken nach Deutschland begleitet, wo sie in einer klitzekleinen Fachwerkstatt ein altes Herrenhaus erbt, ohne den Besitzer zu kennen, ohne zu wissen, warum der alte Sonderling es ihr und nicht seiner hochnäsigen Familie vermacht hat. Gut gefallen hat mir die Idee, dass bestimmte Orte Emotionen speichern und dadurch eine ganz besondere Ausstrahlung gewinnen, als Ort der Freude oder des Unbehagens, als Ort des Grauens, an dem einem die Haare zu Berge stehen. Ein interessanter Ansatz, der eine nicht ganz ernst gemeinte mögliche Erklärung für all jene liefert, die solches selbst schon erlebt haben.
„Der längste Schlaf“ ist gleichzeitig aber auch ein Buch für all die Menschen, die anders als andere sind und sich damit oft allein fühlen. Indirekt macht das Drama, auf dessen Spuren die Schlafexpertin wandelt, Mut, den eigenen Weg zu gehen und daran zu wachsen.

Bewertung vom 31.07.2024
Towles, Amor

Eve


ausgezeichnet

Reizvoller Einblick in die Welt Hollywoods
Amor Towles hat mit „Eve“ ein kleines ironisches Meisterwerk verfasst, das einen amüsanten Einblick in die Welt Hollywoods am Ende der 1930er-Jahre gibt. Hier begegnen uns nicht nur wahre Filmlegenden wie Olivia de Havilland, sondern auch korrupte Expolizisten, die als Sicherheitschefs darauf warten, dass ihr finanzielles Stündlein schlägt, Journalisten auf der Jagd nach der skandalösen Story, die so unerhört ist, dass alle Chefredakteure sie ihnen aus der Hand reißen möchten, um ihre Auflage in sensationelle Höhen zu treiben. Nicht zu vergessen die Studiobusse, die ein ähnliches Interesse an den Skandalen haben, allerdings nicht, um sie zu veröffentlichen, sondern, um sie auf immer in geheimen Schubladen verschwinden zu lassen. Amor Towles zeichnet ein interessantes Bild hinter den Kulissen des schönen Scheins, zeigt, wie tief der Einzelne fallen kann, wie schnell der nächste sein Glück macht oder dem Lauf einer Pistole ins Auge schaut. Und inmitten dieser Welt steht Eve, eine geheimnisvolle Blondine, die es mit dem Zug aus New York in die Filmwelt verschlägt. Eine geheimnisvolle, elegante Blondine, deren Vergangenheit und Beweggründe immer im Hintergrund bleiben. Sie hätte das Zeug zum Star, wäre da nicht die lange Narbe, die ihr Gesicht verunziert, ebenso wie das Bein, das sie beim Gehen nachzieht. Eine unnahbare Schöne, deren Geheimnis sich auch im elegant gestalteten Cover des Buchs widerspiegelt. Was will sie hier? Das ist eine Frage, die mehrere der Protagonisten des Romans umtreibt - nur keiner hat darauf wirklich eine Antwort. Warum freundet sich sich ausgerechnet mit Olivia de Havilland an, einem braven Mädchen, das einen Film nach dem anderen dreht und abends mit einem Glas Milch ins Bett geht. Eve ist die Jeanne D‘Arc des Romans, scheinbar weiß sie immer, was zu tun ist, ohne dabei die Contenance zu verlieren. Sie ist unnahbar und herzlich, berechnend und dennoch immer da, wenn ihre Freunde Unterstützung brauchen. Und von denen sammelt sie trotz der Kürze ihres Aufenthaltes eine stattliche Zahl. Amor Towles nimmt uns mit auf eine Reise durch Hollywood, erzählt von Glücksrittern und alternden Schauspielern, hoffnungsvollen Sternchen und ambitionierten Möchtegern-Standmen. Mit einem ironischen Unterton erzählt der Autor seine Geschichten und lässt uns jedes Mal wieder einen Perspektivwechsel vornehmen, denn seine Figuren und ihre Beweggründe sind trotz aller Kürze der Storys gut beschrieben. Lässt man Eve und die in diesem Buch sehr naive Olivia außer Acht. Am Ende fügt sich alles zu einem großen Ganzen und lässt den Leser etwas verblüfft zurück. Amüsant, guter Stil, interessante Storys - das nächste Buch von Amor Towles wartet schon auf mich.

Bewertung vom 26.06.2024
Green, Amy Lynn

Der Club der Bücherfreundinnen


ausgezeichnet

Ein Buchclub wie in meinen Träumen
Gleich vorweg: Der Klappentext trifft es nicht. Das Buch ist so viel mehr, als darin angerissen. Es gibt einen Einblick ins Amerika von 1942, das nur scheinbar weit vom Kriegsgeschehen entfernt ist, denn auch hier an der Küste von Maine – in der fiktiven Kleinstadt Derby – hat es Auswirkungen auf viele Lebensbereiche. Da ist Ginny, Tochter eines Hummerfischers, die mit ihrer Familie aus Long Island vertrieben wurde, da die Marine die Insel für sich beansprucht. Avis, die eine gute Ehe- und Hausfrau sein möchte und deshalb alle Ratgeber für Frauen verschlingt, die es gibt, mit Büchern aber nichts am Hut hat. Ergänzt wird das sehr unterschiedliche Quartett durch die verschreckte Martina, die ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt und Louise eine geradlinige, disziplinierte, etwas schrullige Frau in den Fünfzigern, die nicht nur ihr Scheckbuch immer dabei hat, wenn es gilt, Wohltätigkeit zu zeigen, sondern auch tatkräftig anpackt, wenn es um Hilfs- und Arbeitskreise geht, egal, ob Kinder, Soldaten oder Kranke ihre Unterstützung brauchen. Ihr Bedürfnis, anderen zu helfen, wirkt schon wie eine Manie. Hat sie einmal ein Ziel, verfolgt sie es unerbittlich. Beispielsweise einen Kindergarten für die Frauen in der Rüstungsproduktion. Dafür soll die private Bücherei, die ihr Vater einst ins Leben gerufen hat, weichen. Avis, die von ihrem Bruder, der in den Krieg zog, den Job als Bibliothekarin übernommen hat, weiß sich nicht anders zu helfen: Sie gründet spontan einen Buchclub, um die Bücherei zu retten, der anfangs mehr schlecht als recht läuft, sodass sie zu einigen Tricks greift, um die Menschen in die Bibliothek zu bringen – denn Louise, für die Bücher immer eine Konkurrenz in der Liebe ihres Vaters darstellten – ist immer dabei und beobachtet all das mit Argusaugen.

Amy Lynn Green hat ein sehr warmherziges Buch geschrieben, das nicht nur Bücherfreunde begeistern dürfte. Sehr genau schildert sie die Atmosphäre der 1940er-Jahre in Amerika, weit weg vom Krieg, aber immer in der Angst, dass deutsche U-Boote vor den Küsten auftauchen. Der Stil ist flüssig, die Figuren sind gut gezeichnet, die Gruppe, die sich schließlich immer öfter in der Bücherei trifft, geradezu köstlich, vor allem die Kommentare während der Sitzungen. Hier versammelt sich ein Sammelsurium an Menschen, das unterschiedlicher nicht sein könnte. Besonders faszinierend: Die Kinder sind nicht nur im Club dabei, sondern dürfen auch selbst mitbestimmen, welches Buch als nächstes gelesen wird. Es ist schön zu sehen, wie ernsthaft die Gruppe sich den verschiedenen Lektüren, angefangen vom Kinderbuch „Das Samtkaninchen“ über Shakespeares Hamlet bis hin zu „Pygmalion“ von George Bernard Shaw, widmet und dabei immer mehr zusammenwächst.